Senecas Ansichten zu Tod und Selbstmord. Philosophie als Lebenshilfe zum Thema Tod und Freitod


Seminararbeit, 2005

24 Seiten, Note: sehr gut (1,3)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Definition des Todes

III. Platons Argumente gegen den Selbstmord
III. 1. Der Selbstmord im “Phaidon”
III. 2 Die Widerlegung der Angst vor dem Tod

IV. Senecas Schriften als Quelle für seine stoischen Ansichten zu Tod und Selbstmord
IV. 1. Grundlagen der stoischen Ethik
IV. 2. Wider der Todesangst
IV. 3. Der Selbstmord nach Auffassung Senecas
IV. 3. 1. Der Tod im Alter und der Selbstmord nach bestimmten Kriterien

V. Senecas Denken und die Gegenwart - Eine Hilfe oder doch nur eine Ansicht von vielen?

VI. Literaturverzeichnis
VI. 1. Quellen
VI. 2. Literatur

I. Einleitung

Die Menschheit als höchstentwickelte Lebensformen hat nicht viele Eigenschaften die sie von anderen Lebewesen unterscheidet. Doch die Merkmale, die dies tun, sind um so herausragender. Eines dieser Merkmale ist das Wissen um die eigene endliche Existenz[1], auch wenn sich einige wünschen dieses Wissen nicht zu haben. Der moderne Homo sapiens ist sich bewusst, dass auf das Leben der Tod folgt. Dennoch setzt er sich, wenn es um den eigenen “normalen Tod” geht, nicht bzw. nur widerwillig mit diesem auseinander. Der Tod wird als unerwünschter Fremder vor der Tür stehen gelassen und man hofft, dass er doch wieder geht. Nur allzu oft kommt man dennoch ins Zwiegespräch mit ihm, wenn es unaufhaltsam ist und die letzte Stunde bevor steht. Ich möchte nicht sagen, dass alle Menschen diesen Weg gehen, doch ist dies ein schon sehr ausgelaufener Pfad. Die Steigerung dieser Ablehnung, eines für jeden kommenden Todes, ist der durch die eigene Hand gereichte Tod. Der Selbstmord.

Diese beiden Aspekte des Todes will ich anhand ausgewählter Schriften Senecas untersuchen. Dabei möchte ich von vorneherein sagen, dass dies eine “positive Schrift” für den Tod und den selbstverursachten Tod, also den Selbstmord, sein soll. Das große “ABER” hierbei ist, dass es bestimmte Vorraussetzungen für den Selbstmord geben muss um aus dem Leben scheiden zu dürfen. Diese lassen sich auch in den Schriften Seneca wieder finden. So will ich deshalb auch versuchen die Auffassungen Senecas zu diesem Thema mit unserer heutigen Zeit in Verbindung zu bringen, sie als Grundlage für ein neues Verständnis zu sehen und zum nochmaligen Nachdenken anzuregen. Dieses Nachdenken über den Tod gibt es seit den Anfängen der Philosophie und wird es noch lange geben. Einer dieser Philosophen, der vor Seneca dieses Thema bearbeitete und Schlussfolgerungen zog, ist Platon mit seinem Werk “Phaidon“. Dieser Sokratiker hat ein Fundament gelegt, welches über viele Epochen hinweg maßgebend für die gegnerische Haltung zum Selbstmord im abendländischen Kulturkreis war und vielleicht noch ist.

Kann Senecas Denken ein Fundament für eine neue, offene Sicht auf den Tod bzw. den Selbstmord werden? Ich möchte hier also versuchen auf diese Frage eine Antwort zu finden

