Die Bedeutung des Gattungs- und Fiktionalitätsbegriffs im „Erec“-Roman Hartmanns von Aue


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

16 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Verständnis von „Gattung“ im Mittelalter
1.1 Der mittelalterliche Gattungsbegriff
1.2 Reflektierte Fiktionalität im Werk

2. Analyse der Sattelbeschreibung im „Erec“-Roman
2.1 Wahrheitsbeteuerungen und Unfassbarkeit
2.2 Descriptio als Spiegel der Handlung
2.2.1 Antike Stoffe und Kosmos

3. Die Krönungsszene bei Chrétien und Hartmann

4. Zusammenfassung

1) Verständnis von „Gattung“ und „Fiktionalität“ im Mittelalter

Warum ist der Gattungs- oder Fiktionalitätsbegriff bedeutend? Muss man die Perspektive des Autors wirklich bis hin zur theoretischen Kategorisierung seines eigenen Werkes und zur Definition der jeweiligen Gattung kennen, um es angemessen interpretieren zu können?

Diese Fragen sollen hier an ausgewählten Beispielen behandelt werden.

1.1) Der mittelalterliche Gattungsbegriff

Um diese Fragen jedoch beantworten zu können, muss man sich zunächst vom heute herrschenden Begriff der „Gattung“ lösen, den wir hauptsächlich der Emanzipation der Schönen Künste[1] im 18. Jahrhundert verdanken. Da ein Gattungsbegriff als Fixpunkt also nicht gegeben ist, muss man sich andere Anhaltspunkte suchen. Hier hilft der Begriff der „systemprägenden Dominante“[2]. Tynjanov, der den Begriff prägte, ging hierbei davon aus, dass Strukturmerkmale solange unselbstständig bleiben, bis sie weiteren Strukturen und Inhalten zugeordnet werden, sodass sie „konstitutive Funktion“ gewinnen und eine selbstständige Gattung entsteht. Demgegenüber ist Croce der Ansicht, dass „[jedes wahre Kunstwerk eine festgelegte Gattung verletzt hat]“[3]. Er geht also von einem „[vorkonstituierten Erwartungshorizont]“[4] aus, der in seiner These das mittelalterliche Äquivalent zum Gattungsbegriff stellt.

Chrétien de Troyes hätte somit – wenn man diese Thesen zusammennähme - durch überspitzte, exponierende[5] und durch den Erzähler reflektierte Fiktion mit den Erwartungen an eine kosmotheologisch begründete Struktur gespielt und das genaue Gegenteil geschaffen. Die Regeln der frühmittelalterlichen Literatur wären nicht nur missachtet, sondern gezielt kontrastiert worden und – laut Croce – die einer neuen Gattung geschaffen worden.

Hartmann wiederum hat diesen Bruch in der Tradition erkannt, die neue Struktur aufgenommen und durch die Verarbeitung in seinem Werk – welches erwiesenermaßen keine bloße Übersetzung ist – die Gattung bestätigt. Der Gattungsbegriff lässt sich also, wenn man die Perspektive mittelalterlicher Autoren rekonstruieren will, vielfältig substituieren, sei es durch „systemprägende Dominante“, „Erwartungshorizont“ oder als Regelbruch, der durch Kontinuität Neues schafft, aber auch durch vieles mehr. Hier sollten nur einzelne Beispiele einen Einblick geben, um einen angemessenen Hintergrund für die spätere Analyse zu schaffen.

1.2) Reflektierte Fiktionalität im Werk

Nach dem Fokus auf das mittelalterliche Verständnis von „Gattung“ soll nun der Begriff der fictio in den Mittelpunkt treten, der in den Artusromanen von besonderer Bedeutung ist.

Der Begriff „fictio“ stand im Mittelalter zunächst für rhetorisches Beiwerk in Erzählungen, die diese vom alltäglichen Sprachgebrauch abgrenzten. Auch damals beinhaltete der Begriff schon den Kontrast zwischen wahr und falsch, konnte aber auch „verisimile“ - der Wahrheit ähnlich, also vorstellbar – bedeuten.[6] Der Begriff war also sehr vielschichtig und keineswegs eindeutig zu interpretieren. Die Autoren waren sich dieser Fakten und der daraus resultierenden, oft negativen, Haltung der Hörer gegenüber fiktiver Stoffe bewusst und zeigen dieses Bewusstsein ganz offensichtlich in ihren Texten.

