Ursachen der Bildungsbenachteiligung bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in bundesdeutschen Schulen und ausgewählte Erklärungstheorien


Bachelorarbeit, 2017

55 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinitionen
2.1. Migration
2.2. Bildung

3. Geschichte der Migration in Deutschland

4. Bildungsprozesse
4.1. Bildungsbeteiligung
4.2. Bildungsbeteiligung in vorschulischen Institutionen
4.3. Exkurs: Die Verpflichtung und Verantwortung des deutschen Schulsystems
4.4. Bildungsbeteiligung in der Grundschule
4.5. Der Übergang von der Primar- in die Sekundarstufe
4.6. Bildungsbeteiligung an verschiedenen Schultypen der Sekundarstufe
4.7. Schulleistungen und Schulerfolge

5. Ursachen für Bildungsbenachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund an deutschen Schulen
5.1. Überblick der möglichen Ursachen für Bildungsbenachteiligung bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund
5.2. Humankapitaltheoretische Erklärung
5.3. Erklärung durch kulturelle Defizite
5.3.1. Defizitäre Herkunfts- und Lernkultur
5.3.2. Unterschichtskultur als defizitäres Sozialisationsumfeld
5.4. Institutionelle Diskriminierung

6. Reformvorschläge

7. Resümee

Literaturverzeichnis

Darstellungsverzeichnis

1. Einleitung

„Das größte Problem in der Welt ist Armut in Verbindung mit fehlender Bildung. Wir müssen dafür sorgen, dass Bildung alle erreicht.“1 – Nelson Mandela

Nelson Mandela beschreibt mit seinem Zitat eine bis heute andauernde Problematik in unserer Gesellschaft, die auf die Bildungsbenachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in deutschen Schulen übertragen werden kann. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund wachsen oftmals in sozial schwächeren Familien auf und werden aufgrund ihrer sozialen Herkunft benachteiligt. Dies wirkt sich nicht nur negativ auf die Zukunft der Betroffenen aus, sondern betrifft die gesamte Gesellschaft in Deutschland.

Migration spielt seit etlichen Jahren nicht nur in Deutschland, sondern auf der gesamten Welt eine große Rolle. Bei der Migrationsdebatte sind Menschen mit Migrationshintergrund in den letzten Jahren vermehrt in den Fokus gerückt. Meist sind die Gründe dafür der fehlende Integrationswillen, die Probleme mit straffälligen und gewaltbereiten Jugendlichen oder die oftmals schlechten Schulleistungen von Kindern bzw. Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Vergleich zu deutschen Kindern.2 Vor allem aber letzteres ist in den letzten Jahren im Zuge der PISA-Studien (Programme for International Student Assessment) in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt, als Migrantenkinder für das relativ schlechte Abschneiden dieser Studien verantwortlich gemacht wurden. Dabei muss jedoch beachtet werden, dass es diese Problematik nicht erst seit jüngster Zeit gibt, sondern bereits bei Untersuchungen in den 1980er und 1990er Jahren festgestellt werden konnte.3

Zu Beginn dieser Arbeit sollen zunächst die Begriffe Migration und Bildung unter den Kriterien der Partizipation und der Benachteiligung genau definiert werden, da sie während der gesamten Arbeit eine zentrale Position einnehmen. Hierbei wird außerdem näher auf den Begriff der Bildungsbenachteiligung eingegangen. Im weiteren Verlauf wird die Geschichte der Migration in Deutschland benannt, da es in der Vergangenheit verschiedenste Zuwanderungsformen gab und diese wiederum noch immer starke Auswirkungen auf die heutige Generation haben. Anschließend werden die Bildungsprozesse benannt. Zunächst wird dabei ein allgemeiner Überblick gegeben, in welchen Institutionen die Bildungsbeteiligung bei Kindern und Jugendlichen überhaupt messbar ist. Anschließend wird die Bildungsbeteiligung in den vorschulischen Institutionen, sprich den Kindergärten bzw. den Kindertagesstätten, erläutert und daraufhin von einem Exkurs gefolgt, der zunächst die Verpflichtungen und Verantwortungen des deutschen Schulsystems erwähnt. Infolgedessen wird auf die Bildungsbeteiligung in der Grundschule eingegangen. Daraufhin wird zunächst der Fokus wiederum auf den Übergang von der Primar- auf die Sekundarstufe gelegt und soll hier detailliert ausgeführt werden. Anschließend wird die Bildungsbeteiligung in den verschiedenen Schultypen der Sekundarstufe dargestellt. Dieses Kapitel soll mit den Schulleistungen und Schulerfolgen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund abgeschlossen werden. Nach den Bildungsprozessen werden die möglichen Ursachen für Bildungsbenachteiligung erwähnt. Auch hier soll zunächst ein allgemeiner Überblick gegeben werden, welche verschiedenen Erklärungstheorien für diese Problematik in Frage kommen. Um die möglichen Ursachen einzugrenzen, fokussiert sich die Arbeit auf drei verschiedene Erklärungstheorien: Als erstes wird dabei die humankapitaltheoretische Erklärung genannt, gefolgt von der Erklärung durch kulturelle Defizite, welche wiederum in die defizitäre Herkunfts- und Lernkultur sowie die Unterschichtskultur als defizitäres Sozialisationsumfeld unterteilt wird. Zuletzt soll die Erklärung durch die institutionelle Diskriminierung dieses Kapitel abrunden.

Das Hauptanliegen dieser Arbeit soll sein, zu erörtern, welchen Erklärungswert die unterschiedlichen Theorien für die Bildungsbenachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund an deutschen Schulen haben. Durch die genannten Theorien wird zudem untersucht, ob Bildungsbenachteiligung ausschließlich durch gesellschaftliche bzw. politische Faktoren bedingt ist, oder auch persönliche Faktoren zur Benachteiligung beitragen.

