Der Begriff der Sublimierung bei Sigmund Freud im Kontext seiner kulturtheoretischen Ansätze


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

36 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Das Unbehagen in der Kultur und die Sublimierung

2 Naturzustand und Kultur
2.1 Definition Kultur
2.2 Definition Trieb
2.3 Versagung, Verbot, Entbehrung und Kulturfeindlichkeit
2.4 Kulturelle Restriktionen

3 Begriff der Sublimierung
3.1 Abfuhr, Verdrängung und Sublimierung
3.2 Befriedigung durch Sublimierung
3.3 Definition Sublimierung
3.4 Mechanismus der Sublimierung
3.5 Die Fähigkeit zur Sublimierung

4 Sublimierung, Bildung und Erziehung

5 Schelers Kritik am Begriff der Sublimierung

6 Fazit und offene Fragen

7 Literaturverzeichnis
7.1 Primärliteratur
7.2 Sekundärliteratur
7.3 Internetquellen

1 Das Unbehagen in der Kultur und die Sublimierung

Freud war in erster Linie Arzt, doch er war sicher auch Philosoph, wenn wir diesen Begriff wörtlich nehmen, oder zumindest ein Amateur auf dem Feld der Philosophie, ein echter Liebhaber der Weisheit. Als Psychoanalytiker befasst sich Freud in seinen schriftlichen Arbeiten überwiegend mit individualpsychologischen Phänomenen. Zwischen Ausführungen zu Krankheitsverläufen und dezidiert psychoanalytischen Ausarbeitungen, findet der interessierte Leser jedoch auch philosophische Gedanken von unschätzbarem Wert.

Der Grund dafür liegt wohl darin, dass die psychoanalytische Theorie förmlich danach schrie zur Anwendung gebracht zu werden und Freud diesem Drang manchmal einfach nicht widerstehen kann1 (vgl. Freud 1933, 15 GW: 157). Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass Freud seine Triebtheorie immer wieder ausweitet, um sie letztendlich auch auf kulturelle Phänomene anzuwenden. In seiner 1930 erschienen Spätschrift „Das Unbehagen in der Kultur“, in welcher er nach Ursachen für das allgemeine Unbehagen seiner Zeitgenossen suchte schreibt er:

„Die Triebsublimierung ist ein besonders hervorstechender Zug der Kulturentwicklung, sie macht es möglich, daß höhere psychische Tätigkeiten, wissenschaftliche, künstlerische, ideologische, eine so bedeutende Rolle im Kulturleben spielen. Wenn man dem ersten Eindruck nachgibt, ist man versucht zu sagen, die Sublimierung sei überhaupt ein von der Kultur erzwungenes Triebschicksal. Aber man tut besser, sich das noch länger zu überlegen" (Freud 1925–1931a, 457).

Um verstehen zu können, was die Ursache für „[d]as Unbehagen in der Kultur” ist (ebd.), muss man zunächst einmal verstehen, was Freud meint, wenn er von Kultur spricht und spezifisch, welche Rolle die Triebsublimierung bei der Kulturentwicklung spielt. Der Begriff „Sublimierung” soll hier vorerst als ein Prozess verstanden werden, bei dem Triebenergie in kulturelle Leistung transformiert wird.

Grundsätzlich deckt der Begriff zwei Dimensionen ab. In der individualpsychologischen ist er als eine Art von unvermeidlichem und gesundem Verhalten zu verstehen. Sublimierung ist hier eine grundlegende Form des Umgangs mit libidinöser Triebenergie.

Die für uns weitaus interessantere Dimension ist die kulturtheoretische. Während man nicht sicher sagen kann, ob es möglich ist, dass ein Individuum zu viel sublimiert, kann man die Behauptung aufstellen, dass eine Gesellschaft insgesamt zu viel sublimiert und dadurch das menschliche Leid unnötig mehrt. Sublimierung bedeutet hier eine spezielle Form des Triebverzichts und ist die Voraussetzung für Kultur überhaupt.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich nach möglichen Antworten auf zwei von Freud aufgeworfene Fragen suchen. Inwiefern ist die Sublimierung ein „von der Kultur erzwungenes Triebschicksal” (ebd.) und inwiefern entsteht Kultur durch Sublimierung?

