Die ethnische und kulturelle Identität der jungen russischsprachigen Migranten in Deutschland


Examensarbeit, 2009

154 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Paradox der „russischen“ Identität in Deutschland
2.1 Mediales Bild der russischsprachigen Migranten in den 1990er
2.2 Einreisebestimmungen und Motive
2.2.1 Aussiedler
2.2.2 Kontingentflüchtlinge
2.3 Heiratsmigranten, Asylbewerber und Arbeits-migranten
2.4 Forschungen über russischsprachige Migranten-gruppen

3. Moderne Problematik der Identitätsbildung und Definition des klassischen Identitätsbegriffs
3.1 Definition des Identitätsbegriffs nach E.H.Erikson
3.2 Identitätsdefinition nach K. Hurrelmann
3.3 Identitätstheorie von G.H. Mead
3.4 Zusammenfassung

4. Vergleich der Kontingentflüchtlinge und Aussiedler in Bezug auf die Besonderheiten der Heraus-bildung der ethnischen und kulturellen Identität sowie Integrationsprobleme
4.1 Entstehung personaler Identität: Biologische und psychologische Ausstattung
4.1.1 Geschlecht
4.1.2 Temperament und Gefühle
4.2 Entstehung sozialer Identität
4.2.1 Abstammungsfamilie und Herkunft
4.2.1.1 Familiensituation der Aussiedler
4.2.1.2 Familiensituation der Kontingentflüchtlinge
4.2.2 Ethnische, nationale und kulturelle Zugehörigkeit
4.2.2.1 Handlungsorientierungen und Akkulturationsstrategien
4.2.2.2 Ethnisches und kulturelles Empfinden der Aussiedler
4.2.2.3 Ethnisches und kulturelles Empfinden der Kontingentflüchtlinge
4.2.3 Bildungs- und Berufseinrichtungen
4.2.3.1 Beruflicher Status der Aussiedler
4.2.3.2 Beruflicher Status der Kontingentflüchtlinge
4.2.4 Freundeskreis
4.2.4.1 Mentalitätsunterschiede
4.2.4.2 Sprachgebrauch
4.2.5 Chancen sozialer Teilhabe und politischer Partizipation

5. Empirische Studie
5.1 Fragestellung und Arbeitshypothesen
5.2 Untersuchungsmethode und Durchführung
5.3 Beschreibung der Stichprobe
5.3.1 Geschlecht
5.3.2 Status
5.3.3 Geburtsjahr
5.3.4 Einreisejahr
5.3.5 Herkunftsland und momentane Staatsangehörigkeit
5.4 Auswertung
5.4.1 Wohnort vor und nach der Einreise
5.4.2 Familienstatus und –Familienwerte
5.4.3 Religionszugehörigkeit und Werte
5.4.4 Bildung und Berufsstatus
5.4.5 Selbstwirksamkeits- und Selbstwertgefühl sowie personenbezogene Zukunftsperspektive
5.4.6 Isolierung und Diskriminierung
5.4.7 Freundschaftsbeziehungen in Deutschland und Herkunftsland
5.4.8 Sprachgebrauch und Mediennutzung
5.4.9 Nationale und ethnische Zugehörigkeit
5.4.10 Politisches Interesse
5.4.11 Soziale Teilhabe (gesellschaftliche Partizipation)
5.4.12 Delinquenz
5.5 Zusammenfassung

ANHANG - ONLINEFRAGEBOGEN

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

Abkürzungsverzeichnis

BAM Baikal-Amur-Magistral

BAMF Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Grundlegende Fertigkeiten und Fähigkeiten als Voraussetzungen für Handlungskompetenzen Quelle: K. Hurrelmann „Einführung in die Sozialisationstheorie“, S. 162

Abbildung 2: Sachlogischer Zusammenhang zwischen den Konzepten Handlungskompetenzen, Selbstbild, Identität und Handeln. Quelle: K. Hurrelmann „Einführung in die Sozialisationstheorie“, S

Abbildung 3: Spannungsverhältnis von Individuation und Integration. Quelle: Zimmermann 2006, S. 172

Abbildung 4: Modell zu Akkulturationsstrategien nach Berry et al. (1992). Quelle: Merkens/Wessel 2003:119

Abbildung 5: Nutzungsintensität der Binnenstruktur durch verschiedene Gruppen von Russlanddeutschen in Abhängigkeit vom Typ der ethnischen Identifikation. Quelle: Savoskul 2006:

Abbildung 6: Bedeutung von Deutschsein. Quelle Gaudentz/Römhild 1996, S. 55

Abbildung 7: Persönliche Bedeutung des Deutschseins der jungen Aussiedler. Quelle: Dietz (1999) in „Deutsch sein und doch fremd sein“, Gesprächskreis Arbeit und Soziales der Fridrich-Ebert-Stiftung Nr. 84, S.26

Abbildung 8: Erfahrung der deutschen Identität im Herkunftsland der jungen Aussiedler. Quelle: Dietz (1999) „Deutsch sein und doch fremd sein“, Gesprächskreis Arbeit und Soziales der Fridrich-Ebert-Stiftung Nr. 84, S.19

Abbildung 9: Bildungsgrad der Aussiedler nach Generationen. Quelle: Hilkes 1993:12

Abbildung 10: Ein allgemeines Integrationsmodell: Formen der Integration in individualistische und kollektivistische Systeme. Quelle: Strobl 1998:72 (leicht modifiziert)

Abbildung 11: Geburtsjahr der Befragten (n=170). Quelle: eigene Befragung

Abbildung 12: Einreisejahr der Befragten (n=170) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 13: Momentane Staatsangehörigkeit. Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59). Quelle: eigene Befragung

Abbildung 14: Wohnort vor der Einreise von den jungen Aussiedlern (n=67) und Kontingentflüchtlingen (n=59). Mehrfache Nennung möglich. Quelle: eigene Befragung

Abbildung 15: Wohnort nach der Einreise von den jungen Aussiedlern (n=67) und Kontingentflüchtlingen (n=59). Mehrfache Nennung möglich. Quelle: eigene Befragung

Abbildung 16: Mit wem bist Du nach Deutschland gekommen? Mehrfache Benennung möglich. Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59). Quelle: eigene Befragung

Abbildung 17: Mit wem wohnst du momentan? Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59) Mehrfache Benennung möglich. Quelle: eigene Befragung

Abbildung 18: Wie würdest du das Verhältnis zu deiner Familie beschreiben (vor allem Eltern, Geschwister etc.?) Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 19: Wie würdest du das Verhältnis zu deiner Familie beschreiben (vor allem Eltern, Geschwister, etc.?) weiblich (n=93) männlich (n=77). Quelle: eigene Befragung

Abbildung 20: Tradition und Familienwerte: Wie sehr treffen die folgenden Aussagen auf Dich zu? Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59) . Quelle: eigene Befragung

Abbildung 21: Tradition und Familienwerte: Wie sehr treffen die folgenden Aussagen auf Dich zu? (trifft voll und ganz/trifft eher) weiblich (n=93) männlich (n=77) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 22:Tradition und Familienwerte: Wie sehr treffen die folgenden Aussagen auf Dich zu? Aufenthalt weniger als 8 Jahre (n=62), Aufenthalt 8-12 Jahre (n=64), Aufenthalt über 12 Jahre (n=44)

Abbildung 23: Religionszugehörigkeit. Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59). Quelle: eigene Befragung

Abbildung 24: Religiosität und Traditionalismus: Wie sehr treffen die folgenden Aussagen auf Dich zu? (trifft voll und ganz/trifft eher) Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59). Quelle: eigene Befragung

Abbildung 25: Religiosität und Traditionalismus. Weiblich (n=93) männlich (n=77) (trifft voll und ganz/trifft eher) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 26: Wie sehr treffen die folgenden Aussagen auf den Einfluss Deiner Eltern auf Deine schulischen Leistungen? (trifft voll und ganz/trifft eher)Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 27: Wie sehr treffen die folgenden Aussagen auf den Einfluss Deiner Eltern auf Deine schulischen Leistungen? (trifft voll und ganz/trifft eher) Weiblich (n=93) männlich (n=77) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 28: Beurteilung der schulischen Leistungen jeweils vor und nach der Einreise. Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 29: Beurteilung der schulischen Leistungen jeweils vor und nach der Einreise. Weiblich (n=93) männlich (n=77) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 30: Hast Du einen (Schul-)Abschluss im Herkunftsland erworben und wenn ja, welchen? Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 31: Hast Du einen (Schul-)Abschluss im Herkunftsland erworben und wenn ja, welchen? Weiblich (n=93) männlich (n=77) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 32: Hast Du einen (Schul-)Abschluss in Deutschland erworben und wenn ja, welchen? Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 33: Hast Du einen (Schul-)Abschluss in Deutschland erworben und wenn ja, welchen? Weiblich (n=93) männlich (n=77) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 34: Welche Schule besuchst Du momentan? Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 35: Welche Schule besuchst Du momentan? Weiblich (n=93) männlich (n=77) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 36: Welchen beruflichen Status hast Du? Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 37: Bist du mit Deiner Berufswahl zufrieden? Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 38: Welchen beruflichen Status hast Du? Weiblich (n=93) männlich (n=77) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 39: Bist du mit Deiner Berufswahl zufrieden? Weiblich (n=93) männlich (n=77) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 40: Wie oft bist Du insgesamt arbeitslos gewesen? Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 41: Wie oft bist Du insgesamt arbeitslos gewesen? Weiblich (n=93) männlich (n=77) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 42: Selbstwertgefühl und personenbezoge Zukunftsperspektive. Inwiefern treffen folgende Aussagen auf Dich zu? (trifft voll und ganz/trifft eher) Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 43: Selbstwertgefühl und personenbezoge Zukunftsperspektive. Inwiefern treffen folgende Aussagen auf Dich zu? (trifft voll und ganz/trifft eher) Weiblich (n=93) männlich (n=77) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 44: Selbstwertgefühl und personenbezoge Zukunftsperspektive. Inwiefern treffen folgende Aussagen auf Dich zu? Aufenthalt weniger als 8 Jahre (n=62), Aufenthalt 8-12 Jahre (n=64), Aufenthalt über 12 Jahre (n=44) (trifft voll und ganz/trifft eher) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 45: Isolation und Diskriminierung. Inwiefern treffen folgende Aussagen auf Dich zu? Weiblich (n=93) männlich (n=77) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 46: Isolation und Diskriminierung. Inwiefern treffen folgende Aussagen auf Dich zu? Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 47: Isolation und Diskriminierung. Inwiefern treffen folgende Aussagen auf Dich zu? Aufenthalt weniger als 8 Jahre (n=62), Aufenthalt 8-12 Jahre (n=64), Aufenthalt über 12 Jahre (n=44) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 48: Aus welchen der folgenden Gruppen setzt sich Dein Freundeskreis in Deutschland zusammen? Kontingentflüchtlinge (n=59) Quelle: eigene Befragu

Abbildung 49: Aus welchen der folgenden Gruppen setzt sich Dein Freundeskreis in Deutschland zusammen? Aussiedler (n=67) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 50: Wie oft hast Du dein Heimatland nach der Ausreise besucht? Aussiedler (n=67). Quelle: eigene Befragung

Abbildung 51: Wie oft hast Du dein Heimatland nach der Ausreise besucht? Kontingentflüchtlinge (n=59) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 52: Wie oft hast Du dein Heimatland nach der Ausreise besucht? Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59). Quelle: eigene Befragung

Abbildung 53: Wie oft hast Du dein Heimatland nach der Ausreise besucht? Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59). Quelle: eigene Befragung

Abbildung 54: In welchen Sprachen hast Du Dich VOR der Einreise nach Deutschland in folgenden Situationen verständigt? Aussiedler (n=67) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 55: In welchen Sprachen sprichst Du in Deutschland in folgenden Situationen? Aussiedler (n=67) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 56:In welchen Sprachen hast Du Dich VOR der Einreise nach Deutschland in folgenden Situationen verständigt? Kontingentflüchtlinge (n=59). Quelle: eigene Befragung

Abbildung 57: In welchen Sprachen hast Du Dich VOR der Einreise nach Deutschland in folgenden Situationen verständigt? Kontingentflüchtlinge (n=59). Quelle: eigene Befragung