Fakt ist, dass Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund, unabhängig davon in welcher Generation sie in Deutschland leben, zu der am meisten vernachlässigten Gruppe im deutschen Schulwesen gehören. Statistisch gesehen sind sie überproportional häufig an niedrig qualifizierten Schulen vertreten und besuchen zudem seltener das Gymnasien bzw. erreichen das Abitur. Dies hat, wie oben bereits kurz angeschnitten, Auswirkungen auf ihre gesamte Zukunft: Sie schneiden nach verschiedenen Schulleistungsstudien schlechter ab als deutsche Kinder und Jugendliche, erreichen niedrigere Schulabschlüsse und nehmen dementsprechend häufiger unattraktive Berufe an, was zur Folge hat, dass ihre oftmals schlechte Positionierung in der Bildungspyramide bereits als Selbstverständlichkeit angesehen wird.4 Demnach ist davon auszugehen, dass im deutschen Bildungssystem eine Benachteiligung gegenüber Kindern und Jugendlichen mit einem Migrationshintergrund existiert. Ob dafür jedoch nur das deutsche Bildungssystem verantwortlich gemacht werden kann, oder auch Migranten einen Anteil zu der misslichen Lage beitragen, soll versucht werden, in der folgenden Arbeit aufzuklären.

2. Begriffsdefinitionen

2.1. Migration

Der Begrifft Migration stammt aus der Etymologie und beschreibt den auf eine bestimmte Dauer bzw. dauerhaften Wechsel in eine andere Gesellschaft bzw. Region von einer oder mehreren Personen. In der Migrationsforschung wird in Binnen- und Außenmigration gegliedert: Während die Binnenmigration von einem einfachen Wohnortwechsel bis hin zu umfangreichen Wanderungen von Land in die Stadt oder Vertreibungen durch Kriege innerhalb eines Landes reicht, meint die Außenmigration jegliche Wanderungen über Landesgrenzen hinaus. Allgemein lässt sich sagen, dass alle Menschen, die wandern als Migranten bezeichnet werden.5 Der Begriff lässt sich gleichsetzen mit den uns bekannteren Begriffen „Wanderung“ bzw. „Wanderer“. Der Begriff „Ausländer“ wird im Alltag häufig als Synonym dafür verwendet. Um einen Überblick zu schaffen, wer als Migrant gilt, lässt sich nach Ceri und Aulinger grob in sogenannte Migrationsgruppen einteilen. In die erste Kategorie fallen Arbeitsmigranten erster Generation sowie ihre Nachfahren aus zweiter bzw. dritter Generation, unabhängig davon, ob sie die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen oder nicht, in die zweite Kategorie wiederum Asylberechtigte und Asylsuchende, Flüchtlinge, Bürgerkriegsflüchtlinge und Konventions- und Kontingenzflüchtlinge, in die dritte Kategorie Menschen aus Ländern der europäischen Union sowie heimatlose Ausländer6 und in die vierte Kategorie deutschstämmige Aussieder aus Rumänien, Polen und Ländern der ehemaligen Sowjetunion.7

Zu berücksichtigen ist dabei jedoch, dass es sich bei dieser Art von Kategorienbildung lediglich um eine grobe Einschätzung handelt. Castles beispielsweise unterteilt detaillierter in insgesamt acht verschiedene Typen von Migranten:

1. Temporäre Arbeitsmigranten, die nur über eine absehbare Zeit emigrieren, um ihrer Arbeit nachzugehen.
2. Hochqualifizierte Personen und Geschäftsleute, die auf der Suche nach einer Beschäftigung im Ausland sind und eine besondere Berufsqualifikation aufweisen.
3. Irreguläre Migranten beschreibt Menschen, die ohne erforderlichen Dokumente in ein Land einreisen.
4. Flüchtlinge, die aufgrund akuter Gefahr, wie beispielsweise der Verfolgung aufgrund ihrer Rasse, Religion oder Nationalität aus ihrem Heimatland geflohen sind.
5. Asylsuchende, die Grenzen passieren um den Flüchtlingsstatus im jeweiligen Land zu beantragen.
6. Erzwungene Migration, zu der neben Flüchtlingen und Asylsuchende auch Menschen angehören, die wegen Naturkatastrophen und Entwicklungsprojekten dazu gezwungen werden, ihre Heimat zu verlassen.
7. Familienzusammenführung beschreibt die Zusammenführung zu Verwandten, die bereits aufgrund einer bereits genannten Kategorie emigriert sind.
8. Rückkehrmigration meint Personen, die nach einem Auslandsaufenthalt wieder zurück in ihr Heimatland zurückkehren.8

Wissenschaftler aus verschiedenen Gebieten sprechen dann von Migration, wenn es zu einem dauerhaften Wohnortwechsel kommt, wobei der Begriff „dauerhaft“ mehrere Definitionen aufweist. So ist in der Bundesrepublik nicht die Aufenthaltsdauer entscheidend, um über Migration zu sprechen, sondern der einfache Wohnortwechsel, der zudem nicht den Grund bzw. den Faktor dafür berücksichtigt. Laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wird dann von Migration gesprochen, wenn eine Person ihren Lebensmittelpunkt räumlich verlegt. Internationale Migration meint hingegen, wenn dies über Staatsgrenzen hinweg geschieht.9

Laut der Definition des Statistischen Bundesamts gehören zu den Personen mit Migrationshintergrund diejenigen, die selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde. Das bedeutet, dass unter diese Definition alle zugewanderten sowie nicht zugewanderten Ausländerinnen und Ausländer, zugewanderte und nicht zugewanderte Eingebürgerte, Spätaussiedler und deren Nachkommen erster Generation angehören.10 Kinder, bei denen mindestens ein Elternteil eine nicht-deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, werden in der Statistik als Person mit Migrationshintergrund geführt, dazu gehören auch Kinder, die seit 2000 das Optionsmodell erfüllen, also mit einer deutschen und einer weiteren Staatsangehörigkeit in Deutschland geboren wurden.11 Vertriebene aus dem Zweiten Weltkrieg sowie ihre Nachkommen gehören nicht zu Personen mit Migrationshintergrund, da sowohl sie als auch ihre beiden Elternteile mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurden.12

An dieser Stelle soll jedoch explizit erwähnt werden, dass im Alltag keineswegs eine solche Kategorisierung stattfindet und stattdessen häufig verallgemeinert der Begriff „Ausländer“ Verwendung findet, unabhängig davon, ob die betroffene Person einen Migrationshintergrund aufgrund der Eltern hat oder sie tatsächlich aus dem Ausland zugezogen ist.

