Weibliche Hysterie in "Cécile" von Theodor Fontane und "Fräulein Else" von Arthur Schnitzler


Bachelorarbeit, 2018

39 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hysterie – Zeichen des Zeitgeistes oder Zivilisationskrankheit

2. Weibliche Hysterie am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts
2.1 Zeitkontext
2.2 Freuds Hysteriebegriff
2.2 Hysterische Symptome – ein Überblick

3. Hysterie in „Cécile“ und „Fräulein Else“
3.1. Cécile
3.1.1 Von der vermeintlichen Genesung zum Selbstmord
3.1.2 Der Umgang anderer Figuren mit Céciles Leiden
3.2. Fräulein Else
3.2.1 Elses Hysterische Merkmale
3.2.2 Die Anziehungskraft weiblicher Schwäche: Reaktionen anderer Figuren auf Elses hysterische Symptome

4. Gesellschaftliche Anforderungen als Auslöser der Hysterie von Cécile und Else
4.1 Eingeschränkte Bildungsmöglichkeiten als Auslöser weiblicher Hysterie
4.2 Anforderungen in Paarbeziehungen
4.2.1 Die Frau als Kapital und Statussymbol
4.2.2 Sexuelle Anforderungen
4.3 Anforderungen von Frauen an Frauen
4.4 Erwartungen an die eigene Person

5. Vergleich zentraler Aspekte, welche Elses und Céciles Hysterie bedingen

6. Hysterie in der modernen Gesellschaft

1. Hysterie – Zeichen des Zeitgeistes oder Zivilisationskrankheit?

Der Begriff von „Zivilisationskrankheiten“ ist ein relativ moderner. Geprägt wurde er Ende des 19. Jahrhunderts von dem Neurologen George Beard. Heutzutage versteht der Volksmund darunter unter anderem Fettleibigkeit, Depressionen, Burnout und Essstörungen. Die zahlreichen Symptome dieser Krankheiten wurden aber schon lange vor dem Begriff der Zivilisationskrankheit unter verschiedensten Bezeichnungen geführt. Besonders am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts hatte ein Name Hochkonjunktur: die Hysterie.

Manche Forschungsansätze sehen in den heutigen Krankheiten das Erbe eben jenes Nervenleidens, das scheinbar besonders Frauen um die Jahrhundertwende heimsuchte. Folgt man beispielsweise einer Theorie von Silvia Kronberger, so lässt sich gerade Anorexie in eine symptomatische Linie mit der Hysterie bringen.1

Vor dem 19. Jahrhundert wurde Anorexie zu den hysterischen Symptomen gezählt, bevor sie später als eigenständige Krankheit anerkannt wurde. Kronberger sieht die Ähnlichkeiten unter anderem darin, dass es sich in beiden Fällen um schwer zu behandelnde psychische Krankheiten handelt, welche die Familien der Betroffenen belasten. Zudem haben sowohl Hysterikerinnen als auch Magersüchtige oftmals schwierige Beziehungen zu ihren Müttern. Besonders interessant sind jedoch die soziologischen Hintergründe, die zur Krankheitsbildung führen. Diesen Ursprung sehen Forscher oft in dem Versuch, gewisse Normen zu erfüllen. Aus diesen gesellschaftlichen Vorgaben entsteht ein weiblicher „Kunst-Körper“. Dieses Konstrukt entsteht laut Kronberger, wenn von realen Menschen ein Bild abstrahiert wird, das nachfolgende Generationen wiederum als Vorbild für ihre Identitätsbildung nutzen. Anorexie betrachtet Kronberger als Gegenbewegung dazu, welche „diesen Kunstkörper zu zerstören sucht“2 beziehungsweise „den Körper zum Verschwinden“ bringt.3

Diese Aussage baut sie um ein Weiblichkeitskonstrukt herum auf, welches sie an Schnitzlers Fr äulein Else und Hofmannsthals Elektra untersucht. Sie kommt zu dem Schluss, dass beide Protagonistinnen nach einer eigenen Identität suchen, die sie in den von Männern konstruierten Weiblichkeitsvorstellungen nicht finden. Die Hysterie ist ein Versuch, ein individuelles Selbst zu konstruieren. Durch die vorher verinnerlichten Vorstellungen eines Frauenlebens gelingt es aber sowohl Elektra in ihrer Raserei, als auch Else in ihrem Sexualstreben nur, sich über Krankheitssymptome zu definieren, die schließlich in ihren Tod führen müssen. Weiblichkeit wird somit weiterhin als krankhaft festgeschrieben.

