Entgrenzung - Neue Grenzen - Entwicklungsländer in der Globalisierung


Seminararbeit, 2003
51 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung:
I. 1. Definition der Globalisierung:
I.2. Die Ambivalenz des Globalisierungsprozesses

II. Definition Fragmentierung:
II. 1. Die „Theorie der fragmentierenden Entwicklung“ von Fred Scholz
II. 2. Veränderungen in der sozialen Struktur
II. 3. Die neue Qualität sozialer Fragmentierung
II. 4. Die Fragmentierung des Nationalstaates
II. 5. Informationsrevolution und Digital Divide

III. Die Verselbstständigung der Finanzmärkte
III. 1. Welthandel / Freihandel

IV. Die Schuldenkrise
IV. 1. Die Strukturanpassungpolitik von IWF und Weltbank

V. Ökologische Grenzen

VI. Fallbeispiel 1: Chile – Gewinner der Globalisierung?!

VII. Fallbeispiel 2: Argentinien
VII. 1. Geographie, Bevölkerung: Allgemeine Daten
VII. 2. Kurze Einleitung und historischer Abriss bis 1990:
VII. 3. Die Situation nach 1990:
VII. 4. Verlaufsprotokoll der Wirtschaftskrise
VII. 5. Die Wirtschaft Argentiniens:

VIII. SCHLUSSWORT UND AUSBLICK

IX. BIBLIOGRAPHIE:

I. Einleitung:

Die Globalisierung ist keineswegs ein neues Phänomen des ausgehenden 20. Jahrhunderts, sondern vielmehr ein bereits 500 Jahre währender Prozess, welcher mit der Entdeckung der „Neuen Welt“ durch den Seefahrer Christoph Columbus im Jahre 1492 seinen Anfang nahm und fortan mit der Erschließung neuer, bisher unbekannter oder nicht- exploitierter Gebiete sowie einer zunehmenden Ausbreitung des Kapitals (und der kapitalistischen Marktwirtschaft) einherging. „Globalisierung, gedacht als unaufhörliche räumliche und soziale Expansion, stellt somit eine historische Konstante kapitalistischer Entwicklung dar. Sie ist aber auch eine seiner Voraussetzungen.“ (Parnreiter; Novy; Fischer 1999: 11)

Neu ist allerdings, dass dieser Globalisierungsprozess ab der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts eine sehr hohe, ihm eigene Dynamik entwickelte, in Folge derer neue Facetten (neue Entwicklungsstadien) dieses Prozesses auftauchten. Der im Rahmen dieser Hausarbeit interessante und relevante Zeitrahmen ist mit dem Ausbruch der Schuldenkrise zu datieren und dauert bis heute an. Spätestens seit 1982 lässt sich eine neue Qualität der Dynamik des Globalisierungsprozesses konstatieren, welche der deutsche Philosoph Jürgen Habermas treffender Weise als die „neue Unübersichtlichkeit“ bezeichnete.

Grob gesagt, lassen sich vier neue Wesensmerkmale bestimmen, welche das heutige Entwicklungsstadium der Globalisierung charakterisieren, als da wären:

a) Die Neuordnung und eine zunehmende Deregulierung der Finanzwelt nach dem Ende des Bretton- Woods Systems im August 1971 und dem Treffen vom Rambouillet am 15. November 1975; was im Verlaufe der folgenden Jahrzehnte zu einer Abkopplung und Entgrenzung der monetären Sphäre führte.

b) Die „Informationsrevolution“ (Entwicklung moderner Informations- und Telekommunikationstechnologien) führte einerseits zu Veränderungen für die Organisation von Produktion und Konsumtion und andererseits zur Entstehung völlig neuer Wünsche und Bedürfnisse.

c) Durch die Gratifikationen der „Informationsrevolution“ wurden die Kosten und der zeitliche Rahmen für den Transport von Gütern und Personen drastisch gesenkt, was zu einer neuen Geographie der Produktion führte, welche einerseits unbestrittener Weise mit einer zunehmenden Vernetzung, Verflechtung und Grenzauflösung (Inklusion); andererseits aber auch mit einer sich verschärfenden Polarisierung, Peripherisierung und Marginalisierung, vor allem der Länder des Südens (Exklusion) einhergeht.

d) Einer neuen politischen Weltordnung (nach dem Ende des Ost- West Konflikts 1989) sowie einer neuen globalen Machtverteilung, ausgelöst durch die Machtkonzentration transnational agierender Konzerne (TNK), den sogenannten „Global Players“.

e) Einer neuen Qualität sozialer Ungleichheit, begleitet vom Prozess der Fragmentierung, welcher sich von der Mikro- bis zur Meta- Ebene ausdehnt.

