Exegetische Analyse der Perikope Mt 18, 21-35 und kritischer Vergleich mit ihrer Umsetzung im Adonia-Musical "77 – Wie Gott mir, so ich dir!"


Bachelorarbeit, 2020

58 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

1. EXEGETISCHE ANALYSE DER PERIKOPE MT 18, 21-35

2. VORÜBERLEGUNGEN UND TEXTSICHERUNG
2.1. Persönlicher Zugang zum Text
2.2. Wirkungsgeschichtliche Reflexion
2.3. Abgrenzung der Perikope
2.4. ÜBERSETZUNGSVERGLEICH

3. SPRACHLICH-SACHLICHE ANALYSE DES TEXTES
3.1. Sozialgeschichtliche und historische Fragen, Realien
3.2. T EXTLINGUISTISCHE FRAGESTELLUNGEN
a. Basisopposition und Gegensatzpaare
b. Spannungsbögen
c. Tragende Begrifflichkeiten und semantische Felder
d. Akteure
e. Quantitäten
f. Wiederholungen & Proformen
g. Verknüpfungen
h. Tempora
i. Erzählbrüche
j. Textgliederung
k. Kohärenz
l. Strukturskizze: Mt 18,21-35

4. DIE AUSSAGEABSICHT DES AUTORS
4.1. Form- und Gattungsanalyse
4.2. Textpragmatische Analyse

5. KONTEXTUELLE ANALYSE
5.1. Traditionsgeschichte
5.2. Religionsgeschichtlicher Vergleich
5.3. Synoptischer Vergleich im weiteren und engeren Sinn

6. DER TEXT ALS TEIL EINES THEOLOGISCHEN GESAMTKONZEPTS
6.1. Kompositionskritik
6.2. Redaktionskritik

7. ERGEBNIS DER EXEGETISCHEN ANALYSE
II. KRITISCHER VERGLEICH DER PERIKOPE MIT IHRER UMSETZUNG IM ADONIA- MUSICAL „77 - WIE GOTT MIR, SO ICH DIR!“

8. ADONIA DEUTSCHLAND
8.1. Geschichte, Organisation und Vision
8.2. Persönlicher Bezug

9. DAS MUSICAL
9.1. Aufbau des Musicals
9.2. Inhaltliche Zusammenfassung des Musicals

10. KRITISCHER VERGLEICH DES MUSICALS MIT DER EXEGETISCHEN ANALYSE
10.1. Lied 1, Prolog (S. 4-6)
10.2. Szene 1, Lied 2 (S. 6-9)
10.3. Szene 2, Lied 3 (S. 9-12)
10.4. Szene 3, Lied 4 (S. 13-14)
10.5. Szene 4, Lied 5 (S. 15-17)
10.6. Szene 5, Lied 6, Szene 6 (S. 18-20)
10.7. Szene 7, Lied 7 (S. 21-25)
10.8. Szene 8, Lied 8 (S. 26-29)
10.9. Szene 9, Lied 9 (S. 29-31)
10.10. Szene 10, Lied 10 (S. 32-33)
10.11. Szene 11a, Lied 11 (S. 34-36)
10.12. Szene 11b, Lied 12, Lied 13 (S. 36-41)
10.13. Szene 12, Szene 13, Lied 14, Szene 14 (S. 42-45)
10.14. Szene 15, Lied 15, Lied 16 (S. 46-50)

11. FAZIT
11.1. Persönliches Fazit

LITERATURVERZEICHNIS
Literatur- und Internetquellen
Bibeln
Material von Adonia e.V
Abkürzungsverzeichnis

ANHANG

1. Einleitung

„Wie du mir, so ich dir“ lautet eine Redewendung, welche vermutlich jedem be­kannt sein dürfte. Auf den ersten Blick scheint dieses Prinzip gerecht zu sein, denn weshalb sollte ich anderen zuvorkommend begegnen, wenn ich selbst nichts davon habe? Bei Betrachtung der biblischen Evangelien kann jedoch schnell wahrgenommen werden, dass uns Jesus eine absolut andere Sichtweise nahelegt. Sein Fokus liegt auf der Nächstenliebe, welche mit einer uneinge­schränkten, bedingungslosen Vergebungsbereitschaft einhergeht - auch, wenn ich nicht davon profitiere.

Diese Thematik erforsche ich im Rahmen dieser Bachelorarbeit, indem ich zu­nächst das „Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht“ aus Mt1 18,21-35 exegetisch analysiere. In einem zweiten Schritt vergleiche ich diese Ergebnisse kritisch mit der Umsetzung im Musical „77 - Wie Gott mir, so ich dir!“ der christlichen Orga­nisation „Adonia e.V.“, welche jährlich biblische Musicalcamps für Kinder und Ju­gendliche durchführt. Hierbei wird besonders die inhaltliche Umsetzung betrach­tet; musikalische Aspekte, welche eine besondere Schwerpunktsetzung unter­stützen, werden zusätzlich in die Bewertung aufgenommen.

Konkret orientiere ich mich im ersten Teil am „Leitfaden Exegese“ (Erlemann & Wagner, 2013), von welchem insbesondere die Gliederung übernommen wird. Anschließend unterteile ich das Musical in Sinnesabschnitte, welche sich in den meisten Fällen mit den Lied- beziehungsweise Szenenabschnitten gleichsetzen lassen. Dies bildet die Grundlage für den kritischen Vergleich, dessen Ergebnisse im Gesamtfazit am Ende zusammentragen werden.

Insgesamt gehe ich in dieser Bachelorarbeit den Fragen auf den Grund, welche Intention den biblischen Autor Mt zur Verschriftlichung der Perikope motivierte, welche seiner theologischen Ansichten daraus ersichtlich werden und inwieweit die Umsetzung im Adonia-Musical diese Aspekte aufnimmt, ergänzt oder verän­dert.

