Am 20. April 1999 betreten der 17-jährige Dylan Klebold und sein 18-jähriger Freund Eric Harris ihr High-School-Gebäude in Littelton, Colorado. Sie sind mit zwei abgesägten Schrotflinten, einer Neun Millimeter - Pistole, einem Karabiner, 30 selbstgebauten Sprengsätzen und einer 10kg-Bombe ausgerüstet. Dabei tragen sie Skimasken und lange schwarze Trenchcoats. Während ihres Amoklaufs töten sie zwölf Schüler und einen Lehrer. Anschließend erschossen die Täter sich selbst.
Gasthoven, 12 Februar 2002: Der 19-jährige Michael Weinhold, als Tod verkleidet, bricht in ein Familienhaus ein und ersticht die 12-jährige Vanessa mit mindestens 21 Stichen. Michael ahmte seine Helden ”Billy” nach, den Mörder aus dem Film Scream, dessen Maske er an seine Wand hängen hatte. ,Scream` und ,Halloween` hatte Michael Weinhold mindestens 50-mal gesehen. Die Polizei fand 72 Gewalt-Videofilme in seinem Zimmer, von denen allein 60 aufgrund der besonders hohen Brutalität auf dem Index stehen.
Am 26. April 2002 tötete der 19-jährige Robert Steinhäuser, der 2 Monate vor seiner Abiturprüfung von seiner Schule, dem Gutenberg-Gymnasium, wegen Dokumentenfälschung verwiesen worden war, zwölf Lehrerinnen und Lehrer, eine Schulsekretärin, zwei Schülerinnen, einen Polizisten und anschließend sich selbst. “Ich möchte, dass mich einmal alle kennen und ich berühmt bin”, hatte Robert seinen Mitschülern gegenüber `mal erwähnt.
Drei (von vielen) schrecklichen Taten - und bei allen wurde schnell in den Medien, der Politik etc. das Spielen von Gewalt-Computerspielen und das Rezipieren von Horror- Videos als Ursache genannt. Denn bei allen Tätern wurden solche gewalttätigen Computerspiele wie DOOM, Quake etc. und ein hohes Maß an ”Blut triefenden” Gewaltfilmen sichergestellt.
Doch besteht wirklich ein Ursache-/ Wirkungs-Zusammenhang zwischen den Massenmedien (Computerspiele, Videos, Actionfilme, Zeichentrickfilme etc.) und auftretender Gewalt? Machen Medien Mörder? Welche Auswirkungen hat der Konsum von Massenmedien? Welche Ansätze bietet die Medienpädagogik?
Mit diesen Fragestellungen hat sich die Wissenschaft stark befasst und eine große Anzahl von Studien und Theorien publiziert.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. ZUR BESTIMMUNG DES GEWALTBEGRIFFS
