Die Vater-Tochter-Beziehung in Heinrich von Kleists "Die Marquise von O…" und der Wandel des Familienbildes


Hausarbeit, 2019

16 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Familienbild in Die Marquise von O
2.1 Die Familiensituation bei Familie von G
2.2 Die patriarchalische Familienstruktur bei Familie von G

3. Die Vater-Tochter-Beziehung
3.1 Verstoßungsszene
3.2 Versöhnungsszene

4. Fazit

5. Literaturangaben

1. Einleitung

„Allianz und Sexualität in der Familie macht einige Tatsachen verständlich: daß die Familie seit dem 18. Jahrhundert ein obligatorischer Ort von Empfindungen, Gefühlen, Liebe geworden ist: daßdie Sexualität ihre bevorzugte Brutstätte in der Familie hat; und daß sie sich aus diesem Grunde inzestuös entwickelt hat“1.

Wie anhand dieses Zitats verdeutlicht wird, unterlag die Familie während des 18. Jahrhunderts einem Wandel, der sich auf Grund von ökonomischen, politischen und geistesgeschichtlichen Veränderungen auf das traditionelle Bild der Familie ausprägte.2 Fortan war diese ein Ort bürgerlicher Empfindlichkeiten, bei welchem häusliche Intimität und emotionale Bindungen zwischen den Familienmitgliedern üblich waren.3 Heinrich von Kleist hat dieses Motiv aufgenommen und in seiner Novelle „Die Marquise von O...u, welche1808 im 2. Stück des Phöbus erschienen ist4, verschriftlicht:

„Sie nahte sich dem Vater endlich, und sah ihn, da er eben wieder mit Fingern und Lippen in unsäglicher Lust über den Mund seiner Tochter beschäftigt war, sich um den Stuhl herumbeugend, von der Seite an.“5

In dieser Arbeit soll auf Grund der damaligen Aktualität dieser Wandel näher untersucht werden, indem besonders die Beziehung zwischen Vater und Tochter beleuchtet wird. Für einen ersten Überblick wird zunächst auf das Familienbild eingegangen unddie Familiensituation sowiediepatriarchalische Familienstruktur erklärt. Anknüpfend wird der Fokus auf die Verstoßungs- und Versöhnungsszene gelegt, sodass die Vater-Tochter-Beziehung untersucht werden kann. Das abschließende Fazit soll schließlich dazu dienen, die möglichen Schattenseiten des Familienideals hinsichtlich der Vater-Tochter­Beziehung zu enthüllen.

2. Familienbild in Die Marquise von O

Das erste Kapitel soll dazu dienen, einen ersten Überblick über die familiären Verhältnisse in der Familie von G. zu geben. Wie und unter welchen Umständen lebt die Familie? Wer steht mit wem in welcher Beziehung? Warum ist die Familienstruktur gestört? Auf all diese Fragen sollen hier Antworten gefunden werden. Dafür wird zunächst die Familiensituation kurz beschrieben und anknüpfend daran die patriarchalische Familienstruktur aufgezeigt.

2.1 Die Familiensituation bei Familie von G

Die Familie von G. ist eine bürgerliche Familie, welche von Kleist nach den Vorstellungen der Heiligen Familie konzipiert wurde, da diese als frommes Vorbild bürgerlicher Familien gesehen wurde.6

Der Familienvater und Kommandant Herr von G. und seine Frau, die Obristin, haben einen Sohn, den Forstmeister von G. und eine verwitwete Tochter, die Marquise von O., die bereits Mutter von zwei Kindern ist7. Nach dem Tod ihres Mannes kehrt die Witwe zurück in das Kommandantenhaus ihres Vaters, in welchem sie bis zu dem Angriff russischer Truppen zunächst mit ihren Eltern zusammen wohnt. Während die Marquise demnach in der Obhut ihres Elternhauses „in der größten Eingezogenheit“ (S. 3, Z. 25) und unter Fremdbestimmung aufwächst8, kehrt der Sohn lediglich in das Haus zurück, wenn der Vater dessen Hilfe in Anspruch nehmen muss. Aus Loyalität und Respekt zu seinem Vater handelt der Sohn dann stets nach dessen Willen, wodurch die geschwisterliche Solidarität bricht.9 Doch nicht nur die Beziehung zwischen den Geschwistern ist gestört. Nach der Niederlage gegen die Russen, welche eine Vergewaltigung und Schwangerschaft mit sich zieht, ist ein Bruch zwischen der Marquise und ihren Eltern zu erkennen, wobei besonders der Vater die ungewollte Schwangerschaft als einen Vertrauensbruch geltend macht.10 Dadurch wird die Schwangerschaft zugleich zu einem temporal und topografisch signifikanten Skandalon. Die Marquise gehört nämlich nun zwei Familienformen an - der familiy of origin und der familiy of procreation. Somit wird sie zu einer liminal person, die eine Transition von der Ausgangsfamilie zur Zielfamilie durchläuft.11 Durch diese zwei Integrationsmodelle entsteht schließlich der sexuell aufgeladene Machtkonflikt12, der durch die Eifersucht des Vaters gesteuert wird.13

