Wundervölker, Monstrosität und Hässlichkeit im Mittelalter


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
48 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Mittelalterliche Vorstellungswelten

III. Hässlichkeit
III. 1. Die Technik der Hässlichkeitsbeschreibungen
III. 2. Menschliche HässlichkeitS
III. 2. 1. Funktionalisierung der Exotenhässlichkeit
III. 2. 2. Zwerg und Schrat
III. 2. 2. 1. Die Zwerge in der mittelhochdeutschen Literatur
III. 2. 3. Die RiesenS
III. 2. 3. 1. Die Funktion der Riesen
III. 3. Tierisch-menschliche Hässlichkeitsbeschreibungen
III. 3. 1. Die Tierattribute
III. 4. Attributekatalog der HässlichkeitsbeschreibungenS

IV. Theoretische Überlegungen zur Funktion des Hässlichen
IV. 1. Einleitung
IV. 2. Hässlichkeit als Gegenpol des Schönen
IV. 3. Hässlichkeit als stilistisches Moment zur Schönheitssteigerung durch KontrastwirkungS
IV. 4. Hässlichkeit im theologisch-religiösen Kontext
IV. 4. 1. Hässlichkeit als Merkmal der Teufelsverwandtschaft
IV. 4. 2. Hässlichkeit als äußeres Symbol innerlicher Unvollkommenheit und der Sünde

V. Ungeheuer, Monster und Wundervölker
V. 1. Ungeheuer
V. 2. Monster
V. 3. Der Ursprung der Ungeheuer, Monster und Wundervölker
V. 4. Mittelalterliche Normvorstellungen als Konstitutionsbedingung der Ungeheuer, Monster und Wundervölker
V. 5. Die Monster und Ungeheuer innerhalb des göttlichen HeilsplansS
V. 6. Die Monster und Ungeheuer als ritterliche Bewährungsprobe des arthurischen Helden und Konstitutionsbedingung der ritterlich-höfischen Gesellschaft

VI. Literaturbeispiele

VII. Schlussbemerkungen

VIII. Bibliographie

IX. Anhang

I. EINLEITUNG

Meine Hausarbeit im Rahmen des mediävistischen Hauptseminars „Unhöfische Menschen: Randständige, Außenseiter und Exoten in der mittelhochdeutschen Literatur“ beschäftigt sich mit der Thematik der Wundervölker, der Monstrosität und Hässlichkeit im Mittelalter. Das spezifische Moment der mittelalterlichen ‚ monstra ’ und ‚ homines monstruosi ’ sowie das ihnen eigene Ausgrenzungscharakteristikum gegenüber anderen unhöfischen Menschen, wie sie etwa Behinderte, Bettler, Ausgestossene und Ausgegrenzte repräsentieren, besteht in ihrer Zugehörigkeit zu den beiden, sowohl der höfischen, als auch der ausserhöfischen und damit wilden und naturhaften Sphäre, zugleich. Laut Giloy- Hirtz sind die Ungeheuer „(…) wesentlicher Bestandteil der poetischen Welt, wie sie der Artusroman konstituiert. Dabei ist ihre Bedeutung nicht festgelegt auf die Verkörperung des Bösen, des Hässlichen, des Unheimlichen oder Unerhörten. Sie leben nicht nur ausgegrenzt und verbannt in den Regionen des Phantastischen jenseits des Artushofes, sie gehören vielmehr der Sphäre der Zivilisation wie der Wildnis an. Sie sind nicht allein Inventar des Waldes, fremd und bedrohlich, wie selbstverständlich sind sie ebenso im vertrauten höfischen Ambiente gegenwärtig. Oftmals gehören sie der arthurischen Lebenswelt an, und ohne dass ihnen eine besondere Funktion für den Handlungsverlauf zukäme, schafft ihre Präsenz das typisch Atmosphärische der Gattung.“[1] Zum Inventar dieses typisch Atmosphärischen zählt beispielsweise auch der zwergenhafte Hofnarr, dessen äussere Physiognomie die mittelalterliche Hofgesellschaft, welche sich gerne mit einem gewissen Flair des Exotischen umgab, zum Staunen animieren sollte und dessen Aufgabe am Hofe einzig und allein darin bestand, Letztere zu unterhalten. Oftmals brachten die Ritter von ihren ‚ âventiuren ’ in der exotischen Ferne Vertreter dieser Wundervölker als Gastgeschenke oder Siegestrophäen mit an den Hof: “Daß menschliche Kuriositäten um 1200 zu Sammelobjekten werden konnten, bezeugt Wolfram, dessen exotische Monster Cundrîe und Malcrêatiure besonders kostbare Geschenke der Königin Sekundille an Amfortas sind, und vor Wolfram noch der Herzog Ernst: dort werden von allen exotischen Völkern je zwei ‚Belegexemplare’ gesammelt.“[2] Es sei an dieser Stelle bemerkt, dass Herzog Ernst in der Fremde nicht nur auf bedrohlich-feindselige Kreaturen traf, sondern durchaus auch Freundschaften mit einigen Vertretern der ‚homines monstruosi’ schloss; so wird beispielsweise der furchterregende Riese zum treuen Weggenossen Ernsts, welcher freimütig bekennt, daz er im von herzen liep was (V. 5305) und auch in der Trauer über den Tod seines Plathuofs, welches die Überfahrt in die Heimat nicht überlebt, zeigt sich eine emotionale Bindung.