Abbildung 58: In welchen Sprachen sprichst Du in Deutschland in folgenden Situationen? Aufenthalt über 12 Jahre (n=44) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 59: In welchen Sprachen sprichst Du in Deutschland in folgenden Situationen? Aufenthalt 8-12 Jahre (n=64) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 60: In welchen Sprachen sprichst Du in Deutschland in folgenden Situationen? Aufenthalt weniger als 8 Jahre (n=62) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 61: Welche der folgenden Aussagen treffen auf Dich zu? Aufenthalt weniger als 8 Jahre (n=62), Aufenthalt 8-12 Jahre (n=64), Aufenthalt über 12 Jahre (n=44) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 62: Welche der folgenden Aussagen treffen auf Dich zu? Aufenthalt weniger als 8 Jahre (n=62), Aufenthalt 8-12 Jahre (n=64), Aufenthalt über 12 Jahre (n=44) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 63: Welche der folgenden Aussagen treffen auf Dich zu? Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59). Quelle: eigene Befragung

Abbildung 64: Welche der folgenden Aussagen treffen auf Dich zu? Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59). Quelle: eigene Befragung

Abbildung 65: Welche der folgenden Aussagen treffen auf Dich zu? Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59). Quelle: eigene Befragung

Abbildung 66: Bist Du mit Deinen Deutschkenntnissen zufrieden? Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59). Quelle: eigene Befragung

Abbildung 67: Bei welchen Onlineportalen bist du registriert und welche benutzt du täglich? Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 68: Welche Kriterien sind ausschlaggebend, um sich als ein(e) Deutsche(r) bzw. Russe(in) bzw. Jude(in) bezeichnen zu können? Mehrfache Nennung möglich. Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59). Quelle: eigene Befragung

Abbildung 69: Zugehörigkeitsgefühle. Wie sehr treffen die folgenden Aussagen auf Dich zu? (trifft voll und ganz/trifft eher) Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59). Quelle: eigene Befragung

Abbildung 70: Aufenthalt weniger als 8 Jahre (n=62), Aufenthalt 8-12 Jahre (n=64), Aufenthalt über 12 Jahre (n=44) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 71: Wie sehr treffen die folgenden Aussagen auf Dich zu? (trifft voll und ganz/trifft eher zu) Aussiedler (n=67) und Kontingentflüchtlinge (n=59) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 72: Wie sehr treffen die folgenden Aussagen auf Dich zu? (trifft voll und ganz/trifft eher zu) weiblich (n=93) männlich (n=77) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 73: Wie sehr treffen die folgenden Aussagen auf Dich zu? (trifft voll und ganz/trifft eher zu) Aufenthalt weniger als 8 Jahre (n=62), Aufenthalt 8-12 Jahre (n=64), Aufenthalt über 8 Jahre (n=44) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 74: Wie oft besuchst Du in Deutschland russischsprachige kulturelle Veranstaltungen? Kontingentflüchtlinge (n=59) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 75: Wie oft besuchst Du in Deutschland deutschsprachige kulturelle Veranstaltungen? Kontingentflüchtlinge (n=59)Quelle: eigene Befragung

Abbildung 76: Wie oft besuchst Du in Deutschland jüdische kulturelle Veranstaltungen? Kontingentflüchtlinge (n=59) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 77: Wie oft besuchst Du in Deutschland russischsprachige kulturelle Veranstaltungen? Aussiedler (n=67) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 78: Wie oft besuchst Du in Deutschland deutschsprachige kulturelle Veranstaltungen? Aussiedler (n=67) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 79: Wie oft besuchst Du in Deutschland jüdische kulturelle Veranstaltungen? Aussiedler (n=67) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 80: Wie oft besuchst Du in Deutschland russischsprachige kulturelle Veranstaltungen? Aufenthalt über 12 Jahre (n=44) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 81: Wie oft besuchst Du in Deutschland deutschsprachige kulturelle Veranstaltungen? Aufenthalt über 12 Jahre (n=44) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 82: Wie oft besuchst Du in Deutschland russischsprachige kulturelle Veranstaltungen? Aufenthalt 8-12 Jahre (n=64) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 83: Wie oft besuchst Du in Deutschland deutschsprachige kulturelle Veranstaltungen? Aufenthalt 8-12 Jahre (n=64). Quelle: eigene Befragung

Abbildung 84: Wie oft besuchst Du in Deutschland russischsprachige kulturelle Veranstaltungen? Aufenthalt weniger als 8 Jahre (n=62) Quelle: eigene Befragung

Abbildung 85: Wie oft besuchst Du in Deutschland deutschsprachige kulturelle Veranstaltungen? Aufenthalt weniger als 8 Jahre (n=62) Quelle: eigene Befragung

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Personen, die den Fragebogen in deutscher Sprache ausgefüllt haben: (n=66)

Tabelle 2: Personen, die den Fragebogen in russischer Sprache ausgefüllt haben: (n=104)

Tabelle 3: Geschlecht der Befragten (n=170). Quelle: eigene Befragung

Tabelle 4: Status alle teilgenommener Probanden (n=170). Quelle: eigene Befragung

Tabelle 5: Herkunftsland der Probanden (n=170) Quelle: eigene Befragung

Tabelle 6: Momentane Staatsangehörigkeit (n=170) Quelle: eigene Befragung

1. Einleitung

Nach jahrelangen Diskussionen besteht nun kaum noch Zweifel, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Nach den Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge lebten im Jahr 2007 in Deutschland über sieben Millionen Migranten. Das entspricht einem Anteil von 8,9% (Kiss/Lederer 2007:4) in der Bevölkerung. Diese Zahl würde wesentlich höher liegen, wenn man sowohl die Personen hinzurechnen würde, die zwar nicht in der Bundesrepublik geboren wurden, aber nach einem längeren Aufenthalt einen deutschen Pass erhielten, als auch die deutschen Aussiedler, die zwar als Deutsche erfasst werden, aber von Osteuropa nach Deutschland umsiedelten.

Aus dieser offiziellen Statistik, sowie aus den Medien oder der unmittelbaren Umgebung ist ersichtlich, dass es in Deutschland viele Gastarbeiter aus südlichen Ländern, Asylbewerber aus Kriegsgebieten, Spätaussiedler und Kontingentflüchtlinge aus Osteuropa sowie Green-Card-Inhaber aus der ganzen Welt gibt. Leider lässt sich oft beobachten, dass das Wissen der Bevölkerung über bestimmte Migrantengruppen lückenhaft ist oder diese sich ein Bild von den Einwanderern macht, dass von Vorurteilen und verzerrten Mediendarstellungen beeinflusst wird. Das ist zum Beispiel an der Gruppe der eingewanderten „Russen“ sehr deutlich zu sehen. In dieser Arbeit werden die Selbst- und Fremdwahrnehmung dieser Migranten näher untersucht.

Die meisten russischsprachigen Einwanderer kamen in den 90er als ethnische Minderheiten deutschstämmiger Aussiedler und jüdischer Kontingentflüchtlinge in die Bundesrepublik werden dennoch aufgrund ihres Sprachverhaltens einer anderen Ethnie zugeordnet. Die weiteren russischsprachigen Einwanderer mit einem anderen Einreisestatus können nicht als eine ethnische Gruppe zusammengefasst werden, da sie von ihrer Herkunft, kulturellen, sozialen und demographischen Merkmalen zu sehr heterogen sind. Daher liegt der Schwerpunkt der Forschung auf dem Vergleich der durch ihren Status privilegierten Gruppen der Aussiedler und Kontingentflüchtlinge. Allerdings werden alle russischsprachigen Jugendlichen aus der ehemaligen Sowjetunion, unabhängig von ihrem Einreisestatus, in Bezug auf Aufenthaltsdauer und damit verbundenen Wandel der Einstellungen und Werte in Betracht gezogen. Folgende Frage bildet die erkenntnisleitende Grundlage der Untersuchung:

Wie definieren die jungen Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die in der Öffentlichkeit unter dem pauschalisierenden Begriff „Russen“ wahrgenommen werden, ihre ethnische und kulturelle Identität und inwiefern wird ihre Identität durch den Aufenthalt in Deutschland beeinflusst?

Besonderes interessant für die Forschung erscheint mir die Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die während der Pubertät oder Adoleszenz, einer wichtigen Phase der Identitäts- und Persönlichkeitsbildung, nach Deutschland gekommen ist. Diese wurden nach Ende des kommunistischen totalitären Regimes plötzlich mit der „fremden“ westlichen demokratischen Lebenswelt konfrontiert. Welche Werte, Einstellungen und Selbstbilder haben nun diese Jugendlichen nach einem längeren Aufenthalt in Deutschland? Bestehen die Kontakte mit Freunden und Verwandten im Heimatsland und wie setzt sich der Freundeskreis nach der Einreise zusammen? Hat sich diese Generation, die mit einem offiziell privilegierten Status eingewandert ist, erfolgreich integriert?

Das Ziel der vorliegenden Untersuchung ist somit anhand einer empirischen Studie den Einfluss soziokultureller Hintergründe und persönlicher Einstellungen auf die kulturelle und ethnische Identität der russischsprachigen Jugendlichen in Deutschland zu untersuchen. Von Interesse ist obendrein, welche Gemeinsamkeiten die verschiedenen Migrantengruppen, vor allem die Kontingentflüchtlinge und Aussiedler, die oftmals von den Medien und der Bevölkerung als „Russen“ gesehen werden, bei der Anpassung an die Einwanderungsgesellschaft aufweisen. Allerdings liegt der Schwerpunkt dieser Untersuchung nicht auf der ausführlichen Integrationsanalyse der jungen russischsprachigen Zuwanderer, sondern auf der Darstellung der Identitätsentwürfe der jungen russischsprachigen Migranten.

Im ersten Teil der Arbeit wird die Wirkung der Medienbilder auf die Fremdwahrnehmung von „Russen“ in Deutschland seit den 1990er Jahren und die damit verbundenen Irritationen aufgeklärt. Die Gruppe der russischsprachigen Einwanderer ist sehr heterogen und unterscheidet sich stark aufgrund der Aufnahmeregelungen und Einreisemotive von den anderen Migranten. Es wird ein Überblick über die unterschiedlichen rechtlichen Einreisemöglichkeiten aus der ehemaligen Sowjetunion verschafft.

Im zweiten Teil werden relevante Grundlagen der Identitätsbildungstheorien präsentiert, die als eine theoretische Basis für die weitere Analyse dienen. Danach wird ein Bezug zu den Forschungsergebnissen der überwiegend in den 90er Jahren durchgeführten Studien über die Gruppen der russischsprachigen Migranten hergestellt, fokussiert auf die Aussiedler und Kontingentflüchtlinge, da es leider kaum umfassende Untersuchungen gibt, die sich in diesem Zeitraum mit den anderen russischsprachigen Einwanderern im gleichem Umfang beschäftigt haben.

Im nächsten Kapitel werden die Ergebnisse der durchgeführten empirischen Studie, die auf der Basis einer Internetumfrage gewonnen wurden, ausgewertet und interpretiert.

2. Paradox der „russischen“ Identität in Deutschland

2.1 Mediales Bild der russischsprachigen Migranten in den 1990er

Medienbilder prägen häufig die öffentliche Meinung über verschiedenste Bevölkerungsgruppen. Hierbei bildet die Gruppe der Ausländer keine Ausnahme. Die Wahrnehmung dieser Gruppen innerhalb der Aufnahmegesellschaft erfährt man umfassend aus den Medien, d.h. aus Berichten sowohl im Fernsehen als auch in Zeitschriften und Zeitungen und zunehmend aus dem Internet.

Die Wissenschaftlerin Tsypylma Darieva beschäftigte sich in ihrer Forschung mit der vor allem printmedialen Darstellung der russischen Identität im Deutschland und Großbritannien. Nach ihrer Auffassung erweitern die „Russen“ sowohl als eine positive als auch negative Exotik die deutsche multikulturelle Gesellschaft um ein ganz neues Element. Sie stellt bei ihrer Untersuchung fest, dass im Rahmen der Einwanderungsdebatten der 1990er Jahre in zunehmendem Maße Beiträge über „Russen“ publiziert wurden. Allein 1997 erschienen in den Medien 16 umfangreiche Reportagen über den unerwarteten „Boom“ der russischen Kultur, vor allem in der Hauptstadt Deutschlands. Ab Herbst 1999 veröffentlichte die FAZ in der lokalen Beilage „Berliner Seiten“ ausgewählte kurze Zusammenfassungen von Reportagen aus der russischen Wochenzeitung Russkij Berlin, die sich mit Artikeln aus türkischen und polnischen Zeitungen abwechselten. Auch in den folgenden Jahren konnte der Anstieg der Berichterstattungen über diese Einwohnergruppe beobachtet werden. (vgl. Darieva 2004:89ff)

Das Bild der „Russen“ war bereits nach dem Kalten Krieg für viele Bürger negativ geprägt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kamen neue Stereotype auf. Dabei reduzierte sich das mediale Bild der russischsprachigen Einwanderer in den Jahren 1996 und 1997 wieder auf ein negatives Stereotyp – vor allem das der russischen Mafia. Dadurch wurde die komplette Migrantengruppe als ein Haufen krimineller Eindringlinge dargestellt, der isoliert jenseits der gesellschaftlichen Ordnung positioniert wurde und bedrohlich erschien. Hinzu kommen die Berichte über Integrationsprobleme junger Aussiedler, die gewalttätig und drogenabhängig waren und gegen ihren Willen von den Eltern nach Deutschland gebracht wurden (vgl. Graudenz 1996:63).

