Warum Partizipation für Senioren im ländlichen Raum wichtig ist. Methoden der offenen Altenarbeit zur Förderung der Teilhabe im Alter


Fachbuch, 2021

53 Seiten

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Abstract

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Partizipation
2.1 Was versteht man unter Partizipation?
2.2 Partizipationspyramide / Stufen der Öffentlichkeitsbeteiligung
2.3 Warum ist Partizipation wichtig?
2.4 Welche Voraussetzungen und Rahmenbedingungen braucht die Soziale Arbeit, um Partizipation zu fördern?
2.5 Welche kritischen Aspekte bringt Partizipation mit sich?
2.6 Zusammenfassung und Ausblick

3 Offene Altenarbeit
3.1 Was versteht man unter Alter, SeniorInnen und offener Altenarbeit?
3.2 Warum ist Partizipation in der offenen Altenarbeit wichtig?
3.3 Zusammenfassung und Ausblick

4 Ländlicher Kontext
4.1 Was versteht man unter ländlichem Kontext?
4.2 Warum ist Partizipation in der offenen Altenarbeit im ländlichen Kontext wichtig?
4.3 Zusammenfassung und Ausblick

5 Partizipative Methoden
5.1 Was versteht man unter Methoden?
5.2 Welche Methoden gibt es?
5.3 Welche Methoden sind für ältere Menschen im ländlichen Kontext geeignet?
5.4 Zusammenfassung

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellenverzeichnis

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Impressum:

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Ein Imprint der GRIN Publishing GmbH, München

Druck und Bindung: Books on Demand GmbH, Norderstedt, Germany

Covergestaltung: GRIN Publishing GmbH

Zusammenfassung

Im Zuge der vorliegenden Arbeit wird das komplexe Themengebiet der Partizipation in der offenen Altenarbeit im ländlichen Kontext dargestellt. Der Fokus dieser Arbeit liegt darauf, die Relevanz der Zielgruppe für die Zukunft der Sozialen Arbeit und der Gesellschaft darzustellen und wie wichtig Partizipation in diesem Kontext ist. Der demografische Wandel stellt dahingehend eine der größten Herausforderungen dar. Die Bevölkerung wird immer älter und analog dazu nimmt die Geburtenrate ab. Die defizitäre Sichtweise der Gesellschaft auf die Zielgruppe gibt den älteren Menschen tendenziell nur schwer die Möglichkeit, ein Teil der Gesellschaft zu sein. Jeder Mensch hat jedoch ein Recht darauf, in Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden zu leben und seine Lebensumstände selbst mitzugestalten. Partizipation trägt maßgeblich dazu bei und bildet u.a. die Basis der Demokratie. Die Soziale Arbeit hat den Auftrag Menschen zu ermächtigen, ihre individuellen Ressourcen zu stärken und zu fördern. Partizipation ist von enormer Bedeutung in diesem Zusammenhang. In dieser Arbeit wird dargestellt, welche Kriterien bei der Methodenauswahl für partizipative Prozesse in diesem speziellen Kontext berücksichtig werden müssen.

Schlüsselwörter: Offene Altenarbeit, Partizipation, ländlicher Raum, Methoden, SeniorInnen

Abstract

In the course of the following thesis the complex topic “participation of senior openwork in rural areas” is explained. The focus of this final assignment is to show up the relevance of the group for future social work and the society in order to emphasize the importance of participation. One of the biggest challenges in this context is the demographic change. In addition to a significantly decreasing natality we have to face an increase of elderly population these days. Adverse perspective of our society as well as a lack of social work for the target group gives older people hardly any chance to be a part of our every-day life. Every mankind has the right to live in freedom, equity and peace as well as to help form their individual circumstances. Participation helps reaching this goal, as our democracy is built on these rights. Social work should empower people to strengthen and encourage every individual’s resources. Participation is strongly related to this movement. This thesis shows up the criteria when choosing a method of a participative process which have to be minded in this particular context.

