In dieser Hausarbeit beschäftige ich mich mit der Ossian Lektüre Werthers und Lottes. Zuerst werde ich jedoch kurz auf die Epoche der Empfindsamkeit eingehen, um an ihr zu verdeutlichen, warum die Leiden des jungen Werther so charakteristisch für die Empfindsamkeit sind. Danach folgt ein Exkurs über den Roman als Briefroman, bevor ich zur Entstehungsgeschichte der ossianischen Gesänge übergehe. Die Rezipienten der Empfindsamkeit kümmerte es wenig, dass es sich bei den Gesängen um einen Betrug handelte, sprach Ossian ihnen doch aus der Seele. So auch Goethe, der, von Herder inspiriert, einem intensiven, wenn auch kurzen, Ossianfieber verfiel. Immerhin führte diese Faszination dazu, dass Goethe die Gesänge Ossians in den Werther integrierte und so den Ossian erst in Mode brachte. Um sich einen Überblick über die Welt des Ossian verschaffen zu können, folgt ein Einblick in diese. Bevor ich im Hauptteil auf die Parallelen in den Handlungen des Werthers und des Ossians eingehe, beleuchte ich Werthers Rezeption der Gesänge. Da Werthers Liebe so unbedingt ist, und er nur mit Lotte als seiner Geliebten leben kann, muss sein Verhalten unweigerlich in den Tod führen. Deshalb werde ich auch dieses Thema ansprechen. Im Fazit gehe ich der Frage nach, warum der Roman einen solchen Zuspruch erlebte und schließe damit die Arbeit über einen der „spektakulärsten Fälle produktiver Rezeption in der Literaturgeschichte“ ab.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Epoche der Empfindsamkeit
3. Die Leiden des jungen Werther als Briefroman
4. Ossian
4.1. Die Entstehungsgeschichte des Ossian
4.2. Goethe und Ossian
4.3. Die Welt des Ossian
5. Werther und Ossian
5.1. Werthers Rezeption der Ossian-Gesänge
5.2. Parallelen in den Handlungen des Werthers und des Ossians
5.2.1. Colma
5.2.2. Ryno
5.2.3. Alpin
6. Werthers Tod
7. Fazit
8. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die zentrale Rolle der Ossian-Lektüre für den Protagonisten Werther in Goethes Briefroman. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Adaption der ossianischen Gesänge das psychologische Abgleiten Werthers in den Wahnsinn und seinen schließlich unausweichlichen Freitod motivisch spiegelt und vorantreibt.
- Die literarische Epoche der Empfindsamkeit als Kontext
- Die Form des Briefromans als Spiegel der Seele
- Die Entstehung und Rezeption der ossianischen Gesänge im 18. Jahrhundert
- Die Funktion der düsteren Welt Ossians als Identifikationsfolie für Werther
- Strukturelle und handlungsorientierte Parallelen zwischen Werther und den Ossian-Helden
Auszug aus dem Buch
4.3. Die Welt des Ossian
„In großartiger Eintönigkeit malen die Epen Ossians eine ideale heroische Landschaft, die aberhundert fremden, volltönenden Namen, von denen wir zuweilen mit Mühe nur erschließen können, ob sie Menschen, Berge, Flüsse bezeichnen, die aberhundert Schicksale, die sich in den geheimnisvollen Rhythmen vollziehen, fern von jeder Zeichnung eine gegenständlichen Tageslebens, der große sittliche Ernst, der diese heroische Gleichförmigkeit von Natur und Charakteren durchzieht – das alles hatte eine Generation, ja zwei erobert [...]“
Mit den Auszügen der Totenklage des Ossian, die wir im Werther finden, tauchen wir in die düstere Welt des Nordens ein. Nebel und Nebelsäulen wechseln sich ab mit unsteten Winden, heulendem Strom und stürmischem Hügel. Bis auf wenige Ausnahmen ist es Nacht. Die Farben grau, schwarz, weiß und rot stehen im Vordergrund: grauer Ullin, graue Felsen, schwarzgraue Doggen. Weiß wird grundsätzlich mit dem Alter in Verbindung gebracht: „Wer ist es, dessen Haupt weiß ist vor Alter [...]?“ „weiß seine Locken vor Alter“. Die Farbe rot hingegen tritt in Zusammenhang mit Blut, Kampf und dem darauffolgenden Tod auf: „Ihre Schwerter rot vom Gefechte!“ „Rötlich fließt der Strom [...]“, „rot sein tränendes Auge“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Bedeutung der Ossian-Lektüre im Werther ein und erläutert den methodischen Fokus auf die Epoche der Empfindsamkeit und die Analyse der motivischen Parallelen.
