Der Alltag des spätmittelalterlichen Herrschers


Hausarbeit, 2005

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Viel ist darüber bekannt, was einzelne Herrscher in bestimmten Situationen taten, z.B. vor oder während einer Schlacht, bei Bauernunruhen oder am Vorabend eines bevorstehenden Krieges. Dies alles sind natürlich nur Sonderfälle im Leben eines Königs, was aber tat er während der “normalen” Zeit, wenn es ruhig war? Davon möchte ich in dieser Hausarbeit etwas berichten; ebenso vom Itinerar Friedrich III. in Nürnberg sowie den Reisen der Königin.

Prägend sind die unablässigen Itinerare, d.h. die Reisen, die ein Herrscher unternahm bzw. unternehmen mußte. Wie bekannt, war das gesamte Mittelalter davon geprägt, daß ein König sich ständig durch sein Reich bewegte, um seine Macht auszuüben, schließlich gab es noch keine Bürokratie oder Verwaltung mit Beamten. Eine andere Form der Herrschaftsausübung war zu jener Zeit undenkbar und nicht praktikabel. Selbst heute hat sich davon ein kleiner Rest erhalten, wenn wir daran denken, daß ein Bundeskanzler zumindest einmal alle Länder durchreist haben sollte oder - trotz der modernen Medien, mit denen Echtzeitkommunikation möglich ist - die Reisen der Außenminister in fremde Staaten, um Konflikte zu lösen und neue Wirtschaftsbeziehungen zu knüpfen.

Doch ein mittelalterlicher König reiste natürlich - notgedrungen - viel mehr als unsere heutigen Staatsoberhäupter. Aber die Reise war nur der Weg, was tat der Herrscher, wenn er am Ziel war? Dies war selbstverständlich von der Persönlichkeit abhängig. “Wir kennen den Typus des fürstlichen Faulpelzen, dem man wohl den böhmischen und deutschen König Wenzel (1378-1400) zuordnen darf, und wir wissen auch von fleißigen Herrschern, die sich in eigener Person darum bemühten, ihre Rechte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.” 1 Es war den Fürsten eigen, sich eine Beschäftigung zu suchen, um vom Regieren einmal ausspannen zu können; wir würden dies heute vielleicht als ein Hobby bezeichnen. So ist beispielsweise von Kaiser Friedrich II (1212-1250) bekannt, daß er sich der Jagd mit Vögeln widmete. Das Lesen und Schreiben stellt an sich ein recht schwieriges Terrain dar, denn im Mittelalter - einer Zeit mit vielen Analphabeten - ist nicht ganz klar, ob jeder Fürst der Schrift mächtig war. Z.B. war Karl der Große ein starker Krieger, aber das Schreiben lernte er - mehr schlecht als recht - erst im hohen Mannesalter. Und von den Hochmeistern des Deutschen Ordens wissen wir, daß sie das Vorlesen langer Briefe langweilte.

Die Quellen darüber, was jemand im sog. “fürstlichen Alltag” tat, sind nur spärlich bis überhaupt nicht verfügbar. Aber es gibt noch andere Möglichkeiten. Nehmen wir z.B. die ganzen Ausgaben, die ein König so alle hatte, dann können wir uns ein Bild davon machen, wie es auf einer Burg möglicherweise zuging. Da wären zum einen die Kleider, das Seidengewand des Adeligen oder der Strohhut und die kostbaren Seidenstoffe für die Gemahlin; die Seidenstickerein; oder die Nahrungsmittel, die konsumiert wurden, teure Gewürze, die entweder - wenn sie ständig auf Lager sein mußten - auf den exklusiven Geschmack des Herrschers hindeuten, oder - wenn sie nur ein paar mal im Jahr in den Rechnungen auftauchen - auf Festlichkeiten verweisen. Auch erhält man so einen Einblick in die Wertmaßstäbe der damaligen Zeit; wissen wir doch, daß ein auf den Waffenrock des Großmeisters der Deutschordensritter gesticktes Seidenkreuz zweieinhalb mal so viel kostete wie ein teures Kriegspferd.

