Deutsche überregionale Presse in Litauen seit 1991 untersucht am Beispiel der Monatszeitung Baltische Rundschau


Diplomarbeit, 2006
276 Seiten, Note: 2,30

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Abkürzungs- und Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Ziel der Arbeit, Forschungsstand und Quellenlage
1.2 Aufbau der Arbeit
1.2.1 Definition des Forschungsgegenstandes Baltische Rundschau
1.3 Das Modell der Enklavenpublizistik
1.3.1 Der systemtheoretische Ansatz der Enklavenpublizistik
1.4 Methoden
1.4.1 Die Inhaltsanalyse
1.4.1.1 Paneldesign und Frequenzanalyse
1.4.1.2 Auswahl der Stichprobe
1.4.1.3 Auswahl der Analyseeinheiten
1.4.1.4 Entwicklung des Kategoriensystems
1.4.2 Die Befragung
1.4.2.1 Die Methode
1.4.2.2 Die Interviewpartner
1.4.2.3 Die Konzeption der Leitfäden

2. Bedingungen in Litauen (1988 - 2005)
2.1 Statistische Daten zum Staat Litauen
2.2 Zeitgeschichte und Politisches System in Litauen
2.3 Medien in Litauen
2.4 Mediengesetzgebung, Medienethik, Medienregulierung
2.5 Fazit

3. Deutsche Minderheit in Litauen
3.1 Territoriale Verhältnisse in Ostpreußen und dem Memelgebiet
3.2 Deutsche Besiedlung in Litauen

4. Deutschsprachige Zeitungen in Litauen
4.1 Das Memeler Dampfboot
4.2 Die Deutschen Nachrichten für Litauen
4.3 Die Baltischen Briefe

5. Das Untersuchungsobjekt Baltische Rundschau
5.1 Die Gründung der Baltischen Rundschau 1994
5.2 Die Entwicklung der Baltischen Rundschau
5.3 Fazit
5.4 Die Abonnentenstruktur im April 2005
5.4 Bewertungen der Baltischen Rundschau
5.5 Zusammenarbeit der Baltischen Rundschau mit der deutschen Minderheit
5.6 Die Bedeutung der Baltischen Rundschau für das litauische Mediensystem

6. Inhaltsanalyse

7. Fazit

8. Quellenverzeichnis

0. Abkürzungs- und Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Entwicklung der Seitenanzahl

Abbildung 2: Entwicklung der Artikel-, Anzeigen- und Bilderanzahl

Abbildung 3: Gesamtumfang der Artikel, Bilder und Anzeigen

Abbildung 4: Entwicklung der prozentualen Anzeigenverteilung

Abbildung 5: Gesamtumfang der Anzeigenarten

Abbildung 6: Touristische Anzeigeninhalte

Abbildung 7: Entwicklung der prozentualen Anteile von Handlungsorten in der Berichterstattung

Abbildung 8: Gesamtumfang der Artikel mit baltischen oder deutschsprachigen Handlungsorten

Abbildung 9: Entwicklung prozentualer Anteile ausgesuchter Darstellungsformen
an der Gesamtberichterstattung

Abbildung 10: Gesamtumfang ausgesuchter Darstellungsformen

Abbildung 11: Entwicklung der prozentualen Verteilung ausgesuchter Bereiche

innerhalb der Baltischen Rundschau

Abbildung 12: Gesamtumfang ausgesuchter Bereiche

Abbildung 13: Gesamtumfang von minderheitenrelevanten Themen in der

Berichterstattung der Baltischen Rundschau

Abbildung 14: Entwicklung der prozentualen Verteilung des Geschlechts der

Handlungsträger in der Berichterstattung der Baltischen Rundschau

Abbildung 15: Entwicklung der prozentualen Verteilung der Herkunft der

Handlungsträger 1 in der Berichterstattung der Baltischen Rundschau

Abbildung 16: Entwicklung der prozentualen Verteilung der Herkunft der

Handlungsträger 2 in der Berichterstattung der Baltischen Rundschau

Abbildung 17: Entwicklung der prozentualen Verteilung der Herkunft der Handlungsträger 3 in der Berichterstattung der Baltischen Rundschau

1. Einleitung

Deutschsprachige Zeitungen in den Grenzen des heutigen Litauens können auf eine lange Tradition zurückblicken: Bereits am 1. Januar 1817 brachte Friedrich Wilhelm Horch in Memel, das bis 1923 zu Preußen bzw. zum Deutschen Reich gehörte, die erste Ausgabe des Memelschen Wochenblatts heraus (Maskallis 1999, 100). In seiner Folge wurden nicht nur weitere kleine Auflagen unterschiedlichster Presseerzeugnisse in deutscher Sprache gedruckt, sondern am 3. Juli 1849 auch erstmals ihr wichtigster Vertreter in der deutschsprachigen Zeitungslandschaft in diesem Gebiet neu herausgegeben: das Memeler Dampfboot. Es entwickelte sich in nur wenigen Jahren zur auflagenstärksten Tageszeitung im nördlichsten Zipfel Ostpreußens, dem späteren Memelgebiet, und konnte diese Vormachtstellung bis in die Wirren des Zweiten Weltkrieges hinein aufrechterhalten.

Außerhalb des Memelgebietes waren die Deutschen in Litauen nur schwach organisiert, was sich auch in der dortigen deutschsprachigen „Presselandschaft“ niederschlug, die hauptsächlich aus Gemeindeblättern in Kleinstauflage bestand. Eine Änderung trat erst am 11. Januar 1931 ein, als deutsche Emigranten in der damaligen litauischen Hauptstadt Kaunas die Wochenschrift Deutsche Nachrichten für Litauen für Deutschlitauer gründeten. Doch die vorrückende Ostfront des Zweiten Weltkrieges und ihre Kämpfe in Litauen beendete nicht nur nach zehn Jahren die Herausgabe der Deutschen Nachrichten für Litauen, die für die Pflege des Deutschtums in Litauen bedeutend waren, sondern gleich die Arbeit der gesamten deutschen Presse in Litauen. Eine Ausnahme bildete aber das Memeler Dampfboot, welches es trotz aller Schwierigkeiten schaffte, bis Anfang 1945 kontinuierlich zu publizieren. An eine Wiederbelebung der deutschen Presse nach dem Zweiten Weltkrieg war jedoch nicht zu denken gewesen, da Litauen und das ehemalige Memelgebiet von der sowjetischen Siegermacht besetzt waren und das Sprechen und Schreiben der Sprache des untergegangenen Hitler-Deutschlands unter Höchststrafe standen.

Erst mit den Unabhängigkeitsbestrebungen Litauens ab 1988 lockerte der Staat den Umgang mit seinen Minderheiten im Land und legalisierte Vereinsgründungen und damit auch das Recht, seine Heimatsprache in der Öffentlichkeit wieder sprechen zu dürfen. Eine Chance, die die Deutschen in Klaipeda ergriffen und so schon im März 1989 den Verein der Deutschen Klaipedas ins Leben riefen. Als eine ihrer ersten Vereinstätigkeiten wurde die seit 48 Jahren verbotene deutschsprachige Zeitschrift Deutsche Nachrichten für Litauen neu gegründet und monatlich in Litauen herausgegeben. Allerdings blieb sie in der 1991 neu konstituierten Republik Litauen mit einem Umfang von vier Seiten, die in identischer Form auch auf litauisch beigelegt wurden, ein echtes Nischenprodukt, das hauptsächlich an Vereinsmitglieder verkauft wurde und keine überregionale Bedeutung erringen konnte.

Erst im Dezember 1994 gelang es dem Russlanddeutschen Ingwar-Heinrich Lotz mit der Baltischen Rundschau eine weitere deutschsprachige Monatszeitung mit überregionalem Charakter und ohne direkten Traditionsbezug auf den Markt zu bringen, um in erster Linie deutsche Kultur und Sprache zu pflegen und zu fördern. Sie soll deshalb Gegenstand dieser Diplomarbeit sein. Als Herausgeber fungierte der Verein der Deutschen Litauens, der – ebenfalls auf Lotz` Initiative hin – im selben Jahr gegründet wurde und später der Dachverband der deutschen Minderheiten in Litauen werden sollte. Auch wenn Lotz nur kurze Zeit später der angestrebte Zusammenschluss der Minderheiten misslang, so überlebte dennoch „seine“Baltische Rundschau elf Jahre lang, auch dank der Förderung des deutschen Instituts für Auslandsbeziehungen, das die Stelle eines Medienassistenten bis September 2003 finanzierte, die viele Jahre mit der eines Chefredakteurs gleichzusetzen war. Im November 2005 wurde die Baltische Rundschau letztendlich eingestellt, weil Ingwar-Heinrich Lotz schwer erkrankte und die Strukturen der Zeitung zu diesem Zeitpunkt schon so stark auf seine Person zugeschnitten waren, dass ein von seiner Person unabhängiges Bestehen nicht mehr möglich war. Ähnlich erging es den Deutschen Nachrichten für Litauen, die aus finanziellen und personellen Gründen im März 2005 eingestellt wurden und ab November 2005 im Memeler Dampfboot als Beilage aufgingen, das seit dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland als Monatszeitschrift herausgegeben wird.[1] Damit sind 2005 endgültig alle nennenswerten deutschsprachigen Publikationen in Litauen eingestellt worden.

Das für diese Diplomarbeit relevante Untersuchungsobjekt Baltische Rundschau existierte vom Dezember 1994 bis November 2005. In ihrer Redaktion gab es nach einer Auswertung aller Impressen bis 2002 nur eine feste Redakteursstelle, die mit wechselnden Personen besetzt wurde. Dieser strukturelle Missstand führte zu keiner inhaltlichen Homogenität bzw. Stringenz und verlief sich in persönlichen Beliebigkeiten. Zudem war die Baltische Rundschau trotz ihrer Nischenbelegung im baltischen Publizistiksystem als länderübergreifendes Projekt angelegt worden, das in Litauen, Lettland und Estland vertrieben wurde. Hieraus ergab sich ein wissenschaftliches Interesse an der Baltischen Rundschau, das an vier Punkten festzumachen war:

1. Das lange Überleben einer privaten, semiprofessionellen Zeitungsinitiative auf einem anderssprachigen, professionellen Zeitungsmarkt.
2. Die redaktionellen und verlegerischen Strukturen, die eine kontinuierliche Herausgabe ermöglichten.
3. Die Zusammenarbeit einer deutschsprachigen Zeitung in Litauen mit den deutschen Minderheiten in den drei baltischen Staaten.
4. Das Bemühen, einen Beitrag zur Dokumentation der Geschichte der Baltischen Rundschau zu liefern.

Aus diesen Grundinteressen heraus wurden sechs Hypothesen entwickelt, die mithilfe dieser Untersuchung falsifiziert bzw. verifiziert werden sollen:

Hypothese 1:

Da sich die Baltische Rundschau offiziell als „Bindeglied zwischen den Deutschstämmigen im Baltikum und allen deutschen Vereinen in Estland, Lettland und Litauen“ (Lotz 2001, 66) sah, wird davon ausgegangen, dass die deutsche Minderheit dementsprechend Eingang in die Berichterstattung fand. Überprüft werden soll die Annahme mittels einer Analyse der Themen und einer Befragung der Redakteure hinsichtlich ihrer Einstellung zur deutschen Minderheit im Baltikum und ihrer journalistischen Beachtung.

Hypothese 2:

Die redaktionelle und verlegerische Leitung war aufgrund des wenigen und oft wechselnden Personals häufigen Schwankungen unterworfen. Dadurch konnte weder eine personelle noch eine strukturelle Stabilität erreicht werden, die jedoch Voraussetzung für eine erfolgreiche Professionalisierung einer Zeitung ist. Für die Klärung dieser Hypothese werden die Interviews mit Redakteuren, Chefredakteuren und Geschäftsführern ausgewertet.

Hypothese 3:

Die Entwicklung der Zeitung und damit auch ihre inhaltliche Ausrichtung war Hypothese 2 folgend nie ein kontinuierlicher Prozess. So liegt bei einem Überblick über die Ausgaben der Schluss nahe, dass mit dem Wechsel der leitenden Redakteure auch die Schwerpunkte der Baltischen Rundschau jeweils neu gesetzt wurden. Ob diese Hypothese bestätigt werden kann, werden die Interviews mit den betreffenden Redakteuren zeigen.

Hypothese 4:

Die Baltische Rundschau konnte ihren baltisch-überregionalen Anspruch, der im Titel angezeigt wird, weder in der Berichterstattung noch im Vertrieb jemals gerecht werden. Für die Prüfung dieser Hypothese gilt es, sowohl die Interviews mit den Redakteuren als auch die Auswertung der Inhaltsanalyse hinsichtlich der Handlungsorte und Handlungsträger heranzuziehen.

Hypothese 5:

Die Nichtdefinition des Zielpublikums durch die Redakteure und die damit einhergehende Unkenntnis über den Leser waren mit die größten Probleme der Zeitung, da sie sich nicht auf den tatsächlichen Leser spezialisieren und so dessen Bedürfnisse befriedigen konnten. Der Autor traf diese Einschätzung aufgrund von Recherchen im Vorfeld der Arbeit und weil nie eine Leserstudie seitens der Baltischen Rundschau durchgeführt wurde. Hier sollen die Interviews zeigen, welche Vorstellungen vom Leser in der Redaktion vorherrschten und ob sie, zumindest in Ansätzen, miteinander kompatibel waren.

Hypothese 6:

Die Baltische Rundschau war–auch dank ihrer langjährigen Existenz–eine anerkannte Publikation innerhalb des litauischen Mediensystems. Trotz ihrer Anderssprachigkeit wurde sie von Journalistenkollegen und Politikern beachtet. Als ein Grund für diese These werden u. a. die vielen Interviews mit ranghohen baltischen Politikern gesehen, die bei einem ersten Überblick durch die Ausgaben auffallen. Für die Beantwortung der Hypothese werden sowohl die Befragungen mit den Redakteuren der Baltischen Rundschau als auch die Interviews mit litauischen Medienexperten genutzt.

Obwohl es nicht nur in Litauen, sondern auch in Lettland und Estland eine deutsche Minderheit gibt und die Baltische Rundschau ihrem Titel nach einen baltischen Anspruch verfolgte, beschränkt sich diese Untersuchung auf das Staatsterritorium von Litauen, denn die deutschen Minderheiten unterscheiden sich im gesamten Baltikum in ehemalige Nordostpreußen bzw. Memelländer, Litauendeutsche, Deutschbalten[2] und Russ-landdeutsche. Alle vier Gruppen arbeiten bis heute nicht miteinander zusammen, denn sie haben keine gemeinsame Vergangenheit, abgesehen von den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges und seinen Folgen, unter denen alle gleichermaßen zu leiden hatten. Eine Aufschlüsselung der Gruppen hätte im Rechercheaufwand und in der Dokumentation den Rahmen dieser Arbeit weit überschritten. Zudem war die Baltische Rundschau als Monatszeitung des Vereins der Deutschen Litauens gegründet worden und ihre Artikel konzentrierten sich in den ersten vier Jahren ihres Bestehens besonders auf Litauen und rückten erst danach Lettland und Estland vermehrt in ihren Fokus, was hauptsächlich der geringen finanziellen und personellen Ausstattung der Redaktion geschuldet war.

Eine weitere Überlegung war, die Baltische Rundschau, wenn schon nicht mit litauischsprachigen Zeitungen und Zeitschriften vergleichbar, zumindest mit den deutschsprachigen Zeitungen für das Baltikum bzw. für die Baltendeutschen, wie den Deutschen Nachrichten für Litauen, dem Memeler Dampfboot sowie den Baltischen Briefen zu vergleichen. Nach einer Überprüfung des Zielpublikums und der inhaltlichen Ausrichtungen wurde schnell klar, dass die Baltische Rundschau sowohl in Konzept, als auch in Aufmachung und Leserkreis komplett verschieden ausgerichtet war. Ein Vergleich wäre hier nicht sinnvoll gewesen. Einen Überblick über diese drei bedeutendsten deutschsprachigen Monatszeitungen – neben der Baltischen Rundschau – wird im vierten Kapitel gegeben.

In dieser Diplomarbeit werden zudem häufig die Bezeichnungen „Deutschsprachiger“, „Deutschsprechender“, „Litauer deutscher Volkszugehörigkeit“, „Haussprache“, „Umgangssprache“ und „Muttersprache“ benutzt. Um Verwirrungen zu vermeiden, sollen sie hier kurz erklärt werden: Deutschsprachige sind diejenigen, die aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz stammen und Deutsch als Muttersprache sprechen. Deutschsprechende sind diejenigen, die Deutsch nicht mehr von klein auf gelernt bzw. gesprochen haben, wie die Mitglieder der deutschen Minderheiten in Litauen. Zudem zählen auch diejenigen dazu, die Deutsch in der Schule oder Hochschule gelernt haben. Als Litauer deutscher Volkszugehörigkeit werden in Litauen diejenigen Mitglieder der deutschen Minderheit bezeichnet, die sich diese Kennzeichnung Anfang der Neunziger Jahre in ihren Pässen vermerkt haben lassen. Die Haussprache ist die zum Zeitpunkt einer Volkszählung benutzte Umgangssprache, die Umgangssprache ist wiederum die am meisten benutzte Sprache und die Muttersprache ist die erste Sprache, die im Prozess des Spracherwerbs erlernt wird.

1.1 Ziel der Arbeit, Forschungsstand und Quellenlage

Das Ziel dieser Diplomarbeit ist es, die redaktionelle und verlegerische Entwicklung der Baltischen Rundschau von ihrer Gründung im Dezember 1994 bis zu ihrer Einstellung im November 2005 zu beschreiben. Ein weiterer Schritt ist die Analyse inhaltlicher Schwerpunkte mit besonderem Augenmerk auf die regionale Verteilung von Handlungsorten und Handlungsträgern und auf die Beachtung der deutschen Minderheit. Des Weiteren war es von Interesse, herauszufinden, welche Stellung die Baltische Rundschau innerhalb des litauischen Mediensystems hatte und wie sie wahrgenommen wurde.

Da es bisher keine medien- bzw. kommunikationswissenschaftliche Untersuchung zur Baltischen Rundschau gibt, musste das spärlich vorhandene Material in Form von Zeitungsartikeln und Aufsätzen zur Rekonstruktion der Geschichte durch eigene Untersuchungen ergänzt werden. Schon im Frühjahr 2003 absolvierte der Autor ein sechswöchiges Praktikum in der Baltischen Rundschau und sammelte erste Erfahrungen in der Zwei-Personen-Redaktion mit den Redakteuren Judith Lewonig und Roland Stork – ohne zu wissen, später eine Diplomarbeit über diese Zeitung zu schreiben. Ein erster Rechercheaufenthalt in Vilnius im September und Oktober 2005 ergab, dass die Quellenlage schlechter war als angenommen. Das Archiv der Redaktion ging nicht über eine unvollständige Ausgabensammlung hinaus, betriebswirtschaftliche Papiere waren überhaupt nicht zugänglich und der Gründer und Chefredakteur, Ingwar-Heinrich Lotz, konnte sich an viele Ereignisse nur ohne genaue zeitliche Zuordnungen, zum Teil gar nicht oder nur widersprüchlich erinnern. Nach schweren gesundheitlichen Problemen des Chefredakteurs brach der Kontakt zu ihm endgültig im November 2005 ab.

Für die Bewertung und Verallgemeinerung der Ergebnisse ist der Hinweis angebracht, dass sich diese Arbeit an vielen Stellen auf die so genannte „oral history“ stützt, also auf mündliche Quellen. Die daraus resultierenden Probleme sind dem Autor bekannt und überdies auch in der Zeitgeschichtsforschung hinreichend diskutiert worden. Deshalb kann diese Arbeit nicht vollständig sein, sondern sie ist, zumindest für einen Teil, zufällig, auf Grundlage der im Bearbeitungszeitraum gerade verfügbaren Quellen entstanden. Es ist anzunehmen, dass ein anderer Autor – vielleicht auch zu einem anderen Zeitpunkt – andere Quellen hätte erschließen können. Die vorliegende Arbeit stützt sich hauptsächlich auf die Interviews ehemaliger Redakteure, Chefredakteure und Geschäftsführer der Baltischen Rundschau. Ergänzend kommen litauische Medien- und Minderheitenexperten hinzu, die größtenteils erst während eines zweiten Rechercheaufenthaltes Ende Mai 2006 befragt werden konnten. Aufgrund der fehlenden wissenschaftlichen Sekundärliteratur kann diese Arbeit nur explorativen Charakter besitzen. Die Exploration fußt dabei zusammengefasst auf den genannten Veröffentlichungen zur Baltischen Rundschau, auf den leitfadengestützten Befragungen, den Experteninterviews und auf den Auswertungen der Inhaltsanalyse im Paneldesign für die Jahre 1994/1995[3], 1998, 2001 und 2005. Diese Jahrgänge wurden aus einer Gesamtmenge von elf Jahrgängen ausgewählt, um in etwa gleichen zeitlichen Abständen inhaltliche Aussagen über die Baltische Rundschau treffen zu können. Diese können jedoch nur Tendenzen aufzeigen. Eine detaillierte Auswertung aller Ausgaben musste aufgrund des zeitlich begrenzten Bearbeitungszeitraumes vernachlässigt werden. Die Exploration stellt hier einen Versuch dar, das Phänomen Baltische Rundschau als eine Ausprägung der litauischen Presselandschaft nach der wiedererlangten Unabhängigkeit Litauens von 1991 zu beschreiben.

Gerade für die Anfangsphase der Baltischen Rundschau muss sich der Autor aus Mangel an Quellen allein auf die Aussagen von Ingwar-Heinrich Lotz stützen, die nur schwierig zu validieren sind. Seine Aussagen wurden jedoch, so oft es möglich war, in den Kontext anderer Interviewaussagen gestellt, um den Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Leider waren seine Antworten oftmals sehr polemisch, nicht sachlich und entsprachen zum Teil auch nicht der Wahrheit, wie weiterführende Recherchen ergaben. Es war somit unvermeidbar, nach mentalitätsgeschichtlichen Forschungsmethoden vorzugehen und die Aussagen im Kontext des Geschehens zu bewerten. Die vielen Anschuldigungen sind meistens persönliche Auseinandersetzungen unter den Beteiligten. Der Autor kann sie weder belegen noch widerlegen – auch weil dies nicht das Anliegen der Arbeit ist. Deshalb finden sie keinen Eingang in die Untersuchung, sind aber im Anhang A dokumentiert.

Zwei weitere Probleme müssen ebenfalls noch vorab geklärt werden: Da sich diese Arbeit hauptsächlich auf die Befragungen der Redakteure und Geschäftsführer stützt und keine wirklichen Primärquellen bzw. keine Sekundärliteratur speziell zur Baltischen Rundschau gefunden werden konnten, kann es empirisch-wissenschaftlichen Ansprüchen auf Überprüfbarkeit der Aussagen nicht in vollem Umfang gerecht werden. Hier stellt sich die Frage, warum die Entwicklung der Baltischen Rundschau dann nicht mit einer ähnlich strukturierten, deutschsprachigen Auslandszeitung verglichen wurde. In der Tat ist diese Frage berechtigt, aber im Baltikum gab und gibt es keine adäquate Zeitung und deutschsprachige Zeitungen aus Polen oder Russland besitzen wieder vollkommen unterschiedliche Umfelder und Traditionen. Auch die deutschen Minderheiten sind in diesen beiden Ländern stärker und interessierter vertreten. Eine Vergleichsanalyse mit einer solchen deutschsprachigen Zeitung hätte den Rahmen dieser Arbeit stark überzogen. Insofern ist die vorliegende Arbeit eine singuläre Studie.

