Homegrown Terrorism. Islamistische Radikalisierungsprozesse in Deutschland


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmungen
2.1. Salafismus
2.2. Islamismus
2.3. Dschihadismus

3. Theoretische Einbettung
3.1. Homegrown Terrorism
3.2. Vierstufiges Radikalisierungsmodell nach Precht (2007)

4. Radikalisierungsprozesse in Deutschland
4.1. Organisation der islamistischen Szene
4.2. Demographische Daten
4.3. Einstiegsfaktoren in die Radikalisierung
4.4. Soziale Hintergrundfaktoren

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

„Sie sind mitten unter uns“ sagt und schreibt der syrische Kurde und Journalist Madoud Aqil, der es 2016 schaffte, aus den Fangen des IS zu entfliehen und nach Deutschland zu gelangen. Hier hat er viele seiner ehemaligen Peiniger wieder entdeckt und damit die Angst vieler Deut- scher vor einem terroristischen Anschlag im eigenen Land weiter angefacht (Karon 2017: o.S.). Mit 71 Prozent erreichte die Angst vor Terroranschlagen in Deutschland bei der R+V Langzeitstudie 2017 sogar den höchsten Wert, gefolgt von Angsten vor politischem Extre- mismus und Spannungen durch weltweiten Zuzug von AuslanderInnen (Ruv.de 2017: o.S.). Der europaische Terrorismusbericht zahlte im Jahr 2016 13 jihadistische Terroranschlage in Europa, davon fünf in Frankreich, vier in Belgien und vier in Deutschland. Zehn der 13 ge- planten Anschlage wurden durchgeführt und insgesamt 135 Personen kamen dabei ums Le- ben. AuBerdem wurden 718 Personen festgenommen, bei denen ein Verdacht auf jihadistisch motivierte terroristische Straftaten vorlag (Europol 2017: 22). Diese Zahlen stellen keine Be- sonderheit des letzten Jahres dar, sondern sind Teil eines seit Langerem in Europa beobacht- baren Phanomens. Madrid 2004, London 2005, Brüssel 2015, Berlin 2016, Barcelona 2017, um nur einige Beispiele zu nennen, sind Zeichen dafür, dass islamistisch motivierte Terroran- schlage auf europaischem Boden langst keine Ausnahmeerscheinungen mehr sind. Dies hat Auswirkungen auf die alltagliche Lebensgestaltung oder zumindest das Lebensgefühl der hier lebenden Bevölkerung: Menschen denken darüber nach öffentliche Platze oder GroBveranstal- tungen zu meiden und verstarkte Prasenz von Sicherheitspersonal sowie bewaffneten Polizis- tInnen machen die gefühlte Bedrohung vor Terroranschlagen allgegenwartig. Die beiden Grundprinzipien einer demokratischen Gesellschaft - Freiheit und Sicherheit - drohen Unsi- cherheit und Überwachung zu weichen. Denn die TaterInnen sind, wie auch Madoud Aqil bestatigt, keine weit angereisten Personen aus fernen Landern, sondern in Europa geboren, sozialisiert und ansassig. Umso mehr drangt sich bei diesem Bild die Frage auf, wie es dazu kommen kann, dass sich Personen aus der Mitte unserer Gesellschaft in diesem MaBe radika- lisieren und zu so brutalen Handlungen fahig sind. Auf diese Frage kann es weder eine einfa- che, noch eine vollends zufriedenstellende Antwort geben. Dennoch möchte ich in dieser Ar­beit versuchen diesem Ziel naher zu kommen und Antwortoptionen aufzeigen, beziehungs- weise ein Verstandnis für verschiedene Phanomene entwickeln. Konkret soll es um die Frage gehen, wie islamistische Radikalisierungsprozesse verlaufen und worin - mit besonderem Fokus auf Deutschland - ihre Ursachen liegen. Im Fazit gehe ich auBerdem auf mögliche, daraus abzuleitende Handlungsstrategien für die deutsche Gesellschaft ein.

