Scheidungskinder. Langzeitfolgen einer Scheidung für das Kind

Persönlichkeitsverändernde Entwicklungen


Hausarbeit, 2018

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Reaktion des Kindes auf die Scheidung
2.1 Die Bedeutung des Alters und entwicklungstypische Reaktionen
2.2 Geschlechtsspezifische Reaktionen
2.3 Kurzfristige Reaktionen

3. Das System Familie
3.1 Eltern-Kind-Beziehung nach der Scheidung
3.1.1 Mutter-Kind-Beziehung
3.1.2 Vater-Kind-Beziehung

4. Langzeitfolgen für das Scheidungskind
4.1 Positive Folgen
4.2 Aspekt Selbstwert
4.3 Aspekt Ehe und Partnerschaft

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In den westlichen Nationen werden immer mehr Ehen geschieden, in deutschsprachigen Ländern sogar schon jede Dritte. Somit zählt eine Scheidung in der heutigen Gesellschaft zu einem Teil des modernen Lebens. Aus diesem Grund wurden in den vergangenen Jahren einige Studien durchgeführt, die die Auswirkungen einer Scheidung auf Kinder untersuchen. Die Studien ergaben, dass allgemein Scheidungskinder in ihrem Leben durch Scheidungserfahrungen beeinflusst werden. Während des Konflikts der Ehe werden die Kinder oft in den Hintergrund gerückt und es wird vergessen, dass sie ebenfalls Teil der Betroffenen bei dieser Konfliktlösung sind. Die negativen Auswirkungen äußern sich oftmals durch psychische und physische Störungen und ein nicht selten verfälschtes Selbstbild. Wie Kinder die elterliche Trennung erleben, hat nachhaltigen Einfluss darauf, wie sie als Erwachsene selbst mit Paarkonflikten umgehen. Außerdem spielt das Alter des Kindes während des Prozesses der Scheidung eine große Rolle für die Verarbeitung des Erlebten, genauso wie die Gestaltung des Prozesses durch die Eltern. „Wobei nicht die Trennung an sich entscheidend sei, sondern die Spannungen in der Zeit danach“ (Schaaf 2012: 1). Ziel der Arbeit ist es, die nachwirkenden Folgen für Scheidungskinder, die sich durch den Scheidungsprozess, die unterschiedlichen Aufnahmereaktionen und die Veränderung des Familiensystems ergeben, zu analysieren. Darauf setzt auch der Themenschwerpunkt dieser Arbeit an und formuliert folgende Frage:

Inwiefern hat die Scheidung von Eltern Einfluss auf die Entwicklung der Persönlichkeit und das Verhalten gegenüber des näheren Umfelds?

Für die Lösungsfindung dieser Fragestellung ergibt sich folgender Ansatz: Zunächst werden die kindlichen Reaktionen auf die Scheidungssituation, aus Aspekten des Alters und des Geschlechts des Kindes betrachtet. Anschließend wird die Veränderung des Familiensystems durchleuchtet, wobei zwischen Mutter- und Vater-Kind Beziehung differenziert wird. Auf Basis der vorausgegangenen Punkte werden dann schließlich die Langzeitfolgen, die sich aus den Scheidungserfahrungen ergeben aufgezeigt. Hierbei wird unterschieden zwischen den Folgen die sich auf das nahe Umfeld beziehen, Folgen die sich auf die eigene Persönlichkeit beziehen und allgemein positive Auswirkungen der Erfahrungen.

