Land Art: Der Künstler Smithson, Zwei Werkbetrachtungen

Spiral Jetty und Broken Circle, Spiral Hill - Smithsons Entropiebegriff


Essay, 2001

21 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung
1.1. Robert Smithson als Vertreter der Land Art

2. Smithsons Entropiebegriff und sein Konzept „Art as Land Reclamation“

3. Beschreibung einzelner Werke in Hinblick auf den Entropieansatz von Smithson.
3.1. The Sand Box Monument, 1967
3.2. Asphalt Rundown, 1970
3.3. Die Earthworks 1970

4. Das Naturverständnis Smithsons in Abgrenzung zu anderen Land Art-Künstlern.

5. Auswertung und Diskussion .

6. Werkbetrachtung: Spiral Jetty und Broken Circle (1971)

7. Werkbeschreibung: Broken Circle und Spiral Hill
7.1 Rezeption.
7.2 Interpretation.

8. Film.
8.1 Rezeption.

9. Von Zentren und Peripherien.

10. Literatur

1. Einleitung

1.1. Robert Smithson als Vertreter der Land Art

Der amerikanische Künstler Robert Smithsons wird, besonders wegen seiner Schriften und größeren Projekte in der Landschaft als einer der Hauptvertreter Land Art gesehen. Während der 60er und 70er Jahre fielen unter diesen Begriff verschiedene, voneinander überwiegend unabhängig entstandene Arbeiten in den USA und Europa, die die Beziehung Mensch - Umwelt thematisieren und denen gemeinsam die künstlerische Arbeit mit und in der Natur ist. Dabei handelt es sich um Veränderungen, Eingriffe in die meist abgeschiedene Landschaft. Die Natur wird hier selbst zur Kunst; die Erde und ihre Stoffe werden nun zum Arbeitsmaterial. Künstler der frühen Land Art benutzten auch wieder in den Naturkreislauf zurückgeführte Materialien wie Kriegs- und Industrieschutt.

Damit stellt Land Art ein Gegenkonzept zu den industriellen Verwertungsmechanismen von Natur dar. Ihr Interesse bezog sich auf den außerhalb der industriellen Produktion existierenden Kreislauf, auf den Kreislauf der Natur und die ihr wieder zugeführten Zivilisationsprodukte. Gegen die Aufwertung industrieller Materialien und Produkte in der Pop-, und Minimal Art setzte die Land Art die Stoffe der Natur, die weitgehend in ihrem Naturzustand belassen wurden.

Zum einen soll damit das Erlebnis der Natur, ihrer Gewalt und Erhabenheit provoziert werden und zum anderen aktuelle Umwelt- und Zivilisationserscheinungen hinterfragt werden. Die ersten Arbeiten von Land Art-Künstlern thematisierten Zivilisationskatastrophen, verursacht durch Krieg oder ökologische Ausbeutung der Erde. Diese Probleme wurden mit der Ökologiebewegung der 70er Jahre, der Zeit der Hippie- und Studentenbewegungen, aktuell. Bei Diskussionen über politische, philosophische und ideologische Zusammenhänge wurde die Wachstumsgesellschaft und ihre Fetische sowie die Lebensbedingungen in den verschmutzten Großstädten kritisiert.

Als Grundstein für die neue Entwicklung der künstlerischen Sprache kann Smithsons im Jahre 1967 veröffentlichter Artikel gesehen werden, in dem er die Möglichkeit, Landschaft bzw. reales Land als Medium der Kunst zu nutzen, diskutiert und eine Eis- bzw. Sand-Stadt entwirft.

In der darauffolgenden Zeit begannen Walter de Maria, Michael Heizer und Smithson, das Wüstenland im Westen Amerikas zu durchfahren und für ihre künstlerische Arbeit zu entdecken. Bei der Annäherung an die Natur dokumentierte Smithson Reisen, in denen er die Landschaft als Residuum der Zivilisation und ästhetisches Medium wiederentdeckte. Ab 1968 entstanden großflächige Projekte als zeichenhafte Markierung in der Landschaft: Christo verpackte (Wrapped Coast, 1969), Heizer schaffte seine Nevada Depressions, 1967/70, Walter de Maria zeichnete seine Mile Long Parallel Drawing in the Desert, 1968, Oppenheim zog mit einem Schneepflug Zeitringe und Smithson errichtete seine Earthworks: Er ließ entropische Spiralen (Spiral Jetty, 1970) im Naturgebiet aufschütten und gebrochene Kreise (Amarillo Ramp, 1971) in postindustriellen Gebieten anlegen, bzw. kombinierte beide Formen in Broken Circle und Spiral Hill, 1968.

Diese drei Earthworks sind wohl die bekanntesten Werke Smithsons. Bei Spiral Jetty handelt es sich um eine 1970 im Great Salt Lake aufgeschüttete Erdspirale. Broken Circle und Spiral Hill sind zwei miteinander in Verbindung zu setzende Arbeiten: ein Erdhügel mit eingewundenem Spiralweg, und ein unterbrochener Kreis im Wasser, bestehend aus Damm und Graben, die in Emmen, Holland entstanden. Amarillo Ramp stellt eine kreisförmig nach rechts drehend aufsteigende Erdaufschüttung in Texas dar.

