Ossian in Goethes Werther


Hausarbeit, 2004
23 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Epoche der Empfindsamkeit

3. Die Leiden des jungen Werther als Briefroman

4. Ossian
4.1. Die Entstehungsgeschichte des Ossian
4.2. Goethe und Ossian
4.3. Die Welt des Ossian

5. Werther und Ossian
5.1. Werthers Rezeption der Ossian-Gesänge
5.2. Parallelen in den Handlungen des Werthers und des Ossians
5.2.1. Colma
5.2.2. Ryno
5.2.3. Alpin

6. Werthers Tod

7. Fazit

8. Bibliographie

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit beschäftige ich mich mit der Ossian Lektüre Werthers und Lottes. Zuerst werde ich jedoch kurz auf die Epoche der Empfindsamkeit eingehen, um an ihr zu verdeutlichen, warum die Leiden des jungen Werther so charakteristisch für die Empfindsamkeit sind. Danach folgt ein Exkurs über den Roman als Briefroman, bevor ich zur Entstehungsgeschichte der ossianischen Gesänge übergehe. Die Rezipienten der Empfindsamkeit kümmerte es wenig, dass es sich bei den Gesängen um einen Betrug handelte, sprach Ossian ihnen doch aus der Seele. So auch Goethe, der, von Herder inspiriert, einem intensiven, wenn auch kurzen, Ossianfieber verfiel. Immerhin führte diese Faszination dazu, dass Goethe die Gesänge Ossians in den Werther integrierte und so den Ossian erst in Mode brachte. Um sich einen Überblick über die Welt des Ossian verschaffen zu können, folgt ein Einblick in diese.

Bevor ich im Hauptteil auf die Parallelen in den Handlungen des Werthers und des Ossians eingehe, beleuchte ich Werthers Rezeption der Gesänge. Da Werthers Liebe so unbedingt ist, und er nur mit Lotte als seiner Geliebten leben kann, muss sein Verhalten unweigerlich in den Tod führen. Deshalb werde ich auch dieses Thema ansprechen.

Im Fazit gehe ich der Frage nach, warum der Roman einen solchen Zuspruch erlebte und schließe damit die Arbeit über einen der „spektakulärsten Fälle produktiver Rezeption in der Literaturgeschichte“[1] ab.

2. Die Epoche der Empfindsamkeit

Empfindsamkeit ist eine „literatur- und mentalitätsgeschichtliche Tendenz“[2], eine „Geisteshaltung und literarische Geschmacksrichtung“[3] des 18. Jahrhunderts. Der Begriff empfindsam wurde auf Anregung Lessings durch J. J. C. Bode als Übersetzung des englischen sentimental (Bode übersetzte Sternes Yorik’s Sentimental Journey) eingeführt: „Wagen Sie, empfindsam! Wenn eine mühsame Reise eine Reise heißt, bei der viel Mühe ist: so kann ja auch eine empfindsame Reise eine Reise heissen, bey der viel Empfindung war.“[4] Allein im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm gibt es über zwanzig Einträge, die von empfindbar über Empfindeln bis hinzu Empfindsamkeit und Empfindung reichen. J. H. Campe bezeichnete 1785 Empfindsamkeit als „die Empfänglichkeit zu Empfindnissen oder die Fähigkeit, sittliche Empfindungen zu haben.“[5] Des weiteren unterschied er zwischen zwei Fällen der Empfindsamkeit:

„Entweder steht die Empfindsamkeit, in dieser engern Bedeutung genommen, mit der Ausbildung und Stärke aller übrigen Kräfte des Menschen, besonders der Vernunft und der Körperkraft, in richtigem Ebenmaße; oder nicht. Im ersten Falle ist sie eine schöne, würdige und beseligende Eigenschaft, die, so lange das erwähnte Ebenmaß unverrückt erhalten wird, nie zu sehr angebauet werden und nie zu stark wirken kann. Im zweiten Falle hingegen, wo die Empfindsamkeit über die andern Kräfte des Menschen, besonders über seine Vernunft und über das Maß seiner Körperkräfte ungebührlich hervorragt, ist sie eins der verderblichsten Geschenke, welche Abschleifung und Verfeinerung den gebildeten Menschen unsers Zeitalters verliehen haben, verderblich sowol für die Glückseligkeit der damit behafteten Personen, als auch für das Wohl der Gesellschaft; weil sie in diesem Falle, schwache, unsichere, bald wieder erschlafftem und zu den gewöhnlichen Geschäften des Lebens mehr oder weniger unbrauchbare Menschen macht.“[6]

Der zweite Fall die „übertriebene Empfindsamkeit, wird als Krankheit eingeschätzt und in einen begrifflichen Zusammenhang mit Melancholie, Hypochondrie und Hysterie gebracht“.[7]

Gefühle nehmen in der Epoche der Empfindsamkeit eine Vorrangstellung ein: Es geht um Gefühle der Freundschaft, der Liebe, des Mitleids, der Rührung, des Wehmuts, kurz, um Gefühle, „denen eine hohe moralische Qualität zuerkannt wird“[8].