2. Reaktion des Kindes auf die Scheidung

2.1 Die Bedeutung des Alters und entwicklungstypische Reaktionen

Findet eine Scheidung im Vorschulalter des Kindes statt, so wurde festgestellt, dass dieses extrem ängstlich reagiert und Trennungsängste aufweist, sowie angstbesetzte und teilweise verleugnende Phantasien entwickelt, da es sich selbst für die Scheidung der Eltern verantwortlich macht (Lehmkuhl G. und Lehmkuhl U. 1997: 14). Im Latenzalter werden sich die Kinder dann den sozialen Konsequenzen bewusst, die durch die Scheidung entstanden sind und schämen sich für die Handlungsweisen ihrer Eltern. Anders als Vorschulkinder klammern sich Kinder dieser Altersstufe nicht an den verbliebenen Elternteil, sondern suchen für sich nach einer neuen Form der Familienidentität. Jedoch erscheinen sie deutlich verletzlicher, hinsichtlich Loyalitätskonflikten (Lehmkuhl G. und Lehmkuhl U. 1997: 15). Kinder, die sich in der Adoleszenz befinden, beschäftigen sich primär mit ihrer eigenen Identitätsfindung und dem Beginn der Abgrenzung von der Familie. Hinsichtlich der Reaktion auf die Scheidung der Eltern lassen sich zwei verschiedene Muster erkennen. Der eine Teil der Jugendlichen sucht Kontakt mit deutlich Jüngeren, weißt Leistungseinbrüche in der Schule auf und aktiviert die emotionale Unterstützung durch die Eltern. Kurz gesagt, verfallen Jugendliche mit diesem Verhaltensmuster in Regression. Der andere Teil der Jugendlichen gibt sich mit Gleichaltrigen ab und zeigt somit vorerst keine Verhaltensauffälligkeiten. Allerdings haben diese Adoleszenten das Verlangen sich schleunigst von der Familie unabhängig zu machen. Bei ihnen hat die Scheidung keine Regression, sondern eine beschleunigte Reifung erwirkt, was auch verfrühte Sexualkontakte zu Folge hat. In weiteren Studien wurde herausgefunden, dass, je jünger die Kinder bei der Scheidung sind, die Auswirkungen umso mehr bemerkbar werden. Vor dem sechsten Geburtstag bzw. im Vorschulalter weißt das Kind Anpassungsschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten auf. Trennen sich die Eltern etwa vor dem fünften Lebensjahr des Kindes, treten Emotional- und Sozialverhaltensstörungen zwei bis drei Mal häufiger auf, als bei einer Trennung zu einem späteren Zeitpunkt. Bei einer Trennung zwischen dem fünften und dem zehnten Lebensjahr wurden bei einigen Kindern Auffälligkeiten festgestellt, jedoch hingen diese nicht mit der Scheidung der Eltern zusammen, sondern bezogen sich auf die Entwicklung und Findung ihrer eigenen Persönlichkeit. Genauso im Alter vom zehn bis fünfzehn. Außer der Feststellung des vermehrten Drogenkonsums bei Scheidungskindern in dem Alter, konnten keine weiteren Bezüge zur vorangegangenen Scheidung hergestellt werden. (Lehmkuhl G. und Lehmkuhl U. 1997: 15-16)

2.2 Geschlechtsspezifische Reaktionen

Bei Überprüfungen der emotionalen Stabilität erschienen Jungen achtzehn Monate nach einer Scheidung instabiler und stärker belastet als Mädchen. Nach zehn Jahren erfolgte eine erneute Überprüfung bei der sich ein umgekehrtes Ergebnis darbot. Zu diesem Zeitpunkt waren die Jungen viel stabiler als Mädchen, welche nun depressives Verhalten und stark gemindertes Selbstvertrauen aufwiesen. Dieses Verhalten bezeichnen Forscher als den „sleeper effect“. Betrachtet man das Verhalten direkt nach der Scheidung, fällt es Jungen deutlich leichter ihre Gefühle klar auszudrücken und ihre Belastungen zu verbalisieren und loszuwerden. Mädchen hingegen versuchen sich schnell an die neuen Lebenssituationen anzupassen und unterdrücken daher ihr inneres Empfinden. Diese Verdrängung der Gefühle führt auf lange Sicht zu einer höheren Belastung der Psyche, auch „time-bomb effect“ genannt. Im Latenzalter zeigt sich, dass Jungen häufig aggressiver in Konfliktsituationen reagieren, was Auswirkungen auf die Wahrnehmung ihrer Geschlechterrolle haben kann. Nach etwa fünf bis zehn Jahren zeigen sich Probleme, in genau diese Rolle hineinzufinden. Sie verhalten sich übertrieben männlich und kompensieren so ihre Unsicherheit hinsichtlich ihrer Maskulinität (Lehmkuhl G. und Lehmkuhl U. 1997: 16). Bei Mädchen hat eine Scheidung im Latenzalter verfrühte und häufig wechselnde Sexualkontakte zur Folge. Man muss jedoch betonen, dass all diese Forschungsergebnisse aus meist nicht repräsentativen Studien hervorgehen und somit nicht hinreichend belegt sind. Die Hypothese, dass Mädchen und Jungen unterschiedlich auf die Scheidung reagieren, muss somit verworfen werden. Nur bei einer Wiederheirat der Elternteile ist nachgewiesen, dass die Geschlechter unterschiedlich auf die neue Situation reagieren (Lehmkuhl G. und Lehmkuhl U. 1997: 17).

