Weiblichkeitsentwürfe in der Männergesellschaft der siebziger Jahre in Jelineks Roman "Die Liebhaberinnen"


Hausarbeit, 2006
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das soziale Gesellschaftsbild in den siebziger Jahren

3. Charakterisierung der weiblichen Hauptfiguren im Roman
3.1 Brigitte – das "gute Beispiel"?
3.2 Paula – das "schlechte Beispiel"?
3.3 Susi
3.4 Vergleich der dargestellten Protagonistinnen

4. Der Mythos "Liebe"
4.1 Glauben die weiblichen Hauptfiguren an den Mythos "Liebe"?

5. Weibliche Ausbeutung und Entfremdung im Kapitalismus
5.1 Von der Ökonomie in zwischenmenschlichen Beziehungen
5.2 Das weibliche Schicksal innerhalb der Familie
5.3 Sexuelle Ausbeutung
5.4 Zwischenfazit

6. Gewalt – und Hassmodelle

7. Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die feministische Literatur im engeren Sinne formierte sich im deutschsprachigen Bereich zu Beginn der siebziger Jahre. Ins besonders thematisierte man die Rolle der Frau in der “Männergesellschaft“ und das Geschlechterverhältnis. Zu den exponierten Vertreterinnen der deutschsprachigen Frauenliteratur gehört Elfriede Jelinek. Ihr Roman "Die Liebhaberinnen" gehört zu den feministischsten und meist diskutierten Romanen dieser Zeit. "wenn einer ein schicksal hat, dann ist es ein mann. wenn einer ein schicksal bekommt, dann ist es eine frau."[1] Dieser Satz umreißt treffend, worum es in diesem Buch geht: es wird die Rolle der Frau in der von Männern dominierten Gesellschaft und die sexuelle Unterdrückung der Frau thematisiert.

Ziel meiner Arbeit wird es sein, die Rolle der Frauen, die unter dem Druck der Gesellschaft, sprich ihrer Familien, der Bildungsmisere, der emotionellen Misere, der vorherrschenden Phallokratie und einem dementsprechenden, untergeordneten Frauenbild „leiden“, näher darzustellen. Des Weiteren werde ich mich der Frage stellen, warum der Lebensweg der Frauen in die Abhängigkeit und Unterdrückung des Mannes, vorauszusehen ist?

Als erstes werde ich das soziale Gesellschaftsbild der siebziger Jahre beschreiben. Danach werde ich die weiblichen Hauptfiguren charakterisieren um anschließend einen Vergleich zu ziehen und mich der Diskussion stellen, ob man Brigitte wirklich als “gutes“ und Paula als “schlechtes Beispiel“ bezeichnen kann? Im folgenden Abschnitt versuche ich darzustellen wie sich der Mythos “Liebe“ auf das Leben der weiblichen Protagonistinnen auswirkt und ob alle drei Frauen an den Mythos glauben? Als nächstes werde ich auf die weibliche Ausbeutung und Entfremdung im Kapitalismus eingehen, bevor ich zum Schluss noch die Gewalt-und Hassmodelle im sozialen Umfeld der Frauen beleuchte.

2. Das soziale Gesellschaftsbild in den siebziger Jahren

“Die Liebhaberinnen“ wurde im Jahre 1975 veröffentlicht, eine Zeit, in der die meisten Familien der industriellen Arbeiterschaft angehörten. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in der Familie sah folgendermaßen aus: der Mann war der Haupternährer der Familie, die Tätigkeiten der Frau lagen in der privaten Hauswirtschaft. Dieses Modell war aber in Bezug auf die Arbeiterfrau widersprüchlich. Denn der Mitverdienst der Frau war stets eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Nachdem die Sozialisation von Arbeitermädchen nicht auf eine Berufslaufbahn sondern auf Heirat und Haushaltsführung erfolgte und später eine Doppelbelastung durch Arbeit und Haushalt bestand, wurden Arbeiterfrauen in unqualifizierte und niedrig entlohnte Berufe gedrängt.

