Die Wohnsituation alter geistig behinderter Menschen in Deutschland


Hausarbeit, 2010

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Klärung relevanter Begriffe

2. Zur gegenwärtigen Wohnsituation von Menschen mit geistiger Behinderung in Deutschland

3. Wohnformen
3.1 Heim
3.2 Wohngemeinschaft
3.3 Altenheime für Menschen mit geistiger Behinderung
3.4 Betreutes Wohnen in der eigenen Wohnung

4. Die Wohnsituation für älter werdende geistig und mehrfach behinderte Menschen im Land Bremen

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Bibliographie

Einleitung

Laut Wieland (1987) fand die Thematik „Ältere Menschen mit geistiger Behinde-rung“ bis zum Beginn der 1980er Jahre kaum Berücksichtigung in der Fachwis-senschaft, der Forschung und an den Universitäten. Aufgrund der massenhaften Ermordung von Menschen mit geistiger Behinderung in der Zeit des Nationalso-zialismus, wurde die Existenz dieses Personenkreises bis auf wenige Ausnahmen in Deutschland nicht beachtet.

„Man geht von etwa 120000 Opfern der Vernichtungsaktionen gegen Menschen mit geistiger Behinderung in der Zeit des Nationalismus aus. Deswegen ist erst mit dem „Nachwachsen“ der Nachkriegsgeneration die Aufmerksamkeit dafür entstanden, dass immer mehr Personen mit lebenslanger Behinderung ihre Ar-beitstätigkeit beenden und in den Ruhestand gehen. Bis in das kommende Jahr-zehnt wird diese Entwicklung voraussichtlich anhalten (Wacker, 2009, S. 3).

Deutschland hat eine Phase erreicht, in der geistig behinderte Menschen so alt werden können, dass wir uns Gedanken über die persönliche Entwicklung, die Versorgung, die Pflege und eine adäquate Wohnform dieser Menschen im Alter machen müssen.

„Das Alter des Menschen darf nicht nur eine Zeit sein, in der das Leben zu Ende geht und deshalb von Tag zu Tag weniger geschieht. Auch im Alter kann sich der Mensch noch entwickeln, seine Tage gestalten und das Leben aktiv leben. Des-halb gewinnt der Gedanke der Rehabilitation gerade auch für die alten Menschen zunehmend an Bedeutung“ (Rapp, Stubel, 1992, S. 8).

Um die Wohnsituation von alten Menschen mit geistiger Behinderung festzustel-len, muss eine umfassende Betrachtung von Lebensläufen, Lebensverhältnissen und –bedingungen innerhalb der jeweiligen gesellschaftlichen Situation erfolgen.

In der vorliegenden Arbeit wird die Fragestellung, wie sich die Wohnsituation alter geistig behinderter Menschen in Deutschland darstellt bearbeitet. Nach der Klärung relevanter Begriffe wird der Fokus auf die gegenwärtige Wohnsituation von Menschen mit geistiger Behinderung gelegt. Die abschließende Darstellung der Wohnsituation im Land Bremen soll die vorrangegangen Ausführungen bezo-gen auf ein Bundesland sammeln und den Handlungsbedarf für diesen Personen-kreis deutlich machen.

In der vorliegenden Arbeit wird durchgehend die männliche Schreibweise ge-wählt. Dies soll lediglich der besseren Lesbarkeit dienen und nicht als Diskrimi-nierung verstanden werden.

1. Kl ärung relevanter Begriffe

Bevor die Ausführungen und Inhalte dieser Arbeit dargestellt werden, müssen im Vorfeld die relevanten Begriffe wie demographischer Wandel, Alter, und Behin-derung definiert und erläutert werden für ein besseres Verständnis der Thematik.

Demographischer Wandel beschreibt die Veränderung der Bevölkerung, haupt-sächlich im Hinblick auf Größe und Altersstruktur. Die Faktoren in Deutschland sind sinkende Geburtenraten und eine steigende Lebenserwartung. Somit ver-schiebt sich die Altersstruktur in Deutschland.

„Mit demographischer Wandel wird gegenwärtig vor allem ein Umbruch in der Bevölkerungsentwicklung hochentwickelter Gesellschaften bezeichnet, der in den letzten Jahrzehnten zu einem weiteren Absinken der Geburtenhäufigkeit geführt hat. Da diese nicht mehr für die Reproduktion der Bevölkerung ausreicht, kann sich immer mehr eine folgenreiche Alterung und Schrumpfung derselben erge-ben“ (Hillmann, 2007, S. 141).