Einen ähnlichen, aber doch zu differenzierenden Ansatz verfolgt die vorliegende Arbeit. Hier soll nicht die Identitätssuche fokussiert werden, sondern die Forderungen der Gesellschaft an Weiblichkeit, an welchen die Frauenfiguren erkranken. Die Untersuchung befasst sich daher mit den Faktoren des Soziallebens am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, welche gerade bei Frauen hysterische Symptome hervorriefen. Betrachtet werden Fontanes 1886 erstveröffentlichte Cécile und Schnitzlers 1924 erschienene Fräulein Else. Interessant ist dabei auch, welche Auswirkungen Sigmund Freuds Überlegungen zur Geisteskrankheit und dem Unbewussten auf deren literarische Darstellung hatten. Dass die Symptome beider Frauen zu deren Tod führen, trotz der knapp 40-jährigen Hysterieforschung, welche zwischen der Erstveröffentlichung der Erzählungen liegt, lässt vermuten, dass die gesellschaftlichen Mechanismen sich in dieser Zeit nicht grundlegend gewandelt haben. Dennoch können Freuds Thesen zur Hysterie als Grenze in deren Erforschung betrachtet werden, sodass es zielführend ist, diese zu erläutern, bevor die Texte betrachtet werden. Seine Ergebnisse und Ansichten sind jedoch Produkte des Zeitgeistes, sodass zunächst ein Verständnis für diesen geschaffen werden soll.

2. Weibliche Hysterie am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts 2.1 Zeitkontext

In den rund 50 Jahren, die zwischen dem Erscheinen beider Bücher liegen, veränderte sich die Gesellschaft, die Ansprüche an Frauen – und somit die Hysterie und ihre Erforschung. Denn der Diskurs über die Krankheit sowie ihre Ursachen und Erscheinungsformen sind stark von kulturellen Bedingungen abhängig.4

Lilo Weber: Fliegen und Zittern: Hysterie in Texten von Theodor Fontane, Hedwig Dohm, Gabriele Reuter und Minna Kautsky. Aisthesis-Verlag, Bielefeld 1996, S. 21.

Antike und frühe Neuzeit sahen Weiblichkeit als „verkümmerte Männlichkeit“. Erst im 18. Jahrhundert entstand die Auffassung der Zweigeschlechtlichkeit, sodass eine neue Definition der Geschlechter nötig wurde. Im Zusammenhang mit den neuen Familienstrukturen wurde dem Mann die Position als Repräsentant und Versorger zugeschrieben, während das Leben der Frauen sich auf den häuslichen Rahmen einengte. Der Fokus dieser Festlegungsversuche der Geschlechter verschob sich von einer sozialen, politischen Funktion hin zu rein biologischen Unterschieden.5 Schon durch ihren Knochenbau wurde der Frau höhere Reizbarkeit und größere Empfindlichkeit als dem Mann zugeschrieben – die Hysterie also praktisch in die Knochen gelegt.

Diese große Empfänglichkeit für Reize macht die Frau auch für sexuelle Begierden besonders anfällig. Dennoch werden von ihr Tugenden wie Sittenstrenge, Unschuld und praktisch Geschlechtslosigkeit erwartet.6

Im Geschlechterdiskurs des 19. Jahrhunderts, insbesondere der wilhelminischen Gesellschaft, spricht man Frauen eine eigene Sexualität ab, jedes von dieser Bestimmung abweichende Verhalten wird als Hysterie und Nervenleiden analysiert und inkriminiert. Sowohl im soziokulturellen (Max Nordau) und philosophischen (Friedrich Nietzsche, Otto Weininger) als auch im medizinischen (Krafft-Ebing) Diskurs wird die Hysterie als eine spezifisch weibliche Krankheit behandelt: Frauen sind asexuell, nicht so jedoch Hysterikerinnen.7

Die Hysterie ist anormal, wodurch das Normale definiert wird.8 Sie wird somit um die Jahrhundertwende zum ´Sozialcharakter` und zum Negativbeispiel einer vermeintlich richtigen Lebensform.9 In ihr wird die angebliche weibliche Disposition zur überbordenden Lust vorgeführt. Zugleich besteht die widersprüchliche Forderung nach Mütterlichkeit und Jungfräulichkeit in einem.10