Doch auch mit der Bezeichnung „Migrationshintergrund“ wird selten erkannt, dass sie mehr problematisch als positiv erscheint. Es geht stets um den Vergleich zwischen Menschen mit Migrationshintergrund und Deutschen, bei dem zwar das Ziel verfolgt wird, eine Reduktion auf die Staatsangehörigkeit zu vermeiden, dennoch geschieht genau dies durch die Bezeichnung Migrationshintergrund. Dadurch wird allen Menschen unbewusst das Deutsch-Sein abgesprochen, ganz unabhängig davon, ob sie in Deutschland geboren bzw. aufgewachsen und zur Schule gegangen sind. Bezeichnungen wie diese können also den umgekehrten Effekt haben als zunächst gedacht, da sie von Etikettierungen begleitet werden können und häufig einen negativen Zusammenhang vermitteln. Zudem sollte erwähnt werden, dass diese Bezeichnungen von außen erscheinen und sich die Betroffenen nur in seltensten Fällen damit identifizieren können bzw. möchten. Trotz der vermutlich negativen Bezeichnung ist es durch die anhaltende Problematik und der damit verbundenen Bildungsbenachteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund erforderlich, Begriffe wie diese zu benutzen um genau auf diese Probleme aufmerksam zu machen. Nach Leiprecht und Steinbach ist eine kontinuierliche kritische Reflexion zu allzu selbstverständlich gewordenen Begriffen und der eigenen Verwendung sinnvoll, notwendig und unverzichtbar.13

2.2. Bildung

Nach Artikel 28 der UN-Kinderrechtskonvention haben alle Kinder aus den jeweiligen Vertragsstaaten das gleiche Recht auf Bildung. Um dieses Recht, dass auf der Grundlage der Chancengleichheit basiert, zu erreichen, ist es nach Absatz 1 Buchstabe a Pflicht, die Grundschule ab dem sechsten Lebensjahr zu besuchen und sie für alle unentgeltlich zu gestalten. Nach Absatz 1 Buchstabe b haben die betroffenen Staaten die Pflicht, die Entwicklung verschiedener Formen aller weiterführenden Formen zu fördern, sie allen Kindern verfügbar und zugänglich zu machen sowie Maßnahmen zu treffen, um eine finanzielle Unterstützung anzubieten.14

Durch den Bericht „Bildung in Deutschland“, der im Auftrag der Bundesländer in der Bundesrepublik Deutschland und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erscheint, ist das Thema um Migration und der damit verbundenen Bedeutung von Bildung stets gegenwärtig. Insbesondere im Integrationsprozess nimmt Bildung einen signifikanten Stellenwert ein und hat eine doppelte Bedeutung. Einerseits dient sie als Grundlage dafür, Partizipationschancen im Beruf zu erfahren, andererseits ist sie eine wichtige Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft. Diverse Studien zeigen nun umfangreiche Erkenntnisse, wie es um die Bildungssituation von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund steht. Besonders hervorstechend ist die Koppelung von Bildungserfolg, sozialer Schicht und Migrationshintergrund: In keinem anderen Land in Europa spielen diese drei Faktoren zusammen eine so wichtige Rolle wie es in Deutschland der Fall ist.15 Das bedeutet, dass Schüler, die einen Migrationshintergrund haben und oftmals mehrsprachig aufwachsen, gerade aufgrund dieser Merkmale benachteiligt werden, was sich häufig wiederum in schlechten schulischen Leistungen widerspiegelt.16 Dabei darf nicht vergessen werden, wie elementar die Bildung, gerade für Migrantenkinder, ist. Durch einen Schul- oder Studienabschluss würde die Eingliederung in die Gesellschaft leichter durchzusetzen sein. Es ist daher wichtig, dass Kinder mit einem Migrationshintergrund dieselbe Möglichkeit bekommen wie Kinder ohne Migrationshintergrund, sie eine schulische Karriere ohne Nachteile anstreben können und damit u.a. zur Entwicklung des eigenen Landes beitragen.17 Migration und Zuwanderung wird in Deutschland als Aufgabe, aber auch als Chance für die deutsche Gesellschaft gesehen.

Bildung und Integration sind miteinander eng verknüpft. Das Ziel von Integration durch Bildung ist, dass es Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Laufe der Zeit gelingt, gleiche Kompetenzen zu erlangen wie andere Gleichaltrige und damit die Möglichkeit gegeben wird, gleichwertige und von der Gesellschaft anerkannte Bildungsabschlüsse zu erzielen.18

Wenn über Bildung gesprochen wird, muss beachtet werden, dass Bildungsbenachteiligung eine wichtige Rolle spielt und sie im Alltag, ob offensichtlich oder versteckt, vorhanden ist. Es muss deshalb die Frage gestellt werden, wer laut Definition und Statistik von Bildungsbenachteiligung betroffen ist.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung beruft sich dabei auf den Nationalen Bildungsbericht von 2010, der alle Risikolagen, unter denen Kinder und Jugendliche aufwachsen können, benennt und sie einordnet. Demnach gehören hierzu u.a.

- Kinder, die in Familien aufwachsen, in denen mindestens ein Elternteil arbeitslos ist,
- Kinder, die in einem ländlichen Raum oder einem Stadtteil wohnen, der als sozialer Brennpunkt gilt, aufwachsen,
- Kinder, die in bildungsfernen und sozial schwachen Familien leben,
- Kinder, die ausschließlich bei Alleinerziehenden aufwachsen und leben sowie
- Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund.19

Um in Deutschland die Chance von Bildungsbenachteiligung zu erleben, ist sie an folgende Faktoren geknüpft: Geringe kulturelle, soziale oder finanzielle Ressourcen. Dabei muss es nicht zur bewussten Benachteiligung aufgrund einer dieser Faktoren kommen – der Begriff meint einen statistisch bewiesenen Fakt, dass Menschen aus diesen Gruppen geringere Bildungschancen haben und somit auch seltener zu Bildungserfolgen kommen.20