Die Arbeit gliedert sich in sechs Teile. Zu Beginn kläre ich die Hauptbegriffe, die im Kontext des Begriffes der Sublimierung auftauchen. Kultur entsteht laut Freud zunächst, weil Menschen Schutz vor den Gefahren der Natur suchen, was sie wiederum zu sozialem Verhalten zwingt.

Sie müssen auf gewisse Befriedigungen verzichten, um sich gemeinsam gegen die feindliche Natur behaupten zu können. In diesem Sinne baut Kultur auf Triebverzicht auf, der in letzter Konsequenz zur Quelle für Unbehagen und Kulturfeindlichkeit wird. In der Sublimierung sieht Freud einen Ausweg aus dieser problematischen Situation.

Die Sublimierung ist dabei neben der Triebabfuhr und der Verdrängung nur ein mögliches Triebschicksal. Sie bietet Befriedigung und ist zugleich in doppelter Hinsicht sozial nützlich, denn sie hemmt einerseits destruktive Triebe und kanalisiert andererseits libidinöse in produktive Arbeit. Sie erfordert jedoch gewisse Anlagen, die teilweise erlernt werden können.

Daraus leite ich die gesellschaftliche Bedeutung der Bildung und Erziehung für die Sublimierungsfähigkeit ab. Da der Begriff der Sublimierung zahlreich kritisiert worden ist (vgl. Andreae 1974, 99 ff.), setze ich mich im fünften Kapitel exemplarisch mit Schelers Kritik am Begriff der Sublimierung auseinander. Zum Schluss gebe ich ein Fazit ab und weise auf offene Fragen hin, die zu Anknüpfungspunkten für weitere Arbeiten werden können.

2 Naturzustand und Kultur

Bevor ich zu dem thematischen Begriff der Sublimierung komme, möchte ich die davon unablösbaren Begriffe Natur und Trieb klären. Ähnlich wie es vor ihm schon Hobbes, Locke und Rousseau getan haben, konstruiert Freud einen axiomatischen „Naturzustand” um daraus Aussagen über die Entstehungsgeschichte unserer Kultur zu deduzieren. Sein Menschenbild ist dabei stark von Darwin geprägt (vgl. Lohmann 2013, 11).

In „Totem und Tabu” präsentiert Freud die darwinsche „Urhorde” als eine von Männern dominierte Stammesgesellschaft, in der die Leidenschaften regieren. Das jeweils stärkste Männchen setzt seine, überwiegend sexuellen Interessen gegenüber den Nebenbuhlern durch und macht im Zweifelsfall auch vor Mord nicht Halt (vgl. Freud 1912, 9 GW: 152 f.). Zusätzlich besteht noch eine „reale äußere Not” (Freud 1920–1924c, 424). Der Urzeitmensch ist genötigt, ständig in Furcht, nicht nur vor seinen Brüdern und Schwestern, sondern auch vor gefährlichen Tieren, Hunger, Kälte und Krankheit, zu leben.

Man muss Freuds oft kritisierte These vom „Vatermord”2 nicht mitgehen, um einzugestehen, dass ein Naturzustand, der ähnlich dem in „Totem und Tabu” beschriebenen, für die Mitglieder der Urhorde wenig erfreulich ist. Diese Unzufriedenheit mit dem „natürlichen” Zustand führt laut Freud zunächst in die Realitätsflucht (Totemismus), dann zur Anpassung an die Natur und letzten Endes zu dem Wunsch, die gefährliche Natur beherrschen zu wollen (vgl. Freud 1909–1913a, 415 ff.), also zu der Einsicht, dass die Mitglieder der Horde auf die Befriedigung gewisser Triebe verzichten müssen, um andere bequemer befriedigen zu können.

