Die titulierte Neuorientierung der materiellen Bilanzpolitik im Einzelabschluss wird in der vorliegenden Arbeit auf zweifache Weise untersucht . Einerseits ist darzulegen, dass das anstehende Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG zu einem geänderten, eingeschränkten Aktionsradius der materiellen Bilanzpolitik im handelsrechtlichen Jahresabschluss de lege ferenda führen wird. Andererseits ist zu zeigen, dass der durch das BilReG gestattete Doppelabschluss nach HGB und IFRS eine Fokussierung der Unternehmensleitung auf die vielfältigen impliziten bilanzpolitischen Gestaltungsparameter innerhalb der IFRS herbeiführt, um das Mengen- und Wertgerüst des Jahresabschlusses unternehmenszielkonform zu beeinflussen.
Die vergleichende Analyse von Ansatz- und Bewertungswahlrechten sowie Ermessensspielräumen innerhalb der HGB- und IFRS-Rechnungslegung, die der Verfasser vornimmt, wird mit der weit verbreiteten Auffassung im Schrifttum konfrontiert, der IFRS-Abschluss würde unter Transparenzgesichtspunkten einem handelsrechtlichen Jahresabschluss generell vorzuziehen sein. Aufgrund der erzielten Ergebnisse ist die vorstehend genannte Behauptung eines grds. transparenteren IFRS-Abschlusses nicht mehr haltbar.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Themenabgrenzung und Gang der Untersuchung
2 Definition, Ziele, Instrumente und Grenzen der materiellen Bilanzpolitik
2.1 Definition und Bedeutung der materiellen Bilanzpolitik im Rahmen der Unternehmenspolitik
2.2 Ziele und Zielgrößen der materiellen Bilanzpolitik
2.2.1 Finanzwirtschaftliche Zielsetzungen
2.2.1.1 Beeinflussung des Ausschüttungspotentials
2.2.1.2 Ziele der Kapitalbeschaffung
2.2.1.2.1 Verbesserung der Eigenkapitalbeschaffung mit Hilfe des Shareholder-Value-Ansatzes
2.2.1.2.2 Stärkung der Fremdkapitalbeschaffung unter Berücksichtigung von Basel-II
2.2.1.3 Ziele der Steuerbilanzpolitik
2.2.2 Publizitätsorientierte Zielsetzungen
2.2.2.1 Informationsverbesserung und Value Reporting
2.2.2.2 Vermeidung von Prüfungs- und Offenlegungspflichten durch Unterschreitung der handelsrechtlichen Größenklassenmerkmale
2.2.3 Individualpolitische Zielsetzungen
2.2.4 Bilanzpolitik zur Beeinflussung bilanzanalytischer Kennzahlen
2.3 Instrumente der materiellen Bilanzpolitik
2.3.1 Abgrenzungskriterien zur formellen Bilanzpolitik
2.3.2 Ausübung von Ansatzwahlrechten
2.3.3 Ausübung von Bewertungswahlrechten
2.3.4 Ausübung von Ermessensspielräumen
2.4 Grenzen der materiellen Bilanzpolitik
2.4.1 Zur eingeschränkten Wirkungskraft des handelsrechtlichen Stetigkeitsgebotes und der Generalnorm des § 264 Abs. 2 HGB
2.4.2 Spannungsverhältnis innerhalb handelsrechtlicher Zielsetzungen bzw. zwischen handels- und steuerrechtlicher Rechnungslegung
3 Vergleich ausgewählter materieller bilanzpolitischer Gestaltungsmaßnahmen im Einzelabschluss nach dem HGB/EStG und den IAS/IFRS sowie eigene Änderungsvorschläge zur Reform des Handelsrechts
3.1 Gegenüberstellung wesentlicher Rechnungslegungsgrundsätze nach dem HGB/EStG und den IAS/IFRS
3.1.1 HGB
3.1.2 Maßgeblichkeit als Verzahnung des Handels- und Steuerrechts
3.1.3 IAS/IFRS
3.2 Ausgewählte Wahlrechte und Ermessensspielräume hinsichtlich des Bilanzansatzes und der Bewertung nach dem HGB/EStG und den IAS/IFRS de lege lata
3.2.1 Aufwendungen für die Ingangsetzung und Erweiterung des Geschäftsbetriebes
3.2.2 Selbsterstellte immaterielle Güter des Anlagevermögens
3.2.2.1 Ansatz
3.2.2.2 Bewertung
3.2.3 Derivativer Geschäfts- oder Firmenwert
3.2.3.1 Ansatz
3.2.3.2 Bewertung
3.2.4 Langfristige Auftragsfertigung