Unter dem Alter versteht man den Lebensabschnitt der sich an das Ausscheiden aus dem Berufs- und Erwerbsleben anschließt. Das Alter wird in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, u.a. Biologie, Jura, Medizin, Philosophie, Psycho-logie und Soziologie aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.

„Alter, Lebensabschnitt, dem nach soziokulturellen Wertvorstellungen und sozia-len Organisationsstrukturen einer Gesellschaft bestimmte Rollen und Verhaltens-2 weisen zugeordnet werden oder in dem nach spezifischen Einstellungen, Orientie-rungen und nach Reife und Informationsstand bestimmte soziale Positionen er-strebt werden. Dem biologischen Alter steht die soziale Bestimmung und Ein-schätzung des Alters gegenüber (Hillmann, 2007, S. 20).

Behinderung wird in der Fachliteratur unterschiedlich definiert. Ob jemand behin-dert ist, hängt auch von Faktoren der Umwelt ab, zum Beispiel wäre ein Rollstuhl-fahrer weniger in seiner Mobilität eingeschränkt, wenn Eingänge zu Geschäften, Ämtern, usw. ebenerdig gebaut oder mit Rampen oder Fahrstühlen versehen wä-ren.

Laut der Expertenkommission der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organisation, WHO) muss berücksichtigt werden, dass Behinderungen stets durch viele verschiedenen Faktoren entstehen, das heißt ein Zusammenspiel von ver-schiedenen Elementen zwischen Umwelt und der betroffenen Person (vgl. Berlin Institut, 2009).

Hat ein Mensch zum Beispiel das Augenlicht verloren hat, ist das erstmal ein kör-perliches, ein Gesundheitsproblem. Nun ist die betroffene Person aber auch in ihren Aktivitäten und sozialen Kontakten eingeschränkt: bestimmte Berufe und Freizeitaktivitäten können nicht mehr ausgeübt werden. Wie gut derjenige dann im Alltag tatsächlich zurechtkommt, hängt von seiner Persönlichkeit und den Menschen und den Bedingungen in seinem Umfeld sowie den gesellschaftlichen Normen ab.

In Deutschland ist eine Definition von Behinderung im Gesetz formuliert:

„(1) Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilha-be am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist“ (SGB XI, 2009).

Weiterhin wurde im Jahr 2002 das deutsche Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) verabschiedet, dessen Definition von Behinderung (BGG § 3) der im Sozi-algesetzbuch gleich ist.

In Deutschland hat jeder 12. Bundesbürger, also 6,7 Millionen Menschen, einen Schwerbehindertenausweis. 90% der Behinderungen entstanden in Folge einer Krankheit, nur jeder Zwanzigste hat eine angeborene Behinderung (vgl. stat. Bun-desamt, 2009).

Der Anteil der Menschen mit Schwerbehinderung steigt mit dem Alter an auf-grund des erhöhten Risikos für altersbegleitende chronische Krankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebserkrankungen und Diabetes (vgl. Berlin Institut, 2009).

Ca. 300000 Menschen haben eine „angeborene“ Behinderung. Diese Bezeichnung nutzt die Schwerbehindertenstatistik, wenn eine Behinderung schon im ersten Lebensjahr als solche erkennbar war (vgl. Schwerbehindertenstatistik, 2007).

„264000 Menschen mit Schwerbehindertenausweis wurde eine „Störung der geis-tigen Entwicklung“ als schwerste Behinderung attestiert. Jede zweite davon ist angeboren“ (Berlin Institut, 2009, S. 17).

Eine einheitliche Definition für geistige Behinderung und speziell für den älteren Menschen mit geistiger Behinderung ist bis heute nicht in der Fachliteratur zu finden. Allgemein formuliert, ist geistige Behinderung die Einschränkung der in-tellektuellen Fähigkeiten, die die Teilhabe beeinträchtigt.

Die Amerikanische Vereinigung für geistige Behinderung fasst geistige Behinde-rung als ein Zusammenspiel zwischen einer unterdurchschnittlichen Intelligenz (IQ von höchstens 70) und einer verminderten Anpassungsfähigkeit auf (vgl. Ber­lin Institut, 2009).

2. Zur gegenw ärtigen Wohnsituation von Menschen mit geistiger Behinderung in Deutschland

Wohnen zählt neben dem Bedürfnis nach Nahrung und Kleidung zu den mensch-lichen Grundbedürfnissen. Dem Begriff Wohnen werden Assoziationen wie „Le-ben an einem Ort“, „Verwurzelung an einem Ort“ oder „Räumlicher Lebensmit-telpunkt“ zugeordnet.