1.2 Aufbau der Arbeit

Zunächst wird in einem ersten Abschnitt das Modell der Enklavenpublizistik von Sabine Reiner näher erläutert, denn sie grenzt Zeitungen wie die Baltische Rundschau von der Exil- und Emigrantenpresse ab und definiert eine neue Art von Minderheitenpresse in Aufnahmeländern. Reiner hat ihre Theorie der Enklavenpublizistik am Beispiel des Argentinischen Tageblatts nachgewiesen. Eine Übertragung auf die Baltische Rundschau ist teilweise möglich. Da aber die Bedingungen natürlicherweise verschieden sind und neuen Entwicklungen in der deutschsprachigen Auslandspresse Rechnung getragen werden muss, kann sie hier dennoch nicht als alleinige Erklärung dienen.

Ein Überblick über das litauische Mediensystem, in dem die Baltische Rundschau eine Nische besetzte, wird im zweiten Kapitel gegeben. Hier wird auch Bezug auf die Mediengesetzgebung genommen, die ebenso für die litauische Minderheitenpresse zutrifft und damit auf die Baltische Rundschau. Dieses Kapitel ist als eine generelle Einführung gedacht und wurde deshalb vor dem historischen dritten Kapitel eingefügt.

Im dritten Kapitel wird zunächst die Geschichte der deutschen Besiedlung in Litauen skizziert, die erst die Existenz deutschsprachiger Medien ermöglichte. Daran thematisch anschließend werden im vierten Kapitel die drei bedeutendsten Monatszeitungen für die deutsche Minderheit in den drei baltischen Ländern bzw. für die Vertriebenen oder ausgewanderten Deutschbalten und Memeldeutschen als Pedanten zur Baltischen Rundschau vorgestellt.

Im fünften Kapitel werden die leitfadengestützten Interviews mit den Mitarbeitern der Baltischen Rundschau ausgewertet. Mit ihrer Hilfe soll eine Rekonstruktion der Geschichte der Baltischen Rundschau versucht werden. Zudem werden in diesem Zusammenhang u.a. die Abonnentenstruktur und die Zusammenarbeit der Baltischen Rundschau mit der deutschen Minderheit in Litauen ausgewertet.

Im sechsten Kapitel werden schließlich die Forschungsergebnisse aus der Inhaltsanalyse präsentiert und ausgewertet. Antworten auf die Hypothesen werden im abschließenden Fazit gegeben. Zudem soll ein Resümee zu den möglichen Ursachen der Einstellung der Baltischen Rundschau und ihrem geringen Bezug zur deutschen Minderheit gezogen und ein Ausblick gegeben werden.

1.2.1 Definition des Forschungsgegenstandes Baltische Rundschau

Die Baltische Rundschau wurde im Dezember 1994 in privater Initiative von Ingwar-Heinrich Lotz gegründet und nach der Novemberausgabe im Jahr 2005 eingestellt. Sie wurde im Berliner Format gedruckt, erschien durchschnittlich zehnmal pro Jahr und brachte normalerweise eine Doppelnummer für Dezember/Januar und Juli/August heraus. Der Umfang betrug im Gründungsjahr acht Seiten. Bis 1998 wurde er kontinuierlich auf zwölf Seiten erhöht und 2004 auf 20 Seiten. Zu besonderen Ereignissen oder bei Doppelnummern wurde die Ausgabe mit einer Beilage um vier Seiten aufgestockt. Ingesamt erschienen 109 Ausgaben, da die Doppelnummern offiziell zweifach gezählt wurden, endet die Nummerierung der Zeitung im November 2005 bei 125 Ausgaben.

Der Erscheinungsort war Vilnius. Ein Außenbüro in Riga gab es ab September 2004. Aus Tallinn berichtete ebenfalls kontinuierlich ab 2004 eine Praktikantin. Vertrieben wurde die Zeitung über den Verkauf an Kiosken und in Buchläden im Baltikum, über den Abo-Versand und die kostenlose Auslegung in Fluglinien. Die Auflage variierte stark und kann hier nicht gemittelt angegeben werden – zudem stimmten häufig die angegebenen Auflagenzahlen in den Impressen nicht mit den tatsächlich gedruckten Exemplaren überein. Die Redaktion bestand die meiste Zeit aus einem leitenden Redakteur, dem Praktikanten zur Seite gestellt wurden. Herausgeber war von 1994 bis 2001 und von März bis November 2005 der Verein der Deutschen Litauens, zwischen 2001 und 2005 wurde die Baltische Rundschau durch die Gesellschaft „UAB Publicitas“ herausgegeben. Ihr Geschäftsführer war Bruno Kaspar. Den Vorsitz des Vereins der Deutschen Litauens hat seit seiner Gründung Ingwar-Heinrich Lotz inne.

1.3 Das Modell der Enklavenpublizistik

Nach Gründung der Baltischen Rundschau im Dezember 1994 fungierte diese in erster Linie als ein Organ des Herausgebers, des Vereins der Deutschen Litauens. Die Zeitung war ein Kommunikationsmedium zwischen den Vereinsmitgliedern und Deutsch-Interessierten, die entweder Deutsch sprachen oder zumindest verstanden. Nach knapp zwei Jahren richteten die Redakteure ihre Inhaltsschwerpunkte nicht mehr an den Interessen der deutschen Minderheit in Litauen, Lettland oder Estland aus, sondern orientierten sich verstärkt an den vermeintlichen Lesewünschen Deutschsprachiger, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz ansässig waren. Spätestens aber mit dem Versuch der Professionalisierung d.h. der Herauslösung der Zeitung aus dem Verein und die gleichzeitige Überführung in eine Firmengesellschaft im Jahr 2001, stellten Touristen, Geschäftsleute und Deutschsprachige aus Westeuropa die Hauptleserschaft. Die deutschen Minderheitengruppierungen waren – aus Sicht der Baltischen Rundschau – als Lesergruppe an den Rand gedrängt worden bzw. haben sich selbst durch ihre Passivität und mangelndes Interesse an der Zeitung an diesen Rand manövriert.[4] Im Folgenden soll das Modell der Enklavenpublizistik, das 1995 von Sabine Reiner entwickelt wurde, genutzt werden, um zu versuchen, diese kontinuierlichen redaktionellen Veränderungen von einer Minderheitenzeitung mit Vereinscharakter zu einer überregionalen Monatszeitung theoretisch zu erklären. Das Konzept der Enklavenpublizistik analysiert das Phänomen der insularen Kommunikation ethnischer Minderheiten in multikulturellen Gesellschaften, basierend auf der zentralen soziologischen Perspektive von Niklas Luhmann. Dieses Vorgehen ist aber nicht erschöpfend, da nicht auszuschließen ist, dass es andere Modelle geben kann, die sich spezifischer mit dem Problem Baltische Rundschau befassen.

Die Baltische Rundschau reagierte ab 1996 langsam auf ihre sich verändernde Leserschaft (zu diesem Zeitpunkt sind bereits viele Deutschstämmige des Baltikums nach Deutschland emigriert) und die anhaltend geringe Kooperationsbereitschaft der verbliebenen deutschen Minderheiten. Um ihr Erscheinen zu sichern, wurde versucht, durch veränderte Form und Inhalte neue Lesergruppen zu erschließen. Somit stand die Zeitung in einer direkten Wechselwirkung zwischen Redaktion und potenziellen Rezipienten. Die Baltische Rundschau soll in dieser Arbeit deshalb auch nicht als singuläre Einheit verstanden werden, sondern im Kontext ihrer sozialen Umwelt. Das Modell der Enklavenpublizistik dient dazu, die Handlungen der Redaktion als Ergebnis in der Auseinandersetzung mit dieser Umwelt zu bewerten. Für die Überprüfung der angenommenen Änderung der Themenwahl, der Ausrichtung und des funktionalen Wandels dienen nicht nur Interviews mit den ehemaligen Redakteuren, sondern auch die Inhaltsanalyse eines ausgesuchten Zeitraums.

1.3.1 Der systemtheoretische Ansatz der Enklavenpublizistik

Der hier gewählte systemtheoretische Ansatz basiert auf dem funktional-strukturellen Ansatz Luhmanns, der bei der Frage nach den Systemfunktionen klar hervorhebt, dass Systemtheorie notwendigerweise System-Umwelt-Theorie meint, d.h., der funktionale Bezugspunkt eines Systems liegt außerhalb des Systems. Ein Sinn der Systembildung liegt in der Schaffung exklusiver Bereiche und dadurch in der Entlastung des Menschen, die Komplexität der Welt fassen zu müssen bzw. zu können. „Das, was ausgeschlossen ist, ist nichts weiter als das, was nicht eingeschlossen ist. Eingeschlossen ist weniger als ausgeschlossen: die Komplexität des Systems ist geringer als die Komplexität seiner Umwelt.“ (Krause 1999, 8) Die Umwelt wird im funktional-strukturellen Ansatz nicht nur zu einer bedingenden Systemgröße, sondern auch zu einer konstituierenden. Ein System hat also erst dann einen Sinn, wenn es von einer systemfernen Umwelt abgegrenzt ist. (Willke 1993, 6f) Die funktional-strukturelle Systemtheorie nach Luhmann definiert das System nicht als ein Netz von Beziehungen, das „Teile zu einem Ganzen zusammenordnet; vielmehr wird unter System ein Netz zusammengehöriger Operationen verstanden, die sich von nicht-dazugehörigen Operationen abgrenzen lassen“ (Willke 1993, 56). Die permanente Auseinandersetzung des Systems mit seiner Umwelt ist die systembestimmende Konstante. Die Auseinandersetzung des Systems mit seiner Umwelt macht ihm bewusst, welchen Zweck seine eigene Struktur hat und welche Stabilisierungs- und Veränderungschancen mit dieser funktional sein können.[5] Die Neuorientierung lässt den Erhalt des Systems in den Vordergrund rücken, genauer gesagt, den Erhalt einer bestimmten Differenz zwischen System und Umwelt, um eine Stabilisierung des Systems zu erreichen. (Willke, 1993 56f)

Jedes System verkörpert nur einen Ausschnitt, d.h. ein Subsystem aus der komplexen Gesamtheit von Systemen und Umwelten. Daher kann „jedes System als Teilsystem eines übergreifenden Systems, jedes Teilsystem als übergeordnetes System für seine Teilsysteme betrachtet werden, und entsprechend verändert sich das, was als Umwelt in Betracht kommt.“ (Willke 1993, 283) Demzufolge versteht sich die Enklavenpublizistik von Reiner als ein „Sub-Sub-System“, also als Teilsystem des Subsystems der Publizistik. Das „Sub-Sub-System“ der Enklavenpublizistik beinhaltet u.a. die Enklavenpresse, das Enklavenradio und die Enklavenbücher. All diese Medien weisen Ähnlichkeiten in Themenwahl, Publikum, Spezialwissen oder Erwartungsstrukturen auf. Erst aufgrund spezieller Aufgaben, Leistungen und funktionaler Differenzierung innerhalb der Enklavenpublizistik, wird sie im System der Publizistik beobachtbar. (Reiner 1995, 10f)

Reiner stützt sich bei ihrer theoretischen Einführung des Begriffes der Enklavenpublizistik hauptsächlich auf das autopoietische Modell des Sozialwissenschaftlers Frank Marcinkowski. Sie ändert hier aber seine Leitdifferenz für das publizistische System von „veröffentlichen/nicht veröffentlichen“ in „publizieren/nicht publizieren“, um einen direkten Bezug zum Publizitätsbegriff Marcinkowskis herzustellen (Reiner 1995, 15f), der wie folgt definiert wird: „Selektion ist im publizistischen System von den Erwartungsstrukturen des Publikums abhängig, die ihrerseits über die Verteilung von Aufmerksamkeit für Themen und Beiträge entscheiden. Erst die Kopplung von Veröffentlichung und darauf gerichteter Aufmerksamkeit erzeugt Publizität, das Kommunikationsmedium des Systems.“ (Marcinkowski 1993, 43) Ein wesentliches Merkmal autopoietischer Systeme ist es, „die Elemente, aus denen sie bestehen, mithilfe ihrer eigenen Elemente anzufertigen, um sich auf diese Weise selbst produzieren und reproduzieren zu können.“ (Kiss 1990, 90) Das autopoietische bzw. selbstreferentielle System, als eine Ausdifferenzierung der System-Umwelt-Theorie, orientiert sich an den Diversitäten der eigenen Systemelemente anstatt an den Differenzen zwischen System und Umwelt. (Kiss 1990, 90) Das System Publizistik ist demnach ein selbstreferentielles, exklusives und relativ autonomes Funktionssystem.[6] (Marcinkowski 1993, 45)

Aufgaben der Enklavenpublizistik

Als Aufgaben der Enklavenpublizistik bezeichnet Reiner die Tiefenstrukturen des Systems, also die Binnendifferenzierung und die Grenzziehung innerhalb des Publizistiksystems. (1993, 30) In der Binnendifferenzierung stehen sich Leistungslieferant und Leistungsabnehmer gegenüber. Leistungslieferant meint im publizistischen System u.a. die Redaktion, den Stil oder die Häufigkeit der Veröffentlichungen. Leistungsabnehmer als die „innere Umwelt“ des Systems ist das potenzielle Publikum. Leistungslieferant und Leistungsabnehmer sind strukturell gekoppelt. Die Erwartungen des Publizistiksystems an das Publikum und die Erwartungen des Leistungsabnehmers an das System, beispielsweise in Form von direkter Kommunikation oder in Form von Lese- oder Kaufverhalten, strukturieren die Organisation des Leistungslieferanten. (Reiner 1995, 31f) Wichtig für das System der Enklavenpublizistik ist die „Einschränkung auf eine ethnisch definierte Marktnische. [...] Die Beiträge, welche in dieser publizistischen Organisation (re-) produziert werden, beziehen sich auf ein ethnisch definiertes, potenzielles Publikum und umgekehrt – das potenzielle Publikum bezieht sich auf die ethnisch definierten Beiträge.“ (Reiner 1995, 37) Die interne Abgrenzung zum weiteren Publizistiksystem vollzieht die Enklavenpublizistik durch ihre Sprache als „Eintrittskarte“, die eine „tendenziell hohe Schließung“ (Reiner 1995, 44) bedeutet.

Das Veröffentlichen für eine enge Gemeinschaft zieht eine geringe Wahrnehmung der Enklavenpublizistik durch andere Teilnehmer im Feld der Publizistik nach sich. Eine Befriedigung des sehr speziellen Publikums bedeutet aber auch eine Entlastung des restlichen Publizistiksystems. (Reiner 1995, 44f) Die Spezialisierung auf die innere Umwelt ist entscheidend für das Konzept der Enklavenpublizistik und daher von starker Bedeutung für dessen Legitimation und Überlebenschancen. (Reiner 1995, 49) In ihrer Binnendifferenzierung arbeitet die Enklavenpublizistik oft mit dem „Selbstbewußtsein einer Werteelite“. Dies kann sich in einem elitären Stil der Leistungserbringerseite widerspiegeln. So kann von der Umwelt die Rezeption der Enklavenpublizistik als „Symbol eines elitären Aktes“ gewertet werden. (Reiner 1995, 48)

Leistungen und Funktionen der Enklavenpublizistik

Die Enklavenpublizistik wird hier als ein „Selbstbeobachtungsinstrument“ institutionalisiert. Grundlage ist eine spezifische Enklavenidentität, die in unterschiedlichen Formen Resonanz bei anderen Subsystemen findet. Beispiele für solche Art Leistungen sind die Subsysteme Familie (Pflege der Enklavenidentität), Bildung (Sozialisationsagentur zur Konstruktion einer Enklavenidentität) und Politik (Definition ethnischer Minderheiten im politischen System). Eine spezielle Leistung erbringt die Enklavenpublizistik im Teilsystem der Wirtschaft durch die Besetzung einer Marktnische. (Reiner 1995, 46f)

Die Enklavenpublizistik hat sich nach Reiner auf die sekundäre Differenzierung einer „ethnisch-kulturellen Enklavenidentität“ zurückgezogen, um trotz ihrer Tradition weiterhin in der modernen Gesellschaft zu existieren, ohne im Widerspruch zu ihr zu stehen. Vielmehr ist diese Ausrichtung ein „Reflex auf eine multikulturell-fragmentierte Weltgesellschaft“ (Reiner 1995, 57). Diese Ausprägung bestimmt die Codierung der Enklavenpublizistik nach den Schemata „Deutscher/Nicht-Deutscher“ oder „Enklavenkultur/keine Enklavenkultur“. „Dennoch nimmt auch [hier] die ,Enklavenpublizistik’ keine Position außerhalb der Gesamtgesellschaft, aber auch keine außerhalb des Publizistiksystems ein. Der allgemeine Code des Publizistiksystems ,publizieren/nicht publizieren’ gilt auch für die Gattung ,Enklavenpublizistik’, wird aber besonders spezifiziert.“ (Reiner 1995, 53)

Festzuhalten ist, dass die Funktion der Enklavenpublizistik vordergründig die Befriedigung und Kanalisierung besonderer Kommunikationsinteressen ist. Sie bleibt aber durch Zugangsvoraussetzungen wie die verwendete Sprache zumeist „geheim“ – für die nicht verstehende Systemumwelt schweigt sie: So wird „ihre Systemumwelt [...] nahezu identisch mit ihrer Systeminnenwelt.“ (Reiner 1995, 58) Eine Übersetzung könnte ein „Reservoir für die interkulturelle Kommunikation“ ermöglichen und eine Art speziellen Beitrages liefern als ein „kontingentes Identitätsangebot“ für das kulturelle Gedächtnis.[7] (Reiner 1995, 58)

Die Baltische Rundschau beschränkte sich auf ihre Nische innerhalb des litauischen Publizistiksystems. Von hier befriedigte sie deutschsprachige Rezipientenbedürfnisse und schuf durch die deutsche Veröffentlichungssprache eine Barriere, die nur „Auserwählten“ den Zugang ermöglichte. Diese Entwicklung bzw. diese Struktur einer Minderheitenpresse, die nicht in der Landessprache veröffentlicht wird, bezeichnet Sabine Reiner, wie erwähnt, als typisches Merkmal einer Enklavenpresse.

Reiner charakterisiert demzufolge das System der Enklavenpublizistik wie folgt: Das Zielpublikum beschreibt sie als „Bündnispartner von deutschen Kulturwerten“, die Inhalte der Berichte sieht sie als die „Aufrechterhaltung von spezifischen Kulturwerten und Kontakten zum Herkunftsland“ und der Enklave selbst. Die Produzenten seien nur teilweise professionalisiert, die Finanzierung komme ohne Eigenmittel nicht aus und ihre Funktion sei hauptsächlich die Selbstbeobachtung der Enklave. Außerdem würde sie ihren Anspruch auf Gültigkeit „durch eine spezifische Umweltsensibilisierung“ aufrecht und somit die „Enklavenidentität“ beibehalten. (Reiner 1995, 28f) Reiner geht es um die Weiterentwicklung der historischen Forschungen zur Exil- und Emigrantenpublizistik hin zu einer Auseinandersetzung mit „anderen Varianten von ethnisch-geprägter Migranten-Publizistik. [...] Diskussionen um die trans- oder interkulturelle Kommunikation weisen meist nur am Rande auf das Phänomen der starken Insulation einer Gruppe hin.“ Enklavenpublizistik sei deshalb eine „besondere insulare Spielart der Kommunikation“ (Reiner 1995, 10). Die Charaktereigenschaften des Systems der Enklavenpublizistik treffen zu großen Teilen auch auf die Baltische Rundschau zu, können aber gleichzeitig von diesem Modell aufgrund der nicht vollständigen Deckungsgleichheit auch nicht vollständig erklärt werden.

1.4 Methoden

Bereits am Anfang der Untersuchungen zur Baltischen Rundschau wurde deutlich, dass eine empirische Methode allein nicht ausreicht. Sinnvoll war es daher, Befragung und Inhaltsanalyse zu verknüpfen und sich wechselseitig ergänzen zu lassen. Die Inhaltsanalyse im Paneldesign diente hier dem Erkenntnisgewinn über die Entwicklungen und Schwerpunkte des Inhalts der Baltischen Rundschau zwischen 1994 und 2005. Es konnten aber keine erschöpfenden Erkenntnisse erzielt, sondern nur Tendenzen herausgearbeitet werden, da es sich um ein Auswahlverfahren handelte, das nicht alle Ausgaben mit einbezog. Die Dimension der Veränderung entstand so durch die Gegenüberstellung verschiedener untersuchter Momente. Die Methode der leitfadengestützten, qualitativen Befragungen von ehemaligen Redakteuren, Chefredakteuren und dem Geschäftsführer wurden genutzt, um die Ergebnisse der Inhaltsanalyse validieren und ein historisches Porträt der Baltischen Rundschau erstellen zu können. Zusätzlich sollten die Befragungen Aufschluss über die persönlichen Motivationen, die redaktionelle Arbeit und die Zusammenarbeit mit der deutschen Minderheit geben. Weiterhin waren Experten aus Litauen und Deutschland befragt worden, die mit der Baltischen Rundschau in Verbindung standen bzw. versuchten, die Baltische Rundschau im litauischen Mediensystem zu verorten. Die Abschriften der leitfadengestützten Gespräche und die Tabellen zur Inhaltsanalyse befinden sich im Anhang der Arbeit. Eine ausführliche Auswertung der Inhaltsanalyse der Baltischen Rundschau erfolgt im fünften Kapitel.

1.4.1 Die Inhaltsanalyse

Die Methode der Inhaltsanalyse wurde angewendet, um die Inhalte der Baltischen Rundschau systematisch zu untersuchen und so eine gesicherte Datenbasis zu gewinnen. Darauf aufbauend sollten Aussagen und Beobachtungen zur redaktionellen Entwicklung validiert werden. Die Inhaltsanalyse befasst sich mit der „systematischen Erhebung und Auswertung von Texten, Bildern und Filmen. (Diekmann 2002, 481) Für die Diplomarbeit sind die Beiträge der vier ausgewählten Jahrgänge 1994/1995, 1998, 2001 und 2005 untersucht worden.

