Wie der Student der Sozialwissenschaften im fortgeschrittenen Stadium seines Studiums feststellen wird, gibt es kaum einen Bereich des sozialen Lebens eines Menschen, der nicht wenigstens in einer der zahlreichen „Bindestrichsoziologien“ thematisiert wurde. In der Regel bilden diese Themengebiete sogar Schnittmengen mit verschiedenen Forschungszweigen der Soziologie, und nicht selten auch Schnittmengen mit ganz und gar anderen Wissenschaften. Eine wesentliche Rolle spielt dabei einerseits die Relevanz des Themas für die Öffentlichkeit. Je stärker das zu untersuchende Phänomen oder das wissenschaftliche Problem das alltägliche Leben zu tangieren vermag, desto höher auch die Wahrscheinlichkeit, dass es den öffentlichen Diskurs bestimmt und die Wissenschaft sich dazu veranlasst sieht, noch stärker nach einer Lösung zu suchen . Der andere Faktor, der für eine erhöhte Aufmerksamkeit sorgen könnte, ist die sich in manchen Fällen ergebende Interdisziplinarität. Wird das Themengebiet nämlich zur gleichen Zeit von Vertretern verschiedener Disziplinen erforscht, so ergibt sich nicht nur ein breiterer Erkenntnisgewinn, sondern auf Grund der verstärkten Publikation auch automatisch der Eindruck, dass es sich hierbei um einen bedeutungsvolleren Untersuchungsgegenstand handelt. Sicherlich täuscht dies oftmals über die Tatsache hinweg, dass es in manchen Fällen schlichtweg unmöglich ist, einen bestimmten Sachverhalt allein aus der Perspektive einer einzelnen wissenschaftlichen Disziplin zu untersuchen, ohne dabei automatisch den Rückschluss ziehen zu können, dass es sich dabei auch um ein in der Öffentlichkeit breit diskutiertes Thema handelt.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. BEGRIFFSFINDUNG
2.1. Hausarbeit
2.2. Erziehungsarbeit
2.3. Fürsorgearbeit
2.4. Reproduktionsarbeit
3. HAUSHALTSARBEIT ALS EINE FORM VON ARBEIT
4. HAUSHALTSARBEIT UND ERWERBSARBEIT
5. DAS MISSVERSTÄNDNIS UND DER NIEDERE SOZIALE WERT DER HAUSHALTSARBEIT
6. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen Haushaltsarbeit und Erwerbstätigkeit, um die strukturellen Gründe für die mangelnde gesellschaftliche und wissenschaftliche Anerkennung dieser Arbeit zu ergründen. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob und wie die Nicht-Erwerbstätigkeit von Haushaltsarbeit leistenden Individuen mit einer fehlenden gesellschaftlichen Wertschätzung korreliert und welche Ansätze für eine Professionalisierung und Aufwertung bestehen.
- Begriffsbestimmung von Haushalts-, Erziehungs-, Fürsorge- und Reproduktionsarbeit
- Analyse der Haushaltsarbeit als arbeitssoziologische Kategorie
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen privater Reproduktion und Erwerbsarbeit
- Diskussion sozio-ökonomischer Ursachen für die Geringschätzung von Hausarbeit
- Evaluation von Handlungsstrategien zur Aufwertung und Umstrukturierung unbezahlter Arbeit
Auszug aus dem Buch
3. Haushaltsarbeit als eine Form von Arbeit
Bisher konnten wir klären, inwiefern der allgemeine Sprachgebrauch und auch das wissenschaftliche Vokabular auf die Realität der im Haushalt ausgeübten Arbeit reagiert. Begriffsklärungen sind dabei oftmals sehr sinnvoll, da sie helfen können, bestimmte Themenbereiche voneinander abzugrenzen oder die Herkunft oder Bedeutung bestimmter Begriffe verständlicher zu machen. Wird der Sachverhalt jedoch komplexer, beispielsweise durch die Hinzunahme von theoretischen Konstrukten oder die Klärung von komplizierteren Zusammenhängen, reicht die einfache Definition natürlich nicht aus. Wie wir nun sehen können, scheint dies bei Haushaltsarbeit der Fall zu sein. Es scheint mehr zu sein als nur Kochen, Putzen und Waschen.
Die Ausgangsüberlegung nun setzt voraus, dass es sich bei Haushaltsarbeit um eine Form von Arbeit handelt. Wäre dies gemeinhin akzeptiert und als solches wie ein Axiom zu behandeln, so müsste man darauf nicht weiter eingehen und könnte mit der Klärung der Fragestellung fortfahren. In der Tat ist es allerdings so, dass Haushaltsarbeit gerade nicht in jeder Situation und vor allem nicht in der öffentlichen Meinung, überall als Arbeit anerkannt ist. Deshalb ist es nicht nur für das bessere Verständnis der Haushaltsarbeit wichtig, sie zunächst als eine Form von Arbeit zu definieren. So ist auch im Bezug auf die Klärung der Ausgangsfrage, die ja im weiteren Verlauf auch den Zusammenhang zwischen Nicht-Erwerbstätigkeit und Arbeit beinhaltet, besonders wichtig, Haushaltsarbeit als eine Form von Arbeit darstellen zu können.