Key words: senior openwork, participation, rural area, method, elderly person

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Partizipationspyramide

Abb. 2: Stufen der Öffentlichkeitsbeteiligung

Abb. 3: Beteiligungsmöglichkeiten in enger Anlehnung an Adamer

1 Einleitung

Der Wunsch mich mit dem Thema der offenen Altenarbeit im ländlichen Kontext zu beschäftigen entstand während meines zweiten Pflichtpraktikums im Zuge meines Studiums. Hierbei fungierte ich im Projektmanagement eines Projektes mit dem Namen „Xund im Alter in den Gemeinden Kirchbichl, Bad Häring und Langkampfen“. Im zweiten Semester meines Studiums lernte ich die Begriffe Partizipation und Empowerment näher kennen. Diese beiden Definitionen in Verbindung mit der Projektarbeit für Menschen im Alter im ländlichen Raum zu bringen, war mir ein großes Anliegen. Uns als Projektverantwortliche war es wichtig, Menschen nicht vorzuschreiben, welche Maßnahmen umgesetzt werden sollen, sondern die Zielgruppe sollte aktiv an Entscheidungen partizipieren. Die AdressatInnen sollten somit als Experten ihrer Lebenswelt auf Augenhöhe mit den Fachkräften arbeiten. Nun stellte sich jedoch die Frage, welche Methoden am geeignetsten waren, um Partizipation im ländlichen Raum zu fördern. Die Forschungsfrage der vorliegenden Arbeit lautet somit wie folgt:

„Welche Kriterien sind bei der Methodenauswahl zu berücksichtigen, um Partizipation in der offenen Altenarbeit im ländlichen Kontext zu fördern?“

Um diese Forschungsfrage bestmöglich beantworten zu können, bedarf es einer näheren Betrachtung der Definitionen der offenen Altenarbeit, des ländlichen Raums, der Partizipation und der Methodenauswahl, immer in Bezug auf die Relevanz des jeweiligen Themas und die jeweiligen Herausforderungen.

Diese Arbeit unterteilt sich in sechs Kapitel. Das erste umfasst die Einleitung. Im zweiten Kapitel geht es um Partizipation. Partizipation bedeutet, Menschen teilhaben zu lassen. Teilhaben an der Gesellschaft, an der Politik, an Entscheidungen, welche ihre Lebensumstände betreffen. Das ist nicht nur ein Menschenrecht, sondern auch die Grundlage der Demokratie. Welche Rahmenbedingungen die Soziale Arbeit benötigt, um partizipativ arbeiten zu können, wurde auf der Mikro-, Meso- und Makroebene untersucht, gefolgt von einigen kritischen Ansätzen.

Das Kapitel drei steht im Zeichen der Zielgruppe der offenen Altenarbeit. Im ersten Schritt wird versucht, durch die Beschreibung der Begrifflichkeiten „Alter“, „SeniorInnen“ und „Offene Altenarbeit“ die Zielgruppe klar als aktive SeniorInnen zu identifizieren und die offene Altenarbeit von anderen Handlungsfeldern der Sozialen Altenarbeit abzugrenzen. Im zweiten Schritt wird erklärt, dass ältere Menschen und die Soziale Altenarbeit in Folge von gesellschaftlichen Phänomenen wie demografischer Wandel, Altersarmut, Digitalisierung und Homoge­nisierung/Feminisierung in der Altenarbeit vor großen Herausforderungen stehen. Diese wären u.a. das defizitorientierte Gesellschaftsbild, Förderung von lebenslangem Lernen, Verringerung der Kosten für die Krankenkasse und Ermöglichung der Teilhabe an der Gesellschaft.

Im vierten Kapitel wird der ländliche Raum thematisiert. Die Definition „ländlicher Raum“ hängt einerseits von der Einwohnerzahl (Urbane Zentren) und andererseits von der Erreichbarkeit von urbanen und regionalen Zentren ab (Statistik Austria, Internetquelle 4). Für ältere Menschen am Land sind im Besonderen die Mobilität, vorhandene Infrastruktur und immer kleiner werdende familiäre Netzwerke wichtig. Durch die Förderung von Altenpolitik könnten ältere Menschen über diese Themenschwerpunkte selbst mitentscheiden und als Experten ihrer Lebenswelt fungieren.

Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit dem Begriff „Methode“. Methoden können Prozesse eine Struktur verleihen und maßgeblich Anteil am Erfolg von partizipativen Vorgehensweisen haben. Unter Berücksichtigung der in den vorherigen Kapiteln gewonnen Erkenntnisse, wird die Auswahl von Kriterien für lösungsorientierte Methoden dargestellt. In diesem Kapitel sowie auch im Kapitel 6 wird u.a. die Forschungsfrage beantwortet.

2 Partizipation

Partizipation – eine Grundlage der Demokratie:
„Jede Demokratie ist auf die Mitbestimmung der
an ihr beteiligten Personen angewiesen.
Sie kann nur lebendig werden, wenn möglichst
viele Bürgerinnen und Bürger dazu bereit sind,
sich einzubringen“. (Born u.a. 2011: 14)

2.1 Was versteht man unter Partizipation?

Der Begriff Partizipation wird auf das lateinische Adjektiv „particeps“ zurückgeführt. Übersetzt in die deutsche Sprache spricht man von „beteiligt“ oder „an etwas teilnehmen“ (vgl. Born u.a. 2011: 13). Partizipative Prozesse binden Personen in die Entscheidungsfindung mit ein. Inwieweit die Zielgruppe tatsächlichen Einfluss auf das Ergebnis hat, hängt maßgeblich von den vereinbarten Rahmenbedingungen (Stufen der Partizipation und Stufen der Öffentlichkeitsbeteiligung – siehe Kapitel 2.2.) ab. Der Begriff Partizipation steht im engen Zusammenhang mit der Definition Empowerment. Diese Begrifflichkeit lässt sich am besten durch partizipatives Handeln erreichen, indem man Menschen mitbestimmen lässt und sie dadurch ermächtigt bzw. stärkt (vgl. Straßburger/ Rieger 2014: 46). Neue Forschungen haben ergeben, dass Partizipation im Einklang mit individuellen Ressourcen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen steht (vgl. Strube/ König/ Hanesch 2015: 189). So kann die Erkenntnis gewonnen werden, dass sozial Schwächere und bildungsferne Menschen im Alter nur schwer Zugang zu partizipativen Prozessen finden.

2.2 Partizipationspyramide / Stufen der Öffentlichkeitsbeteiligung

Partizipative Vorgehensweisen sollten gut geplant sein, daher ist es sinnvoll, zu Beginn eines solchen Prozesses die jeweiligen Rahmenbedingungen festzulegen. Hierbei kann es hilfreich sein, diese anhand einer Partizipationspyramide und/oder eines Stufenmodells zu definieren. U.a. erstellten Arnstein 1969 sowie auch Wrigth 2012 eine solche Pyramide (vgl. Strube/ König/ Hanesch 2015: 191). Die Autorin dieser Arbeit hat sich jedoch aufgrund der Übersichtlichkeit für die Pyramide von Straßburger und Rieger und die Stufen der Öffentlichkeitsbeteiligung von Arbter (u.a.), welche im Auftrag des Lebensministeriums erstellt wurde (Arbter u.a. 2005: 9), entschieden. Diese werden in diesem Kapitel näher beschrieben.

Die Partizipationspyramide von Straßburger und Rieger stellen die unterschiedlichen Beteiligungsmöglichkeiten an Partizipationsprozessen dar. Diese Darstellung definiert die einzelnen Stufen der Partizipationsmöglichkeiten. Auf der linken Seite wird die Perspektive des institutionellen und professionellen Handels dargestellt sowie auf der rechten Seite die Möglichkeiten aus der Sichtweise der BürgerInnen (vgl. Straßburger/ Rieger 2014: 232f). Um die Forschungsfrage beantworten zu können, legt die Autorin dieser Arbeit primär ihren Fokus auf die Haltung und Möglichkeiten des professionellen Handelns. Straßburger und Rieger differenzieren hierbei zwischen sechs unterschiedlichen Stufen wie folgt:

Stufe 1 bis 3 wird lt. Straßburger und Rieger als Vorstufe von Partizipation betitelt. Es werden die Meinungen der Zielgruppe erfragt, diese müssen jedoch keinen Einfluss auf das Ergebnis haben. Die Fachkräfte können sich ein Bild von der Lebenswelt der AdressatInnen machen und auf Basis dessen Prozesse anpassen bzw. überprüfen.