Der Empiriker Werner Früh definiert die Inhaltsanalyse als „eine empirische Methode zur systematischen, intersubjektiv nachvollziehbaren Beschreibung inhaltlicher und formaler Merkmale von Mitteilungen; (häufig mit dem Ziel einer darauf gestützten interpretativen Inferenz)“ (1998, 25). Zu einer empirischen Methode wird die Inhaltsanalyse, weil sie aus der Beobachtung bzw. Wahrnehmung wissenschaftliche Erkenntnisse zieht. Sie beschränkt sich jedoch nicht nur auf real wahrnehmbare Subjekte oder Objekte, sondern auch auf Normen und Werte, solange diese in ein allgemein verständliches Zeichensystem codiert werden. Ein weiteres Merkmal empirischer Methoden ist das Messen im Sinne der Zuordnung von regelgeleiteten Beobachtungen zu numerischen Werten, die systematisch registriert werden. Messen bedeutet für Früh auch quantifizieren (1998, 26f). Quantifiziert werden in der vorliegenden Arbeit beispielsweise Indikatoren wie Anzahl, Darstellungsformen oder Handlungsorte der untersuchten Texte. Durch die Quantifizierung von Beobachtungen werden diese auf die Ebene empirischer Daten gehoben, auf der sie unabhängig vom Forscher „intersubjektiv nachvollziehbar und damit auch reproduzierbar, kommunizierbar und kritisierbar“ werden. (Früh 1998, 37) Früh lehnt in diesem Zusammenhang eine in der empirischen Kommunikations- und Medienwissenschaft vorkommende Unterscheidung in qualitative und quantitative Analyse ab.[8] Vielmehr macht er deutlich, dass „die Inhaltsanalyse zwar quantifizierend vorgeht, die quantitative Analyse dabei aber immer der qualitativen Analyse folgt und beide deshalb kein sinnvoller Gegensatz sein können“. Schließlich sei die Identifizierung eines inhaltlichen Textmerkmals ein qualitativer Analyseakt, der durch eine quantifizierende Weiterverarbeitung nicht seinen Charakter verliert. (Früh 1998, 35f)

Für Klaus Merten ist die Inhaltsanalyse „eine Methode zur Erhebung sozialer Wirklichkeit, bei der von Merkmalen eines manifesten Textes auf Merkmale eines nichtmanifesten Kontextes geschlossen wird“ (Merten 1995, 15). Ziel ist dabei der Verweis von Merkmalen des Textes auf Merkmale des Kontextes bzw. auf Merkmale der sozialen Wirklichkeit. (Merten 1995, 16) Früh sieht hier allerdings die Trennschärfe in Gefahr, denn „mithilfe der Inhaltsanalyse allein lassen sich im strikten Sinne weder Wirkungen von Mitteilungen noch Eigenschaften und Absichten von Kommunikatoren nachweisen“ (1998, 43). Merten selbst räumt ein, dass zwar die Inhaltsanalyse Rückschlüsse auf den Kommunikator, den Rezipienten oder auf die soziale Situation zulässt, jedoch nicht auf den hochkomplexen Prozess der Kommunikation an sich. (Merten 1995, 58)

1.4.1.1 Paneldesign und Frequenzanalyse

Um die inhaltliche Entwicklung der Baltischen Rundschau von einem Vereinsblatt hin zu einer international vertriebenen Monatszeitung rekonstruieren zu können, wurde zunächst mit der Inhaltsanalyse in Form des Paneldesigns die Berichterstattung zwischen 1994 und 2005 erfasst. Mithilfe des Paneldesigns werden Variablen bei gleich bleibenden Untersuchungseinheiten wiederholt gemessen. Es werden also „Werte der gleichen Variablen zu mehreren Zeitpunkten, jedoch auf der Grundlage einer identischen Stichprobe erhoben“ (Diekmann 2002, 267). Die Frequenzanalyse ermöglichte herauszuarbeiten, welche Themen und Ereignisse in welchen Ländern mit welchen Akteuren in den elf Jahren der Existenz der Baltischen Rundschau wie häufig oder wie selten in der Berichterstattung vorkamen.

1.4.1.2 Auswahl der Stichprobe

Die Auswahl der Stichprobe richtete sich nach dem eingangs beschriebenen Untersuchungsziel. Dabei wurden von insgesamt 109 Ausgaben 39 für die Stichprobe ausgewählt. Da eine Vollerhebung aufgrund des zeitlichen Aufwands nicht das Ziel dieser Arbeit sein konnte, wurde für die Untersuchung der Baltischen Rundschau eine repräsentative Stichprobe gezogen, die sich an den organisatorischen Bedingungen der Redaktion orientierte. Deshalb sollte anhand von vier Jahrgängen, die in etwa gleichmäßig über den gesamten Erscheinungsraum verteilt waren, unter anderem die Entwicklung der Berichterstattung und die Verteilung der redaktionellen Schwerpunkte analysiert werden. Eine Zufallsstichprobe bot sich hier nicht an, da die Baltische Rundschau eine Monatszeitung mit durchschnittlich nur zehn Nummern pro Jahr[9] war. Bei den ausgewählten Jahrgängen handelte es sich um 1994/1995, 1998, 2001 und 2005.

1994/1995 wurde gewählt, weil dies der erste komplette Jahrgang der Baltischen Rundschau war. Mit einbezogen wurde die Dezemberausgabe von 1994 als erste Nummer überhaupt. Aufgrund zweier Doppelnummern im Jahr 1995 und der vermissten Ausgabe vom Februar blieben für 1994/1995 insgesamt neun Untersuchungseinheiten. Das Jahr 1998 mit zehn codierten Ausgaben war insofern bedeutend für die Zeitung, weil die Österreicherin Judith Lewonig, die schon vorher als Autorin in Erscheinung trat, im Juni des Jahres offiziell stellvertretende Chefredakteurin wurde und es bis zum Juni 2004 blieb. Problematisch waren die Jahre zuvor, in denen die leitenden Redakteure sehr häufig wechselten und keine redaktionelle Kontinuität erreicht werden konnte. Das Jahr 2001 mit ebenfalls zehn zu analysierenden Ausgaben bedeutete einen wichtigen Einschnitt für die Baltische Rundschau, denn im Juni des Jahres wurde der Versuch unternommen, sie zu professionalisieren[10]. So wurde sie in die Aktiengesellschaft „UAB Publicitas“[11] überführt und marktwirtschaftlich wie inhaltlich neu ausgerichtet. Da im Juni 2004 der Deutsche Heiko Mayer als Chefredakteur eingestellt wurde und Autoren erstmals auf fester Honorarbasis arbeiteten ist das Jahr 2005 vom Autor als Jahr der Konsolidierung angesehen worden. Zu einer Konsolidierung kam es aber nicht, da Mayer im Frühjahr 2005 die Zeitung wieder verließ und kein Nachfolger eingestellt wurde. Das Jahr endete mit der Einstellung der Baltischen Rundschau.[12] Durch die Juni/Juli-Ausgabe und der nicht erschienen Dezemberausgabe wurden auch für 2005 zehn Ausgaben codiert. Somit sind – wenn auch anfangs ungewollt – der Anfang und das vorläufige Ende der Baltischen Rundschau in die Analyse mit eingeflossen.

1.4.1.3 Auswahl der Analyseeinheiten

Für die Inhaltsanalyse müssen die Analyseeinheiten – d.h. die Merkmalsträger – festgelegt werden (Brosius/Koschel 2003, 192). Um ein umfassendes Bild von den Inhalten der Baltischen Rundschau zu bekommen, wurden in die Inhaltsanalyse alle Beiträge als Untersuchungseinheiten einbezogen. Sie können sowohl von der Redaktion, als auch von freien Mitarbeitern verfasst sein. Dazu zählen u.a. auch Gastbeiträge, Verlautbarungen und Aufsätze. Nicht namentlich gekennzeichnete Beiträge sind ebenso in die Untersuchung eingeflossen, wie auch die kommerziellen und nichtkommerziellen Anzeigen. Bilder wurden nur innerhalb der Beiträge mitgezählt. Einzelne Grafiken zur wirtschaftlichen Entwicklung oder zum Preisvergleich in Litauen, Lettland und Estland sind ebenfalls in die Inhaltsanalyse mit aufgenommen. Somit beruhte die Datenerhebung auf insgesamt 39 Ausgaben mit 2153 Untersuchungseinheiten.

Bei den hier definierten Variablen spielten „Autoren“, „Orte“, „Themen“, „Darstellungsformen“ und „Handlungsträger“ eine wichtige Rolle. Rückschlüsse auf die Redakteure und länderspezifischen Schwerpunkte der Zeitung erlaubten die Variablen „Handlungsorte“ und „Herkunft der Verfasser“. Die Ressorteinteilung der Zeitung ist nicht übernommen worden, da sie zum einen im Redaktionsalltag nicht existent war und sich zum anderen oft änderte. Die Gesamtheit der Ressorts ist deshalb zu den Bereichen Politik allgemein, Wirtschaft und Finanzen, Kultur, Service, Bildung und Wissenschaft, Umwelt, Gesellschaft und Soziales, Sport, Gesundheit und Medizin, Reise und Tourismus, Kriminalität und Religion zusammengefasst worden. Neben den Text- und Bildumfängen wurden auch die Anzeigeninhalte und Anzeigenumfänge im Paneldesign mit aufgenommen. Die Berücksichtigung der Anzeigeninhalte sollte Tendenzen aufzeigen, welche Branchen angesprochen wurden bzw. welche sich für die Baltische Rundschau interessierten. Eine Interpretation des Zielpublikums könnte auf dieser Grundlage versucht werden, müsste aber Spekulation bleiben.

1.4.1.4 Entwicklung des Kategoriensystems

Um den Gegenstandsbereich ganz zu erfassen, verläuft die Kategorienbildung sowohl deduktiv als auch induktiv. (Brosius/Koschel 2003, 196) Kategorien werden dabei viel mehr als Oberbegriffe verstanden. Diese Oberbegriffe sind nach Schnell/Hill/Esser „mit den definierten Begriffen für die problemrelevanten Dimensionen identisch“ (1999, 376) oder in Teildimensionen aufgegliedert. Aus diesen Kategorien werden weitere Unterkategorien gebildet, die unterschiedliche Aussagen je nach Kategorie definieren. Unterkategorien sind Merkmalsausprägungen von Variablen. (Schnell/Hill/Esser 1999, 376) Kategorien einer Variablen dürfen sich nicht überschneiden, die Zuordnung muss präzise definiert sein und die Analyseeinheiten müssen eindeutig zugeordnet werden können. (Diekmann 2002, 489; Brosius/Koschel 2003, 186) Die Artikel und Anzeigen sind sowohl strukturell (Umfang, Darstellungsform, Anzahl, Größe) als auch inhaltlich (Urheber, Ort, Themen, Handlungsträger, Anzeigeninhalt) beschrieben.

1.4.2 Die Befragung

1.4.2.1 Die Methode

„Unter Interview als Forschungsinstrument sei hier verstanden ein planmäßiges Vorgehen mit wissenschaftlicher Zielsetzung, bei dem die Versuchsperson durch eine Reihe gezielter Fragen oder mitgeteilter Stimuli zu verbalen Informationen veranlaßt werden soll.“ (Scheuch 1973, 70f, zit. n. Diekmann 2002, 375) Auch für den Sozialwissenschaftler Peter Atteslander bedeutet Befragung eine „Kommunikation zwischen zwei oder mehreren Personen. Durch verbale Stimuli (Fragen) werden verbale Reaktionen (Antworten) hervorgerufen: Dies geschieht in bestimmten Situationen und wird geprägt durch gegenseitige Erwartungen. Die Antworten beziehen sich auf erlebte und erinnerte soziale Ereignisse, stellen Meinungen und Bewertungen dar.“ (2003, 120) Somit erfasst eine Befragung lediglich das verbale Verhalten und nicht das soziale Verhalten insgesamt.

Für die vorliegende Untersuchung wurden teilstrukturierte Leitfadengespräche auf der Basis vorformulierter Fragen durchgeführt. Die Abfolge eines solchen Frageschemas ist laut Atteslander offen. Es besteht jederzeit die Möglichkeit, die Aussagen des Befragten intensiver zu hinterfragen bzw. von der Befragungsstruktur abzuweichen, um andere Themen aufzunehmen. Normalerweise benützt man für teilstrukturierte Befragungen einen so genannten Gesprächsleitfaden. (Atteslander 2003, 148)

Die Befragung liefert ergänzende Aussagen zur Inhaltsanalyse. Damit sollen die gewonnen Messdaten aus der Längsschnittanalyse in größere Zusammenhänge wie redaktionelles und politisches Umfeld oder Rezipientenabhängigkeit eingeordnet werden. Zudem ist es notwendig, zu wissen, ob Inhalte unbewusst oder bewusst in der Zeitung lanciert oder ob sie gar nur billigend in Kauf genommen wurden. Gerade hier bietet sich also die Befragung an. Der vom Autor angewendete „Methodensplit“ (Diekmann 2002, 382) ist eine Technik, um Fehlerquellen in Interviews zu erkennen und Ergebnisverzerrungen vorzubeugen. Durch die Anwendung zweier unabhängig voneinander angewandter Methoden am selben Untersuchungsgegenstand können die Ergebnisse zu einer objektiveren und empirisch abgesicherten Datenbasis führen.

Für Diplomarbeiten beträgt der Stichprobenumfang sechs bis zehn qualitative Interviews. (Helfferich 2005, 155) Die Stichprobe gilt als saturiert, wenn noch zusätzlich durchgeführte Interviews keine neuen Informationen mehr erbringen und mit den durchgeführten Interviews der „Erkenntnisgewinn abgesättigt ist“ (Helfferich 2005, 154f).

1.4.2.2 Die Interviewpartner

Die leitfadengestützte Befragung teilte sich bei dieser Erhebung in zwei Untersuchungen unterschiedlicher Intensität auf. Zunächst wurden ehemalige Chefredakteure, Redakteure und Geschäftsführer der Baltischen Rundschau befragt, die länger als drei Monate in der Redaktion gearbeitet haben und deutsche Muttersprachler sind.[13] Damit sollte die Vielzahl der Praktikanten, die im Schnitt nicht länger als drei Monate in der Redaktion der Baltischen Rundschau mitgearbeitet haben, ausgeschlossen werden. Sie waren oftmals zu kurz dabei, um tiefer gehende Einblicke in die Struktur und Ausrichtung der Zeitung zu bekommen. Eine Ausnahme bildete auch Iren Lill, die von September 2004 bis März 2005 als Praktikantin von Tallinn aus der Baltischen Rundschau zuarbeitete. Aus Sicht des Autors war sie zu wenig in die Strukturen der Hauptredaktion in Vilnius eingebunden, um als essentieller Gesprächspartner in Frage gekommen zu sein.

Nach der Anwendung der „3-Monats-Regel“ blieben neun Interviewpartner übrig. Die folgende Aufzählung der Mitarbeiter erfolgt chronologisch: Ingwar-Heinrich Lotz, Gründer der Baltischen Rundschau und Chefredakteur von Dezember 1994 bis Mai 2004[14] und von März bis November 2005 geschäftsführender Chefredakteur, Dirk Feldmann stellvertretender Chefredakteur von August 1995 bis Januar 1996 und Jakob Lemke ebenfalls stellvertretender Chefredakteur von Juli 1996 bis Juni 1997[15]. Judith B. Lewonig wird im Juni 1998, nachdem sie schon vorher sowohl persönlich in der Redaktion mitgearbeitet hat als auch als Korrespondentin aus Wien berichtete, stellvertretende Chefredakteurin bis Mai 2004. Von Februar bis Mai 2004 wird sie im Impressum gemeinsam mit Ingwar-Heinrich Lotz als Chefredakteurin geführt. Ab Juni 2001 fungiert Bruno Kaspar als Geschäftsführer der „UAB Publicitas“, die die Baltische Rundschau herausgibt. Roland Stork wird im Mai 2002 durch die ifa als Medienassistent an die Baltische Rundschau vermittelt und bleibt bis zum September 2003 in der Redaktion. Neuer Chefredakteur wird Heiko Mayer laut Impressum im Juli 2004 und bleibt es bis zur Juni/Juli-Ausgabe 2005, ab Mai desselben Jahres ist ihm Ingwar-Heinrich Lotz als geschäftsführender Chefredakteur gleichgestellt. Stefanie Schneck ist Redakteurin von September 2004 bis September 2005 und berichtet hauptsächlich aus Riga. Im September 2005 folgt ihr Nadja Cornelius als feste Redakteurin in Riga. Nach der Novemberausgabe bricht der Kontakt mit Ingwar-Heinrich Lotz ab, was gleichbedeutend mit der Einstellung der Zeitung war.[16]

Von den aufgelisteten Gesprächspartnern konnten nur sechs interviewt werden, weil es dem Autor leider nicht gelang, Dirk Feldmann ausfindig zu machen. Stefanie Schneck und Heiko Mayer zogen aus zeitlichen und teilweise aus inhaltlichen Gründen ihre bereits zugesagten Interviews wieder zurück. Die Absagen sind im Anhang dokumentiert. Für das Ergebnis dieser Arbeit bedeutete dies, dass wichtige Informationen für die Zeiträume August 1995 bis Januar 1996 und Juni 2004 bis März 2005 in der Auswertung der redaktionellen Entwicklung der Baltischen Rundschau fehlen. Für die Beschreibung des ersten Zeitraums konnten Aussagen von Ingwar-Heinrich Lotz herangezogen werden, für den zweiten Zeitraum stand dem Autor keine weitere Quelle zur Verfügung.[17]

Im zweiten Teil der Befragung wurden Experten befragt, die als Externe mit der Baltischen Rundschau zusammengearbeitet haben, beziehungsweise die Baltische Rundschau von außen beurteilen und sie in das litauische Mediensystem einordnen konnten. Dazu gehörten der IMH-Geschäftsführer Björn Akstinat, der LJV-Vorsitzende Dainius Radzevicius, der Presseattaché der deutschen Botschaft in Vilnius, Dirk Roland Haupt, die Direktorin des Journalistikinstituts an der Universität Vilnius, Audrone Nugaraite, und die Vorsitzende der Deutschen in Klaipeda, Magdalena Piklaps. Ferner wurde Joachim Tauber, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Nordost-Instituts der Universität Hamburg mit dem Arbeitsschwerpunkt Geschichte Litauens im 20. Jahrhundert, zur historischen und aktuellen Lage der deutschen Minderheit und ihrer Presse in Litauen befragt. Auskunft zur Arbeit der litauischen Regierung mit der deutschen Minderheit gab Vaida Juskauskaite, Expertin für Integrationsprogramme des Referats für Nationale Minderheiten der Regierung Litauens.

1.4.2.3 Die Konzeption der Leitfäden

Ein Leitfaden besteht nicht aus vorgefertigten Fragen, sondern aus komplexen Themengebieten. Die gestellten Fragen unterscheiden sich nach Rang, Formulierung, Verbindlichkeit und Steuerung. (Helfferich 2005, 160) Nach Helfferich soll der Leitfaden den Grundprinzipien der qualitativen Forschung entsprechen und Offenheit ermöglichen, nicht mit zu vielen Fragen überlastet und formal übersichtlich sowie in seiner Konzeption dem natürlichen Erinnerungsvermögen oder dem Argumentationsfluss nachempfunden sein und den spontan produzierten Erzählungen den Vorrang einräumen. (2005, 160)

Die Fragen des Leitfadens für die Mitarbeiter der Baltischen Rundschau orientierten sich am Forschungszweck des Verfassers und waren modular aufgebaut.

Die Module sind:

- Persönliche Daten
- Themen, Recherchen, Darstellungsformen
- Einordnungen von Aussagen über die Baltische Rundschau
- Anzeigen
- Leser
- Konkurrenz und Verbreitung
- Minderheiten

Die Ergebnisse der leitfadengestützten Gespräche dienen dazu, Antworten auf die Forschungsziele zu finden. Außerdem zielen Fragen zur Minderheit, zur inhaltlichen Ausrichtung und zu den Darstellungsformen darauf, die Ergebnisse der Inhaltsanalyse zu validieren. Für die Expertenbefragung im Umfeld der Baltischen Rundschau sind die Fragenfolgen individuell erstellt und dem jeweiligen Interviewpartner angepasst worden, da sie aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen kommen und Fragen zu unterschiedlichen Themen zu beantworten hatten. Alle Interviews sind vollständig im Anhang A aufgeführt.

2. Bedingungen in Litauen (1988 - 2005)

In diesem Kapitel werden die politischen, medialen und medienrechtlichen Rahmen-bedingungen Litauens kurz beschrieben. Obwohl die Baltische Rundschau seit November 2005 nicht mehr existiert, sollen hier Daten und Informationen aus 2006 einfließen, um einer größtmöglichen Aktualität Rechnung zu tragen. Das Kapitel wurde vom Autor erarbeitet, weil es keine detaillierte Übersicht zum litauischen Rundfunk- und Pressesystem in der aktuellen deutschsprachigen Literatur gibt. Der für die Diplomarbeit relevante Teil ist im folgenden Abschnitt wiedergegeben. Die umfassende Version mit Angaben zum Rundfunksystem und weiteren Detailbeispielen zum Tageszeitungsmarkt ist im Anhang B nachzulesen.

2.1 Statistische Daten zum Staat Litauen

Litauen ist der größte und südlichste Staat der drei baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen. Sein Territorium umfasst 65.300 km2. Er grenzt an Weißrussland, an Polen, an die Russische Exklave Kaliningrad („Kaliningrad Oblast“) und an Lettland. Im Westen hat Litauen einen 90 Kilometer breiten Zugang zum Baltischen Meer. Litauen ist nicht nur geografisch der größte baltische Staat, sondern hat auch die größte Bevölkerung. Für das erste Quartal 2006 werden im Statistikdepartment der litauischen Regierung 3,403 Millionen Einwohner für Litauen angegeben – im Vergleich: Lettland hat 2,3 Millionen Einwohner und Estland 1,348 Millionen Einwohner. Die Bevölkerung Litauens schrumpft aber seit Jahren kontinuierlich: So gab es im ersten Quartal 2004 noch 3,445 Millionen Einwohner und im ersten Quartal 2001 3,475 Millionen Litauern. Die litauische Bevölkerung besteht zu 83,45 Prozent aus Litauer, zu 6,74 Prozent aus Polen, zu 6,31 Prozent aus Russen, zu 1,23 Prozent aus Weißrussen, zu 0,09 Prozent aus Deutschen und weiteren Nationalitäten, deren prozentualer Bevölkerungsanteil gegen Null geht (DNM 2001, 1). Dazu vergleichend teilt sich die lettische Bevölkerung in 59 Prozent Letten, 29 Prozent Russen, 4 Prozent Weißrussen, 3 Prozent Ukrainern, 2,5 Prozent Polen und zu 1 Prozent aus Litauern und anderen Nationalitäten auf. Die estnische Bevölkerung setzt sich aus 68 Prozent Esten, 25,7 Prozent Ukrainern, 2,1 Prozent Weißrussen, 1,2 Prozent Finnen und anderen Nationalitäten zusammen. Die Mehrheit der Litauer ist römisch-katholisch (2.752.447 Litauer). Dann folgen die Orthodoxen mit 141.821 Gläubigen und an vierter Stelle rangiert mit 19.637 Glaubensanhängern die evangelisch-lutheranische Kirche. 331.087 Litauer geben bei der Volkszählung von 2001 an, keiner Konfession oder Glaubensrichtung anzugehören, 186.447 Befragte machten keine Angaben.[18] Die Landessprache in Litauen ist litauisch. Seit dem 29. März 2004 ist Litauen Mitglied der NATO und seit dem 1. Mai 2004 Mitglied der Europäischen Union.