2.3 Kurzfristige Reaktionen

Grundsätzlich hat jeder Mensch die Fähigkeit auf Belastungssituationen mit partieller Regression zu reagieren, das heißt, unbewusst in ein Verhalten teilweise zurückzukehren, welches unter dem aktuellen Entwicklungsniveau liegt (Kunkel-Razum u.a. 2017). Bei zunehmender psychischer Belastung, wie sie bei Scheidungskindern auftritt, geschieht es häufiger, dass das Unterbewusstsein versucht, Halt in der Vergangenheit zu finden. Je öfter dies geschieht, desto größer werden die Sprünge in der Regression. Doch eine partielle Regression kann nur dann funktionieren, wenn das Objekt der Regression, z.B. die Mutter, „mitspielt“. Nur dann kann ein Ausgleich psychischer Belastungen erfolgen. Ist dies nicht gewährleistet, ergibt sich, durch das Wegfallen der psychischen Sicherung, eine zusätzliche Belastung, die den Zuwachs von Angst zur Folge hat (Figdor 1994: 68-71). Bei Kindern, bei denen die partielle Regression scheitert, tritt ein „zweiter Regressionsschub“, auch posttraumatische Abwehr genannt, ein. Dieser zweite Schub setzt auf einem noch niedrigeren Entwicklungsstand an. Daraus können Konsequenzen für die künftige Weiterentwicklung des Kindes entstehen und es kommt zu einer infantilen Neurose, um das seelische Gleichgewicht herzustellen und die Ängste des Kindes zu bändigen. Neurosen führen später im Erwachsenenalter oft zu neurotischen Störungen, auch wenn man über die Jahre den Eindruck gewinnen mag, die Symptome würden abklingen (Figdor 1994: 72-75).

3. Das System Familie

3.1 Eltern-Kind-Beziehung nach der Scheidung

Kann ein Kind die intensive Beziehung zu beiden Elternteilen gleichwertig fortsetzen, so ist die Chance einer Verhinderung negativer Persönlichkeitsentwicklungen groß. Für Kinder, die ihre Eltern nicht gleich viel erleben, steht eine Scheidung für den Verlust ihrer Macht. Denn dann ist eine Zuflucht zum anderen Elternteil nur eingeschränkt oder gar nicht möglich. Dieser Machtverlust führt zu Versagensgefühlen, Hilflosigkeit und Loyalitätskonflikten und daraus folgt schlussendlich eine Verminderung des Selbstwertgefühls. Zudem erleben Kinder ihre Eltern nie gemeinsam als „zwei Erwachsene, die sich die Verantwortung teilen“ (Beal und Hochmann 1992: 57), was zur Störung im Eingehen intimer Beziehungen führen kann. Anscheinend sind Mädchen in späteren Beziehungen dem „Überfunktionieren“, wie es bereits ihre Mutter tat eher zugeneigt. Für günstige Entwicklungsbedingungen für das Kind sollten Eltern daher einige Punkte sicherstellen. Trotz der gescheiterten Ehe hinsichtlich der Kinder zu kooperieren und sich in Erziehungsfragen abzusprechen. Sie sollten außerdem versuchen, aus ihrer eigenen Betroffenheit, bezüglich der Scheidung vom Partner, schnellstmöglich herauszufinden und sich ihren elterlichen Verantwortungen widmen. Damit geben sie ihrem Kind, welches auf Unterstützung eines Erwachsenen angewiesen ist, eine gewisse Sicherheit. Zudem sollte der weggeschiedene Elternteil nicht ausgeschlossen werden, denn das gemeinsame Kind sollte nicht für die eigenen Probleme mit dem Partner büßen müssen. Zur Erleichterung beider Elternteile sollten Absprachen erfolgen und Vorkehrungen getroffen werden. In diese Absprachen gilt es die Kinder mit einzubeziehen, da sie selbst auch Teil dieses Scheidungsprozesses sind und auch über Dinge entschieden wird, deren Konsequenzen dann die Kinder tragen müssen (Figdor 1994: 149-153).