Diese gegensätzlichen Erwartungen machten viele Frauen krank – und förderten dadurch wiederum die Beschränkung der Frau auf den Haushalt, denn durch ihre vermeintliche Schwäche war sie dort sicherer verwahrt.11 Denn obwohl es auch männlicher Patienten gab, bleibt die Hysterie weiblich konnotiert.12

2.2. Freuds Hysteriekonzept

Wer sich mit Hysterie befasst, kommt um die Thesen des „Entdeckers des Unbewussten“ nicht herum. Obwohl schon lange vor Sigmund Freud – und noch lange nach ihm – in dieser Richtung geforscht wurde, gelten seine Werke nach wie vor als Meilensteine. Fontanes Text entstand vor der Traumdeutung, während Schnitzler fasziniert von Freuds Ansichten war. Daher ist die Frage interessant, ob seine Thesen sich in der später erschienenen Fräulein Else wiederfinden, oder vielleicht bereits in dem vor seiner Zeit entstandenen Cécile vorweggenommen werden.

Zunächst sollen aber nur allgemein Freuds Thesen zur Hysterie betrachtet werden. Ursprünglich ging er davon aus, dass die Hysterie aus Erinnerungen entsteht. Hysteriker hängen affekthaft an Erinnerungssymbolen, die normalerweise keine großen Emotionen auslösen, und vernachlässigen dadurch die Gegenwart.13 Demzufolge würde das hysterische Symptom nicht aus einem Ereignis, sondern aus Assoziationen des Gegenwärtigen mit dem Vergangenen hervorgehen.

Trotz seiner Faszination für die Krankheit konnte Freud sie nur schwer greifen. Zum Teil lag das wohl daran, dass viele Symptome verschwanden, wenn ihr Auslöser entdeckt wurde. Dazu schreibt Freud:

Es sieht dann bald so aus, als müßten die Hysterischen aus unbekannten Gründen Erbrechen äußern, und die von der Analyse gelieferten historischen Anlässe seien nur Vorwände, die von dieser inneren Notwendigkeit verwendet werden, wenn sie sich zufällig ergeben.14

Das heißt, die Symptome stammen nicht von einer auslösenden Gegebenheit in der Vergangenheit, wie Freud zunächst annahm, sondern von einem unbekannten inneren Zwang. Diesen sieht er durch eine gestörte Mutterbindung evoziert, welche der „Keim der späteren Paranoia des Weibes“ ist.15 Dass „das Material an der Stelle des Mädchens dunkler und lückenhafter“ werde, gilt als Attribut der Freudschen Weiblichkeitskonstruktion.16 Dies liegt an den durch die Frau nicht oder nur schwer zu überkommenden ödipalen Strukturen.

Anders als der Knabe soll das Mädchen im Ödipusalter nämlich genötigt sein, vom ersten Liebesobjekt der Mutter zum Vater überzuwechseln. Während der Knabe an ein und demselben Lustobjekt, nämlich am Genital und zugleich an der Mutter festhalten kann[…], soll das Mädchen nach klassisch-psychoanalytischer Auffassung einen Objektwechsel vollziehen.17

Der Junge besetzt in der ödipalen Phase sein eigenes Körperorganteil libidinös und bildet das ÜberIch.18 Dem Mädchen dagegen fehlt der libidinös zu besetzende Penis. Sie nimmt sich in Freuds Weiblichkeitsverständnis als Mängelwesen wahr.

So gibt es den Fall, daß das Mädchen angetrieben von der Hoffnung auf Änderung der Bedingungen und getrieben von der Wut auf die Ungerechtigkeit ihres Schicksals aus dem phallischen Vergleichen nicht herauskommt und im sog. Männlichkeitskomplex stecken bleibt.19

Durch diesen gemeinsamen Ursprung folgt, dass die „Hysterie bei allem Reichtum an individuellen Zügen einen Überfluß an gemeinsamen, typischen Symptomen“ aufweist.20 Die Symptome manifestieren sich individuell, je nach der spezifischen Lebenssituation der Kranken.