Obwohl im Grundgesetz klar definiert wird, dass niemand u.a. aufgrund seiner Herkunft benachteiligt werden darf21, ist der Migrationshintergrund ein großer Faktor, der in die Bildungskarriere miteinfließt. Laut dem Bundesamt für politische Bildung zeigen nationale sowie internationale Vergleiche, dass Schülerinnen und Schüler, die aus nichtdeutschen Familien stammen, einen geringeren Bildungserfolg verbuchen können. Dabei spielen sowohl die soziale Herkunft als auch der Migrationshintergrund eine grundlegende Rolle.22

Vergleiche zu anderen Ländern zeigen jedoch, dass auch dort Schüler mit einem Migrationshintergrund überproportional schwächere Schulleistungen zeigen als einheimische Schüler. Außerdem sind sie, wie auch in Deutschland, häufiger an niedrigeren Schulformen vertreten, erreichen seltener einen höheren Schulabschluss und werden an Übergängen im Bildungssystem benachteiligt.23 Dennoch muss festgestellt werden, dass in keinem anderen Land die soziale Herkunft mit den Bildungserfolgen so stark verbunden ist wie in Deutschland, wodurch die „Chancengerechtigkeit und der Kompetenzerwerb ungünstig kombiniert sind.“24 Das bedeutet, dass es für Kinder, die aus bildungsfernen sowie sozial und ökonomisch schwächeren Familien kommen, deutlich schwieriger ist, einen höheren Schulabschluss zu erzielen als Kindern, die aus gebildeten Familien stammen, obwohl die Leistung gleich ist. Besonders betroffen ist hierbei die Gruppe der Migranten, die in 1960er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kamen und deren Nachkommen, die bereits in dritter Generation hier leben und noch immer mit enormen Schulschwierigkeiten zu kämpfen haben.25

Anhand folgender Tabelle soll prozentuell verdeutlicht werden, wie auffallend sich die Bildungsabschlüsse von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Deutschland von anderen Ländern unterscheiden. Befragt wurden hierbei im Rahmen der TIES-Studie etwa zehntausend Personen zwischen 18 und 35 Jahren, die Nachkommen von Einwanderern aus der Türkei, Marokko und dem ehemaligen Jugoslawien sind.26

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: TIES-Studie 2007/2008, Maren Wilmes, Jens Schneider, Maurice Crul: Sind die Kinder türkischer Einwanderer in anderen Ländern klüger als in Deutschland? In: Schule mit Migrationshintergrund, Waxmann, Münster/New York/München/Berlin2011, S. 31

Anhand dieser Tabelle wird deutlich, dass es für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund, die in Deutschland sozialisiert werden und aufwachsen, um einiges schwieriger ist, einen Hochschulabschluss zu erlangen als in anderen Ländern Europas. Dazu muss erwähnt werden, dass in den jeweiligen Ländern ausschließlich Personen befragt wurden, die aus ähnlichem Elternhaus kamen – sprich die Eltern ländlicher Herkunft waren und ihr Bildungsstand relativ niedrig war.

3. Geschichte der Migration in Deutschland

Deutschland gilt als das Land, dass nach dem zweiten Weltkrieg die meisten Einwanderer aufgenommen hat.27 Der Wandel fand jedoch schon im 19. Jahrhundert statt, als sich Deutschland von einem Auswanderungs- zu einem Einwanderungsland entwickelte.28 Vor allem die Zuwanderung in das Ruhrgebiet spielte dabei eine bedeutende Rolle. Auch im Nationalsozialismus gab es einen beachtlichen Anteil an ausländischen Arbeitern, der durch die Kriegswirtschaft bedingt war. Nachdem die Bevölkerung nach dem Ende des zweiten Weltkriegs geschwächt war, mussten Arbeitskräfte aus dem Ausland gewonnen werden.29 Somit begann die erste Phase der Ausländerpolitik in Deutschland30: Mitte der 1950er Jahren kam es durch einen schnellen Wirtschaftswachstum in der Bundesrepublik zu einem Arbeitskräftemangel. Der Arbeitsmarktbedarf war hoch und günstige Arbeitskräfte aus dem Ausland wurden händeringend gesucht. Die Bundesrepublik begann damit, Arbeitskräfte aus dem Ausland anzuwerben. Das erste Anwerbeabkommen wurde 1955 mit Italien geschlossen, Spanien und Griechenland folgten um 1960. In den 1960er Jahren wurden weitere Verträge mit der Türkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und zuletzt Jugoslawien (1967) geschlossen.31 Die ersten Gastarbeiter, meist Männer zwischen 20 und 40 Jahren, kamen ohne Familienangehörige und vorerst nur für eine begrenzte Zeit nach Deutschland. Sie arbeiteten überwiegend in den industriellen Massenfertigungen, der Schwerindustrie und dem Bergbau. Die Qualitätsanforderungen in diesen Berufen waren relativ niedrig und „gliederten sich am unteren Ende der Arbeitsmarkthierarchie ein.“32 Entsprechend gering war auch der Qualifikationsgrad der Arbeitskräfte.33 1973 wurde infolge der Ölkrise ein Anwerbestopp verhängt wodurch versucht wurde, die Zahl der Einwanderer zu beschränken.34 Zu dieser Zeit lebten knapp vier Millionen Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland. Obwohl die meisten Arbeitsverträge von Gastarbeitern zunächst befristet waren, wurden durch die zunehmend längere Aufenthaltsdauer Angehörige mit der Zeit nachgeholt.35 Vom Anwerbestopp waren politisch Verfolgte, Spätaussiedler und jüdische Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion nicht betroffen. Kriegs- und Bürgerkriegsflüchtlingen wurde Asyl gewährt.36 In der zweiten Phase der deutschen Ausländerpolitik zwischen 1973 und 1979 war der Zuzug von Familienangehörigen, also vom Ehegatten und Kinder, geprägt. Dies war zu dieser Zeit die einzige zugelassene Form von Migration.37 Die dritte Phase von 1979 bis 1980 wurde hauptsächlich durch konkurrierende Integrationskonzepte dominiert, ehe es in der vierten Phase der Ausländerpolitik zu einer Wende kam: Zwischen 1981 und 1990 kamen überwiegend weitere Familienangehörige aus den ehemaligen Anwerbestaaten sowie um 1985 vermehrt Asylsuchende und andere Flüchtlinge nach Deutschland, wodurch die Zuwanderung in dieser Zeit relativ gering ausfiel. Dies änderte sich in der fünften Phase zwischen 1991 und 1998, als zu Beginn der 1990er Jahre die Zuwanderung wieder anstieg und sogar höher war als 1970, dem Jahr mit dem größten Zuwachs an Gastarbeitern. In dieser Phase kam es Butterwegge nach zu einer praktischen Akzeptanz der Einwanderungssituation.38 Der Fall der Mauer, Kriege, ethnische Säuberungen und eine sich zuspitzende Lage im kurdisch besiedelten Teil der Türkei waren die Hauptgründe für die wieder stark angestiegene Migration nach Deutschland.39 1992 beantragten knapp 450.000 Menschen Asyl, drei Viertel von ihnen kamen aus Ost- und Südosteuropa. Dies waren vor allem Bürgerkriegsflüchtlinge aus Jugoslawien sowie Roma aus Bulgarien und Rumänien. Durch die strenge Rückführungs- und Abschiebungspolitik sank die Zahl der in Deutschland lebenden Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien jedoch rasant.40 Aufgrund des Regierungswechsels begann in der sechsten Phase zwischen 1998 und 2004 erneut eine Wende in der Ausländerpolitik. Die Themen um die Staatsangehörigkeit und der Zuwanderung dominierten die Debatte über weite Teile, wobei Kern der Reform die Einbürgerung durch das Geburtsrecht und nicht länger durch das Abstammungsprinzip war.41 Die siebte Phase begann durch das Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetztes im Jahr 2005. Migration und Integration wurden wieder zu einem Schwerpunkt gemacht, wodurch das gesamte Ausländerrecht erneuert wurde. Das Aufenthaltsgesetz, welches das Kernstück dieses Gesetzes bildet, wurde reformiert, indem die fünf bis dato geltenden Aufenthaltstitel durch zwei (befristete und unbefristete Aufenthaltserlaubnis) ersetzt wurden. Jedoch ist die Aufenthaltserlaubnis weiterhin an einen Zuwanderungsgrund geknüpft, wodurch es für höherqualifizierte Arbeitskräfte einfacher geworden ist eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen und für niedrigqualifizierte Arbeitskräfte hingegen erschwert wurde.42 Ab 2006 stieg die Zahl der Zuwanderer durch die EU-Freizügigkeit allerdings wieder an, wodurch Bürger der Europäischen Union ohne Visum nach Deutschland einreisen können. Laut dem Migrationsbericht kamen im Jahr 2013 1,2 Menschen nach Deutschland. Mehr als die Hälfte davon stammten aus den Staaten der Europäischen Union.43 Gegenwärtig haben von den in Deutschland lebenden 82 Millionen Menschen mehr als 15 Millionen einen Migrationshintergrund oder kommen aus dem Ausland, was etwa 19% der Gesamtbevölkerung in der Bundesrepublik ausmacht.44

