Der deutsche Terrorismus in den 1980er Jahren


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
1. Vorbemerkung
2. Was ist Terrorismus?

II. Der Ursprung der RAF
1. Die Studentenbewegung der sechziger Jahre
2. Die Rote Arme Fraktion
3. Die erste Generation
4. Die zweite Generation

III. Der Terrorismus der RAF in den achtziger Jahren
1. Die dritte Generation
2. Die Anschläge der dritten Generation

IV. Das Ende der RAF
1. Die Entdeckung ehemaliger RAF Terroristen in der DDR
2. Der Polizeieinsatz von Bad Kleinen am 27. Juni 1993
3. Initiativen aus dem Volk und der Politik

V. Fazit

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

1. Vorbemerkung

Vor 25 Jahren, im Jahr 1977, wurde die Bundesrepublik Deutschland durch den Terror des „Deutschen Herbstes“ erschüttert. Die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und der Lufthansamaschine „Landshut“ wurden als Höhenpunkte des durch die RAF (Rote Armee Fraktion) in den siebziger Jahren begonnenen Terrors betrachtet. Viele sahen mit dem rettenden Einsatz der Spezialeinheit GSG 9 zur Befreiung der Flugzeugpassagiere in Mogadischu, dem darauf folgenden Selbstmord der inhaftierten Anführer der RAF und der Verhaftung der an der Schleyerentführung beteiligten Terroristen das Ende der RAF bevorstehen. Doch in den achtziger Jahren gelang der RAF ein Comeback. Zwar hatte sie Struktur, Anliegen und Arbeitsweisen verändert, doch die neu organisierte RAF hatte nicht an Schlagkraft ihrer Vorgänger verloren. In dieser Arbeit soll die dritte Generation der RAF betrachtet werden. Hilfreich waren hierzu vor allem die Bücher „RAF-Terrorismus in Deutschland“ von Butz Peters, „Die Binnenstruktur der RAF. Divergenz zwischen postulierter und tatsächlicher Gruppenrealität“ von Uta Demes und Hans J. Horchems Aufsatz „Der Verfall der Roten Armee Fraktion“. Aufgrund der zeitlichen Nähe der Ereignisse existieren jedoch nur wenige Publikationen, die sich explizit und eingehend mit der RAF der achtziger Jahre beschäftigen. Im Folgenden wird gezeigt, dass die RAF sich über die Generationen wandelte und durch eine verbesserte Organisation der Gruppe und raffiniertere Ausführungen ihrer Anschläge einen Höhepunkt in den achtziger Jahren erreichte, bis es schließlich 1993 zum Ende des Terrors im Namen der RAF kam.

2. Was ist Terrorismus?

Terroristische Bewegungen sind gut organisierte Gruppen, die gegen Missstände rebellieren und im geheimen planen um berechnend und systematisch zu handeln.[1] Sie lehnen die Identifikation mit Autoritäten bewusst ab und betonen ihr Anderssein, um nicht angepasst zu wirken.[2] Ihr Ziel ist es, durch selektive und überlegt eingesetzte Gewalttaten die öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen, um so politische Veränderungen zu bewirken.[3] Dies macht Terrorismus primär zu einer Kommunikationsstrategie. Das Opfer ist Träger einer Botschaft und hat keine persönliche Relevanz, sondern nur symbolischen Charakter.[4] Terrorismus kann in drei Phasen beschrieben werden. Eine Organisation macht sich zum bewaffneten Anwalt einer politischen Protestbewegung. Ihre Entwicklung ist bestimmt durch die permanente Konfrontation mit internen Problemen und äußeren Sicherheitskräften. Dies führt dazu, dass die Gruppe sich in ein primär selbstbezogenes Sozialgebilde verwandelt, dass auf das eigene Überleben hin orientiert ist.[5] Da jede neue Terroristengeneration von ihren Vorgängern lernt, wird sie dadurch schlauer, zäher und schwieriger gefangen zu nehmen oder auszuschalten.[6] Der Terrorismus der RAF war sozialrevolutionärer Terrorismus.[7] Er wurde in den siebziger und achtziger Jahren als größte „Kränkung der Freiheit“ empfunden.[8]