Ein weiterer, nicht vom Geschlecht abhängiger Erklärungsversuch ist das Konzept der Erregungssumme. Diese baut sich als Reaktion auf Reize auf und muss dann durch eine Tat abgebaut werden. Zum Teil ist dies gesellschaftlich nicht möglich, sodass die Erregung sich aufstaut und zur Neurose wird.

Obwohl Freud also körperliche – oder eher: geschlechtliche – Erklärungen für das Leiden seiner Patientinnen sucht, scheint er sich zumindest teilweise bewusst zu sein, dass die Symptome von anderen Faktoren ausgelöst werden. So stellt er beispielsweise fest, dass Patientinnen „andere geistige Nahrung gebraucht hätten“, welche ihnen die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts vorenthielt.21 Durch diesen Mangel sind psychisch Kranke gezwungen, ihr „Fühlen, Denken und Verhalten“ auf Phantasien zu fixieren.22 Dennoch bleibt Freud in seiner Annahme verhaftet, dass Hysterie etwas genuin Weibliches ist. Vielleicht ist dies ein Grund, aus dem ihm keine vollständigen Heilungen gelangen. Dieses Scheitern brachte Freud dazu, letztlich seine Hysterieforschungen zu beenden. Dennoch bleiben seine Ergebnisse zentral sowohl für die Forschung, als auch für die literarische Aufarbeitung der Hysterie.

2.3. Hysterische Symptome – ein Überblick

Um feststellen zu können, ob in Cécile und Fräulein Else Hysterie vorliegt und durch welche äußeren und inneren Zustände sie ausgelöst wurde, muss zunächst definiert werden, was unter der Krankheit verstanden wird. Daher soll im Folgenden eine Begriffsklärung sowie ein Überblick über gewisse Symptome geschaffen werden. Durch die große Bandbreite an verschiedenen Formen der Hysterie erhebt dieser Symptomkatalog im Rahmen dieser Arbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Besonders festzuhalten ist dabei, dass die Symptome der Hysterie mit den Gesellschaftszuständen wechselten. Gewisse Tendenzen von „hysterischen Charaktern“ gibt es dennoch, die häufig zu Dramatisierung, Suggestibilität und emotionaler Labilität neigen. Dies beschreibt Kronberger als „unecht wirkende Reaktion auf echte Not“. Zudem wurde den Frauen verführerisches Verhalten sowie verlangende Abhängigkeit vorgeworfen.23 Kronberger kommt in ihrer Arbeit daher zu dem Ergebnis, dass Hysterie ein Publikum braucht, also nach außen getragen wird. 24 Fraglich bleibt dabei jedoch, ob gerade dieses vermeintliche „verführerische Verhalten“ den Patientinnen nicht von den sie beobachtenden Ärzten zugeschrieben wurde.

Freud spricht in Bezug auf Neurosen davon, dass „verhinderte Aggression in Selbstzerstörung durch Wendung der Aggression gegen die eigene Person“ umgewandelt wird.25 Eine ähnliche Entwicklung lässt sich bei den Symptomen hysterischer Frauen feststellen. So waren im 19. Jahrhundert eher körperliche Störungen wie Atemnot, Schwindel, Lähmungen, Sehstörung, Anästhesie, Muskelschwäche, Hör-, Sprach-, und Schluckstörung, Erbrechen und Zittern verbreitet. Im 20. Jahrhundert dagegen traten verstärkt dissoziative Störungen auf, also Dämmerzustände, Erinnerungslücken, Ich-Spaltung, Pseudoschmerzen und Erregungszustände.26 Es kann also gesagt werden, dass die Symptome sich von äußeren Beschwerden in die Psyche der Kranken verlagerten.

3. Hysterie in „Cécile“ und „Fräulein Else“

Der Begriff Hysterie macht durch die große Bandbreite verschiedener, unter anderem von historischen Dispositionen abhängiger Krankheitsbilder einer genauen Definition schwierig. Für diese Arbeit wurde daher der Kontext der zur Jahrhundertwende üblichen Symptome und Forschungsansätze aufgezeigt. Anhand dieser Voraussetzungen ist zu überprüfen, ob die beiden Frauenfiguren in Cécile und Fräulein Else tatsächlich unter den Begriff der Hysterikerin fallen. Dies ist notwendig, da in beiden Erzählungen jeweils nur einmal die Bezeichnung „hysterisch“ genannt wird.27

Daher soll das Verhalten der Protagonistinnen anhand des zuvor festgelegten Symptomkatalogs gemessen und beurteilt werden, ob eine Hysterie vorliegt. Dafür werden die Situationen betrachtet, welche einen vermeintlichen hysterischen Schub ausgelöst haben. Anschließend werden die Reaktionen der Umwelt untersucht. Dadurch sollen die Auswirkungen auf das soziale Umfeld der Kranken sowie der performativen Charakter der Krankheit beleuchtet werden. „hysterischen Anfall“ hält.