Dazu ist es notwendig zu Beginn, die in diesem Zusammenhang auftauchenden und oft feh- lerhaft verwendeten Begriffe des Salafismus, Islamismus und Dschihadismus zu definieren und voneinander abzugrenzen. Dies ist deshalb von Bedeutung, um den unterschiedlichen Einfluss der drei Phanomene auf den Radikalisierungsprozess beziehen und richtig einordnen zu können. Im Anschluss gehe ich auf das Konzept des Homegrown Terrorism ein, das im Fokus dieser Arbeit steht. Denn es bezieht sich auf Personen, die in westlichen Landern sozia- lisiert wurden und eben dort gewalttatige Anschlage verüben. Aufierdem soll beispielhaft auf ein Radikalisierungsmodell eingegangen werden, um die darauffolgend in Bezug auf Deutschland beschriebenen Radikalisierungsprozesse besser einordnen zu können. Nachdem in die islamistische Szene Deutschlands eingeführt wurde, gehe ich auf demographische Merkmale radikalisierter deutscher Personen ein und führe bedeutende Faktoren im Radikali- sierungsprozess sowie sozialpsychologische Hintergrundfaktoren auf.

2. Begriffsbestimmungen

Spatestens seit den Terroranschlagen vom 11. September 2001 sind die Begriffe Islamismus, Dschihadismus und Salafismus in das kollektive Gedachtnis westlicher Lander gerückt und durch die Ausbreitung des Islamischen Staates und in Europa verübte Attentate nach wie vor sehr prasent (Röhrich 2015: 35). Dabei weisen die verschiedenen Begriffe und dahinter ste- hende Konzepte grofie Ahnlichkeiten und einige offensichtliche Überschneidungen auf. Um eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Phanomen islamistischer Radikalisierung zu ermöglichen, ist jedoch eine eindeutige Abgrenzung der Begriffe notwendig, die im folgenden Kapitel stattfinden soll.