Wie ich in meiner Arbeit herauszuarbeiten versuchen werde, waren die Riesen, Zwerge, Drachen, Monster, Ungeheuer und Wundervölker des Mittelalters keineswegs nur mythisch-märchenhafte Wesen, sondern gehörten als ein Stück geglaubter Fiktion zum konstitutiven Fundament der mittelalterlichen Vorstellungswelt, innerhalb welcher sie als ein Teil des göttlichen Schöpfungsplans wahrgenommen wurden. In ihrer poetologischen Umsetzung werden die Wundervölker, Monster und Ungeheuer oftmals als negative Projektionsfolie des christlich-katholischen, höfisch-arthurischen Gesellschaftsentwurfs ans ferne Ende der Welt verbannt, so auch auf mittelalterlichen Kartenwerken (bspw. auf der Ebstorfer Weltkarte) dargestellt. In Bezug auf die Frage nach der dichterischen Funktionalität mittelalterlicher Wundervölker, Monster und Ungeheuer, gilt es festzuhalten, dass sie durch das spezifisch absonderliche und abnormale ihrer Erscheinungsform als Gegenposition zur Norm - welche in ihrer Idealform durch den Arthushof repräsentiert wird - konzipiert worden sind. Im theologischen Kontext repräsentieren sie die bedrohlich-finstere, böse Seite der Schöpfung, deren Attacken sich die mittelalterliche Gesellschaft permanent ausgesetzt sieht. Wie ich später aufzuzeigen versuchen werde, steht der ritterliche Held repräsentativ für diesen Kampf zwischen Gut und Böse und es obliegt ihm, sich stellvertretend für die arthurische Lebensgemeinschaft dem Kampf mit den Monstern und Ungeheuern zu stellen. Um so verwunderlicher ist es daher, dass einige Vertreter der ‚ homines monstruosi ’, besonders hervorzuheben sei hier der Zwerg, durchaus auch mit dem höfischen Verhaltenskodex vertraut sind, ja oftmals selbst Adlige oder gar Könige sind und über Länder, welche auf mit dem Modell des Arthushofes korrespondierenden Gesellschaftsentwürfen basieren, regieren.

II. MITTELALTERLICHE VORSTELLUNGSWELTEN

Als zeitgenössische Rezipienten mittelalterlicher Dichtkunst erscheint es mir sinnvoll, sich in der Auseinandersetzung mit märchenhaften Wundervölkern sowie hässlichen Monstern und Ungeheuern, auch mit der mittelalterlichen Vorstellungswelt - welche sich natürlich durch die beträchtliche zeitliche Spanne fundamental von unserer heutigen modernen und aufgeklärten, aber eben gerade in bezug auf das Mittelalter auch verklärten Vorstellungswelt unterscheidet - zu befassen. Dem aufgeklärten und modernen Leser mögen die damals vorherrschenden, auch durch die engmaschigen Verflechtungen zwischen Religion, mythischen Vorstellungen und alltäglicher Erlebniswelt - vor dem Hintergrund und Deutungskontext einer christlich-theologischen Kosmosvorstellung begründeten - Vorstellungen in bezug auf Wundervölker, Monster und Ungeheuer zum Teil abstrus erscheinen. Hierbei gilt es allerdings zu bedenken, dass eine Trennung zwischen realer Alltags- und imaginärer Phantasiewelt wie wir sie heute kennen, für den Menschen des Mittelalters nicht existierte. Im Gegenteil war es vielmehr so, dass beide Welten in Einer zusammenflossen und somit auch die Monster und Ungeheuer als ein Teil der realen Welt wahrgenommen wurden und in der mittelalterlichen Vorstellungswelt eng verankert waren.