Dass die Fiktionalität im Artusroman nicht nur bewusst reflektiert, sondern exponiert wird, ist offensichtlich. Denn ohne das fiktive Gerüst, den doppelten Cursus, ohne das fingierte Gesellschaftsideal des Ritters und der höfischen Dame in der Artuswelt und ohne fingierte Diskussionen mit Zuhörern wäre jeder Artusroman nur eine Aneinanderreihung sinnloser Episoden.[7] Allerdings glaube ich – wie Ridder – dass im Artusroman nicht die Fiktionalität selbst, sondern die Reflexion über Fiktionalität entdeckt wurde.[8] Die Fiktionalität selbst halte ich für ein zu offensichtliches Faktum, als dass sie in einer Zeit der mündlichen Tradierung erst hätte entdeckt werden müssen. Außerdem sind frühere Textzeugen bekannt, die bereits mit der Außerkraftsetzung kosmotheologischer Strukturen experimentierten, z.B. „Graf Rudolf“[9]. Chrétien und Hartmann reflektieren also die Fiktionalität ihrer Werke. Dies tun sie zunächst in der Struktur und in den kommentierenden Partien der Texte. Die Struktur des Werkes, die zuvor durch Gottes Führung erklärt wurde, wird nun durch ein vom Autor selbst gebildetes Konstrukt ersetzt. Hierbei werden bewusst Verbindungen zur extratextuellen Realität gemieden, um die Existenz der fiktiven Welt und der mit ihr verknüpften Ordnung möglichst offensichtlich erscheinen zu lassen und um die Rechtfertigung der geschaffenen Ordnung zu erleichtern.[10]

Mit der Fiktionalität wird – bei Hartmann noch mehr als bei Chrétien[11] – die Sprecherrolle reflektiert.[12] Die Autoren bauen Diskussionen mit fiktiven Zuhörern, Reflexionen der Erzählsituation und -kompetenz, fingierte Erzählerrollen, wie z.B. den „miles illitteratus“[13] oder die verkehrte Version des „miles litteratus“[14] und vieles andere in ihre Performanz ein.[15]

Kern argumentiert, dass diese Reflexionen – hauptsächlich die über die fiktive Erzählerrolle – darauf basierten, dass Hartmann schon eine Vorlage hat und somit lediglich die Übertragung aus dem Altfranzösischen durch den fiktiven Erzähler reflektiert.[16] Dem kann ich jedoch nicht zustimmen, da wir wissen, dass die behandelten Inhalte aus dem keltischen Kulturkreis stammen, auch wenn sie dort in Sagen vorkommen und noch nicht Strukturen aufweisen, die denen der Artusromane Chrétiens ähnlich sind. Somit handelt es sich um zwei Übertragungen, nämlich die Chrétiens aus dem keltischen Sagenkontext in die schematische Konstruktion des Artusromans, und die Hartmanns und anderer Autoren, die dem altfranzösischen Beispiel folgten und eine Gattung bestätigten, indem sie Merkmale, die bei Chrétien noch nicht so ausgeprägt waren, hervorhoben und erweiternd betonen. Dem Gedanken an eine bloße Übertragung im Sinne einer Übersetzung auf höherem Niveau widerspricht schon die Tatsache, dass die mittelhochdeutschen Bearbeitungen viele Erweiterungen enthalten, sowohl strukturell als auch inhaltlich.

Es lässt sich also sagen, dass Fiktionalität in mittelalterlicher Literatur auf viele Arten reflektiert wurde. Die Reflexion der Struktur war die wichtigste, um die Existenz der Gattung des Artusromans überhaupt erst zu begründen. Allerdings spielen viele Reflexionen, die dem artistischen Spiel in der Sprecher- oder Sängerrolle zufallen, auch eine große Rolle und dürfen somit nicht der bloßen Übertragung in eine andere Sprache zugedacht werden. Weitere Beispiele für solche artistischen Reflexionen sollen in der folgenden Analyse eingeführt werden.

2) Analyse der Sattelbeschreibung im „Erec“-Roman

Es gibt wohl kein ausführlicheres Textbeispiel für Hartmanns von Aue Verständnis von Fiktionalität, aber auch Artistik, als die Zelter- und Sattelbeschreibung im „Erec“.

In Chrétiens Roman umfasst die Beschreibung 37 Verse[17]. Hartmann erweitert die Beschreibung um 463 Verse, dehnt die Beschreibung also auf 500 Verse aus,[18] eine dilatatio von Chrétiens descriptio[19] in der Vorlage. Wichtig ist jedoch, dass hierbei Chrétiens Verse in Hartmanns Erweiterung aufgenommen und somit erhalten wurden.[20] Hier sollen nun die letzten 339 Verse[21], also die Sattelbeschreibung, aber auch ihr Verhältnis zur Zelterbeschreibung und zu anderen Textstellen und Motiven, wie dem Schönheitsmotiv Enitens, analysiert werden.

[...]


[1] vgl. hierzu Jauß, Hans Robert: Alterität und Modernität der mittelalterlichen Literatur. Gesammelte Aufsätze 1956 – 1976. München: Fink, 1977, S. 108.

[2] Ebd., S. 112.

[3] Ebd., S. 109.

[4] Ebd., S. 110.

[5] Walter Haug sah die Exponierung der Fiktionalität als Ausdruck von Zweifel an der Kosmotheologie und dem damit verbundenen literarischen Strukturmodell aufgrund eines veränderten Weltbilds, das aus dem Prozess der „Entzauberung der Welt“ resultierte. vgl. hierzu Haug, Walter: Wandlungen des Fiktionalitätsbewußtseins [sic!] vom hohen zum späten Mittelalter. In: Entzauberung der Welt. Deutsche Literatur 1200-1500. Hrsg.: James F. Poag, Thomas C. Fox. Tübingen: Francke, 1989, S. 1-18.

[6] vgl. hierzu Strasser, Ingrid: Fiktion und ihre Vermittlung in Hartmanns „Erec“-Roman. In: Fiktionalität im Artusroman. Dritte Tagung der Deutschen Sektion der Internationalen Artusgesellschaft in Berlin vom 13.-15. Februar 1992. Hrsg.: Volker Mertens und Friedrich Wolfzettel. Tübingen: Niemeyer 1993, S. 68.

[7] vgl. hierzu Haug: Wandlungen des Fiktionalitätsbewußtseins.

[8] Ridder, Klaus: Fiktionalität und Autorität. Zum Artusroman im 12. Jahrhundert. In: Deutsche Vierteljahreszeitschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. Hrsg.: G. v. Graevenitz und D. E. Wellbery. Stuttgart 2001, Band LXXV, S. 539-560.

[9] vgl. hierzu Haug: Wandlungen des Fiktionalitätsbewußtseins, S. 9-16.

[10] vgl. hierzu Ridder: Fiktionalität und Autorität, S. 543.

[11] Ridder: Fiktionalität und Autorität, S. 545.

[12] Strasser: Fiktion und ihre Vermittlung, S. 69.

[13] Ridder: Fiktionalität und Autorität, S. 558.

[14] vgl. hierzu den Prolog des „Iwein“-Romans Hartmanns:

„Ein rîter, der gelêret was / unde ez an den buochen las, / swenner sîne stunde / niht baz bewenden kunde“ Hartmann von Aue: Iwein. Text und Übersetzung. Hrsg.: G. F. Benecke et al. 4., überarbeitete Aufl. besorgt von Thomas Cramer. Berlin, New York: de Gruyter 2001, S. 3 (V. 21-24).

[15] vgl. hierzu Ridder: Fiktionalität und Autorität, S. 543 ff.

[16] Kern, Peter: Leugnen und Bewußtmachen [sic!] der Fiktionalität im deutschen Artusroman. In: Fiktionalität im Artusroman. Dritte Tagung der Deutschen Sektion der Internationalen Artusgesellschaft in Berlin vom 13.-15. Februar 1992. Hrsg.: Volker Mertens und Friedrich Wolfzettel. Tübingen: Niemeyer 1993, S. 13.

[17] Chrétien de Troyes: Erec et Enide. Erec und Enide. Altfranzösisch / Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Albert Gier. Stuttgart: Reclam 1987, S. 296-299 (V. 5268-5305).

[18] Hartmann von Aue: Erec. Text und Kommentar. Hrsg.: Manfred G. Scholz. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 2004 (Texte und Übersetzungen 24 Bände, Bd. 5), S. 410-437.

[19] vgl. zu diesen und weiteren Begriffen der mittelalterlichen Dichtungslehre Worstbrock, Franz-Josef: Dilatatio materiae. Zur Poetik des „Erec“ Hartmanns von Aue. In: Frühmittelalterliche Studien 19 (1985), S. 9 f.

[20] Worstbrock: Dilatatio materiae, S. 20.

[21] Hartmann: Erec (Scholz), S. 418-437 (V. 7426-7765).

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung des Gattungs- und Fiktionalitätsbegriffs im „Erec“-Roman Hartmanns von Aue
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
1,0
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V91380
ISBN (eBook)
9783638049092
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bedeutung, gattungs-, fiktionalitätsbegriffs, erec, hartmanns
Arbeit zitieren
Anonym, 2008, Die Bedeutung des Gattungs- und Fiktionalitätsbegriffs im „Erec“-Roman Hartmanns von Aue , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91380

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