4. Bildungsprozesse

4.1. Bildungsbeteiligung

Im folgenden Punkt soll verdeutlicht werden, zu welchen Anteilen bestimmte Gruppen an bestimmten Einrichtungen vertreten sind. Dadurch wird gezeigt, wie gut oder schlecht eine bestimmte Schülergruppe positioniert ist.45 Zwar unterscheiden sich die Schulsysteme und Schulübergänge von Bundesland zu Bundesland, dennoch liegt der Fokus zunächst bei den vorschulischen Institutionen; dazu zählen u.a. der Kindergarten und die Kinderkrippe. Daraufhin wird auf den Wechsel von der vorschulischen Einrichtung in die Grundschule eingegangen und versucht, Bildungsbeteiligung in Grundschulen anhand Zahlen zu verdeutlichen. Ein Exkurs, der die Verpflichtungen und die Verantwortung des deutschen Schulsystems schildert, soll hier zunächst erwähnt werden. Anschließend wird der Fokus auf den Übergang von der Primar- in die Sekundarstufe gelegt, sprich der Übergang von der Grund- auf die weiterführende Schule. Zum Schluss soll das Hauptaugenmerk auf die Bildungsbeteiligung an verschiedenen Typen der Sekundarstufen gelegt werden. Die Schulleistungen und Schulerfolge von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund sollen dieses Kapitel abrunden.

4.2. Bildungsbeteiligung in vorschulischen Institutionen

In deutschen Kindergärten liegt der Fokus hauptsächlich darin, Kinder in ihrer kognitiven Entwicklung sowie in ihren sozialen Kompetenzen zu fördern. Bis hin zum letzten Kindergartenjahr wird die bevorstehende Schule nur wenig fokussiert. Erst im letzten vorschulischem Jahr wird der Einschulung eine immer bedeutendere Rolle zugesprochen. So wird das Kind auf die Schulfähigkeit vorbereitet und bekommt in verschiedensten Bereichen eine institutionelle Betreuung. Dies trifft vor allem bei Kindern mit Migrationshintergrund zu, die noch sprachliche Schwierigkeiten aufweisen. Der Kindergarten soll so die Möglichkeit bieten, sich durch die Vertiefung der Deutschkenntnisse besser zu integrieren.46 Dabei soll das betreuende Personal weniger die Rolle eines Lehrers einnehmen, sondern vielmehr als ein Unterstützer für das Kind agieren.47 Außerdem finden hier erste Bildungsprozesse außerhalb der Familie statt, womit die Einschulung vereinfacht werden soll und der damit verbundene Wechsel in die Grundschule unkomplizierter ablaufen kann.