Die „äußere Not” wird so zum „Hauptmotor der Kulturentwicklung” (Freud 1920–1924a, 424). Das Gegenüber ist dem Menschen nicht länger Wolf, sondern potenzieller Mitarbeiter und Verbündeter im Kampf gegen die Naturgewalten.

2.1 Definition Kultur

„Das Wort ‘Kultur’ [bezeichnet] die ganze Summe der Leistungen und Einrichtungen, in denen sich unser Leben von dem unserer tierischen Ahnen entfernt und die zwei Zwecken dienen: dem Schutz des Menschen gegen die Natur und der Regelung der Beziehungen der Menschen untereinander” (Freud 1925–1931a, 448 f.).

Der erste Teil von Freuds Definition ist rein theoretischer Natur. Kultur ist demnach im weitesten Sinne jede menschliche (in Abgrenzung zur tierischen) Leistung oder Einrichtung. Spezifisch ist erstens solches gemeint, was uns gegen die Natur schützt. So schützen uns zum Beispiel Häuser vor Unwetter und die Medizin kann manche unserer Leiden lindern oder sogar heilen (darunter fällt auch die Psychoanalyse).

Zweitens sind Leistungen und Einrichtungen gemeint, und das ist für Freud der weitaus wichtigere Teil, welche die Beziehungen der Menschen untereinander regeln. Gemeint sind hier die „großen Kulturellen Institutionen, der Religion, der Sittlichkeit, des Rechts [und] der Philosophie” (Freud 1909–1913a, 414 f.). Wie kommt Freud nun zu der Aussage, dass „[j]eder Einzelne virtuell ein Feind der Kultur” ist (Freud 1925–1931b, 326 f.)? Der Grund dafür ist, dass Kultur „überhaupt auf Triebverzicht aufgebaut” ist (Freud 1920–1924c, 424). Um das verstehen zu können, ist ein kurzer Exkurs in die Freud’sche Triebtheorie notwendig.

2.2 Definition Trieb

In „Jenseits des Lustprinzips” (1920) führt Freud zum ersten Mal die Lehre von Eros und Thanatos ein3. Diese theoretische Umorientierung verändert zum Teil auch seine Einstellung zum Begriff der Sublimierung. Vor 1920 ist er der Ansicht, die „Sublimierung [sei übrigens] nur ein Spezialfall der Anlehnung von Sexualstrebungen an andere nicht sexuelle”4 (vgl. Freud 1917, 11 GW: 358). Übertragen auf unser Interessengebiet würde Anlehnung bedeuten: der Mensch arbeitet, um sich selbst zu erhalten und jegliche kulturellen Leistungen die er während dessen vollbringt, ist bloß ein Nebeneffekt des Willens zur Selbsterhaltung.

In „Jenseits des Lustprinzips” äußert Freud den Gedanken, dass der Selbsterhaltungstrieb wiederum nur die Folge eines grundlegenderen Lebenstriebes, er nennt ihn Eros, ist. Er versucht dabei nicht, eine letzte Ursache für den Lebenstrieb, oder das Leben an sich, abzugeben. Dass es den Lebenstrieb gibt, folgert er aus der Beobachtung eines „Triebes zu Vervollkommnung” (vgl. Freud 1920–1924b, 43 ff.).

Diesem Lebenstrieb stellt Freud anschließend einen Todestrieb (Thanatos) zur Seite. Dieser bezeichnet ein dem Lebenstrieb entgegengesetztes Streben zur Passivität und Aggressivität. Der Todestrieb leitet sich laut Freud wiederum aus der Tatsache ab, dass alles Lebende früher einmal leblos war und es wieder werden möchte. Konkret: „Das Ziel allen Lebens ist der Tod” (Freud 1920–1924b, 40).

