Nonverbale Kommunikation im Kontext interkultureller Lerngruppen. Kulturelle Differenzen der Körpersprache


Bachelorarbeit, 2019

54 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlage
2.1 Begnffsdefinition nonverbale Kommunikation

3 Kommunikationsmodelle
3.1 Kommunikationsmodell nach Schuiz von Thun
3.2 Maximen der Kommunikation nach Grice
3.3 Regein fur gelingende Kommunikation nach Rogers
3.4 Kommunikationsmodell nach Watzlawick

4 Radikaler Konstruktivismus

5 Habitus nach Bourdieu
5.1 Okonomisches Kapital
5.2 Kulturelles Kapital
5.3 Soziales Kapital
5.4 Symbolisches Kapital

6 Der Kulturbegriff

7 Interkulturelle Differenzen
7.1 Mimik
7.2 Gestik
7.3 Proxemik

8 Losungsansatze

9 Folgerung und Ausblick

10 Verweise

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Kommunikationsmodell nach Ferdinand Schuiz von Thun

Abbildung 2: Vier-Ohren-Modell nach Ferdinand Schuiz von Thun

Abbildung 3: Maximen der Kommunikation nach Grice

Abbildung 4: Die drei Komponenten der Verhaltensmerkmale nach Rogers

Abbildung 5: Beispiel der Interpunktion

Abbildung 6: Prozess der Produktion des Radikalen Konstruktivismus

Abbildung 7: Zusammenhang des okonomischen und kulturellen Kapitals

Abbildung 8: Zusammensetzung des Habitus

Abbildung 9: Landerspezifische Profile der Kulturdimensionen

Abbildung 10: Verlauf der kulturellen Anpassung

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Machtdistanz

Tabelle 2: Individualismus und Kollektivismus

Tabelle 3: Unsicherheitsvermeidung

Tabelle 4: Maskulinitat und Feminitat

Tabelle 5: Lang- oder kurzfristige Ausrichtung

Tabelle 6: Nachgiebigkeit und Beherrschung

1 Einleitung

„ Das Wichtigste in einem Gesprach ist, zu horen, was nicht gesagt wurde."

(Peter F. Drucker)

Gegenstand dieser Arbeit ist die Auseinandersetzung mit der Thematik der nonverbalen Kommunikation in interkulturellen Lerngruppen. Bereits im Jahr 1969 stellte der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick in seinem Kommunikationsmodell die funf Axiome der Kommunikation vor, daher ent-stammt das inzwischen au(3>erst bekannte Zitat seinerseits, dass ein Mensch nicht nicht kommunizieren kann (vgl. Watzlawick, Beavin und Jackson 1972, 73). Kurzgefasst senden wir als Menschen zu jeder Zeit Signale aus, die von unserem Gegenuber aufgefasst werden konnen. Wir sprechen oft laut und schnell, wenn wir uns im Unrecht fuhlen, schweigen oder weinen, wenn wir Trauer verspuren, oder Ziehen uns zuruck, wenn einen das Gefuhl begleitet, nicht verstanden zu werden. Naturlich sind dies nur einige Verallgemeinerun-gen fur Verhaltensweisen und Reaktionen in bestimmten Situationen. Dabei werden ausschliefilich verbale Signale gesendet. Doch ist dies nicht die ein-zige Moglichkeit zu kommunizieren. Verschranken wir die Arme, oder reifien wir sie in die Hohe, kauern wir zusammengefallen in der Ecke oder springen wir umher, all das sind ebenfalls Hinweise die auf unsere Gefuhlslage und un-ser Auftreten. Doch welche konkrete Rolle spielt die Kultur? Handeln Menschen, unabhangig von ihrer Kultur, bei selbigen Ereignissen ahnlich? Oder lauft man Gefahr, sich misszuverstehen?

Es ist unabdingbar, dass der Globalisierungsprozess unaufhaltsam ist. Internationale Vernetzungen zwischen Individuen oder Institutionen sind schon jetzt nicht mehr wegzudenken (vgl. Neumair/Schlesinger/Haas 2012, 3ff.). Sei es aus wirtschaftlicher Sicht, urn Unternehmen weltweit zu vernetzen, oder im kleineren Kontextwie im Klassenzimmer, urn erfolgreich gemeinsame Projekte oder Ausarbeitungen abzuschliefien.

Ziel dieser Ausarbeitung ist es, kulturelle Differenzen der Korpersprache zu erkennen, urn Fehldeutungen zu minimieren und eine reibungslose Zusam-menarbeit zu gewahren. Sensibilisierung und Vergegenwartigung diverser kul-tureller Hintergrunde, traditioneller Pragungen und damit einhergehende Annahmen und Verstandnisse stehen somit ebenfalls im Fokus. Kommunika-tionsmodelle dienen der Veranschaulichung des Kommunikationsprozesses, welcher im Folgenden mit derTheorie des Konstruktivismus, der Sozialisation, der Auspragung der jeweiligen Kapitalsorten und dem resultierenden Habitus, verknupft wird. Das Zusammenwirken der einzelnen Teilbereiche dient zu-gleich als Ausgangspunkt bei der Aufzeigung kultureller Differenzen der non-verbalen Kommunikation, welche nach Klarung des Kulturbegriffs folgen. Die kategorisch sortierten Unterschiede werden beleuchtet und anschliefiend auf praktische Situationen und Fallbeispiele projiziert, wobei Grenzen und L6-sungsansatze diverser Beispiele diskutiert werden und letztlich im Ausblick munden.