II. Definition des Todes

Der Tod ist das Ende der biologischen Existenz des Menschen. Diese Erkenntnis ist, wie schon in der Einleitung erwähnt, ein Wissen das den Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet und dennoch haben wir ein Problem damit umzugehen. Doch was ist die eigentliche Definition des Todes heute? War noch Mitte des 18. Jahrhunderts das Aufhören der Atmung und das Ende des Herzschlags sichere Anzeichen , so kann dies in unserer von Technik abhängigen Welt aber kein Indiz für den Tod sein. Hört die Atmung auf, können wir Maßnahmen zur Wiederbeatmung einleiten. Versagt das Herz seinen Dienst, können wir dieses mit ein paar Stromstößen wieder zum arbeiten bringen. Sicher ist das nicht so leicht wie es sich hier anhört, aber mit den medizinischen Entwicklungen im Laufe der Jahrhunderte haben wir den Tod immer wieder überlistet und, wenn auch nur für eine kurze Zeitspanne, von unserem Bett weggeschickt. Doch die Entwicklung schreitet immer weiter voran und so gibt es immer wieder Probleme der Definition. Singer nennt ein Beispiel aus dem Jahr 1993, bei dem eine hirntote Frau ein Kind zur Welt bringt.[2] Mit dem Hirntod setzt, ohne medizinische Hilfestellung, eigentlich der Tod ein, welcher aber durch die moderne Medizin hinaus gezögert wurde um das Kind gesund zur Welt zubringen. Das Herz dieser Frau konnte im Notfall reanimiert und die Beatmung durch eine Maschine sichergestellt werden. Nach der derzeit allgemeingültigen Definition ist der Hirntod dann eingetreten, wenn alle Funktionen des gesamten Gehirns verloschen sind, darunter fallen das Groß-, Klein- und Stammhirn. Durch kontrollierte Beatmung können aber Herz- und Kreislauffunktion künstlich aufrecht erhalten, der klinische Tod, also verhindert werden.[3] Dies geschah eben auch in den USA im Jahre 1993. Das Ende des Lebens dieser Frau war, durch das Kriterium des Hirntodes, schon lange vor der Geburt des Kindes eingetreten und so hat ein Kind das Licht der Welt erblickt ohne eine Mutter zu haben. Dieses Beispiel ist nur eines von vielen, welches zeigt das es mit jedem medizinischen Fortschritt auch einen Fortschritt in der Definition des Todes geben muss. In dieser Arbeit gehe ich aber von einem “natürlichen Tod” aus, welcher infolge einer Krankheit oder durch das Alter eintritt. Der Selbstmord hingegen ist in der medizinischen Literatur als unnatürlich definiert.[4] Dies ist in der Philosophie, aber auch in anderen Bereichen wie etwa der christlichen Religion immer wieder bejaht und von Gegnern abgelehnt worden. Ein Konsens ist nie zustande gekommen. Bis heute gehen die Meinungen hierüber weit auseinander.

Die Meinung über den Selbstmord hat im Laufe der Geschichte immer Befürworter und Gegner hervorgebracht, ich möchte hier nun ein paar dieser Ansichten vorstellen. Platon und Seneca werden in diesem Abriss nicht erscheinen, da ich mich über diese in den folgenden Kapiteln ausführlicher äußern werde. Daher ist die erste geschichtliche Gestalt, die ich hier kurz vorstelle, der Kirchenvater Augustinus. Dieser vertritt die gleiche Ansicht wie Platon, dass der Selbstmord verwerflich sei. Seine Ansichten beziehen sich in verschiedener Weise auf die Allmacht Gottes, welcher uns geschaffen hat und auch wieder vom Angesicht der Erde entfernt. Der Selbstmord ist, wie es heißt, ein Mord, hier nämlich der Mord an der eigenen Person. Der selbsthervorgerufene Tod ist für Augustinus genau so schlimm wie die absichtliche Tötung eines Menschen und daher genauso zu verdammen.[5] Diese Regel, hat aber ihre Ausnahmen, welche sich auf die Tötung im Krieg und auf die Tötung von Verbrechern beziehen. Der Krieg, welcher immer “Mord und Todschlag” im Schlepptau hat, ist dann gerechtfertigt, wenn er im Namen Gottes geschieht und sich beispielsweise gegen Ungläubige richtet. Die Hinrichtung eines Menschen ist dann gerecht, wenn der Verbrecher “nach dem Gebot vernünftiger Gerechtigkeit”[6] zum Tode verurteilt wird. Diese beiden Ausnahmen sind damit begründet, das sie auf Wunsch Gottes geschehen und damit gerecht sind. Augustinus hat dabei aber eine Lücke hinterlassen, welche sich durch die Ausnahmen bzw. Rechtfertigungen ergeben haben und zwar die der menschlichen Willkür, welcher damit Tür und Tor geöffnet wurden. Dem Menschen kann damit Gott als Legitimation für menschliche Interessen dienen und auch die schlimmsten Taten im Licht der Gerechtigkeit erscheinen lassen.

