In den vergangenen Jahren wurde in Deutschland eine Debatte um ganztägige Schulorganisation entfacht, in deren Folge auch die Perspektiven für eine Kooperation von Schule und Jugendhilfe neu diskutiert werden. Das Thema ist brisant.
In dieser Diplomarbeit werden Chancen und Risiken der angestrebten Kooperation von Schule und Jugendhilfe im Unternehmen Ganztag ausgelotet. Durch die provokante Fragestellung »Wird Jugendhilfe eingeschult?« wird der immer wieder geäußerten Befürchtung einer Instrumentalisierung und Funktionalisierung der Jugendhilfe auf dem Weg in den Ganztag Ausdruck verliehen. Diskutiert werden neben politischen Gegebenheiten, die die Ganztagsschulentwicklung maßgeblich prägen, auch innovative Gestaltungsmöglichkeiten einer Kooperation von Schule und Jugendhilfe "auf gleicher Augenhöhe".
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Jugendhilfe - eine Standortbestimmung
1.1 Rechtliche Grundlagen und Funktion
1.2 Fachliche Leitlinien und Handlungsprinzipien
1.3 Historische Entwicklungslinien und -muster
1.4 Spannungsgefüge und Herausforderungen
2 Ganztägige Schulorganisation in Deutschland - eine historische Vergewisserung
2.1 Traditionsbestand
2.2 Ganztagsschulentwürfe in der Reformpädagogik bis 1945
2.3 Ganztagsschulentwicklung zwischen 1945 und 1989
2.4 Entwicklungen nach der Wiedervereinigung Deutschlands
3 »Agenda Ganztag«
3.1 Zur Aktualität der Ganztagsschule
3.2 Herausforderung »Bildung, Betreuung und Erziehung«
3.3 Die Ganztagsschule - Daten und aktuelle Definitionen
3.4 Das Investitionsprogramm »Zukunft Bildung und Betreuung«
4 Jugendhilfe im Ganztag
4.1 Zur Debatte um Jugendhilfe und Bildung
4.2 Zentrale Beweggründe für ein Engagement im Ganztag
4.3 Potenzielle Ressourcen für den Ganztagsbetrieb
4.4 Problemfelder und Risiken
5 Perspektive »Ganztagsbildung«
5.1 Das Konzept »Ganztagsbildung« nach Thomas Coelen
5.2 Potenziale des Modellvorschlags für die Kooperationspraxis
Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht die herausfordernde Frage „Wird Jugendhilfe eingeschult?“ im Kontext der aktuellen Ganztagsschuldebatte und -entwicklung in Deutschland. Ziel ist es, die Chancen und Risiken einer Beteiligung der Jugendhilfe an schulischen Ganztagsangeboten zu analysieren, um Perspektiven für eine Kooperation auf „gleicher Augenhöhe“ zu erarbeiten, ohne dabei den fachlichen Eigensinn der Jugendhilfe zu verlieren.
- Standortbestimmung der Kinder- und Jugendhilfe in rechtlicher, fachlicher und historischer Hinsicht.
- Analyse der historischen Entwicklung ganztägiger Schulorganisation in Deutschland.
- Untersuchung der aktuellen politischen Rahmenbedingungen, insbesondere des Investitionsprogramms „Zukunft Bildung und Betreuung“.
- Diskussion des Verhältnisses von Jugendhilfe und Schule im Hinblick auf Kooperationsmöglichkeiten und Autonomieerhalt.
- Kritische Würdigung von Konzeptionen wie der „Ganztagsbildung“ nach Thomas Coelen als Alternative zu rein schulischen Lösungsansätzen.
Auszug aus dem Buch
Die Jugendhilfe im Spannungsfeld der Ganztagsschuldebatte
Jugendhilfe als Subsystem Sozialer Arbeit handelt somit in einem nahezu paradoxen „Spannungsgefüge von gesellschaftlichen Anforderungen und individuellen Bedürfnissen bzw. Fähigkeiten sowie der Kompetenz des Austarierens von Selbstbestimmung und Fremdbestimmung, Hilfe und Kontrolle, Disziplinierung und Akzeptanz, Hilfegewährung und Hilfeverweigerung“ (Heiner 2004: 155). Diese komplexen Herausforderungen sind prägend und in der Praxis droht die Jugendhilfe, wie Lauer (2000: 354) attestiert, „durch immer wieder neu auftretende Einzelprobleme überrollt und auf alte - vermeintlich überwunde - Positionen zurückgeworfen zu werden“ (ebd.).