2 Theoretische Grundlage

2.1 Begriffsdefinition nonverbale Kommunikation

Trotz des haufigen Gebrauchs der Begriffe Korpersprache oder nonverbale Kommunikation und der vielseitigen Literatur zu diesem Themengebiet, lasst sich bis heute keine allgemein akzeptierte inhaltliche Prazisierung vornehmen. Dennoch ahneln sich literarische Definitionen und weisen annahernde Resul-tate auf. So aufiert sich Broszinsky-Schwabe wie folgt: „ln jeder interkulturel-len Begegnung tauschen die beteiligten Partner nicht nur Worte aus, sondern Botschaften werden auch uber Korpersprache und Objekte vermittelt. Das Be-sondere an dieser nonverbalen Kommunikation ist, dass viele dieser Mitteilun-gen unbewusst und spontan erfolgen und von dem Einzelnen in den meisten Fallen nicht kontrolliert werden konnen" (Broszinsky-Schwabe 2017, 132).

Ellgring konkretisiert seine Definition, indem er dazugehorige Botschaften der nonverbalen Kommunikation aufzahlt: „Jeder Laie wird die Mimik, das Blick-verhalten, die Gestik, die Korperhaltung und die Stimme nennen. Bei genau-erer Betrachtung wird man auch die interpersonale Distanz; das raumliche Verhalten, den Gang, schliefilich auch Geruch, Korperwarme und Tastemp-findungen berucksichtigen" (Ellgring 2004, 20).

Eine sehr ahnliche Definition artikulieren Diegeritz und Rosenbusch. Sie „(...) trennen nonverbale (= korpersprachliche) und paralinguistische Kommunika-tionsaspekte. Zur ersten Kategorie gehoren Mimik, Gestik, Proxemik (= Ver-haltnis im Raum)" (Diegeritz und Rosenbusch 1982, 27). Nach Beleuchtung verschiedener Sichtweisen und Beurteilungen nonverbaler Kommunikation auf Grundlage ausgewahlter Werke werden im Folgenden Kommunikationsmodelle angefuhrt, mit dem Ziel den Prozess der Kommunikation zu explizie-ren.

3 Kommunikationsmodelle

Der Terminus Kommunikation umfasst ganz unterschiedliche Formen der In-formationsubermittlung. Dialoge von Angesicht zu Angesicht (Face-to-Face-Kommunikation), aberauch das einseitige Rezipieren von Werbeinhalten uber Massenmedien fallen unter diesen Begriff (vgl. Rohner und Schutz 2012, 2). Auch die Kommunikationsmodelle konnen im Hinblick auf die inhaltlichen Schwerpunkte, ihrer Komplexitat und ihrer wissenschaftlichen Tradition stark kontrahieren. Die Kommunikationstheorien werden ebenfalls unterteilt. Allge-meine Kommunikationstheorien integrieren Ideen diverser Wissenschaftsrich-tungen und nahern sich so der Thematik der Kommunikation, wahrend sich die psychologischen Kommunikationstheorien in vierweitere Ebenen zeriegen lassen (vgl. ebd., 15).

1. Encoder-/Decoder-Modell: Hierbei wird eine Botschaft mittels eines Codes (z. B. durch die Sprache) verschlusselt. Die Verschlusselung wird auch Enko-dierung genannt. Der chiffrierte Code wird uber den Kommunikationskanal an den Adressierten geleitet, welcher diesen dekodieren, also entschlusseln muss (vgl. ebd., 15). Das im Folgenden angebrachte Kommunikationsmodell von Schulz von Thun fallt in diese Kategorie.
2. Intentionale Modelle: Eine gelungene Kommunikation wird bei diesem Mo-delltyp angepriesen. Es steht im Vordergrund, dass das „Gemeinte" erfolgreich vermittelt wird. Wie dies gelingen kann, wird in den Maximen der Kommunikation nach Grice apostrophiert.
3. Modelle der Perspektivubernahme: Die Ausfuhrung des Modells zielt auf eine gelungene Verstandigung zwischen Individuen ab. Im Fokus steht dabei das Hineinversetzen in die Perspektive und Rolle des Gegenubers. Die Regein fur gelingende Kommunikation nach Rogers zeigen Anwendungsbeispiele auf.
4. Dialog-Modelle: In diesen Modellen wird der Frage nachgegangen, wie eine gemeinsame Wirklichkeit konstruiert wird. Beispielhaft steht das Kommunika-tionsmodell nach Watzlawick fur diese Kategorie.