2.1. Strukturelle Gewalt
2.2. Personale Gewalt
2.3. Physische und psychische Gewalt
2.4. Entstehung von Gewalt
2.5. Der Gewaltbegriff in medialen Zusammenhängen
2.6.Zusammenfassung
3. MEDIEN
3.1. Definition Medien
3.2. Die Funktion von Medien
3.3.Fernsehkonsum von Kindern
3.3.1. Der quantitative Fernsehkonsum von Kindern von 3- bis 13-Jahren
3.3.2. Der qualitative Fernsehkonsum von Kindern und Jugendlichen
3.4. Darstellung von Gewalt im Fernsehern
3.5. Motive zum Konsum von Gewalt im Fernsehen
3.6. Wahrnehmung von Gewalt
3. 7. Zusammenfassung
4. MODELLE ZUR ERKLÄERUNG DER WIRKUNG MEDIALER GEWALTDARSTELLUNGEN
4.1. Stimulus-orientierte Ansätze
4.1.1. Stimulus-Respons-Ansatz
4.1.2. Theorie der kognitiven Dissonanz
4.1.3. Verstärkertheorie (Geißler 1992, 23 ff.)
4.2. Rezipienten-orientierte Ansätze
4.2.1.Theorie des Two- Step- Flow
4.2.2. Uses- and- gratification- approach
4.2.3. Dynamisch- transaktionaler Ansatz
4.2.4. Kultivierungshypothese
4.3. Zusammenfassung
5. HABEN GEWALTAKTE VON KINDERN UND JUGENDLICHEN IHRE URSACHE IN GEWALTDARSTELLUNGEN?
5.1. Beispiele für Nachahmungstaten
5.2. Der Wirkungsbegriff
5.3. Die klassischen Wirkungsansätze
5.3.1. Theorien, die Aggressionsmindernde Wirkungen erklären
5.3.1.1. Katharsisthese
5.3.1.2. Inhibitionsthese
5.3.2. Theorien, die Aggressionssteigernde Wirkungen erklären
5.3.2.1. Erregungstheorien
5.3.2.1.1. Frustrations- Aggressions- Theorie
5.3.2.1.2. Excitation-Transfer-Theorie
5.3.3. Lerntheorien
5.3.3.1. Die sozial-kognitive Lerntheorie
5.3.3.2 Habitualisierungstheorie
5.3.3.3. Suggestitionsthese
5.3.4. These der Wirkungslosigkeit
5.4. Der Stand der Wirkungsforschung
5.4.1. Einfluss auf die kognitive Leistungsfähigkeit
5.4.2.Emotionale Effekte
5.4.2.1. Angst
5.4.2.2. Gewalt
5.5. Zusammenfassung
6. PÄDAGOGISCHE PRÄVENTIONSMÖGLICHKEITEN
6.1. Selbstkontrolle und Verantwortung der Medien
6.2. Medienpädagogische Ansätze
7. MEDIALE GEWALT= REALE GEWALT?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den potenziellen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen der Darstellung von Gewalt in Massenmedien (insbesondere dem Fernsehen) und dem Auftreten von realer Gewalt bei Kindern und Jugendlichen, um auf dieser Basis medienpädagogische Präventionsansätze zu erörtern.
- Begriffsbestimmung und Dimensionen von Gewalt (physisch, psychisch, strukturell)
- Analyse des kindlichen Fernsehkonsums und der Rezeptionsmotive
- Wissenschaftliche Modelle zur Erklärung von Medienwirkungen (u.a. Verstärkertheorie, Lerntheorien)
- Kritische Diskussion von Nachahmungstaten und Wirkungsforschungen
- Medienpädagogische Präventionsstrategien und die Rolle von Eltern und Institutionen
Auszug aus dem Buch
3.4. Darstellung von Gewalt im Fernsehern
Die Forscher GROEBEL und GLEICH haben 1991 eine Woche lang 750 TV- Stunden, insgesamt 582 Sendungen, auf aggressive und bedrohliche Handlungen analysiert. Unter Aggressionen verstehen sie physische und psychische Aggressionen, wobei bei physischer Aggression einfacher zu erkennen ist, ob Absicht oder Schädigung vorliegen als bei psychischer Aggression (vgl. Groebel/ Gleich 1993, 42).
“Als Aggression gilt jede Handlung, die einer oder mehreren anderen Personen, der eigenen Person, einem Tier oder einem Gegenstand erkennbar Schaden zufügt. Dabei ist die endgültige Schädigung beabsichtigt oder wird zur Erreichung eines Zieles in Kauf genommen” (ebd., 136).
Gewalt wird als natürliche Gewalt definiert, und im Sinne von Katastrophen, Unfällen und Unglücken verstanden (vgl. Groebel/ Gleich 1993,136 f.).
Bei der Untersuchung kam heraus, dass:
• In 582 Sendungen insgesamt 2475 Aggressionen und Bedrohungen zu sehen waren.
• In jeder zweiten Sendung Aggressionen und Bedrohungen thematisiert worden waren.
• 5 Aggressionsszenen pro Stunde, 70 Mordszenen pro Tag und 500 Mordszenen pro Woche im Gesamtprogramm zu sehen waren
• der Zusammenschnitt aller körperlichen Gewaltakte einer Woche beträgt 25 Stunden
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet anhand erschreckender Beispiele (Amokläufe, Nachahmungstaten) die öffentliche Debatte über den Einfluss von Mediengewalt und formuliert die zentrale Forschungsfrage nach dem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang.
2. ZUR BESTIMMUNG DES GEWALTBEGRIFFS: Dieses Kapitel definiert Gewalt als komplexes gesellschaftliches Phänomen und unterscheidet zwischen struktureller, personaler, physischer und psychischer Gewalt.
3. MEDIEN: Hier wird der Medienbegriff geklärt und der Fernsehkonsum von Kindern sowie die Faszination durch Gewaltmotive und die Wahrnehmung von Gewalt in Programmen detailliert analysiert.