Für fast alle Menschen, ob mit oder ohne Behinderung, ist das Zuhause der wich-tigste Lebensort. Eine eigene Wohnung gibt Sicherheit und Kontinuität, man kann tun und lassen was man möchte, Einladungen aussprechen und so Beziehungen zu Anderen pflegen.

Die Wohnbedürfnisse von Menschen mit geistiger Behinderung im Alter kommen im Allgemeinen den Bedürfnissen der übrigen Bevölkerung gleich. Viele haben ebenso den Wunsch in einer eigenen Wohnung zu leben. Die Wohnverhältnisse haben großen Einfluss auf die Zufriedenheit und das Wohlbefinden, besonderes bei Menschen, deren Bewegungsmöglichkeiten – damit sind nicht nur körperliche, sondern auch Einschränkungen in der sozialen Teilhabe gemeint – begrenzt sind.

Wohnen ist ein wichtiger Lebensbereich, dies ändert sich auch für Menschen mit geistiger Behinderung im Alter nicht. „Angemessene Lebensbedingungen und eine anregende Wohnumgebung erscheinen unerlässlich für ein würdevolles Al-tern und den Erhalt der persönlichen Lebenszufriedenheit“ (Havemann, Stöppler, 2010, S. 136).

Eine grobe Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe gibt an, dass mindestens 70000 der Werkstattbeschäftigten privat bei der eigenen Familie wohnen (vgl. Berlin Institut, 2009, S. 25).

Rund 69% der zu Hause lebenden Menschen mit Pflegebedarf werden ausschließ-lich von Angehörigen unterstützt. Diese Möglichkeit fehlt Menschen mit geistiger Behinderung in den meisten Fällen, da sie keine eigene Familie gründen konnten beziehungsweise durften und die Eltern nach der Geburt eines behinderten indes oft keine weiteren Kinder bekommen und somit helfende Geschwister fehlen (vgl. Wacker, 2009). „154400 Menschen leben wegen einer „wesentlichen“ Behinderung in stationären Wohneinrichtungen, 50600 werden in der eigenen Wohnung von einem ambulan-ten Dienst betreut, 8200 leben in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft“ (Berlin Institut, 2009, S. 25).

Eine Umfrage unter jungen Erwachsenen mit einer geistigen Behinderung in Ba-den-Württemberg ergab, dass die meisten lieber mit dem Partner, der Partnerin oder in einer eigenen Wohnung wohnen würden als im Heim (vgl. Berlin Institut, 2009). 40 Prozent wünschen sich ein Zusammenleben mit dem Partner. Für insgesamt 20 Prozent der Befragten ist das Wohnen in der eigenen Familie das optimale Zuhau-se. Danach folgen Wohngemeinschaften, in denen die Mitbewohner selbst ausge-wählt werden können (20 Prozent). Nur 10 Prozent, das heißt jeder achte Befragte wünscht sich einen Platz in einem Heim (vgl. Berlin Institut, 2009).

Für Menschen im Alter, ob mit oder ohne geistige Behinderung, besteht der Alltag vor allem aus Wohnalltag. Ältere Menschen verbringen im Durchschnitt mehr als drei Viertel ihrer Zeit in ihrer Wohnung zu Hause, dies gilt auch für alte Men-schen mit geistiger Behinderung.

Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne geistige Behinderung zeigen sich unter anderem in der Wohnform. Leben ca. 95% der über 65-Jährigen in Deutsch-land in einer Privatwohnung – laut dem Statistischen Bundesamt handelt es sich dabei um Ein- (52,4%) oder Zweipersonenhaushalte (43,1%) – verbleiben Men-schen mit geistiger Behinderung in der Regel zusammen mit vielen anderen Men-schen mit Behinderung in Wohnheimen (vgl. Havemann, Stöppler, 2010).

Nach der Pensionierung, dem altersbedingten Austritt aus der Werkstatt erhöht sich die in der Wohnung verbrachten Zeit und somit der Wunsch nach einer Wohnform die den eigenen Bedürfnissen entspricht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Wohnsituation alter geistig behinderter Menschen in Deutschland
Hochschule
Hochschule Bremen  (Gesellschaftswissenschaften)
Veranstaltung
Gesundheitswissenschaften
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V913741
ISBN (eBook)
9783346212214
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Behinderung, Alter
Arbeit zitieren
Katharina Ramm (Autor), 2010, Die Wohnsituation alter geistig behinderter Menschen in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/913741

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