2.2 Zeitgeschichte und Politisches System in Litauen

Die Republik Litauen – in der Landessprache „Lietuvos Respublika“ – ist eine parlamentarische Demokratie mit einem Staatspräsidenten an ihrer Spitze, der besondere Kompetenzen in der Regierungsbildung und in der Außenpolitik hat. Ihre Hauptstadt ist Vilnius. Nach der erstmaligen Ausrufung der Republik Litauen am 16. Februar 1918 bis zu ihrem durch die Sowjetunion erzwungenem Ende am 3. August 1940 war Kaunas, heute die zweitgrößte Stadt nach Vilnius, die Kapitale. Deutsche Truppen besetzten vom 22. Juni 1941 bis Ende 1944 Litauen bevor sie von der Roten Armee zurückgedrängt wurden. Auch über das Ende des Zweiten Weltkrieges hinaus hielt Stalin Litauen besetzt und gliederte es zügig als Litauische Sozialistische Sowjetrepublik in die Sowjetunion ein. Mit den folgenden Massendeportationen amputierte Stalin planmäßig die litauische Intelligenzschicht. Es dauerte Jahrzehnte bis im Schatten der Perestroika die nachgewachsene Bildungselite am 3. Juni 1988 eine erste Oppositionsbewegung – die „Sajudis“ – gründete, die bei ihren öffentlichen Protesten schnell Hunderttausende Menschen auf die Straße brachte. Sie läutete damit die so genannte „Singende Revolution“ ein, da viele politische Manifeste von Volksliedern begleitet waren. Anlässlich des fünfzigsten Jahrestages des Molotov-Ribbentrop-Paktes am 23. August 1989 bildeten knapp zwei Millionen Menschen eine Menschenkette von Tallinn über Riga nach Vilnius, um ihren Protest dagegen auszudrücken. Im selben Jahr trennte sich am 20. Dezember die Litauische Kommunistische Partei unter dem Vorsitz von Algirdas Brazauskas von der KPdSU. In den Parlamentswahlen vom 24. Februar 1990 gewann die Sajudis-Opposition 106 von 141 Sitzen und sagte Litauen am 11. März 1990 von der Sowjetunion los. Ihr erster Präsident wurde Vytautas Landsbergis. Moskau reagierte auf diesen Affront mit einer Wirtschaftsblockade und versuchte am 13. Januar 1991 die litauische Regierung mit Militärgewalt zu stürzen. Die Erstürmung des Parlaments konnte aber von einer großen, unbewaffneten Menschenmenge vereitelt werden. Nach dem Putschversuch wurde in Litauen am 9. Februar 1991 ein Referendum über die Unabhängigkeit abgehalten, in dem knapp 90 Prozent der Wähler für eine Unabhängigkeit votierten. Das Referendum wurde von Moskau vorerst trotzdem nicht anerkannt. Im August des Jahres aber, nach dem misslungen Putsch der Kommunisten in der sowjetischen Hauptstadt, räumten schließlich die sowjetischen Truppen das 222 Tage lang besetzte Fernsehzentrum von Vilnius. (Ebert 2004, 5) Daraufhin wurde Litauen in kürzester Zeit von vielen Staaten anerkannt. Moskau verlor die Machtprobe um Vilnius und zog bis zum 31. August 1993 seine gesamten Truppen aus Litauen ab. Die größte Baltenrepublik trat am 17. September 1991 den Vereinten Nationen bei. Am 25. Oktober 1992 wurde die neue, demokratische Verfassung in einer Volksabstimmung offiziell angenommen.[19] Litauens derzeitiger Staatspräsident ist Valdas Adamkus. Eine aktuelle Regierungskrise wurde am 4. Juli 2006 beigelegt: Nachdem Algirdas Brazauskas` Kabinett Ende Mai zurückgetreten ist, wurde der sozialdemokratische Gediminas Kirkilas als neuer Ministerpräsident durch das Parlament bestätigt.[20]

2.3 Medien in Litauen

Der Transformationsprozess der litauischen Medien von einem zentral gesteuerten und zensierten Staatspresse- und Staatsrundfunksystem hin zu einem System der freien Marktwirtschaft respektive einer unzensierten Medienlandschaft verlief ähnlich typisch wie in anderen postkommunistischen Ländern. Dieser Prozess kann mit vier Punkten charakterisiert werden: erstens die schnelle Expansion und schrittweise Stabilisierung des Pressemarktes, zweitens das Aufkommen privater Radio- und Fernsehstationen, drittens die Privatisierung der Medien und viertens die aufkommende Konzentration des Medienmarktes und die wachsende Konkurrenz zwischen den Medienunternehmen. (Nugaraite, Anhang B, 20) Die litauische Medienwissenschaftlerin Aukse Balcytiene unterteilt den Transformationsprozess in die Jahre der „singenden Revolution“ bzw. der Erweckung der Öffentlichkeit (1987/1988 – 1990) und in die Jahre der Wachstumsperiode (1990/1991 – 2001). Als Scheidepunkt nennt sie die Erklärung der Unabhängigkeit Litauens vom 11. März 1990. (2002, 13) 1987/1988 gab es elf überregionale Parteizeitungen, die zwischen fünf und sechs Mal pro Woche erschienen. In der Zeit der Unabhängigkeitsbestrebung stieg das Ansehen der Massenmedien, weil sie vermehrt über Massenkundgebungen und politische Debatten berichteten. (Balcytiene 2002, 14f) „For instance, the circulation of the partisan newspaper Komjaunimo tiesa (affiliated with the Comsomol and therefor called the ,Truth of Comsomol’) had grown from 108,000 copies in 1988 to 522,000 in 1989.“ (Balcytiene 2002,15) Dieser starke Anstieg zeigt, dass die verantwortlichen Herausgeber und Journalisten das Informationsbedürfnis der Leser entsprechend bedienten. Die erste unabhängige Zeitung Litauens nach Jahrzehnten der sowjetischen Besatzung hieß Respublika und erschien am 16. September 1989 als Zeitung der Oppositionsbewegung Sajudis, 1990 erklärte sie sich als unabhängig und überparteilich. Eine ebenfalls viel gelesene Wochenzeitung war zu diesem Zeitpunkt auch die Gimtasis krastas, die eigentlich für emigrierte Litauer herausgegeben wurde, aber auch im eigenen Land u.a. aufgrund ihrer kritischen Berichterstattung über das kommunistische System stark nachgefragt war. 1988 traute sie sich beispielsweise, den Text der verbotenen Nationalhymne abzudrucken. Die Medien, sowohl die neuen als auch die sich langsam öffnenden Parteizeitungen, boten so eine Art Forum, das einen relativ demokratisch-politischen Dialog in Rundfunk und Presse zuließ. (Balcytiene 2002, 15) Die Massenmedien spielten für Balcytiene eine wichtige Rolle in der Entwicklung einer neuen Gesellschaftsstruktur: „The dominating feelings of romanticism and nationalism and the absence of democratic consciousness in Lithuanian mass media revealed, on the one hand, the immaturity of the society, yet, on the other, the media served as a herald in the creation of the yet unknown and entirely new public structures, which emerged in connection with the massive popular movements and which were mediated through mass media.“ (2002, 15)

Die Liberalisierung der Presse in Litauen in den Jahren 1990 bis 1992 war durch zwei Hauptpunkte geprägt: zum einen sind die staatlichen Medien – ausgenommen der öffentlich-rechtliche Rundfunk – privatisiert und zum anderen sind die Staatszuschüsse für die Printmedien abgeschafft worden. 1996 wurde dann das erste Mediengesetz im Parlament angenommen[21]. Dadurch hatten sich, so Balcytiene, folgende Charakteristika für die litauische Medienlandschaft herausgebildet, die bis heute aktuell sind: Eine kleine Anzahl großer Medienunternehmen konkurrieren um die Aufmerksamkeit des Publikums, wobei der Kampf in den elektronischen Medien um einiges erbitterter geführt wird mit zunehmend sich ähnelnden Konzepten. Des Weiteren lässt die Achtung journalistischer Standards zu wünschen übrig, sodass die Medien öffentlich gerügt werden für die Zunahme negativer und sensationalistischer Berichterstattung.[22] (2002, 19) Typisch für die litauische Medienlandschaft waren auch die Investitionen skandinavischer Medienunternehmen wie „Orkla Media“ oder „Schibstedt“.[23] Die verstärkte horizontale und vertikale Medienmarktkonzentration führt aber zu immer weniger überregionalen und regionalen Titeln und Sendern. Für unabhängige Neueinsteiger wird es zunehmend schwieriger, einen Zugang zum litauischen Mediensystem gewährt zu bekommen. Neuester Trend ist der Einstieg erfolgreicher litauischer Unternehmer in den Medienmarkt, die originär in keinem Verhältnis zu den Medien stehen. So gehören seit Ende 2003 85 Prozent der Aktien des Fernsehsenders LNK dem litauischen Getränkeproduzenten MG Baltic[24], der Düngemittelproduzent Achema kontrolliert BTV, die Radiocentras-Gruppe die Zeitung Lietuvos zinios und die einzige in allen drei baltischen Ländern agierende Nachrichtenagentur BNS (Baltic News Service) . Die Rubicon Gruppe, ihr Haupttätigkeitsfeld ist die Fernwärmeversorgung, schloss zwei regionale Sender aus Vilnius und Kaunas zum litauenweit empfangbaren neuen fünften Kanal (Penktas kanalas) zusammen. (Ebert 2004, 6; 2006, 7) „The result is the creation of a monopoly of information, which is undesirable for social and economic reasons.“ (Balcytiene 2002, 19) Zurzeit ist noch nicht genau absehbar, was es für das litauische Mediensystem und die Pressefreiheit bedeutet, von kommerziellen und medienfremden Konzernen aufgekauft zu werden. Die Kommerzialisierung aller Medienbereiche lässt sie jedoch stark von der Werbung abhängig werden. Ein Chefredakteur muss dabei den Spagat wagen zwischen dem Druck von Auflagenzahlen, Werbeinteressen, des Besitzers oder der Politik und Regierung und auf der anderen Seite dem Nachkommen journalistischer Ansprüche. Oft beugen sich auch die Redaktionen der überregionalen Tageszeitungen dem externen Druck – und hier soll die sich selbst als seriöse Tageszeitung bezeichnende Lietuvos rytas nicht ausgenommen sein (Nugaraite, Anhang A, 150) – und bevorzugen „crime“ und „general interest“-Geschichten, weil sie sich besser verkaufen. (Balcytiene 2002, 24) Die geringe Beachtung journalistischer Standards führt Balcytiene auf die extreme Wachstumsgeschwindigkeit des litauischen Medienmarktes nach der Unabhängigkeit zurück. Dadurch entstand ein Vakuum an journalistischen Fachkräften, das mit fachfremden Kräften gefüllt werden musste – ein falscher Weg, wie sich herausstellte: „Many of these journalists and editors had no special education and often worked by imitating the worst model.“ (2002, 24)

Pressemarkt

Das Pressewesen in Litauen entwickelte sich, wie eingangs beschrieben, nach der wieder gewonnenen Unabhängigkeit sehr zügig von der ehemals vorherrschenden Planwirtschaft hin zu einer freien Marktwirtschaft mit einer großen Anzahl an Titeln, verglichen mit der relativ niedrigen litauischen Einwohnerzahl. Die rasante Entwicklung lässt sich an folgenden Zahlen ablesen: 1988 gab es in Litauen 147 verschiedene Zeitungstitel, 1989 schon 240 und ein Jahr später 324. Mit 443 Zeitungstiteln war 1994 der Höhepunkt erreicht worden, 1999 hatte sich die Anzahl aus ökonomischen Nöten heraus wieder auf 326 Titel reduziert. (Nugaraite, Anhang B, 21) Marktführer bei den überregionalen Tageszeitungen war 1998 Lietuvos rytas („Der litauische Morgen“) mit einem Marktanteil von 60 Prozent. Weit abgeschlagen davon kam an zweiter Stelle Respublika mit 22 Prozent und an dritter Stelle Lietuvos aidas („Litauen-Echo“) mit neun Prozent. (Nugaraite, Anhang B, 21) Lietuvos aidas spielt hier eine historische Sonderrolle, denn sie wurde am 6. September 1917 von Antanas Smetona, dem späteren ersten Präsidenten der neuen Republik Litauen, gegründet. 1918 wieder eingestellt, bekam sie von 1928 bis 1935 eine zweite Auflage. Eine dritte Neugründung wurde am 8. Mai 1990 unternommen.[25] Diese drei Tageszeitungen bezeichnen sich als seriöse Tageszeitungen, besonders Lietuvos rytas legt auf diese Beschreibung Wert. In der Praxis sind sie zumindest nur halb seriös und halb sensationalistisch mit der eindeutigen Tendenz zur Boulevardisierung. (Nugaraite, Anhang A, 150) Zusätzlich zu diesen drei überregionalen Tageszeitungen gibt es noch montags bis sonnabends zwei litauenweit erscheinende Boulevardzeitungen (Vakaro zinios - „Abendnachrichten“, Lietuvos zinios „Nachrichten aus Litauen“), eine Wirtschaftszeitung (Verslo zinios - „Wirtschaftsnachrichten“), eine regionale Kaunasser Zeitung (Kauno diena - „Der Kaunasser Tag“) mit überregionalem Anspruch und seit dem Herbst 2005 eine kostenlose Tageszeitung (15 minuciu - „15 Minuten“) für die Städte Vilnius, Kaunas, Klaipeda und Palanga. Alle Zeitungs- und Zeitschriftenprodukte können per Gesetz nicht von der Regierung kontrolliert werden und bekommen keine finanzielle, staatliche Unterstützung. Eine Ausnahme sind Publikationen der nationalen Minderheiten und Publikationen für kulturelle Angelegenheiten, wie für Kinder und Bildung. Die staatlichen Unterstützungsgelder werden durch eine unabhängige Stiftung vergeben. (Nugaraite, Anhang B, 22)

Eine weitere besondere Charakteristik der litauischen Presselandschaft ist die starke Regionalisierung. Die überregionalen Tageszeitungen haben jeweils unterschiedliche Lokalausgabe, die von Stadt zu Stadt variieren. Des Weiteren gab es 2000 64 Lokalzeitungen, die in einem klar abgesteckten Gebiet veröffentlichten. (Nugaraite, Anhang B, 22)

Auf dem litauischen Magazin- und Zeitschriftenmarkt sind 1999 38 nationale Titel dem Publikum zum Kauf angeboten worden. (Nugaraite, Anhang B, 23) Kretschmann spricht in diesem Zusammenhang von 400 Zeitschriften und genauso vielen Magazinen, die in Litauen im Jahr 2000 herausgegeben wurden. (2001, 47) Hier muss aber, was Kretschmann nicht tat, darauf hingewiesen werden, dass die Mehrheit lokale Publikationen sind. Die hohe Zahl der Titel erklärt sich auch durch die geringen Auflagenzahlen der Magazine und Zeitschriften. Im Jahr 2000 lagen diese beispielsweise nur zwischen 1.000 und 75.000 Druckexemplaren. (Nugaraite, Anhang B, 23) Das wöchentliche Qualitätsmagazin Veidas („Gesicht“) – ähnlich dem deutschen Spiegel – hatte hier beispielsweise 2000 nur eine Auflage von knapp 10.000 Exemplaren pro Woche[26]. (Nugaraite, Anhang B, 22) Seit März 2001 weist Veidas eine kontinuierliche Auflagenhöhe von 6.000 Exemplaren auf.[27] Zeitgleich ist hier aber auch ein generelles, quantitatives Übergewicht der Monatsmagazine im Vergleich zu den Wochenmagazinen festzustellen. Interessanterweise ist ebenfalls zu beobachten, dass der Monatsmagazinmarkt Anfang 2006 von Frauenmagazinen dominiert wird.[28] Die Fernsehprogrammhefte TV Publika (Respublika) und TV Antena (Lietuvos rytas) der zwei größten Tageszeitungen lagen bei einer Umfrage im Frühjahr 2006 an der Spitze der meistgelesen Wochenzeitschriften mit jeweils 18,4 Prozent beziehungsweise 16,7 Prozent. Ihnen folgten Stilius (10,6 Prozent) aus der Lietuvos rytas Gruppe, Zmones[29] (7,9 Prozent) aus der ZLG und an fünfter Stelle rangierte die russischsprachige Wochenzeitung Ekspress nedelia. (7,8 Prozent).[30]

Minderheitenpresse

Die Minderheiten in Litauen können sich auf eine in der Verfassung festgelegte Meinungs- und Publikationsfreiheit berufen. Für die etwas mehr als eine halbe Million Menschen betragende Bevölkerungsgruppe (ca. 20 Prozent der Gesamtbevölkerung) konnten im Jahr 2000 zwölf Publikationen auf Russisch, sieben in Polnisch mehr als 15 in anderen Sprachen, darunter auch auf Deutsch, gezählt werden. (Nugaraite, Anhang B, 25) Einige von ihnen werden staatlich unterstützt, die anderen befinden sich in privater Hand. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk bietet darüber hinaus verschieden lange Sendezeiten für die Minderheiten an. Durch das Kabelnetz und per Satellit sind in der Mehrzahl russischsprachige Sender zu empfangen. Durch die Marginalität der deutschen Minderheit in Litauen und ihrer verstärkten Inaktivität sind auch die Informationen über ihre Publikationen etc. verschwindend gering. Deshalb ist dieser Abschnitt entsprechend knapp ausgefallen. Eine Darstellung der anderssprachigen Minderheitenpresse wäre hier nicht angebracht gewesen.

2.4 Mediengesetzgebung, Medienethik, Medienregulierung

Auch in Litauen ist das Recht auf freie Meinungsäußerung in der Verfassung von 1992 fest verankert.[31] Nach der Verankerung von Meinungsfreiheit, Freiheit der Informationsverbreitung, Monopolisierungsverbot und Zensurverbot in der litauischen Verfassung wurde am 15. Juli 1996 ein erstes Mediengesetz im litauischen Parlament verabschiedet. Ihm folgte am 16. Oktober 1996 das Rundfunkgesetz, das zwar in großen Teilen dem Mediengesetz entsprach, aber im Detail u.a. die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks regelt und die Zusammensetzung des Rundfunkrates bestimmt. Noch 1990 wurde der litauische Radio- und Fernsehrat (LRF-Rat) gegründet, der seit 1995 ausschließlich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk beaufsichtigt. Für die kommerziellen Rundfunkveranstalter und das Kabelfernsehen ist die litauische Radio- und Fernsehkommission (LRFK) zuständig.

„Das Mediengesetz war ein historischer Moment, weil uns sogar Experten bestätigten, dass wir das liberalste Gesetz in ganz Europa hätten. [...] Es gab keine strenge Begrenzung für Journalisten in der Informationsbeschaffung und es gab kein wirkliches Privatleben für öffentliche Personen. Und es gab viele Möglichkeiten für Journalisten zur Verbreitung von Informationen ohne für deren Inhalte zur Verantwortung gezogen zu werden“ (Radzevicius, Anhang A, 139). Zwar wurde im Mediengesetz die Einsetzung eines Ethik-Ombudsmannes beschlossen und die Journalisten und Verleger dazu verpflichtet, sich an den Ethik-Kodex in ihrer Berichterstattung zu halten, der aber beinhaltete keine diesbezüglichen Regelungen zur moralischen Verantwortung. Erst die Neuauflage des Kodex im Jahr 2005 korrigierte diesen grundlegenden Fehler. Da aber Ombudsmann und Ethikkommission nicht selbst aktiv werden dürfen, sondern nur, wenn ihnen ethisch bedenkliche Artikel oder Sendungen angezeigt werden, werden sie zu wenig als ein gesellschaftlich-mediales Korrektiv beachtet. Es sei zudem fragwürdig, so der Vorsitzende des litauischen Journalistenverbandes, Dainius Radzevicius, warum der Ombudsmann, der im Gesetz als unabhängige Person dargestellt wird, offiziell vom Parlament gewählt wird, Beamter ist und sein Gehalt vom Staat bezieht. (Anhang A, 142) Eine wirkliche Unabhängigkeit gegenüber Regierung und Parlament ist damit in der Praxis nur schwer zu gewährleisten.