Weitere negative Attribute wie die Maßlosigkeit und Verschwendung, die vor allem der relativ neuen sozialen Gruppe in der ehemaligen Sowjetunion, nämlich den „neuen Reichen“, zugeschrieben wurden (z.B. ein Bild von männlichen Personen mit groben Manieren und den Geldscheinbündeln in der Hosentasche sowie grell geschminkte und auffallend teuer gekleidete Frauen) sind anhand von Beobachtungen an öffentlichen Orten wie Einkaufszentren konstruiert und dann als „typisches“ Verhalten und Aussehen auf die ganze Gruppe der russischsprachigen projiziert worden (vgl. Darieva 2004:92ff).

Ein Prozess der Imageumdeutung wird erst 1999 erkennbar, als die Russen als Akteure des Kulturlebens aufgewertet wurden, was besonders gut am Beispiel der Russendisko von Wladimir Kaminer in Berlin deutlich wurde. Sein im August 2000 erschienener gleichnamiger Erzählband wurde zum Bestseller und seine Geschichten wurden in diversen deutschen Feuilletons, von der taz bis zur FAZ, abgedruckt (vlg. Darieva 2004:105). Obwohl in den „ostalgischen“ Räumen des Cafes Burger ausschließlich post-sowjetische russische Rock- und Popmusik sowie sowjetische Schlager aufgelegt werden, empfinden die Besucher dies alles nicht als „altmodisch“ sondern „kultig“(vgl. Darieva 2004:107ff). Es wird bei der Veranstaltung nicht nur Russisch gesprochen. Das Bild der deutschen Besucher wird bei der Russendisko vorwiegend von zahlreichen Studenten, Intellektuellen und Künstlern geprägt. Damit stellt sie eine „neue Form in der ‚ethnischen‘ Unterhaltungsszene dar, das nicht nur auf die Mitglieder der ‚russischen Community‘ ausgerichtet ist, sondern im Gegenteil zumeist Vertreter der Mehrheitsgesellschaft anzieht.“ (Darieva 2004:107) Solche Kulturveranstaltungen sind nicht nur in Berlin populär geworden und polieren dadurch das Image der barbarischen „Russen“ auf. Zum Beispiel das „Russophobie“-Team aus Nürnberg1, das „Datscha“-Kollektiv aus Hamburg2 und DJ Shantel mit „Bukovina Club“3 aus Frankfurt sowie viele andere ermöglichen eine neue weltoffene und bunte Wahrnehmung der russischsprachigen Einwanderer.

Jedoch erstreckt sich in den Medien die kollektive Bezeichnung „Russen“ gleichermaßen auf deutschstämmige Aussiedler und jüdische Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion, armenische Asylbewerber oder russischen Touristen und Geschäftsleute. Die Tatsache, dass sie alle die russische Sprache beherrschen, was die Folge der „Russifizierung“ (Darieva 1995:76ff) während der sowjetischen Zeit ist, fördert das Weiterbestehen dieses Klischees. Tatsächlich kommt nur ein Drittel der GUS-Zuwanderer aus Russland – und deren Eltern kommen teilweise aus anderen Republiken (vgl. Kessler 1999:140ff). Neben den Sprachkenntnissen weisen vor allem die auf den ersten Blick so unterschiedlichen Gruppen der Aussiedler und Kontingentflüchtlinge viele Gemeinsamkeiten auf. Sowohl die Juden als auch die Deutschen gehörten zu benachteiligten Minderheiten in der Sowjetunion und mussten dadurch erhebliche Nachteile in Kauf nehmen. So wurde ihnen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit ein gesellschaftlicher Aufstieg versperrt. Pflege der religiösen Tradition, Kultur und Sprache war mit Komplikationen verbunden und konnte nur beschränkt praktiziert werden. (vgl. Dietz 1998:45ff, Strobel/Kühnel 2000:20ff, Becker 2001:102-122, Runge 1995:30ff, Ilyin 2006:282ff). Jedoch führte das bei Juden, die mehrheitlich Großstadtbewohner sind, nicht zu Isolierung und Traditionskonservierung, wie es teilweise bei Aussiedlern in kleineren Wohnorten passierte. Trotz den Einschränkungen und Berufsverboten sind sie wesentlich besser sozial und beruflich integriert (Osvald/Voronkov 1997:27). Allerdings haben sie alle eine ähnliche überwiegend durch kommunistische Gesellschaftsordnung geprägte Mentalität (vgl. Bauerwolf 2006:186-189). Außerdem hatten die beiden Gruppen eine privilegierte Stellung bei der Einreise in die Bundesrepublik, was einen europäischen „Sonderfall“ in der Migrationspolitik darstellt: „Die Kategorien ‚deutschstämmige Spätaussiedler‘ und ‚jüdische Kontingentflüchtlinge‘ sind infolge der bundesrepublikanischen Politik entstanden und werden daher als administrativ verankerte, ethnisch-konfessionelle Identifikationen behandelt […] Im Migrationsdiskurs bzw. in der Migrationsforschung werden beide Gruppenkategorien auf Grund des garantierenden Zugangs zum politischen und sozialen Gebilde Deutschlands als ‚privilegiert‘ bezeichnet.“ Darieva 2004:46-47).

2.2 Einreisebestimmungen und Motive

Die gesetzlich regulierte Aufnahmepraxis erfolgt per Antragstellung in deutschen Botschaften oder Konsulaten im Herkunftsland, dabei kann die Prüfung der Identität der Antragsteller allerdings bis zu drei Jahre in Anspruch nehmen (vgl. Darieva 2004:46). Die Gründe für die Einreise sind vielschichtig. Im Folgenden wird auf die verschiedenen Motive und Erwartungen der verschiedenen Einreisegruppen eingegangen.

2.2.1 Aussiedler

Seit 1993 wanderten verstärkt Aussiedler – seit 1993 spricht man offiziell von Spätaussiedlern – nach Deutschland. Deren Vorfahren kamen bereits im 17. Jahrhundert nach Russland, nachdem Zar Peter I die ausländischen Fachleute angeworben hat. Seinem Ruf nach kamen Tausende Wissenschaftler, Ärzte und Handwerker. Auch später förderte die geborene deutsche Prinzessin Sophie Friederike Auguste von Anhalt-Zerbst, die als Katharina II (die Große) von 1762 bis 1796 regierte, die Gründung der deutschen Kolonien, indem sie zahlreiche Privilegien wie Steuer- und Militärdienstbefreiung gewährleistete. Nach der deutschen Reichsgründung 1871 änderte sich das Verhältnis der russischen Regierung zu Kolonisten und sie verloren die „auf ewige Zeiten“ zugesprochenen Rechte. Bismarcks Regierung sah die Auswanderer als Vaterlandverräter und fühlte sich nicht verpflichtet, die Verbindung zu den Kolonien aufrecht zu erhalten. Nach den beiden Weltkriegen, Diskriminierungen und Verfolgung in der Sowjetunion wollten ihrer Nachfahren wieder zurück in die historische Heimat zurückkehren (vgl. Kirsch 2004:11).

Von 1950 bis 2004 wurden Rund 4,5 Millionen Emigranten aus Ost- und Südeuropa aufgenommen. Die Größenordnung des Zuzugs unterliegt erheblichen Schwankungen. Nachdem die Ausreisebeschränkungen in Osteuropa behoben wurden, stieg die Zahl der Einwanderer sprunghaft an – zwischen 1988 und 1994 wurden fast 2 Millionen aufgenommen. Den Höhepunkt des Zuzugs bildet das Jahr 1990, als 397.000 Personen kamen. Nachdem die Aufnahmebedingungen verschärft wurden – Kontingentierung auf etwa 200.000 Personen pro Jahr, die auch ausreichende Deutschkenntnisse nachweisen mussten – ging die Zahl der Aussiedler kontinuierlich zurück: von über 104.000 im Jahr 1999 auf 36.000 in 2005 (Geißler 2006:56) Die meisten Einwanderer stammen aus den nördlichen Gebieten von Kasachstan und aus Russland, vor allem aus dem Wolgagebiet und Westsibirien. Außerdem gab es Ansiedlungen ethnischer Deutschen in Kirgisien, Usbekistan, Ukraine und Tadschikistan, die ebenfalls nach Deutschland auswandern (Savoskul 2006:201).

Nach jahrelangen Diskriminierungen und Ausgrenzungen erhoffen sich viele Aussiedler einerseits durch die Rückkehr zu den historischen Wurzeln, die deutsche Sprache und Kultur frei pflegen zu können, sowie andererseits die familiären Bindungen mit Verwandten, die bereits in Deutschland leben, wiederherzustellen. Da nach dem Aufkommen des Nationalsozialismus in den asiatischen Staaten in der Schule auf Kasachisch oder Usbekisch unterrichtet wird, sehen die Deutschen eine weitere Gefahr für die Erhaltung der eigenen Traditionen und Sprache (Strobel/Kühnel 2000:81). Aufgrund der unstabilen wirtschaftlichen und sozialen Situation in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion wünschen sich die Einwanderer allgemein bessere Lebensbedingungen sowie eine bessere Zukunft für die Kinder. (vgl. Strobel/Kühnel 2000:82ff). Nach Untersuchung von Dietz/Roll konnte mehr als die Hälfte der Jugendlichen bei der Ausreiseentscheidung mitwirken und hatten an die Ausreise einerseits Freude sowie große Erwartungen an die materielle Besserstellung und anderseits gemischte Gefühle gehabt (vgl. Dietz/Roll 1998:31ff).

2.2.2 Kontingentflüchtlinge

Nach dem so genannten Kontingentflüchtlingsgesetz von 1991 durften auch die Juden aus der ehemaligen Sowjetunion anhand eines erleichterten Verfahrens einreisen. Der Antrag konnte von einer Person für die ganze Familie gestellt werden. Nach der Einreise besteht ein Anspruch auf unbefristete Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis und auf Sozialleistungen wie Eingliederungshilfen (z.B. Sprachkurse, Sozialhilfe, Wohnungsgeld, Kindergeld oder BAföG, Leistungen des Arbeitsamtes wie Weiterbildung und Umschulungen). Nach einem siebenjährigen Aufenthalt ist es möglich, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen (vgl. Becker 2001: 51).

Nachdem Missstände bei der Eingliederung anderer Migranten nach Israel oder in die USA bekannt wurden (schlechte Wohnraumversorgung und hohe Arbeitslosigkeit (Israel) sowie nur zeitlich beschränkte staatliche soziale Leistungen (USA)), erschien Deutschland als ein durchaus attraktives Auswanderungsziel, sowohl in geographischer als auch in sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Sicht (vgl. Schoeps/Jasper/Vogt 1999:51). „Nach den Angaben vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sind zwischen 1991 und 2004 unter Einbeziehung der Aufnahmezusagen von 1991 insgesamt 219.000 jüdische Zuwanderer nach Deutschland gekommen Im Jahr 2004 wanderten 11.208 jüdische Zuwanderer zu, womit sich der abnehmende Trend weiterfortsetzte.“ (Haug 2005:6).

Motiv für dieses Aufnahmeprogramm war unter anderem der Erhalt und die Stärkung der jüdischen Gemeinden in Deutschland sowie die moralische Wiedergutmachungsgeste im Sinne der erinnerten Geschichte für den Nationalsozialismus und Holocaust (vgl. Becker 2001:46ff). Außerdem wurde deren Lage wegen des wachsenden Nationalismus in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion als gefährdet eingeschätzt (vgl. Becker 2001:47ff). Zuwanderungsberechtigt waren Personen, die nach staatlichen Urkunden selbst jüdischer Nationalität sind oder von mindestens einem jüdischen Elternteil abstammen. Nach jüdischem Gesetz „Halacha“ erfolgt die Zugehörigkeit zum Judentum allein durch die Abstammung von einer jüdischen Mutter. Die Tatsache, dass die Einwanderungsregelung in Deutschland auch die Personen einbezieht, die von einem jüdischen Vater abstammen, wurde allerdings verschiedentlich kritisiert. Für das Ziel der Sicherung des Fortbestehens der jüdischen Gemeinden ist die Regelung dysfunktional, sofern die Voraussetzung für eine Mitgliedschaft weiterhin an der Halacha gebunden ist (vgl. Haug 2005:4-5, Darieva 2004:79ff).