Dieses soziale Gesellschaftsbild wird uns bereits im metasprachlichen “vorwort“[2] des Romans dargestellt. In Parallelkonstruktionen wie “die frauen, die hier arbeiten, gehören nicht dem fabrikbesitzer. die frauen, die hier arbeiten, gehören ganz ihren familien“[3] wird verdeutlicht, dass die Frauen sowohl dem “fabrikbesitzer“ als auch ihren “familien“ gehören, also >doppelt< unterdrückt sind. Andere Parallelkonstruktionen wiederum heben die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung hervor “die fenster sind von frauen geputzt worden, die autos meistens von männern“[4] oder die Austauschbarkeit der Arbeiterinnen mit Maschinen “es wird ihr nicht langweilig dabei […] es wird der näherin nicht langweilig dabei“.[5] Zum Schluss beschreibt uns Jelinek das vorgezeichnete Zugrundegehen der Frauen in der Gesellschaft “oft heiraten diese frauen oder sie gehen sonst wie zugrunde […] sie hat viel verantwortung, aber keinen überblick und keinen weiterblick. aber meistens einen haushalt“.[6]

3. Charakterisierung der weiblichen Hauptfiguren im Roman

3.1 Brigitte – das "gute Beispiel"?

Brigitte arbeitet und lebt in der Stadt. Über ihr Alter sagt der Text nichts und über ihre Familienverhältnisse nur wenig aus, außer dass sie die uneheliche Tochter einer ungelernten Näherin ist. Berufsausbildung hat Brigitte, wie ihre Mutter, mit der sie zusammenwohnt, keine. Sie ist Hilfsarbeiterin, sitzt am Fließband und näht Büstenhalter im Akkord.[7] Es gibt nur einen Ausweg aus ihrer als unbefriedigend erlebten Situation: die Erlösung durch den Mann.

Brigittes Existenz wird glaubhaft so dargestellt, als ob sie keinen Sinn an sich hätte und nur durch den “Besitz“[8] von Heinz, der den sozialen Aufstieg bedeutet, gerechtfertigt sei.

Sie setzt alle Mittel (Haartönung (Glanz), Muschi, “ brigitte hat einen körper zu bieten [9] Haushaltsarbeit und Liebeserklärungen “ich brauche dich, und ich liebe dich“[10] in Bewegung um ihr Ziel zu erreichen. Sogar bei der Arbeit drehen ihre Gedanken dauernd um das Ziel das sie vor Augen hat.

Sie hofft auch nicht auf Gegenliebe und will eigentlich nur entschädigt werden: “ du wirst für mich sorgen und mich für meine liebe belohnen und entschädigen, nicht wahr, heinz?“[11]

Der Handel zwischen Heinz und Brigitte trägt den Titel “Sex und Spaß gegen ein kleines häuschen mit garten“.[12]

Die Autorin beschreibt bildhaft und mit derber Sprache was in Heinz vorgeht: “ heinz ist froh, endlich einen menschen zum rammeln gefunden zu haben […] heinz betätigt fleißig seinen pumpenschwengel“[13] und “s ein schwanz züngelt auf brigitte los“.[14]

Da Brigitte sowohl keine Liebe als auch kein sexuelles Verlangen für Heinz empfindet, hasst sie Heinz desto mehr: “ mein gott, wie ich dich dafür hasse, denkt b.“[15] und “auch ekelt sich brigitte vor heinz und seinem fetten weißen elektrikerkörper, der auch heinz heißt“.[16] Sie trennt so gekonnt ihre Hassgefühle einerseits von ihren beruflichen Plänen, als ob es sich bei Heinz um zwei verschiedene Personen handeln würde, die nur zufällig denselben Namen tragen.

