Grimms Märchen. Die Modifikation von Grausamkeit und Gewalt

Eine Analyse an den Beispielen Schneewittchen und Rotkäppchen


Hausarbeit, 2020

28 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition Marchen

3. Entstehungsgeschichte und Wandel der Kinder- und Hausmarchen der Briider Grimm
3.1 Entstehung der Marchen Rotkappchen und Schneewittchen

4. Grausamkeiten und Gewalt in Marchen
4.1 Die Marchen der Briider Grimm und ihre Grausamkeiten
4.2 Rotkappchen
4.3 Schneewittchen

5. Fazitund Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Erklingt das Wort „Marchen", gibt es wahrscheinlich nur wenige Menschen, die nicht sofort an die Kinder- und Hausmarchen der Briider Grimm denken. Marchen wie „Hdnsel und Gretel", „Dornroschen", „Aschenputtel", „Der Froschkonig und „Rotkdppchen" sind auf der ganzen Welt bekannt und in zahlreichen Sprachen erhaltlich (Lindner, 2012).

Mehr als 200 Jahre ist es her, dass die erste gedruckte Fassung von Leser1 betrachtet werden konnte. Die Kinder- und Hausmarchen der Briider Grimm zahlen zum Ursprung und zu den bedeutendsten Sammlungen dieser Art (Rolleke, 2019 S. 82f.). Fast jedermann wird sich an einige Abende seine Kindheit zuruckerinnern, an denen Marchen vorgelesen wurden oder er selbst zum Erzahler von Kinder- und Hausmarchen wurde.

Die Gedanken schweifen zu Prinzen, Prinzessinnen, Fabelwesen, gigantischen Schlossern, Hexen und die bosen Stiefmuttern, welche am Ende „besiegt" werden. Auch die Satze „Es war einmal..." und „Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute" sind fur viele typische Elemente, wenn sie ein Marchen beschreiben sollen. Trotz zahlreicher schoner Erinnerungen an die verschiedenen Marchen kommen auch immer wieder Bedenken diesen gegenuber auf. Haufig empfinden Lehrkrafte oder Eltern die Marchen der Briider Grimm als zu grausam und gewaltreich. Die bose Stiefmutter, welche die junge Prinzessin im Turm gefangen halt, oder der Wolf, der die Grofjmutter und das Rotkappchen auffrisst, Zeugen von Aggressionen. Das gilt auch fur Stiefschwestern, die das Aschenputtel auf dem Boden schlafen lassen oder ein Madchen, das sich im Zuge des Kampfes um den Prinzen die Zehen abtrennt, um in einen Glasschuh zu passen (Grimm, 2005, S. 144).

Setzt man sich jedoch mit dem Thema „Briider Grimm" genauer auseinander, fallt auf, dass die aktuell erhaltlichen Versionen nicht mit den ursprunglichen Marchen ubereinstimmen. Die ersten Werke der beiden Briider Wilhelm und Jacob Grimm stammen aus dem friihen 19. Jahrhundert. Auf die erste grofie 1812 veroffentlichte Ausgabe folgten bis in das Jahr 1857 sieben weitere (Neuhaus, 2017, S. 95f). In diesen Marchenversionen kommen, an heutigen gesellschaftlichen Mafistaben gemessen, noch weitaus schlimmere Grausamkeiten vor, welchejedochunterschiedlich wahrgenommen werden.

Im Laufe der Jahre versuchten die Briider, die Marchen kindgerecht umzuschreiben, da sich ihre eigentlichen Werken, welche fur Erwachsene geschrieben worden waren, schlecht verkaufen liefien. So wurden viele Marchen, wie „Frau Holle" und „ Schneeweifichen und Rosenroth ", immer weiter umgeschrieben. Es wurden Kapitel entfernt oder es kam ein „Happy End" hinzu, um sie fur die Kinder- und Jugendliteratur tauglich zu machen (Rolleke, 2019 S. 86f.).