1399 gab es beim Deutschen Orden das Tresslerbuch, worin sämtliche Ausgaben dokumentiert wurden; der Tressler war sozusagen der Finanzminister seiner Zeit. Dieses Buch stellt ein gutes Werkzeug dar, um z.B. zu erfahren, daß Malerarbeiten an den Fresken von Heiligen dazu nötig waren, weil Affen sie beschädigt hatten. Ergo: Zum Hofe des Herrschers gehörten nicht nur Menschen, sondern auch Tiere und der uns heute gut bekannte Zoo ist nichts weiter als der Nachfahre der fürstlichen Tiergärten von einst. Auf die Einträge in diesem Buch möchte ich bei dieser Arbeit besonders eingehen. Es folgt eine Zahlung an drei Pfeifer und Posauner, die einen Gesandten nach Rußland begleiten. Es geht hier also um Diplomatie und zugleich höfischer Musik. Gleich im Anschluß erfahren wir etwas über die Lieferung von kostbaren Honig auf die Marienburg. Dies mag im ersten Augenblick verwirrend erscheinen - erst war noch von Diplomatie die Rede, jetzt von Honig, doch wenn man versucht, dies zu kombinieren, stellt man fest, daß es sich dabei nur um fürstliche, also standesgemäße Ausgaben handelt. Hartmut Bookmann schreibt dazu recht treffend: “Bis zu einem gewissen Grade ist auch heutige politische Wirklichkeit von einer solchen Kombination geprägt. Außenpolitik hat etwas mit besseren Menüs zu tun.”2

Der folgende Eintrag spricht von zwei Lautenschlägern, wandernde Musiker, die ein Geschenk empfingen, weil sie den Hochmeister erfreut hatten. Daraus folgt, daß Musik scheinbar für die Unterhaltung einen dienlichen Zweck hatte; genau wie die Zahlungen an Narren und Krüppel, die der Belustigung dienten. Es folgt ein Eintrag über zwei burgundische Herolde, die den litauischen Großfürsten in dessen Herrschaftsgebiet begleitet hatten - wir sind wieder bei der großen Politik. Zwar führte der Orden damals noch einen Heidenkampf gegen Litauen, doch waren die Litauer schon längst keine Barbaren mehr (bereits seit 1385/86); der litauische Großfürst hatte sich taufen lassen und war sogar zum polnischen König gewählt worden. Zu verstehen ist dies alles nur, wenn man es mit den Augen des mittelalterlichen Menschen sieht: der litauische Großfürst war trotz allem ein in die höfische Kultur eingebundener Partner, folglich bestand hier ein Verhältnis von Fürst zu Fürst. Wiederum empfing auch ein Mönch vom Großmeister einen Betrag, der sich auf den Weg ins westliche Litauen machte, um dort zu missionieren. Es folgt also, daß man den Adel zwar als gleichberechtigt betrachtete, aber das Volk noch als Heiden, die es zu missionieren galt.

Der nächste Eintrag führt in einen ganz anderen Bereich. Der Tressler notiert die Kosten für eine größere Menge Wachs für das Gedächtnis des verstorbenen Hochmeisters Konrad von Jungingen. (Das liturgische Totengedenken erforderte nicht nur Personal-, sondern auch Sachkosten.) Dann geht es um einen kleinen Betrag, der als Almosen ohne nähere Bestimmung armen Leuten überbeben wurde. Auch kommt dem Backmeister der Burg ein Betrag für sechs Schock Wecken zu, die an Bedürftige zu übergeben waren. Man kann aus solchen Aufzeichnungen auch etwas über den Charakter des Herrschers erfahren. Nehmen wir zum Beispiel diesen Großmeister und die oben angeführte Spende. Wäre er ein hartherziger Mann gewesen, hätte er diese Gabe wohl kaum gemacht, andererseits konnte er so die weniger Bemittelten von sich etwas überzeugen, aber milde Gaben waren im Mittelalter nichts besonderes, denn zur Seelenrettung stellten sie ein probates Mittel dar.

Als nächstes wieder etwas Fürstenalltag. Ein ansehnlicher Betrag fließt dem blinden Sprecher des römischen Königs Ruprecht zu; fünf Monate später erhält derselbe Mann sechs Mark und andere Sprecher werden ebenfalls protokolliert.

[...]


1 Hartmut Boockmann; Fürsten, Bürger, Edelleute - Lebensbilder aus dem späten Mittelalter; C.H. Beck; München 1994; S.14

2 Hartmut Boockmann; Fürsten, Bürger, Edelleute - Lebensbilder aus dem späten Mittelalter; C.H. Beck; München 1994; S.21

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der Alltag des spätmittelalterlichen Herrschers
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
14
Katalognummer
V91557
ISBN (eBook)
9783638071017
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alltag, Spätmittelalter, Herrscher, Mittelalter, Reiseherrschaft
Arbeit zitieren
Daniel Müller (Autor), 2005, Der Alltag des spätmittelalterlichen Herrschers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91557

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