Die mit dem Begriff Land Art in Beziehung zu setzenden Künstler verlegten ihre Arbeit aus den städtischen Zentren in entlegene, menschenleere Naturgebiete und drückten damit neben ihren Auffassungen von Natur Überlegungen zu einer veränderten Kunstauffassung aus. Sie hinterfragten den Warencharakter von Kunst, das Verhältnis zwischen Künstler, Leben und Werk, und zwischen Prozeß und Form. Ihr gemeinsames Anliegen bestand in der Auflösung des Kunstwerks als ökonomisch-ästhetisches Produkt im „white cube“ (O`Dohrty) des Kunstbetriebs. Kunst wurde nun als Prozeß betrachtet, der auch auf der Straße und in der Natur stattfinden konnte. Land Art bedeutet also auch eine Art Flucht der Künstler aus dem Museums- und Sammlerbetrieb. Entsprechend machten sie in ihren Ausstellungen (1969 in Bern und Amsterdam, s.u.) die Begrenztheit der Präsentationsfähigkeit im Museum deutlich. Smithsons Earthworks gehen als Wege- und Inselformationen in die Landschaft ein und bilden sich aus ihr heraus: Es kommt weder fremdes Material noch eine fremde Maßstäblichkeit in die Landschaft eingefügt. Die Wirkung der Landschaft ist in ihr selbst angelegt.

Trotz des Ausbruchs aus dem Kunstbetrieb blieb der Kontakt zu ihm jedoch stets erhalten. Während die wichtigsten Projekte zwar außerhalb der Stadt angesiedelt waren, wurden Räume mit Erdmaterialien gefüllt. Skizzen, Erläuterungen, Fotos und Filme dokumentierten die ausgeführten Werke im Museum. Smithsons Werke bestehen meist aus verschiedenen Teilen, die erst zusammen das ganze Werk bilden, nie jedoch zu einem Zeitpunkt und an einem Ort erfahren werden können. Als „Nonsites“ bezeichnet Smithson die im Museum hergestellte Situation, die auf einen bestimmten Freiraum (“Site“) Bezug nimmt. Geometrisch klare Strukturen und Materialien aus industriell hergestellten Materialien dienen als Behälter für die naturbelassenen Materialien vom Ort. Der Materialkontrast entspricht dem Zusammentreffen von Zivilisation (die Behälter sind minimalistische Objekte) und Rohmatrerial. Die Objeklte wurden ergänzt durch Luftaufnahmen, Landkarten und Erläuterungen.

2. Smithsons Entropiebegriff und sein Konzept „Art as Land Reclamation“

Der Begriff Entropie stammt aus der Physik. Er bezeichnet den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik und beschreibt einen irreversiblen energetischen Prozess: unterschiedliche Energiezustände gelangen durch Wärmeaustausch zum Gleichgewicht und sind nicht mehr rückgängig zu machen. Im Endstadium hat sich der Energiefluß verbraucht und gelangt zum Stillstand. Der Wärmeausgleich endet theoretisch im Wärmetod.

Im Zuge der Energiekrise Ende der 60er Jahre wurde in den USA der Entropiebegriff in den Wirtschaftswissenschaften neu eingesetzt. Smithson beschäftigte sich mit dem Zusammenhang von Ökologie und Ökonomie und wurde darin von Nicolas Georgescu-Roegen beeinflußt, der als erster in seinem Werk The Entropy and the Economic Process, 1971, den Begriff aus der Thermodynamik auf ökonomische Prozesse übertragen hat. Er ging von einem schon in der Natur vorhandenen Prozeß der Entropie aus, während gleichzeitig der ökonomische Fortschritt durch Ausplünderung ihrer unersetzlichen Ressourcen den physikalischen Wärmetod der Erde noch beschleunige. Smithsons übertrug diese Gedanken in sein Konzept „Art as Land Reclamation“ (Land-Wiederurbarmachung). Die entropische Struktur, die sich im Asphalt und im Industrieabfall abzeichnet, sei im Großen in der postindustriellen Landschaft vorzufinden. Mit dem entsprechenden Material (Industrieschutt, Erde) und der Gestaltung wollte Smithson in seinen Earthworks den entropischen Prozess künstlerisch darstellen.

„Art as Land Reclamation“ ist vor allem ein ästhetisches Konzept gegen den blinden Raubbau der Natur. Es war für Smithson die Möglichkeit einer Kooperation zwischen Kunst und Ökonomie; er erhoffte eine Zusammenarbeit von Künstlern und Industriellen. Die Idee der Neukonzeption der künstlerischen Rolle in der Gesellschaft, die Konzeption einer Aufgabe führte Smithson Anfang der 70er Jahre zu den im Tagebau zerstörten Landschaften im Westen der USA. Hier wollte er als künstlerischer Berater, angestellt von der Industrie, auf den geologischen Wandel, die Entropie und gleichermaßen den Eingriff des gestaltenden und zerstörenden Menschen aufmerksam machen.