Nach der Verabschiedung des Mediengesetzes wurde die litauische Pressefreiheit zwar besonders im westlichen Ausland gelobt, übersehen wurden dabei aber die Folgen verantwortungsloser Berichterstattung. „Zwar rangierten laut der Nichtregierungsorganisation ,Reporter ohne Grenzen’ die baltischen Staaten 1996 mit einem Index von 6,1 auf einer von 0 bis 10 reichenden Punkteskala der Pressefreiheit deutlich vor Rußland und den GUS-Staaten (4,1 Punkte), trotzdem sind die Probleme nicht zu übersehen. Zu viele Journalisten handeln nach dem Motto: Wir müssen ja nicht lügen, jedoch auch nicht die Wahrheit sagen.“ (Strukow-Hamel 1996, 16) Auch der damalige Vorsitzende des litauischen Journalistenverbandes, Rimgaudas Eilunavicius, wünschte sich schon 1996 mehr professionelle Ethik. Dies ist „eines der dringendsten Probleme seines Berufsverbandes“ (Eilunavicius 1996, zit. n. Strukow-Hamel 1996, 16). Eine Entwicklung, die einen ihrer Höhepunkte während der kurzen Amtszeit des stark umstrittenen Staatspräsidenten Rolandas Paksas von 2003 bis 2004 hatte. In diesem Zeitraum wurden dem Präsidenten u.a. Verbindungen zur russischen Mafia nachgesagt und das Parlament strengte schließlich ein erfolgreiches Amtenthebungsverfahren gegen ihn an. Die überregionalen Tageszeitungen positionierten sich in dieser Phase gegen Paksas, allein Respublika und Vakaro zinos, im alleinigen Besitz von Vitas Tomkus, bezogen Stellung für den Präsidenten. „Der Stellvertreterkrieg, den die Zeitungen um Paksas führen, ist ungleich härter als die Konkurrenz der Sender. Dabei geht es nicht nur um politische Überzeugungen, sondern um Boulevardjournalismus, der Skandale nicht nur sucht, sondern sie nach internationalem Vorbild am liebsten selbst macht. Rezension und Anzeigenschwund plagen die litauische Presse noch stärker als anderswo.“ (Lucius 2004, 40) Jede neue und noch so irrationale Geschichte über Paksas privates und öffentliches Leben wurde damals gedruckt und von den meisten Journalisten als investigativ empfunden, sollte aber offensichtlich aus Sicht der Verleger in erster Linie das Kaufverhalten des Lesers am Kiosk entscheidend positiv beeinflussen. Der Ethikkodex wurde dabei wenig beachtet, obwohl er genau auf solche Situationen Bezug nimmt.[32]

Dieses Problem der Zusammenführung von Kommerz und Boulevard in den litauischen Medien scheint ein undurchdringlicher Kreislauf nicht nur bei den Boulevardzeitungen, sondern auch bei den überregionalen und sich selbst als seriös bezeichnenden Tageszeitungen zu sein, denn Kommerz und Boulevard bedingen sich schlichtweg gegenseitig: Skandale bringen mehr Leser, mehr Leser erhöhen die Auflage und eine erhöhte Auflage bringt mehr Anzeigeneinnahmen. Hier zeigt sich der Nachteil, dass beispielsweise bei den zwei führenden Tageszeitungen Respublika und Lietuvos rytas die Herausgeber und Chefredakteure identisch sind: „This trend claims that media follows consumer bent. In other words, media becomes a demand-driven system: strong competition in the media market [...] makes media dependend on the advertising share which, in its own turn, depends on the audience share.“ (Balcytiene 2002, 22) Erschwerend kommt hinzu, dass es speziell im Rundfunk, aber auch teilweise im Printbereich seit drei Jahren keine Tarifverträge oder feste Arbeitsverträge mehr gibt, weil es nach der Verabschiedung eines neuen Urheberrechtsgesetzes möglich ist, in periodischen Medien mündliche Autorenverträge abzuschließen. Radzevicius und Nugaraite beklagen die dadurch entstandenen Abhängigkeiten des Journalisten vom Wohl des Chefredakteurs oder Verlegers. (Radzevicius, Anhang A, 140/ Nugaraite, Anhang A, 149) Abhängigkeiten und die so genannte Zensurschere im Kopf sind bei diesen Praktiken zwangsläufig vorprogrammiert. Eine freie Berichterstattung wird fast unmöglich, zum Leidwesen der Journalistik, der Öffentlichkeit und der eigenen Leserschaft. Aufgrund dieser Probleme galt 1996 die Annahme des Ethikkodex als ein Meilenstein in der Entwicklung des litauischen Journalismus, der 2005 durch die zusätzlichen Artikel über die moralischen Verpflichtungen von Journalisten und Verlegern endlich erfolgreich um die wichtigsten Artikel komplettiert wurde.[33]

2.5 Fazit

Rundfunk- und Presse des größten baltischen Landes buhlen nicht nur um die Gunst von etwa 3,4 Millionen Litauern, sondern auch um einen Werbemarkt, der 2005 bei 363,6 Millionen Litas (ca. 105 Millionen Euro) und damit gegenüber dem Vorjahr um 8,6 Prozent gewachsen ist. Er verteilt sich dabei zu 42,6 Prozent auf das Fernsehen, zu 41 Prozent auf Zeitungen, Zeitschriften und Magazine und zu 7 Prozent auf das Radio[34]. (W&V 19/2004, 65) Das Volumen des Werbemarktes reicht trotzdem nicht und es herrscht ein starker Konkurrenzdruck, der nicht nur die Anzahl der Tageszeitungen hat schrumpfen lassen, sondern zu einer steten Boulevardisierung der Inhalte führt: Die größten Tageszeitungen „arbeiten vielfach mit Emotionen und privaten Details, bringen zudem äußerst häufig Kriminalfälle, fast immer aber lokale Themen auf die Titelseite“ (Pallokat 2004, 56). Hinzu kommt erschwerend die Verquickung von Herausgeber und Chefredakteur in einer Person, so Vitas Tomkus bei Respublika und Gedvydas Vainauskas bei Lietuvos rytas. Wirtschaftliche Interessen des Herausgebers überlagern die journalistische Arbeit der Redaktion. Hauptziel ist es, mit Sensationsberichterstattung neue Leser zu gewinnen und damit die Werbeeinnahmen zu steigern. Trotzdem genießen litauische Journalisten ein großes Vertrauen in der Bevölkerung. Bei Umfragen werden sie gleich nach der katholischen Kirche an zweiter Stelle genannt[35]. Generell vertrauen 72 Prozent der Litauer in die Berichte aus der Presse, 79 Prozent vertrauen den Radionachrichten und 84 Prozent glauben an die Fernsehberichte. (W&V 19/2004, 65) Das bestätigt auch Balcytiene im Vergleich mit den Esten: „For example, the Estonians are the most ardent newspaper readers while Lithuanians prefer watching television to obtain the latest news.“ (2002, 22) Stellt sich abschließend die Frage, ob die Medien auf diese Weise die so genannte vierte, beobachtend-kritische Gewalt im Staat ausüben können? „Die meisten Politiker und Verleger sagen, dass die Medien hier nicht die vierte, sondern die erste Gewalt im Staat sind.“ (Radzevicius, Anhang A, 145) Grund sei die Aktienbeteiligung vieler Politiker an Medienunternehmen, die als Parlamentarier ihre Aktien häufig an ihre Frauen verschenkt haben, um ihren direkten Einfluss zu behalten. Nugaraite sieht die Medien zwar als vierte Gewalt, aber zu nahe an den Politikern. „They could be more seperated from each other.“ Aber das sei in allen anderen Ländern das Gleiche: Die einen brauchen Quellen, die anderen eine Öffentlichkeit. „[...] But in our case they are very close.“ (Nugaraite, Anhang A, 152)

3. Deutsche Minderheit in Litauen

Einleitend zu diesem Kapitel müssen einige Begriffe vorab im Sinne dieser Arbeit geklärt werden. In Litauen gibt es eine deutsche Minderheit, die sich heute in drei hauptsächliche Lager spaltet: zum einen sind es die Litauer deutscher Volkszugehörigkeit, die sich diese Abstammung in ihren Reisepässen vermerkt haben lassen, zum anderen sind es einfach die Litauendeutschen, die keinen Vermerk im Reisepass haben, sich aber zu ihrer deutschen Vergangenheit bekennen, auch wenn das Merkmal deutsche Sprache zumeist nur sehr schwach ausgeprägt ist und zum dritten sind es die Russlanddeutschen, die größtenteils schon vor der Unabhängigkeit nach Litauen gezogen sind. Diese Einteilung war nicht immer so und wurde erst – wie weiter unten genauer beschrieben – durch den erzwungenen Beitritt Litauens zur Union der Sowjetstaaten geschaffen. In der Zwischenkriegszeit und auch schon vor dem Ersten Weltkrieg wurden die Deutschen, die auf dem damaligen Staatsgebiet Litauens bzw. in Vilnius lebten als Litauendeutsche bezeichnet. Diejenigen Deutschen, die im Memelgebiet lebten – also im heutigen Westlitauen – waren die Memelländer, die Memeldeutschen oder bis 1923 die Reichsdeutschen. Das Memelgebiet war auch als Kleinlitauen bezeichnet worden, das litauische Staatsgebiet als Großlitauen. Dementsprechend hieß die litauische Bevölkerung in Kleinlitauen „Kleinlitauer“ und in Großlitauen „Großlitauer. Die Deutschen in Großlitauen galten immer als Minderheit in einem anderssprachigen Staat. Die memelländischen Deutschen hingegen waren sich ihrer privilegierten Stellung als Reichsdeutsche durchaus bewusst, zählten aber ab der Annexion des Memelgebietes durch den litauischen Staat – wenn auch mit Sonderrechten – offiziell als deutsche Minderheit. An dieser Stelle soll zunächst der Begriff „Minderheit“ definiert werden bevor ein kurzer historischer Abriss aufzeigt, wie es zu einer deutschen Besiedlung auf dem heutigen Staatsterritorium Litauens gekommen ist[36].

Was genau eine Minderheit bedeutet, ist völkerrechtlich nicht festgelegt. Vielmehr haben sich Definitionen herausgebildet, die allgemein anerkannt werden. „Als Minderheit gelten [demzufolge] Personengruppen mit einem starken Zusammengehörigkeitsgefühl, die zahlenmäßig kleiner als die Mehrheit sind und durch ethnische, religiöse oder sprachliche Besonderheiten gekennzeichnet werden, die sie bewahren möchten und die die Staatsangehörigkeit der Mehrheit haben.“ (Paech 1998, 19) Dabei weist Paech auch darauf hin, dass gerade der Punkt Staatsangehörigkeit stark diskutiert sei, weil Wander- und Gastarbeiter, sowie Flüchtlinge und Asylbewerber sonst ausgegrenzt werden. Mohr sieht dieses Kriterium gar als menschenrechtswidrig, weil es nur dem Staat dazu diene, die „Dynamik des Minderheitenschutzes“ kontrollierbar zu halten. Dies würde aber die Immigranten, Migranten und Ausländer ins rechtliche Abseits stellen. (Mohr 1996, 91)

Die existierende Deutsche Minderheit in Litauen ist auch im Gegensatz zu den Deutschen Minderheiten in Lettland und Estland relativ klein und zeichnet sich durch kein großes Zusammengehörigkeitsgefühl aus. Mit dem europäischen Rahmenabkommen IPBPR von 1998, dem Litauen mit dem EU-Beitritt am 1. Mai 2004 gleichfalls beigetreten ist, wurden zumindest Standards für eine Minderheitenpolitik festgelegt, die für die Staaten zwar völkerrechtlich zwingend sind, in ihrer Gesamtheit aber nur den Rahmen der Gesetze für den Minderheitenschutz festlegen. Eckpunkte des Abkommens sind Assimilierungsschutz, Diskriminierungsverbot, Gleichheitsgebot, Schutz der Freiheitsrechte für Minderheiten und das Förderungsgebot. (Paech 1998, 23) Mohr hält dazu fest, dass eine numerische Untergrenze für Minderheiten schwerlich festzumachen sei. Zudem würden sich die anerkannten Kriterien „ethnisch“, „religiös“ und „linguistisch“ für eine Definition von Minderheiten sowohl überschneiden als auch nebeneinander existieren. (Mohr 1996, 90)

Die Minderheit der Deutschen in Litauen machte bei der letzten Erhebung des litauischen Departments für Statistik im Jahr 2001 nur 0,09 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Das sind gerade einmal 3243 Personen[37], die sich zu ihrer deutschen Abstammung bekannten. (Zensus 2001[38] ) In ihrer Summe sind sie eine marginale Minderheit, die mit ihrer Größe im Vergleich zu den polnischen (6,7 Prozent), den russischen (6,3 Prozent) oder den weißrussischen Volksgruppen (1,2 Prozent) nur eine Randerscheinung im litauischen Staat einnehmen können. Sie ist in Litauen eine anerkannte Minderheit. Die Verfassung garantiert ihr, wie auch allen anderen Minderheiten, „to develop their ethnic identity, preserve the continuity of their culture and foster ethnic consciousness and self-expression“ (DNM 2006,2). Vaida Juskauskaite, Expertin für Integrationsprogramme des litauischen Minderheitenreferates, betonte die Egalität der deutschen Minderheit: „Wir behandeln alle Minderheiten gleich, aber es hängt von den Projekten ab. Sind die Projekte gut beantragt, finanzieren wir sie auch. Aber die deutschen Minderheiten sind in Litauen nicht sehr stark aktiv.“ (Anhang A, 135)

Letzteres ist ein Problem, mit dem auch die Redaktion der Baltischen Rundschau dauerhaft konfrontiert war bei ihrem Versuch, die deutsche Minderheit mehr in die Inhalte einzubinden.[39] In Litauen gibt es trotz der problematisierten Inaktivität der deutschen Minderheit eine Schule mit deutscher Unterrichtssprache, die 500 Schülern zählt. Zusätzlich wird an vier Sonntagsschulen auf Deutsch unterrichtet. (DNM 2006, 11f) In der Broschüre des Minderheitenreferats werden als deutschsprachige Zeitung nur die Deutschen Nachrichten für Litauen aufgeführt. Die Baltische Rundschau findet hier keine Erwähnung. Aufgelistet ist auch das zehnminütige Fernsehprogramm „Labas“ (dt.: Hallo), das jeden Sonntagvormittag in einer anderen Sprache, unter anderem auch in Deutsch, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt wird. Und von insgesamt 298 Minderheitengruppen in Litauen werden 31 als deutsche Minderheitenvereine ausgewiesen. (DNM 2006, 15ff) Diese Zahl scheint aber nach der Auswertung der geführten Interviews eindeutig zu hoch zu sein. In den dokumentierten Interviews werden unterschiedliche Zahlen genannt. Haupt sprach beispielsweise von „14 örtlichen Minderheitenverbänden“ (Anhang A, 132), Lewonig von „rund 25 deutschen Vereinen in Litauen“ (Anhang A, 112). Genau sagen vermochte es niemand, da es keinen Dachverband der deutschen Minderheit in Litauen gibt und viele Vereine nur wenig bis gar nicht aktiv und somit auch schwer zu erfassen sind. Diese Inaktivität ist auch ein Resultat aus der Zeit, in der Litauen eine Unionsrepublik der Sowjetunion war. Bis Mitte der Achtziger Jahre war es beispielsweise nicht erlaubt, sich zu seiner Volkszugehörigkeit zu bekennen. Dass die heute aktivste Minderheitengruppe in Westlitauen organisiert ist, kann historisch begründet werden: Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges waren zumindest die Deutschen im heutigen Westlitauen, dem damaligen Memelgebiet, sehr aktiv, gehörte es doch bis 1923 für Jahrhunderte zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation bzw. zum Reich des Deutschen Ritterordens. Für die größtenteils bäuerlichen und kleinbürgerlichen Deutschlitauer hingegen – und das bezeugen auch die Quellen im folgenden Kapitel – konnte bis auf die Zwischenkriegszeit nie eine rege Zusammenarbeit zwischen ihren verstreuten deutschen Gemeinden festgestellt werden. Eine Tradition, die sich bis heute gehalten hat.

3.1 Territoriale Verhältnisse in Ostpreußen und dem Memelgebiet

Mit Beginn der Unabhängigkeit Litauens im Jahr 1991 ließen sich, wie beschrieben, viele deutschstämmige Litauer ihre deutsche Volkszugehörigkeit im Pass vermerken. Dies war aber mehr eine Geste, sich wieder offiziell und ohne Angst vor Repressalien zu seiner eigenen Vergangenheit und Kultur bekennen zu dürfen, als ein wirklicher Hinweis auf ihre Kenntnisse der deutschen Sprache (Tauber, Anhang A, 125). Damit nimmt die deutsche Minderheit einen kleinen Anteil von 0,09 Prozent der litauischen Gesamtbevölkerung ein.[40]. Diese 0,09 Prozent sind ein kleiner Überrest, der von einer Geschichte der Deutschen im heutigen Staatsgebiet Litauens übrig geblieben ist, die bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts zurückreichte.

Den Grundstein lang anhaltender deutscher Besiedlung legte vor knapp 800 Jahren der Deutsche Orden. In der Zeit von 1231 bis 1283 eroberte dieser auf Bitten des polnischen Teilfürsten Konrad von Masowien das Gebiet der heidnischen Prußen im heutigen Südwest- und Westlitauen und missionierte sie gewaltsam. Angeführt wurde der Orden vom Thüringer Hochmeister Hermann von Salza. Die eroberten Gebiete fielen entsprechend der Goldenen Bulle von Rimini des Kaisers Friedrichs II. aus dem Jahr 1226 an den Deutschen Orden. 1243 wurden die Eroberungen auch durch Papst Gregor IX. bestätigt. (Pollmann 1989) Die Bulle entsprach zwar mittelalterlicher Gesetzgebung, aber der Kaiser besaß „formell keinerlei Verfügungsrecht über das Land der Pruzzen. [...] Das Gleiche gilt für den Papst und den polnischen Herzog, die sich gleichermaßen für fremdes Gebiet zuständig fühlten.“ (Raether 2004, 57) Denn das Gebiet der Prußen lag außerhalb des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation. Auch Konrad von Masowien gab 1230 im Kruschwitzer Vertrag alle Ansprüche auf die prußischen Gebiete auf und machte somit den Weg für die Eroberungen des Deutschen Ordens frei. Etwa zeitgleich drang der 1201 in Riga gegründete livländische Schwertbrüderorden vom Norden aus nach Litauen vor und wurde bei Siaule 1236 von den Litauern – die sich erst um 1200 aus verschiedenen Stämmen zusammengeschlossen hatten und Rimgaudas zu ihrem Fürsten bestimmten – entscheidend besiegt und bis auf das Gebiet um Riga zurückgedrängt. Um in dieser Situation nicht von den umliegenden feindlichen Völkern aufgerieben zu werden, vereinigte sich der livländische Orden mit dem Deutschen Orden. Damit ging auch Livland im heutigen Westlettland in den Besitz des Deutschen Ordens über. „1328 trat [dann ein] Schwertbrüderzweig dem preußischen Orden [auch] den bis dahin kurländischen Gau Memel ab; somit wurde die Stadt Memel[41] mit ihm an Preußen angegliedert und gehört seither zu (Ost-) Preußen.“ (Norgauer 1994, 34) Nach dem endgültigen Sieg über die Prußen, ließ der Deutsche Orden die eroberten Gebiete systematisch mit deutschen Siedlern besetzen und erwarb 1346 zusätzlich Estland von Dänemark ab. Die Prußen selbst verloren im Laufe der Jahre ihre eigenständige Kultur und gingen im Ordensstaat auf.

Dieser Übermacht waren die heidnischen Fürsten Litauens militärisch nicht gewachsen und schlossen 1386 mit Polen einen strategisch wichtigen Pakt: Der 35-jährige litauische Großfürst Jagiello heiratete die 12-jährige polnische Königin Hedwig, ließ sich dafür taufen und erhielt die Königswürde. Jagiello herrschte damit in Personalunion über die zwei selbstständigen Länder Polen und Litauen. Der Ordensstaat sah sich so aber einer für ihn bedrohlichen Kräftekonstellation gegenüber. Zwistigkeiten konnten anfangs noch diplomatisch geklärt werden, eskalieren aber am 15. Juli 1410 in der Schlacht von Tannenberg im südwestlichen Ostpreußen, die für den Deutschen Orden zu einer verlustreichen Niederlage gerät. Im ersten Thorner Frieden musste der Ordensstaat jedoch nur das Gebiet der heidnischen und aufständigen Schamaiten – ein Landstrich, der zwischen dem heutigen Westlitauen und Mittellitauen lag – an Litauen abgeben, das erst einige Jahre zuvor von Litauen an den Deutschen Orden abgetreten worden war. Dieses Gebiet war aber nie wirklich im Besitz einer der beiden Seiten gewesen, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte es weder der Deutsche Orden noch Litauen es zu erobern geschafft.

In den darauf folgenden Jahrzehnten stellten sich die Unstimmigkeiten zwischen Ritterorden und Bevölkerung als größte Gefahr des Ordens heraus. Nach der Gründung des Preußischen Bundes[42] und einem dreizehnjährigen Aufstand im Ordensgebiet mit Danzig als Zentrum, dem mehrere Ordensburgen, unter anderem die wichtige Marienburg, zum Opfer fielen, musste sich der Deutsche Orden nach Königsberg zurückziehen. Der Preußische Bund übernahm über den eroberten Teil – Gebiete entlang der heutigen, polnischen Ostseeküste – die Herrschaft unter der Oberhoheit des polnischen Königs Kasimir IV., blieb aber souverän. (Boockmann 1995, 216ff)

Nach mehreren erfolglosen Kriegszügen des Deutschen Ordens gegen die Polen und dem mit ihnen verbündeten Preußischen Bund, schlossen die Kriegsparteien 1521 in Thorn einen Waffenstillstand, Hochmeister Albrecht von Hohenzollern – unter anderem beeinflusst von Martin Luther – konvertierte daraufhin 1525 zum protestantischen Glauben und wandelte den geistigen Ordensstaat in das weltliche Herzogtum Preußen um, das dem Königreich Polen lehnspflichtig war. (Boockmann 1995, 231ff) Es erstreckte sich von der Memel bis zu einem schmalen Gebietsstreifen entlang der Weichsel. Nur die Gebiete Livland und Kurland konnte der Deutsche Orden noch bis 1532 halten, dann fielen auch sie an Polen. Obwohl viele Ordensritter abwanderten, konnten die deutschen Zuwanderer unter der Ägide Polens und der direkten Führung eines deutschen Herzogs ihre Lebensart beibehalten. In dieser Zeit wurde 1544 auch die protestantische Universität in Königsberg gegründet.

Das Herzogtum Preußen fiel in den folgenden Jahren durch Vormundschaft und gezielte Heirat an das Kurfürstentum Brandenburg unter Friedrich Wilhelm, der es in sein brandenburgisch-preußisches Staatsgebilde eingliederte und gegen den Willen der Ständen zentralistisch auszurichten begann. 1701 ließ sich Kurfürst Friedrich III. in Königsberg unter Duldung des Kaisers und des polnischen Königs August II. zum König in Preußen krönen. Möglich war dies nur, weil das Herzogtum Preußen rechtlich noch immer außerhalb der Reichsgrenzen lag. Und der König war „[...] mit Rücksicht auf die polnische Herrschaft über den Westen des Landes ein Herrscher nicht von, sondern in Preußen.“ (Boockmann 1995,308) Mit dem Titel wurden auch die westlich des ehemaligen Herzogtums Preußen gelegenen Gebiete Friedrichs III. schrittweise mit dem Namen „Preußen“ versehen. Der Titel bewirkte ein Zusammenschmelzen der vielen Ländereien des neuen Königs zu einem Staatsgebilde: „Die Krone Preußen sollte, ungeachtet ihrer schmalen und abgelegenen territorialen Grundlage, sehr bald als Versinnbildlichung der von Gott abgeleiteten monarchischen Gewalt der Hohenzollern verpflichtende Kraft entfalten und die ideelle Grundlage dafür bieten, daß die zwischen Rhein und Memel verstreut liegenden Länder des Brandenburgers zum preußischen Staat zusammenwachsen konnten.“ (Mast 2001, 75) Sein Nachfolger, König Friedrich Wilhelm I., versuchte das provinzielle Ostpreußen dem Entwicklungsstand seines restlichen Hoheitsgebietes anzupassen und richtete unter anderem eine straffe und zentralistische Verwaltungsstruktur ein. Es gelang ihm bis zu seiner Abdankung 1740, die Bevölkerung des stark ausgedünnten Ostpreußens hauptsächlich mit deutschen und österreichischen Siedlern um knapp 50 Prozent aufzustocken. (Raether 2004, 203ff)

Während des Siebenjährigen Krieges eroberte Russland 1757 und 1758 erstmals die Städte Memel und Königsberg. Innerhalb der vierjährigen Besatzungszeit durften aber Verwaltung und Universität ihre Tätigkeiten und die Königsberger Zeitung ihr Erscheinen weiter fortsetzen. Bis zur Herrschaft Napoleons wurde Preußen durch seine Herrscher kriegerisch stark verbreitert, sodass Ostpreußen jetzt auch territorial an das ehemalige Kurfürstentum Brandenburg angeschlossen war. Während Napoleon Anfang des 19. Jahrhunderts West- und Mitteleuropa in seinem Griff hatte, floh der preußische König Friedrich Wilhelm III. nach Ostpreußen. „So kam es, daß das kleine Memel (mit 5692 Einwohnern im Jahr 1809) vom 8. Jänner 1807 bis zum 15. Jänner 1808 königlich preußische Residenz war.“ (Norgauer 1994, 54) Ab 1808 residierte Wilhelm III. in Königsberg bis er dann 1809, auch im Interesse Napoleons, zurück nach Berlin ging. Die folgenden Kriegsjahre zogen Ostpreußen stark in Mitleidenschaft, da Königsberg und Vilnius auf der Route nach Moskau lagen. Napoleon sammelte beispielsweise rund 600.000 Soldaten in der Gegend um Königsberg, um in einem gewaltigen Angriff Russland vernichten zu wollen. Nach der napoleonischen Ära und dem Wiener Kongress von 1815 vereinigte der König von Preußen 1824 Ost- und Westpreußen zur gemeinsamen Provinz Preußen. Damit trat ein wirtschaftliches und demografisches Wachstum der Region ein, das sich Anfang der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in der Fertigstellung der 776 Kilometer langen Eisenbahnlinie von Berlin nach Königsberg zeigte. Schon um 1860 zählte Königsberg rund 75.000 Einwohner und war damit eine der bevölkerungsreichsten deutschen Städte. 1878 aber, wurden das 37.000 km2 große Ostpreußen und das 25.500 km2 große Westpreußen aus politischen und wirtschaftlichen Gründen wieder in zwei eigenständige Provinzen aufgeteilt. (Raether 2004, 299ff) Dies erschwerte den Fortschritt in der jetzt wieder von Berlin weit abgelegenen Provinz Ostpreußen.