So schreibt Giloy- Hirtz: “Die Erscheinungsformen des Monströsen gehören der Dimension des Imaginären an. Kunst und Literatur haben sie erst erschaffen. Aber sie sind auch Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtungen und in Enzyklopädien und naturkundlichen Werken präsent. Sie sind geglaubte Fiktion, die nicht an der Faktizität gemessen werden muss, um glaubwürdig zu sein. Als imaginäre Gestalten sind die Ungeheuer den Menschen historische Wirklichkeit. (…) Phantastisches und Wunderbares existieren in politischen Chroniken wie in legendarischen Erzählungen, in Spielmannsepik, Heldenepos und höfischem Roman. Fließend sind die Grenzen zwischen historischem Faktum und deutender Fiktion.“[3] „Jenes Vorstellungsarsenal hat somit die Autorität einer ehrwürdigen literarischen und wissenschaftlichen Tradition und bedarf, um glaubwürdig zu sein, nicht der Verifikation durch die außerliterarische Realität.“[4] Giloy-Hirtz konstatiert, dass: „Ihnen [den Monstern und Ungeheuern] gemeinsam ist gleichwohl die Bindung an die historischen Möglichkeiten des Denkens und Imaginierens. Sie gehören der Vorstellungswelt einer Epoche an und übernehmen bestimmte orientierende, sinnstiftende, handlungsleitende Funktionen.“[5]

Dabei erscheint es nicht sonderlich verwunderlich, dass der mittelalterliche Mensch - eingebettet in eine für ihn in weiten Teilen noch wissenschaftlich-rational unerklärbare Welt - nach einem gewissen Grad an Sinnstiftung, in sich geschlossener Sinnzusammenhänge und Ordnung suchte. Dem mittelalterlichen Hang zur Allegorisierung entsprechend lassen sich sodenn auch die Monster und Ungeheuer erklären, und zwar als Versuch einer Einordnung und Kategorisierung der Hässlichkeit. Ist Letztere logisch begründbar, rational nachvollziehbar und heilsgeschichtlich stimmig in einer hierarchisch strukturierten Weltordnung eingeordnet, so fällt auch die Bewältigung der Angst vor ihr leichter. Dabei wird in den Glaubens- und Vorstellungswelten des Mittelalters das Prinzip des ontologischen Optimismus erkennbar, demzufolge alles Seiende gut und schön ist. Das Böse und Hässliche erfüllt somit also eine Funktion, indem es lediglich als eine Möglichkeit oder Kategorie des mittelalterlichen Weltbildes unter vielen erscheint. Hässlichkeit ist somit ‚repräsentativ’ in bezug auf ein geordnetes Weltmodell (vor einem bestimmten [christlich-abendländischen] Denk- und Sinnhorizont) und erscheint als ‚tertium comparatoris’. Einer solchen Betrachtungsweise wohnt ein gewisses sinnstiftendes Kontinuum inne, da sie eine Orientierung am Bestehenden ermöglicht; Distanzierung und Abgrenzung stehen im Dienste der Wahrnehmung der Subjekt-Identität.

Halten wir also vorerst einmal fest, dass die Wundervölker, Monster und Ungeheuer einen festen Bestandteil der mittelalterlichen Vorstellungswelt darstellen und durchaus auch mit den vorherrschenden religiösen Glaubensvorstellungen in Einklang zu bringen sind, indem sie als ein Teilbereich des göttlichen Schöpfungsplans verstanden werden (worauf später noch expliziter eingegangen werden soll). Sie leben meist von der höfischen Gesellschaft ausgegrenzt und marginalisiert und werden so in den Vorstellungswelten ans ferne Ende der Welt verbannt.