3.1 Cécile

3.1.1 Von der vermeintlichen Genesung zum Selbstmord

Im Gegensatz zu Elses mit fast schon morbider Genauigkeit beschriebenem Todeskampf, erlebt der Leser Céciles Suizid nicht direkt mit, sondern erfährt nur durch den Brief des Hofpredigers Dörffel von ihrem Freitod. (196 - 197) Die kürzeren Leidensphasen selbst, welche Cécile während des Romangeschehens immer wieder hat, dienen jedoch nicht als ein Ausblick auf dieses Ende. Viel mehr zeigen sie, wie sensibel die Protagonistin auf Stress und Druck von außen reagiert.

Während dieser Episoden zeigt sie sich als schwach und passiv. Schon am Beginn des Romans wird ihre Apathie und Tendenz zur schnellen Ermüdung betont. (7, 8, 11) Während des Urlaubs im Harz werden diese Erschöpfungsanfälle immer wieder hervorgehoben. Da Cécile „nach Art aller Nervösen sehr empfindlich gegen extreme Temperaturverhältnisse“ ist, (40) soll ihr die Bergluft eigentlich als Therapie dienen, kann ihr jedoch ebenso wenig helfen wie Seeluft und Licht. (20, 130)

Die richtige ´Medizin` scheint nur die Aufmerksamkeit ihrer Umgebung zu sein. Wird ihr diese dagegen entzogen, steigert sich Céciles Passivität zu offenem Desinteresse. Es fällt ihr augenscheinlich leichter, sich ihren Träumereien hinzugeben, als sich auf die vor ihr liegenden gesellschaftlichen Pflichten zu konzentrieren. Erst wenn diese Pflichten mit den eigenen Wünschen korrelieren, gelingt es der Protagonistin, sich ihnen zu widmen. Besonders wenn man Hysterie als den Wunsch von Frauen ansieht, aus ihrer beschränkten und nicht ausreichend beachteten Position als Ehefrau hervorzutreten, ist diese Fokussierung auf das Selbst bemerkenswert.

Abgesehen von diesen Schwächeanfällen bleiben Céciles Symptome relativ unklar. Gelegentlich ist von einem nicht näher bestimmten „Unwohlsein“ die Rede oder von Appetitlosigkeit. (164, 19) Gegen Romanende wird ihr eine Medizin verschrieben. Wie bei Else muss dieses Mittel genau dosiert eingenommen werden, da es sonst zum Tode führt. Die Szene von Céciles Suizid und dem Fund ihres Leichnams ist überaus knapp gehalten. Der Leser erfährt lediglich, dass Hofprediger Dörffel „nicht zweifelhaft [war], auf welche Weise sie sich den Tod gegeben“ hatte. Dennoch ist davon auszugehen, dass sie sich das Leben mit ebenjener Medizin aus Fingerhut nahm. (166) Somit hat das, was ihr eigentlich Heilung versprach, Cécile letztlich den Tod gebracht.

In einem Gespräch mit ihrem „väterlichen Freund“ erleidet Cécile schließlich einen klassischen hysterischen Anfall. Diese äußert sich in körperlichen Beschwerden, einem „nervösen Fliegen und Zittern“, (135) welches dem Hofprediger bereits bekannt ist, also schon früher vorgekommen sein muss. Auslöser hierfür ist aber nicht eine ominöse Erschöpfung, sondern die ganz real begründete Sorge um den weiteren Verlauf der Beziehung zu Gordon. Cécile reagiert empfindlich auf Situationen, welche sie mit ihrer Vergangenheit in Verbindung bringt. Der dadurch entstehende Stress löst bei ihr körperliche Reaktionen aus. Sie hängt, mit Freuds Worten, „affekthaft an ihren Erinnerungen“. Durch dieses greifbare Symptom wird klar, dass es sich bei den Leiden Céciles nicht nur um eine Vorführung handelt. Diese Bedenken hat die schöne Frau selbst, und wehrt sie für sich ab, wenn sie etwa zu Gordon sagt: „Sehen Sie die roten Flecken? Ich bin wirklich krank.“ Daher kann Cécile als Hysterikerin untersucht werden.