2.1. Salafismus

Salafismus wird im heutigen Sprachgebrauch und insbesondere in der medialen Berichterstat- tung falschlicherweise oft mit gewaltbereiten IslamistInnen gleichgesetzt. Seine Entstehungs- geschichte, wie auch seine heutige Ausrichtung sind jedoch um ein Vielfaches komplexer (Inge 2017: 24). Um die AnhangerInnen dieser Strömung des sunnitischen Islams zu verste- hen, muss man sich mit seinen verschiedenen Facetten auseinandersetzen (Abu-Rumman 2016: 7). Der Begriff Salafismus lasst sich aus dem Arabischen von Al-salaf al-salih ableiten, was so viel wie „die frommen Altvorderen“ bedeutet und sich auf den Propheten Muhammad sowie die ersten drei ihm nachfolgenden Generationen im siebten und achten Jahrhundert n.Chr. bezieht (Khoury et al. 2006: 521). Unter Salafis sind damit diejenigen zu verstehen, die versuchen, die religiöse Praktik der Al-salaf al-salih möglichst genau in ihr eigenes Leben zu übertragen (Netton 2008: 576). Da Salafis davon ausgehen MuslimInnen seien in ihrer heuti- gen Lebens- und Glaubensausrichtung vom Weg der „frommen Altvorderen“ abgekommen, ist es ihr Ziel, wieder zu den alten, ,richtigen‘ religiösen Praktiken und Glaubensauslegungen zurückzukehren. In diesem Sinne kann von einer Form islamischen Fundamentalismus ge- sprochen werden (Clarke und Beyer 2009: 585). Dabei ist der Salafismus keineswegs eine homogene Strömung'- weder in seiner heutigen Ausrichtung noch mit Blick auf den ge- schichtlichen Verlauf seiner Entwicklung. Der muslimische Gelehrte Ibn Taymiyya (1263­1328) legte mit seinen theologischen Ausführungen den Grundstein der salafistischen Glau- bensdoktrin und wurde seit dem 18. Jahrhundert immer wieder von neuen salafistischen Den- kerInnen aufgegriffen. Das alteste moderne Phanomen, das mit Salafismus assoziiert wird, ist der im 18. Jahrhundert im heutigen Gebiet Saudi-Arabiens von Muhammad ibn ‘Abd al- Wahhab gegründete Wahhabismus, der dort noch heute staatliche Förderung genieBt (ebd.: 587). Im 19. und 20. Jahrhundert entwickelte sich dann eine vor allem politisch orientierte Strömung des Salafismus, die eine Antwort auf ökonomische und politische Unterdrückung durch europaische Staaten bot und die Fortschrittlichkeit des Islam in den Vordergrund stellen wollte. Wichtige Persönlichkeiten waren in diesem Zusammenhang Muhammad Abduh und sein Schüler Rashid Rida in Agypten. Dort gründete Hasan al-Banna zu Beginn des 20. Jahr- hunderts die an salafistische Glaubensgrundsatze angelehnte Muslimbruderschaft, welche spater einen ihrer wichtigsten Denker Sayyid Qutb hervorbrachte. Er gilt bis heute als wichti­ge Quelle und Inspiration für Salafis und gewaltbereite IslamistInnen weltweit (ebd.: 593).[I] Als grundlegendes theologisches Charakteristikum des Salafismus gilt die Ablehnung von Taqlid; das heiBt die ansonsten von Muslimen praktizierte Zuordnung ihrer selbst zu einer der vier sunnitischen Rechtsschulen. Statt sich auf die Auslegung koranischer Texte eines Rechtsgelehrten zu berufen, solle ausschlieBlich Ijtihad betrieben werden; das bedeutet, es muss eine eigenstandige Urteilsfindung in Bezug auf die Interpretation koranischer Quellen stattfinden, im Sinne einer wortgetreuen Auslegung des Koran. Damit soll erreicht werden, dass der Islam der „frommen Altvorderen“ in seiner ursprünglichen Form praktiziert wird, frei von jeglichen interpretativ hinzugefügten Neuerungen (Lauzière 2016: 6). Des Weiteren stehen theologische Konzepte wie die absolute Einheit Gottes (Tauhid) und das bei deren Missachtung hervorgerufene ,sündhafte Handeln‘ (Shirk) im Fokus der Glaubenslehre (Wa­gemakers 2016: 8). AuBerdem zeichnen sich Salafis durch eine puritanische Haltung zu Sexu- alitat aus, die mit einer Regression in der Behandlung des Geschlechterverhaltnisses einher- geht (Biene et al. 2016: 14). Heute beanspruchen viele verschiedene religiöse Gruppen den Titel Salafismus für sich, da sie sich als VertreterInnen des ,wahren‘ und ,reinen‘ Islam ver- stehen. Dabei würden sich die Gruppen untereinander diese Bezeichnung wohl nur selten zu- gestehen. Wiktorowicz (2006: 207) versucht die gegenwartigen heterogenen Ausrichtungen des Salafismus zu klassifizieren, indem er eine Unterteilung in ,puristisch‘, ,politisch‘ und ,jihadistisch‘ vornimmt. Sie alle teilen die gleichen Glaubensgrundlagen, unterscheiden sich jedoch in der Methode diese umzusetzen. Wahrend puristische Salafis die Anwendung von Gewalt ablehnen und sich auf die persönliche Umsetzung ihrer religiösen Ideale konzentrieren sowie intensive Missionierung betreiben, streben politische Salafis danach, ihre Weltvorstel- lungen in das politische System zu übertragen. Zu letzterer Gruppierung zahlen beispielsweise die Muslimbrüder in Agypten. Für diese Arbeit relevant ist insbesondere die dritte Gruppe der dschihadistischen Salafis, die Gewalt als legitimes und notwendiges Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele erachten (ebd.: 208).