Der Mensch darf, auch wenn er in auswegloser Situation ist und ein derart hartes Schicksal zu erleiden hat, dass er im Tod die einzige Lösung sieht, nicht die eigene Hand an sich legen. Menschen, die meinen mit solch einem eigenmächtigen Tod das Heil zu erlangen und nach dem Tod ein bessere Existenz zu führen, werden nach augustinischer Auffassung nur ewige Pein erleiden und nicht den ersehnten Frieden. Augustinus droht hier mit einer Strafe nach dem Tode, der ewigen Pein, welche die Menschen eben von einem eigenmächtigen Ende abhalten soll. Zu den alten Sanktionen, die schon in der Antike angewandt wurden, wie etwa das Verbot der Bestattung auf dem Friedhof und der dazukommenden Anonymisierung des Grabes, kommt nun eine Strafandrohung, welche sich auf das Leben nach dem Tode bezieht, hinzu. Die Hoffnung auf ewiges Glück wird den Menschen bei solch einer Tat nicht gewährt und diente zugleich als Abschreckung für alle, die diesen “verwerflichen Gedanken” auch nur hegen. Das augustinische Denken greift auf Platonische Argumente zurück und wird auch von Thomas von Aquin weiterverwendet.[7] Auch dieser sieht das Leben als ein Gottesgeschenk an. Der Allmächtige hat das Leben den Menschen gegeben und auch nur er darf es wieder nehmen. Der Mensch ist zwar nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, dennoch ist es ihm untersagt sich selbst zu töten. Es obliegt allein Gott den Menschen abzuberufen. Die Überzeugungen, die Thomas von Aquin aus den Argumenten von Platon und Augustinus zieht, sind ihm jedoch noch nicht unumstößlich, so bringt er weitere Argumente um auch die letzte Hoffung auf Erlaubtheit der Selbsttötung aus dem Weg zu räumen. Für ihn ist auch die Lebenserhaltung eines jeden Lebewesens ein Zeichen für das Verbot der Selbsttötung. Jedes Wesen liebt sich von Natur aus selbst und strebt daher zur Selbsterhaltung hin. Es wird somit von einem Widerspruch ausgegangen Die Selbsttötung steht hier im Gegensatz zum natürlichen Gesetz der Liebe, welches uns zur Selbsterhaltung veranlasst. Das Selbsterhaltungsprinzip geht davon aus, dass dem Menschen nichts wichtiger ist als seine eigene Erhaltung. Dieses Prinzip wird in der Neuzeit von vielen als Fundament für ihre Argumentation zur Ablehnung und zur sittlichen Unerlaubtheit des Selbstmords verwendet.[8] Zur göttlichen und selbsterhaltenden Komponente kommt mit Thomas von Aquin auch eine dritte: die Gesellschaft. Der Leitgedanke geht davon aus das das Einzelne auch Teil des Ganzen ist und somit dazu gehört. Dieser Gedanke wird auf die Menschheit angewendet. Dabei gehört dann der Mensch, der Teil eben dieser Gemeinschaft ist, auch dieser an. Der Gemeinschaft gegenüber begeht derjenige dann ein Unrecht, wenn er sich tötet. Dieses Argument findet in Zeiten der Abwendung von der Kirche und Religion, also in der Aufklärung, viele Befürworter. Als Ergebnis lehnt Thomas von Aquin die Selbsttötung grundsätzlich ab, da es eine freie Verfügung über das Leben ist und daher eine Anmaßung gegenüber Gott. Eine Todsünde die am Tage des jüngsten Gerichts mit einer Strafe belegt wird.