2. Die Epoche der Empfindsamkeit: Dieses Kapitel definiert die Empfindsamkeit als mentalitätsgeschichtliche Strömung des 18. Jahrhunderts und beleuchtet die Rolle des Gefühls als moralische Kategorie sowie das Phänomen des Wertherfiebers.
3. Die Leiden des jungen Werther als Briefroman: Es wird untersucht, inwiefern die gewählte Briefform als Medium des inneren Monologs fungiert und den Leser zum Zeugen der unaufhaltsamen Zuspitzung von Werthers Schicksal macht.
4. Ossian: Das Kapitel beleuchtet die Entstehungsgeschichte der ossianischen Gesänge, Goethes persönliche Faszination für das Werk sowie die spezifische düstere, naturgeprägte Ästhetik der ossianischen Welt.
5. Werther und Ossian: Dieser Hauptteil analysiert Werthers Rezeption der Gesänge und zeigt anhand von Parallelen (wie in Colma, Ryno und Alpin) die motivische Spiegelung von Werthers psychischem Zustand in der Welt Ossians auf.
6. Werthers Tod: Hier wird die Unausweichlichkeit des Freitods im Kontext der fehlenden Kommunikation und der Unbedingtheit der leidenschaftlichen Liebe diskutiert.
7. Fazit: Die Arbeit resümiert den spektakulären Erfolg des Romans und stellt fest, dass die Identifikation mit Werther über die Lektüre hinaus zu einem kulturellen Phänomen wurde.
8. Bibliographie: Das Verzeichnis listet die verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Primärtexte zur Untersuchung auf.
Schlüsselwörter
Empfindsamkeit, Werther, Ossian, Johann Wolfgang von Goethe, James Macpherson, Briefroman, Selbstmord, Rezeption, Melancholie, Naturdarstellung, Leidenschaft, Totenklage, Identifikation, Literaturgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den inhaltlichen und psychologischen Zusammenhang zwischen der Lektüre der ossianischen Gesänge und der Entwicklung der Romanfigur Werther in Goethes „Die Leiden des jungen Werther“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Epoche der Empfindsamkeit, die Funktion des Briefromans, die Rezeption von Macphersons Ossian-Texten durch Goethe sowie die Parallelen zwischen Werthers Schicksal und der Welt der ossianischen Helden.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, wie die Lektüre der Ossian-Gesänge den psychischen Zustand Werthers spiegelt und warum diese spezifische literarische Einbindung zur Identifikation und Verherrlichung des Protagonisten führte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine werkkontextuelle Analyse, bei der Literaturvergleiche und eine diskursanalytische Betrachtung der Empfindsamkeit im Vordergrund stehen, um die motivischen Korrelationen zwischen Werther und Ossian herauszuarbeiten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden Werthers Rezeption der Gesänge, die Parallelen zu den Heldenfiguren wie Colma, Ryno und Alpin sowie die Bedeutung des Briefromans für die psychologische Charakterisierung des Protagonisten behandelt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich besonders durch die Begriffe Empfindsamkeit, Wertherfieber, Selbstmord, Identifikation, Naturmetaphorik und die kritische Analyse des Briefromans charakterisieren.
Warum wird im Buch zwischen Homer und Ossian unterschieden?
Die Unterscheidung markiert den Übergang von Werthers „heiler“ Welt (Homer) zu seiner psychischen Entrückung (Ossian), wobei der Homer-Kult für eine gesunde Lebensphase und Ossian für den Verfall in die psychische Krankheit steht.
Welche Rolle spielt die Natur bei Ossian für Werther?
Die Natur bei Ossian ist düster, gewaltig und unpersönlich; sie dient als Spiegel für Werthers Untergang und seine Vereinsamung, da sie keine Idylle mehr bietet, sondern die Ohnmacht des Einzelnen unterstreicht.
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- Sarah Müller (Autor), 2004, Ossian in Goethes Werther, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91235