Wir unterscheiden fortan begrifflich zwischen zwei Kategorien von Trieben: die, im weitesten Sinne, Sexualtriebe (Eros) und die Aggressionstriebe (Thanatos) (vgl. Freud 1933, 15 GW: 110). Die Triebenergie des Eros nennen wir dabei Libido, die des Thanatos Destrudo. Da diese beiden Triebarten in der Realität immer zusammen auftreten, muss man davon ausgehen, dass Freud auch immer beide meint, wenn er von „dem Trieb” spricht. Charakteristisch für Freuds Triebbegriff ist, „daß er aus Reizquellen im Körperinnern stammt, wie eine konstante Kraft wirkt und daß die Person sich ihm nicht durch die Flucht entziehen kann, wie es beim äußeren Reiz möglich ist“ (ebd.).

„Unter einem ‘Trieb’ können wir zunächst nichts anderes verstehen als die psychische Repräsentanz einer kontinuierlich fließenden, innersomatischen Reizquelle, zum Unterschiede vom ‘Reiz’, der durch vereinzelte und von außen kommende Erregungen hergestellt wird” (Freud 1904–1905, 67).

Wenn es nun stimmt, „daß sich jede Kultur auf Zwang und Triebverzicht aufbauen muss” (Freud 1925–1931b, 328), dann beeinflusst der Begriff des Triebes auch den der Kultur. Zu Beginn war es ja die „äußere Not” die den Menschen zur Vergesellschaftung trieb, doch die materiellen Grundbedürfnisse ließen sich wohl relativ bald ausreichend stillen. Der Mensch hätte sich wieder seinem Triebleben widmen können, wäre da nicht die Destrudo, welche im unzivilisierten Zustand dazu führt, dass der Mensch alles vernichtet, was er schafft. Also ist Kultur primär nicht aus materiellen, sondern aus psychologischen Gründen notwendig. Ihr vorrangiges Ziel ist die Hemmung der Destrudo. Sie ist demnach auch unabhängig von materiellen Verhältnissen für alle von Vorteil, jedoch nicht für alle in gleichem Maße.

2.3 Versagung, Verbot, Entbehrung und Kulturfeindlichkeit

„Einer gleichförmigen Ausdrucksweise zuliebe wollen wir die Tatsache, daß ein Trieb nicht befriedigt werden kann, Versagung, die Einrichtung, die diese Versagung festlegt, Verbot, und den Zustand, den das Verbot herbeiführt, Entbehrung nennen” (Freud 1925–1931b, 331).

Die ‘äußere Not’ drängte die Menschen in die Zivilisation, doch „[m]it den weiteren Fortschritten der Kultur wuchsen auch die Ansprüche der Verdrängung” (Freud 1920–1924c, 424). Der zivilisierte Mensch befindet sich in einem Dilemma. Er braucht die Kultur zum überleben und gleichzeitig macht sie ihm das Leben schwer, denn sie bringt vielerlei Verbote mit sich, die zahlreiche Entbehrungen für die Beteiligten zur Folge haben.

Dabei unterscheidet Freud zwischen zwei Arten von Entbehrungen. Die ersten, Inzest, Kannibalismus und Mordlust, betreffen alle. Die zweiten werden zum größten Teil nur von der unterdrückten Minderheit getragen. Vereinfacht gesagt sprechen wir hier von einem Klassenkonflikt im Marxschen Sinne. Der materielle Wohlstand der Kapitalisten erlaubt ihnen tendenziell jede Form von amoralischem Verhalten. Sie können ihre Habgier befriedigen, indem sie Besitztümer anhäufen, ihre Aggression an ihren Angestellten, ihren Bediensteten und letztendlich an auch an ihrer Familie auslassen, und so weiter (vgl. ebd.).

Das materielle Problem wird zu einem psychologischen und schließlich zu einem kulturellen. Dieser Klassenunterschied wird von den Proletariern als Ungerechtigkeit wahrgenommen und führt bei ihnen zu einer prinzipiell kulturfeindlichen Haltung.