Die Auseinandersetzung mit Kommunikationsmodellen wird ebenfalls ange-strebt, da verbale und nonverbale Signale keinesfalls stimmig sein mussen, und bei fehlender Reflexion Probleme und Storanfalle in der Kommunikation und in der allgemeinen Verstandigung vorprogrammiert sind. So betont auch Ellgring: „Ein Satz wie "Das hast Du ja gut gemacht", gesprochen mit einem verachtlichen Gesicht, wird wohl kaum als ehrliches Lob akzeptiert" (Ellgring 2004, 24).

3.1 Kommunikationsmodell nach Schulz von Thun

Das Modell, welches auch als vier-Ohren-Modell bekannt ist, beschreibt einen Sender mit einer zu sendenden Botschaft. Ziel ist die Erwerbung dieser durch den Empfanger. Dabei enthalt ein und dieselbe AuGerung vier zu gleicher Zeit und gemeinsam stattfindende Botschaften (vgl. Schulz von Thun 1981, 25 f.). Es wird unterteilt in:

1. Sachinhalt: Sachinformation, die durch den Sender an den Empfanger ver-mittelt werden sollen. Bei der Uberbringung einer Nachricht mit Sachinforma-tionen, steht „die Sache" (ebd., 26) im Vordergrund.
2. Selbstoffenbarung: Die sendende Person geriert neben der Nachricht auch Botschaften uber sich. Schulz von Thun wahlt den Begriff der „Selbstoffenba-rung", welcher die „gewollte Selbstdarstellung" und „unfreiwillige Selbstenthul-lung" einschlieRt(ebd., 27).
3. Beziehungsaussage: Wie innig oder distanziert die Beziehung zwischen Sender und Empfanger ist und was von der gegenuberstehenden Person ge-halten wird, geht oft mit einer Nachricht und enthaltenen Elementen wie „ de[n] gewahlten Formulierungen, [...] [dem] Tonfall und anderen nichtsprachlichen Begleitsignalen" (ebd., 27) einher.
4. Appell: Mit jeder Botschaft wird ein bestimmtes Ziel verfolgt, mit dem der Sender „Einflul3>" (ebd., 29) auf den Gegenuber nehmen mochte und welches durch die AppellinformationeneinerNachrichterreichtwerden soil. WelcheAb-sicht hat die sendende Person? Soil der Kommunikationspartner gewisse Ta-tigkeiten unterlassen, oder wird das gezielte Ausfuhren bestimmter Aktionen gewunscht (vgl. ebd., 29)?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 bricht die genannten Kategorien auf die Kernaussagen herunter und illustriert diese.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Kommunikationsmodell nach Ferdinand Schulz von Thun (Quelle: Rohner, J. und Schiitz, A., 2012, S. 19)

Die Kernaussagen des Vier-Ohren-Modells konnen auf wesentliche Inhalte re-duziert und in Form von formulierten Fragestellungen (s. Abb. 2) aufgegriffen werden, sodass die Sicht des Kommunikationspartners widergespiegelt wird. Nach Rohner und Schutz werden sie wie folgt kategorisiert:

1. Sachohr: Wie ist der Sachverhalt zu verstehen?
2. Selbstoffenbarungsohr: Was fur eine Person ist das?
3. Beziehungsohr: Wie redet sie mit mir? Wen glaubt sie vor sich zu haben?
4. Appellohr: Was soil ich tun, denken, fuhlen (ebd., 19)?
3 Kommunikationsmodelle

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Vier-Ohren-Modell nach Ferdinand Schulz von Thun (Quelle: Schulz von Thun, R, 1981, S. 45)

Fremdsicht und Eigenwahrnehmung konnen sich stark voneinander unter-scheiden, weshalb wahrend einer Kommunikation Schwierigkeiten und Fehl-deutungen auftreten konnen. Die Kommunikationsqualitat hangt davon ab, ob und wie gut der Empfanger in der Lage ist, Inhalte zu entschlusseln. Mochte der Sender den Empfanger durch einen Appell zurechtweisen, fasst der Ad-ressat dies allerdings nicht als solches auf, da er sich im Gegensatz zum Sen-denden auf der Beziehungsebene bewegt und aus dieser empfangt und zu-ruck kommuniziert, so steigt das Fehlerpotential an (vgl. Rohner und Schutz 2012,20).

Sendet der Sender die Aussage: „Du, da vorne ist grun" (Schulz von Thun 1981, 26), hat dieser moglicherweise die Absicht, dass sein Beifahrer beginnt loszufahren, oder er ihm zu verstehen geben mochte, unter Zeitdruck zu ste-hen (ebd., 26 ff.) Der Empfanger kann diese gesendete Botschaft jedoch vollig fehlinterpretieren und schatzt die Aussage nicht auf der Sachebene, sondern auf der Beziehungsebene ein. Angegriffen konnte die Antwort lauten: „Fahrst du, oderfahre ich?" (ebd., 28).

Das Modell von Schulz von Thun zeigt auf, wie schnell Gefahr gelaufen wird aneinander vorbei zu kommunizieren. Vier Stellschrauben sind im Wesentli-chen dafur verantwortlich, ob eine Kommunikation gelingt oder ob Unklarhei-ten dominieren - eingeschlossen sind hierbei weder die personlichen Erfah-rungen und resultierende Pragungen, noch die Sozialisation. Dennoch schei-nen klare, einfache und prazise Satze sowie eine Mehrfachkodierung (zum Beispiel Bild und Text als Grundlage) zu einer effektiven Kommunikation bei-tragen zu konnen (vgl. Rohner und Schutz 2012, 20).