3.2.5 Ermittlung der Herstellungskosten
3.2.6 Finanzinstrumente
3.2.7 Abschreibungen
3.2.7.1 Planmäßige Abschreibungen des Anlagevermögens
3.2.7.2 Außerplanmäßige Abschreibungen des Anlagevermögens bei vorübergehender Wertminderung
3.2.7.3 Außerplanmäßige Abschreibungen des Umlaufvermögens auf den niedrigeren Zukunftswert
3.2.8 Bewertungsvereinfachungsverfahren im Vorratsvermögen
3.2.9 Aktive latente Steuerabgrenzung
3.2.10 Aktive Rechnungsabgrenzungsposten
3.2.10.1 Disagio
3.2.10.2 Abgrenzung von Zöllen, Verbrauchssteuern und der Umsatzsteuer auf Anzahlungen
3.2.11 Rückstellungen
3.2.11.1 Pensionsrückstellungen
3.2.11.2 Aufwandsrückstellungen im weiteren Sinne
3.3 Zusammenfassung wesentlicher bilanzpolitischer Unterschiede zwischen dem HGB/EStG und den IAS/IFRS
4 Beispielhafte Analyse des bilanzpolitischen Wirkungsgrades innerhalb der HGB- und der IAS/IFRS -Rechnungslegung
4.1 Meilensteine der Harmonisierungsbestrebungen zwischen dem HGB und den IAS/IFRS
4.1.1 EU-Richtlinie 2001/65/EG (EU-Fair-Value-Richtlinie)
4.1.2 EU-Verordnung 1606/2002 (EU-IAS-Verordnung)
4.1.3 Maßnahmenkatalog vom 25.02.2003
4.1.4 Bilanzrechtsreformgesetz
4.1.5 Geplante Bilanzrechtsmodernisierung
4.2 Zur Frage der Transparenz der IAS/IFRS gegenüber dem HGB unter bilanzpolitischen Zielsetzungen im Lichte der geplanten Bilanzrechtsmodernisierung
4.3 Allgemeine Entscheidungskriterien bei der Wahl zwischen einem multifunktionalen HGB-Jahresabschluss und einem Doppelabschluss nach dem HGB und den IAS/IFRS
4.3.1 Zur Zweiteilung der Rechnungslegung im Konzern- und Einzelabschluss und zur Systematisierung der Motive für einen Doppelabschluss
4.3.2 Kostentechnische Gesichtspunkte
4.3.3 Fremdkapitalvergabe durch die Kreditinstitute im Zuge von Basel-II
4.3.4 Spannungsverhältnis zwischen Informationsvermittlung und Verunsicherung von Rechnungslegungsadressaten
4.4 Stilisierte Kennzahlen- und Vorteilhaftigkeitsanalyse eines handelsrechtlichen Jahresabschlusses de lege lata und de lege ferenda nach der geplanten Bilanzrechtsmodernisierung sowie nach IAS/IFRS
4.4.1 Modellannahmen, Vorgehensweise, Abgrenzung und Anwendbarkeit
4.4.2 Bilanzaufstellung
4.4.3 Auswirkungen der unterschiedlichen Rechnungslegungsnormen auf die abgeleiteten bilanzanalytischen Kennzahlen
4.4.3.1 Ausgangstableau
4.4.3.2 Finanzwirtschaftliche Bilanzanalyse
4.4.3.2.1 Vermögensstrukturkennzahlen
4.4.3.2.1.1 Anlagenintensität
4.4.3.2.1.2 Elastizitätsgrad
4.4.3.2.2 Kapitalstrukturkennzahlen
4.4.3.2.2.1 Eigenkapitalquote
4.4.3.2.2.2 Kurzfristige Fremdkapitalquote
4.4.3.2.3 Liquiditätskennzahlen
4.4.3.2.3.1 Statische Liquiditätskennzahlen
4.4.3.2.3.1.1 Deckungsgrade
4.4.3.2.3.1.2 Liquiditätsgrade
4.4.3.2.3.2 Dynamische Liquiditätskennzahlen
4.4.3.3 Erfolgswirtschaftliche Bilanzanalyse
4.4.3.3.1 Gesamtkapitalrentabilität
4.4.3.3.2 Eigenkapitalrentabilität
4.4.3.4 Wertorientierte Bilanzanalyse
4.4.3.4.1 Economic-Value-Added
4.4.3.4.2 Cash-Flow-Return-On-Investment
4.5 Zusammenfassung der Ergebnisse der Bilanzanalyse und Abgabe von Handlungsempfehlungen
5 Schlussbetrachtung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Auswirkungen der Harmonisierung der Rechnungslegung auf die materielle Bilanzpolitik deutscher Unternehmen im Einzelabschluss. Im Zentrum der Analyse steht die Fragestellung, ob es für Unternehmen sinnvoll ist, neben dem verpflichtenden handelsrechtlichen Jahresabschluss nach HGB freiwillig einen zusätzlichen Abschluss nach den internationalen Standards (IAS/IFRS) zu erstellen, insbesondere im Hinblick auf die geplante Bilanzrechtsmodernisierung.