4. MODELLE ZUR ERKLÄERUNG DER WIRKUNG MEDIALER GEWALTDARSTELLUNGEN: Das Kapitel stellt verschiedene theoretische Ansätze vor, die Medienwirkungen erklären, von Stimulus-Respons-Modellen bis hin zu Rezipienten-orientierten Ansätzen wie der Kultivierungshypothese.
5. HABEN GEWALTAKTE VON KINDERN UND JUGENDLICHEN IHRE URSACHE IN GEWALTDARSTELLUNGEN?: Der Hauptteil untersucht die Wirksamkeit klassischer Theorien, diskutiert Fallbeispiele für Nachahmungstaten und bewertet den Stand der Wirkungsforschung hinsichtlich Angst und kognitiver Effekte.
6. PÄDAGOGISCHE PRÄVENTIONSMÖGLICHKEITEN: Dieses Kapitel skizziert die Grenzen von Verboten und betont die Bedeutung von Selbstkontrollinstanzen sowie aktiven medienpädagogischen Ansätzen zur Stärkung der Medienkompetenz.
7. MEDIALE GEWALT= REALE GEWALT?: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass Medien keine alleinigen Ursachen für reale Gewalt sind, aber die Entwicklung von Kindern beeinflussen können, weshalb eine integrative erzieherische Verantwortung gefordert wird.
Schlüsselwörter
Mediengewalt, Reale Gewalt, Medienpädagogik, Sozialisation, Aggression, Fernsehkonsum, Nachahmungstaten, Wirkungsforschung, Medienkompetenz, Angst, Stimulus-Respons-Ansatz, Lerntheorien, Jugendmedienforschung, Habitualisierung, Medienwirkung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den wissenschaftlichen Diskurs darüber, ob und inwieweit die Rezeption medialer Gewalt – primär im Fernsehen – ursächlich für reales aggressives oder gewalttätiges Verhalten bei Kindern und Jugendlichen ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den Schwerpunkten gehören die theoretische Definition des Gewaltbegriffs, eine quantitative und qualitative Analyse der Fernsehnutzung von Kindern, verschiedene wissenschaftliche Modelle zur Medienwirkung sowie konkrete medienpädagogische Präventionsmöglichkeiten.
Was ist das primäre Ziel der Examensarbeit?
Das Ziel ist die Klärung der Forschungsfrage, ob "mediale Gewalt" tatsächlich "reale Gewalt" hervorruft, wobei die Autorin die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung des kindlichen Lebensumfeldes hervorhebt.
Welche wissenschaftlichen Methoden finden Anwendung?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse und der Auswertung zahlreicher empirischer Studien sowie Programmanalysen, um die komplexen Zusammenhänge zwischen Medienkonsum und Sozialverhalten zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit klassischen Wirkungsansätzen (wie Katharsisthese oder sozial-kognitive Lerntheorie), hinterfragt deren Gültigkeit anhand von Nachahmungsbeispielen und diskutiert Auswirkungen auf Angstpotenziale und Gewaltbereitschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Untersuchung?
Wesentliche Begriffe sind unter anderem Mediengewalt, Medienpädagogik, Sozialisation, Fernsehkonsum, Aggression, Nachahmungstaten, Wirkungshypothesen und Medienkompetenz.
Warum wird im Kapitel 3 zwischen quantitativem und qualitativem Konsum unterschieden?
Die Unterscheidung ist für die Forschung essenziell, da die reine Sehdauer (quantitativ) allein nicht ausreicht, um Wirkungen zu erklären; entscheidend ist, welche spezifischen Inhalte (qualitativ) aus welchen Motiven konsumiert werden.
Wie bewertet die Autorin die "Theorie der Wirkungslosigkeit"?
Die Autorin lehnt diese These entschieden ab, da sie angesichts der empirischen Belege für Imitationseffekte und der hohen Relevanz von Medien im Alltag von Kindern nicht vertretbar erscheint.
Warum betont die Autorin die Rolle der Eltern in der Medienpädagogik?
Da Eltern die erste Sozialisationsinstanz für Kinder bilden, trägt ihre Vorbildfunktion und ihre Begleitung bei der Mediennutzung entscheidend dazu bei, ob Kinder zu kritischen Konsumenten heranwachsen können.
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- Emine Tairi (Author), 2006, Mediale Gewalt = Reale Gewalt?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91333