Romantische Naturphilosophie. Der Einheitsgedanke bei Hans Christian Ørsted


Essay, 2013

8 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Essay

Romantische Naturphilosophie - Der Einheitsgedanke bei Hans Christian Orsted

Die Kulturepoche der Romantik wird weitläufig als die Gegenbewegung zu der in weiten Teilen des 18. Jahrhunderts das kulturelle, wissenschaftliche sowie gesellschaftliche Leben der westlichen Welt dominierenden Aufklärung verstanden. Prägend für die Zeit, in wel­cher die Religion als oberste Instanz der Validität von Wissenschaft und Wahrheit zurück­gedrängt wurde zugunsten der menschlichen Vernunft waren die Nachwirkungen und in ihrer Wichtigkeit kaum zu überschätzenden Entdeckungen Isaac Newtons. Das Weltbild der Wissenschaft und mithin auch weiter Teile der Philosophie, die ihrerzeit noch die Be­reiche mit umfasste, die man heute gemeinhin als Naturwissenschaften bezeichnet, war durchdrungen von einem mechanistischen Determinismus,1 welcher im Sinne eines auf die metaphysische Ebene verlagerten Atomismus alle Naturerscheinungen auf sich anziehende und sich abstoßende Materie zurückführt.2 Alles und in letzter Konsequenz auch die Be­griffe von Geist, Seele und Vernunft wurden einer deterministischen Sichtweise folgend als den Naturgesetzen unterworfen betrachtet.

Die Romantik nun, die ihre Ursprünge in der Kunst und speziell in der Literatur fand, lehn­te ein solches Über-Unterordnungsverhältnis zwischen Natur und Vernunft auf der einen und Geist und Leidenschaft auf der anderen Seite ab. Für den Bereich der Naturphiloso­phie jedoch wichtiger als die Grundstimmung innerhalb der Sphäre der Künste war die Entdeckung eines bologneser Arztes 1780. Luigi Galvani beobachtete die Muskelkontrak­tion sezierter Froschschenkel beim unwissentlichen Anlegen eines Stromkreises an Nerv und Muskel. Später entdeckte Alessandro Volta, dass nicht wie von Galvani postuliert eine immanente „tierische Elektrizität“, sondern vielmehr die äußere Spannung zwischen den Metallen als Ladungsträger für den Effekt verantwortlich war. Dem durch die Interpretati­on des „Galvanismus“ als immaterielle Lebenskraft in Gang gesetzten grundlegenden Zweifel am Mechanizismus tat dies jedoch keinen Abbruch.3

Dem allgemeinen Harmoniebestreben der Epoche gemäß setzte sich auch unter einer Reihe von zeitgenössischen Naturforschern, damals eher als Naturphilosophen zu bezeichnend, der Grundgedanke einer Gleichrangigkeit von Natur und Geist in Form einer Einheit bei­der durch, welche sich wiederum in eine ganzheitliche Einheit der Natur einbettet. Un­trennbar verknüpft mit dem zuletzt Gesagten ist der Name Friedrich Wilhelm Schellings und dessen Identitätsphilosophie. Neben dessen spekulativer bildet Kants transzendentale Naturphilosophie einen der Grundpfeiler für die Theorien der romantischen Naturphiloso- phie.4 Dennoch beziehungsweise (bzw.) gerade deshalb muss die häufig vorgefundene Meinung, die pauschal das „Nebulöse“ der Romantik auf den gesamten Bereich der roman­tischen Naturforschung ausdehnt5 und Versuchen entspringt, jene gegenüber der aufkläre­rischen Naturwissenschaft zu diskreditieren, als unberechtigt angesehen werden.

Keineswegs nämlich lehnte die romantische Naturphilosophie die Errungenschaften und Methoden der „modernen“ Wissenschaft der Aufklärung ab. Vielmehr ist mit Daiber festzuhalten, dass sie, eher als ein reaktionäres Sträuben, einen Rekurs auf die Philosophie6 darstellte in dem Unbehagen, zugunsten des neuen rein quantitativ und kausalistisch ge­prägten Wissenschaftschemas das Bewährte und teils Altbewährte vorschnell als über­kommen abzutun. Die Sichtweise auf die Romantik und vor allem die romantische Natur­philosophie muss daher eine differenziertere sein; die überbordende Betonung eines Sub­jektivismus darf nicht einfach als die Regel angenommen werden. Zugegebenermaßen lie­ferten Schelling und vor allem dessen Schüler, die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts vom naturwissenschaftlichen Anspruch der romantischen Naturphilosophie loslösten und eine spekulative und mystische Naturphilosophie entwickelten, welche feststehende Prin­zipien in willkürliche Theorien entlehnte,7 die Grundlage und den Nährboden für derlei Pauschalurteile. Auch Schelling selbst sah sich seinerzeit dem Vorwurf der „[...] Mißach­tung [sic] der Empirie“ ausgesetzt, die auch von Zeitgenossen und Förderern wie Goethe kaum gebilligt worden sein dürfte.8