Flaschka hat anhand des Werthers einige Aspekte empfindsamer Literatur und deren Funktion(en) herausgearbeitet: Einen hohen Anteil haben Lieblingswörter und Wendungen. Darunter fallen Herz und Seele als Ort innerer Empfindungen; Strom der Empfindung, der Wonne, des Schmerzes als häufige Metapher für Reichtum und Überschwang des Gefühls; Wortformen der Innenwelt wie innen, innern, innerlich, Inneres, Innerstes. Auch Verhaltensweisen wie Verstummen, Anblicken, Umarmen oder freundschaftliches Küssen als empfindsame Kommunikationsformen spielen eine große Rolle. Sie drücken mit hoher Suggestivkraft als Sprachersatz Unaussprechliches aus, vor allem Rührung, Freue und seelisches Ergriffensein. Doch darf man auch die Losungsworte nicht vergessen, die einen gemeinsamen seelischen Raum als Alternative zur realen Gesellschaft eröffnen sowie Innigkeit und Gleichklang der Seelen signalisieren[9]: Man denke nur an Lottes Ausruf: Klopstock![10] woraufhin Werther in einem „Strome von Empfindungen“[11] versinkt. Der hier beschriebene Gleichklang der Lektüre steht stellvertretend für den Gleichklang der Seelen und deutet so auf die enge Verbundenheit Werthers und Lottes hin.

Die Protagonisten der Romane der Empfindsamkeit – im Werther beispielsweise als „sensiblen Seelenfreund“[12] dargestellt - erzielten eine hohe Identifikationsquote bei den Lesern, die Epoche selbst wurde zu einer „sozialen Bewegung, die vor allem von Vertretern der jungen Generation (Empfindsamkeit als erste Jugendbewegung, die am auffälligsten bei der Rezeption des Werther in Erscheinung tritt: Wertherfieber) [...] getragen wird.“[13]

Das Wertherfieber zeichnet sich durch folgende Merkmale aus: „seelische Hochstimmung, Sinnesreizung, Verzückung, Rührung bis zu Tränen und Seufzern, Liebestaumel und als Folgewirkung Leid und Weh“[14]. Die Leiden des jungen Werther (1774, Neufassung 1789) werden als Höhepunkt der Bewegung angesehen, sie stehen für den Gipfel und zugleich Wendepunkt der empfindsamen Dichtung.[15] Mit dem Erscheinen des Werthers „erfährt die Empfindsamkeit eine bis dahin nicht gekannte Radikalisierung. Die daraus resultierende Krisenerfahrung kann in [...] nachfolgenden Romanen [...] wohl variiert, kaum aber überboten werden.“[16]

„Der Kult des Gefühls ist, wie man weiß, schon im 18. Jahrhundert als Störenfried geordneter und einheitlicher Verhältnisse bekämpft worden.“[17] Die Leiden des jungen Werther wurden nicht nur positiv aufgenommen, sondern es gab durchaus auch Gegner, die das Wertherfieber als „Modekrankheit“[18] bezeichneten. In einer spöttischen Wiener Werthernachdichtung von 1785 „muss sich der jugendliche, von Selbstmordgedanken befreite Held folgende Strafpredigt anhören: [...] Das elende Empfindsamkeitsfieber richtet euren gesunden Menschenverstand zu Grunde. Es soll von nun an streng auf diese Zucht [...] gesehen werden. Ich rath es allen den superempfindsamen Dichterlingen, dem Werthervolk, ihr Unwesen [...] sein zu lassen.“[19]

3. Die Leiden des jungen Werther als Briefroman

Bereits 1751 forderte C. F. Gellert in seiner Abhandlung über Briefe, nebst einer praktischen Abhandlung von dem guten Geschmacke in Briefen, dass Briefe die innersten Gedanken des Schreibers widerspiegeln sollen. Goethe ist dieser Forderung nachgekommen und hat für seinen Roman die „Briefform oder das [...] Tagebuch als Spiegel der Seele“[20] gewählt. Bestünde der Roman lediglich aus der Erzählung eines auktorialen Erzählers - wie es im zweiten Teil des Werthers der Fall ist – hätten sich die Leser niemals in dem Ausmaße mit dem Protagonisten Werther identifizieren können und es hätte die oben genannte Modekrankheit des Wertherfiebers nie gegeben. Im Goethe Handbuch wird die Form der Leiden des jungen Werther wie folgt beschrieben:

„Goethe konzipiert die Leiden Werthers als einen Roman, [...] als Beichte in einem nach außen gewendeten inneren Monolog, [...] den Briefroman als einer sich unter dem Diktat seiner Empfindungen und Phantasien entwerfenden Seele [...].“[21]

„Die poetische Struktur des Briefromans tut ein übriges [...], indem sie Werthers brieflichen Nachlass wie eine dokumentarische Fallgeschichte – die Geschichte des armen Werther – ausbreitet [macht sie] den Leser zum Zeugen eines mit Unerbittlichkeit sich vollziehenden natürlichen Geschicks [...].“[22] Gellert fordert in oben genannter Abhandlung, dass Briefe wie ein Gespräch klingen und ein Brief aufgrund der Abwesenheit des Gesprächspartners eine Konversation vertreten soll. Betrachtet man nun den Werther im Hinblick auf diese Forderung, so kann dieses Werk nicht im eigentlichen Sinne eines Briefromans verstanden werden. Briefe sollen der Kommunikation zwischen Menschen dienen, doch Kommunikation lässt sich in den Briefen Werthers nicht finden. Vielmehr handelt es sich um eine Art Selbstgespräch, denn der Gesprächspartner ist nicht vorhanden. Im Nachwort zum Werther schreibt Ernst Beutler:

„Der Roman [...] schildert in Briefen [von der einen Liebe, die zum Tod führt] und diese Briefe haben nur einen Verfasser. Wir hören kein Echo, keinen Einwand, keinen Trost oder Zuspruch; immer spricht nur dieses eine Herz, bis es aufhört zu schlagen. Erst dann nimmt der Herausgeber das Wort und berichtet das Ende.“[23]

Doch möchte ich noch näher auf den Aspekt des Selbstgespräches eingehen: Im Normalfall führt ein Mensch keine Selbstgespräche. Sehen wir eine Person, die spricht, ohne einen Gesprächspartner oder zumindest einen Zuhörer zu haben, so drehen wir uns doch etwas verwundert um und suchen nach dem Gegenpart. Personen, die doch Gespräche dieser Art führen, werden als dieser Welt entrückt, sprich verrückt angesehen. Werthers Selbstgespräche können also durchaus als Vorstufe zu seinem späteren Entrückt-Sein angesehen werden.

[...]


[1] Flaschka, Horst: Goethes »Werther«. Werkkontextuelle Deskription und Analyse. München 1987. S. 298.

[2] Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Hrsg. Klaus Weimar. Band I. Berlin/New York 1997. S. 438.

[3] Dtv Lexikon. Band 5. Mannheim 1995. S. 54.

[4] Sauder, Gerhard: Empfindsamkeit. Band I. Voraussetzungen und Elemente. Stuttgart 1974. S. 5.

[5] Campe, J. H.: Sensation, Sensibilität, Sentiment, sentimental, sentimentalisieren u.s.w.

[6] ebd.

[7] Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. S. 439.

[8] ebd. S. 439.

[9] vgl. Flaschka. S. 162.

[10] Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werther. Stuttgart 2001. S. 30.

[11] ebd. S. 30.

[12] Flaschka, S. 101.

[13] Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. S. 440.

[14] Flaschka. S. 156.

[15] vgl. Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte. Hrsg. Werner Kohlschmidt und Wolfgang Mohr. Band I. Berlin 21958. S. 345.

[16] Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. S. 440.

[17] Pikulik, Lothar: Die Mündigkeit des Herzens. In: Aufklärung. Jahrbuch für die Erforschung des 18. Jahrhunderts und seiner Wirkungsgeschichte. Hrsg. Günter Birtsch, Karl Eibl und Norbert Hinske. München 2001. S. 10.

[18] nach F. Sengle. In: Flaschka. S. 156 und Sauder. S. 234.

[19] Flaschka. S. 157,158.

[20] ebd. S. 160.

[21] Goethe Handbuch. Band 3. Prosaschriften. Hrsg. Bernd Witte und Peter Schmidt. Die naturwissenschaftlichen Schriften von Gernot Böhme. Stuttgart/Weimar 1997. S. 81.

[22] Meyer-Kalkus, Reinhart: Werthers Krankheit zum Tode. Pathologie und Familie in der Empfindsamkeit. In: Urszenen. Literaturwissenschaft als Diskursanalyse und Diskurskritik. Hrsg. Friedrich A. Kittler und Horst Turk. Frankfurt/M 1977. S. 82.

[23] Beutler, Ernst: Nachwort. In: Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther. Stuttgart 2001. S. 159.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Ossian in Goethes Werther
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V91235
ISBN (eBook)
9783638046619
ISBN (Buch)
9783638942003
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ossian, Goethe, Die Leiden des jungen Werther
Arbeit zitieren
Sarah Müller (Autor), 2004, Ossian in Goethes Werther, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91235

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