I. Exegetische Analyse der Perikope Mt 18, 21-35

2. Vorüberlegungen und Textsicherung

Bevor die Perikope exegetisch analysiert wird, werden persönliche Vorüberle­gungen formuliert und eine Textsicherung durchgeführt. Ziele dieses Kapitels sind unter anderem die Klärung meines eigenen Bibel- und Vorverständnisses, die Darlegung der Wirkungsgeschichte der Perikope bis heute, die Ermittlung von Umfang und Textbegrenzungen und das Erkennen von Interpretationsspielräu­men anhand eines Vergleichs deutscher Übersetzungen des Untersuchungstex­tes.

2.1. Persönlicher Zugang zum Text

Im Laufe meines Lebens begegnete mir die vorliegende Bibelstelle bereits einige Male, jedoch beschäftigte ich mich nie intensiv mit den Inhalten. Durch das aktu­elle Adonia-Musical wurde ich erneut auf die Perikope aufmerksam und stellte durch die szenische Umsetzung und Interpretation fest, dass sich bei genauerem Betrachten mehr hinter dem Gleichnis verstecken könnte, als bisher von mir an­genommen. Dies zu entdecken, stellt eine meiner Motivationen für diese Ba­chelorarbeit dar.

Bevor ich die Bibelstelle näher betrachte, ist wichtig, zu benennen, dass ich die Bibel als von Gott inspiriert und von Menschen verschriftlicht verstehe. Somit hat sie auch heute noch Bedeutung für unser Leben. Mir ist es ein Anliegen, zu be­denken, dass jeder Autor der Bibel eigene Interpretationen mit einfließen ließ, welche im Kontext der damaligen Zeit möglicherweise andere Bedeutungen hat­ten als heute. Daher ist ein kritisches und reflektiertes Hinterfragen wichtig, wel­ches nicht jedes Wort kontextlos als uneingeschränkte Wahrheit bewertet.

Die Bibelstelle wirft zunächst einige Fragen auf, die ich mit meinem persönlichen Gottesbild in Einklang bringen möchte. Auf den ersten Blick erscheint Gott, wel­cher im Gleichnis von einem König repräsentiert wird, zwar anfangs gnädig, schlussendlich jedoch zornig und bestrafend. Dies löst beim ersten Lesen ein einschüchterndes Gefühl in mir aus, da ich Gott als liebevoll und gerecht sehe. Nach mehrmaliger Betrachtung erkenne ich jedoch, dass eben diese Reaktion des Königs auf das Handeln des Dieners Gerechtigkeit darstellt. Wer selbst Güte erfährt, sollte diese auch weitergeben. Alles andere wäre Egoismus und Selbst­bezogenheit.

Im Blick auf die exegetische Analyse stellen sich mir die Fragen, welche tiefere Bedeutung das Gleichnis im Kontext der Konversation mit Jesus beinhaltet, wel­che Aktualität dem Gleichnis in unserer heutigen Zeit zuzuordnen ist und ob sich die Reaktion des Königs am Ende tatsächlich mit der Güte Gottes vereinbaren lässt.

2.2. Wirkungsgeschichtliche Reflexion

Die Thematik rund um Vergebung spiegelt sich in unzähligen, auch nichtchristli­chen, Diskussionen wider. Dennoch nehmen nur wenige Kommentare Bezug auf die vorliegende Perikope, da diese zwar inhaltlich leicht zu verstehen ist, jedoch im Hinblick auf eine bildhafte Auslegung der Heilsgeschichte an Komplexität ge­winnt (Luz, 1997, S. 76).

Die Zweiteilung der Perikope ist auch in ihrer Wirkungsgeschichte wiederzufin­den. Beginnend mit V.21f stellt sich die Frage, ob es eine Obergrenze für die Quantität von Vergebung gibt. Bereits früh entstand die Sorge, dass durch im­merwährende Vergebung häufiger gesündigt wird, wodurch in der altkirchlichen und katholischen Auslegung ein sorgsamer Umgang mit dem Sakrament der Buße gefordert wird (Ebd., S. 62). So sagte auch Tertullian, dass nur dem ver­ziehen werden kann, der um Vergebung bittet; dennoch soll die Sünde innerlich nicht nachgetragen werden (Ebd.). Calvin geht noch einen Schritt weiter und äu­ßert, dass nicht jeder Reuebekundung Glauben geschenkt werden dürfe, da die Buße eine derart heilige Angelegenheit darstelle (Ebd., S. 63). Luther erkannte ein ganz anderes Problem: Kann die Aufforderung zum uneingeschränkten Ver­geben für alle Menschen gelten, während die Justiz nicht vergebend, sondern nur bestrafend wirken kann? Während er hierin die Gefahr sieht, dass V.22 aus­schließlich zu einer inneren Haltung wird (Ebd.), entgegnet Tolstoi in seinem Ro­man „Auferstehung“ mit der These, dass gerade im justiziellen Bereich „die gren­zenlose Verzeihung die einzig wahrhafte Haltung sei“ (Ebd.), da kein Mensch schuldfrei ist und daher nicht über andere richten dürfe.