3.1.1 Mutter-Kind-Beziehung

Der ökonomische Druck auf die alleinerziehende Mutter, weil sie weniger Zeit für ihre Kinder hat als zuvor und die seelische Belastung die sie selbst durch die Scheidung davonträgt, führen zu Stimmungsschwankungen, welche wiederum zu Gefühlen der Überforderung führen. Die Mutter reagiert überreizt auf die Aktivität ihres Kindes und schafft mit dieser Reizbarkeit und ihren Stimmungsschwankungen ungewollt die Oberfläche der Beziehungsprobleme zwischen Mutter und Kind. Es kommt daher zu einer Verstärkung der Aggression, sowohl seitens des Kindes als auch der Mutter. Es kommt häufiger zu Alltagskonflikten, durch geringe Geduld und Toleranz. Zudem besitzt die Mutter Aggression begründet durch den Scheidungskonflikt. Zwar steht die Scheidung für einen Neuanfang, jedoch bleibt das Kind, welches für immer ein Abbild der Vergangenheit und „Repräsentant“ des Scheiterns ist, bei ihr und sie kann nie endgültig mit ihrer Vergangenheit abschließen (Figdor 1994: 58-60). Betrachtet man das Mutter-Sohn Verhältnis nach der Scheidung ist erkennbar, dass es für Jungen nicht die optimale Lösung ist, bei der Mutter aufzuwachsen. Denn die Mutter erkennt Charakterzüge des Kindsvaters im Verhalten ihres Sohnes und reagiert unbewusst negativ darauf (Beal und Hochman 1992: 58-59). Außerdem nimmt der Sohn, aus den Augen der Mutter, den Platz des Vaters ein und soll dann die Erwartungen erfüllen, die sie an ihn richtet. Jedoch möchten die Jungen nicht die Vater-Rolle übernehmen, da sie bei Nicht-Erfüllung von Erwartungen in Konfliktsituationen mit der Mutter geraten (Beal und Hochman 1992: 59). Da sie trotzdem in diese Rolle gedrängt werden sind Konflikte unvermeidbar und so entsteht ein feindseliges Verhältnis zwischen Mutter und Sohn. Sobald ein neuer Partner in das Leben der Mutter tritt, verbessert sich das Mutter-Sohn Verhältnis wieder, da die Erwartungen der Mutter nun an den Partner gerichtet sind. Laut Beal und Hochman (1992: 57) bleiben 90% der Kinder nach einer Scheidung bei der Mutter, welche vor allem für Töchter das primäre Identifizierungsobjekt darstellt. Aus den Augen der Tochter gewinnt die Mutter an Macht, weil sie von nun an alleine die Kinder versorgt und somit eine gewisse Stärke ausstrahlt. Dieser Machtzuwachs überträgt sich mental auf die Tochter, wodurch sie die Kränkung aufgrund des Verlassenwerdens mit der Stärke der Mutter kompensieren kann (Figdor 2011: 81-86). Aus diesem Grund können Mädchen eine Scheidung der Eltern oftmals besser verarbeiten als Jungen. Die enge Verbindung von Mutter und Tochter basiert auf dem negativen Männerbild, das beide nach der Scheidung haben (Beal und Hochman 1992:60-61). Doch sobald entweder die Tochter oder die Mutter eine Beziehung zu einem Mann eingeht, lockert sich das Verhältnis wieder, da eine der beiden unterbewusst das Gefühl verspürt von der anderen hintergangen worden zu sein. Somit lässt sich sagen, dass sich der Scheidungskonflikt der Eltern auf das Mutter- Sohn Verhältnis eher negativ auswirkt, während das Mutter-Tochter Verhältnis von dem Elternkonflikt zeitlich begrenzt profitieren kann (Beal und Hochman 1992: 58).

3.1.2 Vater-Kind-Beziehung

Jungen fühlen sich nach einer Scheidung oftmals vom Vater im Stich gelassen. Das primäre Identifizierungsobjekt des Jungen ist der Vater, von dem er gesellschaftliches Geschick geschlechtsspezifisch lernt. Bei einer räumlichen Trennung des Vater-Sohn-Gespanns ist der Vater nichtmehr direkt greifbar. Somit kommt es beim Sohn zu Gefühlen der Vernachlässigung und Enttäuschung. Es ist daher zu empfehlen, trotz räumlicher Entfernung, eine Vater-Kind-Beziehung aufrecht zu erhalten. Zum einen, weil dadurch die Mutter-Kind-Beziehung entlastet werden und sich zum anderen das Selbstwertgefühl des Kindes deutlich besser entwickeln kann.