In Deutschland hat jedes Kind ab dem dritten Lebensjahr ein Recht auf einen Kindergartenplatz. Für nahezu jedes Kind ist der Besuch in einem Kindergarten also ein selbstverständlicher Teil seiner Bildungsbiographie.48

Auf der Grundlage des Mikrozensus aus dem Jahr 2001 geht aus Statistiken hervor, dass 91,7% der deutschen Kinder und 88,3% der nichtdeutschen Kinder eine vorschulische Einrichtung besucht haben.49 Kinder mit Migrationshintergrund werden hier nicht berücksichtigt, sondern nur jene, die keine deutsche Staatsangehörigkeit haben, also als Ausländer geführt werden. Auffällig wird dabei, dass ein prozentueller Unterschied zwischen deutschen und nichtdeutschen Kindern kaum feststellbar ist. Hier muss jedoch beachtet werden, dass ausschließlich Kinder zwischen dem fünften und sechsten Lebensjahr mit in die Studie einbezogen wurden. Im Vergleich dazu war die Quote der dreijährigen, nichtdeutschen Kinder, die einen Kindergarten besuchten, deutlich niedriger, womit der Unterschied zu deutschen Kindern größer war. Es lässt sich also konstatieren, dass sich der Anteil der fünf- und sechsjährigen Kindergartenkinder zwischen deutschen und nichtdeutschen Kindern im Laufe der 1990er deutlich angenähert hat.50

Diese Annäherung lässt sich auch durch den Mikrozensus aus dem Jahr 2004 bestätigen, in dem nun explizit auf Kinder mit und ohne Migrationsintergrund eingegangen wird: Mehr als drei Viertel der Kinder mit Migrationshintergrund besuchen einen Kindergarten, wodurch ein Aufwärtstrend zu verzeichnen ist. Laut der DJI-Betreuungsstudie ist bei Eltern mit Migrationshintergrund ein Kindergartenbesuch ihres Kindes erwünscht, zumindest wenn das vierte Lebensjahr erreicht wurde.51

Die Studienergebnisse nach dem Sozioökonomischen Panels haben gezeigt, dass Kinder davon profitieren, wenn sie eine vorschulische Betreuung besuchen. Die Analysen zeigten, dass alle Kinder, unabhängig von ihrer Nationalität, eine 2,3 Mal bessere Chance hatten, später auf das Gymnasium zu wechseln, wenn sie zwischen ihrem dritten und sechsten Lebensjahr eine vorschulische Einrichtung in Form von Kindergarten oder Kinderkrippe besuchten, als Kinder, die während dieser Zeit keine vorschulische Einrichtung besuchten. Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund profitieren vom Besuch einer vorschulischen Betreuung nochmals stärker als Kinder aus deutschen Familien.52 Die Chancenverhältnisse, künftig das Gymnasium zu besuchen, sind bei Kindern ohne Migrationshintergrund um 1,6 und bei Kindern mit Migrationshintergrund um 2,5 Mal höher, wenn eine vorschulische institutionelle Einrichtung besucht worden ist. Außerdem haben Migrantenkinder eine 4,6 Mal höhere Chance, als uneingeschränkt schulfähig beurteilt zu werden, wenn sie mindestens drei Jahre in einem Kindergarten verbracht haben.53

Grundsätzlich weisen die getätigten Forschungen jedoch noch erhebliche Lücken auf, da meistens nur die oben genannten Auswirkungen zwischen einem Besuch bzw. keinem Besuch eines Kindergartens genannt werden. Der Kindergartenbesuch bringt jedoch nach den Studien des Sozioökonomischen Panels enorme Vorteile mit sich ­– vor allem Kinder aus Arbeiterfamilien können so ihre Bildungschancen verbessern.54 Speziell für Kinder mit Migrationshintergrund ergaben die Ergebnisse, dass ein späterer Wechsel auf eine Realschule bzw. Gymnasium wahrscheinlicher ist, wenn eine vorschulische Einrichtung besucht worden ist. Nach Aulinger hat die Dauer des Kindergartenbesuchs einen starken Einfluss auf die spätere Schulwahl, denn „je länger vor der Schule eine Einrichtung besucht wurde, desto niedriger die Wahrscheinlichkeit des Besuchs einer Hauptschule“55 bzw. niedrigqualifizierten Schule.

4.3. Exkurs: Die Verpflichtung und Verantwortung des deutschen Schulsystems

Wie bereits in Kapitel 2.2. angedeutet, ist es äußert wichtig, dass alle Kinder dieselbe Chance bekommen, sich zu bilden und damit später akzeptiert werden und einen Platz in der Gesellschaft einnehmen. Da sich Kinder vor allem durch das (Vor)Schul- und Ausbildungssystem bilden und damit automatisch integrieren, hat das deutsche Schulsystem eine außerordentlich wichtige Funktion. Es kann davon ausgegangen werden, dass für das Kind noch weitere Institutionen grundlegend für den Erwerb von Kompetenzen wichtig sind, keine nimmt aber einen solch hohen Stellenwert ein wie die Schule.

Der Bildungsauftrag besagt, dass alle Menschen gleich sind und ihre Wertvorstellungen sowie kulturellen Orientierungen zu achten sind. Das heißt, dass allen Menschen die gleichen Chancen auf Bildung gewährleistet werden müssen, unabhängig von ihrem sozialen Milieu, ihrer Herkunft, Geschlecht und Religion.

In Deutschland wurde lange Zeit Kinder durch das dreigliedrige Schulsystem, dass Kinder in Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien aufteilt, schon früh selektiert. Je nach Bundesland geschieht dies bereits nach der vierten Klasse; in Brandenburg und Berlin nach der sechsten Klasse. Neun- bzw. zehnjährigen Kindern wird durch die Selektion früh gezeigt, welche Schullaufbahn sie künftig erwartet. Das frühe Aufteilen verfolgt das Ziel, Schülergruppen zu homogenisieren: Auf das Gymnasium sollen nur die leistungsstärksten, auf die Realschule die besserlernenden und auf die Hauptschule die durchschnittlichen Schüler. Ganz abgesehen von Sonder- und Förderschulen, die Kinder mit Lernbehinderungen oder Behinderungen besuchen.56

Da dieses klassische Schulsystem aus dem 19. Jahrhundert stammt und als veraltet gilt, werden in jüngster Zeit immer öfter neue Schulmodelle vorgestellt, die sogenannte Gesamtschulen anbieten. Gesamtschulen fungieren als Alternative zum dreigliedrigen Schulsystem. Dabei unterscheiden sich integrierte von kooperativen Gesamtschulen. Während Schülerinnen und Schüler in integrierten Gesamtschulen nach Leistung und Anforderung in verschiedene Kurse aufgeteilt werden, gibt es in kooperativen Gesamtschulen nebeneinander Klassen der drei Schulformen. Dabei werden einzelne Fächer sogar gemeinsam unterrichtet und leistungsschwächere Kinder können, so der Wunsch, von leistungsstärkeren Schülerinnen und Schüler unterstützt werden.57 Zusätzlich werden in jüngster Zeit offene Schulkonzepte vorgestellt und ausgetestet. Lehrer sollen hier die Funktion als Potentialentfalter einnehmen, die in multiprofessionellen Teams arbeiten, Kinder dabei ihr eigenes Lerntempo entwickeln und Klassenarbeiten individuell gelegt werden. Noch sind, bis auf einige Ausnahmen, solche Schulprojekte fast nur an Privatschulen zu realisieren, wie in Deutschland an der Evangelischen Gemeinschaftsschule Berlin Zentrum. Jedoch zeigen andere europäische Länder bereits, dass dieses Konzept von staatlichen Schulen übernommen werden können.58

4.4. Bildungsbeteiligung in der Grundschule

In den Grundschulen werden primär die Ziele verfolgt, das Kind in seinen Kompetenzen zu stärken und ihm das Allgemeinwissen in Lesen, Rechnen und Schreiben beizubringen. Außerdem besteht die Aufgabe darin, Neigungen des Kindes festzustellen, diese zu fördern sowie zu seiner Persönlichkeit beizutragen. Dabei unterscheidet sich je nach Bundesland die Besuchsdauer der Grundschule. In den süddeutschen Bundesländern besucht ein Kind vier Jahre die Grundschule, in den meisten restlichen Bundesländern reicht die Grundschulzeit bis hin zur sechstens Klasse. Die Intention dabei ist, den Unterricht so spielerisch wie möglich zu gestalten und die Interessen und Fähigkeiten der Kinder zu berücksichtigen. Außerdem wird in der Theorie erwähnt, dass die individuellen Lebensumstände des einzelnen Kindes berücksichtigt werden sollen und eine Individualförderung möglich sein soll.59

In Gesamtdeutschland sind keine nennenswerten Unterschiede beim Einschulungsalter zwischen deutschen und nichtdeutschen Kindern festzustellen. Mit acht Jahren sind 52,7% der deutschen und 49,4% der nichtdeutschen Kinder in der Grundschule, im neunten Lebensjahr sind es 97% der deutschen und 95% der nichtdeutschen Kinder. Wird die Dauer der Grundschulzeit betrachtet, unterscheiden sich deutsche und nichtdeutsche Kinder nur sehr gering voneinander. So besuchen 16,2% der deutschen und 22,7% der nichtdeutschen Kinder mit dreizehn noch eine Grundschule, mit vierzehn sind es jeweils 4,1% und 5,9%.60

Ein Problem in Grundschulen besteht aus den Rückstellungen, sprich Klassenwiederholungen, die meist durch Klassenlehrer in Klassenkonferenzen entschieden werden. Sprachliche Defizite werden oft als Grund genannt, wodurch Kinder mit Migrationshintergrund häufiger betroffen sind.61 Laut dem Bundesamt für politische Bildung zeigen sich die Nachteile und Schulschwierigkeiten besonders bei der Einschulung. So werden etwa doppelt so viele ausländische Kinder zurückgestellt; besonders in den unteren Klassenstufen wiederholen Kinder mit Migrationshintergrund die Klasse erheblich häufiger. Sie bleiben viermal häufiger sitzen als Kinder deutscher Herkunft.62

Abgesehen vom Migrationsstatus der Kinder muss konstatiert werden, dass ein allgemeiner Rückgang der Einschulungen festzustellen ist. Im Schuljahr 2014/15 wurden bundesweit 711.000 Kinder eingeschult. Im Vergleich zum Schuljahr 2004/05 sind dies 109.700 weniger Einschulungen. Dabei ist die sinkende Bildungsbeteiligung auf eine demographische Entwicklung zurückzuführen.63

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1 Mandela, Nelson: https://gedankenwelt.de/nelson-mandela-zitate-die-die-menschheit-inspiriert-haben/, letzter Zugriff am 07.06.2017

2 Aulinger, Juliane: Schulische Leistungen von Kindern mit Migrationshintergrund. MBV Berlin – Mensch und Buch Verlag, München, 2009, S. 14

3 Diefenbach, Heike: Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien im deutschen Bildungssystem – 3. Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2010, S.11

4 Linde, Janna: Kinder auf dem Abstellgleis, Tectum Verlag, Marburg, 2007, S. 13

5 Ceri, Fatma: Die Bildungsbenachteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund, Centaurus Verlag, Kenzingen, 2008, S. 13

6 Aulinger, ebenda, S. 20-21.

7 Ceri, ebenda, S. 13

8 Castles, Stephen: International migration at the beginning oft he twenty-first century: Global trends and issues, International Social Science Journal 52/165, Blackwell Publisher, Oxford/Malden, 2000, S. 269

9 Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Definition von Migration und von der Zielgruppe Migranten, http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/kurzdossiers/57302/definition-von-migration, letzter Zugriff am 12.04.2017

10 Statistisches Bundesamt: Migrationshintergrund, https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/MigrationIntegration/Glossar/Migrationshintergrund.html, letzter Zugriff am 13.04.2017

11 Ceri, ebenda, S. 14

12 Statistisches Bundesamt, ebenda

13 Leiprecht Rudolf; Steinbach, Anja: Anerkennung von Migration als ‚Normalfall‘ – ein langer Weg in: Schule in der Migrationsgesellschaft – Band 2, Debus Pädagogik Verlag, Schwalbach, 2015, S. 10-11

14 UN-Kinderrechtskonvention: Recht auf Bildung, Recht auf Schule, https://www.kinderrechtskonvention.info/recht-auf-bildung-recht-auf-schule-3620/, letzter Zugriff am 14.04.2017