3.2 Maximen der Kommunikation nach Grice

Wahrend im Kommunikationsmodell von Schulz von Thun unterschiedliche Kategorien aufgezeigt werden, welche die Kommunikation zwischen Sender und Empfanger beeinflussen, so steht in den Maximen der Kommunikation nach Grice das korrekte Ubermitteln und Verstehen der gedachten und ge-meinten Botschaft im Vordergrund (vgl. Grice 1975, 44). Es lasst vermuten, dass die wortliche Bedeutung und die kommunikative Bedeutung, also das Gemeinte, keinesfalls ubereinstimmen mussen, weshalb zwischen diesen bei-den Bereichen differenziert wird (ebd., 44). Die vier im Folgenden dargestellten Kommunikationsmaximen funktionieren, laut Grice, lediglich auf Grundlage ei-nes beidseitigen Interesses. Insofern wird das ..cooperative principle" (ebd., 45) als Grundlage der Kommunikation gefordert, worauf die Maximen auf-bauen. Verletzungen der Maximen konnen zu Missverstandnissen, Fehlinter-pretationen und Irritationen fuhren (ebd., 46).

Die Maxime der ..Quantity" (ebd., 47) besagt, dass eine Aussage all das We-sentliche zu ihrem Verstandnis enthalten muss, wobei weder zu viele, noch zu wenig Einzelheiten beinhaltet werden durfen: „l expect your contribution to be neither more nor less than is required" (ebd., 47).

Die Maxime der ..Quality" (ebd., 47) gibt Auskunft daruber, dass alles Gesagte der Wahrheit entsprechen und nicht aus Lugen konstruiert sein soil: „l expect your contributions to be genuine and not spurious" (ebd., 47).

Die Maxime der ..Relation" (ebd., 47) weist den/die Kommunikationspartner/in auf das Erstellen einer Verknupfung zu vorhergehenden AuGerungen oder hin-sichtlich des Gesprachskontextes hin, wodurch Sekundares ausgeschlossen werden soil: „l expect a partner's contribution to be appropriate to immediate needs at each stage of the transaction" (ebd., 47).

Die Maxime der ..Manner" (ebd., 47) unterbindet verschlusselte und mehrdeu-tige Kommunikation mit dem Ziel klarer und eindeutigerAussagen: „l expect a partner to make it clear what contribution he is making, and to execute his performance with reasonable dispatch" (ebd., 47). Rohner und Schutz fuhrten Ghee' Maximen der Kommunikation zusammen und illustrierten diese in Abbildung 3.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Maximen der Kommunikation nach Grice

(Quelle: Rohner, J. und Schutz, A., 2012, S. 21)

Boss und Jonas weisen zudem auf die „Wirklichkeitserfahrung" (Boos, M. und Jonas, K. J. 2008, 203) hin, die auch durch Watzlawick gestutzt wird. Dabei spielen erlebte Erfahrungen eine Rolle, welche fur spatere Verhaltensweisen verantworthch sein konnen. So verbinden Menschen, die durch Kriegserfah-rungen gepragt sind, mit dem Begriff Fuhrer etwas vdllig anderes, als es Ju-gendliche des Jahres 2019 tun (vgl. ebd., 203).

Im theoretischen Kontext erscheinen die vier Maximen nach Grice durchaus sinnvoll, ebenso das Aufzeigen verschiedener Bereiche, die verantworthch fur entstehende Missverstandnisse sein konnen. Dennoch ist die Umsetzung wohl nur begrenzt denkbar (vgl. Rohner und Schutz 2012, 21). Menschen lugen im Durchschnitt ein bis zweimal pro Tag, wobei ein Grofiteil der Lugen durch „white lies" (ebd., 22) herbeigefuhrt wird. Gemeint sind Lugen, die Beschoni-gungen herbeirufen und von der Wahrheit abweichen, um Personen nicht zu verletzen (vgl. ebd., 22). Nach einem Friseurbesuch kann die Frage aufkom-men, wie das Ergebnis zu bewerten ist. Auch bei Nichtgefallen wird wohl mit Hilfe der white lies geantwortet. Statt die Wahrheit zu bekunden, werden ei-gene Aussagen verschonert, um der betroffenen Person nicht wehzutun -gleichzeitig verletzt man durch dieses Verhalten die Maxime der Qualitat (vgl. ebd., 22). Ein anderes Beispiel beschreibt einen Studenten, der es versaumt hat, sich nach einer langen Partynacht die Handynummer eines Kommilitonen geben zu lassen. Erfragt eine Bekannte, die mit dem Kommilitonen befreundet ist, nach der Handynummer. Ihre Antwort lautet, dass die Nummer wohl mit 01723 beginnen wurde. Die Aussage verstoGt gegen die Maxime der Quanti-tat, da sie die notwendigen Informationen nicht besitzt (vgl. ebd., 23).