Der zweite Teil der Perikope behandelt die Qualität der Vergebung. Erste Deu­tungen aus dem Mittelalter interpretierten den ersten Knecht als das jüdische Volk, den zweiten als das Heidentum und die Folterknechte als Gerichtsengel bzw. Zerstörer Israels (Ebd., S. 76). Diese Deutungen gingen gegen Ende des Mittelalters zurück. Zahlreiche Ausleger der alten Kirche behandelten insbesondere die Frage, ob Gott seine einst geleistete Vergebung gegenüber dem Menschen wieder zurücknehmen kann. In Anbetracht des Gleichnisses wird diese Frage häufig bejaht, jedoch unterscheiden sich die Erklärungen. So argu­mentierte Apollinaris von Laodizea in Bezug auf Röm 11,292, dass die menschli­che Schlechtigkeit so groß sei, dass „dieses Wort außer Kraft [gesetzt würde]“ (Ebd.). Im Mittelalter erschien Albertus Magnus das Zurückkehren einmal verge­bener Sünden und die Gerechtigkeit Gottes als ein Widerspruch, woraufhin er die neue These formulierte, dass nicht die vergebenen Sünden zurückkehren, son­dern „das Nicht-Bleiben in der Gnade zum göttlichen Gericht führe“ (Ebd., S. 76f). Die Verbindung beider Ansätze schuf Thomas von Aquino durch die These, dass früher vergebene Sünden aufgrund der Undankbarkeit zurückkehren. Diese These verankerte sich später auch in orthodoxen katholischen und protestanti­schen Glaubenslehren (Ebd., S. 77). Luther vertrat zwar einerseits auch die Auf­fassung, man könne Gottes Gnade wieder verlieren („So sollen wir nun bej dem Herrn Christo bleiben, wen wir gesundigt haben und ihme nicht den rucken zu­keren, sonst verlieren wir die vergebung der sunde“ (Ebd.)), andererseits be­trachtete er die göttliche Vergebung auch als „unverrückbare Grundlage“ (Ebd.), die dem menschlichen Handeln vorausgeht. Somit kann eigene Vergebung kein Werk sein, „durch das man Vergebung der Sünde verdient“ (Ebd.), dennoch habe Gott natürlich die Freiheit, seine Gnade zurückzunehmen.

2.3. Abgrenzung der Perikope

Die Perikope steht am Ende des 18. Kapitels des Matthäusevangeliums, welches sich mit „Anweisungen für das Gemeindeleben“3 überschreiben lässt. In Mt 18,1 äußert sich, dass die Jünger mit einer Frage auf Jesus zukommen, worauf dieser in einem langen Monolog, welcher von V.3-20 andauert, antwortet. Die Kulisse scheint ein öffentlicher Ort gewesen zu sein, denn Jesus ruft gleich zu Beginn ein Kind zu sich, womit er seine Rede einleitet (Mt 18,2). Aus Mt 19,1 wird erkennbar, dass der aktuelle Aufenthaltsort in Galiläa liegt.

Durch eine Zwischenfrage von Petrus (Mt 18,21) wird eine Überleitung zur Peri­kope geschaffen. Jesus gibt Antwort auf die Frage (Mt 18,22) und verbindet dies mit dem Gleichnis (Mt 18,23ff), welches den Abschluss der „Gemeindeordnung“ bildet (Luck, 1993, S. 207). V.35 stellt ein Fazit des Gleichnisses, aber auch des gesamten Kapitels dar (Ebd., S. 209).

Mit Mt 19,1 beginnt ein neuer Abschnitt, was sich zunächst durch die Worte „Und es geschah, als Jesus diese Rede abgeschlossen hatte, ...“ begründen lässt. Ne­ben dem Zeitwechsel findet auch ein Ortswechsel von Galiläa in die Gegend von Judäa statt (Mt 19,1). Während in Kapitel 18 nur die Jünger erwähnt wurden, folgen Jesus nun zahlreiche Leute dorthin (Mt 19,2). Mit Kapitel 19 beginnt ein neuer Abschnitt, der jedoch noch starke Bezüge zum vorherigen aufweist. So werden nun Themen wie Ehelosigkeit, Scheidung sowie Reichtum und Armut be­handelt, die auch für das Leben in der Gemeinde von Bedeutung sind (Schnackenburg, 1987, S. 177). Thematisch hängt die Perikope aber hauptsäch­lich mit Kapitel 18 zusammen, worauf in der Kompositionskritik 6.1.) konkret eingegangen wird.

2.4. Übersetzungsvergleich

Im Folgenden wird die Zürcher Bibel 2007 mit der Neuen Genfer Übersetzung 2011 und der Einheitsübersetzung 2016 verglichen (im Weiteren als ZB, NGÜ und EÜ).

Jede Übersetzung überschreibt die Perikope auf eigene Weise. Während die ZB („Das Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht“) und die NGÜ („Das Gleichnis vom Schuldner, der Barmherzigkeit erfährt, aber selbst nicht gewährt“) den Fokus auf das falsche Verhalten des ersten Dieners lenken und somit besonders aufzeigen, was vermieden werden soll, akzentuiert die EÜ („Über die Pflicht zur Vergebung“) stattdessen, wie gelebt werden soll.

Die Frage, mit welcher sich Petrus in V.21 an Jesus wendet, formulieren NGÜ und EÜ in Bezug auf den eigenen Anteil: ,Wie oft muss ich gütig sein, wenn der andere sündigt?“ Die ZB stellt hier eher die Frage nach dem Anderen: ,Wie oft darf mein Bruder sündigen, damit ich ihm noch vergeben muss?“ Diese scheinbar kleine Umformulierung der Frage setzt den Schwerpunkt mehr auf den erwarte­ten Akt der Vergebung bzw. mehr auf die Häufigkeit der gerechtfertigten Sünden. In V.22 reagiert Jesus auf diese Zwischenfrage. ZB und EÜ leiten die Antwort mit den Worten „Ich sage dir...“ ein, was aufzeigt, dass Jesus als Lehrer antwortet. Dies verleiht den nachfolgenden Worten mehr Gewicht, als es in der NGÜ der Fall ist, wo Jesus direkt mit seiner Antwort beginnt („‘Nein“, gab Jesus ihm zu Antwort...“). In allen drei Übersetzungen fordert Jesus zu siebenundsiebzigmali­gem Vergeben auf. Andernorts wird dies mit „siebzigmal siebenmal“ übersetzt (vgl. bspw. Lutherbibel 2017). In diesem Diskurs sind sich Theologen etc. bis heute uneinig, da beide Übersetzungen nicht ganz richtig sind, „die zweite ist [jedoch] noch weniger korrekt“ (Luz, 1997, S. 61). Inhaltlich deuten beide Formu­lierungen aber auf dieselbe Botschaft hin, worauf im Verlauf der exegetischen Analyse noch eingegangen wird.