2.2. Islamismus

Der Philosoph Bernard-Henry Levy sprach vom Islamismus als die dritte Form des Faschis- mus „nach dem braunen und dem roten“ (zit. n. Metzger 2002: 8) und zeichnet damit bereits ein sehr deutliches Bild dessen, was westliche BetrachterInnen gemeinhin unter diesem Be- griff verstehen. Doch wie Salafismus ist auch Islamismus ein sehr breiter Begriff, der eine Vielzahl verschiedener Gruppen in sich vereint, die allesamt unterschiedliche Ziele und Stra- tegien verfolgen (Bpb.de 2016: o.S). Deshalb ist auch hier eine differenziertere Betrachtung notwendig. Es handelt sich ganz allgemein um eine Sammelbezeichnung für verschiedene politische Auffassungen und Handlungsstrategien, die die Errichtung einer allein religiös legi- timierten Gesellschaftsordnung zum Ziel haben (Pfahl-Traughber 2011: o.S.). Eng verknüpft mit salafistischen Ideen hat der Islamismus seinen Ursprung in innerislamischen Reformbe- strebungen und damit auch in der Konfrontation der MuslimInnen mit europaischen Koloni- almachten. Als die islamische Welt im 18. und 19. Jahrhundert militarisch, wissenschaftlich und auch technologisch von europaischen Staaten abgehangt wurde, entstanden islamische Reformbewegungen, die die historische Schwache ihres Landes auf die unislamische Le- bensweise der Menschen und allen voran der politischen Führer bzw. der politischen Organi- sationsform zurückführten. Eine wichtige entstandene Gruppierung stellte die Muslimbruder- schaft in Agypten dar, welche die erste islamistische Massenbewegung formte und erstmals den Gedanken formulierte, Religion müsse nicht nur im privaten, sondern auch im öffentli- chen Bereich gelten - sie umfasse alle Bereiche des Lebens, das heiBt auch die Politik, Öko- nomie und Justiz (Bpb.de 2016: o.S). Islamismus bezeichnet verschiedene Formen des politi- schen Islam, in denen gefordert wird, dass dieser eine verbindliche Leitlinie sowohl für indi- viduelles als auch für gesellschaftliches Leben darstellt. Damit geht eine Ablehnung von Indi- vidualitat und Pluralismus genauso einher wie die Ablehnung der Volkssouveranitat und des Sakularismus (Pfahl-Traughber 2011: o.S.). Wichtig ist jedoch zu unterscheiden zwischen institutionellem Islamismus, bei dem sich die jeweiligen Gruppierungen im Rahmen politi- scher Bewegungen oder Parteien organisieren und so über eine parlamentarische Vertretung die Umsetzung ihrer Vorstellungen anstreben und dschihadistischem Islamismus, dem eine legitime politische Organisationsform fremd ist, sondern der stattdessen auf die Anwendung (terroristischer) Gewalt im eigenen Land, aber auch in anderen Landern setzt (ebd.). Der So- ziologe und Politikwissenschaftler Armin Pfahl-Traughber definiert verschiedene spezifische Merkmale des Islamismus. Dazu gehört in erster Linie die Absolutsetzung des Islam als Le- bens- und Staatsordnung; das bedeutet, die Ablehnung der Trennung von Staat und Religion und die Betrachtung des Islam als notwendiger Bestandteil für jegliche Regelungen des sozia- len Miteinanders. Als Legitimationsbasis gilt folglich die Gottessouveranitat. Die ganzheitli- che Durchdringung und Steuerung der Gesellschaft durch die Religion führt beispielsweise zur Indoktrination von Kindern oder strengen Kleidungsvorschriften für Frauen und Manner. Die so entstehende, homogene Sozialordnung im Namen des Islam fördert kollektivistisches Denken und mindert damit die Wertschatzung von Einzelpersonen. Die Etablierung einer solch homogenen Gesellschaft unterbindet zudem jegliche Form von Pluralismus und macht damit Menschenrechte überflüssig. Die hier dargelegten Grundannahmen und Bausteine is- lamistischer Ideologie machen deutlich, dass diese Ablehnung anderer Denk- und Lebenswei- sen das Fanatismus- und Gewaltpotential seiner AnhangerInnen begünstigt (Pfahl-Traughber 2011: o.S.). Jedoch ist zu betonen, dass nicht alle IslamistInnen zwangslaufig gewaltbereit sind, sondern durchaus verschiedene Auspragungen vorweisen können - angefangen von PragmatikerInnen bis hin zu denjenigen, die Nicht-MuslimInnen und Menschen mit anderem Islamverstandnis gewaltsam bekampfen wollen (Röhrich 2015: 2).