Dann konzentriert sich Brigitte immer mehr auf das Kind, das sie unbedingt von Heinz haben will: “ brigitte will sich nicht verhärten, sondern schwängern lassen“[17], das erleichtert ihr das Ertragen der sexuellen Szenarien. Sie betrachtet das Ganze als ob es sich um Arbeit handeln würde: “denn wieder liegt ein harter Arbeitstag vor ihr“[18] und “ die fabrik ist das wartezimmer, die arbeitsstätte ist heinz“.[19]

Eine zentrale Aussage über Brigitte informiert uns, dass Brigitte “ gefühlsunfähig“[20] sei. Sie kann sich verstellen und an einer anderen Stelle erfahren wir was Brigitte bewegt: “ brigitte will nur besitzen und möglichst viel. brigitte will einfach HABEN und FESTHALTEN.“[21]

Erst durch die Schwangerschaft gelang Brigitte zu einer höheren Ebene: “ sie hat den prozeß eines unfertigen zwitterhaften wesens zu einem weiblichen wesen durchgemacht.“[22] Nebenbei hat sie damit auch erreicht, dass Heinz sie heiraten wird und sie ihre Arbeit aufgeben kann, was in ihren Augen den gesicherten sozialen Aufstieg darstellt und wird sich in der Zukunft ganz dem ersehnten Geschäft und den Kindern widmen.

Brigitte hat erreicht, wovon sie am Fließband träumte. Sie ist Mutter, Haus- und Geschäftsfrau geworden. Doch das anfängliche Gefühl Heinz zu besitzen dreht sich nun um und es zeigt sich […] wer jetzt der herr im hause ist. brigitte ist so froh, endlich einen herrn zu haben. wenn man so lange herrenlos war, ist es eine erleichterung, wenn man ein gutes herrchen gefunden hat“.[23]

3.2 Paula – das "schlechte Beispiel"?

Wie wir spät im Roman erfahren ist der “gegenstand“[24] Paula das Hauptthema.

Paula stammt vom Land und ist erst 15 Jahre alt. Vor die Wahl gestellt, ob sie Verkäuferin oder Hausfrau werden will, versucht Paula ihre Eltern (die an einer phallokratischen Tradition festhalten) davon zu überzeugen, dass sie einen Beruf erlernen will. “das hat es im dorf überhaupt noch nie gegeben, daß eine was LERNEN möchte. [25] Nach Kämpfen mit den Eltern setzt sie sich schlussendlich durch.

[...]


[1] Jelinek, Elfriede: Die Liebhaberinnen. Reinbek bei Hamburg 27 2006. S. 6.

[2] Ebd., S. 5.

[3] Ebd., S. 5.

[4] Ebd., S. 5.

[5] Ebd., S. 6.

[6] Ebd., S. 6.

[7] Ebd., S. 12.

[8] Ebd., S. 10.

[9] Ebd., S. 13.

[10] Ebd., S. 22.

[11] Ebd., S. 23.

[12] Ebd., S. 54.

[13] Ebd., S. 54.

[14] Ebd., S. 55.

[15] Ebd., S. 54.

[16] Ebd., S. 32.

[17] Ebd., S. 92.

[18] Ebd., S. 93.

[19] Ebd., S. 114.

[20] Ebd., S. 106.

[21] Ebd., S. 115.

[22] Ebd., S. 134.

[23] Ebd., S. 134.

[24] Ebd., S. 96.

[25] Ebd., S. 18.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Weiblichkeitsentwürfe in der Männergesellschaft der siebziger Jahre in Jelineks Roman "Die Liebhaberinnen"
Hochschule
Universität Trier
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V91342
ISBN (eBook)
9783638043007
ISBN (Buch)
9783638940320
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Zitate sind buchstäblich übernommen,wie die Autorin Elfriede Jelinek das im Buch geschrieben hat. (Nomen kleingeschrieben)
Schlagworte
Weiblichkeitsentwürfe, Männergesellschaft, Jahre, Jelineks, Roman, Liebhaberinnen
Arbeit zitieren
Sabrina Cornelii (Autor), 2006, Weiblichkeitsentwürfe in der Männergesellschaft der siebziger Jahre in Jelineks Roman "Die Liebhaberinnen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91342

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