III. HÄSSLICHKEIT

Im Folgenden möchte ich zunächst einmal auf das den Wundervölkern, Monstern und Ungeheuern gemeinsame Charakteristikum der Hässlichkeit eingehen. Eine erste Annäherung an den komplexen Themenbereich der Hässlichkeit liefert Müller, wenn er schreibt: „Häßlich sind (...) grundsätzlich in griechischer Poesie Spottwesen, Barbaren, schließlich Zwischenwesen zwischen Mensch und Tier, als da sind Kentauren, Kyklopen, Satyrn, Salene.“[6] Nun lässt diese Aussage allerdings keine Schlüsse darüber zu, was Hässlichkeit ‚an sich’, das Wesen der Hässlichkeit also, eigentlich ausmacht. Dabei gilt es zu bedenken, dass der heutige Ästhetik- Begriff, verbunden vor allem auch mit der Kunst des Schönen und der daraus resultierenden Ästhetik des Hässlichen („Schön ist, was gefällt“), im Mittelalter so nicht bekannt war. Philologisch belegt ist diese Tatsache auch dadurch, dass es „im Mittelhochdeutschen (im Gegensatz zum nhd. Wort hässlich) kein Wort gibt, das den Gegenbegriff von schoen allgemein neutral ausdrückt, sondern dass die Bezeichnung entweder durch die Negation des Gegenteils (undâre, ungevüege) oder durch das das Missfallen begleitende Gefühl der Angst oder des Ekels und Abscheus (vreislîch, egeslîch) geschieht.(…) Vom 9. Jh. an bis weit ins 14. Jh. hinein bedeutet hazlich sowohl adjektivisch wie auch adverbial ‚aktiv feindselig’. Es ist die Rede von ‚ hazlicher strit’ und ‚ hazlichen vehten’. Hazlich wird aber auch zur Konkretisierung menschlicher Eigenschaften und Gesinnungen herangezogen, so beispielsweise wenn die Rede von hazlicher muot / zorn / sin, hazlich erbolgen / vint sin ist; wobei diese Bedeutung im Laufe der Zeit zunehmend aus der Literatur verschwindet. Ein weiterer Bedeutungskontext des mhdt. hazlich ist dem Feld des ‚passiv verhassten’ und ‚hassenswerten’ zuzuordnen, obwohl seit Ende des 12. Jh. nicht oberdeutsch belegt. Oftmals ist hazlich in einen moralischen Deutungskontext eingebunden.“[7] /[8]

III. 1. Die Technik der Hässlichkeitsbeschreibungen

Die deskriptiven Formen mittelalterlicher Hässlichkeitsbeschreibungen gehen auf das „(…) antike Muster des Eikonismos zurück, einer ausführlichen Aneinanderreihung der Merkmale von Kopf bis Fuß bei relativ fester Folge der zu beschreibenden Teile.“[9] Diese auch in der mittelhochdeutschen Epik verwendete Beschreibungsform wird dabei sowohl bei Schönheits-, als auch bei Hässlichkeitsbeschreibungen benutzt, so dass sich bei einer Gegenüberstellung zweier archetypischer Beschreibungen von ‚schön’ und ‚hässlich’ anhand des gleichen Beschreibungsmuster zwei sich diametral entgegengesetzte Wirkungen beim Leser erzeugt werden, welche für sich zusammengenommen ein negatives Spiegelbild das Eine des Anderen ergeben, „(…) die Hässlichkeitsbeschreibung erweist sich also auch durch die Form als eine ‚negative Schönheitsbeschreibung’.“[10]

Der eigentlichen Hässlichkeitsbeschreibung sind oftmals allgemein-zusammenfassende Bemerkungen vorangestellt, welche als negatives Äusseres deutlich zum Schönheitsideal kontrastieren. Diesem ‚Prolog’ der Hässlichkeitsbeschreibung folgt die genaue Beschreibung von „Kopf bis Fuss“, welche meist mit der Bestimmung der ‚ varwe ’, der Hautfarbe also, beginnt. Sodann folgt eine detaillierte Beschreibung des Kopfes mitsamt all seiner charakteristischen Merkmale wie Haar, Bart, Nase, Mund, Ohren und Augen, sodann des Rumpfes samt seiner Gliedmassen, wobei auch auf Grösse und eventuelle Deformationen, wie etwa einen Buckel, eingegangen wird. Abschliessend wird in manchen Fällen noch auf die Kleidung, welche meist als ärmlich und zerschlissen, beziehungsweise als aus Fellen bestehend oder fehlend beschrieben wird.