Kleine Unterschiede finden sich in der gesamten Perikope, welche auf unter­schiedliche Interpretationen hindeuten. So möchte der König in V.23 in ZB und NGÜ mit seinen Knechten abrechnen, während er in der EÜ Rechenschaft ver­langt. Letzteres scheint im Kontext des Gesamttextes nicht ganz passend, da der König hier auch nur eine Erklärung und nicht sein Geld zurückverlangen könnte. Somit werden die Härte, die Dringlichkeit und der Ernst nicht ganz vermittelt.

In seiner Not hofft der erste Diener auf die Gnade des Königs (V. 26) und wirft sich (ZB/NGÜ) bzw. fällt (EÜ) auf die Knie. ,Sich auf die Knie werfen“ klingt hierbei aktiver, wodurch die Unterwürfigkeit des Dieners hervorgehoben wird; ,auf die Knie fallen“ ist hingegen passiv und demonstriert das Fehlen seiner Kräfte, da er keinen Ausweg sieht.

Auf das Flehen hin hat der Herr in V.27 Mitleid. In der ZB und NGÜ erlässt er dem Diener daraufhin die Schuld, während er sie ihm in der EÜ schenkt..Schen­ken“ bewirkt hier ein liebevolles Bild eines Königs auf Augenhöhe, dessen Gnade hervorgehoben wird, während .erlassen“ sachlicher formuliert ist.

Ein weiterer Unterschied ist in V.28 zu finden, als der erste Knecht einen Mit­knecht zur Zahlung auffordert und verlangt, dass dieser ihm bezahle, wenn (ZB), bzw. was (NGÜ/EÜ) er schuldig ist. ,Wenn‘ setzt jedoch Unkenntnis des ersten Knechts bezüglich ausstehender Schulden voraus (Ebd., S. 65), was seine Bos­heit noch stärker hervorhebt, da er ihn ins Gefängnis wirft, obwohl er nicht einmal genau weiß, ob und wieviel der andere ihm schuldig ist (V.30).

In V. 31 wird anschließend von der Reaktion anderer Diener auf das Handeln des ersten Dieners berichtet. Während die ZB von „großer Trauer“ spricht, waren die Diener in der NGÜ „entsetzt“ und in der EÜ „sehr betrübt“. Diese Differenzen sind auf verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten zurückzuführen, denn sowohl aus dem hebräischen als auch aus dem griechischen lässt sich das ursprüngliche Wort als starke Form von Trauer, Ekel, Abscheu, Entrüstung oder Empörung übersetzen (Ebd., S. 72). Verschiedene Übersetzungen setzen hier klar unter­schiedliche Schwerpunkte. Die ZB und EÜ äußern eine gewisse Enttäuschung, als hätten die Beobachter ,mehr von ihrem Mitknecht erwartet“. Die NGÜ dage­gen vermittelt ein absolutes Unverständnis gegenüber der Unbarmherzigkeit des Knechts.

Zuletzt wird auf V.32 eingegangen, als der Herr den ersten Diener erneut rufen lässt. Während er ihn in der ZB als „böse[n] Knecht“ anklagt, nennt er ihn in der NGÜ einen „böse[n] Mensch[en]“ und in der EÜ einen „elende[n] Knecht“. Die Wortwahl der ZB und EÜ erniedrigen ihn besonders in seiner Rolle als Diener, während die NGÜ sich auf seine gesamte Identität als Mensch bezieht. Das Ad­jektiv böse äußert vor Allem Wut und Hass, wohingegen elendig eher enttäu­schend oder beleidigend wirkt.

Die wesentlichen Differenzen der unterschiedlichen Übersetzungen der Perikope wurden im Verlauf genannt. Weitere Aspekte überschreiten den Umfang dieser Ausarbeitung. Für die weitere Arbeit wird die Zürcher Bibel verwendet, welche meiner Auffassung nach den Urtext am getreuesten widerspiegelt und möglichst wenig Interpretation in die Übersetzung mit einfließen lässt.

3. Sprachlich-sachliche Analyse des Textes

Dieser Abschnitt leitet die synchrone Analyse ein, welcher den Text als literari­sche Einheit versteht und seine Gestaltung und seinen Aufbau erläutert (vgl. Erlemann & Wagner, 2013, S. 35). Im Folgenden wird somit neben der Darstel­lung soziokultureller Kontexte, welche historische Fragestellungen aufdecken, besonders die Semantik der Perikope fokussiert.

3.1. Sozialgeschichtliche und historische Fragen, Realien

Bei Betrachtung der Perikope stellt sich unweigerlich die Frage, um welche Geld­summen es sich handelt, da wir mit Einheiten wie Talenten heute kaum noch etwas anzufangen wissen. Die Summe, welcher der erste Knecht dem König schuldet, beträgt 10.000 Talente. Ein Talent entspricht 6000 Denaren (Lau, 2017), wodurch die Gesamtschuld 60 Millionen Denare beträgt. Diese Summe ist in heutigen Währungen nur in mehrstelliger Milliardenhöhe vorstellbar (Luz, 1997, S. 71). Zum Vergleich lagen die Steuereinnahmen in Galiläa und Peräa jährlich bei gerade einmal 200 Talenten (Frankemölle, 2010, S. 153), während Herodes ein Jahreseinkommen von 900 Talenten erreichte (Luck, 1993, S. 209). Die Schuldhöhe ist also eigentlich viel zu hoch angesetzt, was vermutlich der Verdeutlichung der Botschaft dienen sollte. Der Verkauf des ersten Knechts als Sklaven hätte diese Schuld niemals decken können, da Sklavenpreise zu dieser Zeit zwischen 500 und 2000 Denaren lagen (Luz, 1997, S. 69). Diese Maßnahme stellte somit eher eine Strafe dar (Schnackenburg, 1987, S. 176). Das Verspre­chen des ersten Knechts, alles zurückzuzahlen, erscheint nach diesen Erkennt­nissen überaus unrealistisch, während der Zweite seine Schuld von 100 Denaren durchaus hätte begleichen können (Gnilka, 1988, S. 146), ungeachtet der Tatsa­che, dass es aus subjektiver Sicht weiterhin eine hohe Schuld gewesen sein mag, denn ein Tagelöhner hätte bei einem Tagesverdienst von einem Denar 100 Löhne ersparen müssen (Klaiber, 2015, S. 52). Im Vergleich erscheint diese Summe allerdings sehr klein.