2.3. Dschihadismus

Spatestens seit den Terroranschlagen Al-Qaidas auf westliche Ziele ist der Begriff Dschihad und Dschihadismus ins globale Bewusstsein gerückt und wird geographisch schwerpunktma- Big mit Afghanistan und Pakistan sowie in jüngster Zeit auch mit Syrien und dem Irak ver- knüpft (Lohlker 2011: o.S.). Unter Dschihadismus ist dabei (gleichsam wie beim Islamismus) eine Politisierung des Islam zu verstehen, die jedoch ausnahmslo s eine militante Form an- nimmt; das heifit, seine VerfechterInnen fordern einen nur durch Gewalt erreichbaren internen Umbruch oder externen Krieg, um die Feinde des ,wahren‘ Islam zu bekampfen. Diese ext­reme Form der Gewalt spiegelt sich in den Anschlagen Al-Qaidas und des IS wieder (Röhrich 2015: 1f). Der Begriff DschihadistIn oder Dschihad-KampferIn dient in diesem Zusammen- hang als Selbstbezeichnung und im Sinne eines ,heiligen Krieges‘ der Legitimation von Ge- walt (ebd.: 21). Dabei ist der Begriff etymologisch auf das arabische Wort gihad zurückzuführen und bedeutet so viel wie Anstrengung, Bemühung und Kampf. Ge- meint ist damit in erster Linie ein religiöses Konzept, das sich auf eine der muslimischen Grundpflichten bezieht, namlich den individuellen Kampf eines/ einer jeden MuslimIn gegen die eigene Lasterhaftigkeit (Biene et al. 2016: 21). Das Streben nach dem islamischen Glau- ben und der Ausführung religiöser und ethischer Pflichten der Selbstbeherrschung und Selbstvervollkommnung wird oftmals als „grofier Dschihad“ bezeichnet, wahrend gleichzeitig der Begriff des „kleinen Dschihad“ oder „Dschihad des Schwertes“ gebrauchlich ist, der den Kampf von MuslimInnen zur Verteidigung oder Verbreitung des Islam bezeichnet. Diese, aus islamwissenschaftlicher Sicht sehr unprazise Definition ist auch im deutschsprachigen Duden vorzufinden, wo aufierdem die Bezeichnung „Heiliger Krieg“ hinzugefügt wird. Mit eben dieser Definition rechtfertigen in der heutigen Zeit militante MuslimInnen Gewalttaten als Kampf für die Sache Gottes (Seesemann 2015: o.S.). In diesem Sinne wird unter Dschihadis- mus eine islamistische Ideologie verstanden, die Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele als the­ologisch legitim und notwendig erachtet. Begründet wird diese Gewaltanwendung beispiels- weise mit der Befreiung muslimischer Lander von der Unterdrückung des Westens, der Besei- tigung vom Glauben abtrünnig gewordener HerrscherInnen sowie der Reinigung der muslimi- schen Umma von Haresie. In Teilen seiner Ideologie folgt der Dschihadismus wie auch der Islamismus dem Salafismus, unterscheidet sich jedoch in seiner extremen Auslegung salafisti- scher Prinzipien zur Rechtfertigung von Gewalt. Es handelt sich also um eine militante Form des politischen Salafismus, die dem militarischen Dschihad absoluten Vorrang einraumt und um diesen herum alle anderen Vorstellungen gruppiert. Dabei ist der Dschihadismus mittler- weile ein transnationales Phanomen, dessen Propaganda kaum tiefergreifende theologische Kenntnisse erfordert, sondern vielmehr lediglich bruchstückhafte theologische Phrasen trans- portiert (Biene et al. 2016: 21).

3. Theoretische Einbettung

Daniel Schneider, 21 Jahre alt, lange dunkle Haare und Vollbart - ein Junge aus der Deut- schen Provinz (Knobbe 2009: o.S.). Der zum Islam konvertierte junge Mann gehört zur Grup- pe der sogenannten „Sauerland-Bomber“, deren geplante Attentate die deutschen Geheim- dienste im Jahr 2007 vereiteln konnten und der nun in Isolationshaft sitzt. Ein ,hausgemach- ter‘ Terrorist ohne jeglichen Migrationshintergrund, der das Gymnasium besuchte und in der deutschen Gesellschaft sozialisiert wurde. Im folgenden Abschnitt soll genau dieses Phano- men des Homgrown Terrorism genauer aufgezeigt werden sowie eine ausführliche Betrach- tung der einzelnen Phasen stattfinden, die innerhalb eines Radikalisierungsprozesses bis zur Durchführung eines terroristischen Attentats durchlaufen werden.