Infolge dieser neuartigen Prozesse und Machtverteilungen kam es im Zuge der Globalisierung sowohl zu einer Entgrenzung verschiedenster Faktoren, als auch zu neuen Schranken, Barrieren und Grenzen des Handelns.

I. 1. Definition der Globalisierung:

In wirtschaftlicher Hinsicht soll uns zur Heranführung an den Globalisierungskomplex folgende Definition von Krings dienen: Unter Globalisierung versteht man die Zunahme internationaler Wirtschaftsbeziehungen und –verflechtungen und das Zusammenwachsen von Märkten für Güter und Dienstleistungen über die Grenzen der einzelnen Staaten hinaus. Hierbei spielen die internationalen Kapitalströme und die Diffusion neuer Technologien eine grosse Rolle.[…] Globalisierung bedeutet also Intensivierung des Wettbewerbs durch Vergrösserung der Märkte bis hin zum Entstehen globaler Märkte .

(Krings; Skript zur Wirtschaftsgeographie- Vorlesung)

Laut Ulrich Beck (1997) ist Globalisierung ein Prozess, der zu unrevidierbar entstehender Globalität führt. Globalität bedeutet in diesem Sinne nicht weniger, als „dass von nun an nichts, was sich auf unserem Planeten abspielt, nur ein örtlich begrenzter Vorgang ist, sondern dass alle Erfindungen, Siege, Katastrophen die ganze Welt betreffen.“

Für die OECD (Organisation for Economic Cooperation and Development) ist Globalisierung ein „Prozess, durch den die Märkte und Produktion in verschiedenen Ländern immer mehr voneinander abhängig werden – dank der Dynamik des Handels mit Gütern und Dienstleistungen und durch die Bewegung von Kapital und Technologie“. (Plate 1999:3)

Scholz sieht in der Globalisierung ein wesentlich neues Phänomen, welches er wie folgt beschreibt:

Globalisierung lässt sich als Entstehung einer globalen Welt begreifen. Sie stellt das Ergebnis ungehinderter Bewegungen von Kapital, Waren, Ressourcen, Ideen, Sehnsüchten, Träumen und Hoffnungen dar. Sie überwindet soziale, ethnische, kulturelle und nationale Grenzen. Sie initiiert und steuert wechselseitig weit voneinander entfernt ablaufende soziale, ökonomische, kulturelle und politische Prozesse. Und sie äussert sich im Exzess bislang nicht gekannten Wettbewerbs, in der Entgrenzung von Finanzströmen, Märkten und Marktsystemen, von Privatisierung und Deregulierung. Sie schlägt sich nieder in weltweit verbreiteten Technologien, Produktions- und Informationssystemen, in supranationalen Politiken und sogar in der Ubiquität von Lebensweisen, Konsumverhalten und kulturellem Leben. (Scholz 2002:121)

Man kann Globalisierung in verschiedenen Dimensionen verstehen und erklären. Die drei wichtigsten sind die ökonomische, die soziale und die ökologische Dimension.

a) Die ökonomische Dimension:

- Diktat des Neo- Liberalismus; Einheit von Wirtschaftsliberalismus; Staatsbankismus und parlamentarischer Demokratie;
- Öffnung nationaler Ökonomien und Annullierung territorialer Grenzen;
- Annullierung der Raum- und Zeit- Dimension;
- Technologische Vereinheitlichung;
- Deregulierung der Wirtschafts- und Finanzwelt bei gleichzeitiger Regulierung und Flexibilisierung von Arbeits- und Beschäftigungsverhältnissen;
- Entkopplung von monetärer und produktiver (realer) Wirtschaftssphäre;
- Verbilligung der Energiekosten und Revolution im Transport und Kommunikationswesen;
- Erhöhung der Mobilität und Flexibilität von Kapital- und Kapitalinnovationen.

b) Die soziale Dimension:

- Soziale Fraktionierung (Individualisierung, Pluralisierung, 20:80 Gesellschaft, Marginalisierung);
- Entgrenzung von Gesellschaften und Lebenswelten (Weltkultur; Weltgesellschaft; Mc World);
- Abbau staatlicher Sicherungssysteme (Transformation vom Wohlfahrtsstaat zum Wettbewerbsstaat);
- Soziale Gegenbewegungen (z. B.: Autonomiebewegungen, Gruppierungen von Globalisierungsgegnern [ATTAC], Erstarken rechtspopulistischer, radikal- politischer und fundamentalistischer Tendenzen)

c) Die ökologische Dimension:

- Hohes Niveau an Naturverbrauch, Umwelt- degradation und –zerstörung;
- Globale Verwertung natürlicher (nicht- erneuerbarer) Ressourcen
- Globale Umweltprobleme (u. a. Klimawandel, Treibhauseffekt, Meeresspiegelanstieg, Ozonloch, Anstieg der Umweltkatastrophen)
- Gen- und biotechnologische Manipulation ohne Wissen um die Folgen.