Es ist unklar, welche Verhältnisse dem Gleichnis zugrunde liegen. Die bereits genannte Schuldsklaverei war im hellenistischen und römischen Recht legitim (Luz, 1997, S. 69), während dies im Judentum nur bei Dieben gestattet war (Gnilka, 1988, S. 146). Zudem durften Frauen im jüdischen Recht nie verkauft werden (Schnackenburg, 1987, S. 176) und einigen Quellen zufolge auch die Söhne nicht (Luz, 1997, S. 70). Die gegebenen Verhältnisse passen also nicht zu Palästina, sondern treffen eher auf ein damaliges Großreich zu (Schnackenburg, 1987, S. 176), wodurch die Leser wahrscheinlich an einen heid­nischen Herrscher dachten, welcher ihnen aus ihrer eigenen Lebenswelt jedoch bekannt war, da die meisten damaligen Könige Heiden waren (Luz, 1997, S. 70). Dies erklärt die Schuldhaft, welche der zweite Knecht erfährt, die ebenfalls nicht im jüdischen Recht zu finden ist (Ebd.). Diese Methode sollte Angehörige des Schuldners dazu drängen, Geld aufzutreiben und den Gefangenen so freizukau­fen (Klaiber, 2015, S. 53). Das gleiche Ziel verfolgte die Praktik der Folterung, welche der Erste am Ende der Perikope erfährt (Ebd.). Fälle, wie den zunächst vom König gewährten Schulderlass, gab es immer wieder (Luz, 1997, S. 70), allerdings nicht aufgrund einer Notlage des Schuldners, insbesondere nicht bei dieser Summe.

Abschließend wird das Verhältnis der Protagonisten im Hinblick auf deren gesell­schaftliche Stellung beleuchtet. Wie erwähnt wird bei dem König vermutlich an einen orientalischen, heidnischen Herrscher gedacht. Dass Sklaven die Finan­zen ihrer Herren betreuten, war nicht unüblich (Ebd., S. 69), allerdings ist hier nicht von Sklaven auszugehen, da sonst ein Verkauf in die Sklaverei wider­sprüchlich wäre (Klaiber, 2015, S. 51). Vielmehr sind es Knechte, die im Dienst des Königs stehen. Diese konnten auch Posten als Minister (Ebd.) oder hohe Staatsbeamte einnehmen (Schnackenburg, 1987, S. 176). Eine mögliche Posi­tion wäre beispielsweise ein ,Satrap‘, ein Statthalter einer Provinz, da hier unter anderem vom König anvertraute Gelder verwaltet werden (Gnilka, 1988, S. 144f). Die große Schuld könnte dann beispielsweise durch Unterschlagung oder Ver­schwendung der einzutreibenden Steuersumme zustande gekommen sein (Schnackenburg, 1987, S. 176).

3.2. Textlinguistische Fragestellungen

Ziel dieses Methodenschrittes ist es, den Text auf seine Struktur und Kohärenz zu prüfen, um Aufschlüsse über redaktionelle Hintergründe des Autors zu erhal­ten. Dabei werden jene Aspekte untersucht, welche die Einheitlichkeit der Peri- kope begründen.

a. Basisopposition und Gegensatzpaare

Die gesamte Perikope teilt sich in zwei Abschnitte, die als opponierend gedeutet werden können: Während in V.21f ein Gespräch stattfindet, welches die Quantität der Vergebung betrachtet, folgt in V.23-35 eine Gleichniserzählung, die sich mit deren Qualität beschäftigt (vgl. Gnilka, 1988, S.143).

In Petrus“ Frage in V.21 ist ein Gegensatzpaar in den Worten .schuldig“ und .ver­geben“ zu finden. Ersteres bezieht sich hierbei auf den Anderen, während der Akt der Vergebung mich selbst betrifft. Jesu Antwort zeigt anschließend „siebenund­siebzigmaliges Vergeben“ im Gegensatz zu „siebenmaligem“ (V.22) auf.

Im Verlauf des Gleichnisses fallen drei Oppositionen direkt auf: Zunächst der Kö­nig, der voller Bestimmtheit „befahl“ (V.25), den schuldigen Knecht zu verkaufen, dann jedoch „Mitleid mit jenem Knecht“ (V.27) hatte und ihn verschonte.

Als beinahe kongruentes Gegenstück wird folgend geschildert, wie ebendieser Knecht direkt im Anschluss von einem weiteren Knecht sein Geld zurückfordert. Doch seine Reaktion auf die Bitte des zweiten Knechts könnte nicht gegensätz­licher zu der des Königs sein: Er erlässt ihm nicht seine Schuld, sondern lässt ihn „ins Gefängnis werfen“ (V.30). Dies stellt wohl die Basisopposition der gesamten Perikope dar.

Abschließend findet sich erneut beim König eine semantische Opposition, denn sein anfängliches Mitleid schwenkt nun über zu Zorn, woraufhin er den Knecht den Folterknechten übergibt (V.34).

b. Spannungsbögen

Die Perikope, insbesondere das Gleichnis, baut ab V.23 kontinuierlich Spannung auf. Besonders durch die sich wiederholende Szene (V.26f.29f) wird diese durch gegensätzliche Reaktionen der Akteure erzeugt. Die Spannungskurve steigt bis kurz vor Ende an, wobei in V.27 ein kleiner Abfall zu verorten ist, welcher durch die gütige Reaktion des Königs ausgelöst wird. In der zweiten Szene, der Knecht verurteilt einen Mitknecht, ist die Stimmung besonders stark angespannt, da der Leser das Verhalten im Vergleich zu dem des Königs nicht nachvollziehen kann. Der Höhepunkt der Perikope befindet sich in V.34, als der König den Knecht in seinem Zorn den Folterknechten übergibt. Daraufhin nimmt die Spannung ab. Diese Peripetie führt zum Schlusswort Jesu, welches das Gleichnis auf den ein­zelnen Leser überträgt (V.35) und ihn mit einer gewissen Restspannung zurück­lässt.

c. Tragende Begrifflichkeiten und semantische Felder

Das semantische Feld der Schuld ist das Zentrum der Perikope, insgesamt neun­mal werden die Worte ,Schuld‘ oder .schuldig“ genannt. Dies zeigt den inhaltli­chen Schwerpunkt, nämlich den Umgang mit ebendieser Schuld, welcher sich im Vergeben äußern soll. Der Begriff der Vergebung „[rahmt] den gesamten Text inklusionsartig [ein]“ (V.21.35; Gnilka, 1988, S. 143).