3.1. Homegrown Terrorism

“What these home grown terrorists seem to have in common is a deep-seated religious faith, often newly discovered, hatred of the West and a sense of alienation from their societies.” (Precht 2007: 9) Innerhalb den Grenzen eines Staates durchgeführte und auf innerstaatliche Phanomene proji- zierte Gewaltattentate werden dem Begriff „nationalistischer Terrorismus“ zugeordnet (Cor­dell 2011: 216). Darunter sind ethnisch-nationale Bewegungen zu verstehen, die gegen die Unterdrückung ihrer Ethnie von der nationalen Staatsgewalt kampfen (z.B. ETA oder IRA). Gleichzeitig existieren in hauptsachlich muslimisch gepragten Staaten sogenannte „lokal- dschihadistische“ Terrorgruppen, die einen religiösen Fundamentalismus betreiben und inner- halb ihrer Nation für einen islamischen Staat kampfen. Darunter lassen sich beispielsweise die Hisbollah im Libanon und die Hamas in Palastina einordnen (ebd.). Für westliche Staaten in den letzten Jahren zu einer besonderen Bedrohung geworden ist dagegen der transnationale Terrorismus, bei dem spezifische Terrorgruppen, wie beispielsweise Al-Qaida, ihre Netzwer- ke über die ganze Welt ausbreiten und mit einer internationalen Zielsetzung die globale Ord- nung radikal zu verandern streben (ebd.: 214). Dies führt dazu, dass Zielgebiete der Gewalt immer weiter ausgedehnt werden, genauso wie die Rekrutierung potentieller AttentaterInnen . Die klare transnationale Agenda lautet, das moderne Staatensystem zu zerstören (ebd.: 217). Zwischen diesen verschiedenen Ebenen terroristischer Organisationsformen siedelt sich ein neues Phanomen an, das in der Literatur haufig als Homegrown Terrorism bezeichnet wird und eine immer haufiger auftretende Bedrohung für die Sicherheit westlicher Staaten darstellt. Der Begriff wird für Personen verwendet, die aufgrund ihrer Nationalitat oder ihres Wohnorts europaischer, australischer, kanadischer oder amerikanischer Herkunft sind und inspiriert vom radikalen Islamismus Gewalttaten verüben (Wilner und Dubouloz 2010: 33). Der US- amerikanische „Homegrown Terrorism Prevention Act“ 2007 definierte das Phanomen als „use, planned use, or threatened use of force or violence by a group or individual born, raised, or based and operating primarily within the United States [...] to intimidate the [...] governemnt, the civiliatn population [...], in furtherance of political or social objec- tives“ (Olsson 2014: 2).

Terroristische Anschlage radikaler IslamistInnen werden jetzt nicht mehr ausschlieBlich von Personen begangen, die nicht im Westen aufgewachsen sind, sondern in ihrem lokalen Kon- text radikalisiert wurden und nur zur Verübung einer Gewalttat in die Ziellander reisten. Homegrown Terrorists sind BürgerInnen westlicher Lander, das heiBt sie sind in den Landern, denen ihre Gewalt gilt, geboren oder zumindest aufgewachsen und sozialisiert worden. Zu- dem gehören sie in der Regel keiner transnationalen Terrororganisation an, sondern wurden höchstens von deren Ideologie und Operationen inspiriert (Crone und Harrow 2010: 4). Dabei sind auch in westlichen Landern, wie oben bereits im Rahmen des substaatlich- nationalistischen Terrorismus erwahnt, Attentate von StaatsbürgerInnen kein neues Phanomen und der Begriff Homegrown Terrorists deshalb in einer gewissen Weise irreführend. Er be- zieht sich nicht auf jede Art innerstaatlichen Terrorismus, sondern insbesondere auf dschiha- distisch motivierte, von muslimischen MitbürgerInnen durchgeführte Anschlage (Olsson 2014: 2). Neu ist das vielfach höhere zerstörerische Potential des dschihadistischen Terroris- mus, die Anschlage auf groBe Menschenmengen, denen beinahe exklusiv ZivilistInnen als Ziel dienen und bei denen für transnationale sozio-politische Missstande gekampft wird, die nicht auf unilateraler Ebene artikuliert werden könnten. Radikale Botschaften sind nicht auf die sozio-politische Realitat in muslimischen Landern beschrankt, sondern globaler Natur und werden immer mehr auch von Einheimischen westlicher Lander und in europaischen Spra- chen propagiert (Pisoiu 2013: 69). Daraus ergibt sich eine neuartige, sehr komplexe Bedro- hung der inneren Sicherheit (Wilner und Dubouloz 2010: 33). Von dieser sind nicht nur ein- zelne Regionen oder Lander, sondern die gesamte westliche Welt bedroht. In Europa gilt ins- besondere GroBbritannien als Hochburg sogenannter ,hausgemachter‘ TerroristInnen. So wurde 2001 ein zum Islam konvertierter britischer Staatsbürger daran gehindert eine Bombe in einem Flugzeug zu detonieren, 2005 führten drei Manner mit britischem Pass Selbstmord- attentate im Londoner Transitsystem durch, 2007 beteiligten sich vier britische Arzte an der Detonation von Autobomben im Flughafen Glasgow und 2008 platzierte ein zum Islam konvertierter und über das Internet dschihadistisch radikalisierter junger Brite eine Bombe in einem Restaurant. Gleiches kann über andere europaische Lander berichtet werden. So wur- den die verheerenden Attentate in Madrid 2004 von spanischen Staatsbürgern durchgeführt und in Deutschland konnten 2007 zwei zum Islam konvertierte Deutsche mit groBen Mengen explosiver Wasserstoffperoxyd-Lösung („Sauerland-Bomber“) festgenommen werden (ebd.: 35f).