Die erste größere Arbeit in diesem Zusammenhang war Asphalt Rundown. Es folgten Sites und Nonsites und die Werkgruppe der Mirror Displacements, aus denen schließlich seine größeren Werke, die Earthworks, entstanden.

3. Beschreibung einzelner Werke in Hinblick auf den Entropieansatz von Smithson

Smithsons Weltuntergangsvortellungen stellen den Fortschrittsoptimismus grundsätzlich in Frage. Sie gehen von der Irreversibilität der energetischen Prozesse in der Natur und der Erschöpfung der Energiequellen aus und davon, daß die expandierende Zivilisation sich selbst zerstört. Die Bedeutung des Begriffes Entropie bei Smithson wird meiner Meinung nach besonders an den EarthWorks sowie Asphalt Rundown und The Sand Box Monument deutlich.

3.1. The Sand Box Monument, 1967

Ein viereckiger Sandkasten ist gefüllt mit „totem Material“, d.h. mit Schutt, Sand, und Asche. Sand ist für Smithson das entropische Material schlechthin, „das vor der Geschichte existierte und nach der Geschichte existieren wird“ (Smithson, Writings, 1971). The Sand Box Monument stellt für Smithson ein Modell für die Wüste dar. Es erinnert ihn an ein „offenes Grab ... in dem Kinder fröhlich spielen“ (ebda, 1971).

3.2. Asphalt Rundown, 1970

Für Asphalt Rundown, ließ Smithson 1969 einen Lastwagen eine Wagenladung Asphalt den Abhang einer brachliegenden Kiesgrube nahe Roms hinunterkippen. Asphalt und Erde vermengten sich zu einer schleimigen Masse. Smithson wollte damit den durch Naturzerstörung verursachten Prozeß, und damit auch entropische Aspekte des Straßenbaus demonstrieren und die durch Naturzerstörung verursachte Verwandlung von organischer Natur in anorganische demonstrieren.

Der künstliche Lavafluß gleicht der Darstellung einer ökologischen Katastrophe und weist darauf hin, daß der Mensch selbst durch seinen Eingriff in die Erde zu einem geologischen Faktor geworden ist. Dieses Problem war der Ausgangspunkt von Smithsons Earthworks, die auf brachliegenden Industriegebieten entstanden.

3.3. Die Earthworks 1970

Das erste seiner Earthworks, Spiral Jetty errichtete Smithson am Großen Salzsee von Utah in einem der letzten großen Gebiete der Urzeit. An einer Landzunge des Ufers legte er in Form einer linksdrehenden Spirale eine 400 Meter lange Mole aus den dort vorgefundenen Materialien (Basalt, Kalkstein und Schlamm) in das seichte Wasser des Sees. Im Film, der zu Spiral Jetty entand, wird die Technik der Überbelichtung genutzt, um die Wahrnehmung zu irritieren und dadurch auf das Entropische der Landschaft hinzuweisen. Die in der Spirale sich reflektierende Sonne läßt die Erde wie ein brennender Feuerball erscheinen. Smithson wollte hier die Fiktion „vom Fall der Erde in die zentrale Sonne“ darstellen (Smithson, Writings, 1979). Er hatte die Vision, daß die Erde durch den stattfindenden Wärmeausgleich verbrennen und sich in eine gleichförmige Masse verwandeln wird und verweist auf den ökologischen Kollaps in der Natur, den Wärmetod der Welt.

Die Spirale ist ein prähistorisches Symbol und steht für die Entwicklung des Universums. Sie stellte ein kosmisches Symbol dar und war ursprünglich an die Gesetzmäßigkeit der Naturzeit gebunden. Smithson betrachtet die Drehung im Uhrzeigersinn als Metapher für Zukunft, Fortschritt und Entropie. Die linksdrehende Spirale dagegen steht für die Umkehrung des Zeitpfeiles und symbolisiert den Versuch, einen irreversiblen Prozess wieder umzukehren. Sie ist negativ besetzt und wird zur Gegenmetapher einer am Fortschrittsdenken orientierten Geschichtsvorstellung. Sie weist auch auf die enge Verknüpfung von Natur und Geschichte hin. Mit dem Bild der Spirale drückt Smithson hier die kosmologische Fiktion vom Wärmetod aus.

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Details

Titel
Land Art: Der Künstler Smithson, Zwei Werkbetrachtungen
Untertitel
Spiral Jetty und Broken Circle, Spiral Hill - Smithsons Entropiebegriff
Hochschule
Universität der Künste Berlin  (Kunstwissenschaftliches Institut )
Note
1.0
Autor
Jahr
2001
Seiten
21
Katalognummer
V91566
ISBN (eBook)
9783638049771
ISBN (Buch)
9783638949361
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Land, Künstler, Smithson, Zwei, Werkbetrachtungen
Arbeit zitieren
Tatjana Schikorski (Autor), 2001, Land Art: Der Künstler Smithson, Zwei Werkbetrachtungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91566

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