4. Langzeitfolgen für das Scheidungskind

4.1 Positive Folgen

Zuletzt wurden auch einige positive Entwicklungen von Scheidungskindern erwähnt (Offe 1992: 34). Im Vergleich zu ihren Altersgenossen konnten Kinder, welche die Scheidung ihrer Eltern positiv verarbeiteten, große psychische Reife und Stabilität aufweisen. Für sie bedeutete eine Scheidung nicht nur ein schmerzlicher Verlust, sondern auch eine konstruktive Lösung, eine ausweglose, konflikthafte Beziehung zu beenden und einen neuen Ansatz zu suchen (Rauchfleisch 1997: 31). In einer Langzeituntersuchung von Schülern in Bezug auf Jugendliche aus Scheidungsfamilien konnte festgestellt werden, dass sich bei ihnen statt Gefühlen der Ohnmacht eher ein Verspüren von Eigenverantwortlichkeit ergab. Das Gefühl der Eigenverantwortung lag bei den Scheidungskindern sogar über dem der Nichtscheidungskinder. Außerdem ergab die Studie, dass Jugendliche aus geschiedenen Familien, im Vergleich zu Jugendlichen aus nicht geschiedenen Familien hinsichtlich politischer Fragen zweifach so häufig der Meinung waren, dass sie keine Opfer von unkontrollierten Abläufen der Weltereignisse sind. Diese Fakten haben verschiedene Möglichkeiten interpretiert zu werden. Es ist möglich, dass Scheidungskinder ein Gefühl des Ausgeliefertseins, hinsichtlich der Scheidung der Eltern verdrängen und dort Verantwortung übernehmen, wo sie selbst Opfer sind und sich selbst auch als Opfer empfinden. Außerdem könnten sie durch die Verarbeitung schwieriger Situationen gelernt haben, mit Schwierigkeiten umzugehen, Probleme zu meistern wodurch ihr Selbstvertrauen gefördert wurde. Von außen betrachtet wirkten Jugendlichen aus Scheidungsfamilien so, als hätten sie ein hohes Selbstvertrauen und die Zuversicht, aus ihrem Leben das machen zu können, was sie wollen und Probleme lösen zu können, wenn sie diese nur richtig angingen. (Oggenfuss 1984: 71-83). Die bei Scheidungskindern häufig feststellbare große Selbständigkeit und Eigenverantwortung kann aber auch Überforderung sein. Und hinter dem Stolz auf diese Selbständigkeit kann sich durchaus das Bedauern nicht genügend Unterstützung gehabt zu haben und nicht ausreichend versorgt worden zu sein verbergen (Offe 1992: 34). Als positive Auswirkung wird bei Scheidungskindern auch oft genannt, dass sie keine starre Orientierung an Geschlechtsrollen zeigen (Offe 1992: 34). Jugendliche aus Scheidungsfamilien zeigen z.B. in Bereichen in denen im allgemeinen Männer für fähiger gehalten werden, tendenziell eine Gleichverteilung dieser Eigenschaften. Bezüglich der Diskriminierung der Frau in Beruf und Politik haben diese Jugendlichen ein anderes Bewusstsein. Mehr, als Jugendliche aus nicht geschiedenen Familien, fordern Scheidungskinder eine Gleichstellung der Geschlechter (Oggenfuss 1984: 79-80). Diese flexibleren Einstellungen hinsichtlich der Geschlechtsrollen können daher rühren, dass die meisten Scheidungskinder nach der Scheidung mit ihren Müttern zusammenleben, die wie bereits im Mutter-Kind Kapitel erwähnt, häufig selbstbewusster auftreten, unabhängiger, ökonomisch selbständig sind und im Alltag oft beide Geschlechterrollen übernehmen. Kinder aus Scheidungsfamilien können von Geschlechterrollen Aufgaben und Kompetenzen erfahren und haben anderen Kindern somit einen Schritt voraus (Gutschmidt 1997: 303). Eine Scheidung kann vor allem für Kinder, die in stark konflikthaften Familien leben, positive Auswirkungen haben. Die Scheidung kann für sie eine Reduktion ihrer Probleme bedeuten. Daraus folgt eine erneute Stabilisierung ihres seelischen Zustands, welcher durch die Beziehungsproblematik der Eltern gefährdet wurde (Gutschmidt 1997: 301). Es kann jedoch nur zu dieser positiven Entwicklung kommen, wenn sich die konflikthafte Beziehung der Eltern nach der Scheidung verbessert.

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Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Scheidungskinder. Langzeitfolgen einer Scheidung für das Kind
Untertitel
Persönlichkeitsverändernde Entwicklungen
Hochschule
Evangelische Hochschule Ludwigsburg (ehem. Evangelische Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg; Standort Ludwigsburg)
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
14
Katalognummer
V913153
ISBN (eBook)
9783346209931
ISBN (Buch)
9783346209948
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Scheidung, Kind, Alleinerziehend, Familie
Arbeit zitieren
Selina Hänel (Autor), 2018, Scheidungskinder. Langzeitfolgen einer Scheidung für das Kind, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/913153

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