Eine Identifikation solcher potentieller AttentaterInnen ist deutlich schwieriger, als bei einge- reisten gewaltbereiten Islamistlnnen, da ihre Radikalisierung oft im Verborgenen verlauft und verdachtige Personen nicht einfach auf den Radar der ErmittlerInnen gelangen. Die Bedro- hung kommt sozusagen „aus unserer Mitte“, die GefahrderInnen verfügen über eine langfris- tige biographische Verbindung zum Zielland ihrer Gewalttat (Pisoiu 2013: 67). Deshalb ist es von besonderer Relevanz, Gründe zu ermitteln, die zu dieser Art der ,hausgemachten‘ Radi- kalisierung führen. Sie erfolgt selten aus einem politischen Vakuum heraus und ist ideolo­gisch motiviert. Dabei spielt neben Wut oder Verdruss gegenüber der staatlichen und interna­tionalen Politik sowie einer Intensivierung der eigenen religiösen Identitat insbesondere die sozio-politische Entfremdung von der eigenen Gesellschaft eine Rolle (Wilner und Dubouloz 2010: 38). Im Folgenden Abschnitt soll ein Modell vorgestellt werden, das Radikalisierungs- prozesse nachzeichnet und Einflussfaktoren identifiziert.

3.2. Vierstufiges Radikalisierungsmodell nach Precht (2007)

“I don't have a single American friend, I don't understand them” - Terlan Tsarnaev, einer der Boston Marathon Attentater zu einem Fotograph im Jahr 2009 (zit. n. Olsson 2014: 1).

Radikalisierungsprozesse verlaufen komplex und können nicht durch einfache Ursache- Wirkungszusammenhange erklart werden. Ihre Gestalt ist abhangig vom jeweiligen Individu- um und setzt sich immer aus einer Kombination verschiedener Faktoren zusammen. Gleich- sam lassen sich trotz allem spezifische Hintergrundfaktoren identifizieren, die eine Radikali- sierung begünstigen können. Haufig handelt es sich dabei um junge Manner, die in ihrem Le- ben an einem Scheideweg stehen oder Frustration und Unzufriedenheit erfahren. Besonders beunruhigend ist, wie schnell und anonym Radikalisierungsprozesse im Zeitalter des Internets verlaufen und potentielle AttentaterInnen unauffalliger Teil der Gesellschaft bleiben können (Precht 2007: 5). Der Faktor Religion hingegen spielt, obwohl er vermeintlich im Vorder- grund zu stehen scheint, tatsachlich nur bei wenigen eine tragende Rolle, sondern dient viel- mehr als Vehikel zur Kanalisierung anderer Bedürfnisse (ebd.: 7).

[...]


1 Eine ausführlichere Beschreibung der historischen Entwicklung des Salafismus ist unter anderem bei Lauzière (2016), Meijer (2009) und Wagemakers (2016) zu finden.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Homegrown Terrorism. Islamistische Radikalisierungsprozesse in Deutschland
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
26
Katalognummer
V913392
ISBN (eBook)
9783346223012
ISBN (Buch)
9783346223029
Sprache
Deutsch
Schlagworte
deutschland, homegrown, islamistische, radikalisierungsprozesse, terrorism
Arbeit zitieren
Silvana Vialova (Autor:in), 2018, Homegrown Terrorism. Islamistische Radikalisierungsprozesse in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/913392

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