III. 2. Menschliche Hässlichkeit

Um die mittelalterlichen Beschreibungen menschlicher Hässlichkeit detaillierter zu untersuchen, macht es Sinn, diese in zwei verschiedene Grundformen zu unterteilen. Hierbei handelt es sich zum Einen um real-menschliche Hässlichkeitsbeschreibungen, zum Anderen um Hässlichkeitsbeschreibungen, welche sich tierisch-menschlicher Hässlichkeitscharacteristika bedienen.

Real- menschliche Merkmale:

Die real- menschlichen Hässlichkeitsmerkmale lassen sich dabei wieder in drei Unterformen aufgliedern. Es sind dies:

a) Beschreibungen genuiner Hässlichkeit (= Bereich menschlicher Deformation)

b) Beschreibungen ,entstellter Schönheit’, beruhend auf der „Einst- Jetzt- Antithese“

(= Bereich der Alterstypologie)

c) Beschreibungen der Exotenhässlichkeit (= Bereich ethnographischer Charakteristika)

ad a) Dem ersten Teilbereich gehören die zahlreichen Beschreibungen runzliger Haut, des langen, zerzausten Haupthaares und Bartwuchses sowie tiefliegender (roter) Augen an.

ad b) Die alterstypologisch einzuordnenden Merkmale betreffen oftmals den Bereich ‚entstellter Schönheit’, d. h. verwelkter Schönheit, sei dies nun durch den natürlichen Alterungsprozess, oder aber unter ‚schicksalhaften Umständen’ hervorgerufen worden. Beschreibungen ,entstellter Schönheit’ enthalten oftmals „nicht a-priori- Merkmale menschlicher Hässlichkeit -, als die beispielsweise Verwachsenheit, eine breite, platte Nase, grosse Ohren und dergleichen gelten können – sondern es handelt sich hierbei um zur körperlichen Deformation hinzukommende, durch Zeit und Umstände bedingte Akzidentien, durch welche die Hässlichkeit bedingt (oder erweitert) worden ist. Sekundärmerkmale sind sie bei Beschreibungen genuiner Hässlichkeit, Primärattribute bei Beschreibungen ‚entstellter Schönheit’.“[11]

Laut Seitz finden sich Beschreibungen ‚entstellter Schönheit’ im engeren Sinne „bei Personen, denen nach Herkommen, ‚ art ’ und Lebensbereich körperliche Schönheit eigentlich zugehört, wenn diese durch äußeres Einwirken – Krankheit, Gefangenschaft, Einsiedlerleben – verloren geht.“[12]

Eine Abwandlung des klassischen Typus ‚entstellter Schönheit’, sprich der körperlich entstellten physischen Schönheit, stellt der ‚Iwein- Typus’ dar. Mit ‚entstellter Schönheit’ ist hier vor der äusseren vielmehr noch die innere, seelische Entstellung gemeint. In Konrad von Stoffels Gauriel von Muntabel tritt eine Variation des Iwein-Typs ‚entstellter Schönheit’ auf. Durch eigenes Verschulden verliert Gauriel die Gunst seiner ‚ vrouwe ’, worüber er in Wahnsinn verfällt. Dieses ‚vertorte’ Leben wiederum ist der Auslöser des Verlustes seiner körperlichen Schönheit, welche er später durch ein Zaubermittel wiedererlangen wird, genau so wie die Gunst seiner ‚ vrouwe ’. „Das zum Iwein-Typ gehörige ‚Vertoren’ ist im Gauriel ausdrücklich ausgespart (…) – an seine Stelle tritt der , siechtuom ’ bewirkende Fluch, ein magisch-märchenhaftes Motiv. Körperliche Entstellung durch ‚vertoren’ findet sich im Iwein, angedeutet im ethnographischen Vergleich mit der Mohrenhässlichkeit.(…) Die Entgegensetzung des Einst und des Jetzt steht zu Beginn –(Iw 3347/9)- und am Ende der Schilderung des Waldlebens –(Iw 3350/60)-, bezieht sich aber weniger auf das körperliche Aussehen als auf den Verlust des ‚ manlichen muotes ’, den Vorrang vor der Schilderung körperlicher Entstellung hat die Beschreibung der geistigen, die diese bewirkt. Die angedeutete Entstellung – durch die Assoziationen zur Exotenhässlichkeit und dem Aussehen wilder Leute deutlich gemacht – wird von Iwein selbst als Vilanisierung gedeutet – (Iw 3557: swie rûch ich ein gebûre sî).“[13]