(Dittrich: 1998)

I.2. Die Ambivalenz des Globalisierungsprozesses

Oftmals wird unter Globalisierung ein weltumspannender, gleichzeitig ablaufender Prozess der Universalisierung und der Homogenisierung verstanden, in Folge dessen es zur Herausbildung eines Weltmarktes mit standardisierten Produktions- und Verteilungsverfahren sowie zu der Entstehung einer Weltgemeinschaft kommt. In diesem Sinne würde es sich bei der Globalisierung um einen uniformen und linearen Prozess handeln. Dem ist aber nicht so; es ist mittlerweile wissenschaftlich untersucht und empirisch belegt worden, dass es sich im Gegenteil bei der Globalisierung um einen höchst dynamischen Prozess handelt, der sich u. a. durch eine Ungleichzeitigkeit der Entwicklung bei gleichzeitiger Entwicklungsabhängigkeit auszeichnet und welcher zum Teil höchst widersprüchliche, heterogenisierende Prozesse auslöst. In der Folge kommt es zu einer Transformation und Umstrukturierung auf verschiedenen Ebenen (lokal, regional, national, kontinental und global) verschiedenster Bereiche (Ökonomie, Politik, Ökologie, Kultur, Soziales ).

Die neu entstandenen Verteilungsmuster und Abhängigkeitsverhältnisse gründen zum grossen Teil auf dem global expandierenden System der kapitalistischen Marktwirtschaft, welches sich heute, nach dem Wegfall des Ost- West Konflikts im Jahre 1989, als global dominantes Wirtschaftssystem durchsetzen konnte. In der Folge kam es zu einer weiteren Dynamisierung des Globalisierungsprozesses, welcher aber, getreu den Grundregeln der kapitalistischen Marktwirtschaft, „per se nicht auf Konsens, sondern auf Erfolg, Konkurrenz und Verdrängung ausgerichtet“ ist. „Er findet seinen Niederschlag in dem zeitlichen und räumlichen Nebeneinander integrierender und (bruchhaft) trennender, eben fragmentierender Prozesse. Als Ausdruck dafür stehen z. B. Phänomene wie die Entgrenzung der Staatenwelt, Retribalisierung oder Ethnoprotektionismus. Entwicklungspolitisch relevant sind in diesem Zusammenhang insbesondere die sich verschärfenden sozialen und regionalen Gegensätze, lokale Standortschwäche und exzessive Standortfluktuation. Dazu gehören ebenso temporäre wie permanente Arbeitslosigkeit, unentrinnbare Ausgrenzung (Exklusion), Marginalisierung, Verelendung, lokale und globale Massenarmut und Massenmigration, Flucht oder unsicherheits- oder aggressionsbedingte Verharrung.

Sie schlagen sich aber auch nieder in (extremem) individuellem oder lokalem bzw. regionalem Reichtum, in ökonomischer Partizipation, in bewusster Ausgrenzung (Inklusion) oder in Standortzugewinn und sozialem Aufstieg.“ Scholz betont die Gleichzeitigkeit sich entgegengesetzter Prozesse sowie ihre globale Präsenz, sowohl auf der Nord-, als auch auf der Südhalbkugel.

II. Definition Fragmentierung:

Fragmentierung ist das konkret fassbare oder virtuell begreifbare räumliche Ergebnis eines durch Globalisierung ausgelösten, weltweit realen sozio- ökonomischen Differenzierungsprozesses. Als ein die Lebensrealität der „Zweiten Moderne“ in ihrer räumlichen Dimension bestimmendes „neues“ Phänomen stellt sie zuerst einmal eine originäre Herausforderung für die geographische Forschung dar. Ihre Ergebnisse bilden die notwendige Grundlage zum einen für das gesellschaftliche Verständnis der differenzierten Fragmentierungsprozesse und zum anderen für die Planung und Steuerung der daraus resultierenden negativen wie positiven Effekte. (Scholz 2002:121)

Altvater und Mahnkopf (1999: 125f.) betonen, dass „trotz Globalisierung und Weltmarktdynamik soziale und ökonomische Entwicklungsprozesse räumlich separiert und zeitlich asynchron, also ungleichmässig und ungleichzeitig ablaufen. Dies bedeutet freilich keineswegs, dass die Entwicklungsprozesse nicht interdependent sind, dass sie sich wechselseitig beeinflussen, ja blockieren können.“ Sie schreiben weiter (ebd. 1999: 145f.):

„Also muss nun von der Gleichzeitigkeit von Ordnung (Kohärenz) und Unordnung (Inkohärenz) oder von globaler Vereinheitlichung und gleichzeitiger regionaler Fragmentierung bzw. Fraktionierung die Rede sein.

