Im Zuge meines Studiums der Volksmärchen stieß ich auf die Tatsache, dass Hans Christian Andersen seine „Karriere“ quasi mit dem Nacherzählen eben jener begann. Für mich war das ein Novum, da ich immer davon ausging, er hätte die Handlung seiner Märchen von Anfang an selbst erdacht.
Mein nächster Schritt war also, ein ursprüngliches Volksmärchen zu finden, dass Andersen merklich verändert hat. Denn während NEUHAUS konstatiert, dass Andersen die Traditionen, die er bereits vorfand, variierte, „ohne ihnen (...) etwas substanziell Neues hinzuzufügen“ [Neuhaus. Märchen, S.195] , ging ich sehr wohl davon aus, dass er gravierendere Einschnitte vornahm, als die bloße Variation.
Die Wahl fiel schließlich auf „Gaaden“ aus der Sammlung „Æventyr fra Jylland“ von Evald Tang Kristensen und „Reisekammeraten“ aus Andersens „Eventyr, fortalde for Børn“.
Inhaltsverzeichnis
1. EINFÜHRUNG
2. DIE BEISPIELMÄRCHEN
2.1 „GAADEN“
2.2. „REISEKAMMERATEN“
3. EINBLICK IN DIE MÄRCHENFORSCHUNG
3.1 VLADIMIR PROPP „MORPHOLOGIE DES MÄRCHENS“
3.2 ALGIRDAS GREIMAS „SÉMANTIQUE STRUCTURALE“
3.3 BENGT HOLBEK „ INTERPRETATION OF FAIRY TALES“
4. INTERPRETIERENDER VERGLEICH
4.1 HANDLUNGSSTRUKTUR
4.2 HANDELNDE FIGUREN
4.2.1 DER HELD (SUBJEKT)
4.2.2 DER HELFER (ADJUTANT)
4.2.3 GEGNER (OPPONENTEN)
4.2.4 DER KÖNIG (SENDER)
4.2.5 DIE PRINZESSIN (OBJEKT)
4.3 UNIVERSUM
4.3.1 ZU HAUSE (ZIVILISATION)
4.3.2 DRAUßEN (NATUR)
4.3.3 NEUES ZU HAUSE (ZIVILISATION)
5. SCHLUSSWORT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die strukturellen und inhaltlichen Unterschiede zwischen dem dänischen Volksmärchen „Gaaden“ und H.C. Andersens Kunstmärchen „Reisekammeraten“. Ziel ist es, die Transformation eines traditionellen Erzählstoffes in eine literarische Form zu analysieren, wobei insbesondere die Rolle des religiösen Grundmotivs und die psychologische Ausgestaltung der Charaktere im Vordergrund stehen.
- Struktureller Vergleich von Volks- und Kunstmärchen anhand narratologischer Modelle (Propp, Greimas, Holbek).
- Analyse der Transformation religiöser Motive und des Glaubensbegriffs in beiden Texten.
- Untersuchung der psychologischen Charakterentwicklung im Kunstmärchen versus der stereotypen Figurenzeichnung im Volksmärchen.
- Analyse der Raumkonzepte („Zu Hause“, „Draußen“, „Neues Zu Hause“) als Spiegel gesellschaftlicher und persönlicher Entwicklung.
Auszug aus dem Buch
2.1 „Gaaden“
Das Märchen „Gaaden“ (dt.: „Das Rätsel“) befindet sich in der 5. Ausgabe der Sammlung „Æventyr fra Jylland“ von Evald Tang Kristensen. Kristensen (1843-1929) stammt aus einem westjütländischen Bauerngeschlecht.
Im Juli 1867 begann er, alte Märchen zu sammeln und aufzuschreiben, indem er in den Abendstunden von Haus zu Haus wanderte und den Männern und Frauen dort zuhörte [Bridea. Dansk Biografisk Lexikon, S.502]. So gibt er im Vorwort der 5. Ausgabe Æventyr als Quelle für „Gaaden“ Kristine Marie Væver aus Filsø und Povl Revskov aus Tvis an. [Kristensen. Æventyr fra Jylland, S.VI]
Bis zu seinem Tod veröffentlichte Kristensen 26 große Bände „Folkeminder“, eini-ge kleinere lokalhistorische Schriften und zahllose Beiträge in Kalenderblättern. [B.502]
Da die Aufzeichnung, bzw. Veröffentlichung von Gaaden aus dem Jahre 1881 stammt, werden viele Worte aus dem Altdänischen benutzt, was die Übersetzung er-schwerte. Um trotzdem adäquate deutsche Entsprechungen zu finden, habe ich das „Neue vollständige Wörterbuch der dänisch-norwegischen und deutschen Sprache“ von Dr. Svenn Henrik Helms aus dem Jahre 1895 genutzt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINFÜHRUNG: Die Autorin legt ihre Motivation dar, H.C. Andersens Nacherzählungen zu untersuchen, und führt das zentrale religiöse Motiv des „dankbaren Toten“ ein.
2. DIE BEISPIELMÄRCHEN: Dieses Kapitel stellt die beiden untersuchten Märchen „Gaaden“ und „Reisekammeraten“ sowie deren Quellen und Entstehungskontexte vor.
3. EINBLICK IN DIE MÄRCHENFORSCHUNG: Es werden die theoretischen Modelle von Propp, Greimas und Holbek erläutert, um ein methodisches Werkzeug für die anschließende Analyse bereitzustellen.
4. INTERPRETIERENDER VERGLEICH: Das Kernstück der Arbeit vergleicht Handlungsstrukturen, Figurentypen und Raummodelle in beiden Texten, um die Differenzen zwischen Volks- und Kunstmärchen aufzuzeigen.
5. SCHLUSSWORT: Die Ergebnisse werden zusammengefasst und die Erkenntnis gewonnen, dass das Kunstmärchen den Glauben als philosophische Auseinandersetzung statt als bloße religiöse Bestätigung nutzt.
Schlüsselwörter
Märchenanalyse, H.C. Andersen, Volksmärchen, Kunstmärchen, Evald Tang Kristensen, Strukturalismus, Vladimir Propp, Algirdas Greimas, Bengt Holbek, dankbarer Toter, religiöses Motiv, Literaturvergleich, Erzähltheorie, Märchenforschung, Gattungsunterschiede.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Unterschiede zwischen dem dänischen Volksmärchen „Gaaden“ und H.C. Andersens Kunstmärchen „Reisekammeraten“ unter Einbeziehung strukturalistischer Erzählmodelle.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Transformation narrativer Strukturen, der Bedeutung des religiösen Motivs des „dankbaren Toten“ und der Darstellung gesellschaftlicher Normen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Andersen aus einer traditionellen, „rauen“ Vorlage ein psychologisiertes und gesellschaftskritisches Kunstmärchen entwickelt hat.
Welche wissenschaftliche Methode findet Anwendung?
Es werden methodische Ansätze der Strukturalisten Vladimir Propp, Algirdas Greimas und Bengt Holbek angewandt, um die Handlungschronologie und das Aktantenmodell der Märchen zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Gegenüberstellung der Handlungsabläufe (Moves), eine Charakteranalyse der Protagonisten, Helfer und Gegner sowie eine Untersuchung der räumlichen Gestaltung (Universum).
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Märchenanalyse, Strukturvergleich, H.C. Andersen, Volksmärchen, Gattungstransformation und religiöse Symbolik.
Welche Rolle spielt die „Raumtheorie“ in den analysierten Märchen?
Die Autorin untersucht die Stationen „Zu Hause“, „Draußen“ und „Neues Zu Hause“ als Symbole für die Entwicklungsphasen Kindheit, Pubertät und Erwachsensein.
Wie unterscheidet sich der „dankbare Tote“ in den beiden Fassungen?
Während der „Tote“ in „Gaaden“ als eher brutaler Helfershelfer agiert, fungiert er in Andersens Version als belehrende, gebildete Instanz, die den Helden durch das Leben leitet.
Warum wird der Glaube in den Märchen unterschiedlich bewertet?
Die Autorin folgert, dass das Volksmärchen den Glauben pragmatisch-ironisch behandelt, während Andersen ihn in ein komplexes philosophisches Gefüge zur Persönlichkeitsbildung einbettet.
- Quote paper
- Stefanie Binder (Author), 2007, Märchenanalyse - Vergleich zwischen dem dänischen Volksmärchen "Gaaden" aus der Sammlung E.T. Kristensen und dem Kunstmärchen "Reisekammeraten" von H.C. Andersen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91165