Bezüglich der Emigrationsmotive lassen sich starke regionale Unterschiede feststellen: bei Zugewanderten aus Randstaaten der ehemaligen Sowjetunion standen wirtschaftliche Motive im Vordergrund, bei den Emigranten aus Russland stand deutlich die Angst vor Antisemitismus an der ersten Stelle (56,2%) sowie Angst vor einem Bürgerkrieg. Bei Personen aus der Ukraine überwogen insgesamt persönliche und familiäre Motive (vgl. Schoeps/Jasper/Vogt 1999:49ff).

Was die Erwartungen der jüdischen Zugewanderten vor der Einreise an Deutschland betrifft, erreichte aufgrund des hohen Durchschnittsalters der Migranten die Hoffnung auf eine bessere Ausbildung und Zukunftsperspektive für nächste Generationen sowie eine bessere medizinische Versorgung den höchsten Wert. Vor allem die Migranten aus der Ukraine erhofften sich weniger Umweltrisiken, was offensichtlich auf die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zurückzuführen ist(vgl. Schoeps/Jasper/Vogt 1999:53).

2.3 Heiratsmigranten, Asylbewerber und Arbeits-migranten

Weitere Migrationswege aus der ehemaligen Sowjetunion der temporären oder dauerhaften Grenzüberschreitung sind Heirat, Asyl, Arbeit und Studium, die sich von den ethnischen oder familienorientierten Migrationsformen durch ihren individualisierten Charakter abheben. Diese Ausländer erhalten einen wesentlichen „niedrigeren“ Aufenthaltsstatus als Spätaussiedler und Kontingentflüchtlinge. „Studenten, Angestellte und Heiratsmigrantinnen etwa erhalten nur eine befristete Aufenthaltsgenehmigung. Asylbewerber bekommen grundsätzlich keine Arbeitserlaubnis, sie erhalten keine Sozialhilfe, sondern Sachleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz.“(Darieva 2004:47).

Dennoch stellten von 1989 bis 1998 allein in Deutschland 26.660 Menschen aus den sowjetischen Nachfolgestaaten einen Asylantrag, wobei die Anerkennungsquote durchaus niedrig war. Dabei stieg in den 1990er die Heiratsmigration erheblich an: die Eheschließungen zwischen deutschen Männern und Frauen aus der ehemaligen Sowjetunion verdoppelten sich zwischen 1995 und 1997. Allerdings ist den nicht-jüdischen bzw. nicht-deutschen Ehepartnern der Spätaussiedler und Kontingentflüchtlinge der „privilegierte“ Aufenthaltsstatus nicht gewährt (vgl. Darieva 2004:47-48).

2.4 Forschungen über russischsprachige Migranten-gruppen

Die meisten russischsprachigen Einwanderer kommen offiziell als ethnische Deutsche und Juden in die Bundesrepublik, werden aber in der Öffentlichkeit unterschiedslos als „Russen“ wahrgenommen. Die homogenisierende Betrachtungsweise der Medien differenziert die eingewanderten Immigranten aus dem post-sowjetischen Vielvölkerstaat kaum nach sozialen, politischen oder ethnischen Gesichtspunkten und Ursprüngen, vielmehr produziert sie oberflächliche kulturelle Sprachbilder.(Darieva 2004:89ff) Erforscht werden die beiden Migrantengruppen in Bezug auf ihren Integrationsverlauf allerdings meistens separat.

Seit Mitte der 90er Jahre erschienen auch etliche wissenschaftliche Arbeiten seit Mitte neunziger Jahre, die beide Gruppen vor allem in Bezug auf den Integrationsverlauf überwiegend separat erforschen (Becker (2001), Kessler (2003), Strobl/Kühnel (2000), Schoeps/Jasper/Vogt (1999), Runge (1995), Dietz (1998), Oswald (1997)). Erstaunlicherweise gibt es kaum Arbeiten, die von dem pauschalisierenden medialen Bild ausgehend, folgende Kriterien in Betracht ziehen: inwiefern und in welcher Sprache die beiden Gruppen im Alltag interagieren, ob sie sich als „Russen“ sehen bzw. sich als solche akzeptieren, ob die Strategien bei der Eingliederung in die Aufnahmegesellschaft ähnlich und erfolgreich sind. Von zentraler Bedeutung wäre dabei die Frage, welche Kriterien die vorrangige Rolle für die Selbstidentifikation in ethnische und kulturelle Hinsicht spielen.

3. Moderne Problematik der Identitätsbildung und Definition des klassischen Identitätsbegriffs

Migranten stehen häufig massiv unter psychischem Druck und hegen Selbstzweifel, wenn ihre Kompetenzen und Prinzipien in Folge der Arbeitslosigkeit oder des Umzugs in ein anderes Land plötzlich von der neuen Umgebung in Frage gestellt und unter den neuen Umständen nicht mehr akzeptiert oder gar als minderwertig eingestuft werden (vgl. Kessler 1999:145, Schoeps/Jasper/Vogt 1999:66). Wenn solche Fälle von den Medien beleuchtet werden, fallen in diesem Zusammenhang oft Begriffe wie „Identitätskrise“ oder „Identitätsprobleme“. Somit wird oft der Begriff „Identität“ in der Öffentlichkeit und im alltäglichen Gebrauch mit einer latenten Unsicherheit assoziiert.

Ursprünglich kommt das Wort „Identität“ vom lateinischen „idem ens“, d.h. „derselbe seiend“. Im Sprachgebrauch der Psychologen und Soziologen steht der Identitätsbegriff an sich für ein stabiles und konsequentes Selbstbewusstsein des Individuums, das auch trotz des ständigen Wandels die Persönlichkeit unverwechselbar macht, es dauerhaft beständig bleibt und dadurch die psychische Gesundheit der Person manifestiert (vgl. Abels 2007:323ff).

Allerdings bezweifeln manche Sozialpsychologen, ob es heutzutage möglich ist, ein stabiles Selbstbewusstsein aufzubauen, wenn die Gesellschaft einem rasanten Wert- und Normenwandel unterworfen ist (vgl. Fromm 1984:13ff, Geißler 2002:434). Mit der weltweiten Ausbreitung des modernen Industriekapitalismus ist ein historisch bislang unbekannter Freisetzungsprozess in Gang gesetzt worden. Es gibt nun keine sozial vorgegebenen Biographien mehr, sondern jeder wird sein eigenes „Planungsbüro“ in Bezug auf seinen eigenen Lebenslauf, seine Fähigkeiten und Orientierungen (Beck 1986:211).

„Zu der Integration (vergangener und aktueller) situationeller Selbstthemati-sierungen tritt nun mit der Einbeziehung der Zukunftsorientierung noch ein weiteres Element hinzu. Immer wenn das Ich sich selbst zum Gegenstand zukunftsbezogener Reflexion macht, entwirft es optionales Selbst oder – wie wir sagen – entwickelt es Identitätsentwürfe. (…) Aus den meist mehreren Identitätsentwürfen, die Subjekte in ihren jeweiligen Teilidentitäten ‚mit sich führen‘ verdichten sich bestimmte zu konkreten Identitätsprojektionen “ (Strauß/Höfer 1997:282ff).

Nach der modernen „Pluralisierung der sozialen Lebenswelten“, die Berger, Berger und Kellner in einer gleichnamigen Veröffentlichung von 1973 beschrieben, wird Identität nicht als eine abstrakte Idee, sondern als eine Konstruktion, die das Individuum vornimmt, definiert. Nach deren Auffassung ist moderne Identität besonderes offen, differenziert, reflexiv und individualisiert (vgl. Abels 2007:380ff).

Auch nach Ulrich Beck ist Identitätsherausbildung in der modernen westlichen Gesellschaft stark von Individualisierung geprägt (vgl. Beck 1986:11ff), die in den anderen kollektiven Gesellschaften eher weniger praktiziert oder gar unterdrückt wird. Z.B. fordert das kommunistische System eine Unterordnung der Individuen, da nur das Wohl der Gemeinschaft wichtig und wertvoll ist - sowohl im Sinne des Staates als auch im Sinne der Familie. Der einzelne wird zwar aus traditionellen Bindungen und Versorgungsbezügen herausgelöst, tauscht aber dafür die Zwänge des Arbeitsmarktes und der Konsumexistenz und der in ihnen enthaltenen Standardisierungen und Kontrollen ein. An die Stelle traditionaler Bindungen (soziale Klasse, Familie) treten sekundäre Instanzen und Institutionen, die den Lebenslauf des einzelnen beeinflussen (Beck 1986:116ff).

Es existieren mehrere Theorien und Konzepte, die sich mit der Dynamik des Identitätsbegriffes beschäftigen. Die relevanten Theorienansätze von Erikson, Hurrelmann und Mead bieten eine Basis zur weiteren Erforschung der „russischen Identität“ in Deutschland und werden im folgenden Kapitel dargestellt.

3.1 Definition des Identitätsbegriffs nach E.H.Erikson

Identität definiert Erikson als „das bewusste oder unbewusste Erleben der „Ich-Kontinuität“. Das Ziel der Identitätsentwicklung ist eine „gesunde“, „reife“ Persönlichkeit, die eine gewisse Einheitlichkeit zeigt, die Welt und sich selbst richtig erkennt und die Umwelt aktiv meistert“ (Zimmermann 2003:180) Nach Erikson ist Identitätsherausbildung eine psychosoziale Entwicklung als ständige Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesellschaft, die nach einem universellen Grundschema verläuft, die bestimmte Thematiken in ihrer Abfolge im menschlichen Lebenslauf festlegt. Obwohl jede Thematik im Grunde genommen das ganze Leben hindurch besteht, wirkt sie während einer bestimmten Altersphase dominierend und kann sich bis zu einer Krise hin verschärfen. Dabei soll die Krise vorerst nicht als Störung oder Gefährdung aufgefasst werden, sondern als Differenz zwischen dem, was man haben, tun oder sein möchte und dem, was zurzeit möglich ist und geboten wird. In jeder Phase wird eine bestimmte Grundhaltung oder „Ich-Qualität“ und eine bestimmte Tugend ausgebildet, die in das Selbstkonzept integriert werden und Voraussetzungen schaffen, die Probleme der nächsten Phase zu bewältigen. Falls eine Krise produktiv gelöst wird, ist der Heranwachsende bereit für die nächste Stufe, ansonsten kann infolge der misslungenen Krisenbewältigung der gesamte weitere Lebensweg beeinträchtigt werden (vgl. Abels 2007:367)

Erikson misst dieser Jugendphase die entscheidende Bedeutung für die Ausbildung der Identität bei. Der Heranwachsende stellt sich nun die Frage: „Wer bin ich, wer bin ich nicht?“, da er während der Phase in der Lage ist, sich selbst bewusst zu reflektieren und auch kritisch einbeziehen kann, was andere meinen und über ihn denken. Mit dieser Suche nach Anerkennung durch neue Bezugspersonen lässt er oft alte Bezugspersonen hinter sich. Die Eltern erfahren dadurch schmerzhaft wie ihre Kinder erwachsen werden. Oft verbergen sich aber hinter der mit großen Worten demonstrierten Ablösung und Selbstsicherheit Zweifel, wohin man sich nun wenden soll. Es werden Freunde und Peergroups außerordentlich wichtig, die zwar einen gewissen Halt geben können, aber sich ebenfalls im Wandel befinden und manche Zweifel dadurch noch mehr verstärken. (Abels 2007: 370ff)

Das Misslingen dieser Krise bezeichnet Erikson als „Identitätsdiffusion“. Diese Identitätsverwirrung verursacht die Auflösung der zeitlichen Perspektive (sich sehr jung und gleichzeitig sehr alt empfinden, Gefühl großer Dringlichkeit und gleichzeitig Verlust der Rücksichtnahme auf die Zeit), Empfinden der Arbeitsunfähigkeit, die Wahl einer negativen Identität oder die völlige Auflösung der eigenen Identität und Überbewertung der Leitbildern und Idolen, was unter anderem auch eine extreme Distanzierung zur Folge haben kann. (Erikson 1981:170 ff). „Symptomatisch besteht dieser Zustand in einem schmerzlich gesteigerten Gefühl der Isolierung, eine Desintegration des Gefühls der inneren Kontinuität und Gleichheit, einem Gefühl allgemeiner Beschämtheit und in einer Unfähigkeit aus irgendeiner Art von Tätigkeit ein Gefühl der Erfüllung zu gewinnen.“ (Erikson 1981:172). Eltern und Lehrer finden in solchen Situationen kaum oder überhaupt keinen Kontakt mehr zu den Jugendlichen (Zimmermann 2006:170)

Beim Durchlauf und durch erfolgreiche Bewältigung von insgesamt acht jeweils typischen „Krisen“, die im Lebenszyklus acht Entwicklungsstufen entsprechen und in denen jeweils eine spezifische Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ gegeben wird, baut sich die Identität auf. Trotz der Ähnlichkeit mit Theorien von Freud, der die psychische Grundstruktur schon in der frühesten Kindheit im Wesentlichen ausgebildet sieht, geht Erikson davon aus, dass sich die Identität in der Adoleszenz herausbildet und mehr als die Summe der Kindheitsidentifikationen darstellt, wie es Freud in seinen Theorien postulierte (Abels 2007: 367ff).