II. Der Ursprung der RAF

1. Die Studentenbewegung der sechziger Jahre

Was in den sechziger Jahren in der Bundesrepublik mit hochschulpolitischen Forderungen der Studenten begann, wurde zum Ruf nach radikaler Umgestaltung der bestehenden Verhältnisse.[9] Die Studentenbewegung war in ihren Hauptkennzeichen antiautoritär, antiimperialistisch, antifaschistisch und antikapitalistisch.[10] Der Kampf der Studenten sollte der Emanzipation des Proletariats dienen, doch bis es „zu diesem Punkt kommt, dass die Mehrheit bereit ist, selbsttätig die Kontrolle über gesellschaftliche Vorgänge zu übernehmen, lernen die Menschen, wie sie selbsttätig sein können, durch einen `langen Marsch durch die Institutionen`“, so Rudi Dutschke, einer der Hauptakteure der Bewegung.[11] Er sah die Verwirklichung der revolutionären Ziele darin, dass die Anhänger der Revolte als Inhaber offizieller Ämter versuchten, Veränderungen zu bewirken. Doch auch Theorien des Partisanenkampfes und der Stadtguerilla gehörten zu den Ideen der Studentenbewegung.[12] Neben Diskussionen und Demonstrationen kam es zu Anschlägen, die sich von Sachbeschädigung bis hin zu Gewalt gegen Menschen steigerten. Da Protestbewegungen meist nur eine kurze Lebensdauer haben, mussten sich die Aktivisten gegen Ende der sechziger Jahre entscheiden, ob sie resignieren oder versuchen, ihrem politischen Anliegen in irgend einer Form treu zu bleiben. Einige sahen die vermeintliche Lösung darin, in den Untergrund zu gehen und den Kampf mit dem scheinbar effizienteren Mittel von spektakulären Gewaltanschlägen weiter zu führen.[13] Im Herbst 1968 spaltete sich die Studentenbewegung in drei Gruppen auf: Reformorientierte, die oft der SPD beitraten, neue soziale Bewegungen zur Verwirklichung eigener Lebensformen und Terroristen.[14]

2. Die Rote Arme Fraktion

Das Verhältnis von Theorie und Praxis war Basis und Ausgangspunkt der Handlungen der sich aus der Studentenbewegung entwickelnden terroristischen Gruppierung RAF.[15] Sie war straff hierarchisch organisiert und schuf ihre eigene Sprache, Riten und Symbole. Die Abstraktion ihrer Aussagen war sehr hoch und nahm selten auf konkrete Begebenheiten Bezug.[16] Ihre programmatischen Selbstdarstellungen bestanden hauptsächlich aus Erklärungen nach ihren Attentaten.[17] Sie richteten sich primär an den engeren Kreis der Gesinnungsgenossen und Kampesgefährten, sekundär an die deutsche Öffentlichkeit zur Rückenstärkung.[18] Vor allem die Schriften der ehemaligen Journalistin Ulrike Meinhof legten den Weg fest, auf dem sich die RAF bewegte.[19] Im April 1971 erläuterte sie im „Konzept Stadt-Guerilla“ die Idee der Stadtguerilla nach südamerikanischem Vorbild, analysierte die BRD und bewertete die Studentenbewegung, zu der sich die RAF als ihr Ursprung bekannte. Die Zeitschrift „Der Spiegel“ veröffentlichte im November 1972 auszugsweise die Schrift „Stadt-Guerilla und Klassenkampf“, in der sich der inhaftierte Kader der RAF mit der Frage des Verrats beschäftigte.[20]

Die RAF Terroristen verstanden sich als „Leninisten mit Knarre“.[21] Sie lehnten die Bundesrepublik als ein angeblich faschistisches und imperialistisches Staatsgebilde strikt ab und wollten durch ihre Attentate sein wahres Gesicht enttarnen.[22] Es sollten Zeichen gesetzt werden, die auf das Elend weiter Teile der Weltbevölkerung hinwiesen und die Masse aufrüttelten.[23] Ihre Aktionen richteten sich gegen Institutionen und Personen der Regierung und der Wirtschaft, die diese angeblich kapitalistische Ausbeutung und Unterdrückung repräsentierten.[24] Um Publizität für ihre Forderung nach einer marxistisch-leninistischen Revolution zu erreichen, entführten und ermordeten sie selektiv Personen, denen sie ökonomische Ausbeutung oder politische Repression zum Vorwurf machten. Die RAF verkündete, ihre Attentate dienten den Interessen des Proletariats, das ausgebeutet werde und keine Perspektiven für seine Zukunft habe.[25] Durch die Erkenntnis ihrer Unterdrückung sollte die Bevölkerung zur Eigenhandlung motiviert werden.[26] Die Arbeiterschichten reagierten jedoch mit Ablehnung und Unverständnis.[27] Dies tritt häufig auf, wenn Terroristen mehrheitlich aus einem anderem sozialen Milieu als die Zielgruppe stammen. Die überwiegende Mehrheit der RAF Mitglieder stammte aus der gehobenen Mittelschicht.[28]