Es lasst sich festhalten, dass eine strikte Einhaltung der Grice'schen Maximen wohl eher eine „Utopie als Realitat" (ebd., 22) abbilden.

3.3 Regeln fur gelingende Kommunikation nach Rogers

In Rogers' 1957 veroffentlichtem Artikel The Necessary and Sufficient Conditions of Therapeutic Personality Change, werden sechs Bedingungen genannt, die notwendig und ausreichend fur das Erzielen einer Personlichkeitsveranderung sind. In der klientenzentrierten Gesprachsfuhrung und -therapie sollen Spannungszustande - auch unter dem Begriff ..tension state[s]" (Roger 1957, 97) bekannt - abgebaut werden, die mit der Anderung der Personlichkeit einhergehen. Weniger interne Konflikte und Distanz zu Ver-haltensweisen, die als unreif angesehen werden, und das Starken von Verhal-tensweisen, die ein effektives Leben und mehr Energie bringen, seien das Ziel. „By these phrases is meant: [...] less internal conflict, more energy utilizable for effective living; change in behavior away from behaviors generally regarded as immature and toward behaviors regarded as mature" (ebd., 95). Dazu wird zwischen den bereits angesprochenen sechs Bedingungen unterschieden, wovon drei Grundhaltungen (Bedingungen 3, 4 und 5) dem Personlichkeitswachstum und die anderen drei Bedingungen fur eine erfolg-reiche Klienten-Therapeuten-Beziehung notwendig sind (ebd., 101). Damit konstruktive Personlichkeitsveranderungen stattfinden konnen, mussen diese Voraussetzungen erfullt sein und uber einen gewissen Zeitraum bestehen:

1. „Two persons are in psychological contact" (ebd., 96).

Die erste Bedingung beinhaltet, dass ein minimaler Kontakt zwischen Thera-peut und Klient existieren muss, da Personlichkeitsveranderungen lediglich in-nerhalb einer Beziehung auftreten konnen. Wenn sich jeder bewusst ist, dass er in personlichem oder psychologischem Kontakt mit dem anderen steht, dann ist diese Bedingung erfullt (vgl. ebd., 96 f.).

2. „The first, whom we shall term the client is in a state of incongruence, being vulnerable or anxious" (ebd., 96).

Die zweite Voraussetzung sagt aus, dass sich der Klient in einem inkongruen-ten, also mit sich nicht ubereinstimmendem Zustand befindet. Gemeint ist oft ein Befinden von Angst oder Verwundbarkeit (vgl. ebd., 97).

3. „The second person, whom we shall term the therapist, is congruent or integrated in the relationship" (ebd., 96).

Die dritte Bedingung umfasst, dass der Therapeut im Rahmen dieser Beziehung eine kongruente, echte Person sein muss. Es bedeutet, dass er inner-halb der Beziehung frei und von innen heraus er selbst ist, einschliel3>lich all seiner gemachten Erfahrungen, die sich in seinem tatsachlichen Verhalten und in seinem Bewusstsein widerspiegeln. Nicht erstrebenswert ist folglich das Verstellen der eigenen Verhaltensweisen, das Prasentieren, oder die Weiter-gabe unehrlicher Aussagen, oder Ratschlage (vgl. ebd., 97 f.).

4. „The therapist experiences unconditional positive regard for the client" (ebd., 96).

Das Bedurfnis nach bedingungsloser positiver Wertschatzung beinhaltet die vierte Regel: „lt involves as much feeling of acceptance for the client's expression of negative, "bad," painful, fearful, defensive, abnormal feelings as for his expression of "good" (ebd., 98). Es affirmiert eine Betreuung des Kunden als eigenstandige Person, mit dem Einverstandnis, eigenen Gefuhle und Erfahrungen zu besitzen.

5. „The therapist experiences an empathic understanding of the client's internal frame of reference and endeavors to communicate this experience to the client" (ebd., 96).

Die funfte Bedingung artikuliert, ein vom Therapeuten ausgehendes, genaues, einfuhlsames Verstandnis fur die personlich erbrachten Erfahrungen des Kli-enten: „To sense the client's anger, fear, or confusion as if it were your own, yet without your own anger, fear, or confusion getting bound up in it, is the condition we are endeavoring to describe" (ebd., 99).

6. „The communication to the client of the therapist's empathic understanding and unconditional positive regard is to a minimal degree achieved" (ebd., 96).

Die endgultige Bedingung ist, dass der Klient die Akzeptanz und Empathie, die der Therapeut fur ihn empfindet, in geringem Mal3>e wahrnimmt (vgl. ebd., 99).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Die drei Komponenten der Verhaltensmerkmale nach Rogers (Quelle: Rohner, J. und Schiitz, A., 2012, S. 19)

3.4 Kommunikationsmodell nach Watzlawick

Paul Watzlawick beschreibt in seinem Kommunikationsmodell die einfachsten Eigenschaften der Kommunikation, die im zwischenmenschlichen Bereich wirksam sind (vgl. Watzlawick, Beavin und Jackson 1972, 69). Unterstutzend dazu werden die funf Axiome der Kommunikation aufgefuhrt. Dennoch wird bereits am Anfang des Kapitels von den Autoren apostrophiert, dass es sich urn eine „provisorische Formulierung" (ebd., 69), weder mit Anspruch auf „Voll-standigkeit" (ebd., 69) noch auf „Endgultigkeit" (ebd., 69) handelt. Dennoch konne man die theoretischen Schwachen der praktischen Nutzlichkeit gegen-uberstellen (ebd., 69).