II. 1. Die „Theorie der fragmentierenden Entwicklung“ von Fred Scholz

„Im Zeitalter von Globalisierung, d. h. von Liberalisierung, Deregulierung, Privatisierung, entgrenzter Märkte und exzessivem Wettbewerb – eben dem Kredo der „Zweiten Moderne“-, […] muss […] von einer durch Wettbewerb bestimmten, höchst gegensätzlich verlaufenden „fragmentierenden Entwicklung“ ausgegangen werden. (Scholz, F. 2002b: 7)

Laut Scholz leben wir in einer Welt, die auf dem Modell globaler Fragmentierung gründet und sich virtuell wie materiell über alle sozialen, ökonomischen und räumlichen Ebenen erstreckt. Schaltzentralen der Globalisierung sind die sogenannten Acting Global Cities, welche Scholz als „Inseln des Reichtums“ bezeichnet. Ihnen funktional hierarchisch untergeordnet sind die virtuell mit ihnen verbundenen Affected/ Exposed Global Cities (Bsp. Bangalore), welche von dieser Fragmentierung besonders betroffen sind, da sie noch stärker als die Acting Global Cities der latenten Gefahr des Abstiegs in die marginalisierte Restwelt ausgesetzt sind. Allerdings betrifft die Fragmentierung, genauso wie die Globalisierung, sie nicht integral, sondern nur teilweise, es handelt sich dabei um die „global integrierten Stadtfragmente“ (Scholz 2000: 11). Denn genau wie auf der Markroebene, kann das Modell globaler Fragmentierung auch auf das Mikrosystem „Stadt“ angewandt werden. Ungleichzeitige und uneinheitliche Prozesse, Entgrenzung und Eingrenzung sowie die immer engräumigere Produktion sozialer und ökonomischer Disparitäten, lassen sich auch bei der zunehmend fragmentierenden Entwicklung der Metropolen auf allen Kontinenten der Erde beobachten. Von diesen Affected/ Exposed Cities bruchhaft gesondert, eben fragmentiert, befindet sich die „ausgegrenzte Restwelt“, auch als New Periphery oder von Scholz als „Meer der Armut“ (Scholz 2000: 11) bezeichnet. Die New Periphery ist in sich durch Ethnoregionalismen, Fundamentalismen, Retribalisierung und Kryptonationalismen bruchhaft und widersprüchlich vielfältig fragmentiert. Sie charakterisiert sich durch alle Merkmale, die mit dem Begriff der „Dritten Welt“ konnotiert werden. Dazu gesellen sich jedoch noch Ausgrenzung und Abkopplung. Diese abgekoppelte Restwelt, vom Münchner Soziologen Ulrich Beck (1997) als „Neuer Süden“ tituliert, ist laut Scholz dreifach überflüssig („population redundant“ [Ricardo]): Als Arbeitskraft wird sie nicht benötigt, als Konsument ist sie unerheblich und als Produzent uninteressant, da ihre Erzeugnisse nicht gebraucht werden. (Scholz 2002a: 122f.)

Die „Theorie der fragmentierenden Entwicklung“ von Scholz beruht auf dem Primat der Wirtschaft. Unter anderen Faktoren, welche später noch genauer erläutert werden sollen, führt Scholz folgende Belege für seine Theorie ins Feld:

[...]

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Entgrenzung - Neue Grenzen - Entwicklungsländer in der Globalisierung
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Autoren
Jahr
2003
Seiten
51
Katalognummer
V91603
ISBN (eBook)
9783638051767
ISBN (Buch)
9783640633548
Dateigröße
694 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entgrenzung, Neue, Grenzen, Entwicklungsländer, Globalisierung
Arbeit zitieren
Jamil Claude (Autor)André Batteux (Autor), 2003, Entgrenzung - Neue Grenzen - Entwicklungsländer in der Globalisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91603

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Entgrenzung - Neue Grenzen  -  Entwicklungsländer in der Globalisierung


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden