Der Wandel des sozialen Konflikts und der Protestkultur in Europa

Wo bleibt der Protest der Alten?


Essay, 2015

10 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Ist von sozialem Protest und sozialen Bewegungen die Rede, so waren die dadurch erweckten Assoziationen lange Zeit zumeist eindeutig: Politische und/oder wirtschaftliche Krisenzeiten, Widerspruch gegen Eliten und Machthabende, die bestimmte als Missstände empfundene Zustände verursachen oder billigen, verkörpert im jugendlichen, politischen Rebellen. Jugendlichkeit als ein zentrales Moment von Widerspruch und Aufbruch scheint dem Phänomen des sozialen Protests in gewisser Weise eingeschrieben, wohl nur wenige widersprächen, würde man sagen, mit einem gewissen Alter korreliere die „Bereitschaft, aufzubegehren und Risiken einzugehen“ (Kurtenbach 2012: 48). Dennoch finden sich in der sozialwissenschaftlichen Theorie nur schwerlich Anhaltspunkte für die Jugendlichkeit als ein Definitionskriterium für „soziale Bewegungen“. Ähnlich beschreibt dies Klaus-Jürgen Scherer und spricht einleitend zu seiner Studie „Jugend und soziale Bewegung“ vom auffälligen „Fehlen einer systematischen Verknüpfung“ beider (Ders. 1988: 7). Ist diese Annahme also nicht mehr als eine mediale und von der Massengesellschaft reproduzierte Repräsentation eines von altersstrukturellen Einflüssen eigentlich unabhängigen sozialen Phänomens oder müsste man, ausgehend von „Jugend“ als dem Produkt bürgerlicher und industriekapitalistischer Emanzipationsprozesse, das Definiendum „soziale Bewegung“ grundlegend mit jenem verbinden?

Betrachtet man das Phänomen der sozialen Bewegung in einer historischen und theoretischen Gesamtschau (wie es zahlreiche einführende theoretische Texte zu diesem Thema tun), so wird klar, dass dies, wie oben bereits vorweggenommen, regelmäßig nicht geschieht. Der geradezu banale Grund: Die Empirie bestärkt die Richtigkeit dieser Annahme. Sowohl die alterstrukturelle Zusammensetzung der Trägerschaft historischer als auch aktueller Bewegungen würde wohl kaum den Schluss zulassen, über Einzelphänomene oder eine Kategorie von Jugendbewegungen hinaus, soziale Bewegungen mit „Jugend“ grundlegend zu verknüpfen. Die Schwierigkeit einer solchen Frage liegt darin, dass sie, abgesehen vom sozialwissenschaftlich ohnehin schwierig festzulegenden „sozialen Protest“, mehrere Dimensionen umfasst, die überdies wiederum miteinander verknüpft sind. So weisen sowohl die im 19. Jahrhundert aufkommende Arbeiterbewegung als eine klassische „alte“ soziale Bewegung als auch die neuen sozialen Bewegungen im Gefolge der 68er Studentenbewegung und letztlich auch heutige, aktuelle Bewegungen durchaus eine altersstrukturell nicht exklusiv jugendliche oder lebensältere Trägerschaft auf, wenngleich teils deutliche Übergewichte bei meist jungen Trägern erkennbar sind. Rein von der Sozialstruktur her betrachtet, womit hier konkret die „Struktur der Anhängerschaft“ (Rucht 1994: 84) gemeint ist, ist also durchaus eine Tendenz in Richtung „Jugend“ zu erkennen.

Allerdings nicht vergessen werden darf bei einer solchen Betrachtung der über derartige sozialstrukturelle Aspekte sozialer Bewegungen hinausgehende der symbolischen und konzeptionellen Bedeutung von Jugendlichkeit bzw. Alter für soziale Bewegungen sowie der Aspekt des hinter einer Bewegung stehenden Wertehorizonts. Diese würde man der Untersuchungsdimension der „Ideologie“ (Ebd.) sozialer Bewegungen zuschreiben.

Wie also steht es unter Berücksichtigung solcherlei auszumachender Determinanten mit dem Phänomen der sozialen Bewegung im Hinblick auf einen Megatrend wie dem des demographischen Wandels? Ist es im Bezug auf ein derart einer je gesellschaftshistorisch bestimmten handlungs- und situationsspezifischen Logik unterliegendes Phänomen überhaupt sinnvoll, sein Wandlungspotential angesichts alternder Gesellschaften über eine aktuelle empirische und theoretische Betrachtung hinaus prospektiv theoretisch auszuloten? Wenn ja, wie steht es aktuell um die Trägerschaft sozialen Protestes durch Alte und eine bzw. mehrere bereits bestehende Altenbewegungen? Welche theoretischen Konzepte, empirischen Phänomene und Untersuchungen liefern Hinweise und müssen über die intergenerationalen Unterschiede der zumindest nächsten beiden Generationen von Alten hinaus auch intragenerationale Unterschiede sozialer Ungleichheit Beachtung finden?