Kritiker werfen Erikson vor, „…sein harmonisierendes Modell spiegele die idealisierte Erfahrung einer harmonischen Gesellschaft der amerikanischen Mittelschicht wider.“(Abels 2007:374). Es ist jedoch in der heutigen Zeit schwieriger geworden einen altersspezifischen Zeitpunkt der Persönlichkeitsbildung anzugeben, da die gesellschaftlich gestützten Komponenten des Reifungsvorgangs für die heutige Jugendgeneration nicht mehr typisch sind. Der Übergang in den Status eines Erwachsenen ist wegen der Schulzeitverlängerung oder –verkürzung, Verschiebung des Berufseintritts, durch verschiedene kulturelle Sinndeutungsmuster und neuartige Lebens- und Familienformen sehr individuell geworden. Durch die Ausweitung des Konsum- und Freizeitbereichs stehen Kindern und Jugendlichen die Handlungsfelder offen, die noch vor ein paar Generationen ausschließlich erwachsenen Menschen zugänglich waren. Erwachsene können dagegen durch Arbeitslosigkeit oder früheren Berufssaustieg ebenfalls eines wichtigen identitätsstiftenden Erfahrungsbereiches beraubt werden, der noch vor kurzem als konstruktiv für die Definition der Erwachsenenrolle gelten konnte (vgl. Hurrelmann1995:176ff).

3.2 Identitätsdefinition nach K. Hurrelmann

Ähnlich wie Erikson muss nach dieser Theorie ein Individuum während einer bestimmten Lebensphase gewisse Entwicklungsaufgabe bewältigen. Folgende Entwicklungsaufgaben formulierte er z.B. für die Jugendphase in der heutigen postmodernen Gesellschaft:

- „Entwicklung der intellektuellen und sozialen Kompetenzen, um selbstverantwortlich schulischen und anschließend beruflichen Qualifikationen nachzukommen, mit dem Ziel, eine berufliche Erwerbsarbeit aufzunehmen und dadurch eine materielle und gesellschaftliche Basis für eine selbstständigen Existenz als Erwachsener zu sichern und dabei eine möglichst selbstverwirklichende Tätigkeit auszuüben, ist eine Basisvoraussetzung zur Aufbau des Selbstbildes und der Identität.
- Entwicklung der eigenen Geschlechterrolle und des sozialen Bindungsverhaltens zu Gleichaltrigen sowie Aufbau einer Partnerbeziehung.
- Entwicklung eines eigenen Wert- und Normsystems und eines ethnischen und politischen Bewusstseins, das mit dem eigenen Verhalten und Handeln in Übereinstimmung steht, so dass langfristig ein verantwortliches Handeln in diesem Bereich möglich wird.
- Entwicklung eigener Handlungsmuster für die Nutzung des Konsumwarenmarktes und des kulturelles Freizeitmarktes (einschließlich Medien und Genussmittel) mit dem Ziel, einen eigenen Lebensstil zu entwickeln und zu einem autonom gestalteten und bedürfnisorientierten Umgang mit den entsprechenden Angeboten zu kommen“ (Hurrelmann1995:176ff).

Für Hurrelmann ist für die Identitätsbildung in der ersten Linie der Erwerb von Handlungskompetenzen wichtig, was in einem früheren Entwicklungsstadium, d. h. in der Kindheit stattfindet. Er definiert die Handlungskompetenz als „Zustand der individuellen Verfügbarkeit von Verhaltens-, Interaktion- und Kommunikations-strategien, die ein angemessenes Agieren in konkreten Handlungssituationen und eine Koordination der Anforderungen verschiedener Handlungssituationen gestatten, die für die Person und/oder die Umwelt von Bedeutung sind.“ (Hurrelmann1995:161). Je nach Grad der Reflexivität sind im Laufe der Entwicklung die sensorisch-motorischen, interaktiven, intellektuellen und affektiven Fähigkeiten und Fertigkeiten von einem Individuum so ausgeprägt, dass es in der Lage ist, selbstständig zu interagieren und zu kommunizieren und dadurch über Handlungskompetenzen verfügt. Sie unterscheiden sich nach sprachlichen, moralisch-ethischen, sozialen, kognitiven, ästhetischen und emotionalen Kriterien und bilden eine Basis zur Herausbildung eines Selbstbildes der Persönlichkeit. (vgl. Hurrelmann1995:161).

Im Verlauf der Sozialisation im Prozess der Interaktion mit anderen Menschen bildet sich das Selbstbild. Es setzt sich aus drei wichtigen Komponenten, nämlich aus den Ergebnissen der Selbstwahrnehmung, Selbstbewertung und Selbstreflexion, also aus der Gesamtheit der Vorstellungen, Einstellungen, Urteilen und Einschätzungen, die ein Mensch im Blick auf die eigenen Handlungsmöglichkeiten besitzt. Nach Hurrelmann sind die Prozesse der Selbstwahrnehmung, Selbstbewertung und Selbstreflexion die Voraussetzung und Grundlage der Identität: „von Identität soll gesprochen werden, wenn ein Mensch über verschiedene Handlungssituationen und über unterschiedliche lebensgeschichtliche Phasen hinweg eine Kontinuität des Selbsterlebens auf der Grundlage eines bewusst verfügbaren Selbstbildes wahrt.“ (Hurrelmann1995:169).

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Abbildung 1 : Grundlegende Fertigkeiten und Fähigkeiten als Voraussetzungen für Handlungskompetenzen Quelle: K. Hurrelmann „Einführung in die Sozialisationstheorie“, S. 162

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Abbildung 2 : Sachlogischer Zusammenhang zwischen den Konzepten Handlungskompetenzen, Selbstbild, Identität und Handeln. Quelle: K. Hurrelmann „Einführung in die Sozialisationstheorie“, S. 171

Dabei ist Identität nicht ein für allemal gelungener, feststehender und verlässlicher Besitz eines Menschen, sondern ein Zustand des Selbsterlebens, der ständig neuen Interpretations- und Aushandlungsprozessen mit der äußeren Umwelt und der eigenen inneren Natur unterliegt. Die Herausforderung zwischen der so genannten „sozialen Identität“ und der „persönlichen Identität“ zu balancieren ist die Leistung des Individuums, was als Identität bezeichnet wird. Hurrelmann stützt sich dabei auf die Theorien von Krappmann (vgl. Krappmann 1969:78, 316 zitiert von Hurrelmann 1995:172ff) und Havinghurst (vgl. Zimmermann 2006:171).

Demnach entsteht einerseits bei der Individuation eine einzigartige Persönlichkeit mit unverwechselbaren Merkmalen und Charaktereigenschaften, die mit dem Aufbau der personalen Identität gleichzusetzen ist, die aus den biographischen Erfahrungen eines Menschen besteht. Andererseits beschreibt die Integration den sozialen Anpassungsprozess an die gesellschaftliche Werte, Normen und Anforderungen, was auch als Entwicklung der sozialen Identität bezeichnet werden kann, die von Gruppenkontexten und gesellschaftlichen Erwartungen abhängig ist. Erst in der Jugendphase werden die beiden Prozesse – Individuation und Integration – bewusst und intensiv aufeinander bezogen und können von den Individuen in eigener Regie übernommen werden (vgl. Zimmermann 2006:171ff).

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Abbildung 3 : Spannungsverhältnis von Individuation und Integration. Quelle: Zimmermann 2006, S. 172

„Einen optimalen Verlauf nimmt die Persönlichkeitsentwicklung, wenn in jeder Lebenssituation und in jeder aktuellen Handlungssituation ein Arrangement mit den Bedingungen der äußeren Realität möglich ist, das im Einklang mit den persönlichen Bedürfnissen und Interessen eines Menschen steht.“(Hurrelmann 1995: 158)

Eine gestörte Identitätsbildung hat eine verstärkende Auswirkung auf die Entstehung von gestörtem Verhalten. Beim Auftreten von auffälligen und abweichenden Verhalten kann von psychosozialen und psychosomatischen Symptomen der Persönlichkeitsentwicklung gesprochen werden, unterschieden meist nach dem Grad des Ausmaßes der Normverletzung und nach dem Konfliktpotential, was sowohl nach „außen“ als auch nach „innen“ gerichtet werden kann (vgl. Hurrelmann 1995:179). Als unnormal gelten Aggressivitätsausbrüche gegenüber anderen Personen oder ganzen Gruppen, der Wunsch den anderen oder sich selbst Schaden oder Leid zuzufügen: Schlägereien, Alkohol- oder Drogenkonsum, Mord oder Selbstmord, aber auch depressive Stimmungslagen, Magersucht, Lern- und Leistungsstörungen. „Eine Risikokonstellation“ für das Entstehen von abweichendem Verhalten existiert also immer dann, wenn wegen einer spezifischen Ausprägung von personalen und Umweltmerkmalen vorübergehend oder dauerhaft in einem oder mehreren der wesentlichen Handlungsbereiche einer Person unangemessene und unzureichende Handlungskompetenzen zur Verfügung stehen und die von der sozialen Umwelt erwarteten und angeforderten Fertigkeiten und Fähigkeiten nicht erbracht werden können.“ (Hurrelmann1995:183). Eine solche Konstellation wird dann als belastend empfunden, die Auswirkungen können als „Stress“ bezeichnet werden. Um diese Belastung abzubauen, werden je nach Entwicklungsstand, Fähigkeiten und Fertigkeiten des Individuums verschiedene Bewältigungsstrategien angewendet, die auch indirekt von sozialen und materiellen Lebensbedingungen beeinflusst werden. Das Unterstützungspotential der sozialen Umgebung ist neben den individuellen Bewältigungsstrategien ein wichtiger Faktor, der darüber entscheidet, ob eine belastende Situation zu abweichenden Verhaltensweisen führt oder nicht. Nach den Untersuchungsergebnissen von Gottlieb sind Menschen mit guter sozialer Einbindung in Netzwerke ganz offensichtlich widerstandsfähiger gegen Problembelastung als andere (vgl. Hurrelmann1995:184). Als ein solches „Netzwerk der sozialen Unterstützung“ können sowohl Familie, Freunde, Nachbarn, als auch staatliche Einrichtungen für Hilfe und Förderung sein (vgl. Hurrelmann1995:186).

3.3 Identitätstheorie von G.H. Mead

George Herbert Mead mit seiner Theorie des Symbolischen Interaktionismus hat die These vertreten, dass das Selbstbewusstsein die Voraussetzung für Identitätsherausbildung sei. Der Mensch ist im Gegensatz zum Tier in der Lage, sich mit den Augen der anderen zu sehen und sich seine Einstellungen, sein Verhalten und letztendlich seine Identität dadurch bewusst zu machen und zu analysieren. Diese Fähigkeit wird durch die Interaktion zwischen Individuen in der Gesellschaft im Verlauf des Sozialisationsprozesses erworben, wobei die Interaktion durch Verständigung, vor allem über ein gemeinsames Symbolsystem „Sprache“, also über Kommunikation stattfindet (vgl. Zimmermann 2006:52ff, Abels 2007:196ff).

Es werden dabei zwei Entwicklungsphasen hervorgehoben, die den kindlichen Spielformen:„play“ und „game“ entsprechen. Durch nachahmendes Rollenspiel („play“) probieren spielende Kinder verschiedene Rollen aus, wie „Verkäufer“, „Cowboy“, „Arzt“ oder spielen mit einem imaginären Freund und mimen beide Seiten. Sie orientieren sich zwar nach passenden Verhaltensmustern, sind aber dabei frei von festen Regeln. Währenddessen haben Kinder die Möglichkeit, das „impulsive Ich“ auszuleben, was Mead als „I“ bezeichnet. Es ist mit dem Freudschem „es“ vergleichbar. Es ist vorsozial und unbewusst und könnte als eine Art der psychischen Komponente (Spontaneität, Kreativität, Triebausstattung) eines Menschen bezeichnet werden (vgl. Zimmermann 2006:54).

Die zweite Phase wird als „game“ definiert und bedeutet den Übergang von der spielerischen Übernahme der Rolle anderer hin zur organisierten Rolle. Das Kind muss nun gewisse Spielregeln beachten und diese in Zusammenhang mit dem Verhalten der anderen Spielpartner bringen. Sobald das Kind das beherrscht, hat es damit einen wesentlichen Schritt zum kompetenten sozialen Handeln erfüllt und eine weitere Seite des Ichs entwickelt, was als „reflektierte Ich“ oder „Me“ bezeichnet wird und mit dem Freudschem „Über-Ich“ vergleichbar ist. Nach Mead ist „Me“ die gesellschaftliche Grundlage der Identität, also das was das Subjekt über sich selbst im Prozess der Rollenübernahme erfährt, nachdem es sich in die Position des anderen versetzt hat (Abels 2001:202ff) Jeder Mensch muss sich selbst quasi mit den Augen des anderen sehen. Dieses unmittelbar aus der Interaktion entwickelte innerpsychische Grundmuster der „Rollenübernahme“ ist für Mead eine wichtige Voraussetzung für soziales Handeln.

Aus der Differenz zwischen dem „I“ und „Me“ entwickelt sich schließlich ein reflexives Bewusstsein, was von Mead als „Self“ genannt wird. Das Self wird der reflexiven Intelligenz des Menschen, d. h. dem Bewusstsein („Mind“) zum Objekt. Erst das komplexe Zusammenspiel von „I“, „Me“, „Self“ und „Mind“ ist in seiner Konzeption die Entstehung der Persönlichkeit des Menschen und seiner Identität. Der Mensch wird als ein Wesen mit reflexivem Bewusstsein von sich selbst verstanden, der ein individuelles und zugleich soziales (vergesellschaftetes) Subjekt darstellt (vgl. Hurrelmann 1995:50).

Im Laufe der Sozialisation werden die reflektierten Ichs infolge der neuen Erfahrungen immer zahlreicher, sie differenzieren sich immer mehr und widersprechen sich sogar. „Die Klassenkameraden sehen einen anders als die Eltern, der Freund erwartet anderes von mir als mein Chef, die Nachbarn behandeln mich auf ihre Weise, und mit meinen Enkeln gehe ich auf meine Weise um. All das zeigt, dass das System der reflektierten Ichs keineswegs festgefügt und homogen, sondern ständig in Bewegung ist.“ (Abels 2007:339).

Das reflektierte Ich ist mit dem Konzept der Rollenübernahme von Parsons (vgl. Abels 2007:201ff) und Goffman (vgl. Abels 2007:348ff) vergleichbar. Nach Auffassung von Goffman ist Rolle ein bestimmtes „der sich während einer Darstellung entfaltet und auch bei anderen Gelegenheiten vorgeführt oder gespielt werden kann“ (vgl. Goffmann 1959:18, Abels 2007:353). Dadurch wird die Pluralisierung der sozialen Lebenswelten, von der Berger, Berger und Kellner gesprochen haben (vgl. Abels 2007:380ff) durch die Identitätskonstruktion instrumentalisiert und kann offen, differenziert, reflexiv und individualisiert gestaltet werden.

3.4 Zusammenfassung

Diese Übersicht bietet eine theoretische Basis für die allgemeine Analyse der russischsprachigen Einwanderer sowie für den erstellten Forschungsfragebogen und die spätere Auswertung.

Somit ist die Beschränkung auf die Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen für die Stichprobe begründet, da nach Erikson die Adoleszenz als besonders wichtige Phase für die Identitätsbildung gilt. Sie besitzt allerdings, in Folge der modernen Entwicklung, keine klar definierten Altersgrenzen. Verschiedene Rollen oder die reflektierten Ichs können als einzelne Komponenten der sozialen und personellen Identität gesehen werden, die im Folgenden Kapitel in Bezug auf die russischsprachigen Migranten näher beleuchtet werden. Dabei können die Integrationsprobleme als ein misslungener Balancierungsversuch zwischen den beiden Identitäten gesehen werden – eine Diskrepanz zwischen dem was man ist und dem, was man in seiner neuen sozialen Umgebung zur Selbstverwirklichung zur Verfügung hat. Es kann in diesem Zusammenhang auch von Identitätsdiffusion die Rede sein, vor allem wenn die von Erikson beschriebenen Merkmale auftreten. Die Handlungsorientierungen und –strategien, die entwickelt werden müssen, um ein stabiles „Ich“ dennoch aufzubauen, sind in diesem Zusammenhang interessant. Allerdings steht die Frage nach der Gewichtung verschiedener Faktoren, die die Ausprägung der personalen und sozialen Identität verdeutlichen, für diese Untersuchung im Vordergrund.

Da die jungen russischsprachigen Einwanderer in Spannungsfeld mindestens zweier Kulturen stehen, ist es zu vermuten, dass sie zur Herausbildung von hybriden Identitäten (Münz/ Pretell/Böhlerkommen 2006)4 neigen können. Im Falle einer erfolgreichen Integration wird ihnen die Chance gegeben, als „Vermittler/innen zwischen Kulturen [zu fungieren], die eine Nation sicher nur bereichern (…), wenn sie bereit [sind], sich darauf einzulassen.“5

4. Vergleich der Kontingentflüchtlinge und Aussiedler in Bezug auf die Besonderheiten der Heraus-bildung der ethnischen und kulturellen Identität sowie Integrationsprobleme

Im folgenden Kapitel werden anhand von den aktuellen Forschungsergebnissen wichtiger Faktoren beschrieben, die sowohl für die Herausbildung der personale Identität (das Bewusstsein der eigenen unverwechselbaren Person) als auch für die soziale Identität (das Bewusstsein der Zugehörigkeit zur bestimmten gesellschaftlichen Gruppierungen) eine bedeutende Rolle spielen und zwar in Bezug auf die Gruppen der Aussiedler und Kontingentflüchtlinge, die als Basis für die Fragebogenerstellung dienen. Da es leider kaum Untersuchungen gibt, die sich ausführlich mit den russischsprachigen Asylbewerbern, Heiratsmigranten, Studenten befassen, können diese Gruppen dabei nicht berücksichtigt werden.

4.1 Entstehung personaler Identität: Biologische und psychologische Ausstattung

Körperliche Konstitution, Geschlechterzugehörigkeit und nicht zuletzt Gefühlswelt und angeborenes Temperament beeinflussen maßgeblich ab den ersten Lebensjahren Selbstwahrnehmung und Selbstbild, die in die persönliche Identität mit einfließen. Geschlecht, Herkunftsfamilie und Nationalität sind die Identitätsfigurationen, die zunächst nicht frei gewählt werden können, sondern mit der Geburt angenommen werden müssen und erscheinen deswegen natürlich. Alle anderen Identitätsfigurationen sind dagegen mehr oder weniger erworben und gewählt (vgl. Lohauß 1995:84).

4.1.1 Geschlecht

Das Geschlecht ist eine fundamentale biologische Tatsache und scheint für den Säugling keinerlei Rolle zu spielen. Erst im Laufe der Sozialisation, während mit dem Vornamen ein bestimmtes geschlechtsbestimmendes Zeichen für die Gesellschaft gegeben wird, lernt das Kind sich von der Mutter und von anderen zu unterscheiden und geschlechtsspezifisch zu denken, zu handeln und zu fühlen.

Neben sozialtheoretischen Theorien, die besagen, dass geschlechts-spezifische Sozialisation über das Lernen durch Verstärkung und das Lernen am Modell stattfindet, versuchen neurobiologische und neuropsychologische Forscher die Verhaltensunterschiede, wie z. B. Aggressionspotenzial oder Fähigkeit die Gefühle auszudrücken, biologisch zu erklären (vgl. Zimmermann 2003:194ff).

Es existiert aber nach wie vor ein symbolisches System für „Jungensein“ und „Mädchensein“ – es sind Deutungsmuster, Zuschreibungen und Erwartungen, die für das einzelne Kind die Darstellung der Geschlechtszugehörigkeit ermöglichen. Das Kind benutzt dieses System, nicht nur um sich selbst seiner Identität gewiss zu sein, sondern muss auch als Mädchen oder Junge von den anderen erkannt werden (vgl. Zimmermann 2003:89ff). In einer individualisierten Lebenslage haben nun die Heranwachsenden Variationsmöglichkeiten - die „Geschlechter-Skripts“ sind offener und breiter gefächert, Jungen und Mädchen müssen sich nicht immer „typisch“ verhalten.

Zwischen Männern und Frauen existieren nach wie vor typische Unterschiede in den Soziallagen und gesellschaftlichen Rollenanforderungen, die sich über gesellschaftsspezifische Sozialisationsprozesse auch auf die Persönlichkeit, auf Einstellungen, Motivationen und Verhaltensweisen niederschlagen. Offenbar gehört die Tendenz zur Minderung der sozialen Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen zu den allgemeinen „emanzipatorischen Trends“ der modernen Gesellschaft (vgl. Geißler 2006:301).

In der sowjetischen Gesellschaft herrschte allerdings trotz scheinbarer Emanzipation eine traditionelle patriarchalische Rollenverteilung in der Familie vor. Frauen waren dennoch in großem Maße in Arbeitsprozess einbezogen und konnten auch hohe Bildungsabschlüsse erwerben, da ein gut ausgebautes Netz der staatlichen Kinderbetreuung die zur Berufsausübung oder Studium benötigte zeitliche Unabhängigkeit ermöglichte. Da das Wohnen in der Dreigenerationsfamilie noch wesentlich weiter verbreitet ist als im Westeuropa, konnte die berufstätige Frau auch auf Hilfe und Rat ihrer Mutter oder Schwiegermutter rechnen, die sich um Haushalt und Kinder kümmern konnten (vgl. Schmidt-Sakic 1992:231ff).

4.1.2 Temperament und Gefühle

„Die Gefühle des Menschen vermitteln den Doppelaspekt von Körper und Seele und sie spielen deshalb eine große Rolle bei der „Vermittlung“ zwischen dem Individuum und der Gesellschaft“ (Lohauß 1995:52) und ebenfalls bei seiner Identitätsausprägung. Die konkreten Gefühle werden grundsätzlich unterschieden in Triebgefühle, Affekte, Emotionen und Orientierungsgefühle (Lohauß 1995:54).

Auf Triebgefühlen (Hunger, Durst, Sexualität, Bedürfnis nach Schlaf und Tätigkeit) können Affekte und Emotionen aufgebaut werden. Affekte sind nicht nur viel flexibler als Triebe, sondern sind auch expressiv und kommunikativ und können sich gegenseitig unterdrücken oder ablösen: es können z.B. Wut oder Neugier oder Furcht verdrängen. Gerade weil Affekte sublimierbar, kanalisierbar, willentlich beeinflussbare Gefühle sind, werden sie gesellschaftlichen Regeln zugänglich und werden somit durch (moralische) Normen geregelt (Lohauß 1995:54).

Emotionen wie Liebe, Vertrauen, Eifersucht, Ärger, Hass, Rachsucht, Verachtung, Schuldgefühle und Gewissensbisse unterscheiden sich nach Person, Kultur und Epoche. Niemand wird z. B. zwei Personen auf genau die gleiche Art lieben können; Liebe im 19. Jahrhundert wird anders ausgelebt als heutzutage. In verschiedenen Kulturkreisen wird ebenfalls anderes „geliebt“ oder „gehasst“. Alle Emotionen sind also gesellschaftlich geformt und abhängig von den Sozialisationsprozessen und der Kultur in der wir leben (Lohauß 1995:54).