Mehrfach ist von ,zurückzahlen‘ die Rede, was die Dimension von Schuld inso­fern verdeutlicht, dass eine Gegenleistung geschehen muss. Dies mündet in das Feld von Erbarmen und Mitleid, welches insbesondere dem König zuzuschreiben ist. Zunächst hat er Erbarmen mit dem Knecht, was er später auch von diesem erwartet hätte und von ihm verlangt. Außerdem wird der Knecht gerade wegen mangelnden Erbarmens schlussendlich verurteilt. Dieses Feld hängt stark mit der Vergebung zusammen und kann in gewisser Weise verknüpft werden.

Abschließend findet in der Perikope viel Bewegung statt. Zunächst wird der Knecht „vor [den König] gebracht' (V.24), geht anschließend weg (V.28), trifft sei­nen Mitknecht, geht erneut und lässt ihn ins Gefängnis werfen (V.30). Die Knechte, die dies beobachteten, „gingen und berichteten ihrem Herrn alles“ (V.31), der Knecht wird erneut zum König gerufen (V.32) und wird anschließend vom König an die Folterknechte übergeben (V.34). Durch diese Verben der Be­wegung wird deutlich, dass nicht alles am selben Schauplatz zur gleichen Zeit geschieht, sondern die Erzählung mehrere Szenen durchläuft.

d. Akteure

Zu Beginn treten Petrus und Jesus als Akteure auf, wobei aus dem Kontext (Mt 18,1) bekannt ist, dass auch andere Jünger anwesend sind. Petrus ist hier also der „Sprecher des Jüngerkreises“ (Luck, 1993, S. 207). Im folgenden Gleichnis wird zunächst vom ,König‘ berichtet, der jedoch nur in V.23 so betitelt wird. Da­nach wird er ausschließlich ,Herr‘ genannt. Das griechische Wort Küpio^ (kyrios) verwendet Petrus auch in V.21, um Jesus anzusprechen. Die Anrede wurde da­mals sowohl im religiösen Kontext, im Alten Testament beispielsweise häufig für Gott (JHWH), als auch profan verwendet, um zum Beispiel einen Hausherrn oder den Herrn eines Knechts anzusprechen (de Vos, 2006). Die Benennung des Kö­nigs könnte also durchaus eine Anspielung auf den Gottesnamen sein, da ein König im Judentum häufig eine Metapher für Gott darstellte (Luz, 1997, S. 68). Die Hauptfigur der Perikope ist der erste Knecht, der in allen Szenen präsent ist.

Seine erste Rolle des Schuldners tauscht er „ein mit der des Gläubigers“ (Gnilka, 1988, S. 143). Sein Pendant ist der zweite Knecht, der nun sein Schuldner ist. Die restlichen Mit- und Folterknechte sind nicht sonderlich wichtig, sondern viel­mehr schmückende Ergänzung.

e. Quantitäten

Der Kern der Perikope ist klar die Vergebung, die im Gespräch zu Beginn und anschließend im Gleichnis eindrücklich behandelt wird. Der Schwerpunkt des Gleichnisses liegt insbesondere auf den Geschehnissen zwischen König und Knecht bzw. Knecht und Mitknecht. Während die Einleitung in die Geschichte nur knapp ausfällt, nimmt jede weitere Szene mehrere Verse ein. So wird der Um­gang des Königs mit dem ersten Knecht über vier Verse hinweg erzählt (V.24- 27), die darauffolgende Situation mit dem zweiten Knecht (V.28-30) und die letzte Szene, die Verurteilung des Ersten (V.32-34), über jeweils drei Verse. Insgesamt nehmen die Gespräche zwischen König und erstem Knecht also sieben Verse ein. V.31 dient als Überleitung von der zweiten zur dritten Szene und ist quanti­tativ sehr gering. Die abschließenden Worte Jesu in V.35 sind zwar zunächst ebenfalls nur kurz, fassen jedoch das gesamte Gleichnis zusammen bzw. resü­mieren die Botschaft, wodurch diesem Vers viel Gewicht zuzuschreiben ist.

f. Wiederholungen & Proformen

Petrus fragt Jesus in V.21, ob er bis zu siebenmal vergeben muss. Jesus greift dies in seiner Antwort auf und sagt: „... nicht bis zu siebenmal, ...“ (V.22). Durch das verneinen der wörtlichen Wiederholung wird die nachfolgende Antwort Jesu unterstrichen.

Innerhalb des Gleichnisses spielen sich zwei beinahe identische Szenarien ab. Während zunächst der erste Knecht vor dem König auf die Knie fällt und um Gnade fleht, geschieht dies anschließend durch den Zweiten. Dabei flehen beide mit fast wortgleicher Rede: „Hab Geduld mit mir, und ich werde (es) dir (alles) zurückzahlen!“ (V.26.29). Durch die deutliche Wiederholung fällt die Ungleichheit der folgenden Reaktion umso mehr auf: Der König hat Erbarmen mit dem Knecht, welcher wiederum seinen Mitknecht ins Gefängnis wirft (V.27.30).