- Materielle Bilanzpolitik als entscheidungsorientiertes Instrument der Unternehmensführung.
- Gegenüberstellung der Rechnungslegungsgrundsätze nach HGB/EStG und IAS/IFRS.
- Analyse bilanzpolitischer Spielräume bei Ansatz- und Bewertungswahlrechten sowie Ermessensentscheidungen.
- Auswirkungen der Rechnungslegungssysteme auf bilanzanalytische Kennzahlen (Vermögens-, Kapitalstruktur- und Rentabilitätsanalyse).
- Beurteilung der Sinnhaftigkeit von Doppelabschlüssen im Kontext von Basel-II und dem Shareholder-Value-Konzept.
Auszug aus dem Buch
1.1 Problemstellung
Das im Schrifttum häufig zitierte „Ultimatum“, der 01.01.2005, ist überschritten. Die EU-Verordnung vom 19.07.2002 „betreffend die Anwendung internationaler Rechnungslegungsstandards“ (EU-IAS-VO) hat Einzug gehalten in die Rechnungslegung kapitalmarktorientierter Mutterunternehmen mit Sitz in der Europäischen Union (EU). Diese müssen –bis auf wenige Ausnahmen– für Geschäftsjahre (Gj.) beginnend ab dem 01.01.2005 erstmals zwingend ihren Konzernabschluss nach den übernommenen (endorsed) International Accounting Standards (IAS)/International Financial Reporting Standards (IFRS) erstellen und offen legen. Mit der Einführung der sog. Öffnungsklausel des § 292a des Handelsgesetzbuches (HGB) durch das Kapitalaufnahmeerleichterungsgesetz (KapAEG) hat für jene Unternehmen eine Option zur Erstellung und Offenlegung eines IAS/IFRS-Konzernabschlusses für Gj. ab dem 01.01.1999 bestanden, die planmäßig zum 31.12.2004 aufgehoben worden ist.
Der Blick soll im Folgenden verstärkt auf alle nicht kapitalmarktorientierten Unternehmen gerichtet werden, die nicht von der o.g. zwingenden Regelung der EU-IAS-VO betroffen sind, sondern von den gewährten Mitgliedstaatenwahlrechten Gebrauch machen können, die durch das Bilanzrechtsreformgesetz (BilReG) in nationales Recht überführt wurden. Mit dem BilReG, das am 10.12.2004 in Kraft getreten ist, wird nicht kapitalmarktorientierten Unternehmen eine Option eingeräumt, ihren Konzernabschluss entweder ebenfalls nach den IAS/IFRS oder –wie bisher– nach dem HGB zu erstellen und offen zu legen. Ferner wird sowohl kapitalmarktorientierten als auch übrigen Unternehmen die Möglichkeit eröffnet, für Gj. ab dem 01.01.2005 neben dem HGB-Jahresabschluss einen IAS/IFRS-Einzelabschluss zu erstellen und offen zu legen.
Der traditionelle HGB-Jahresabschluss wird –zumindest kurz- und mittelfristig– weiterhin zur Bemessung der Gewinnausschüttung und als steuerlicher Anknüpfungspunkt herangezogen. Insofern kommt dem freiwilligen und daher zusätzlichen IAS/IFRS-Einzelabschluss lediglich eine Informationsfunktion zu, die der handelsrechtliche Jahresabschluss nach h.M. aufgrund des dominanten Kapitalerhaltungs- und Vorsichtsprinzips nicht in zufrieden stellender Weise erfüllt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in die aktuelle regulatorische Situation ein, in der Unternehmen zunehmend zwischen HGB- und IAS/IFRS-Rechnungslegung wählen können, und definiert die Forschungsfrage bezüglich der materiellen Bilanzpolitik.