Stufe 1 – Informieren: Die Zielgruppe wird über Entscheidungen in Kenntnis gesetzt und hat ggf. ein Vetorecht, jedoch keinen Einfluss auf die Ergebnisse.

Stufe 2 – Meinung erfragen: Es wird die Meinung der Zielgruppe in Erfahrung gebracht, diese muss nicht zwangsläufig in den Partizipationsprozess miteinfließen.

Stufe 3 – Lebensweltexpertise einholen: Eine Fokusgruppe aus der Zielgruppe wird als Experten ihrer Lebenswelt befragt. Diese Sichtweisen müssen nicht zwangsläufig in den Partizipationsprozess miteinfließen.

Ab der Stufe 4 sprechen Straßburger und Rieger von „echter“ Partizipation. Die Teilhabe an Prozessen wird durch rechtliche, formale oder konzeptionelle Anteilnahme sichergestellt.

Stufe 4 – Mitbestimmung zulassen: Die Fachkräfte sprechen die Ausgangslage an und geben Lösungsvorschläge vor. Die Zielgruppe klärt gemeinsam mit den Fachkräften die nächsten Schritte ab.

Stufe 5 – Entscheidungskompetenz teilweise abgeben: Im Gegensatz zur Stufe 4 hat die Zielgruppe die Möglichkeit in dieser Phase teilweise Entscheidungen ohne professionelle Hilfe zu treffen.

Stufe 6 – Entscheidungsmacht übertragen: Auf dieser Stufe trifft die Zielgruppe selbst die Entscheidungen. Fachkräfte begleiten und unterstützen diesen Prozess.

(vgl. Straßburger/ Rieger 2014: 23-26)

Die Stufe 7 betrifft die bürgerschaftliche Sichtweise und ist nur bedingt Teil dieser Arbeit.

Stufe 7 – Zivilgesellschaftliche Eigenaktivität: AdressatInnen treffen Entscheidungen selbst und setzen diese eigenständig um

(vgl. Straßburger/ Rieger 2014: 28-33)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Partizipationspyramide (Straßburger/ Rieger 2014, S. 15)

Die Autorin geht davon aus, dass diese Darstellung eine Hilfestellung für professionelles Handeln darstellt. Sie soll behilflich sein, Antworten auf Fragen wie „Wie können Adressat-Innen besser in Entscheidungen eingebunden werden?“ und „Inwieweit will/soll die Fachkräfte die Zielgruppe überhaupt in Entscheidungen einbinden?“ zu finden.

Die Stufen der Öffentlichkeitsbeteiligung von Arbter (u.a.) werden wie folgt gegliedert:

Stufe 1 – Information: Die AdressatInnen werden über die Vorgehensweise informiert, jedoch nicht in Entscheidungen miteinbezogen.

Stufe 2 – Konsultation: Die Ideen und Vorschläge werden den AdressantInnen präsentiert. Diese haben die Möglichkeit ihre Wünsche zu äußern, partizipieren jedoch nicht direkt.

Stufe 3 – Mitbestimmung: AdressatInnen werden in den Entscheidungsprozess integriert. Dies reicht von einer gemeinsamen Entwicklung von Umsetzungsmöglichkeiten bis hin zu Eigenaktivitäten (vgl. Arbter u.a. 2005: 9).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Stufen der Öffentlichkeitsbeteiligung (Arbter u.a. 2005: 9)

Essenziell ist auch die Unterscheidung zwischen formalen und informalen Beteiligungsformen. Formale Verfahren sind gesetzlich verankert (z.B: Naturschutzverfahren) und geben gewisse Rahmenbedingungen vor. Informale Verfahren hingegen basieren auf Freiwilligkeit. Die Vorgehensweise wird von den Organisatoren selbst gestaltet (vgl. Partizipation, Internetquelle 6).

Welche Form der partizipativen Vorgehensweise gewählt wird, hängt maßgeblich von den Wünschen und Bedürfnissen der Zielgruppe ab. Es sollen individuelle wie auch kollektive Ressourcen genützt werden unter Berücksichtigung der vorhandenen Bedingungen (z.B. Sprachbarrieren, Ausdrucksformen etc.). Die AdressatInnen sollen als „ExpertInnen ihrer Lebenswelt“ integriert werden und das Ziel soll sein, Prozesse der Selbstorganisation und Engagement zu fördern (vgl. Strube/ König/ Hanesch 2015: 191f).