Ein Primärattribut der Hässlichkeitsdarstellungen und daher bei fast allen Hässlichkeitsbeschreibungen – vom Ungeheuer über die Exotenhässlichkeit bis hin zum Typus ‚entstellter Schönheit’ - zu finden, ist die Schwärze: „Die schwarze Haut, reales Primärattribut der Mohren, gehört auch bei Übertragung auf die Hässlichkeitsbeschreibung zu den Merkmalen der Primärkategorie. Schwarze Haut, als Gegenbild zur weißen, schönen varwe, ist als Konstante aller Hässlichkeitsbeschreibungen wie der Beschreibungen ‚entstellter Schönheit’ zu finden.“[14]

Ein charakteristisches Merkmal für den Typus ‚entstellter Schönheit’ stellt der Buckel dar, welcher als Hässlichkeitsmerkmal sowohl in der altfranzösischen wie auch der mittelhochdeutschen Literatur, mit Aussnahme von Heinrich von Veldeke und Wolfram von Eschenbach, ein weit verbreitetes Motiv ist und in der altfranzösischen Literatur als charakteristisches und konstituierendes Merkmal von Zwergenbeschreibungen benutzt wird.

Relativ harmlose Hässlichkeitsbeschreibungen, bei welchen die Entstellung der Schönheit nur durch das Fehlen der standesgemässen Kleidung oder durch Armut bedingt ist, finden sich in Hartmann von Aues Erec und Ywein, so in der Schilderung von Enitens Armut (Erec 324/41), oder wenn es im Ywein heisst, „ er truoc an seltsaeniu cleit:/ zwô hiute hât er an geleit,/ die hât er in niuwen stunden/ zwein tieren abe geschunden “ (Ywein 465/8), aber auch in Wolfram von Eschenbachs Parzival, so bei der wegen vermeintlicher Untreue verstossenen Jeschute (Parz 257,8/20). Die körperliche Schönheit bleibt dabei jedoch unangetastet und wird durch den Kontrast mit der armseligen und zerschlissenen Kleidung sogar hervorgehoben. Dies wird dadurch deutlich, dass Jeschutes „(…) munt was rôt “ (Parz 257,18) und unter ihrer zerschlissenen Kleidung „ ir hût noch wîzer denn ein swan “ (Parz 257,13) ist, und so bemerkt denn auch der Erzähler: „ doch naeme ich sölhen blôzen lîp/ für etslîch wol gekleidet wîp “ (Parz 257, 31f.). Ähnlich verhält es sich im Erec und so verwundert es denn auch nicht weiter, dass Erec Enite im Laufe der Erzählung noch heiraten wird.

ad c) Die Typologisierung mittelalterlicher Exoten und exotischer Hässlichkeitscharakteristika reicht in ihrer Überlieferung bis in die Antike zurück. Hervorzuheben ist in diesem Kontext die von Plinius zusammengestellte, erste Katalogisierung der wichtigsten Typen antiker Fabelvölker. Der zu Beginn des 7. Jahrhunderts lebende Isidor von Sevilla hat in seiner Etymologiae sämtliche der damaligen Welt bekannten Überlieferungen des Phantastischen und Monströsen niedergeschrieben und die wunderbar-wundersamen Beschreibungen exotischer Völker und ferner Länder in sein christlich-universales Weltbild eingegliedert. Solinus und Isidor berichten folgendes über die Einwohner Skythiens: „Einige dieser Menschen bestellen das Land; einige, monströs und wild, leben von Menschenfleisch und Blut.“[15] Der im 3. Jh. n. Chr. lebende Solinus weiss auch über die skythischen Panotier zu berichten, dass diese „übergroße Ohren hatten, die so weit herabhingen, dass jene damit ihren bloßen Körper bedeckten, als wäre es irgendein Mantel, der die Glieder einhüllte.“[16]