15 Neumann, Ursula; Karakasoglu, Yasemin: Anforderungen an die Schule in der Einwanderungsgesellschaft: Integration durch Bildung, Schaffung von Bildungsgerechtigkeit und interkulturelle Öffnung in: Schule mit Migrationshintergrund, Waxmann, Münster/New York/München/Berlin, 2011, S. 47

16 Petersen, Inger; Tajmel, Tanja: Bildungssprache als Lernmedium und Lernziel des Fachunterrichts in: Schule in der Migrationsgesellschaft – Band 2, Debus Pädagogik Verlag, Schwalbach, 2015, S. 84

17 Linde, ebenda, S.13

18 Bundesministerium für Bildung und Forschung: Bildung in Deutschland, W. Bertelsmann Verlag, Bielefeld 2006, S. 137

19 Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V., http://www.soziokultur.de/bsz/sites/default/files/file/Jugend_ins_Zentrum_FAQ.pdf, letzter Zugriff am 16.04.2017

20 Range, Christine: Konzepte für die Erreichung bildungsbenachteiligter Zielgruppen, Landesvereinigung kulturelle Jugendbildung Sachsen, Leipzig, 2012, S. 1

21 Art. 3 Abs. 3 Grundgesetz

22 Bundesamt für politische Bildung: Bildung und Herkunft, http://www.bpb.de/apuz/29445/bildung-und-herkunft?p=all, letzter Zugriff am 16.04.2017

23 Aulinger, ebenda, S. 20

24 Neumann; Karakasoglu, ebenda, S. 47

25 Wilmes, Maren; Schneider, Jens; Crul, Maurice: Sind die Kinder türkischer Einwanderer in anderen Ländern klüger als in Deutschland? In: Schule mit Migrationshintergrund, Waxmann, Münster/New York/München/Berlin, 2011, S. 30-31

26 ebenda, S. 32

27 Linde, ebenda, S. 20

28 Butterwegge, Carolin: Von den „Gastarbeiter“-Anwerbung zum Zuwanderungsgesetz, http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56377/migrationspolitik-in-der-brd?p=all, letzter Zugriff am 04.06.2017

29 Dähn, Peter: Die Bildungsbenachteiligung von Schülern mit Migrationshintergrund – Examensarbeit, GRIN Verlag, München, 2010, http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/152157.html

30 Butterwegge, ebenda

31 Seifert, Wolfgang: Geschichte der Zuwanderung nach Deutschland nach 1950, http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138012/geschichte-der-zuwanderung-nach-deutschland-nach-1950?p=all, letzter Zugriff am 04.06.2017

32 Seifert, ebenda

33 ebenda

34 Linde, ebenda, S. 20

35 Seifert, ebenda

36 Linde, ebenda, S. 20

37 Butterwegge, ebenda

38 ebenda

39 Seifert, ebenda

40 Garschagen, Teresa; Lindner, Jenny: Welche Migrationsbewegungen haben Deutschland geprägt?, https://mediendienst-integration.de/artikel/fluechtlinge-asyl-migrationsbewegungen-geschichte-einwanderung-auswanderung-deutschland-aussiedler-gastarbeiter.html, letzter Zugriff am 05.06.2017

41 Kehribar, Pinar: Migrationspädagogik: Von der Ausländerpädagogik zu Transkulturalität in der Erziehungswissenschaft, GRIN Verlag, München, 2013, http://www.grin.com/de/e-book/272479/migrationspaedagogik-von-der-auslaenderpaedagogik-zu-transkulturalitaet, letzter Zugriff am 06.06.2017

42 Kehribar, ebenda

43 Seifert, ebenda

44 Fereidooni, Karim: Schule – Migration – Diskriminierung. Ursachen der Benachteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund im deutschen Schulwesen, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2011, S. 18

45 Diefenbach, ebenda, S. 52

46 Diefenbach, ebenda, S. 52-53

47 Aulinger, ebenda, S. 55

48 Wilmes, Schneider, Crul, ebenda, S. 32-33

49 Diefenbach, ebenda, S. 53

50 Wilmes, Schneider, Crul, ebenda, S. 33

51 Aulinger, ebenda, S. 54

52 Diefenbach, ebenda, S. 53

53 ebenda

54 ebenda

55 Aulinger, ebenda, S. 57

56 Ceri, ebenda, S. 19-20

57 Deutscher Bundestag: Vor- und Nachteile der Gesamtschule bzw. des dreigliedrigen Schulsystems, https://www.bundestag.de/blob/415418/fbae4a80b8f046f9f9ed7220225bb131/wd-8-231-06-pdf-data.pdf, 2006, letzter Zugriff am 19.04.2017

58 Kosch, Lea: Fehler im Bildungssystem, http://www.huffingtonpost.de/2015/10/11/bildung-schule-neue-ideen_n_8270122.html, letzter Zugriff am 27.04.2017

59 Linde, ebenda, S. 39

60 Diefenbach, ebenda, S. 54

61 Wilmes, Schneider, Crul, ebenda, S. 34

62 Geißler, Rainer; Weber, Sonja: Migrantenkinder im Bildungssystem: doppelt benachteiligt, http://www.bpb.de/apuz/30801/migrantenkinder-im-bildungssystem-doppelt-benachteiligt?p=all, letzter Zugriff am 27.04.2017

63 Statistisches Bundesamt: Schulen auf einen Blick – Ausgabe 2016, https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/BildungForschungKultur/Schulen/BroschuereSchulenBlick0110018169004.pdf?__blob=publicationFile, S. 8, letzter Zugriff am 28.04.2017

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Ursachen der Bildungsbenachteiligung bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in bundesdeutschen Schulen und ausgewählte Erklärungstheorien
Hochschule
Evangelische Hochschule Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
55
Katalognummer
V914576
ISBN (eBook)
9783346228581
ISBN (Buch)
9783346228598
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Welchen Erklärungswert haben die unterschiedlichen Theorien für die Bildungsbenachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund an deutschen Schulen?
Schlagworte
Bildungsbenachteiligung, Migration, Ursachen, Schule
Arbeit zitieren
Marc Unkovic (Autor:in), 2017, Ursachen der Bildungsbenachteiligung bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in bundesdeutschen Schulen und ausgewählte Erklärungstheorien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/914576

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