Bevor zur Beantwortung dieser Fragen aus soziologischer Perspektive auf das Phänomen des Alters bzw. Alterns und v.a. bzgl. dessen bereits erfolgter und noch zu erwartenden Wandlungsprozessen eingegangen wird, soll zunächst die Ausgangsbasis der im Titel gestellten Frage erläutert werden. In ihrem 2007 erschienen Buch „Die Altersrevolution – wie wir in Zukunft alt werden“ beziehen Petra und Werner Bruns sowie Rainer Böhme den Alterswandel auf eine Gruppe, die nicht nur in Deutschland die gängigen Repräsentationen von Protest und Verweigerung bis heute maßgeblich prägt. Nach Meinung der Autoren steht mit dem Renteneintritt der 68er eine Revolution des Alters bevor, die sich nicht passiv, sondern der kämpferischen und konfliktorientierten Mentalität ihrer Ursprungsideale gemäß aktiv und „selbstbestimmt“ dem Jugendwahn entgegen stellt. Diese Prognose soll im Folgenden abschließend anhand geeigneter theoretischer Konzepte und empirischer Betrachtungen diskutiert und bewertet werden.

Rein soziologisch betrachtet ist das „Alter“ im Sinne des Lebensabschnittes eine sowohl individuelle als auch soziale Konstruktion (vgl. Schröter/Künemund 2010: 394). Genauso wie sich jeder alt, nicht alt oder jung „fühlt“ und sich so oder so bezeichnet, wird „Alter“ gesamtgesellschaftlich und auch in speziellen sozialen Kontexten unter je verschiedenen Bedingungen konstruiert. Obwohl diese Konstrukte eine relativ hohe Persistenz aufweisen, ist somit aber gesagt, dass sie wandelbar sind. Fernab dieser individuellen Bedeutung des „Alters“ für den Einzelnen, impliziert der Begriff aber selbstverständlich auch eine gesamtgesellschaftliche Dimension. Besonders für das Faktum des demographischen Wandels, welcher sich nicht in den bloßen Phänomenen des Alterns und Schrumpfens der Gesellschaft erschöpft, ist dies von großer Bedeutung. Dass immer mehr Menschen immer älter werden und aufgrund niedriger Geburtenraten Bevölkerungszahlen sinken, verändert nicht lediglich die bloße Struktur, sondern vielmehr auch die Konstitution der sie bestimmenden Konstrukte, wie z.B. des Alters, und somit symbolische Bedeutungen und Sinnzuschreibungen sowohl bzgl. der Selbst- als auch der Fremdwahrnehmung (vgl. Denninger et al. 2014: 9). In diesem Kontext beschreiben Backes, Clemens und Schroeter, dass das Alter nicht mehr nur ein „Strukturprinzip per se“ ist, sondern entstrukturiert wird und damit „die Suche nach neuen Konstruktionen des Alters – im Kontext neuer Konstruktionen des Alterns – […] individuell wie gesellschaftlich, privat wie politisch längst begonnen hat“ (Dies. 2001: 8; 10). Die Binnenstruktur der Gruppe der Alten könne aufgrund dieser Entwicklungen nun neben dem kalendarischen auch anhand des funktionalen Alters beschrieben werden, und eine ehemals „kollektiv ausgeprägte Lebensphase“ zerfalle „zunehmend in plurale Verlaufs- und Existenzformen und verschiedenartige Zeitstrukturen“ (Ebd.: 10f). Die in diesem Kontext existierenden Konzepte „aktiven“ oder „jungen“ Alters haben dabei teils seit mehreren Jahrzehnten Konjunktur und beginnen nicht erst mir der Frage danach, wie die gesellschaftlich hoch relevante Gruppe der 68er altern wird bzw. altert. So sprachen etwa vor den bereits erwähnten Bruns und Böhme oder Schirrmacher in „Das Methusalem-Komplott“ (2004) Georg Sieber 1972 in „Die Altersrevolution“ oder Buttler et al. 1988 in „Die Jungen Alten – Eine neue Lebensphase als ordnungspolitische Aufgabe“ von dieser mehr oder weniger neuen Sozialfigur. Die Verhaltensdimension der unkonventionellen politischen Beteiligung fand in diesen Analysen allerdings keine Beachtung. Trotzdem wurde die Annahme einer Altenbewegung bereits zu dieser Zeit ins Feld geführt, welche ihre Grundlage in der zeitweisen und maßgeblich von den GRÜNEN mit getragenen Etablierung der (und sich damit zumindest indirekt aus dem auf die 68er zurückgehenden Drive der sich in ihrem Gefolge etablierenden so genannten „Neuen sozialen Bewegungen“ speisenden) Grauen Panther fand.

[...]

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Der Wandel des sozialen Konflikts und der Protestkultur in Europa
Untertitel
Wo bleibt der Protest der Alten?
Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
10
Katalognummer
V911987
ISBN (eBook)
9783346232625
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wandel, konflikts, protestkultur, europa, protest, alten
Arbeit zitieren
Stefan Herber (Autor), 2015, Der Wandel des sozialen Konflikts und der Protestkultur in Europa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/911987

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Wandel des sozialen Konflikts und der Protestkultur in Europa



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden