Andrea del Verrocchios Büste "Dame mit Blumenstrauß" zieht Kunsthistoriker seit Jahrzehnten in ihren Bann, wobei sich die Suche nach Quellen zu Provenienz und Auftrag äußerst mühsam gestaltet. Diese Arbeit soll die Ergebnisse dieser Suche nach einer genauen Betrachtung und ikonographischen Analyse des Kunstwerks zusammentragen. Außerdem wird der Frage nachgegangen, inwiefern die Büste das Porträt einer Verstorbenen oder einer Geliebten darstellen könnte.
Um die Identität der Dame ist in den letzten Jahren ein regelrechter Akademikerstreit entstanden. Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Büste erneut genau zu betrachten und den jetzigen Stand der Forschung wiederzugeben, die Argumente der Kunsthistoriker kritisch zu betrachten und die verschiedenen Positionen abzuwägen.
Hierbei ist die Arbeit in vier Teile gegliedert. Nach einer ausführlichen Werkbetrachtung wird die Büste ikonographisch analysiert, wobei besonders auf den Typus der Büste sowie ihre Kleidung und die Blumen eingegangen wird. Danach werden die vier Möglichkeiten für die Identität der Porträtierten vorgestellt und anhand der Fachliteratur die verschiedenen Forschungspositionen erläutert und kritisch betrachtet. Darauf folgt eine Erörterung der Funktion und Bedeutung der Büste für ihren Auftraggeber, die entsprechend der Identität der Porträtierten variieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Dame mit Blumenstrauß
2.1 Werkbeschreibung
2.2 Ikonographie
2.3 Die Frage des Modells
2.4 Kommemoration oder Sinneslust?
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die im Bargello zu Florenz befindliche Marmorbüste der "Dame mit Blumenstrauß" von Andrea del Verrocchio. Ziel ist es, den aktuellen Forschungsstand zur Provenienz und Identität der Porträtierten kritisch zu würdigen, eine ikonographische Analyse des Werkes vorzunehmen sowie die Ambivalenz zwischen religiöser Andachtsfigur und profanem Geliebtenporträt zu erörtern.
- Detaillierte Werkbetrachtung und ikonographische Analyse der Büste
- Diskussion möglicher Identitäten (u.a. Simonetta Vespucci, Ginevra de' Benci, Lucrezia Donati)
- Untersuchung der Funktion als Kommemoration oder Ausdruck von Sinneslust
- Kritische Auseinandersetzung mit kunsthistorischen Thesen zur Provenienz
- Bedeutung von Attributen wie Blumen und Kleidung in der Renaissance
Auszug aus dem Buch
2.1 Werkbeschreibung
Sie ist eine außergewöhnliche Erscheinung, und das nicht nur aufgrund ihrer Schönheit – die Dame mit Blumenstrauß fängt den Blick des Betrachters ein, ohne ihn direkt anzusehen und hält ihn fest. Die Marmorbüste im Bargello in Florenz ist das Porträt einer jungen Dame, die ein kleines Sträußchen in feinen Stoff gewickelt sanft an ihre Brust drückt (Abb. 1). Die Büste schneidet den Körper der Frau erst auf Höhe des Bauchnabels ab, eine ungewöhnliche Darstellungsart zu ihrer Entstehungszeit, durch die der Künstler ihre Brust und Arme ebenfalls darstellt. Die 61 cm hohe Skulptur wurde vermutlich von Andrea del Verrocchio um 1475 geschaffen. Zu Auftraggeber und Provenienz es sind kaum Quellen vorhanden. Lange Zeit nahmen KunsthistorikerInnen fälschlicherweise an, die Büste wäre zu Beginn im Besitz der Medici gewesen und diese könnten somit den Auftrag gegeben haben. Tatsächlich tauchte die Büste das erste Mal 1822 im Testament Francesco Ceccherinis auf, der sie von einer 'famiglia gentilizia di questa città‘ geschenkt bekommen hatte und dessen Erben sie an die Galleria degli Uffizi verkauften, von der sie dann schließlich ins Bargello kam. Die Frage der Provenienz stellt ein großes Problem bei der Diskussion zur Identität der Porträtierten dar; dies wird in Kapitel 2.3 genauer betrachtet.
Die junge Frau ist fein gekleidet, ihre Haare sind vorne gescheitelt und in kleinen Löckchen um ihr Gesicht gelegt, am Hinterkopf sind sie unter eine Haube gebunden. Sie blickt in Gedanken versunken mit leicht geneigtem Kopf rechts am Betrachter vorbei, der Ansatz eines Lächelns umspielt ihre Lippen und nimmt so ihrem ernsten Blick die Härte. Ihre kräftige Nase, buschige Augenbrauen sowie die leichte Asymmetrie ihrer Augen machen sie lebendig. Die vollen Wangen, das markante Kinn und der breite Unterkiefer verleihen ihr Charakter und Individualität (Abb. 2). Auffällig sind ihre Augenlider, die ungewöhnlich dick hervortreten und auch unter dem Auge beinahe geschwollen aussehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema ein, skizziert die kunsthistorische Bedeutung von Verrocchios Büste und legt die methodische Vorgehensweise der Arbeit dar.
2. Die Dame mit Blumenstrauß: Dieses Kapitel liefert eine detaillierte physische Beschreibung der Büste, analysiert deren ikonographische Bezüge zu Andachtsfiguren, diskutiert mögliche Identitäten der porträtierten Dame und hinterfragt die Funktion des Werkes im Kontext von Gedenken und Erotik.
3. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zur Identitäts- und Funktionsdebatte zusammen und unterstreicht die Rolle der Büste als ein vielschichtiges Mysterium zwischen Tugenddarstellung und weltlicher Liebe.
Schlüsselwörter
Andrea del Verrocchio, Dame mit Blumenstrauß, Florenz, Renaissance, Marmorbüste, Ikonographie, Simonetta Vespucci, Ginevra de' Benci, Lucrezia Donati, Porträtplastik, Geliebtenporträt, Provenienz, Kunstgeschichte, Skulptur, Kommemoration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Marmorbüste "Dame mit Blumenstrauß" von Andrea del Verrocchio und untersucht deren kunsthistorische Bedeutung sowie die Fragen nach ihrer Identität und Funktion.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen umfassen die Werkbeschreibung, die Ikonographie der Darstellung, die Identifikation des Modells sowie die motivische Bedeutung von Blumen und Kleidung in der Renaissance-Porträtkunst.
Was ist die zentrale Forschungsfrage der Untersuchung?
Die Arbeit geht der Frage nach, wer die porträtierte Dame ist und ob die Büste als posthumes Gedenkbild (Kommemoration) oder als ein für einen Verehrer angefertigtes Geliebtenporträt zu deuten ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin nutzt eine kunsthistorische Werkbetrachtung sowie eine vergleichende ikonographische Analyse unter Einbeziehung zeitgenössischer Quellen und der aktuellen Forschungsliteratur.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Werkbeschreibung, eine ikonographische Einordnung in den Typus der Halbfigur, die Erörterung der Identität anhand verschiedener kunsthistorischer Thesen sowie eine Analyse der möglichen Funktion des Werkes.
Welche Schlagworte charakterisieren das Werk?
Wichtige Schlagworte sind neben dem Künstler Verrocchio und dem Werk "Dame mit Blumenstrauß" die Begriffe Renaissance, Identität, Geliebtenporträt, Ikonographie und Florentiner Kunst.
Warum wird die Provenienz als problematisch angesehen?
Die Provenienz ist problematisch, da es für die Entstehungszeit kaum gesicherte Quellen gibt und die Büste erst spät (1822) erstmals dokumentiert in einem Testament auftaucht, was Spekulationen über Auftraggeber und Dargestellte befeuert.
Welche Rolle spielt die Ikonographie der Blumen?
Die Blumen werden als Symbole für Tugend, Reinheit, aber auch für Liebe, Vergänglichkeit oder den Übergang zwischen Leben und Tod gedeutet, was die Ambivalenz des Porträts verstärkt.
Warum spielt die Verwendung von Lebend- oder Totenmasken eine Rolle in der Diskussion?
Die Theorie der Maskenverwendung soll die spezifischen Physiognomien der Dame erklären, wie etwa die geschwollenen Augenlider oder die Form der Wangen, die als Spuren eines Gipsabdrucks interpretiert werden könnten.
Wie bewertet die Autorin die Identitätsdebatte?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass aufgrund der mangelnden Quellenlage keine eindeutige Identifikation möglich ist, betont aber, dass das Werk zweifelsfrei ein Porträt einer geliebten Dame ist.
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- Anja Schneider (Author), 2019, Wer war die "Dame mit Blumenstrauß" von Andrea del Verrocchio?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/912116