3.1.2 Der Umgang anderer Figuren mit Céciles Leiden

Eigentlich sollte Cécile sich auf dem Weg der Genesung befinden – dies wird zu Beginn der Romanhandlung klar ausgedrückt – aber sie erleidet immer wieder Rückfälle. Diese sind womöglich auf falsche Behandlung durch ihr Umfeld zurückzuführen. Denn obwohl Cécile im Laufe des Geschehens öfter darauf hinweist, dass es ihr unangenehm ist, wenn ihre Krankheit ins Zentrum des Interesses rückt, beeinflusst das Leiden der Dame ihre Umgebung.

St. Arnaud begleitet beispielsweise seine Frau auf Kur ins Mittelgebirge. Von Céciles Zustand vor diesem Urlaub erfährt der Leser nichts, doch die Symptome müssen gravierend genug gewesen sein, um den Oberst zu dem Entschluss zu bewegen, in den Hartz zu fahren. Während ihr Mann sonst oft vernachlässigt, erhält Cécile bei ihren Schwächeanfällen seine volle Aufmerksamkeit. In diesem Fall gelingt es Cécile also, durch ihr Leiden eine Reaktion auszulösen. Heilung erlangt sie dadurch jedoch nicht, obwohl ihr Mann sie nach bestem Gewissen der „richtigen Luft“ zuführt, wie oben ausgeführt wurde.

Auch Hofprediger Dörffler scheint sicher, das richtige Therapiemittel zu besitzen: „Der Hofprediger[…] wußte, daß ihr, wenn diese hysterischen Paroxysmen kamen, einzig und allein durch ein Ab- und Überleiten auf andere Dinge hin und, wenn auch das nicht half, lediglich durch eine fast rücksichtslose Herbheit zu helfen war.“ Doch dies kann nur eine kurzzeitige Heilung sein; die Worte lassen darauf schließen, dass er derartige Aussetzer schon öfter erlebt hat. Auch hier erhält Cécile folglich eine Reaktion, aber keine Lösung.

Obwohl sie es, wie eingangs erwähnt, ablehnt, auf ihre Krankheit reduziert zu werden, genießt die Dame es, wenn ihr „besondere Devotion“ entgegengebracht wird. Diese Aufmerksamkeit „verfehlt [ihren] Eindruck auf die schöne Dame nicht.“ (12) In besonderem Maße blüht Cécile unter der Aufmerksamkeit Gordons auf, wobei sich dessen Reaktionen auf Céciles Schwächeanfälle im Laufe der Handlung wandeln. So schwingt er sich erst zu ihrem Beschützer und Führer auf, besonders, als er bemerkt, dass die Dame durch die Behandlung zu genesen scheint. Ihre Bedürftigkeit wirkt also anziehend auf Gordon.

Eines der prominentesten hysterischen Symptome ist überbordende Sexualität. Diesen Eindruck scheint Gordon auch von Cécile zu haben. So meint er zunächst, bei einem gemeinsamen Abendessen „kokette Blicke“ von der Dame zu empfangen. Neben Céciles Schwäche wirkt also auch ihre (vermeintliche) sexuelle Verfügbarkeit attraktiv auf Gordon. Trotz – oder gerade wegen – dieser Anziehungskraft befällt ihn später jedoch eine innere Unruhe, je mehr Zeit er mit Cécile verbringt. Als daher ein Telegramm seinen Urlaub unterbricht und ihn von den St. Arnauds trennt, ist er erleichtert. „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um“, (115) denkt er – und scheint damit sein Schicksal vorauszunehmen. Trotz seiner Abreise gelingt es ihm nicht, sich Cécile zu entziehen. Ihre Wege kreuzen sich in Berlin sogar zwei Mal erneut, zunächst durch Gordons Bestreben, dann durch Zufall. Vielleicht sieht er sich gerade deshalb als „Spielball in Weiberhänden“, (186) weil sich ihre Begegnungen scheinbar seiner Kontrolle entziehen. Er sieht sich Céciles Anziehungskraft ausgeliefert, ohne sie wirklich besitzen zu können. Daher ist er später fest überzeugt von ihrer Untreue, als er sie mit einem Mann im Theater sieht, der ihm zuwider ist. Hierbei wird deutlich, dass zumindest in Céciles Fall der übersteigerte Sexualtrieb von Hysterikerinnen lediglich das spiegelt, was Männer gerne sehen würden. Von dem promiskuitiven Verhalten, welches Gordon der Protagonistin vorwirft, kann nämlich keine Rede sein. Ganz im Gegenteil weist sie ihn mehrmals zurück, als er in seinen Avancen zu direkt wird.