2.3 Warum ist Partizipation wichtig?

Jeder Mensch hat ein Recht darauf, in Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden zu leben und diese Umstände selbst mitzugestalten. Partizipation dient somit nicht nur als wichtige Grundlage zur Weiterentwicklung von demokratischen Prozessen, sondern auch zum Ausbau individueller und kollektiver Potenziale und Ressourcen (vgl. Wendt 2008: 1005f). Daraus resultiert, dass die Soziale Arbeit den Auftrag hat, das Individuum unter dem Ansatz des „Empowerments“ zu ermächtigen, seine persönlichen Ressourcen in gesellschaftliche und politische Prozesse einbringen zu können. (vgl. Straßburger/ Rieger 2014: 230). Die Ermächtigung des Adressaten bzw. der Adressatin soll ihn bzw. sie dahingehend unterstützen, hemmende Verhaltensmuster und Strategien lösungsorientiert zu verändern und damit die Kontrolle über das eigene Leben wiederzuerlangen (vgl. Höcker 2010: 320f).

2.4 Welche Voraussetzungen und Rahmenbedingungen braucht die Soziale Arbeit, um Partizipation zu fördern?

Um eine bessere Übersicht zu schaffen, wird dieses Kapitel in drei Ebenen unterteilt.

2.4.1 Mikroebene

Die Erfahrung in der Praxis zeigt, dass AdressatInnen von Fachkräften oftmals sprichwörtlich in Watte eingepackt werden. Sie werden überfürsorglich und beschützend behütet. Partizipatives Handeln auf der individuellen Ebene ist jedoch nur dann möglich, wenn SozialarbeiterInnen die AdressatInnen als ExpertInnen ihrer Lebenswelt annehmen und ein dementsprechendes partizipatives Selbstverständnis entwickeln (vgl. Straßburger/ Rieger 2014: 58ff; Wendt 2008: 60). Aus diesem Selbstverständnis heraus können neue Lösungsstrategien mit dem Ziel „Hilfe zur Selbsthilfe“ und „Arbeiten mit dem Menschen und nicht für den Menschen“ definiert werden (vgl. Nocke/ Breunung 2000: 243f; Straßburger/ Rieger 2014: 42). Essenziell ist u.a., dass SozialarbeiterInnen sehr selbstreflektierend arbeiten. Das eigene Rollenverständnis sowie die vorhandenen Rahmenbedingungen müssen immer wieder hinterfragt werden, dies ist die Basis für eine langfristige Steigerung von partizipativen Handlungen (vgl. Wright 2012: 94-100).

2.4.2 Mesoebene

Auf der institutionellen Ebene ist es von immenser Bedeutung, dass die Zielgruppe bei der jeweiligen Projekt- und Konzeptentwicklung von Beginn an miteinbezogen wird. Partizipative Entscheidungsprozesse müssen transparent dargelegt werden und im besten Fall in der Unternehmensstruktur einen festen Bestandteil haben. Dies bedingt, dass Institute partizipativen Handlungen Raum, Zeit und Ressourcen ermöglichen (vgl. Straßburger/ Rieger 2014: 237f). In der Praxis ist es nicht unüblich, dass Partizipation nicht zustande kommt, da andere Unternehmensziele über die Ziele der KlientInnen gestellt werden (vgl. Wright 2012: 99). Für ein bürgerschaftliches Engagement ist es somit erforderlich, Infrastruktur, fördernde Strukturen und professionelle Begleitung zu schaffen (vgl. Strube/ König/ Hanesch 2015: 197).