Inwieweit sich die einzelnen Marchen wirklich verandert haben und welche Grausamkeiten weiterhin bestehen, soil anhand einer Analyse zweier Marchen der Briider Grimm aufgezeigt werden: zum einen des Marchens „Rotkdppchen" und zum anderen des „Schneewittchen". Aus beiden Marchen geht der Wandel hin zur Verkindlichung und Verminderung der Grausamkeiten sowie des Bosen unverkennbar hervor. Das Marchen „Rotkappchen" wird als Beispiel aufgefuhrt, da es durch die Briider Grimm von dem franzosischen Autor Charles Perrault ubernommen und verandert wurde (Rolleke, 2019 S. 16). Hier wurden besonders die kannibalistischen Inhalte modifiziert und entfernt. „Schneewittchen" birgt, genau wie andere Marchen, viele grausame Aspekte, welche im Laufe der Zeit durch die Briider Grimm verandert und weggelassen wurden. Hier liegt das Augenmerk nur auf den Ausgaben der Grimm'schen Marchen von 1812 bis 1857. Schneewittchen dient als ein typisches Beispiel der Veranderungen, wie sie in fast alien Marchen vorgenommen wurden. Zu Beginn dieser Ausarbeitung erfolgt zunachst eine Definition des Begriffs „Marchen", um einen thematischen Uberblick zu geben. Im Anschluss daran wird auf den Wandel der Grimm'schen Marchen, ausgehend von ihrem Ursprung, eingegangen. Darauf folgend werden die Grausamkeiten und Gewaltszenen in den Marchen genauer betrachtet. Dabei werden zwei Beispiele erlautert und mithilfe einer selbst erstellten Skalierung dargestellt. Letztere bietet einen detaillierten und prazisen Uberblick iiber die verschiedenen Veranderungen der Grausamkeiten und Gewalttaten in den Grimm'schen Marchen.

Der Fokus liegt auf den starken Modifikationen und der Verkindlichung, welche dazu fuhrten, dass die Marchen der Briider Grimm heute nahezu in jedem Kinder- und Jugendbuchladen zu finden sind. Abschliefjend folgt das Fazit inklusive eines Ausblicks.

2. Definition Marchen

Den Begriff „Marchen" zu definieren, stellt sich als deutlich schwieriger heraus, als es anfanglich der Fall zu sein scheint. Daher sollte er zunachst im Allgemeinen betrachtet werden (Poser, 1980, S. 9).

„Marchen" oder auch „Marlein", im Mittelhochdeutschen „Maerlin", sind Diminutive zu dem Wort „Mar", im Mittelhochdeutsch „Maere", was so viel wie Kunde, Bericht, Geriicht oder eine kurze Erzahlung bedeutet (Strehlow, 1985, S. 9).

Diese Begriffe galten schon friih als auf erfundene oder unwahre Erzahlungen angewendete Bedeutungsverminderung, wie beispielweise „liigemeare" oder „gensmar" (ebd.). Das „Marchen" oder auch „Merechyn" erhielt im Laufe der Zeit eine eher abwertende Konnotation und gait im Gegensatz zu wahren Berichten als erfundene Geschichte (Poser, 1980, S. 9). Auch heute lasst sich diese Definition noch im Alltag vorfinden, indem Erzahlungen mit den Worten „Erzahl mir doch keine Marchen" abgetan werden (ebd.). Auch der hier vorgenommene Versuch der Erklarung der Wortbedeutung gibt keine nahere und ausreichende Auskunft iiber den genauen Inhalt eines Marchens und zu der Frage, was genau bestimmte Literatur zu einem solchen macht (ebd.).

Folgt man den Worten von Stefan Neuhaus (2017, S. 3), lasst sich der Terminus Mdrchen in zwei wesentliche Begriffe unterteilen. Zum einen gibt es die Volksmarchen, zu denen auch die Marchen der Briider Grimm zahlen und die als Grundlage fur diese Facharbeit fungieren. Zum anderen existieren Kunstmarchen. Die Unterscheidung der beiden Marchenformen und somit die Darstellung der Merkmale von Volksmarchen erweist sich als relativ simpel (Neuhaus, 2017, S. 3).

Max Liithi (2004, S. 5) beispielweise definiert Kunst- und Volksmarchen wie folgt:

„Zum Begriff des Volksmarchens gehort, dass es langere Zeit in miindlicher Tradition gelebt hat und durch sie mitgeformt worden ist, wahrend man das Kunstmarchen zur Individualliteratur rechnet, geschaffen von einzelnen Dichtern und genau fixiert, heute meist schriftlich, in frtiheren Kulturen durch Auswendiglernen iiberliefert."

Weitere Merkmale der Gattung Volksmarchen sind, dass sich das Geschehen ohne genaue Orts-und Zeitangabe abspielt und alle notigen Angaben so allgemein ausgesprochen werden, dass sie nicht zu rekonstruieren sind, wie beispielsweise „im dunklen Wald". Die Figuren und Charaktere verhalten sich in der Regel eindimensional. Sie sind entweder gut oder bose, selten beides. Zudem erfolgt keine Psychologisierung. Namen finden sich selten in den Marchen. Diese werden meist durch Attribute wie „Schneewittchen" oder „Das tapfere Schneiderlein" ersetzt. Oftmals werden auch Handwerksberufe zur Charakterisierung verwendet. Die Wiederkehr bestimmter Figuren in Form von gesellschaftlichen und familiaren Rollenzuschreibungen, wie der Konigin oder der bosen Stiefmutter, ist ein weiteres typisches Merkmal des Volksmarchens. Die Handlung verlauft einstrangig, beginnend mit einem Problem, und endet in den meisten Marchen mit einem „Happy End". Zudem bedienen sich Volksmarchen einfacher Sprache: viele Hauptsatze mit wenigen unbekannten Vokabeln (Neuhaus, 2017, S. 7, 12).

Neuhaus (2017, S. 5) opponiert zudem die Aussage Liithis und beschreibt gerade die miindliche Tradierung, welche als eines der Hauptmerkmale gilt, als Mythos. Jeder Text sei durch einen Autor geschaffen worden, auch, wenn dieser in der heutigen Zeit nicht mehr nachvollziehbar sei. Das Abschreiben von verschiedenen Autoren, nicht nur bei der Gattung Marchen, war Normalitat (ebd.).

Die Aussage, dass die miindliche Tradierung ein Mythos sei, zielt nicht darauf ab, dem Merkmal vollkommen zu widersprechen. Vielmehr wird versucht, diesem weniger Bedeutung zuzusprechen. Aufgrund bis zum 18. Jahrhundert nur geringfiigig vorhandener schriftlicher Lektiire und marginalen Wissens dariiber, das Schreiben und Lesen ein Privileg bildeten, war die miindliche Weitergabe der einzige Weg, „Geschichten" weiterzutragen. Dennoch entstammen diese Erzahlungen meist einem Autor (ebd., S. 5f.). Die heutigen Grimm'schen Marchen wurden friiher iiber einen langeren Zeitraum miindlich weitergetragen, bis sie schlieBlich 1812 von den Briidern Grimm in einem Sammelband schriftlich festgehalten wurden. Der Autor der miindlichen Tradierung ist hier nicht bekannt, dennoch liegt es nahe, dass es jemanden gab, der die Geschichten zum ersten Mai erzahlte (ebd.). Das Wort Marchen lasst sich jedoch nur im Hochdeutschen finden. In anderen germanischen Sprachen, wie im Niederlandischen, welches sonst in den Bezeichnungen der Formen gleiche Auspragungen aufweist, werden andere Begriffe verwendet (Poser, 1980, S. 9). Laut Jolles (2006, S. 218f.) haben besonders die Briider Grimm durch ihre Sammlung der Kinder- und Hausmarchen in den Anfangen des 19. Jahrhunderts den Begriff „Marchen" vereinheitlicht. Heute fallen Geschichten und literarische Gebilde haufig dann in die Kategorie „Marchen", wenn sie mit dem iibereinstimmen, was sich auch in den Grimm schen Kinder- und Hausmarchen finden lasst. So spricht man mit Andre Jolles Begriffserklarung von der Gattung Grimm, wenn es um die Beschreibung von Marchen geht (Jolles, 2006, S. 219). Diese Aussage unterstiitzt Radka Sloukova (2015, S. 873). Die Marchen der Briider Grimm und deren Wirkung gehen iiber die Grenzen Deutschlands weit hinaus. Die Briider zahlen zu den einflussreichsten Marchensammlern der Welt und regten viele weitere zur Sammeltatigkeit und zum Studium von Volksmarchen an. Marchen verdanken ihnen ihre Popularitat (ebd.)

3. Entstehungsgeschichte und Wandel der Kinder- und Hausmarchen der Briider Grimm

Weit bis in das 18. Jahrhundert hinein galten Volksmarchen in Deutschland als minderwertige und nicht druckfahige Erzahlungen des minderen Volkes. Bekannt waren sie vor allem als Unterhaltungsgeschichten, welche von Erwachsenen in geselliger Runde zu spater Stunde erzahlt wurden. Die heute als Kinder- und Hausmarchen bekannten Geschichten waren urspriinglichjedoch nicht fur Kinder gedacht (Hetmann, 1982, S. 91). In den Anfangen des 19. Jahrhunderts anderte sich die Sichtweise auf Marchen, und der Dichter Clemens Brentano verfolgte die Absicht, einige Marchen in einem gesammelten Werk zu verschriftlichen und zu veroffentlichen. Es handelte sich um kein isoliertes Phanomen, sondern um eine damals weit verbreitete Bewegung mit groBem Interesse an den Geschichten und deren Sammlung. Zwei seiner damaligen Studenten, die Briider Jacob und Wilhelm Grimm, welche bei ihm als Praktikanten arbeiteten, bat er, die verschiedenen Marchen zusammenzutragen (ebd., S. 92).

Wahrend der Recherche unternahmen die Briider Grimm selbst keine „Streifziige" durch landliche Gegenden. Sie lieBen sich die Geschichten iiber unterschiedlichste miindliche Quellen zutragen, unter anderem von den Damen Mannel, Wild, Hassenpflug und Ramus. Der oftmals aufkommende Einfluss der franzosischen Marchentradition ist ebenfalls diesen Frauen zu verdanken. Sie entstammten dem gehobenem Kassler Stadtbiirgertum und wiesen oft hugenottische Verwandtschaften auf (Rolleke, 2019 S. 78; Neuhaus, 2017, S. 96). In den spateren Aufgaben waren vor allem die Damen Viehmann und Haxthausen/ Droste- Hiilshoff fur viele Beitrage verantwortlich (Neuhaus, 2017, S. 96). Zudem studierten sie drei Jahre lang alte Biicher verschiedener Epochen und Lander. Andere Marchen wurden ihnen in schriftlicher Form direkt zugetragen (Rolleke, 2019 S. 78). Gegen Ende ihrer Nachforschungen verlor Clemens Brentano das Interesse an der Veroffentlichung der gesammelten Marchen und widmete sich anderen Projekten (Hetmann, 1982, S. 92).

Jakob und Wilhelm Grimm entschieden sich dazu, mithilfe von Brentanos Freund Achim von Arnim die bereits zusammengetragenen Werke in einem eigenen Sammelwerk zu veroffentlichen. Am 20. Dezember 1812 erschien in Berlin ihr erstes gesammeltes Werk, wenige Jahre spater, 1815, der zweite Teil des ersten Bandes (Lindner, 2012 und Neuhaus, 2017, S. 95).

Insgesamt enthalt die erste Auflage der Briider Grimm 158 Marchen. Die gesamte Sammlung umfasst sieben groBe Ausgaben aus den Jahren 1812/15, 1819, 1837, 1840, 1843, 1850 und 1857 mit 211 Marchen. Hinzu kommen noch drei kleine Ausgaben, welche erstmals im Jahr 1825 mit fiinfzig ausgewahlten Marchen erschien en (Neuhaus, 2017, S. 95f.). Jeder Auflage wurden neue Marchen hinzugefiigt, bevorzugt aus literarischen Quellen oder altere, ersetzt und iiberarbeitet (Rolleke, 2019 S. 94). Insgesamt wurden ca. dreiBig Texte im Laufe der Editionsgeschichte aus den verschiedenen Auflagen gestrichen (Neuhaus, 2017, S. 96). Bei der 1. Ausgabe von 1812/15 der „Kinder- und Haus- Marchen" handelte es sich um ein Pilotprojekt, welches insgesamt iiber einhundert Marchen umfasst. Darunter sind bis heute einige der wertvollsten und bekanntesten Geschichten zu finden (Rolleke, 2019 S. 83). Die im Buch enthaltenen Texte sollten eine erzieherische Funktion einnehmen und als ein Ratgeber fiir Eltern fungieren, um Kindern richtige Werte beizubringen. So war der Titel kein Hinweis darauf, dass das Buch Kindergeschichten enthielt, sondern machte auf Texte fiir Erziehungsberechtigte aufmerksam (Steinlein, 2015, S. 605).

Hier wandelten beide Briider lediglich den damals typischen miindlichen Dialekt in das Hochdeutsche um und schrieben die Marchen in der ihnen zugetragenen Form nieder. Aber auch eine hier vorgenommene Anderung stellt sich als grundlegend heraus und ist nicht auBer Acht zu lassen (Hetmann, 1982, S. 92).

Trotz eines gewissen, jedoch weniger kommerziellen Erfolges der Erstausgabe richtete sich einige Kritik gegen sie. Unter anderem wurde die geringe kunstvolle Diktion bemangelt. Zum anderen, ein weitaus wichtigerer Kritikpunkt, wurde die Sammlung in Erzahlton und Auswahl der Geschichten als nicht kindgerecht empfunden (Rolleke, 2019 S. 85f.). 1815 entschied sich Wilhelm Grimm dazu, auf Basis der bisherigen Marchensammlung ein Buch fiir Kinder zu gestalten und iibernahm die Redaktion allein. Er entfernte aus der zweiten Auflage anstoBige und grausame Stellen, welche ihm als fiir Kinder ungeeignet erschienen. Durch die Abwandlung verschiedener Textstellen veranderten sich in manchen Marchen ganze Handlungsstrange, jedoch wurde nie der komplette Verlauf eines Marchens angewandelt. Einzelne grausame und gewalttatige Handlungen blieben in nahezu alien Marchen erhalten (ebd., S. 86ff.).

Weitere Veranderungen bestanden zum einen darin, die Geschichten der Epoche der Romantik anzupassen. Dazu fiigte er den niichternen Formulierungen breit gefacherte Schilderungen hinzu. Wilhelm Grimm vereinfachte den Satzbau, verwendete mehr wortliche Rede und erganzte zunehmend mehr Diminutive (Neuhaus, 2017, S. 98). Die wahrscheinlich groBte Veranderung erreichte er durch die Anpassung der Marchen an die zu der Zeit typischen Prinzipien und Ideale des Biirgertums. Hier verfolgte er ein padagogisches Bestreben. Die Geschichten sollte als Erziehungsmittel gelten, im Sinne des biirgerlichen Anstandes (Hetmann, 1982, S. 92).

Zudem entfernte er die fur Jacob Grimm wichtigen wissenschaftlichen Erlauterungen und Anmerkungen aus der ersten Auflage, was diesen dazu bewegte, von den Arbeiten zuriickzutreten (Rolleke, 2019 S. 82). Durch den Versuch Wilhelm Grimms, den Marchen einen kindlichen Sprachstil zu verleihen, aber dennoch den original en Marchenton beizubehalten, entwickelte sich der unverwechselbare Stil der Grimm'schen Marchen (ebd., S. 85f.). Bei den weiteren Uberarbeitungen zog sich Jacob Grimm weitestgehend zuriick, sein Fokus lag nicht auf der Verkindlichung. Ihm war von Anfang an wichtiger, den wissenschaftlichen Charakter hervorzuheben und zu bewahren (Rolleke, 2004, S. 82). Dennoch und auch wegen der vielen Bearbeitungen wurden die Volksmarchen der Briider Grimm zunehmend ein Teil der Literatur (Hetmann, 1982, S. 92). Die Briider Grimm zahlen zu den bekanntesten Sammlern von Marchen. Ihre Kinder- und Hausmarchen sind zwar keine Einzelheit, unterscheiden sich jedoch hinsichtlich der Textgeschichte und des Materialbestandes von anderen literarischen Sammlungen. Wilhelm Grimm folgte mit der Bearbeitung und dem daraus resultierenden Ergebnis eines Kinderbuches einer Tradition und gab Kindern erstmals eine eigene Art von Literatur (Poser, 1980, S. 82). Die Marchen lassen sich auch in heutigen Zeiten, knapp zweihundert Jahre nach ihrer ersten Veroffentlichung, noch als fester Bestandteil der klassischen deutschen Kinderliteratur bezeichnen (Neuhaus, 2017, S. 98).

3.1 Entstehung der Marchen Rotkappchen und Schneewittchen

Rotkappchen wurde von den Briidern Grimm das erste Mai 1812 im ersten groBen Band mit der Nummer 26 veroffentlicht. In der gedruckten Fassung lassen sich hierzu zwei unterschiedliche Versionen finden. Die erste, etwas langere Geschichte lieBen sich die Briider von Johanna (Jeanette) Hassenpflug zutragen und die zweite von Marie Hassenpflug aus den Maingegenden (Uther, 2008, S. 63).

Die erste Geschichte befasst sich mit einem unschuldigen kleinen Kind, welches sich nicht an die Anweisungen der Mutter halt und durch sein Fehlverhalten in Gefahr gerat. Die zweite, etwas kiirzere Geschichte widmet sich einem Kind, welches aus vorherigen Erfahrungen gelernt hat und somit bedrohliche Situationen meistert (ebd., S. 64).

Diese Facharbeit beschaftigt sich ausschlieBlich mit der ersten Geschichte von Johanna Hassenpflug, welche einen deutlichen Bezug zu Charles Perraults Le petit chaperon rouge aufweist. Dieses wurde im Jahr 1697 in dem Sammelband Histoires ou contes du temps passe mitinsgesamtachtProsamarchenauf230 Seiten veroffentlicht (Rolleke, 2004. S. 15f.). Charles Perraults Geschichte hat, im Gegensatz zu dem Marchen der Grimms, einen negativen Ausgang. Hier wird das Rotkappchen vom Wolf gefressen (Uther, 2008, S. 64).

Nach der Veroffentlichung Perraults erfolgte im Jahre 1761 eine erste Ubersetzung in das Deutsche durch einen anonymen Autor. Diesem wurde jedoch bis heute kaum eine groBe Bedeutung in der Entstehung der Volksmarchen zugesprochen. Hier wurde sich genau an die Vorlage Perraults gehalten, es wurde nichts hinzugefiigt oder entfernt (ebd., S. 64f.). Im Jahre 1800 veroffentlichte Ludwig Tieck eine Fassung des Rotkappchens unter dem Namen Leben und Tod des kleinen Rotkdppchens. Hier diente entweder Perraults Marchenversion direkt als Vorlage oder eine ins Deutsche iibersetzte Variante. Tieck milderte in seiner Fassung das ungliickliche Ende in ein positives um, der Wolf wurde durch den Jager erschossen. Die hier vorzufindende ausgleichende Gerechtigkeit kam den Briidern Grimm zugute, da diese dem Bestreben folgten, den guten Genugtuung zuteil werden zu lassen. Die Briider Grimm fiigten aber auch diesem Ende noch etwas hinzu, indem sie den Ubergang zwischen Leben und Tod aufhoben und sowohl das Rotkappchen als auch die GroBmutter lebend aus dem Wolf gerettet werden konnen (ebd., S. 65; Fabritius, 2010, S. 70). Das Marchen Schneewittchen mit der Nummer 53 in den Kinder- und Hausmarchen der Briider Grimm wurde erstmals 1812 veroffentlicht. Hier stellt sich die Rekonstruktion als etwas schwieriger heraus als im Falle von Rotkappchen (Uther, 2008, S. 125).

[...]


1 Das mannliche Geschlecht impliziert alle Geschlechtsvarianten und wird zur besseren Lesbarkeit im FlieBtext verwendet.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Grimms Märchen. Die Modifikation von Grausamkeit und Gewalt
Untertitel
Eine Analyse an den Beispielen Schneewittchen und Rotkäppchen
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Germanistik)
Veranstaltung
Poetiken der Kinder- und Jugendliteratur
Note
2,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
28
Katalognummer
V911985
ISBN (eBook)
9783346232656
ISBN (Buch)
9783346232663
Sprache
Deutsch
Schlagworte
grimms, märchen, modifikation, grausamkeiten, gewalt, eine, analyse, beispielen, schneewittchen, rotkäppchen
Arbeit zitieren
Katrin Pöppelmeyer (Autor), 2020, Grimms Märchen. Die Modifikation von Grausamkeit und Gewalt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/911985

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