[...]


1 Vgl. Silvia Kronberger: Die unerhörten Töchter: Fräulein Else und Elektra und die gesellschaftliche Funktion der Hysterie, Innsbruck; Studien-Verlag 2002, S. 86 – 87.

2 Vgl. Ebd., S. 81.

3 Vgl. Ebd., S. 84.

4 Ebd., S. 25.

5 Becker, Sabrina: „Wer ist Cécile?“ – der Roman einer Phantasie: Theodor Fontanes ´Cécile`. In: Jahrbuch der Raabe Gesellschaft, 2002.

6 Vol. 43, S. 130 – 154.

7 Weber: Fliegen und Zittern, S. 29.

8 Ebd., S. 17-19.

9 Kronberger: Die unerhörten Töchter, S. 107.

10 Hier S. 136.

11 Ebd., S. 19.

12 Weber: Fliegen und Zittern, S. 29.

13 Fliegen und Zittern, S. 31.

14 Freud, S. (1916-17a). Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. GW XI, S. 264-281. Zitiert aus: Nitzschke, Bernd: (Hrsg.) Die Psychoanalyse Sigmund Freuds Konzepte und Begriffe, Wiesbaden: Springer Fachmedien 2011. S. 136 – 148. Hier: S. 147.

15 Freud, S. (1931b). Über die weibliche Sexualität. GW XIV, S. 517-537. Zitiert aus: Nitzschke: Die Psychoanalyse Sigmund Freuds. S. 115 – 131. Hier: S. 117.

16 Edith Seifert: Zum Mißverständnis der weiblichen Sexualität bei Freud. Kastrationswahrnehmung als symbolische Matrix. In: Einführungen in die Psychoanalyse I Einfühlen, Unbewußtes, Symptom, Hysterie, Sexualität, Übertragung, Perversion. Hg. von Karl-Josef Pazzini, Susanne Gottlob. Bielefeld: 2005 transcript Verlag, S. 91.

17 Ebd., S 91-92.

18 Ebd., S. 95-96.

19 Ebd., S. 96-97.

20 Freud, S. (1916-17a). Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. GW XI, S. 264-281. In: Nitzschke: Die Psychoanalyse Sigmund Freuds, Hier: S. 147.

21 Seifert: Zum Mißverständnis der weiblichen Sexualität bei Freud, S. 103.

22 Bernd Nitzschke: (Hrsg.) Die Psychoanalyse Sigmund Freuds. Konzepte und Begriffe, Wiesbaden 2011, Springer Fachmedien, S. 74.

23 Kronberger: Die unerhörten Töchter, S. 32.

24 Ebd., S. 27.

25 Freud, S. (1940a). Abriß der Psychoanalyse. GW XVII, S. 70-73. In: Nitzschke: Die Psychoanalyse Sigmund Freuds, Hier: S. 46.

26 Kronberger: Die unerhörten Töchter, S. 27 – 28.

27 Auf Seite 135 beurteilt Hofprediger Dörfler Céciles „Fliegen und Zittern“ als „hysterische Paroxysmen“. Auf Seite 76 erzählt Cissy, dass man Elses Zusammenbruch für einen Kronberger: Die unerhörten Töchter, S. 107.

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Weibliche Hysterie in "Cécile" von Theodor Fontane und "Fräulein Else" von Arthur Schnitzler
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
39
Katalognummer
V912761
ISBN (eBook)
9783346211064
ISBN (Buch)
9783346211071
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hysterie, Arthur Schnitzler, Theodor Fontane, Cécile, Fräulein Else, Gender Studies
Arbeit zitieren
Carolin Will (Autor), 2018, Weibliche Hysterie in "Cécile" von Theodor Fontane und "Fräulein Else" von Arthur Schnitzler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/912761

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