So sieht sich die Jugendhilfe vor der Herausforderung, wie Sturzenhecker (2003: 53) stellvertretend für das konkrete Handlungsfeld der Jugendarbeit formuliert, eine „durch Politik und Erwachsenengesellschaft induzierte Überlastung […] mit ständig wechselnden […] Aufträgen“ (ebd.) zu kompensieren und im Ideal gegenüber ihrer Klientel zu negieren. Dabei darf in Anlehnungen an Jordan/ Sengling (2000: 14f) nicht übersehen werden, dass Jugendhilfe mit gesellschaftlichen Benachteiligungen und Problemlagen konfrontiert wird, deren Ursachen weitgehend in sozioökonomischen Bedingungen zu suchen sind (ebd.). Im Bedarfsfall übernimmt sie daher überwiegend eine reagierende Funktion jedoch ohne „befriedigende diagnostische Verfahren und multiprofessionelle Methoden und entsprechende Leistungen entwickelt“ (Lauer 2000: 354) zu haben. So steht die Jugendhilfe „ohne ausreichend Strategien und Zielsetzungen des Handelns“ (ebd.), sowie aufgrund ihrer Vielgestaltigkeit und Offenheit der Herausforderung und Gefahr gegenüber, sensibel und anfällig für Entwicklungen und Krisen zu sein (vgl. Thiersch 2003: 145f).
Zusammenfassung der Kapitel
Jugendhilfe - eine Standortbestimmung: Skizziert das Wesen der Jugendhilfe als ein vielfältiges Praxisfeld und arbeitet rechtliche sowie fachliche Grundlagen als Basis für die weitere Untersuchung heraus.
Ganztägige Schulorganisation in Deutschland - eine historische Vergewisserung: Beleuchtet die historische Entwicklung von Ganztagsmodellen und arbeitet die institutionelle Trennung von Schule und Jugendhilfe im 20. Jahrhundert heraus.
»Agenda Ganztag«: Analysiert die politischen Entwicklungen und Rahmenbedingungen, die den aktuellen Ausbau der Ganztagsschulen maßgeblich vorantreiben.
Jugendhilfe im Ganztag: Untersucht die Rolle der Jugendhilfe bei der Kooperation mit Ganztagsschulen, beleuchtet Beweggründe, Ressourcen sowie bestehende Risiken und Problemfelder.
Perspektive »Ganztagsbildung«: Diskutiert das Modell der „Ganztagsbildung“ nach Thomas Coelen als alternative, strukturierte Form der Kooperation von Schule und Jugendhilfe.
Schlüsselwörter
Ganztagsschule, Jugendhilfe, Kooperation, Bildungsverständnis, Sozialpädagogik, Ganztagsbildung, Schulentwicklung, Schulsozialarbeit, Jugendarbeit, Lebensweltorientierung, Institutionelle Trennung, Bildung, Erziehung, Betreuung, Investitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit befasst sich mit der zunehmenden Kooperation zwischen Jugendhilfe und Schule im Rahmen der aktuellen bundesweiten Einführung von Ganztagsschulen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die historischen und rechtlichen Rahmenbedingungen der Jugendhilfe, die Entwicklung der Ganztagsschulorganisation, die aktuelle bildungspolitische Debatte sowie die Möglichkeiten einer gemeinsamen Gestaltung von Lern- und Lebenswelten durch Schule und Jugendhilfe.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die zentrale Fragestellung lautet: „Wird Jugendhilfe eingeschult?“. Die Autorin untersucht, ob die Jugendhilfe bei der Kooperation im Ganztag ihre Eigenständigkeit behalten kann oder einer rein funktionalen Unterordnung unter das Schulsystem unterliegt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Es handelt sich um eine literaturgestützte Arbeit, die aktuelle fachwissenschaftliche Diskurse, rechtliche Rahmenbedingungen sowie Konzepte verschiedener Autoren analysiert und in einen Gesamtzusammenhang stellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Bestandsaufnahme der Jugendhilfe, eine historische Herleitung der Ganztagsschulentwicklung, eine Analyse der aktuellen politischen „Agenda Ganztag“ und eine vertiefende Auseinandersetzung mit den Kooperationschancen, Risiken und einem konkreten Modellvorschlag („Ganztagsbildung“).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich über Begriffe wie Ganztagsschule, Jugendhilfe, Kooperation, Bildungsverständnis, Sozialpädagogik und institutionelle Autonomie charakterisieren.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des „Investitionsprogramms Zukunft Bildung und Betreuung“?
Die Autorin sieht das Programm als politisches Kompromissmodell, das zwar einen massiven quantitativen Ausbau auslöst, aber keine pädagogischen Qualitätsstandards vorgibt und die Jugendhilfe in eine schwierige Legitimationssituation bringt.
Welches Fazit zieht die Autorin zum Modellvorschlag von Thomas Coelen?
Das Modell der „Ganztagsbildung“ wird als ein hilfreiches Rahmengerüst bewertet, das durch eine institutionalisierte Trägerschaft (Verein) die Eigenständigkeit der Jugendhilfe sichern könnte, wobei die praktische Umsetzung in der Kommune eine große Herausforderung bleibt.
- Quote paper
- Kristin Escher (Author), 2007, Wird Jugendhilfe eingeschult? Schule und Jugendhilfe auf dem Weg in den Ganztag, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91403