2 Definition, Ziele, Instrumente und Grenzen der materiellen Bilanzpolitik: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Bilanzpolitik, ihre Ziele (finanzwirtschaftlich, publizitätsorientiert, individualpolitisch) sowie die eingesetzten Instrumente und rechtlichen Grenzen systematisiert.
3 Vergleich ausgewählter materieller bilanzpolitischer Gestaltungsmaßnahmen im Einzelabschluss nach dem HGB/EStG und den IAS/IFRS sowie eigene Änderungsvorschläge zur Reform des Handelsrechts: In diesem Hauptkapitel werden spezifische Bilanzierungsregeln gegenübergestellt und der Verfasser unterbreitet eigene Reformvorschläge für ein zukünftiges Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz.
4 Beispielhafte Analyse des bilanzpolitischen Wirkungsgrades innerhalb der HGB- und der IAS/IFRS -Rechnungslegung: Anhand einer beispielhaften Aktiengesellschaft wird die Auswirkung verschiedener Rechnungslegungsnormen auf Kennzahlen sowie die Sinnhaftigkeit eines parallelen Einzelabschlusses empirisch und modelltheoretisch analysiert.
5 Schlussbetrachtung und Ausblick: Das Fazit fasst die Untersuchungsergebnisse zusammen und bewertet die zukünftige Bedeutung der materiellen Bilanzpolitik im Kontext der Bilanzrechtsreform.
Schlüsselwörter
Bilanzpolitik, HGB, IAS, IFRS, Bilanzrechtsreformgesetz, Bilanzrechtsmodernisierung, Einzelabschluss, Konzernabschluss, Wahlrechte, Ermessensspielräume, Rechnungslegung, Kennzahlenanalyse, Kapitalerhaltung, Vorsichtsprinzip, Shareholder-Value
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die materielle Bilanzpolitik von Unternehmen im Kontext der zunehmenden Bedeutung internationaler Rechnungslegungsstandards (IAS/IFRS) im Vergleich zum deutschen Handelsrecht (HGB).
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert auf die Gestaltungsmöglichkeiten bei Ansatz- und Bewertungswahlrechten, die Auswirkungen unterschiedlicher Rechnungslegungssysteme auf Kennzahlen sowie die Reformvorschläge für ein modernisiertes Handelsrecht.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, zu analysieren, ob die Erstellung eines freiwilligen IAS/IFRS-Einzelabschlusses für Informationszwecke sinnvoll ist und wie sich dies auf die materielle Bilanzpolitik auswirkt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Verfasser nutzt eine Literaturanalyse der geltenden Rechnungslegungsnormen sowie eine stilisierte, entscheidungsorientierte Bilanzanalyse anhand einer beispielhaften Aktiengesellschaft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beinhaltet den Vergleich wesentlicher Rechnungslegungsansätze, die Analyse spezifischer Wahlrechte (z.B. bei Herstellungskosten, Abschreibungen, Rückstellungen) und die Auswirkung dieser Normen auf die Finanz- und Ertragskennzahlen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird vor allem durch Begriffe wie materielle Bilanzpolitik, IAS/IFRS, HGB, Wahlrechte, Bilanzanalyse, Kennzahlen und Bilanzrechtsmodernisierung geprägt.
Welchen Stellenwert nimmt die "Materielle Bilanzpolitik" ein?
Sie wird als zweckorientierte Gestaltung des Jahresabschlusses definiert, um das Periodenergebnis und damit die Wahrnehmung durch Stakeholder (z.B. Banken, Investoren) zielkonform zu beeinflussen.
Wie bewertet der Verfasser die Transparenz der IAS/IFRS gegenüber dem HGB?
Der Verfasser relativiert den oft propagierten "Transparenzvorzug" der IAS/IFRS und verweist auf die Vielzahl impliziter Wahlrechte und Ermessensspielräume, die auch bei IAS/IFRS-Abschlüssen eine bilanzpolitische Beeinflussung ermöglichen.
- Quote paper
- Patrick Velte (Author), 2005, Neuorientierung der materiellen Bilanzpolitik für den Einzelabschluss, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91178