Augustinus und Thomas von Aquin folgen in ihren Ansichten Platon und lehnen den Freitod als unerlaubt ab. Also genau wie heute gab es auch damals schon Befürworter. Wie bei Platon, werden auch die Lehren Senecas immer wieder aufgegriffen. Einer dieser Menschen, die sich mit den Lehren auseinander setzte, war Michel de Montaigne. Er stellte die zentrale Frage: Wie kann die Philosophie dem Menschen helfen? Die Antwort ist, dass sich die Philosophie als eine Lebenskunst versteht, die in allen Bereichen tätig ist. Für Montaigne ist die Antwort zum Thema Tod dabei das Ablegen der Angst, denn ohne Angst hat man gelernt zu sterben und so “[..]..drückt kein Dienst mehr“[9]. Es werden die Fesseln des Lebens, die Menschen hindern und in Knechtschaft bringen, abgestreift. Diese Befreiung kommt durch den natürlichen Tod, aber auch durch den aus freien Stücken gefassten Entschluss eigenhändig aus dem Leben zu scheiden. Im Selbstmord entziehen wir uns damit aller Zugriffe von außen und gelangen so zur Freiheit. Der Freitod ist damit das Höchstmaß an Freiheit. Montaigne meint, dass solch ein Tod, je mehr der Mensch ihn selbst will, ein schöner Tod ist, denn er ist unserem eigenen Geschick unterworfen und untersteht nicht dem Willen anderer, wie es etwa teilweise das Leben tut.

Die Geschichte zeigt uns also das das Problem der Selbsttötung in der abendländischen Philosophie schon immer behandelt wurde und für beide Lager gleichermaßen Antworten hatte und auch weiterhin haben wird. Die Diskussion über die Erlaubtheit bzw. Unerlaubtheit ist nicht abgeschlossen und wird dies wohl auch nie ganz sein, es wird vielmehr immer neue Argumente dafür und dagegen geben.

[...]


[1] Das Bewusst werden der eigenen sterblichen Existenz lässt sich bis auf die Neandertaler zurückführen, welche ungefähr 180.000-50.000 Jahre vor Christus lebten, zum ersten mal ihre Toten bestatteten und sich so mit dem Tod auseinander setzten. Es kann also mit dem Aufkommen der ersten Bestattungsriten von einem Bewusstsein für den eigenen Tod ausgegangen werden. Siehe hierzu Sheridan, Bernard, Der Tod des Menschen als geschichtsphilosophisches Problem, Frankfurt am Main u.a. 2000, S.135.

[2] Vgl. dazu: Singer, Peter, Leben und Tod. Zusammenbruch der traditionellen Ethik, übersetzt von Hermann Vetter und Claudia Schorcht, Erlangen 1998, S. 15-17.

[3] Siehe auch: Roessner, Albert, Pfeifer, Ulrich, u.a. (Hrsg.) Allgemeine Pathologie, München u.a. 200410, S. 15.

[4] Ebd. S. 13.

[5] “[..] da das zusatzlose Gebot <<Du sollst nicht töten>> , niemanden ausnimmt, auch den nicht, an den das Gebot gerichtet ist“. Siehe weiter bei Augustinus, Aurelius, Vom Gottesstaat, Buch 1, Kapitel 20.

[6] Ebd. Buch 1, Kapitel 21.

[7] Das Problem der Selbsttötung ist bei Thomas von Aquin eine Sünde gegen Gott, gegen die Natur u. die Gesellschaft. Siehe dazu: “Summa theologiae“, pars II-II, questio 64 erörtert.

[8] Vertreter einer neuzeitlichen Ablehnung des Selbstmords sind unter anderem John Locke, Baruch de Spinoza und Jean-Jacques Rousseau.

[9] Vgl. auch: Rousseau, Jean-Jacques, Arthur, Franz (Hrsg.), Die Essais, Leipzig 19865, S. 36.

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Details

Titel
Senecas Ansichten zu Tod und Selbstmord. Philosophie als Lebenshilfe zum Thema Tod und Freitod
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Philosophie der Stoa
Note
sehr gut (1,3)
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V91064
ISBN (eBook)
9783638055680
ISBN (Buch)
9783638947091
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Senecas, Ansichten, Selbstmord, Philosophie, Lebenshilfe, Thema, Freitod, Stoa
Arbeit zitieren
Lars Rahn (Autor), 2005, Senecas Ansichten zu Tod und Selbstmord. Philosophie als Lebenshilfe zum Thema Tod und Freitod, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91064

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