Die RAF allein bestimmte über Ziele und Methoden ihrer Anschläge und beschaffte sich selbst die dafür notwendigen Mittel durch Einbruchdiebstahl, Bankraub, Überfälle auf Geldboten oder Erpressung.[29] Große Anschläge standen von Anfang an unter einem individuellen Symbol, z.B. „Kommando Petra Schelm“. Gerhard Fels beschreibt dies als einen Racheakt, in dem die Anonymität der Opfer der Individualität der eigenen Märtyrer gegenüber gestellt wird, wodurch man versuche, den eigenen Kader zu heroisieren.[30] Vor allem die RAF Gründer Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Andreas Baader wurden zu Symbolfiguren des bewaffneten Widerstandes.

3. Die erste Generation

Die Entstehung der RAF ist zu erklären aus Enttäuschung über den Misserfolg der Studentenbewegung, die ihre Ziele nicht mit einer Massenmobilisierung durchsetzen konnte.[31] Die Befreiung des aufgrund einer Brandstiftung in einem Frankfurter Kaufhaus inhaftierten Andreas Baader am 14. Mai 1970 wird gemeinhin als Geburtsstunde der RAF betrachtet. Zu diesem Zeitpunkt bestand noch kein konkreter Plan zum Aufbau einer Stadtguerilla-Truppe. Man entwickelte Randgruppenstrategien, die aus der Illegalität und militant waren.[32] Die drei Hauptfiguren der ersten Generation waren Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Gudrun Ensslin wird als die geistig führende Person beschrieben. Ulrike Meinhof brachte die Gedanken der Gruppe zu Papier und Andreas Baader gab als antreibende Kraft die meisten Anregungen und Befehle.[33] Im Jahr 1970 flogen sie mit ihrer Gruppe angehender Terroristen in ein Lager der El Fatah in Jordanien. Hier wurde ihnen das Können für den organisierten Terrorismus beigebracht.[34]

[...]


[1] Hoffman, 2002, S. 15

[2] Gruen, 2002, S. 76-88

[3] Hoffman, 2002, S. 265

[4] Waldmann, 1999, S. 11-13

[5] Waldmann, 1999, S. 178

[6] Hoffman, 2002, S. 239

[7] Waldmann , 1999, S. 76

[8] Glasner, 1990, S. 299

[9] Waldmann, 1999, S. 77

[10] Fels, 1998, S. 13-35

[11] Dutschke, 1998, S. 177

[12] Backes, 1992, S. 43

[13] Waldmann, 1999, S. 125

[14] vgl. Görtemaker, 2002, S. 210

[15] Hoffman, 2002, S. 212

[16] Waldmann, 1999, S. 169

[17] Demes 1994, S. 12

[18] Waldmann, 1999, S. 168-169

[19] Horchem, 1987, S. 6

[20] Glasner, 1990, S. 300-302

[21] Kraushaar, 2001, S. 26

[22] Waldmann, 1999, S. 78

[23] Fels, 1998, S. 272

[24] Hoffman, 2002, S. 211

[25] Fels, 1998, S. 145

[26] Demes, 1994, S. 10

[27] Müller, 2002, S. 378

[28] Waldmann, 1999, S. 37-91

[29] Fels, 1998, S. 189

[30] Fels, 1998, S. 212

[31] Görtemaker, 2002, S. 313

[32] Aust, 1998, S. 109

[33] Aust, 1998, S. 319

[34] Hoffman, 2002, S. 103

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Der deutsche Terrorismus in den 1980er Jahren
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)  (Institut für Geschichte und ihre Didaktik)
Veranstaltung
„Deutscher Herbst“ – Die Terroristische Herausforderung der 1970er Jahre und deren Rezeption
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
25
Katalognummer
V91056
ISBN (eBook)
9783638055635
ISBN (Buch)
9783640732432
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Terrorismus, Jahren, Herbst“, Terroristische, Herausforderung, Jahre, Rezeption, RAF, Rote Armee Fraktion
Arbeit zitieren
Wiebke Seitz (Autor), 2002, Der deutsche Terrorismus in den 1980er Jahren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91056

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