Des Weiteren ist es von immenser Bedeutung, diese Ebene mit politischen Entscheidungsstrukturen sowie gesellschaftlich ökonomischen Systemen zu verknüpfen, da sich das zurzeit vorherrschende System stark auf alle Ebenen auswirkt. Ziel sollte es sein, ein Gesellschaftskonstrukt zu erschaffen, welches nicht Defizite fördert, sondern Gerechtigkeit, Vielfalt und Gleichheit ermöglicht. Castoriadis (Psychoanalytiker) sieht eine Lösung darin, den Menschen dazu zu verhelfen, Einrichtungen zu erschaffen, welche die Stärken des Individuums fördern und nicht die Defizite in den Vordergrund stellen (vgl. Olsen 2010: 135f). Das professionelle Fachpersonal sollte somit kritisch gegen die vorherrschenden Gesellschaftsstrukturen eintreten und Symptome und Ursachen unterscheiden können. Das ist der Grundstein, um Probleme an der Wurzel zu bekämpfen, und nicht nur deren Auswirkungen zu behandeln (Brown, o.J.: 13).

2.4.3 Makroebene

Auf sozialpolitischer Ebene können Partizipationsverfahren gesetzlich verankert werden (vgl. Born u.a. 2011: 21). Dies wurde u.a. im Kinder- und Jugendhilfegesetz (TKJHG) unter § 3 Abs. 7 (… Minderjährige sind an allen Entscheidungen, die sie betreffen, altersadäquat zu beteiligen…) (§ 3 Abs. 7 TKJHG) angeordnet. Des Weiteren ist es notwendig, die Bedeutung von Transparenz auf dieser Ebene zu erhöhen, wie z.B. Einsicht in Protokolle oder politische Sprechstunden. Auch die Öffnung vom politischen System, welche auf Austausch und Diskurse mit den BürgerInnen gegründet wären, würde das demokratische Politikverständnis verbessern. Essenziell wäre es, der Sozialen Arbeit eine anwaltschaftliche Funktion in Form einer Interessenvertretung zu ermöglichen (vgl. Straßburger/ Rieger 2014: 52-122).

2.5 Welche kritischen Aspekte bringt Partizipation mit sich?

Kritiker weisen darauf hin, dass BürgerInnen kein fundiertes politisches Wissen vorweisen können und durch die Teilhabemöglichkeit an politischen Entscheidungen sogar das System in Gefahr bringen (vgl. Schnurr 2005: 1331). Crouch publiziert, dass sich hinter politischen Wahlen nur Marketingstrategien verstecken und BürgerInnen gezielt in eine Richtung lenken. Poltische Entscheidungen werden jedoch auf höherer Ebene im Hintergrund getroffen Diese Wahlen dienen somit nur der Legitimationssicherung der Machverhältnisse. (vgl. Crouch, 2008, 10f). Dies identifiziert die Autorin als Scheinpartizipation.

Hierbei handelt es sich nur um eine Vorstufe von partizipativem Handeln. Dies wird häufig dann praktiziert, wenn Fachkräfte keine partizipative Haltung einnehmen und ihre Macht nicht teilen wollen. Die Zielgruppe wird zwar in den Prozess miteinbezogen, die Entscheidungen trifft jedoch die professionelle Arbeitskraft (vgl. Straßburger/ Rieger 2014: 189). Dies kann dazu führen, dass bestehende Systeme nur legitimiert werden (vgl. Rosenbrock/ Hartung 2012: 9).

Analog dazu besteht die Gefahr, die Zielgruppe zu überfordern. Dies kann insofern passieren, wenn weder die individuellen noch kollektiven Voraussetzungen (u.a. Bildung, Gesundheit etc.) berücksichtigt werden (vgl. Straßburger/ Rieger 2014: 192; Wright 2012: 99f).

[...]

Ende der Leseprobe aus 53 Seiten

Details

Titel
Warum Partizipation für Senioren im ländlichen Raum wichtig ist. Methoden der offenen Altenarbeit zur Förderung der Teilhabe im Alter
Jahr
2021
Seiten
53
Katalognummer
V915304
ISBN (eBook)
9783963551529
ISBN (Buch)
9783963551536
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Altenarbeit, Soziale Arbeit, offene Altenarbeit, Alter, Partizipation, Prävention, Gesundheitsvorsorge, Gerontologie, Senioren, Mobilität, Altern
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, Warum Partizipation für Senioren im ländlichen Raum wichtig ist. Methoden der offenen Altenarbeit zur Förderung der Teilhabe im Alter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/915304

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