Der typische Charakter, d. h. die emotionale Persönlichkeit ist die wesentliche Grundlage der personalen Identität. In die Persönlichkeit eines Menschen gehen alle ihn dauerhaft prägenden Merkmale ein: seine soziale Position, sein Beruf, seine Kenntnisse, Fähigkeiten, körperliche Konstitution etc., aber im Kern wird die Besonderheit eines Menschen durch die Art und Weise seiner Emotionen festgelegt. In der Selbstreflexion und der Akzeptanz der emotionellen Persönlichkeit zeigt und bewahrt sich das Selbst. „Darüber hinaus gibt es mannigfache Formen, auf Emotionen und ihre Kontrolle basierende Verhaltensweisen zur sozialen Differenzierung zu nutzen: Etikett, Takt als emotionelles Einfühlungsvermögen, emotionsgeladene Gruppensolidarität usw.“ (Lohauß 1995:56). Die Persönlichkeit kann durch große Erschütterungen, gesellschaftliche Umbrüche und Ausnahmesituationen beeinflusst werden (vgl. Lohauß 1995:55).

Gefühle sind die inneren Bewertungen der Außenwelt. Sie stellen die Verbindung zwischen den Bedürfnissen (den Triebgefühlen und den Emotionen) und der Außenwelt dar. Z.B. hat ein Komplex, der gemeinhin mit Geschmack bezeichnet wird, eine Selektions- sowie Steuerungsfunktion für soziale Unterschiede. Soweit er nicht gewohnheitsmäßig, traditionell oder durch Moden festgelegt ist, müssen solche Orientierungsgefühle erlernt werden, um die passenden Verhaltensweisen, die richtige Kleidung, Wohneinrichtung usw. zu wählen (vgl. Lohauß 1995:57). Dieses Handlungsmuster wird auch als „Habitus“ nach Bourdieu bezeichnet (vgl. Abels 2007:304)

Orientierungsgefühle, die von den Emotionen zu unterscheiden sind, werden oft gar nicht zu den Gefühlen im engeren Sinn gerechnet. „Hierzu gehören die Ja- und Nein-Gefühle, das Wahrscheinlichkeitsgefühl und das Taktgefühl“ (Lohauß 1995:56ff). Die bewerteten Gefühle „steuern“ uns innerhalb des sozialen Geflechts in dem wir leben, wobei man im kulturellen und historischen Vergleich feststellen kann, dass dieselben Gefühle, die in einer Gesellschaft als schlecht angesehen werden, von einer anderen gerade als gut bewertet werden (vgl. Lohauß 1995:57). Außerdem ist die Entwicklung von moralischen Urteilen zum einen von Kultur und Sozialschicht abhängig, zum anderen von der Gerechtigkeitsstruktur sozialer Gruppen und Institutionen, mit denen die Heranwachsenden zu tun haben. Im Laufe seine Entwicklung macht das Individuum die gesellschaftlich akzeptierten moralischen Wertvorstellungen zu eigenen persönlichen Wertvorstellungen, indem es verschiedene Entwicklungsstufen durchläuft. (vgl. Zimmermann 2003:41ff)

4.2 Entstehung sozialer Identität

Ein psychisch gesundes Individuum ist ein soziales Wesen und kann ohne Gesellschaft kaum auskommen. Er ist somit in verschiedenen Gruppen eingebunden, wo er soziale Nähe, Anerkennung oder Heimat findet, wie Familie, Freundeskreis, Ethnie oder Nation, wobei ihm gegenüber auch konkrete soziale Verantwortung und persönliches Engagement abverlangt werden. Die Mitglieder fühlen sich in irgendeiner Weise einander verbunden und verfolgen gemeinsame Ziele und haben dadurch eine Gruppenstruktur, die das gemeinsame Handeln durch bestimmte Vorstellungen bestimmt und sich dadurch von den „anderen“ abgrenzen. (Abels 2007: 243ff).

4.2.1 Abstammungsfamilie und Herkunft

Die Herausbildung der sozialen Identität, d. h. das Bewusstsein der Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe, wird in erster Linie durch die Familie geprägt. Neben der biologischen Reproduktionsfunktion (Zeugung und Pflege des Nachwuchses, sowie die Versorgung weiterer Verwandte) spielt die Familie vor allem durch ihre Sozialisations- und Platzierungsfunktion eine wichtige Rolle bei der Herausbildung der Identität. Erwerb der Muttersprache, gesellschaftlicher Rollen, Normen und Werte findet in der Kindheit hauptsächlich in der Familie statt (vgl. Meyer 1992:264).

Die Abstammungsfamilie (oder der Stamm) war in früheren Zeiten eine entscheidende Form der sozialen Identität. Die überlieferte Religion, kulturelle Tradition und nicht zuletzt die Muttersprache prägten maßgeblich das Weltbild des Einzelnen. Durch die gesellschaftliche Stellung der Familie, Anzahl und Ansehen der Mitglieder und auch deren Tätigkeiten war die Rolle des Einzelnen früher oft prädestiniert (vgl. Lohauß1995:87) „Die durch Geburt […] erworbene Standeszugehörigkeit [war] mit bestimmten Verpflichtungen, Privilegien oder Benachteiligungen verbundenen, die die gesamte Lebensführung umgriff“ (Geißler 2002:31). Über den Beruf oder Partnerwahl entschied entweder das Familienoberhaupt, ein Plenum der wichtigen Familienmitglieder oder es war bereits vor der Geburt eine feststehende Tatsache. Unter solchen Bedingungen, war das Dilemma der Selbstidentifikation, vor der heute manche Individuen in einer multikulturellen Gesellschaft stehen, so gut wie ausgeschlossen. Das Individuum sollte sich dem Schicksal fügen und dabei manchmal massiv seine personale Identität unterdrücken und sich an die einengenden Lebensbedingungen anpassen (vgl. Geißler 2002:31, 43ff, Zimmermann 2006:85ff).

Im Zuge der immer mehr fortschreitenden Verstädterung und Mobilisierung der Bevölkerung, der Industrialisierung und der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise fanden die Umschichtungen in der Sozialstruktur statt und lockerten strickte ständische Ordnung. „Räumliche und soziale Bindungen wurden abgebaut, stattdessen wurden die Menschen stärker den Kräften des Wirtschaftslebens und des Marktgeschehens ausgesetzt“ (Geißler 2002:31).

Durch diese fundamentalen gesellschaftlichen Umschichtungen reifte in den Städten im 18. und 19. Jahrhundert ein Typ der bürgerlichen Familie heran (Zimmermann 2006:86ff). Eine gewisse Lockerung von vorher herrschenden Zwängen der persönlichen Freiheit brachten neben der das Ideal der romantischen Liebe und „Entdeckung der Kindheit“, allerdings blieb in der Partnerschaft die Rolle des Ernährers dem Mann und Haus und Kinder der Frau überlassen (vgl. Geißler 2002:45). Standesbewusstsein, finanzielle Interessen und soziale Heiratskreise steckten trotzdem bis in das 20. Jahrhundert den Rahmen der Ehegründung ab (vgl. Geißler 2002:46). Allmählich, im Laufe der letzten zwei bis drei Jahrhunderten, brachte Emanzipation die Neudefinition der Geschlechtsrollen mit sich (vgl. Geißler 2002:367). Die moderne gesellschaftliche Entwicklung und die damit verbundene Individualisierung hat unter anderem die Pluralisierung familiärer Lebensformen zur Folge. (Gleichgeschlechtliche Ehen, Singles, Alleinerziehende etc.) (vgl. Zimmermann 2003: 89ff).

4.2.1.1 Familiensituation der Aussiedler

Die Aussiedlermigration hat einen familienbezogenen Charakter: die meisten Aussiedler reisten mit ihren engsten Familienangehörigen nach Deutschland ein, wo sie oft auch Verwandte vorfanden. Sie sahen sich als Gemeinschaft, deren Zusammenhalt für die einzelnen Familienmitglieder von existenzieller Bedeutung ist. Die Autorität der Eltern und Großeltern wird akzeptiert und die Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen trägt traditionellen Charakter. Dabei bedeutet die Autorität nicht nur Dominanz, sondern auch Fürsorge und Verantwortlichkeit. Obwohl die Eltern nur begrenzt die Orientierung in der neuen Umgebung anbieten können, geben sie dennoch durch den Familienzusammenhalt emotionale Sicherheit (vgl. Dietz/Roll 1998:93ff, Dietz 19996 ).

„Gleichzeitig führt aber eine Übernahme der Werte und Normen der bundesdeutschen Gesellschaft von Seiten russlanddeutscher Jugendlicher nahezu unausweichlich zu familiären Konflikten. Die pluralistischen und individualistischen Elemente der bundesdeutschen Gesellschaft werden von vielen Russlanddeutschen nur bedingt akzeptiert“ (Dietz 1996:128).

Ähnlich wie bei der Gruppe der Kontingentflüchtlinge haben die Integrationsschwierigkeiten der Eltern ziemlich starken Einfluss auf die Kinder. Nicht selten geht der berufliche Abstieg mit der Veränderung des sozialen Status und der wirtschaftlichen Situation einher. Durch die elterliche Überforderung mit der gesamten Lebenssituation nach der Einreise nimmt die emotionale Verfügbarkeit sowie Verlässlichkeit ab und die Vorbildfunktion der Eltern wird dadurch beeinträchtigt (vgl. Reich 2005:152ff).

4.2.1.2 Familiensituation der Kontingentflüchtlinge

Die Familien- und Verwandtschaftsstruktur der jüdischen Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion gibt Hinweise auf eine gute soziale Einbettung in lokale Verwandtschaftsnetzwerke. Die hohe Verwandtschaftsdichte ergibt sich aus den Wünschen der Zuwanderer, in der Nähe ihrer Verwandten zu leben, und dem Antragsverfahren, wonach vor Ort lebende Verwandte bei der Aufnahmezusage der Bundesländer auch bei der Wohnortzuweisung berücksichtigt werden (Haug/Wolf 2005:34). Bei den jüdischen Zuwanderern überwiegt die Ein-Kind-Familie; diejenigen mit mehr als zwei Kindern stammen in den meisten Fällen aus dem asiatischen Teil der UdSSR (Kessler 2005).7

Die Familie hat ähnlich wie bei den Aussiedlern einen hohen Stellenwert, ist meistens auch von traditioneller Rollenverteilung geprägt und nach dem Umzug nach Deutschland vielen Problemen ausgesetzt. Viele Ältere (die Gruppe der über 60jähringen beträgt ca. 30%) leiden besonders darunter aus ihren gewohnten sozialen Beziehungen herausgerissen und wegen mangelnden Sprachkenntnissen kaum in der Lage zu sein neue Kontakte anzuknüpfen (vgl. Schoeps/Jasper/Vogt 1999:88). Viele Ehen gehen in die Brüche, da die mitgebrachten Beziehungsprobleme oft unter der Last der Integrationsschwierigkeiten die Partner sehr schnell überfordern. Nach den Angaben der Studie des Moses Mendelssohn Zentrums ließen sich mehr als 50% der Ehepartner scheiden, viele leben getrennt, da sie sich das kostspielige Scheidungsverfahren nicht leisten können (vgl. Schoeps/Jasper/Vogt 1999:89). Demnach erlebten 56,2% der Befragten eine teilweise oder vollständige Verschlechterung der Familiensituation, 17,6% sahen keine Änderung und nur 18% berichteten eine Verbesserung der familiären Verhältnisse (vgl. Schoeps/Jasper/Vogt 1999:90ff).

Die Eltern belasten oft ihre Kinder mit eigenen Frustrationen über deren Integrationsschwierigkeiten und übersehen dabei, dass die Jugendlichen auch unter Verlust von Freunden leiden und schmerzlich das vertraute Umfeld vermissen. Die Erwachsenen schätzen aber Integrationsbereitschaft und –fähigkeit der Kinder als hoch ein (83,9%). Das liegt vor allem daran, dass die Heranwachsenden am schnellsten die deutsche Sprache erlernen und dadurch oft die Rolle des „Managers“ (vgl. Schoeps/Jasper/Vogt 1999:94) übernehmen, um den Familienalltag mit Behörden oder Nachbarn verbal zu regeln, was sie vollkommen überfordern kann. Sie erleben dabei die Eltern als unbeholfene „Versager“, die keine Arbeit haben und in der neuen Umgebung keine Halt oder Orientierung geben können (vgl. Schoeps/Jasper/Vogt 1999:94ff).