2.2 Die patriarchalische Familienstruktur bei Familie von G

Der Obrist ist, so entspricht es zumindest den Vorstellungen um 1800, das patriarchalische Oberhaupt und als Hausvater der selbstverständliche Repräsentant14 der Familie: Sein Wort duldet keinen Widerspruch.15 So verhalten sich Mutter und Tochter zunächst entsprechend den konventionellen Rollenzuweisungen, indem diese dem Obristen die Entscheidungen überlassen. Erst mit dem vermehrten Aufkommen kritischer Situationen wird deutlich, dass der Kommandant den Aufgaben nicht gewachsen ist. Auf Grund dessen kommt es zu einer Infragestellung seiner väterlichen Autorität, dem sogenannten lädierten Patriarchalismus, der sich während der Novelle zum Strukturmerkmal Kleists herausfiltert.16

Bereits während der Kriegshandlungen wird eine erste Bruchstelle deutlich, da der Vater seine Verantwortung als Vater und Ehemann ablegt, indem er die Vernichtung seiner Familie in Kauf nimmt und somit die Sicherheit dieser aufs Spiel setzt: „Der Obrist erklärte gegen seine Familie, dass er sich nunmehr verhalten würde, als ob sie nicht vorhanden wäre; und antwortete mit Kugeln und Granaten“ (S. 4, Z. 2-5). Die Beschützerrolle verkehrt sich demnach bereits hier ins Gegenteilige,17 da ihm seine gesellschaftlich-politischen Pflichten wichtiger sind als jene als Familienvater.18 Als die Kämpfe vorbei sind, kommen jedoch die Sorgen und Erinnerungen an die Familie zurück: „[...] und bat sich die Erlaubnis aus, sich ins Schloss zu begeben, und nach seiner Familie umsehen zu dürfen“ (S. 5, Z. 21-22), und auch als der Vater von dem Anschlag auf seine Tochter durch die Soldaten erfährt, reagiert dieser mit höchster Bestürzung (vgl. S. 7, Z. 1-2). Letztendlich verbannt er die Marquise auf Grund der unehelichen Schwangerschaft dennoch aus seinem Haus, wobei es zu Gunsten der Triebe zu einem Rücktreten von Rationalität und zur Handlungsunfähigkeit auf Seiten des Kommandanten kommt. Die Marquise wird hingegen aktiv, stellt sich gegen ihren Vater und macht die Schande öffentlich, indem sie eine Zeitungsannonce veröffentlicht.19 Durch diese aktive Handlung löst sich die Marquise von den Normen sozialer und familiärer Ordnung20, was folglich ihre neugewonnene Unabhängigkeit und den Schritt zur Selbstbestimmung betont. Die Emanzipation der Marquise erreicht hier also den Höhepunkt.21 Auch wenn die Marquise am Ende der Novelle durch die Heirat mit dem Grafen und der Versöhnung ihres Vaters schließlich wieder in die „Geborgenheit und Enge der elterlichen Kleinfamilie“22 zurückkehrt, wendet diese sich zunächst von dem üblichen Familienleben in patriarchalischer Ordnung ab. Dabei sei jedoch zu beachten, dass die Familie als Institution stets vorhanden bleibt und keiner Zerstörung unterliegt.23

Auch die Obristin löst sich von den vorherrschenden Normen. Schließlich sorgt diese für die Versöhnung zwischen Vater und Tochter, da sie auf ihre innere Stimme hört und sich ihres eigenen Verstandes bedient. Ihre Liebe zur Tochter, der Familiensinn, das Gefühl für Recht und Unrecht und die abgegoltene Schuld lassen die Kommandantenfamilie durch ihr Wirken schließlich im Verlauf der Handlung wieder zusammenkommen.24 Schlussendlich steht neben dieser Familie noch eine zweite - die neu gegründete der Marquise.25

3. Die Vater-Tochter-Beziehung

Das erste Kapitel konnte bereits darauf aufmerksam machen, dass eine gestörte Familienbeziehung in der Familie von G... vorherrscht. Da der Obrist und seine Tochter mitunter die Leittragenden von dieser sind, wird sich das nachfolgende Kapitel mit der Vater-Tochter-Beziehung beschäftigen, wobei die Verstoßungs- und Versöhnungsszene besonders berücksichtigt werden.