Die ersten zwei Kriegsjahre des Ersten Weltkriegs bedeuteten für Ostpreußen, das in den strategischen Kriegsplanungen vernachlässigt wurde, wechselnde Besatzungen. Mehrer Vorstöße der Russen, teilweise bis in die Nähe der Weichsel, konnten immer wieder durch deutsche Truppen zurückgedrängt werden. Die Verluste unter der Zivilbevölkerung und die Beeinträchtigungen von Industrie, Infrastruktur und Landwirtschaft waren groß. Auch Memel wurde zeitweise durch die Russen erobert, konnte jedoch am 21. März 1915 wieder zurückerobert werden. (Stribrny 2002) „Die Kriegsschäden in Ostpreußen summieren sich auf 1,5 Milliarden Mark; betroffen sind 39 Städte und 1900 ländliche Ortschaften.“ (Raether 2004,349) Da Ostpreußen aber die einzige in unmittelbare Kampfhandlungen verwickelte deutsche Provinz war und blieb, begann mitten in einem totalen Krieg ein staatlich unterstützter Wiederaufbau mit reger Unterstützung aus der gesamten deutschen Bevölkerung. „Die ferne Provinz Ostpreußen mit ihren Opfern, Zerstörungen und Siegen tritt in das nationale Bewusstsein des ganzen Reiches.“ (Raether 2004, 349) Trotzdem dauerte der Wiederaufbau bis in die Mitte der Zwanziger Jahre hinein, denn auch Ostpreußen musste seinen Beitrag für die Kriegswirtschaft in den letzten Jahren des Ersten Weltkrieges leisten.

Nach der Kapitulation des Deutschen Reiches wurden in den Versailler Verträgen von 1919 auch die Grenzen der Staatsgebiete neu bestimmt. Mit Artikel 99 des Friedensvertrages[43] verlor das Deutsche Reich u.a. Teile Ostpreußens. So gingen die Kreise nördlich von Memel und Ruß, das heutige Westlitauen, als so genanntes Memelgebiet in alliierte Verwaltung über mit der möglichen Aussicht auf einen „Freistaat Memelland“. Im Januar 1923 nutzte Litauen die Gunst der Stunde in der Ruhrkrise, um das Thema Memelgebiet zu seinen Gunsten zu entscheiden. Einen Tag vor der Annexion des Ruhrgebietes durch die Belgier und Franzosen ließ es das Memelgebiet von litauischen Freischärlern okkupieren. Belege für eine Absprache der litauischen Regierung mit den Franzosen gab es zwar nicht, jedoch aber Indizien für eine Zusammenarbeit mit den Russen. Eine Konzentrierung der Roten Armee an der polnischen Grenze sollte Polen abschrecken, im Memelgebiet einzugreifen. (Blomeier 1998, 200) Proteste aus offiziellen Kreisen Berlins werden laut, doch inoffiziell hatte die Deutsche Reichsregierung den Litauern schon längst grünes Licht für ihre Aktion gegeben. Das Memelland war immer eine Funktion der deutschen Polenpolitik gewesen, so Tauber, und die Deutschen ermutigten sogar die Litauer, in Memel einzugreifen, „[...] aus Angst, dass sich Franzosen und Polen dort festsetzen. Da war Litauen schlicht und ergreifend das kleinere Übel. [...] Und da spielt natürlich auch eine Rolle, dass Litauen mit Polen in der Vilnius-Frage Streit hatte. Für die deutsche Politik war es dann ganz gut, wenn der Feind meines Feindes mein Freund ist.“ (Tauber, Anhang A, 116)

Die Alliierten konnten der deutschen Bevölkerung – die in den Städten mehrheitlich vertreten war, in den ländlichen Gebieten aber die Minderheit stellte – nur wage einen autonomen Status versprechen. Litauen garantierte nach der Eingliederung ihres Territoriums den Memeldeutschen 1924 immerhin weitgehende Autonomierechte, auch der memelländische Landtag blieb bestehen. Eine Volkszählung von 1925 bewies ein relativ hohe Anzahl Deutscher: Das Memelgebiet zählte „bei 2.417 Quadratkilometern Fläche 141.645 Einwohner, von denen 43,5 Prozent als deutsch, 25,2 Prozent als memelländisch (was darunter auch immer zu verstehen war) und 27,6 Prozent als litauisch bezeichnet [wurden]“ (Mast 2001, 174). Die Deutschen machten nach der Eingliederung dementsprechend nur noch 1,4 Prozent der litauischen Gesamtbevölkerung aus. Eine Zählung des Deutschen Reiches im Jahr 1944 ergab, dass 134.000 Deutsche im Memelland lebten. 129.000 davon galten als alteingesessene deutsche Bevölkerung. (Bundesministerium für Vertriebene (Hrsg.). Band 1, 7E)

Am 22. März 1939 trat Litauen unter erheblichen Gewalt- und Kriegsandrohungen aus dem nationalsozialistischen Berlin das Memelgebiet wieder an Deutschland ab. Es wurde dem Gau Ostpreußen zugeordnet und unterstand dem zuständigen Gauleiter Erich Koch[44], der besonders für seinen autokratischen Führungsstil bekannt gewesen war. (Hüttenberger 1969, 52f) Die Rückgabe war „[...] die Revision einer nicht nur in Ostpreußen als besonders ungerecht empfundenen Bestimmung des Vertrages von Versailles. Dieser Vertrag hatte das Memelgebiet überhaupt erst geschaffen. Die Grenze zwischen Litauen beziehungsweise seinen Nachfolgestaaten und Preußen war seit 1422 nicht verändert worden.“ (Boockmann 1995, 413) An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass die Litauer mit dem Abschluss eines Grenzvertrages vom 28. Januar 1928 zwischen dem zum Deutschen Reich noch gehörenden Ostpreußen und Litauen das Memelgebiet durch die Deutschen als faktisch anerkannt sahen. Dies war jedoch bis zur Bestätigung der Oder-Neiße-Grenze als Ostgrenze Deutschlands 1990 unter Bundeskanzler Helmut Kohl von der deutschen Politik abgelehnt worden.[45]

Mit der Besetzung des Memelgebietes durch die Litauer im Januar 1923 und die am 23. März 1939 erzwungene Rückgabe an Hitler-Deutschland wurde das über die Jahrhunderte gepflegte Miteinander von Deutschen und Litauern gestört: „Nach der Rückgliederung unter der Herrschaft des blinden Nationalsozialismus und der nationalen Überheblichkeit [wurden] auch bald litauischsprachige Gottesdienste verboten, die für die Preußisch-Litauer bis dahin selbstverständlich gewesen waren; Beschilderungen waren wieder nur einsprachig deutsch.“ (Norgauer 2004, 76 f) Gleichzeitig sind von 1939 bis 1941 in dem von der Sowjetunion durch einen Beistandspakt ab 1939 indirekt kontrollierten und durch den erzwungenen Beitritt zur sowjetischen Union am 3. August 1940 direkt beherrschten Litauen etwa 50.000 Litauendeutsche in das Deutsche Reich gemäß des Ribbentrop-Molotow-Vertrages vom 28. September 1939 zwangsausgesiedelt worden. (Jonge 1998/1999[46] )

Nach der deutschen Niederlage von Stalingrad rückte ab 1943 die russische Armee Richtung Westen vor. Gauleiter Erich Koch erlaubte erst am 7. Oktober 1944 die Räumung des Memelgebietes, so dass zwar noch viele versuchten, über den Seeweg nach Pillau oder Königsberg zu flüchten, doch die meisten den russischen Einheiten nicht mehr entkommen konnten. Die Rote Armee eroberte bis zum 15. Oktober 1944 ganz Nordostpreußen bis zur Memel. „Etwa 100.000 Menschen waren im Memelland und in den östlichen Grenzkreisen in die Hand der Russen gefallen.“ (Schumacher 1994, 319) Sie mussten russische Gräueltaten, Plünderungen und willkürliche Zerstörungen über sich ergehen lassen. „Erstmals wird sichtbar, dass die eigenen Untaten in Russland nun zu unkontrollierten Racheakten an der deutschen Zivilbevölkerung führen.“ (Raether 2004, 421) Nur die Städte Königsberg und Memel wurden noch gehalten. Memel fiel schließlich am 28. Januar 1945. „Von den etwa 134.000 Einwohnern des Memellandes flüchtete die große Mehrheit, über sechs Siebentel, in den Jahren um 1945 nach Westen. [...] Mit der Vertreibung wurden außerdem die niederdeutsche Mundart des Memellandes und auch die preußisch-litauischen Mundarten zum Tode verurteilt.“ (Norgauer 1994, 80) Nach dem Einmarsch der Russen und der abgeschlossenen Rückkehrbewegung lebten noch rund 250.000 bis 300.000 Deutsche nördlich der neu gezogenen Grenzlinie zwischen Polen und der Sowjetunion – ein Viertel davon in Königsberg. (Bundesministerium für Vertriebene (Hrsg.). Band 1, 88E)

Im jetzt sowjetisch-litauischen Memelgebiet verblieben bis in die 1950er Jahre noch etwa 15.000 - 20.000 Memelländer (Hermann, Arthur zit. n. Kibelka 1997, 124), zum Teil kehrten sie nach dem Krieg wieder aus Deutschland zurück oder wurden zur Rückkehr aus der sowjetischen Besatzungszone gezwungen. Einige überlebten den Krieg im Memelgebiet, andere wurden auf der Flucht von der Roten Armee eingeholt. Doch obwohl sie jetzt Staatsbürger der UdSSR waren, wartete auf sie Zwangsarbeit, Schikane, ideologische Umerziehung, neue Besitzverhältnisse und die Einführung der Kolchose. Viele von ihnen wurden zum Arbeiten nach Sibirien deportiert. Nur wenige konnten erfolgreich Repatriierungsanträge stellen und ausreisen (Kibelka 2002, 36ff). Mit der Unterzeichnung des Spätaussiedlerabkommens von 1958 bot sich für viele die letzte Chance, das russisch besetzte Memelgebiet offiziell Richtung Westdeutschland oder DDR zu verlassen. „Aber einige sind auch geblieben, weil sie den Sprung nicht mehr gewollt haben, einige lebten in Mischehen, wo dann der russische oder litauische Partner nicht aussiedeln wollte. Nach dem Exodus von 1957/1958 bis 1960/1961 sind aber nur kleine Restbestände Deutscher übrig geblieben.“ (Tauber, Anhang A, 124) Bei einer Erhebung zur Bevölkerungs-Zusammensetzung in Litauen bekannten sich 1989 noch exakt 2.058 Personen zu Litauern deutscher Volkszugehörigkeit. Damit hatte sich der Anteil der Deutschen an der litauischen Gesamtbevölkerung von vormals 1,4 Prozent auf 0,1 Prozent marginalisiert (Schmidt 1993, 100f)

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass das Memelgebiet erst am 7. April 1948 offiziell in das sowjetische Staatsgebiet eingegliedert worden ist und somit nicht der neu geschaffenen Sowjetrepublik Litauen von Anfang an automatisch angehörte. (Gornig 1991,62) Ein Grund dafür könnte auch die rechtliche Unsicherheit über den territorialen und völkerrechtlichen Status des Memellandes gewesen sein, obwohl schon im Londoner Protokoll vom 12. September 1944 die zukünftige Größe Deutschlands nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges in den Grenzen vom 31. Dezember 1937 festgelegt wurde. (Rauschning 1962, 86ff) Die Sowjetunion hatte also aus juristisch-politischer Sicht erhebliche Argumentationsprobleme, den Besitz des Memellandes klar und eindeutig zu rechtfertigen. Gornig betont resümierend, dass „das Memelland [...] erst mit dem Wirksamwerden des Vertrages über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland vom 12. September 1990 endgültig aus der territorialen Souveränität des fortbestehenden Deutschen Reiches entlassen“ wurde. (Gornig 1991, 137)

Im Viermächte-Abkommen von Potsdam vom 2. August 1945 wurden Königsberg und das Memelgebiet der UdSSR bis zu einer abschließenden Friedensregelung zugesprochen. Anweisungen zur Überführung der Deutschen nach Deutschland, wie in den Verträgen der Potsdamer Konferenz festgehalten und von Polen in großer Eilfertigkeit vorgenommen, gab es weder für das jetzt sowjetische Königsberg noch das Memelland. (Mast 2001, 164ff) Vielmehr setzten die Russen jede Arbeitskraft zum Wiederaufbau ein, denn nach der kriegsbedingten Flucht der meisten Deutschen gab es in diesen Gebieten einen großen Arbeitskräftemangel. Viele zurückgebliebene Deutsche starben unter den schweren Bedingungen. Erst ab 1947/1948 durften die Überlebenden teilweise das jetzt in Kaliningrad umbenannte Königsberg und die nördlich gelegenen ehemaligen ostpreußischen Gebiete bis zur Stadt Memel verlassen. Das erwähnte Spätaussiedlerabkommen von 1958 ermöglichte dann für viele Deutschstämmige die Ausreise in die DDR bzw. BRD. Für die Sowjetunion wurde das Memelgebiet und Königsberg ein wichtiges militärisches Aufmarschgebiet und sie schloss es für alle Ausländer. Erst gegen Ende der Achtziger war es Ausländern wieder erlaubt, nach Königsberg oder in das ehemalige Memelgebiet zu reisen.

3.2 Deutsche Besiedlung in Litauen

„Nach der amtlichen Volkszählung des Freistaates Litauen von 1923 waren von den insgesamt 2.028.971 Einwohnern des Landes 29.231 Deutsche. [...] Es ist von einem sogenannten Streudeutschtum zu sprechen, das sich im wesentlichen aus Bauern und Handwerkern zusammensetzte und infolgedessen einer Intelligenzschicht, aus der Führungskräfte hätten hervorgehen können, entbehrte.“ (Mast 2001, 174) Stossun merkt hier an, dass durch das komplizierte und teilweise unverständliche Erhebungsverfahren mehr als 10.000 Deutsche fälschlicherweise als Litauer gezählt wurden. Die Volkszählung habe die drei Siedlungsgebiete Ostlitauen, Mittel- und Nordlitauen und ein kleines Gebiet im Südosten Litauens an der Grenze zu Ostpreußen, sowie Kaunas mit inbegriffen. Knapp 85 Prozent aller Litauendeutschen hatten damals in dieser Region gelebt ohne jedoch ein geschlossenes deutsches Siedlungsgebiet zu bewohnen. (Stossun 1996, 472)

Die Zuwanderung in litauische Städte begann im Mittelalter. Besonders die zum Protestantismus übergetretenen litauischen Großeigentümer holten deutsche Bauern, Handwerker und Kaufleute in ihr Land. Im Osten und Nordosten Litauens kauften wenige deutschbaltische Adelsfamilien Agrarland großflächig auf. Die Wanderungsbewegungen der Bauern nach Ost- und Mittellitauen führten zur Gründung der Städte Johannesburg (Schoden) und Birsen (Birsai). Nach Mast lebten um 1840 trotz des sich verstärkenden russischen Einflusses noch etwa 600 bis 700 Deutsche in Kaunas und kontrollierten unter anderem die Memelschifffahrt. In Vilnius stellten sie einen großen Teil der Handwerkerschaft dar. (Mast 2001, 175) Auch an der Hauptschule des Litauischen Großfürstentums, der späteren Universität Vilnius, lehrten ab dem späten 18. Jahrhundert deutsche Wissenschaftler, unter ihnen bekannte Forscher wie Johann Georg Forster oder Ferdinand Spitznagel als Gastdozenten.

Mit der in Litauen später als in Westeuropa begonnen Industrialisierung waren auch deutsche Erfahrungen auf diesem Gebiet gefragt. Deutsche zogen deshalb vermehrt als einfache Arbeiter, Eisenbahnarbeiter, Techniker oder Leiter großer Industriebetriebe nach Litauen. So lebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts beispielsweise etwa 4.500 Deutsche, auch bedingt durch zwei bedeutende deutsche Eisenwerke, in Kaunas. Dies bedeutete für die damaligen Verhältnisse eine enorme Steigerung innerhalb der letzten 60 Jahre des 19.Jahrhunderts. Da sich die meisten Kaunasser Deutschen in dem Vorort Schanzen niederließen, wurde er neben Kybarten zur größten deutschen Kolonie in Litauen. Trotz allem bildeten die Deutschen in Litauen eine heterogene Gruppe, die sich außerhalb der Städte nicht sonderlich hervortat und ihren Aktionsradius zumeist auf die örtliche, protestantische Kirchgemeinde beschränkte. (Stossun 1996, 355f) Damit erklärt sich auch die paradoxe Situation, „[...] dass es zwischen den Memeldeutschen und den Litauendeutschen praktisch keine Beziehungen gab. Das waren völlig verschiedene Lebensauffassungen – die Memeldeutschen sahen sich eben als Reichsdeutsche und die Litauendeutschen aus ihrer Sicht als eine Diaspora von einfachen Bäuerchen.“ (Tauber, Anhang A, 118f)

Nach Repressalien durch die katholische Kirche und die im Land stehenden Russen, verschafften die russische Revolution von 1905 und der Erste Weltkrieg den Deutschen in Litauen neue Möglichkeiten sich weiterzuentwickeln. Zuvor waren die protestantische Kirche und ihre Gemeinden wichtigster Dreh- und Angelpunkt der Litauendeutschen. Die evangelisch-lutherische Kirche war „eine entscheidende Stütze der deutschen Kultur und vor allem auch der deutschen Sprache und [genoss] deshalb einen hohen Stellenwert im Leben der Deutschen in Litauen. Gleichermaßen wichtig war ihre Funktion als einzige überregionale Organisation der Deutschen in Litauen vor dem Ersten Weltkrieg“ (Stossun 1996, 358). Ein Beispiel für solche neuen Entwicklungen war die Einrichtung von Grundschulen durch die deutsche Heeresleitung im Ersten Weltkrieg für das neu geschaffene Gebiet Ober-Ost. Kurz darauf, mit dem Ende des Krieges, spürten auch die Deutschen in Litauen die Auswirkungen des Vertrages von Versailles. Der neu entstandene litauische Nationalstaat versuchte das Einheitsgefühl zu stärken und Minderheiten zu unterdrücken. Ein Ergebnis war das Verbot der Einstellung von deutschen Lehrern, das die Zahl der Volksschulen bis 1938 auf sechs reduzieren ließ. Die Litauendeutschen organisierten sich daraufhin und gründeten 1920 aufgrund des neuen Minoritätenrechts die wenig erfolgreiche Partei der Deutschen Litauens, die nach der Auflösung des litauischen Landtages 1926 ihre Bedeutung vollständig verlor. 1924 ging aus dem „Verein Deutsche Oberschule von 1920 e.V.“ der „Kulturverband der Deutschen Litauens“ hervor. Er wurde zum wichtigsten Organisator der deutschen Bevölkerung in Litauen und „hatte 1932 über 2.000 Mitglieder, die in 24 Ortsgruppen zusammengeschlossen waren. (Tätigkeitsbericht des Kulturverbandes, zit. n. Stossun 1993,10) Er publizierte zwischen 1931 und 1941 die Deutschen Nachrichten für Litauen während die Partei der Deutschen Litauens die Litauische Rundschau von 1920 bis 1929 herausgab. Der Kulturverband gründete zudem eine Deutsche Oberrealschule, die sich später zu einem Deutschen Gymnasium weiterentwickelte. (Stossun 1996, 474) Durch die Abänderung des Grenzvertrages im geheimen Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Paktes vom 28. September 1939 fiel nicht nur Litauen der Sowjetunion zu, sondern es wurden auch 50.142 Deutschstämmige von Januar bis März 1941 vertragsgemäß in das Deutsche Reich ausgesiedelt. (Stossun 1996, 487) Nach der Eroberung Litauens durch Truppen des Deutschen Reiches wurden etwa 20.000 Aussiedler wieder zurück nach Litauen zwangsumgesiedelt, um kurze Zeit später vor den Russen wieder zu fliehen oder als Überlebende des Zweiten Weltkrieges als Zwangsarbeiter im zerstörten Litauen eingesetzt zu werden, bis auch hier die meisten von ihnen Ende der 50er Jahre als Spätaussiedler in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen konnten. (Mast 2001, 179f)

4. Deutschsprachige Zeitungen in Litauen

2006 gibt es weltweit zirka 3.000 deutschsprachige Auslandsmedien, die zu einem großen Teil in der Internationalen Medienhilfe (IMH) organisiert sind. Die IMH ist ein Verband für die fremdsprachigen Medien in Deutschland, Österreich und der Schweiz und zum anderen für die deutschsprachigen Medien außerhalb dieser drei Länder. Mitglieder bekommen „bestimmte Dienstleistungen wie Nachrichtenlieferungen, Interessenvertretung hier in Deutschland oder Hilfe bei der Abonnenten- und Werbeakquisition. Kurz gesagt bekommen sie all das, was sie selber nicht oder nur sehr schwierig machen können“ (Akstinat, Anhang A, 126). Von den 3.000 deutschsprachigen Auslandsmedien sind etwa zehn Prozent Tages- und Wochenzeitungen. Ihnen geht es meistens schlecht, sie leben am finanziellen Abgrund. Nicht zuletzt weil ihnen die Leser ausgehen, sei es durch Emigration nach Deutschland oder dass sie schlichtweg altersbedingt sterben und die nachfolgenden Generationen entweder zu stark mit dem Aufnahmeland assimiliert sind oder sie einfach nicht mehr in diesem Land wohnen: „Die meisten Zeitungen von Sao Paule bis St. Petersburg könnten ohne zusätzliche materielle oder finanzielle Unterstützung im Rahmen des Minderheitenschutzes oder der Internationalen Medienhilfe oder des Instituts für Auslandsbeziehungen längst nicht mehr überleben. Nicht wenige werden wohl aufgrund der schwindenden Leserschaft in den kommenden Jahren vollständig eingestellt.“ (Rosenkranz 2003, 25) Wagner geht in diesem Zusammenhang hart mit den deutschen Minderheiten in Osteuropa ins Gericht: „Die Publikationen der Minderheiten sagen mehr über deren Verfassung aus als über die Dynamik des heutigen Ostmitteleuropas. Es sind, außer den weitgehend assimilierten Deutschen in Polen und Ungarn, sehr kleine Gruppen, die ihre Rolle von früher längst nicht mehr wahrnehmen können, sondern eher ein Schattendasein im Geflecht von marginaler Existenz, Subventionen, Vorzeigediplomatie, landsmannschaftlichem Interesse und Altersheim führen.“ (Wagner 2005, 50)

Trotzdem ist seit 1990 die Anzahl deutschsprachiger Medien um zehn Prozent (Burgard 2004, 6) gestiegen. Die wenigsten Zeitungen richten sich noch streng nach der ureigenen Klientel, nach den Angehörigen der deutschen Minderheiten. Aus wirtschaftlichen Nöten heraus müssen sich die deutschsprachigen Auslandspublikationen einem breiteren Publikum öffnen. „Geschäftserfolg geht da vor Heimatliebe.“ (Mielke 1999, 19) Dabei haben sich nach Wagner drei Kategorien herausgebildet: Publikumszeitungen, Zeitungen der deutschen Minderheiten und Wirtschaftsblätter (2005, 50). Die Baltische Rundschau hat hier eine Zwitterfunktion eingenommen, zuerst versuchte sie sich von der deutschen Minderheit loszukoppeln, um sich dann sowohl als Publikums-, wie auch als Wirtschaftszeitung in deutscher Sprache zu etablieren. Ein Spagat, der bei einer professionelleren Geschäftsführung Erfolg gehabt hätte, schließlich bieten gerade die reisefreudigen Deutschen ein oftmals unterschätztes Potenzial für deutschsprachige Medien in den jeweiligen Urlaubsorten: „Die über 40 Millionen Deutsche, die jedes Jahr ins Ausland reisen, geraten zunehmend ins Visier deutschsprachiger Zeitungen. Zwar gibt es Bild längst auch in Palma, doch steht da nicht drin, wo abends die Musik spielt.“ (Rosenkranz 2003, 25)

Das Potenzial liegt in den lokalen Nachrichten und Veranstaltungshinweisen, garniert mit Wissenswertem über Land und Leute, das dem Reisenden in seiner Muttersprache vor Ort angeboten wird. Und genau darauf sollten sich die meisten deutschsprachige Auslandsmedien einstellen, um überleben zu können. Diese Änderung der Ausrichtung funktioniert nur, wenn das Sub-Sub-System Enklavenpublizistik, wie es Reiner definiert hat, die Änderungen der Umwelt reflektieren kann um sich als Reaktion darauf den neuen Gegebenheiten anzupassen. Kurzfristig scheint es nur eine Verlängerung der beschriebenen Zeitgrenze der Enklavenpublizistik zu sein, längerfristig besteht hier, dank redaktioneller und verlegerischer Flexibilität, generell nicht nur in Litauen die Chance einer Etablierung der Minderheitenpresse durch eine Neudefinierung als journalistische Dienstleistung für Reisende und Geschäftsleute.