4.2.2 Ethnische, nationale und kulturelle Zugehörigkeit

Der Zusammenschluss der benachbarter und/oder verwandter Sippen mit ähnlichen Interessen, Bräuchen, Werten, gemeinsamer Kultur, Geschichte und Sprache und sich dadurch sich ergebendes Solidaritätsbewusstsein formte im Laufe der Geschichte eine weitere Dimension der sozialen Identität, die als Ethnizität bezeichnet wird (vgl. Heckmann 1992:56ff).

In der vorindustriellen und vornationalstaatlichen Gesellschaft waren die Unterschiede zwischen den Ethnien „[…] räumlich definiert, über das Dorf, ein Tal oder eine Region, über gemeinsame Interessen, Heiratskreise und Verwandtschafts-beziehungen.“(Heckmann 1992:40). Ethnisch relativ homogene Gruppen, die ein bestimmtes Territorium bewohnten wurden als Völker bezeichnet (vgl. Heckmann 1992:39). Nur die herrschende Elite war grenzüberschreitend in ihrer Herkunft und kulturellen Orientierung und beruhte ihre Gruppenidentität auf der Gemeinsamkeit des Status und nicht Ethnizität. Hauptsächlich durch das Christentum als vorherrschende Weltanschauung im Mittelalter war ein Bewusstsein der Gruppenidentität mit den Untertanen möglich, die sonst durch ständische Unterschiede verhindert wurde (vgl. Heckmann 1992:40). Adlige, ritterliche und kirchliche Feudalherren bildeten unterschiedlich große Herrschaftseinheiten, die als Resultat der Machtausweitungspolitik der Herrscher relativ locker miteinander verbunden waren. Die Bevölkerung dieser Territorialstaaten war kulturell und sprachlich heterogen. Ein ideologisches Interesse an kultureller Vereinheitlichung existierte bei den Fürsten nicht (vgl. Heckmann 1992:41ff).

Der Ausbau der Verkehrsmöglichkeiten, welchen im besonders hohen Ausmaß die Industrialisierung mit sich brachte, hatte die Mobilität von immer breiteren Bevölkerungsschichten und die Lockerung der Grenzen nicht nur zwischen den Städten und Regionen, sondern auch zwischen den gesellschaftlichen Ständen zur Folge (vgl. Geißler 2002:31). Die immer selbstbewusster werdende intellektuelle Elite des Bürgertums forderte und förderte die Rationalisierung wirtschaftlicher Produktionsprozesse und bürokratischer Verwaltungsmechanismen der Gesellschaft. Die schrittweise Institutionalisierung öffentlicher und schließlich staatlich kontrollierter Schulsysteme ließ die Notwendigkeit der Sprachvereinheitlichung erkennen. Die kulturelle Bewegung der Dichter, Schriftsteller, Sprachwissenschaftler und Historiker mit dem Ziel der Sprachvereinheitlichung verhilft dem aufkommenden und sich im 18. Jahrhundert ausbreitenden ethnischen Nationalismus zum Status der wichtigen politischen und sozialen Ideologie (vgl. Heckmann 1992:43). Demnach wurde eine Übereinstimmung ethnischer und staatlicher Grenzen angestrebt, was letztendlich ein kulturell relativ homogenes gesellschaftliches Gebilde schaffen sollte. Somit wurde die Grundlage zur Entstehung der modernen Nationalstaaten festgelegt (vgl. Heckmann 1992:44).

Aber wenn im 18. Jahrhundert die Nationalstaatlichkeit modernisierend und integrierend wirkte, demonstrierten dessen Vertreter im Laufe des 19. Jahrhunderts, in Verbindung mit einer Selbstaufwertung der eigenen Nation, immer mehr Feindseligkeit gegenüber kulturell „Anderen“. Sie betrachteten die „fremde" Kultur als minderwertig, die sich entweder anpassen oder gewaltsam vertrieben werden sollte (vgl. Heckmann 1992:45). Diese Entwicklung fand ihren Höhepunkt im 20. Jahrhundert in der Rassenpolitik des Dritten Reiches und dem daraus folgenden Zweiten Weltkrieg. Der Versuch, durch Ausrottung der Fremden und durch die streng geregelte Zucht eine „höhere“ Rasse zu etablieren, scheiterte.

Nichtsdestotrotz blieb der Nationalstaat als der meistverbreitetesten politischen Organisationsformen in der Moderne erhalten, dem die Nation als ein Kollektiv mit ethnischem Gemeinsamkeitsbewusstsein zugrunde liegt. Das Staatsgebiet eines Nationalstaates umfasst dabei häufig auch Wohngebiete weiterer ethnischer Gruppen, die oft als ethnische Minderheiten benachteiligt, unterdrückt, diskriminiert und stigmatisiert werden (vgl. Heckmann 1992:57). Die Angehörigen der ethnischen Minderheiten können allerdings als Staatsmitglieder anerkannt werden, indem sie die Staatsbürgerschaft und damit verbundene Bürgerrechte erhalten. Deswegen kommt es vor, dass Menschen unterschiedlicher Nationalitäten die gleiche Staatsbürgerschaft besitzen, jedoch unterschiedlichen Kulturnationen und Ethnien angehören (z.B. die sorbische Nationalität in Deutschland, die Basken in Spanien und Frankreich, Juden in Russland und Ukraine, Deutsche in Kasachstan). Manche Länder, wie Deutschland oder Russland, tolerieren auch die doppelte Staatsangehörigkeit der Bürger.

„Der Begriff ‚Ethnizität‘ kommt nun in aktuellen Diskussionen im Zusammenhang mit dem Multikulturalismus zum Vorschein. Dieser Terminus rückte die Kultur bezüglich der Integrations- und Abgrenzungsdebatten in das Zentrum sozialer, ökonomischer und politischer Fragen. In der angelsächsischen und später auch in der deutschen Ethnologie wurde Ethnizität in enge Verbindung zu Kultur oder Religion gebracht, was in der Verbreitung multikultureller gesellschaftlicher Konzepte zum Ausdruck kam. Generell wird der Multikulturalismus […] als ein Modell der sozialen Beziehungen und des politischen Zusammenhaltens in zunehmend pluralistischen Gesellschaften bezeichnet. Dabei bezieht sich der Multikulturalismus zunächst auf Gruppen, die sich ethnisch definieren lassen und bei denen der Bezug zu einer bestimmten Kultur gegeben ist, die durch Religion, Sprache oder Lebensstill vertreten ist.“ (Darieva 2004:27).

Ingrid Oswald und Viktor Voronkov (1997) erforschen im Sammelband „Post-sowjetische Ethnizitäten“ die subjektive ethnischen Identifizierungen und Prozesse kollektiver ethnischer Identitätsbildung der russischsprachigen Migranten im Ausland sowie ethnischer Minderheiten in der ehemaligen Sowjetunion. Weiterhin war es von Interesse „ob sich aus diesen Faktoren relevante Handlungsorientierungen ergeben, nachdem im Zuge der Auflösung der Sowjetunion viele ethnisch markierte soziale Konflikte ausgebrochen waren. (…) Ethnizität wird demnach als ein soziales Konstrukt verstanden, als eine Form von Gruppenidentität, die in Prozessen der Selbst- und Fremdzuschreibungen entsteht. Ethnische Gruppen und Grenzziehungen zwischen ihnen sind somit Resultate sozialer Praxis und gründen nicht auf überlieferte und fixierbare kulturelle Traditionen, sondern sind vielmehr Produkte grundsätzlich unabgeschlossener Konstruktionsprozesse.“ (Becker 2001:19). Für die einzelnen Individuen wird das Produkt einen Identitätsentwurf darstellen, was noch nicht als ein konkretes Identitätsprojekt abgeschlossen ist, was wiederum bedeutet, dass ein Reflexionsprozess mit Blick auf die vorhandenen Ressourcen noch nicht vollständig stattgefunden hat (vgl. Straus/Höfer 1997:283).

Aber auch zur sowjetischen Zeit war Definition der Ethnizität nicht immer durch die überlieferten kulturellen Traditionen begründet. Dabei spielte der berühmt-berüchtigte fünfte Punkt „nationalnost“ im sowjetischen Pass eine entscheidende Rolle und prädestinierte oft die soziale Stellung und Aufstiegsmöglichkeiten (vgl. Darieva 2004:71). Die nationalnost, was dem englischen Begriff ethnicity entspricht und im Deutschen mit Ethnizität im Sinne der ethnisch-kulturellen Zugehörigkeit einer Person bzw. einer Gruppe übersetzt wird, bezeichnet die ethnische Klassifizierung, die in den sowjetischen Personalausweisen und anderen (post-) sowjetischen Dokumenten eingetragen wurde (vgl. Darieva 2004:71).

Dabei waren im Laufe des 20. Jahrhunderts „verschiedene Ethnizitäten im Kontext der Sowjetisierung einem unterschiedlichen Grad der Assimilierung unterzogen worden. (…) Ziel der früheren sowjetischen Nationalitätenpolitik bis Mitte der 30er Jahre war es, ethnisch definierte nicht-russische Gemeinschaften territorial abzugrenzen und eine soziale Umwandlung zu fördern, die in einer neuen sozialen Gruppe des eigenen ‚ethnischen Proletariats‘ münden sollte. In der zweiten Hälfte der 30er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts zeichnete sich jedoch eine politische Wende in der Schaffung eines einheitlichen sowjetischen Volkes ab. Nun sollten die unterschiedlichen Nationalitäten durch die Sowjetisierung und Russifizierung verschmelzen. Dies galt auch als sowjetischer Modernisierungsversuch mit dem Anspruch, die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung zu vereinheitlichen. In der Realität widersprach jedoch der Prozess der Bildung eines einheitlichen sowjetischen Volkes – der Versuch, eine Art sowjetischen melting-pot zu realisieren – dem Ideal des sozialistischen Vielvölkerstaates. Es ergaben sich Spannungsfelder zwischen den offiziellen Auffassungen und den gesellschaftlichen Entwicklungen in der sowjetischen Gesellschaft. (…) Schließlich konkurrierte das einheitliche sowjetische Schulwesen mit seiner neuen einheitlichen sowjetischen Geschichtsauffassung mit der parallel existierenden „eigenen“ kleinen, nationalen Geschichte z. B. Usbekistan oder Ukraine“ (Darieva 2004:72ff).

Durch die massive Arbeitsmigration zu bestimmten „Baustellen des Sozialismus“ (Zelina in Kasachstan, BAM in Sibirien), sowie durch die Zwangsumsiedlungen (z.B. Wolgadeutsche nach Kasachstan) verfolgte der Staat das Ziel die regionalen Bindungen und Machtstrukturen zu brechen. Infolge der massiv geförderten russischen-sowjetischen Fest- und Ritualkultur ging die Bedeutung der regionalen ethnischen Sprachen und Traditionen allmählich verloren (Darieva 2004:73). Da die zu nationalen Orientierung dienenden religiösen Feiertage und Traditionen überwiegend auf dem Land gepflegt wurden, wurde die „nationalnost“, vor allem in den großstädtischen Räumen, nur als symbolisches, d.h. von den praktizierten Traditionen und kulturellen Inhalten freies Phänomen wahrgenommen (vgl. Darieva 2004:74). Trotzdem wurde sie von den offiziellen Einrichtungen als wesentliches Merkmal zur Diskriminierung von bestimmten Ethnien, wie z.B. Juden oder Deutsche, missbraucht. So konnten z.B. Juden keine führenden politischen Posten besetzen, da befürchtet wurde, dass sie bei einer sich bietenden Gelegenheit ins Ausland, vor allem nach Israel oder in die USA, flüchten könnten (vgl. Runge 1995:21ff).

[...]


1 http://www.russophobie.de

2 http://www.datscha-projekt.de

3 http://www.bucovina.de

4 http://prof08b.lai.fu-berlin.de/index.php?id=1470 Stand 12.10.2006

5 http://prof08b.lai.fu-berlin.de/index.php?id=1470 Stand 12.10.2006

6 http://www.fes.de/fulltext/asfo/00223003.htm#E11E6 Stand. 15.08.2008

7 http://www.berlin-judentum.de/gemeinde/migration-3.htm Stand: 12.12.2008.

Ende der Leseprobe aus 154 Seiten

Details

Titel
Die ethnische und kulturelle Identität der jungen russischsprachigen Migranten in Deutschland
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
154
Katalognummer
V912688
ISBN (eBook)
9783346233424
ISBN (Buch)
9783346233431
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Identität
Arbeit zitieren
Nataliya Levytska (Autor:in), 2009, Die ethnische und kulturelle Identität der jungen russischsprachigen Migranten in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/912688

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