Auffällig sind auch die verschiedenen Konsequenzen, die erwähnt werden: So will der König den Knecht zunächst mitsamt seiner Familie und seinem Besitz verkaufen (V.25), der zweite Knecht wird ins Gefängnis geworfen (V.30) und der Erste wird am Ende bestrafend an die Folterknechte übergeben (V.34). Jede Konsequenz wird damit begründet, dass die Schuld beglichen/bezahlt werden soll (vgl. V.25.30.34). Betrachtet man hingegen V. 27.30.34, wird jeweils erzählt, was „der Gläubiger [schlussendlich tatsächlich] mit dem Schuldner tut“ (Luz, 1997, S. 65).

Im letzten Vers wird die Formulierung der Vergebung am eigenen Bruder aus V.21 erneut aufgegriffen, als Jesus sagt: „..., wenn ihr nicht vergebt, ein jeder seinem Bruder von Herzen.“ (V.35), wodurch das Gleichnis auf die Eingangs­frage bezogen wird. Abschließend ist im gleichen Vers noch eine Wiederholung in der direkten Anrede Jesu zu erkennen: „... mit euch machen, wenn ihr nicht vergebt, ein jeder seinem Bruder...“ (V.35). Durch die dreifache direkte Anrede fühlt sich der Leser persönlich angesprochen.

g. Verknüpfungen

Die Perikope weist eine Vielzahl verschiedener Verknüpfungen auf, welche un­terschiedliche Ziele verfolgen. Das Zeitadverb „Dann (V.21) verknüpft die Pe­rikope mit der vorangehenden Handlung. Mit „Darum ...“ (V.23) wird eine begrün­dete Überleitung von Jesu Antwort zur Gleichniserzählung geschaffen (Gnilka, 1988, S. 143). „Als ...“ (V.24.28.31) zeigt jeweils einen bestimmten Zeitpunkt der Erzählung auf, beispielsweise der Zeitpunkt der Abrechnung in V.24, und bildet stets eine Überleitung zur nächsten Szene. In V.28 findet sich allerdings eine Besonderheit, da zusätzlich die Verknüpfung „Als aber...“ verwendet wird. Aber ist sonst nur noch in V.30 zu finden und weist auf eine bedeutende Situation oder Wendung hin. Zunächst als der erste Knecht auf den Zweiten trifft und ihn zur Zahlung auffordert, dann, als er ihn kontrastreich ins Gefängnis werfen lässt. V.30 ist auch insofern besonders, da dies der einzige Vers im Gleichnis ist, der mit einem Personalpronomen eingeleitet wird. Die Verknüpfung „So ...“ (V.35) zeigt auf, inwiefern das Gleichnis mit dem Leser zusammenhängt und vergleicht Gottes Handeln mit dem des Königs.

Häufig findet die Verknüpfung „Da ...“ (bspw. V.26) Verwendung, welche jeweils eine Reaktion auf eine direkt vorangegangene Handlung aufzeigt. „Weil ...“ (V.25) begründet wiederum die Folgehandlung. Abschließend verknüpft „Und ...“ (V.34) Wort und Tat des Königs, der seinen Knecht zunächst durch Worte anklagt und anschließend den Folterknechten übergibt.

h. Tempora

Grundtempus der Perikope ist das Präteritum, welches bis auf wenige Ausnah­men beibehalten wird. Ein Tempuswechsel ist hauptsächlich in wörtlicher Rede zu finden. Zwar wird das Gleichnis von Jesus erzählt und kann daher insgesamt auch als wörtliche Rede definiert werden, es wird aber ab V.23b ebenfalls grund­sätzlich im Präteritum erzählt.

Eine Auffälligkeit gibt es bereits vor der Erzählung des Gleichnisses: In V.22 wird berichtet, dass Jesus etwas zu Petrus „sagt 1. Obwohl im Kontext des gesamten Kapitels die Handlungen stets im Präteritum beschrieben werden, übersetzt die ZB, im Gegensatz zu EÜ oder NGÜ, diesen Satz im Präsens. Vergleicht man diese Textstelle bspw. mit der Elberfelder Bibel oder der englischsprachigen King James Version, fällt auch dort dieses Tempus auf, wodurch zu vermuten ist, dass diese Zeitform auch im Urtext gewählt wurde. Grund hierfür könnte sein, dass der Leser sich selbst direkt angesprochen fühlen soll.

Im weiteren Verlauf des Gleichnisses wechselt das Tempus hauptsächlich bei wörtlicher Rede, generell in das Präsens, aber auch in Futur I oder Perfekt. Diese Wechsel (aber auch bspw. der Tempuswechsel „... was geschehen war in V.31) sind jedoch schlicht auf die zeitliche Abfolge der Handlung zurückzuführen, wodurch nicht zu viel hineininterpretiert werden sollte.

Hervorzuheben ist zudem V.35: Hier findet wieder der Wechsel von der Gleich­niserzählung zur .normalen“ wörtlichen Rede Jesu statt, Grundtempus ist also Präsens. Mit der Formulierung „So wird es auch mein himmlischer Vater mit euch machen, wenn ihr nicht vergebt,...“ (V.35) nennt Jesus zuerst einen kommenden Zustand im Futur I. Dieser hängt ab vom jetzigen Zustand, denn vergeben ist im Präsens verfasst. Dies verdeutlicht, dass das jetzige, heutige Handeln die Zu­kunft beeinflusst und mit Bedacht gewählt werden sollte.

i. Erzählbrüche

Insgesamt ist die Perikope, insbesondere das Gleichnis, gut „durchkomponiert“ und weist „kaum Unebenheiten oder gar Bruchstellen“ auf (Luz, 1997, S. 66).

Bezüglich der Verknüpfungen 3.2.g) fällt ausschließlich V.30a als Erzählbruch in den Blick, da dies im Gleichnis der einzige Vers ist, der mit einem Personal­pronomen eingeleitet wird. Ab diesem Zeitpunkt „nimmt die Erzählung endgültig eine tragische Wendung“ (Ebd.), was jedoch nicht wirklich als Bruch gedeutet werden kann.

Auffällig ist, dass der Herrscher nur zu Beginn als König beschrieben und fortlau­fend Herr genannt wird.