Den krassen Gegenbeweis eines Naturforschers romantischer Prägung, in dessen Werk zwar das spekulative Element ebenfalls eine zentrale Rolle einnahm, welcher jedoch als einer der anerkanntesten Experimentatoren seiner Zeit galt, war Johann Wilhelm Ritter. Den Galvanismus erhob er zum „Centralphänomen“ und suchte die Einheit von Materie bzw. Natur und Geist über den menschlichen Körper als Analogon für die Ganzheitlichkeit der Natur zu beweisen, wozu er in selbstzerstörerischer Weise den eigenen Leib nutzte.9

Hans Christian 0rsted, selbst ein Bewunderer und Nachahmer einiger Versuche Ritters, wirkt im Lichte des bereits über seine Zeitgenossen Erwähnten wie ein beinah mo­derater Verfechter der romantischen Naturphilosophie. Und tatsächlich hegte er beispiels­weise für Schelling sowohl Hochachtung als auch Missstimmung, die er im Rügen seiner Methodik kundtat. Spekulativem Abdriften und der Vernachlässigung der Empirie ver­wehrte 0rsted seine Gutheißung.10 Auf einer Linie jedoch war 0rsted mit Schellings An­nahmen bezüglich seines Einheitsbegriffes der Natur. Dieser setzt sich von einer „bloß empirischen Naturforschung“ durch die Konstruktion der „Natur als schöpferischen Orga­nismus“ ab, in welchem ihm nach 0rsted vor allem das Verdienst zukommt, die Identität aller Naturerscheinungen als göttliche Offenbarung zu definieren.11

Wie für die romantische Naturphilosophie im Allgemeinen so war Kant nicht nur für Schelling,12 sondern auch für 0rsted von enormer Wichtigkeit. Seiner transzendentalen Naturphilosophie folgend lehnte er den Materiebegriff des Mechanismus, der auf dem Atomismus basierte, aus Gründen der Nicht-Nachweisbarkeit ab und fußte seine Naturphi­losophie auf die Maßgabe des dynamischen Materiebegriffes, welchen Kant aus dem Kräf­teverhältnis aus Attraktion und Repulsion ableitete.13 Gemeinsam mit der zu jener Zeit herrschenden wissenschaftlichen Euphorie rund um die Entdeckung der „neuen Kräfte“ bildete dies sozusagen die Grundeinstellung des Dänen. 1820 entdecke 0rsted das Zusammenwirken von Magnetismus und Elektrizität und begriff als erster neben der reinen Evidenz des Elektromagnetismus auch die weitergehende Be­deutung dieses Phänomens - er stellte Vermutungen auf, welche später zur Entwicklung der Theorie der Elektrodynamik maßgeblichen Beitrag leisteten. Er war überzeugt davon, dass in der Natur und zwischen allen ihr innewohnenden Kräften eine untrennbare Einheit besteht. Gerade diese Grundannahme ließ, lange bevor Mayer den Energieerhaltungssatz und Ostwald seine Theorie der Energetik formulierte, die Überzeugung in ihm reifen, dass die in der Natur herrschenden Kräfte zumindest in gewissem Umfang ineinander umwan­delbar sein müssten.

Mit dem Gedanken einer Einheit aller Erscheinungen und auch der Einheit zwischen dem kaum leugbaren Geistigen und der Natur eng verbunden ist bei 0rsted stets die Frage, wie der Mensch zur Kenntnis beziehungsweise Erkenntnis der äußeren ihn umgebenden Dinge kommt. Er stellt fest, dass jedem Körperlichen etwas Wirkendes anhaftet und sich kein Ding in der uns umgebenden Natur, so beständig und unveränderlich es auch wirken mag, jemals völlig in Ruhe befindet. Somit seien Körper aufgrund ihrer Wirksamkeit „krafter­füllte Räume“14 - eine der Grundannahmen seiner Naturphilosophie, in der sich eindeutig die Würdigung des kantischen Materiebegriffs widerspiegelt. Die Beständigkeit, die man­che Körper in Form von „dauerhaften Gestalten“ ausstrahlen, ist nach 0rsted lediglich Täuschung - selbst das härteste Material lässt sich unter entsprechender Krafteinwirkung „zusammendrücken“ und wirkt überdies einen Gegendruck aus.15