3.1 Verstoßungsszene

Die Verstoßungsszene, die den Wendepunkt der Erzählung darstellt, wird durch die Schwangerschaft der Marquise ausgelöst und stellt einen Bruch in der Familie dar. Dabei reagiert der Vater am heftigsten auf den Fehltritt seiner Tochter26, welchen er zugleich als „Schande, die die Marquise über die Familie gebracht hat“27 beschreibt. Nach seinen Normvorstellungen lassen sich Sexualität und Tochtersein nicht miteinander vereinbaren, da eine gute Tochter nur innerhalb der Familie erotisiert sein darf.28 Da der Kommandant die Schwangerschaft somit nicht mit der sexuellen Keuschheit vereinbaren kann, nimmt seine Einstellung gegenüber seiner Tochter eine negative Wendung ein.29 Der Vorwurf der sexuellen Überschreitung, der zum Vertrauensbruch führt, stehen fortan zwischen Vater und Tochter.30 Ausgehend von der Schimpf und Schande werden hier die Labilität und die Gefährdung in der einst so innigen Beziehung zwischen dem Obristen und seiner Marquise deutlich.31

[...]


1 Nitschke, Claudia: Der öffentliche Vater: Konzeptionen paternaler Souveränität in der deutschen Literatur (1755-1921). Berlin 2012, S. 65.

2 Vgl. Schmidt, Jochen: Heinrich von Kleist. Die Dramen und Erzählungen in ihrer Epoche. 3. Auflage. Darmstadt 2011, S. 19.

3 Vgl. Nitschke, S. 37-38.

4 Vgl. Schmidt, Jochen 2011, S. 197.

5 Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke und Briefe. Herausgegeben von Helmut Sembdner. Fünfte, vermehrte und revidierte Auflage. München: Hanser, 1970. [Darin: Die Marquise von O... Das Erdbeben von Chili.] Reclam. S. 42, Z. 12-15. (Im Folgenden werden Zitate direkt im Anschluss angegeben)

6 Vgl. Kraß, Andreas: „Gott, mein Vater!“. Neues von der Marquise von O. Frankfurt 2011, S. 62.

7 Vgl. Neumann, Gerhard: SKANDALON. Geschlechterrolle und soziale Identität in Kleists Marquise von O und in Cervantes1 Novelle La fuerza de la sangre. In: Gerhard Neumann (Hrsg.): Heinrich von Kleist. Kriegsfall-Rechtsfall-Sündenfall. Freiburg im Breisgau 1994 (Bd. 20), S. 149.

8 Vgl. Schmidt, Jochen, S. 202.

9 Vgl. Anker-Mader, Eva-Maria: Kleists Familienmodelle: im Spannungsfeld zwischen Krise und Persistenz. München 1992, S. 96.

10 Vgl. Nitschke, S. 202.

11 Vgl. ebd., S. 199-206.

12 Vgl. ebd., S. 65.

13 Vgl. Anker-Mader, S. 95.

14 Vgl. Schwind, Klaus: Heinrich von Kleist Die Marquise von O... Grundlagen und Gedanken zum Verständnis erzählender Literatur. Frankfurt am Main 1991, S. 95.

15 Vgl. ebd.

16 Vgl. Breuer, Ingo: Kleist Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Stuttgart et al. 2009, S. 313.

17 Anker-Mader, S. 95.

18 Schwind, S. 99.

19 Vgl. Schmidt, Ricarda: Performanz und Essentialismus von Geschlecht bei Kleist: Eine doppelte Dialektik zwischen Subordination und Handlungsfähigkeit. In: German Life and Letters (2011), S. 377-378.

20 Vgl. Breuer, S. 112.

21 Vgl. Schmidt, Jochen, S. 201.

22 Breuer, S. 312.

23 Vgl. ebd., S. 111.

24 Vgl. ebd.

25 Vgl. ebd.

26 Vgl. Anker-Mader, S. 96.

27 Weiss, Hermann F.: Precarious Idylls. The Relationship Between Father and Daughter in Heinrich von Kleist's Die Marquise von O. In: MLN. 91 (1976), S. 539.

28 Vgl. Krüger-Fürhoff, Irmela Marei: Epistemological Asymmetries ad Erotic Stagings: Father-Daughter Incest in Heinrich von Kleist's The Marquise of O. In: Women in German Yearbook 12 (1996), S. 76.

29 Vgl. Allan, Seân: „Jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich“ - Erziehung Gewalt und Familienstrukturen bei Heinrich von Kleist. Klincksieck 2012 (Etudes Germaniques), S. 124.

30 Vgl. Nitschke, S. 202.

31 Breuer, S. 111.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Vater-Tochter-Beziehung in Heinrich von Kleists "Die Marquise von O…" und der Wandel des Familienbildes
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,3
Jahr
2019
Seiten
16
Katalognummer
V915682
ISBN (eBook)
9783346234285
ISBN (Buch)
9783346234292
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marquise von O, Heinrich von Kleist, Vater, Tochter, Beziehung
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Die Vater-Tochter-Beziehung in Heinrich von Kleists "Die Marquise von O…" und der Wandel des Familienbildes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/915682

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