1. „Man kann nicht nicht kommunizieren" (Watzlawick, Beavin und Jackson 1972, 73).

Untermauert wird dieses Axiom mit der Aussage, dass „[...] Kommunikation keineswegs nur Worte sind, sondern auch alle paralinguistischen Phanomene (wie z. B. Tonfall, Schnelligkeit oder Langsamkeit der Sprache, Pausen, La-chen und Seufzen), Korperhaltung, Ausdrucksbewegungen (Korpersprache) usw. innerhalb eines bestimmten Kontextes umfal3>t - kurz, Verhalten jederArt" (ebd., 70); „[...] selbst Unsinn, Schweigen, Absonderung, Regungslosigkeit (Haltungsschweigen) oder irgendeine andere Form der Verneinung oder Ver-meidung von Kommunikation [...]" (ebd., 72 f.) sind Mitteilungen, die die Un-moglichkeit, nicht zu kommunizieren, als „[...] eine Tatsache von mehr als nur theoretischem Interesse [...]" (ebd., 72) stutzen.

2. „Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, der-art, dafi> letzterer den ersteren bestimmt und daher eine Metakommunikation ist" (ebd., 78).

Werden die Elemente einer Mitteilung aufgeschlusselt, so stellt sich heraus, dass Jnformationen" (ebd., 73) und „wie ihr Sender sie vom Empfanger ver-standen haben mochte" (ebd., 74) Bestandteile von Botschaften sind und so-mit den Inhalts- und Beziehungsaspekt darstellen. „Der Inhaltsaspekt vermit-telt die »Daten«, der Beziehungsaspekt weist an, wie diese Daten aufzufassen sind" (ebd., 77).

3. „Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktion der Kommunikations-ablaufe seitens der Partner bedingt" (ebd., 85).

Der Mitteilungsaustausch zwischen Kommunikationsteilnehmern und der un-unterbrochene Austausch von Mitteilungen innerhalb einer Kommunikation, wurden von Watzlawick, Beavin und Jackson in diesem Axiom in der Form der Interpunktion aufgefuhrt. Dabei wird auf die „Reiz-Reaktions-Psychologie" (ebd., 79) eingegangen, die sich aus den Komponenten „Reiz, Reaktion und Verstarkung" (ebd., 79) zusammensetzt. Dabei ist„[e]in bestimmtes Verhalten von A[...] insofern ein Reiz, als ihm ein bestimmtes Verhalten von B folgt und diesem wiederum ein bestimmtes Verhalten von A. Doch As Verhalten ist insofern auch eine Reaktion, als es zwischen zwei Verhaltensformen von B ein-gebettet ist. Ahnlich ist das Verhalten von A auGerdem auch eine Verstarkung, da es auf ein Verhalten von B folgt" (ebd., 79). Ikonisch dargestellt wird dieser Prozess der Interpunktion in Abbildung 5. Der Ehemann zieht sich zuruck, wahrend die Ehefrau zu norgeln beginnt. Zu sehen ist ein langer schwanken-der Prozess, ein Wechseln zwischen „Vorwufe[n]" (ebd., 82) und „Selbstver-teidigungen" (ebd., 82), was sich in den Aussagen „lch meide dich, weil du norgelst" und „lch norgle, weil du mich meidest" widerspiegelt (ebd., 82). Die Ehefrau reagiert mit norgeln auf die Reaktion des Mannes, nimmt jedoch das Norgeln nicht als Ursache fur die Rektion ihres Ehegatten wahr. Es findet ein ununterbrochener Austausch von Informationen statt, wobei es objektiv gese-hen keinen Anfang und kein Ende gibt. Das Problem liegt hauptsachlich in der Unfahigkeit, uber ihre individuellen Definitionen der Beziehung zu metakom-munizieren, was eine Offenheit und objektive Reflexion beider Verhaltenswei-sen und eine damit einhergehende mogliche Problemlosung nicht zulasst.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Beispiel der Interpunktion

(Quelle: Watzlawick, P., Beavin, J., und Jackson, D., 1972, S. 82)

4. „Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler und analoger Modalita-ten. Digitale Kommunikationen haben eine komplexe und vielseitige logische Syntax, aber eine auf dem Gebiet der Beziehungen unzulangliche Semantik. Analoge Kommunikationen dagegen besitzen dieses semantische Potential, ermangeln aber die fur eindeutige Kommunikationen erforderliche logische Syntax" (ebd., 96).