Eine deutschsprachige Minderheitenpresse gab es in Litauen nicht bis Anfang der Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Erst durch die litauische Besetzung des Memelgebietes 1923, das aufgrund der Versailler Verträge seit 1919 unter französischem Protektorat stand, wurde die dort lebende – ehemalige ostpreußische Bevölkerung – zur Minderheit im Staat Litauen und damit ihre Periodika automatisch zu einer Minderheitenpresse. Die bekannteste deutschsprachige Publikation in Nordostpreußen war damals das Memeler Dampfboot, das 1849 gegründet, schon ab 1872 täglich herausgegeben wurde und bis 1945 erschien. Trotz der Annexion des nördlichsten Zipfels des Deutschen Kaiserreiches, dem Memelland, durch die litauische Regierung im Januar 1923, durften deutsche Zeitungen weiterhin existieren, weil Kaunas dem Memelgebiet einige autonome Rechte einräumte. In dieser Zwischenkriegszeit gründeten sich viele Zeitungen, Beispiele sind die Memelländische Landeszeitung, gegründet 1919, die Memel Zeitung, gegründet 1923, die Memeler Allgemeine Zeitung, gegründet 1928, oder der Ostsee Beobachter, gegründet 1935. Der Umfang dieser Zeitungen betrug jeweils nur wenige Seiten, die Erscheinungsweise variierte zwischen täglicher und wöchentlicher Periodik. Wie lange diese Zeitungen letztendlich am Markt waren, konnte in der Bearbeitungszeit dieser Arbeit nicht vollständig geklärt werden. Ein definitives Ende für alle deutschsprachigen Medien war aber der Rückzug der deutschen Armee aus Litauen 1944/1945.

Die Zwischenkriegszeit belebte nicht nur den deutschsprachigen Zeitungsmarkt im Memelgebiet, sondern auch den im ehemaligen Großlitauen, vornehmlich aber in Kaunas, der damaligen Hauptstadt. Hier erschienen unter anderem Die Neue Zeit ab 1919, die Litauische Rundschau - Lietuvos apzvalga ab 1920 als Organ der Partei der Deutschen Litauens, das Evangelische Gemeindeblatt für Litauen: Monatsschrift für christliches Leben und Wirken ab 1922 oder die Deutschen Genossenschafts-Nachrichten für Litauen: Monatsschrift für das Deutschtum Großlitauens ab 1930. Die Deutschen Nachrichten für Litauen, gegründet im Januar 1931 als ein Organ des Kulturverbandes der Deutschen in Großlitauen, war eine der letzten Neugründung einer deutschsprachigen Zeitung in Litauen bis zum November 1989, als Die Deutschen Nachrichten für Litauen wiederbelebt wurden durch den Verein der Deutschen in Klaipeda.

Tauber sieht das memelländische Pressesystem in der Zwischenkriegszeit als ausgewogen in Bezug auf deutsche und litauische Publikationen und zudem als sehr weit entwickelt. Manche Zeitungen wurden von den Regierungen in Berlin und Kaunas subventioniert. Als die „klassischen Metaphern eines Volkstumkampfes“ bezeichnet Tauber die Fremdfinanzierungen. (Anhang A, 120) Den Regierungen ging es hier um Einflussnahme, denn das Memelgebiet war für beide Seiten von wichtigem innenpolitischem Wert. „Die eine ist die ,Heim-ins-Reich’-Strategie und die andere Strategie soll den Autonomiestatus unterhöhlen bis man das Memelgebiet als völlig normales Teil des litauischen Staatsgebietes betrachten kann.“ (Tauber, Anhang A, 121) In diesem Konfliktpotenzial bewegte sich auch die deutsche Presse bis zum März 1939. Verstärkt wurde es ab 1933 durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland. Auch im Memelgebiet stieg die Unterstützung für Adolf Hitler, versprach man sich doch dadurch den Wiederanschluss an das Deutsche Reich. Ob allerdings die deutsche Presse im Memelgebiet vor 1939 auch zentral gelenkt wurde, vermochte Tauber nicht zu sagen. „Aber ich denke, dass sich dies gar nicht vermeiden ließ und es entsprach auch der Stimmung des Großteils der Bevölkerung, dass man ähnlich wie die Deutschen Nachrichten für Litauen relativ positiv aus dem Deutschen Reich berichtet hat. Wobei das Memeler Dampfboot immer eine bürgerlich-liberale Zeitung war, aber es ist mir wiederum nicht in Erinnerung, dass die Zeitung als Organ gegen die Nazis aufgetreten ist.“ (Anhang A, 122).

Im Folgenden werden exemplarisch die drei wichtigsten Zeitungen bzw. Zeitschriften für die Deutschen im Memelgebiet und in Großlitauen kurz beschrieben. Die Auswahl des Memeler Dampfboots begründet sich darin, dass sie, wie erwähnt, eine der ältesten und größten Tageszeitungen des vormaligen Nordostpreußens, des späteren Memelgebietes, war und auch seit dem Ende des Zweiten Weltkrieg von Deutschland aus als monatliche Heimatzeitung herausgegeben wird. Die Deutschen Nachrichten für Litauen sind die einzig nennenswerte Publikation der deutschen Minderheit in Mittel- und Ostlitauen, dem früheren Großlitauen, die in den Dreißiger Jahren in Kaunas gegründet und mit der Unabhängigkeit Litauens 1989, als eine Art monatliches Mitteilungsblatt neu aufgelegt wurde. Und schließlich die Baltischen Briefe: Sie erschienen erstmalig 1948 in Westdeutschland und existieren bis heute als Monatszeitschrift für die in aller Welt lebenden Deutschbalten.

4.1 Das Memeler Dampfboot

Diese kurze Zusammenfassung der Geschichte des Memeler Dampfbootes fußt einzig auf der Jubiläumsausgabe vom 21. Juli 1999 zum 150-jährigen Bestehen.[47] Das Memeler Dampfboot war eine der ältesten und erfolgreichsten deutschsprachigen Tageszeitungen in Nordostpreußen bzw. im späteren Memelgebiet. Die erste Ausgabe erschien ein Jahr nach der Revolution von 1848 am 3. Juli 1849 in der Stadt Memel, die damals 10.000 Einwohner hatte. Hergestellt wurde sie in der Buchdruckerei Teubert und Stobbe. Seine Gründer gehörten der liberalen Revolutionsbewegung an, bezeichneten ihr Blatt als eine anständige und eben liberal geleitete Zeitung. Für die ersten 23 Jahre war August Stobbe alleiniger Drucker und Verleger. Bis 1850 erschien das Memeler Dampfboot zweimal, dann dreimal die Woche. 1852 kam das Memeler Kreisblatt hinzu, das zugleich die Reichweite erhöhte. Der Verleger Willy Siebert, Inhaber der Memeler Zeitung, kaufte 1872 die Druckerei und das Memeler Dampfboot. Nach einer Modernisierung des Betriebes, erschien die Zeitung täglich, jedoch mit einer kleineren Seitenanzahl, aber dafür wurde ein erster Redakteur eingestellt: der fast sechzigjährige Rabbiner Dr. J. Rülf, aus Hessen stammend und in der Stadt Memel lebend.

Mit dem ersten Januar 1895 bekam das Memeler Dampfboot eine erste direkte Telefonverbindung nach Berlin eingerichtet und zu Beginn des 20. Jahrhunderts brachte die Industrialisierung eine wichtige Veränderung für die Zeitung: Eine Rotationsmaschine löste die handbetriebene Schnellpresse ab. Zusätzlich unterstützte eine Linotype-Setzmaschine den zeitaufwändigen Handsatz. So war die Herstellung der Zeitung nicht mehr zu zeitaufwändig gewesen. Nach sechzehn Jahren Redaktionsarbeit wurde Rülf dann 1898 durch den Münchener Ludwig Sochaczewer ersetzt, der in den Jahren vorher maßgeblichen Anteil an der Einführung des telefonischen Nachrichtendienstes in der Redaktion des Memeler Dampfbootes hatte. Damit konnten nicht nur aktuelle Nachrichten aus Memel und den angrenzenden Kreisen zeitnah gedruckt werden, sondern auch aus dem Deutschen Reich, Westeuropa oder den USA. Ab der Jahrhundertwende wechselten die Redakteure in kürzeren Abständen. 1908 konnte das Memeler Dampfboot 5.600 Abonnenten in der Stadt zählen, die zu diesem Zeitpunkt bereits 21.000 Einwohner hatte. Der vierteljährliche Abonnentenpreis betrug zwei Mark. Bei Zustellung per Boten mussten noch einmal 50 Pfennige zusätzlich gezahlt werden.

Der Erste Weltkrieg brachte eine immense Auflagensteigerung für das Memeler Dampfboot, da die deutschen Truppen im Baltikum mit neuesten Nachrichten versorgt sein wollten. Nach der Besetzung des Memelgebietes durch Litauen[48] musste der Königsberger Hauptschriftleiter Robert Leubner seine Position räumen, weil er jetzt als Ausländer galt und ihnen war es per litauischem Gesetz verboten, Chefredakteur einer memelländischen Zeitungen zu sein. Der aus dem Schuldienst kommende Martin Kakies aus Schwarzort wurde sein Nachfolger. Er setzte sich für die Erhaltung und Stärkung des Deutschtums unter litauischer Besatzung ein. Das Memeler Dampfboot konnte so seine Popularität weiter steigern und hatte Mitte der dreißiger Jahre eine Auflage von 17.000 Stück erreicht. Für die Litauisch sprechende Bevölkerung bot der Dampfboot-Verlag ab 1888 die so genannte Lietuwiszka Ceitunga an, die es immerhin auf eine Auflage von rund 4.000 Exemplaren schaffte. Mit der erzwungenen Rückgliederung des Memelgebietes in das Deutsche Reich 1939, wurde auch das Memeler Dampfboot in eine zentral gesteuerte, nationalsozialistische GmbH überführt. Am 8. Oktober räumte aufgrund der Kriegssituation die Redaktion in Memel ihren Sitz und brachte am 6. Februar 1945 die letzte Ausgabe in Heiligenbeil heraus.

Ende 1948 Anfang 1949 gründeten Friedrich Wilhelm Siebert und H.A. Kurschat im westdeutschen Oldenburg erneut das Memeler Dampfboot als Memeler Rundbrief. Der Titel Memeler Rundbrief war nötig, weil die Besatzungsmächte nur Rundbriefe und Mitteilungsblätter für Vertriebene zuließen. Am 5. Januar 1950 erschien die Zeitung dann wieder unter ihrem alten Namen Memeler Dampfboot – diesmal aber als Monatszeitung. Im Jahr 1972 musste Siebert, exakt 100 Jahre nachdem sein Großvater den Dampfboot-Verlag gekauft hatte, die Druckerei an die Firma Köhler & Foltmer (später Köhler) verkaufen, die sie bis heute noch in Oldenburg druckt. Die Herausgeberschaft ist mit dem Tod Sieberts 1983 auf die Arbeitsgemeinschaft der Memellandkreise übergegangen. Das Memeler Dampfboot existiert auch heute noch im 158. Jahrgang und hat eine aktuelle Auflage von 5.000 Exemplaren pro Monat.[49] Thematisch richtet sich das heutige Memeler Dampfboot eng an der Leserschaft aus: Auf den ersten Seiten wird hauptsächlich über aktuelle Ereignisse im Memelgebiet bzw. über Veranstaltungen der Memeldeutschen in Deutschland berichtet. Dann folgen in der Regel historische Abhandlungen oder Geschichten aus der früheren Heimat. Zudem gibt es viele Leserbriefe und Mitteilungen der verschiedenen Memellandgruppen, einen kleinen Terminkalender und den obligatorischen Teil der Todes-, Geburts- oder Familienanzeigen. Seit der Ausgabe 11/158 liegen alle drei Monate die Deutschen Nachrichten für Litauen in ihrem ursprünglichen Layout bei.

4.2 Die Deutschen Nachrichten für Litauen

Die Deutschen Nachrichten für Litauen wurden am 11. Januar 1931 erstmals vom „Kulturverband der Deutschen Litauens“ als „Wochenschrift für das Deutschtum Litauens“ herausgegeben. Zuvor waren die Deutschen in Litauen nicht wirklich über ihre kleinen protestantischen Gemeinden hinaus organisiert gewesen, was an der fehlenden deutschen Intelligenzschicht in Litauen lag. Der Kulturverband, der 1924 aus dem „Verein Deutsche Oberschule 1920 e.V.“ hervorging, brachte nicht nur die Deutschen Nachrichten für Litauen von 1931 bis 1941 heraus, sondern entwickelte sich zum wichtigsten Organisator deutscher Aktivitäten in Litauen. Die Deutschen Nachrichten für Litauen waren demzufolge das erste „überregionale Organ der Litauendeutschen und zwei Themen dominierten: zum einen war es die religiöse Freiheit und zum anderen waren es die wenigen Minderheitenschulen mit deutscher Unterrichtssprache. Und ab Januar 1933 kann man feststellen, dass auch relativ positiv über die Änderungen im Deutschen Reich berichtet wird“ (Tauber, Anhang A, 118). Pathetisch steht im Editorial der ersten Nummer geschrieben: „Unsere ,Deutschen Nachrichten’ sind das unzerreißbare geistige Band des einheimischen Deutschtums und werden uns immer Zusammenhalt, Einmütigkeit und Glauben an die Zukunft erkämpfen. [...] Nur waren wir verstreut und unbekannt in der eigenen Mitte. Keine Kunde drang von der einen Gemeinde zur anderen herüber. [...] Unsere ,Deutschen Nachrichten gehen den Weg der Aufrichtung unseres einheimischen Volkstums.“ (DNfL, Jahrgang 1, Nr. 1, 1) Und die Artikel orientieren sich eng an dieser Vorgabe. Typisch waren beispielsweise Artikel „über die Amtseinführung eines protestantischen Pfarrers [oder über] die Auseinandersetzung mit den litauischen Behörden über die Minderheitenschulen“ (Tauber, Anhang A, 124). Trotz des hereinbrechenden Zweiten Weltkrieges konnten sich die Deutschen Nachrichten für Litauen noch bis 1941 halten. In der dem Zweiten Weltkrieg folgenden Okkupationszeit durch die Sowjetunion waren in der sowjetischen Unionsrepublik keine Möglichkeiten gegeben, in der Sprache des ehemaligen Hitler-Deutschlands zu publizieren.

Erst im Frühjahr 1989, mit den Auswirkungen der Perestroika und dem Beginn der so genannten singenden Revolution in den drei baltischen Ländern, wurde auch den Minderheiten wieder das Recht auf Eigenorganisation gegeben. Die deutsche Minderheit aus der Hafenstadt Klaipeda, dem ehemaligen Memel, nutzte diese Chance und gründete am 23. April 1989 den Verein der Deutschen Klaipedas, der heute noch offiziell 640 Mitglieder zählt. Im November desselben Jahres brachte der Verein die Deutschen Nachrichten für Litauen im halbrheinischen Format neu heraus – thematisch der Tradition verpflichtet: „Wir haben über unseren Verein berichtet und über die Vergangenheit und die Stadt Klaipeda und Litauen. Und zuletzt hatte sich unsere Redakteurin Jovita schon mit Nachrichten aus dem Königsberger Gebiet beschäftigt. Und eine Seite war immer nur den Aktivitäten unseres Vereins gewidmet.“ (Piklaps, Anhang A, 155) Zusätzlich werden Nachrichten der deutschen Botschaft in Wilna veröffentlicht. Die Deutschen Nachrichten für Litauen erscheinen monatlich und kontinuierlich von November 1989 bis März 2005. Der Umfang betrug acht Seiten: vier Seiten auf Deutsch und vier Seiten auf Litauisch mit identischem Inhalt. Laut Piklaps wäre die Zeitung auch schon vor dem Zweiten Weltkrieg zweisprachig erschienen (Anhang A, 154), aber Nachforschungen des Autors konnten keine zweisprachige Ausgabe ausfindig machen. Möglich ist auch, dass der litauische Teil bei der Archivierung für die Nationalbibliothek in Vilnius herausgenommen wurde. Eine abschließende Klärung dieser Frage war im Untersuchungszeitraum nicht möglich und ist für die Arbeit auch nicht notwendig.

Die erste Ausgabe der Deutschen Nachrichten für Litauen verantwortete Evaldas Geistoraitis. Er schrieb auf Litauisch. Übersetzt wurde es durch Gerhard Sedelies, dem damaligen Vereinsvorsitzenden. Anfang der Neunziger Jahre arbeiteten auch die Kulturassistenten des ifa oder der Bosch-Stiftung an der Zeitung mit. Das Hauptproblem blieb aber immer, dass niemanden gefunden werden konnte, der deutscher Muttersprachler war, eine journalistische Ausbildung genossen hatte und sich in seiner Freizeit unentgeltlich um die Zeitung kümmerte. Deshalb mussten Texte immer wieder übersetzt werden und dementsprechend holprig lasen sich teilweise die Redakteursbeiträge der Deutschen Nachrichten für Litauen. Während der letzten fünf Jahre arbeitet Jovita Sauleniene als leitende Redakteurin für die Zeitung.

Finanzielle Unterstützung erhielt der Verein anfangs durch die Arbeitsgemeinschaft der Memelländer (AdM) und den Bund der Vertriebenen (BdV) in Form von Abonnements. Nachdem die Unterstützung durch die AdM nach kurzer Zeit wieder ausgelaufen ist, blieb der Zeitung nur noch die feste Einnahmequelle von 153 monatlichen Abonnements, die der BdV bezahlte und an deutschsprachige Zentren in den ehemaligen GUS-Staaten verschicken ließ. Die restliche Auflage betrug 2004 immerhin 1.500 Exemplare im Monat, wurde an die Vereinsmitglieder oder über die Kioske in Klaipeda verkauft. Der Druck einer solchen Auflage kostete circa 3.500 Litas. Der Preis betrug am Ende pro Ausgabe 1,5 Euro für die Abonnenten bzw. ermäßigte 1,5 Litas (ca. 0,44 Euro) für Vereinsmitglieder und Einheimische. (Piklaps, Anhang A, 155)

Aber auch der BdV kündigte 2004 die Abonnements auf. Da keine Anzeigenakquise betrieben wurde, war eine Weiterarbeit aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr möglich, auch wenn es noch den Willen dazu gab: „Wir hätten auch weitergemacht, nur um zu zeigen, dass wir noch existieren. Aber wir konnten es einfach nicht mehr finanzieren.“ (Piklaps, Anhang A, 157) Mit der Märzausgabe 2005 wurden die Deutschen Nachrichten für Litauen eingestellt, bekamen aber im Spätherbst des Jahres über den AdM, der Herausgeber des Memeler Dampfboots ist, die Möglichkeit angeboten, alle drei Monate vier Seiten im A4-Format und im gleichen Layout der Druckausgabe des Memeler Dampfboots beizulegen. Das Problem liegt aber bis heute darin, dass die Seiten in Deutschland redaktionell zusammengestellt werden und das Memeler Dampfboot ebenfalls hauptsächlich dort vertrieben wird. Damit ist nicht nur der direkte Bezug zum Verein der Deutschen Klaipedas verloren gegangen, sondern auch die vier Seiten auf Litauisch wurden hinfällig: „Im Memeler Dampfboot braucht die litauische Ausgabe nicht mit beigelegt zu werden. Seine Leser lesen auf Deutsch und wir hätten zwei weitere Seiten, um mehr über uns zu schreiben.“ (Piklaps, Anhang A, 154) Schließlich sei die litauische Variante für diejenigen Vereinsmitglieder oder Litauer gewesen, die des Deutschen nicht so mächtig sind, aber trotzdem Interesse an der Zeitung bzw. am Verein hatten.

Mit der Einstellung der Deutschen Nachrichten für Litauen wurde nicht nur die größte Vereinszeitung der deutschen Minderheit in Litauen eingestellt, sondern auch der einzige, wenn auch sehr kleine Konkurrent der Baltischen Rundschau. Das Ende der Deutschen Nachrichten zeigte aber auch das geringe wirtschaftliche Potenzial, eine Vereinszeitung für die Deutschen in Litauen zumindest kostendeckend zu produzieren. Hier spielten auch die schon angesprochenen Fakten eine Rolle, dass die deutsche Minderheit in Litauen sehr heterogen ist, es keinen Dachverband gibt und die deutsche Sprache oftmals nur schlecht beherrscht wird. Demzufolge existiert – so mutmaßt der Autor – auch nur ein bedingtes Interesse, monatliche Nachrichten auf Deutsch zu abonnieren oder am Kiosk käuflich zu erstehen. Die Deutschen Nachrichten für Litauen waren aber durch ihren stark ausgeprägten Vereinscharakter auf dieses spezielle Publikum angewiesen. Mit einer Erweiterung ihres Leserkreises auf Westeuropa hätten sie zwangsläufig mit dem Memeler Dampfboot konkurriert.