Susan Himmelweit führt dafür drei wesentliche Punkte auf, welche Haushaltsarbeit unverkennbar zu einer Form von Arbeit machen, wie scheinbar jede andere auch. Ich werde diese groben Einteilung aufnehmen und versuche sie, durch eigene Ergänzungen noch besser zu veranschaulichen. So wird Haushaltsarbeit zum Einen nicht um ihrer selbst Willen gemacht, sondern ist zielgerichtet. Wie Erwerbsarbeit, die erledigt wird, um entlohnt zu werden, damit die Lebenserhaltungskosten beglichen werden können, so muss auch Haushaltsarbeit gemacht werden, weil das private Leben ohne sie nicht funktioniert und nicht, weil sie besonders angenehme Arbeit ist. Das unterscheidet die Haushaltsarbeit, wie auch die Erwerbsarbeit, von der Nicht-Arbeit und anderen Tätigkeiten ohne klar erkennbaren Nutzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung führt in das arbeitssoziologische Themenfeld der Haushaltsarbeit ein und stellt die Relevanz der Untersuchung sowie die zentrale Forschungsfrage dar.
2. BEGRIFFSFINDUNG: Dieses Kapitel widmet sich der Differenzierung verschiedener Arbeitsbegriffe wie Haus-, Erziehungs-, Fürsorge- und Reproduktionsarbeit, um eine einheitliche theoretische Basis zu schaffen.
3. HAUSHALTSARBEIT ALS EINE FORM VON ARBEIT: Hier wird begründet, warum Haushaltsarbeit trotz fehlender Entlohnung als zielgerichtete Arbeit im soziologischen Sinne zu klassifizieren ist.
4. HAUSHALTSARBEIT UND ERWERBSARBEIT: Dieses Kapitel analysiert den Zusammenhang zwischen Nichterwerbstätigkeit und der Ausübung von Haushaltsarbeit, insbesondere unter Berücksichtigung geschlechterspezifischer Rollenmuster.
5. DAS MISSVERSTÄNDNIS UND DER NIEDERE SOZIALE WERT DER HAUSHALTSARBEIT: Das Kapitel untersucht die Ursachen für die Geringschätzung und die soziale Isolation, die mit der Haushaltsarbeit verbunden sein können.
6. FAZIT: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und diskutiert Lösungsansätze wie Dienstleistungspools oder egalitäre Rollenmodelle zur Aufwertung von Hausarbeit.
Schlüsselwörter
Haushaltsarbeit, Erwerbsarbeit, Reproduktionsarbeit, Fürsorgearbeit, Sozialpolitik, Arbeitssoziologie, Geschlechterforschung, Humankapital, Dienstleistungsarbeit, Unbezahlte Arbeit, Privathaushalt, Erwerbslosigkeit, Professionalisierung, Sozialstaat, Care.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen und sozialpolitischen Einordnung von Haushaltsarbeit und deren oft mangelnder Anerkennung als vollwertige Arbeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Abgrenzung verschiedener Arbeitsbegriffe im Haushalt, die Verbindung zwischen Haushalts- und Erwerbsarbeit sowie die Analyse gesellschaftlicher Wertungsprozesse.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu ergründen, warum Haushaltsarbeit in den Wissenschaften und der Öffentlichkeit so uneinheitlich und negativ bewertet wird, und einen Zusammenhang zur Nicht-Erwerbstätigkeit herzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Aufarbeitung und Analyse soziologischer Begriffe und Studien, um den Diskurs über Arbeit im Privathaushalt zu systematisieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Begriffsdefinitionen, die Begründung der Haushaltsarbeit als Arbeit, die Interdependenz mit Erwerbsarbeit und Ursachen für die soziale Abwertung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Haushaltsarbeit, Reproduktionsarbeit, Care, Sozialstaat, Geschlechterrollen und die Dichotomie von Erwerb und Nicht-Erwerb geprägt.
Welche Rolle spielt die Privatisierung für die Fürsorgearbeit?
Die Privatisierung ehemals öffentlicher Träger führt laut Autor zu einer Mehrbelastung der Familien, was die Notwendigkeit unterstreicht, Fürsorgearbeit durch staatliche Unterstützung oder neue Organisationsformen zu entlasten.
Was sind sogenannte Dienstleistungspools?
Dienstleistungspools sind Organisationsmodelle, die Haushaltsarbeit in ein sozialversicherungspflichtiges Umfeld überführen sollen, um die Qualität zu sichern und die Grauzone zu verlassen.
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- BA Christian Wenske (Author), 2007, Haushalts-, Haus- und Reproduktionsarbeit: Über den Zusammenhang von Nicht-Erwerbstätigkeit und Arbeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91590