In der Kommunikation konnen Objekte durch eine „Analogie" (ebd., 87), bei-spielsweise in Form von Zeichnungen oder durch einen Namen (vgl. ebd., 87), dargestellt werden. Mit Namen sind Worte gemeint, die mit einem Objekt in Beziehung stehen, gleichbedeutend sind und bei denen ein entsprechendes Ubereinkommen und Verstandnis existieren (vgl. ebd., 87). Wird eine fremde Sprache lediglich auditiv wahrgenommen, erscheint es unmoglich, diese zu verstehen. Wird jedoch die Korpersprache einer fremden Kultur erfasst, so ist die Verstandigung, trotz weiterhin bestehender kultureller Differenzen moglich (vgl. ebd., 87). Unterschieden wird in dem genannten Beispiel zwischen der analogen Form der Kommunikation, also dem Ton, der Sprache und der Ges-tik, die eine allgemeinere Gultigkeit besitzt, und der digitalen Form, welche eine komplexe Syntax besitzt, das blofie Kommunizieren jedoch durch einen fehlenden Beziehungsaspekt erschweren kann. Problematisch an der analogen Kommunikation sind vorhandene Doppeldeutungen, welche ohne digitale Kommunikation unzureichend deutbar sind. SchlieGlich lasst sich beim Be-obachten einer lachelnden Person nicht eindeutig sagen, ob es sich dabei urn Sympathie oder Verachtung handelt (vgl. ebd., 93 f.). Hingewiesen wird eben-falls auf den Informationsverlust, der bei der Ubersetzung der analogen Kommunikation in die digitale, oder umgekehrt, eintritt (vgl. ebd., 95).

5. „Zwischenmenschliche Kommunikationsablaufe sind entweder symmetrisch oder komplementar, je nachdem, ob die Beziehung zwischen den Partnern auf Gleichheit oder Unterschiedlichkeit beruht" (ebd., 99 f.).

Komplementare Schismogenese beschreibt das gegensatzliche Verhalten zweier Gruppen oder einzelner Individuen, das mit fortschreitender Zeit eine „potentielle Progression" (ebd., 97) mit sich bringt. Person A verhalt sich dominant, wahrend Person B Unterwurfigkeit entgegnet. Nach voranschreitender Zeit wird Person A starkere und machtigere dominantere Zuge annehmen, denen Person B mit immer hoherer Unterwurfigkeit entgegenwirken muss. Diese Verhaltensform kann in hierarchischen Beziehungen, wie zwischen Mutter und Kind, oder Lehrer und Schuler, also durch gesellschaftlich vorgegebene Rollen entstehen. Die symmetrische Schismogenese stellt ebenfalls eine potentielle Progression zwischen Individuen oder Gruppen dar. Es werden jedoch gleiche Verhaltensweisen zwischen den Kontrahenten angenommen und als Reaktion auf das Verhalten des Gegenubers verstarkt ausgeubt. Prahlt eine Gruppe, so reagiert die Gegengruppe mit gesteigertem Prahlen, es kann sich ein regel-rechter „Wettstreit" (ebd., 97 f.) entwickeln.

4 Radikaler Konstruktivismus

„Der Radikale Konstruktivismus „[...] starts from the assumption that knowledge, no matter how it be defined, is in the heads of persons, and that the thinking subject has no alternative but to construct what he or she knows on the basis of his or her own experience. What we make of experience constitutes the only world we consciously live in" (Glasersfeld 1995, 18).

Der radikale Konstruktivismus beruht demnach auf der Annahme, dass alles Wissen, wie immer man es auch definieren mag, nur in den Kopfen von Men-schen existiert und dass das denkende Subjekt sein Wissen nur auf der Grund-lage eigener Erfahrung konstruieren kann. Was wir aus unserer Erfahrung ma-chen, das allein bildet die Welt, in der wir bewusst leben.

Im radikalen Konstruktivismus erkennt man die Welt mit ihren Objekten als existent und wahrnehmbar an, stellt somit die grundsatzliche Existenz dieser nicht in Frage. Jedoch ist jedes Wissen, das man uber die Welt vermeintlich hat, an subjektive Erfahrungen geknupft, die man zuvor erlebt hat. Daraus folgt, dass die Welt fur jeden Menschen anders wahrgenommen wird und Vor-stellungen demnach different konstruiert werden (vgl. Glasersfeld 1987). Ahn-liche Vorstellungen ermoglichen eine reibungslose Kommunikation, Zusam-menarbeit und Problemlosungen, wie sie auch in spateren Kapiteln themati-siert und anhand von interkulturellen Lerngruppen erlautert werden soil. Der Konstruktivismus als Teil diverser Lehr- und Lerntheorien offenbart, dass ein Austausch niemals ohne Verstandigungsprobleme stattfinden kann und der Versuch gestartet werden muss, seine Vorstellungen kontinuierlich mit denen des Gegenubers abzugleichen (vgl. ebd., 92). Glasersfeld nimmt an, dass Subjekt und Objekt stark voneinander getrennt zu betrachten sind, wobei ein wahrnehmendes Subjekt einerseits und etwas das wahrgenommen wird, an-dererseits existieren. Der Wahrnehmende erwirbt durch seine Sinnesorgane, die eine vermittelnde Funktion ausuben, ein „Perzept" (ebd., 123), das durch ein auGerhalb befindliches Objekt verursacht wird. So konnen ausschliefilich Bilder mit Bildern und nie mein Bild mit der ontischen Realitat verglichen wer-den, da der Zugang zu dieser verwehrt bleibt (ebd., 123).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Prozess der Produktion des Radikalen Konstruktivismus

(Quelle: Lehrveranstaltung Theorien des Lehrens und Lernens, 2019)

Wahrnehmung bildet die Basis aller Erkenntnisse, aber kein Abbild der Seins-realitat, da es sich lediglich urn Konstruktionen der Erkennenden handelt. Zu-dem handelt es sich urn keinen passiven Prozess des Abbildens von Vorhan-denem, sondern urn einen aktiven Prozess der Produktion, wie er in Abbildung 6 zusammenfassend illustriert wurde. Zu sehen sind die Prozesse, welche zur Konstruktion der eigenen subjektiven Realitat fuhren. Dabei wird anfanglich die ontische Realitat aufgefuhrt, eine fur uns Menschen wahrnehmbare, aller-dings zugangslose Realitat, da diese vollig objektiv, wertfrei und unvoreinge-nommen existiert und wir deshalb keinen Zugriff erlangen. Stattdessen wird diese Welt uber zwei Filter wahrgenommen. Der erste Filter ist die Sinnes-wahrnehmung. Wir fuhlen, schmecken, riechen, sehen und horen die Welt, wobei unser Gehirn diese aufgenommen Informationen verarbeitet und mit ge-machten Vorerfahrungen verknupft, was zur Folge hat, dass unsere subjektive Realitat entsteht. Somit hat jeder eine eigene Wirklichkeit. Jedes Individuum weist aufgrund seiner gattungsgeschichtlichen und seiner lebensgeschichtli-chen Erfahrungen eine eigene selbstorganisierte Struktur auf, weshalb Wirk-lichkeiten von Mensch zu Mensch anders konstruiert werden und jeweils eigene Wirklichkeiten daraus resultieren. Die „Autopoiesis" (De Haan, G. und Rulcker, T. 2009, 34) beschreibt das Phanomen, dass Lebewesen sich kontinuierlich neu erzeugen, um das Uberleben zu gewahren. Somit hangen die Vorerfahrungen stark mit der Autopoiesis und der subjektiven Realitat zu-sammen. Eine Amsel wird beispielsweise Gewasser meiden, da die Vorerfah-rung gezeigt hat, dass fehlende Schwimmfufie zum Ertrinken fuhren wurden und somit die Selbsterhaltung gefahrdet ware (vgl. ebd., 34 f.).

5 Habitus nach Bourdieu

Der Habitus produziert „[...] individuelle und kollektive Praktiken, also Geschichte, nach den von der Geschichte erzeugten Schemata; er gewahrleistet die aktive Prasenz fruherer Erfahrungen, die sich in jedem Organismus in Ge-stalt von Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata und die Uberein-stimmung und Konstantheit der Praktiken im Zeitverlauf viel sicherer als alle formalen Regein und expliziten Regein zu gewahrleisten suchen" (Bourdieu 1987, 101). Anders expliziert Bourdieu im Jahr 2001: „Die Welt erfafit mich, schliefit mich als Ding unter Dingen ein, aber als Ding, fur das es Dinge gibt, ja eine Welt, erfasse ich diese Welt; und dies, wie man hinzufugen mul3>, ge-rade weil sie mich umfangt und erfafit" (Bourdieu 2001).

Das Denken und Handeln aller Menschen wird durch gemachte Erfahrungen gepragt. Erst dadurch kann eine soziale, handlungsfahige Person entstehen. Erfahrungen, Behandlungen und eigene Handlungen munden in einer Person. Das Ergebnis ist der Mensch, der wir sind. Gleichzeitig schranken uns Erfahrungen in unseren Denk- und Handlungsmoglichkeiten ein. Wir stehen zu jedem Ding und jedem Menschen und somit auch zu der Welt in besonderer Beziehung, doch die Art dieser Beziehung ist verantwortlich fur resultierende Handlungen. Zusammenfassend bestimmt die Summe all unserer personli-chen Erfahrungen unser Empfinden, unsere Reaktionen, Vorlieben und Abnei-gungen, unser Selbstbild, unsere Meinung und die Gesamtheit unserer Bezie-hungen zur sozialen Welt, unser Handeln, welches sich in der Sprache, dem Verhalten und dem Kleidungsstil bemerkbar macht (vgl. Koch 2018, 12).

[...]

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Nonverbale Kommunikation im Kontext interkultureller Lerngruppen. Kulturelle Differenzen der Körpersprache
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
54
Katalognummer
V915423
ISBN (eBook)
9783346225429
ISBN (Buch)
9783346225436
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nonverbale, kommunikation, kontext, lerngruppen, kulturelle, differenzen, körpersprache
Arbeit zitieren
Judy Pietuszko (Autor:in), 2019, Nonverbale Kommunikation im Kontext interkultureller Lerngruppen. Kulturelle Differenzen der Körpersprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/915423

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