4.3 Die Baltischen Briefe

Auch wenn die Baltischen Briefe sich explizit nicht an die aus Litauen bzw. dem Memelgebiet vertriebenen Deutschen wendet, sollen sie hier kurz vorgestellt werden, da es auch der Anspruch der Baltischen Rundschau gewesen ist, Lettland und Estland redaktionell mit abzudecken bzw. die dort lebenden deutschen Minderheiten mit in die Berichterstattung einzubinden. Im Gegenzug war es natürlich auch von Interesse für die Baltische Rundschau, Deutschbalten als Abonnenten in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu erreichen. Als Deutschbalten gelten die Bewohner der ehemaligen deutschen Siedlungsgebiete in Estland und Lettland, (Nord-) Ostpreußen werden hingegen die damaligen Bewohner des Memellandes an der heutigen Westküste Litauens bezeichnet.

[...]


[1] Zur Begriffsunterscheidung von „Zeitung“ und „Zeitschrift“ in Bezug auf die Baltische Rundschau: Zeitung wird von den Redakteuren der Baltischen Rundschau nicht im Sinne der Tageszeitung verwendet, da die Baltische Rundschau nicht mindestens zweimal pro Woche erscheint und auch keinen aktuellen politischen Teil besitzt (Wilke 1997, 385), sondern aufgrund des Layouts, das einer Zeitung nachempfunden ist, dem Druck auf Zeitungspapier und der Blattstruktur, die in Bereiche wie Politik, Wirtschaft, Kultur oder Service eingeteilt war. Vielmehr aber würde die Baltische Rundschau zur Reihe der kulturpolitischen Zeitschriften zählen, die nicht nur einen begrenzten Leserkreis haben, sondern sich auch inhaltlich spezialisiert haben. (Wilke 1997, 407) Trotzdem haben alle Befragten die Baltische Rundschau in den Interviews als Zeitung bezeichnet. Der Autor hat diese Bezeichnung übernommen, um Irritationen zwischen Fließtext und Zitaten zu vermeiden.

Die Baltische Rundschau variiert zwischen einer Monatszeitschrift und einer Wochenzeitung. Wochenzeitungen charakterisieren sich durch eine reduzierte Nachrichtenvielfalt und bieten ausführliche Kommentare, Analysen und Hintergrundberichte. Aktuelle Geschehnisse sollen so in größere Zusammenhänge eingeordnet werden. (Meyn 2004, 101) Monatszeitschriften erscheinen monatlich und haben einen begrenzten Leserkreis, der sich bei der Baltischen Rundschau ausschließlich auf diejenigen beschränkt, die Deutsch lesen und verstehen können.

[2] Dieser Gruppe werden die Deutschstämmigen aus Lettland und Estland zugeordnet.

[3] 1994 gab es nur die erste Ausgabe im Dezember und wurde dem 1995er Jahrgang mit zugerechnet.

[4] Siehe auch Kapitel 4.

[5] Diese permanente Auseinandersetzung mit dem äußeren System in Bezug auf sein eigenes System wird als reflexiv bezeichnet. Reflexivität bedeutet allgemein, dass sich etwas auf sich selbst bezieht. Der Verweisungscharakter kann nur durch genügende Positionierung stattfinden (hohe Autonomie notwendig), durch kumulative Züge und je mehr sich das Wissen eines Feldes kumuliert, desto ausdifferenzierter werden die Unterfelder.

[6] Autonomie bedeutet, dass das Funktionieren eines Feldes nach eigenen Regeln abläuft. Die Autonomie eines Feldes ist ablesbar an der Interesselosigkeit, an feldinternen Normen und Sanktionen, die die spezifische Vernunft des entsprechenden Feldes ausmachen. Das Prinzip der internen Hierarchisierung vs. der externen Hierarchisierung ist an den Punkten der geringen Orientierung am „breiten Publikum“ (Nichterfolg), dem Subsystem einer Gesellschaft (= gesellschaftliche Folgenlosigkeit) und der geringen Mobilität zwischen den Feldern auszumachen. (Bourdieu 2001, 340ff)

[7] Sowohl in oralen Gesellschaften als auch in Schriftkulturen unterteilt sich in Jan Assmanns Werk zum kulturellen Gedächtnis die kollektive Erinnerung in klar voneinander abgegrenzte Pole. Dieses Gegensatzpaar (Dichotomie) benennt er als kulturelles und kommunikatives Gedächtnis. (Assmann 2000, 48ff) Das kulturelle Gedächtnis dient der Konstitution und Reproduktion kollektiver Identität durch die gleichzeitige Berufung auf Einheit und Eigenart. Die soziale Identität wird durch Interaktion aufgebaut und reproduziert, aber zirkuliert wird der „kulturelle Sinn“, d.h. der Vorrat gemeinsamer Werte, Erfahrungen, Erwartungen und Deutungen, der die „symbolische Sinnwelt“ bzw. das „kulturelle Gedächtnis“ einer Gesellschaft bildet. Assmann sieht die Funktion des kulturellen Gedächtnisses also in der Vermittlung und Weitergabe des identitätssichernden Wissens und des außeralltäglichen Sinns d.h. in der Erweiterung und Komplementation der Alltagswelt und damit die Reproduktion der kulturellen Identität. Die Archivierung des außeralltäglichen Sinns fordert zwangsläufig eine gewisse Alltagsenthobenheit und Alltagsentpflichtung seiner Träger. Das kulturelle Gedächtnis als eine Form des kollektiven Gedächtnisses wird bzw. kann daher exklusiv von speziellen Wissensbevollmächtigten getragen werden. Formelle Prüfungen oder bestimmte Kommunikationsformen dienen u.a. als so genannte „Eintrittsgelder“ und machen eine diffuse Partizipation unmöglich. (Assmann 1991, 24)

[8] Siegfried Lamnek stellt diese beiden sozialwissenschaftlichen Paradigmen in seinem Buch zur qualitativen Sozialforschung gegenüber: „Im quantitativen Paradigma dient die Inhaltsanalyse, also der Erhebung von Daten. Die Auswertung, also der Versuch der Falsifikation einer Hypothese, bleibt statistischen Verfahren vorbehalten.“ Dagegen würde sich die qualitative Inhaltsanalyse am interpretativen Paradigma orientieren. Eine Auswertung des erhobenen Materials muss in diesem Fall erfolgen, d.h. „sie dient der Interpretation symbolisch-kommunikativ vermittelter Interaktion in einem wissenschaftlichen Diskurs“. (Lamnek 1989, 168)

[9] Doppelnummern gab es 1995 für die Monate Mai/Juni und August/September, 1996 für die Monate Juli und August, 1997 für Januar/Februar (Diese Doppelausgabe Anfang Februar ist gedruckt worden, jedenfalls laut Editorial dieser Ausgabe, weil ab diesem Zeitpunkt die Baltische Rundschau zum Monatsanfang erscheinen sollte.), Mai/Juni und Dezember/Januar, 1998 für Juli/August und Dezember/Januar, 1999 für August/September und Dezember/Januar, 2000 - 2003 für Juli/August und Dezember/Januar, 2004 für Juli/August und 2005 für Juni/Juli.

[10] Genauer dazu in Kapitel 5.2.

[11] Die Gesellschafter Ingwar-Heinrich Lotz, Bruno Kaspar und Judith B. Lewonig waren zu gleichen Teilen beteiligt. Geschäftsführer wurde Bruno Kaspar, Ingwar-Heinrich Lotz blieb Chefredakteur, genauso wie Judith B. Lewonig seine Stellvertreterin.

[12] Die Gründe für die Einstellung werden in Kapitel 4 aufgezeigt.

[13] Eine Ausnahme von der Regel ist Ingwar-Heinrich Lotz als Russlanddeutscher.

[14] Durch eigene Erfahrungen als Praktikant hat der Autor im Frühjahr 2003 festgestellt, dass Ingwar Lotz nur auf dem Papier Chefredakteur gewesen ist. Lotz selbst gibt im Interview an, dass er mit dem Zeitpunkt der Übergabe im Juni 2001 auch keinen Einfluss mehr auf die Geschicke der Zeitung genommen hat bzw. nehmen konnte. Dieser Fakt wird sowohl von Lemke für die Jahre 1996 und 1997 (Anhang A, 82) als auch von Lewonig (Anhang A, 98) bestätigt.

[15] Nur in der Januar/Februar-Ausgabe von 1997 wird sein Name im Impressum nicht abgedruckt.

[16] Siehe Anhang A, 68ff.

[17] Die ausführliche Fehlerdiskussion wurde in der Einleitung behandelt.

[18] Die statistischen Angaben zu Bevölkerung, Geografie und Religion Litauens in diesem Abschnitt sind - wenn nicht anders gekennzeichnet - der offiziellen Homepage des Statistikdepartments der litauischen Regierung entnommen (www.std.lt [28.6.2006]). Alle Angaben zu Lettland und Estland sind der offiziellen Homepage des Auswärtigen Amtes (www.auswaertiges-amt.de [3.7.2006]) entnommen.

[19] Siehe auch Aleksaite, Irena / Bumblauskas, Alfredas et. al. 2001, 94ff und Venclova 2002, 63ff.

[20] Informationen zu biografischen Daten von Valdas Adamkus wurden der Homepage http://www.president.lt/seima/ [3.7.2006] entnommen, Daten zum aktuellen politischen Geschehen in Litauen dem CIA The Worldfact Book unter http://www.cia.gov/cia/publications/factbook/geos/lh.html#Govt [3.7.2006] und der Homepage des Auswärtigen Amtes unter http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laender/Litauen.html. [3.7.2006]

[21] Im Kapitel 2.4 wird genauer auf die litauische Mediengesetzgebung und die Medienregulierung eingegangen.

[22] Siehe auch Kapitel 2.4.

[23] In Litauen hatten sich hauptsächlich die Skandinavier in die Medienmärkte eingekauft: „Orkla Media“ aus Norwegen ist Besitzer der Tageszeitung Kauno diena. „Bonnier Media“ aus Schweden ist Teilhaber an der täglich erscheinenden Wirtschaftszeitung Verslo Zinios. Der ebenfalls norwegische Medienkonzern „Schibstedt“ hält 67 Prozent der Anteile an Litauens größtem Zeitschriftenverlag „Zurnalu Leidybos Grupe“. Stärker vertreten sind ausländische Investoren im Fernsehbereich: Der Sender LNK gehört zu 15 Prozent der in Luxemburg gemeldeten Investitionsgesellschaft „Amber Trust S.C.A.“ (USA), die Sender TV3 und Tango TV gehört zu 100 Prozent der schwedischen „Modern Times Group/Kinnevik“ und Baltijos TV zu ca. 74 Prozent der niederländischen „Polaris Finance B.V.“ und zu ca. 25 Prozent der polnischen „Polsat Baltic SIA“. Die privaten Radiostationen sind im Eigentum litauischer Privatpersonen oder Firmen. (Studie des Europäischen Medieninstituts, 2004, 125f) Im Juli 2004 ist BTV von der litauischen Achemos Gruppe aufgekauft worden. Ebenfalls zur Achemos Gruppe von Bronislovas Lubys gehören die Radiocentras -Gruppe, die Zeitung Lietuvos zinios („Litauischen Nachrichten“) und die litauische Nachrichtenagentur BNS. (Ebert 2004, 5f)

[24] Der MG-Baltic Group von Darius Mockus gehört seit Januar 2003 auch die litauische Nachrichtenagentur ELTA, die vormals die staatliche Nachrichtenagentur gewesen ist. (Ebert 2004, 5)

[25] Vgl. http://www.aidas.lt/about.htm [3.7.2006]

[26] Hier muss ein generelles Problem in Litauen benannt werden: Da es keine unabhängige Institution gibt, die die gemeldeten Auflagenzahlen prüft, beruhen die Angaben in Umfragen und in den Titelköpfen sowie in den Impressen allein auf den Angaben der jeweiligen Herausgeber.

[27] Quelle: http://www.veidas.lt/lt/apie [3.7.2006]

[28] Auf den ersten drei Plätzen liegen Panele (8,4 Prozent), Laima (6 Prozent) und Moteris (5,5 Prozent) gefolgt von dem Kreuzworträtselmagazin OHO (4,7 Prozent) und einem Magazin zu den Themen Medizin und Gesundheit (4,6 Prozent).[28] Panele und Moteris gehören zur Zeitungsgruppe Lietuvos rytas, Laima wird von der „Zurnalu Leidybos Grupe“ herausgegeben. Panele ist ein Magazin für Mädchen und junge Frauen zwischen 14 und 19 Jahren mit Mode- und Lifestyleinhalten. Moteris und Laima bedienen Frauen ab 19 Jahren mit ähnlichen Inhalten, nur mit mehr Geschichten über bekannte Menschen.

[29] Stilius ist ebenfalls ein Frauenmagazin, das über das Leben der High Society und über „Beauty & Style“-Themen berichtet. Zmones ist ähnlich der deutschen Gala konzipiert mit Geschichten über das Leben bekannter Litauer.

[30] http://www.tns-gallup.lt/en/disp.php/en_surveys/en_surveys_48?ref=/en/disp.php/en_surveys [3.7.2006]

[31] In Artikel 25 heißt es:

(1) Jeder hat das Recht auf eigene Überzeugungen und sich frei zu äußern.
(2) Niemand darf daran gehindert werden, Informationen oder Ideen zu suchen, zu erlangen und zu verbreiten.
(3) Die Freiheit seine Überzeugungen zu äußern, sowie Informationen zu erlangen und zu verbreiten darf nur durch ein Gesetz beschränkt werden, wenn dies erforderlich ist zum Schutze der Gesundheit, der Ehre und Würde, der Privatsphäre einer Person, oder zum Schutze der verfassungsmäßigen Ordnung.
(4) Die Meinungsfreiheit soll unvereinbar sein mit der Begehung strafbarer Handlungen – die Anstachelung zu nationalem, rassistischem, religiösem oder sozialem Hass, zu Gewalt oder Diskriminierung, üble Nachrede und Fehlinformation.
(5) Die Bürger sollen das Recht haben, jegliche verfügbare Information, welche sie betrifft von den Behörden zu erlangen. Das Nähere regelt ein Gesetz.

Des Weiteren untersagt Artikel 44 der Verfassung jegliche Zensur der Massenmedien und beinhaltet die Regelung zur Verhinderung von Monopolen in den Massenmedien, die von Institutionen oder Privatpersonen ausgehen. (Diese Übersetzung der litauischen Verfassung ist erschienen in: Kevin; Ader; Fueg; Pertzinidou; Schoenthal 2004, 122.)

[32] „Herausgeber und Journalisten [sollen] Informationen nicht als Handelsgut betrachten; [...] Sachinformationen und Kommentar sollen eindeutig voneinander getrennt werden. Journalisten sollen [...] ihre Informationsquellen kritisch hinterfragen; ihre Identität und ihre Intentionen bei der Suche nach Informationen korrekt darstellen; Die Informationsbeschaffung soll in ethisch vertretbarer und gesetzmäßiger Weise erfolgen. [...] Die Annahme von Schmiergeldern und die Verwendung erlangter Informationen zur persönlichen Bereicherung sind zwingend zu unterlassen.“ (Kevin; Ader; Fueg; Pertzinidou; Schoenthal 2004, 122f).

[33] Auch die Direktorin des Vilniusser Journalistikinstitutes, Audrone Nugaraite, sieht den Kodex als eine Hilfe, um die Gesellschaft vor einer unethischen Berichterstattung zu schützen: „Mass media Codes of Ethics help to protect society from the unethical behaviour of the mass media. They also help mass media workers to resist the pressure of one`s conscience. (Nugaraite, Anhang B, 27) Jetzt muss die Zukunft zeigen, ob sich Journalisten und Verleger den Ethikkodex zu Eigen machen oder ihn weiterhin unbeachtet im Bücherregal verstauben lassen. Schon 2002 schuf Respublika eine ethisch bedenkliche Situation, als sie sich einer speziellen Förderung der Regierung nicht verschließen konnten, obwohl sie sich bekanntlich 1990 als politisch unabhängig erklärt hatte: „Oft finden sich hier Inserate verschiedener Ministerien. Laut Medienbeobachtern hat das zur akuten Zahmheit der früher kämpferischen Zeitung entscheidend beigetragen.“ (Peer 2002, S. 23f) Dazu passt ein Bericht der OSZE aus dem Jahr 2003. Demzufolge wird in den litauischen Medien vereinzelt nicht ausreichend klar getrennt zwischen bezahlter Werbung und Sachinformation.[33] Bei dieser Missachtung des Ethikkodex bleibt Nugaraite nur noch der Sarkasmus: Der Kodex sei zwar obligatorisch, „but sometimes it`s just a nice document, specially it`s very good for reading before sleeping“ (Nugaraite, Anhang A, 149).

[34] Annual Review of Media Surveys 2006, 9. Fehlende Prozent auf 100 sind Außenwerbung, Kinowerbung, Internetwerbung und Sonstiges.

[35] Das Vertrauen der Litauer in die katholische Kirche betrug 2002 64,7 Prozent, an zweiter Stelle folgten die Medien mit 63,7 Prozent. An dritter Stelle lag Präsident Valdas Adamkus mit 50 Prozent. Am Schluss der Statistik rangierten die politischen Parteien mit 6,8 Prozent. (Balcytiene 2002, 24)

[36] Dieses Kapitel ist als Übersicht angelegt und kann die Geschichte der deutschen Besiedlung in Litauen nicht in seiner ganzen Komplexität abhandeln, weil dies dem Thema der Arbeit nicht gerecht geworden wäre.

[37] 1989 gab es 2052 Deutsche, 1980 gab es 3998 Deutsche. (Juskauskaite Anhang A, 135)

[38] litauischer Zensus von 2001: http://db.stat.gov.lt/sips/Dialog/varval.asp?ma=gs_dem25en&ti=Population+by+ethnicity+and+mother+tongue++&path=../Database/sipsen/s7en/p71en/demography/&lang=2 [13.8.2006]. (ab hier: Zensus 2001)

[39] Siehe auch Kapitel 4.

[40] Damit liegen die Deutschen nach den Angaben des litauischen Departments für Minderheiten an sechster Stelle nach den Polen, Russen, Weißrussen,. Ukrainern und Juden und vor den Tartaren, Letten, Zigeunern und Armeniern. Die Zahlen berufen sich auf eine vorerst letzte Zählung der ethnischen Minderheiten aus dem Jahr 2001. (Zensus 2001) [14.8.2006].

[41] Die Stadt Memel ist das heutige Klaipeda und wurde 1252 in der so genannten Großen Wildnis als Verbindungsort zwischen den beiden Orden unter dem Namen Memelburg vom livländischen Orden gegründet. Eine hauptsächliche Gefahr für den Ort bedeuteten die permanenten Angriffe der Schamaiten, so dass die Holzburg schon 1253 durch eine Steinburg ersetzt wurde. (Norgauer 1994, 32ff)

[42] Der Preußische Bund gründete sich 1440 und war eine Vereinigung der wichtigsten Städte des Ordenslandes und des Landadels gegen den Deutschen Orden und seinen damaligen Hochmeister Paul von Rusdorf. (Boockmann 1995, 203)

[43] „Deutschland verzichtet zugunsten der alliierten und assoziierten Hauptmächte auf alle Rechte und Ansprüche auf die Gebiete zwischen der Ostsee, der in Art. 28 Teil II (Deutschlands Grenzen) des gegenwärtigen Vertrages beschriebenen Nordostgrenze Ostpreußens und den alten deutsch-russischen Grenzen. Deutschland verpflichtet sich, die von den alliierten und assoziierten Hauptmächten hinsichtlich dieser Gebiete, insbesondere über die Staatsangehörigkeit der Einwohner getroffene Bestimmungen anzuerkennen.“ [zit.n. RGB1. 1919, S. 687 ff. (869) (vgl. Dokument II.4); zit.n. Gornig 1991, 33]

[44] Erich Koch versuchte verstärkt ab dem Sommer 1928 über Intrigen Karl Kaufmann, Leiter des Gaues Ruhr, von seinem Posten zu verdrängen, wurde dann aber im Herbst von Hitler nach Ostpreußen versetzt, um die angespannte Lage im Gau Ruhr wieder zu beruhigen. (Hüttenberger 1969, 48f)

[45] „Mit dem Grenzvertrag ging es den Deutschen vielmehr um die Regelung einer technischen Frage. Man kann das aber auch in den diplomatischen Akten nachlesen, dass die deutsche Politik immer betont hat, dass man an guten Beziehungen zu Litauen interessiert ist, es aber eine Anerkennung der Memelgrenze nicht geben wird, denn, so hat einmal ein deutscher Außenminister gegenüber dem litauischen Außenminister formuliert, es sei ja bekannt, wie die deutsche Position zum Versailler Vertrag ist und die Grenzen mit Polen seien eben nicht als normale europäische Grenzen zu verstehen. Man sieht das auch im Locarno-Vertrag, der nur die Anerkennung der Westgrenzen beinhaltet. Stresemann hat aber nie den Gedanken der Franzosen auf ein Ost-Locarno aufgegriffen. Ganz im Gegenteil. Seine Argumentation war: Indem die Grenze im Westen garantiert wird, habe man die außenpolitisch diplomatische Möglichkeit, die Grenzen im Osten zu revidieren. Locarno entwertet so auch die polnisch-französische Partnerschaft, denn den Franzosen war es wichtig, ihre Grenze vordergründig anerkannt zu bekommen. Damit wird deutlich, dass die Wertigkeit der Grenze im Osten geringer war als die im Westen. Das war die deutsche Politik und bei Treffen zwischen litauischen und deutschen Regierungsvertretern wurde immer deutlich gemacht, dass die Frage der Ostgrenze des Deutschen Reiches irgendwann aufs Tapet gebracht werden würde.“ (Tauber, Anhang A, 117f)

[46] John de Jonge: http://jahrbuch.annaberg.de/jonge.html [25.4.2006] (ab hier: Jonge 1998/1999)

[47] Weitere Literatur, speziell zum Memeler Dampfboot, konnte der Autor trotz Recherche nicht ausfindig machen. Interviews mit dem Chefredakteur, mit Redakteuren oder Zeitzeugen hätten den Arbeitsrahmen für diesen Abschnitt weit überschritten. Einschränkend muss auch darauf hingewiesen werden, dass die Jubiläumsausgabe nicht als unabhängige Quelle herangezogen werden kann.

[48] Siehe Kapitel 3.1.

[49] http://www.media-daten.com/index.php;do=show_tarif/id=103689/type=p [9.7.06]

Ende der Leseprobe aus 276 Seiten

Details

Titel
Deutsche überregionale Presse in Litauen seit 1991 untersucht am Beispiel der Monatszeitung Baltische Rundschau
Hochschule
Universität Leipzig  (Kommunikations- und Medienwissenschaften)
Note
2,30
Autor
Jahr
2006
Seiten
276
Katalognummer
V91347
ISBN (eBook)
9783640130689
ISBN (Buch)
9783640141814
Dateigröße
1433 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Anhang A sind alle Interviews dokumentiert.
Schlagworte
Deutsche, Presse, Litauen, Beispiel, Monatszeitung, Baltische, Rundschau
Arbeit zitieren
Diplom-Journalist Carl Ziegner (Autor), 2006, Deutsche überregionale Presse in Litauen seit 1991 untersucht am Beispiel der Monatszeitung Baltische Rundschau, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91347

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