Semantisch lässt sich das Gleichnis von V.21f trennen, da im Gespräch mit Jesus die Quantität der Vergebung thematisiert wird, während die nachfolgende Erzäh­lung insbesondere aufzeigt, dass aus selbst erfahrener Vergebung eigene Ver­gebung resultieren muss (Luck, 1993, S. 207f). Dass zwischen einem Gespräch und einem erzählten Gleichnis ein Bruch liegt, ist in gewisser Weise nachvoll­ziehbar. Dieser Bruch vollendet sich in V.35, welcher von der Erzählung zurück zum Gespräch führt.

j. Textgliederung

Funktionale Gliederung:

1. Exposition (V.21f): Einführung in die Perikope, Gespräch zwischen Petrus und Jesus
2. Überleitung (V.23): Hinführung zum Gleichnis, Einführung in die grundle­gende Situation der Erzählung
3. Zentrum der Geschichte (V.24-34): Schilderung dreier Situationen im Um­gang von Gläubiger mit Schuldner, jeweils verschiedene Ausgänge
4. Abschluss (V.35): Ende der Perikope; Fazit des Gleichnisses; Bezug auf Eingangsgespräch; Persönlicher Bezug auf Leser

Inhaltliche Gliederung:

1. Einleitungsszene (V.21f)

a. Zwischenfrage von Petrus (V.21)
b. Antwort Jesu (V.22)

2. Überleitung zum Gleichnis (V.23)

a. Begründung, das Gleichnis zu erzählen (V.23a, „Darum...“)
b. Vergleich des Himmelreichs mit der folgenden Erzählung (V.23b)

3. Zentrum: Dreifache Begegnung von Gläubiger und Schuldner (V.24-34)

a. Szene 1: Begegnung von König und erstem Knecht (V.24-27)

i. Angabe des Zeitpunkts (V.24a)
ii. Knecht wird vor den König gebracht (V.24b)
iii. Benennung der Schuldsumme (V.24c)
iv. Der Knecht ist nicht zahlungsfähig (V.25a)
v. Befehl des Herrn, Knecht mit Familie etc. zu verkaufen, um Schuld zu begleichen (V.25b)
vi. Beschreibung des Niederfalls und Flehen des Knechts (V.26)
vii. Der Herr hat Mitleid mit dem Knecht (V.27a)
viii. Der Herr lässt den Knecht gehen (V.27b)
ix. Der Herr erlässt dem Knecht die Schuld (V.27c)

b. Szene 2: Begegnung von erstem und zweiten Knecht (V.28-30)

i. Angabe des Zeitpunks (V.28a)
ii. Begegnung des Knechts mit einem Mitknecht (V.28b)
iii. Benennung der Schuldsumme (V.28c)
iv. Der erste packt und würgt den zweiten Knecht (V.28d)
v. Zahlungsaufforderung (V.28e)
vi. Beschreibung des Niederfalls und Flehen des zweiten Knechts (V.29)
vii. Der Erste will keine Geduld haben (V.30a)
viii. Der Erste lässt den Zweiten ins Gefängnis werfen, bis alle Schuld beglichen ist (V.30b)

c. Szene 3: Verurteilung des ersten Knechts durch den König (V.31- 34)

i. Weitere Knechte beobachten das Geschehen (V.31a)
ii. Große Trauer der weiteren Knechte (V.31b)
iii. Bericht der Geschehnisse beim König durch die weiteren Knechte (V.31c)
iv. Der Herr lässt den Ersten erneut zu sich rufen (V.32a)
v. Anschuldigung des Ersten durch den Herrn (V.32b)
vi. Erwartung des Herrn, dass sein Erbarmen auch vom Knecht ausgeübt hätte werden müssen (V.33)
vii. Übergabe des Knechts an die Folterknechte (V.34)

4. Übertragung des Gleichnisses auf die Leser (V.35)

a. Zukünftiges potentielles Handeln Gottes (V.35a)
b. Aufforderung zur ehrlichen Vergebung (V.35b)

k. Kohärenz

Im Großen und Ganzen kann sowohl das Gespräch zwischen Petrus und Jesus sowie das Gleichnis als kohärent angesehen werden.

Dass das Gleichnis jedoch ursprünglich in diesem Kontext erzählt wurde, ist un­wahrscheinlich. Vielmehr war es zunächst einem anderen Adressatenkreis zuzu­schreiben und wurde erst durch redaktionelles Zutun von Mt zu einem Jünger­gleichnis (Gnilka, 1988, S. 144). Dies ist besonders durch die inhaltliche Differenz zwischen Quantität und Qualität von Vergebung zu erkennen. Daher sind Brüche insbesondere zwischen V.22 und V.23 (redaktionelle Überleitung: „Darum...“), sowie V.34 und V.35 zu verorten.

[...]


1 Verwendete Abkürzungen lassen sich im Abkürzungsverzeichnis (S. 58) nachschlagen

2 „Denn unwiderrufbar sind die Gaben Gottes und die Berufung.“ (Röm 11,29)

3 Vgl. NGÜ, Mt 18

Ende der Leseprobe aus 58 Seiten

Details

Titel
Exegetische Analyse der Perikope Mt 18, 21-35 und kritischer Vergleich mit ihrer Umsetzung im Adonia-Musical "77 – Wie Gott mir, so ich dir!"
Hochschule
Pädagogische Hochschule in Schwäbisch Gmünd
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
58
Katalognummer
V914779
ISBN (eBook)
9783346239204
ISBN (Buch)
9783346239211
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Exegese, Musical, Unbarmherziger Schuldner, Unbarmherzig, Schuld, Schuldner, Mt, Matthäus, Mt 18, Adonia, Adonia Deutschland, Adonia Musical, Teens, Jugendliche, Musik, Jesus, Gleichnis, Bibel, Theologie, Religion
Arbeit zitieren
Aaron Büttner (Autor), 2020, Exegetische Analyse der Perikope Mt 18, 21-35 und kritischer Vergleich mit ihrer Umsetzung im Adonia-Musical "77 – Wie Gott mir, so ich dir!", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/914779

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