Hier eröffnet sich eines der ältesten Probleme der Philosophiegeschichte, das Problem der Gerechtigkeit. Freud tangiert es nur und behandelt es nicht weiter. Es hat jedoch eine gewisse Tragweite für unsere Problematik. Wenn Kultur auf Triebverzicht aufbaut, müssen wir im Folgenden voraussetzen, dass die Vorteile der Zivilisation die Nachteile für Alle überwiegen müssen. Kultur kann ihre Aufgabe (vgl. 2.1) nur in einer gerechten Gesellschaft erfüllen.

2.4 Kulturelle Restriktionen

Die Frage ist nun, inwiefern die „großen Kulturellen Institutionen, der Religion, der Sittlichkeit, des Rechts [und] der Philosophie” (Freud 1909–1913a, 414 f.) die Entbehrungen des individuellen Triebverzichts kompensieren können.

Für Freud ist klar, dass diese Institutionen Versuche sind, die Wunschkompensationen der entbehrenden Individuen sozial zu lösen. Wenn sie gut funktionieren, können Sie die Individuen vor Neurosen bewahren, welche sich äquivalent als individuelle Lösungsversuche für Wunschkompensationen darstellen (ebd. 416). Funktionieren sie schlecht oder gar nicht, so steigt das „Unbehagen in der Kultur”.

Freud ist der Meinung, man könnte die „Würde” – ich schlage als Alternativbegriff „Leistungsfähigkeit” vor – einer Kultur an zwei Faktoren bemessen. Am moralischen Niveau der Teilnehmenden und an der Menge und Güte kultureller Besitztümer. Gehen wir von Freuds negativem Menschenbild aus, ist Moralität für den Einzelnen immer von Nachteil. Sie ist die „Verinnerlichung der Kulturverbote“ (Freud 1925–1931b, 332 f.). Da wir aus bereits vorgebrachten Gründen nicht gänzlich auf Kultur, also den Nachteil, der uns durch Moralität entsteht, verzichten können, bleibt uns für eine positive Bilanz nur übrig, die Vorteile zu steigern, die Kultur als Ausgleich für die Nachteile bieten kann, welche sie selbst erzeugt.

Die kulturellen Gewinne liegen im Besitz von Idealen, religiösen Überzeugungen und kollektiven Kulturgütern (ebd. 333 ff.). Ideale sind laut Freud Befriedigungen am messbaren kulturellen Erfolg. Zum Beispiel kann man als „Deutscher” stolz auf die „deutsche Arbeitsmoral” sein.

Geteilte Ideale bieten narzisstische Befriedigung und wirken somit innerhalb einer Kultur kulturfeindlichen Tendenzen entgegen. Die Identifikation mit Idealen führt jedoch auch zur Identifikation mit der herrschenden Klasse und sorgt dafür, dass alle Beteiligten blind für reale Ungerechtigkeit werden.

Zusätzlich fordern Ideale immer einen kulturellen Vergleich. Man kann nur auf die „deutsche Arbeitsmoral” stolz sein, wenn man sie zum Beispiel der französischen entgegenstellt und die erste als bessere bewertet. Ein solcher Vergleich mündet in interkulturellen Konflikten und potenziell in Kriegen. Demnach bieten Ideale sowohl Vor- als auch Nachteile für die Gesellschaft.

Alternativ zu Idealen scheinen religiöse Überzeugungen Befriedigung oder zumindest Leidminderung zu versprechen. Religion verspricht psychologischen Schutz vor den Gefahren der Natur und regelt gleichzeitig das menschliche Zusammenleben, indem sie Triebe hemmt. Sie bietet sich als eine Art Ersatzkultur an (vgl. 2.1). Insgesamt sieht Freud jedoch in der fortschreitenden Säkularisierung einen Hinweis darauf, dass das Projekt Religion zunehmend scheitert. Sie muss eigentlich scheitern, da sich Menschen nicht dauerhaft von einer Illusion blenden lassen.

Als einzige gangbare kollektive Kompensationsleistung bleibt der Besitz an kollektiven Kunst und Kulturgütern bestehen. Genau wie Ideale führen sie zur Identifikation mit der jeweiligen Kultur und damit zur Kulturfreundlichkeit, jedoch schöpfen sie ihre befriedigende Kraft aus qualitativem kulturellem Erfolg.

Im Gegensatz zu Idealen, brauchen kollektive kulturelle Besitztümer keinen interkulturellen Vergleich, um zu funktionieren und sie führen darum auch nicht zu interkulturellen Konflikten. Wir fühlen „Die Leiden des jungen Werther“ mit, als wären es unsere eigenen, ohne sie darum quantitativ bewerten zu müssen. Das Problem hierbei ist, dass Kunst und Kultur nicht jedem in gleichem Maße zugänglich sind. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von der Sublimierungsfähigkeit von Individuen.

3 Begriff der Sublimierung

3.1 Abfuhr, Verdrängung und Sublimierung

Laut Freud hat der Mensch prinzipiell drei Möglichkeiten, innere Triebreize abzubauen. Die einfachste, weil „natürlichste” ist die Abfuhr, die aus kultureller Sicht wertvollste die Sublimierung und die denkbar schlechteste die Verdrängung.

Können nicht alle Triebe vollständig abgeführt oder sublimiert werden verbleibt ein Teil der verdrängten Triebenergie im System, ohne dass sich das Individuum darüber bewusst wäre (vgl. Freud 1920–1924c, 425; 1909–1913b, 151). Diese unbefriedigten Wünsche drängen dann nach „irgendwelcher, wenn auch entstellter, Befriedigung” (ebd.). Dies führt auf Dauer zu psychischen Erkrankungen (Neurosen).

Die Unterscheidung von Abfuhr, Verdrängung und Sublimierung lässt sich an einem Beispiel erläutern. Wir nehmen an, es kommt zu einem Streit zwischen zwei liebenden Menschen. Richard fühlt sich vernachlässigt, weil seine Frau Paula mal wieder Überstunden in der Klinik ableistet.

Wir gehen von einem sehr leidenschaftlichen Streit aus, in dem sich libidinöse Triebregungen mit destruktiven vermischen. Von Abfuhr würden wir in unserem Beispiel sprechen, wenn sich die Streitenden im Anschluss an den Streit lieben (Libido), es kommt zum sprichwörtlichen „Versöhnungssex”, oder schlagen, es kommt zu häuslicher Gewalt (Destrudo).

Von Verdrängung sprechen wir, wenn die Streitenden sowohl ihre Liebe als auch ihre Wut „runterschlucken”. Das funktioniert besonders gut mit Hilfe kulturindustriellen5 Produkten. Statt sich auszusprechen, einander zu schlagen oder sich zu lieben geht jeder in sein Zimmer und schaut fern, isst Chips, checkt seinen Facebook-Account et cetera.

Doch es gibt noch eine dritte Möglichkeit, mit der aufgestauten Triebenergie umzugehen: die Sublimierung. Sie ist aus kultureller Sicht insofern interessant, als dass sie die Energie des Streites kanalisiert und auf sozial erwünschte Ziele lenkt. Paula ist wutentbrannt, sie geht in den Boxsaal und schlägt dort einen Sandsack, statt Richard und tut damit etwas für ihre Gesundheit. Richard verarbeitet dagegen seine eher libidinösen Triebe, indem er für Paula ein Lied komponiert, das er später seinen Freunden vorspielt.

Alle sind glücklich. Das Problem dabei ist nur, dass schon Paulas Arbeit, die den Streit erst ausgelöst hat, als sozial erwünschtes Verhalten, sprich Sublimierung, gelten kann.

3.2 Befriedigung durch Sublimierung

Ich habe bereits erläutert (vgl. 2), dass das eigentliche Problem der Kultur ist, dass sie versagen muss, um anderswo befriedigen zu können. Die Sublimierung erscheint hier als „Eierlegende-Wollmilchsau”, denn sie gestattet es, die Triebenergie auf gleichwohl befriedigende als auch sozial verträgliche Weise abzubauen (vgl. Freud 1925–1931a, 438).

Die Intensität der damit einhergehenden Befriedigung ist zwar im Vergleich zur Befriedigung primordialer Triebe wesentlich schwächer, jedoch zugleich „feiner und höher” (ebd.). Sie verhindert kein Leid, dass uns durch Schicksalsschläge ereilt und versagt da, wo „der eigene Leib die Quelle des Leidens wird” (Freud 1925–1931a, 438), jedoch tut das in beiden Fällen auch die Triebabfuhr nicht gänzlich. Habe ich starke Zahnschmerzen, denke ich womöglich nicht an die Befriedigung meines Hungers und die Beschäftigung mit einer fordernden, kreativen Aufgabe kann meinen Schmerz ein wenig lindern. Diese Aufgabe – im wörtlichen Sinn – der Triebregungen, kommt der Kultur als Ganzes zu gute.

„Es sind überwiegend” sexuelle Triebregungen […], welche der kulturellen Unterdrückung verfallen. Ein Teil derselben zeigt nun die wertvolle Eigenschaft, sich von ihren nächsten Zielen ablenken zu lassen und so als ‘sublimierte’ Strebungen ihre Energie der kulturellen Entwicklung zur Verfügung zu stellen" (Freud 1920–1924c, 425).

Die Sublimierung ist demnach nicht nur ein von der Kultur erzwungenes Triebschicksal (vgl. 1), sondern ist gleichzeitig für Kultur konstitutiv.

[...]


1 Freud ist der Meinung, dass er sich mit fachlich spezifischen Bemerkungen zurückhalten muss, denn die Psychoanalyse, deren Begründer er ist, steckt zu seiner Zeit noch in den Kinderschuhen.

2 In “Totem und Tabu” vertritt Freud die These, dass sich die durch das Oberhaupt beherrschten jungen Brüder einst zusammengetan haben, um dieses, ihren Vater, zu ermorden. Da sie gegenüber dem gemordeten Vater auch Liebe empfinden, schämen sie sich für den Mord und beschließen ähnliches amoralisches Verhalten in Zukunft gemeinschaftlich zu ächten. Dies sei laut Freud der Ursprung der Sittlichkeit. Zur Kritik an dieser These vgl. Lohmann 2013, 169 f..

3 Freud modifizierte seine Triebtheorie fortlaufend. Heute wird die Entwicklung in drei Phasen unterteilt, wobei ich mich auf die „aktuellste” dritte Phase beziehe, die Freud in Werken vertritt, die nach 1920 publiziert wurden.

4 Diese Theorie vertritt er zum Beispiel bei seiner Da Vinci Studie (vgl. Freud 1909–1913c, 128 ff.).

5 Zum Begriff der „Kulturindustrie” (vgl. Niederauer und Schweppenhäuser 2018, 1 ff.).

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Der Begriff der Sublimierung bei Sigmund Freud im Kontext seiner kulturtheoretischen Ansätze
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Fakultät für Humanwissenschaften)
Veranstaltung
Seminar: Kulturphilosophie und Psychologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
36
Katalognummer
V915488
ISBN (eBook)
9783346225481
ISBN (Buch)
9783346225498
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kulturpsychologie, kulturtheorie, freud, scheler, kulturanthropologie, sublimierung, verdrängung
Arbeit zitieren
Vladislav Shenker (Autor:in), 2019, Der Begriff der Sublimierung bei Sigmund Freud im Kontext seiner kulturtheoretischen Ansätze, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/915488

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