Dennoch kann der Mensch in der Natur gleich oder zumindest sehr ähnlich sich wiederho­lende Erscheinungen beobachten, was die Vermutung nahelegt, dass etwas Beständiges existieren muss.16 Im Kapitel „Das Geistige in dem Körperlichen“ seines Werkes „Der Geist in der Natur“ macht er diesen Grundgedanken bildlich am Beispiel eines Wasserfal­les deutlich. Wie bereits erwähnt besteht dieses Fortwährende jedoch nicht in irgendeiner Eigenschaft, die sich primär mit einer Gegenständlichkeit identifizieren lässt; denn gerade in einer Dynamik drückt sich dieses aus, weshalb der Wasserfall auch ein besonders geeig­netes Beispiel darstellt, um dies zu illustrieren. So erläutert 0rsteds „Alfred“ im Zwiege­spräch mit der naiven „Sophie“, dass der niederstürzende Fluss ja zu zwei verschiedenen Zeitpunkten der Wahrnehmung zwar noch immer derselbe, also durchaus eine beständige Erscheinung der Natur, sei, dass jedoch selbstverständlich weder das gerade fließende Wasser, noch die Schaumblasen oder der Felsenuntergrund zu zwei aufeinander folgenden Momenten noch dieselben seien.17

Das, was die Beständigkeit ausmacht, ist also „[...] eine Menge von Wirkungen[...]“, wel­che er auf den Begriff des „Naturgedanken[s]“ (den er zunächst als Gedanken im Sinne der Geistesregung eines menschlichen Individuums stehen lässt) bringt und somit eine er­ste Gemarkung im Hinweis auf die Immanenz einer geistigen Entität im Materiellen setzt.18 0rsted identifiziert weitergehend mit diesem Gedanken die Naturgesetze, welche als absolut gesetzt überall gleich, nur unter je verschiedenen Umständen wirken. Ausge­hend von der Grundgleichheit in allen Erscheinungen erweisen sich letztere als lediglich „verschiedene Ausführungen eines großen Gedankens“ - eine Formulierung, die die Ein­führung einer metaphysischen Entität erahnen lässt.19

Die Naturgesetze selbst stellen in dieser Konstruktion jedoch nicht den Kern dar, sondern das ihnen innewohnende „Vernunftverhältnis“. Auf welchem Weg nun gelangt 0rsted un­ter den gestellten Bedingungen zum Begriff der Vernunft? Zunächst postuliert er, den Zu­sammenhang zwischen den Naturgesetzen und der Vernunft erkenne man aus der Teilhabe der menschlichen Vernunft an diesen Gesetzmäßigkeiten. Die Geschichte der Wissenschaft habe immer wieder gezeigt, dass aus logischen Schlüssen des menschlichen Geistes die Naturgesetze erst hergeleitet wurden und sich dennoch in der Empirie bestätigt haben.20

[...]


1 Vgl. Daiber 2000: 3.

2 Vgl. Bernoulli 1926: I.

3 Vgl. ebd.

4 Vgl. Daiber.: 3 f.

5 Vgl. Segrè 1990: 203.

6 Daiber 2000: 4 (Vgl. Fußnote).

7 Breidbach 2007: 183.

8 Bernoulli 1926: VI.

9 Vgl. Daiber 2000: 2 und 9 ff.

10 Vgl. Franksen 1981: 35.

11 Vgl. Bernoulli 1926: V sowie Wilson 2007: 3.

12 Vgl. Daiber 2000: 3 f.

13 Vgl. a.a.O.: 4 sowie Kant 1794: 92 ff.

14 0rsted 1850: 8.

15 A.a.O.: 12.

16 Vgl. a.a.O.: 11.

17 Vgl. a.a.O.: 14.

18 Vgl. Ebd.

19 Vgl. a.a.O.: 14 ff.

20 Vgl. a.a.O.: 17.

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Details

Titel
Romantische Naturphilosophie. Der Einheitsgedanke bei Hans Christian Ørsted
Hochschule
Universität Trier
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
8
Katalognummer
V911991
ISBN (eBook)
9783346244062
Sprache
Deutsch
Schlagworte
romantische, naturphilosophie, einheitsgedanke, Ørstedt
Arbeit zitieren
Stefan Herber (Autor), 2013, Romantische Naturphilosophie. Der Einheitsgedanke bei Hans Christian Ørsted, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/911991

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