Von hoher Bedeutsamkeit für die mittelalterliche Literatur ist zudem die Augustinische Überlieferung, welche in Bezug zum Adamsmythos steht und somit ebenfalls einen christlich-religiösen Kontext bietet. Die mittelalterlichen Deskriptionen ferner, ans Ende der Welt lokalisierter Wundervölker und mythisch-exotischer Fabelwesen, sind denn auch verbreitet und erfreuen sich regen Interesses, sowohl des französischen, als auch des deutschen mittelalterlich-höfischen Publikums. Seit der Wiener Genesis bis zum Ende des 13. Jahrhunderts befolgen die deutschen Autoren lange genau die typischen Muster des überlieferten Kanons exotischer (Hässlichkeits-) Beschreibungen und greifen in ihren Werken oftmals auf den gesamten Katalog möglicher Exotentypen zurück. Dabei handelt es sich bei den frühen Beschreibungen zumeist um das spezifische Neue, Fremde und Unbekannte; das Faszinosum, welches die Vorstellungen fremder Völker und Kulturen auf den mittelalterlichen Rezipienten ausübte. Die Beschreibungen der „exotische(n) Kuriosa und Wunder des Orients“[17] erfolgte dabei zumeist wertneutral, d.h. nicht pejorativ-negativ konnotiert und der Sphäre des heidnisch Bösen zugehörig; so beispielsweise im Herzog Ernst, wo der Autor auf den Katalog tradierter antiker Exotenhässlichkeit zurückgreift, sich dabei allerdings auf die Darstellungs- und Beschreibungsformen des Exotisch-Abenteuerlichen beschränkt, ohne jedoch, wie dies in der Wiener Genesis der Fall ist, dies in einen theologischen Kontext einzubetten. In diesem antiken Typuskatalog finden sich beispielsweise das Kranichvolk (HE 2856/ 9), die Zyklopen (HE 4518/ 21), die Plathüeve (HE 4671/ 81) und die Panotier (HE 4820/ 7), daneben treten allerdings auch noch die Zwerge (HE 4898/ 91) und die Riesen (HE 5014/7) auf.[18]

[...]


[1] Giloy-Hirtz, Petra: Begegnung mit dem Ungeheuer. In: Kaiser, Gert (Hrsg.): An den Grenzen höfischer Kultur. Anfechtungen der Lebensordnung in der deutschen Erzähldichtung des hohen Mittelalters; S. 167- 210; hier S. 169

[2] Seitz, Barbara: Die Darstellung hässlicher Menschen in mittelhochdeutscher erzählender Literatur von der Wiener Genesis bis zum Ausgang des 13. Jahrhunderts; S. 73

[3] Giloy- Hirtz; ebd.; S. 168

[4] ebd.; S. 196

[5] ebd.; S. 187

[6] Müller, Gerhard: Bemerkungen zur Rolle des Hässlichen in Poesie und Poetik des klassischen Griechentums; S. 152

[7] Michel, Paul: <Formosa deformitas> Bewältigungsformen des Hässlichen in der mittelalterlichen Literatur; S. 20

[8] vgl. hierzu die Beispiele (1) im Anhang

[9] Seitz; S. 47

[10] ebd.

[11] ebd.; S. 48

[12] ebd.; S. 57

[13] ebd.; S. 58

[14] ebd.; S. 48

[15] Pochat, Götz: Das Fremde im Mittelalter. In: Vavra, Elisabeth (Hrsg.): Bild und Abbild vom Menschen im Mittelalter; S. 43

[16] ebd.; S. 44

[17] ebd.: S. 69

[18] vgl. Seitz; S. 25

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Wundervölker, Monstrosität und Hässlichkeit im Mittelalter
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
48
Katalognummer
V91594
ISBN (eBook)
9783638059688
ISBN (Buch)
9783640633517
Dateigröße
791 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit wurde leider nur mit 2,3 und nicht wesentlich besser beurteilt, da angeblich das Thema verfehlt wurde: Der Dozent hätte sich gewünscht, die Arbeit wäre nur auf ein einziges Werk beschränkt gewesen, diese Arbeit bietet jedoch ein quasi vollständigen Überblick aller Erscheinungsformen von Monstern, Ungeheuern, Wundervölkern und Hässlichkeitsmerkmalen der alt- und mittelhochdeutschen Literatur (von ca. 900 n.Chr. bis 1500 n. Chr.).
Schlagworte
Wundervölker, Monstrosität, Hässlichkeit, Mittelalter
Arbeit zitieren
Jamil Claude (Autor), 2003, Wundervölker, Monstrosität und Hässlichkeit im Mittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91594

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