Die nationalsozialistische Propaganda zur Volksabstimmung am 10. April 1938 in Österreich


Seminararbeit, 2020

29 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Inhaltsverzeichnis

2 Einleitung

3 Nationalsozialistische Propaganda: Die Anfänge

4 Propagandavorbereitung zur Volksabstimmung
4.1. Inhalte der Propaganda
4.2. Mittel der nationalsozialistischen Propaganda
4.2.1. Massenkundgebungen
4.2.2. Rundfunk
4.2.3. Flugblätter, Bilder, Plakate und Fahnen
4.2.4. Gewinnung anderer Gesellschaftsgruppen

5 Österreichische „Volksabstimmung“ 10. April

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

8 Abbildungsverzeichnis

2 Einleitung

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten am 12. März 1938 prägte den weiteren Verlauf der österreichischen Geschichte maßgeblich. Die Verwendung von Propaganda, an der das NS-Regime bereits in den Jahren vor dem „Anschluss“ Gefallen gefunden hatte, war ein mächtiges politisches Werkzeug und setzte Adolf Hitler nicht selten als Heilsbringer in Szene. Wie ein politischer Wanderprediger mobilisierte er die Ängste und Vorurteile der Massen. Sein Feindbild war die Demokratie. Ständige Regierungskrisen wurden von den Nationalsozialisten genutzt um ihre Ideologien, demagogischen Versprechungen und schrillen Parolen an die breite Masse zu bringen. Joseph Goebbels, Propagandaminister der NSDAP, setzte auf die Massenwirkung von modernen Medien dieser Zeit und versuchte unter anderem mit seinem Kampfblatt „Angriff“ die Aufmerksamkeit der österreichischen Bevölkerung zu erlangen.1

Der Propagandaapparat der österreichischen Nationalsozialisten war sowohl vor als auch nach dem Verbot der NSDAP ein gut funktionierendes System. Das war vor allem der Mithilfe der deutschen NSDAP zuzuschreiben, da diese die österreichischen Nationalsozialisten mit technischen und finanziellen Mitteln tatkräftig unterstützten.

Durch den Einmarsch deutscher Truppen in Österreich, am 12. März 1938, wurde die österreichische Bevölkerung in einem noch nie dagewesenen Ausmaß mit politischer Propaganda konfrontiert. Die Zeit zwischen der ersten Phase der Machtübernahme und der österreichischen Volksabstimmung am 10. April 1938 gab den Nationalsozialisten die Chance, einen erneuten Propagandafeldzug zu starten. Deutschnationalismus, Rassenhass, die Beseitigung von Arbeitslosigkeit und der Führerkult waren nur einige der großen Propagandaleitthemen der Nationalsozialisten.

Diese Seminararbeit behandelt primär die nationalsozialistische Propaganda in Österreich und deren medienpolitische Ziele, wobei besonders auf den Zeitraum nach der ersten Phase der Machtübernahme und der Volksabstimmung zum „Anschluss“ Österreichs, im April 1938, eingegangen wird. Im Fokus der Arbeit steht eine wesentliche Forschungsfrage, deren Beantwortung sich wie ein roter Faden durch den Text ziehen soll: Inwiefern haben die medienpolitischen Werkzeuge der Nationalsozialisten, wie der massive mediale Einsatz von Bildern, Plakaten, Flugblättern, Zeitungen und Volksempfängern, die Inszenierung von Großveranstaltungen sowie die Verbreitung demagogischer Versprechungen den Zuspruch für den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich beeinflusst? Die vorliegende Seminararbeit wird mit Hilfe von Sekundärliteratur, Zeitschriftenartikel und historischen Quellen aufgewertet.

Außerdem wurde eine Hypothese aufgestellt, die im Laufe der Arbeit bestätigt werden soll: Die NSDAP nutzte ihre Praxis des Terrors, der Radikalität und der gezielten Einschüchterung als Mittel für die politische Auseinandersetzung. Durch die Propaganda der Nationalsozialisten und demagogische Versprechungen wurde in der österreichischen Bevölkerung sowohl hysterische Begeisterung als auch eine gewisse „Anschlusseuphorie“ ausgelöst.

Eingangs beleuchtet die Arbeit allgemeine Grundelemente der nationalsozialistischen Propaganda, die ebenso die Jahre vor dem „Anschluss“ behandelt, also in einer Zeit, in der die NSDAP in Österreich noch verboten war. Anschließend folgt ein Kapitel über die propagandistischen Vorbereitungen zur Volksabstimmung im April 1938, in dem besonders auf die Ereignisse des 12. März 1938 eingegangen wird. Die umfangreichsten Abschnitte dieser Arbeit bilden die nachfolgenden Kapitel, in denen sowohl die Inhalte als auch die Hilfsmittel, mit denen das nationalsozialistische Regime die österreichische Bevölkerung beeinflusste, näher beleuchtet werden. Das letzte Kapitel behandelt die Volksabstimmung am 10. April 1938 und die geschickten Inszenierungen der Nationalsozialisten. Im Fokus der gesamten Arbeit steht die Wahlpropaganda der Nationalsozialisten, die bis zur Volksabstimmung über den „Anschluss“ Österreichs das öffentliche Leben der Österreicherinnen und Österreicher maßgeblich beeinflusste.

3 Nationalsozialistische Propaganda: Die Anfänge

Um mit dem Begriff „Propaganda“ zu arbeiten und diesen im Zusammenhang mit dem nationalsozialistischen Regime zu behandeln, ist eine nähere Erläuterung des Terminus‘ erforderlich. Im Duden wird der Begriff folgendermaßen erklärt:

„Propaganda (lateinisch propagare: ausbreiten, fortpflanzen) bezeichnet die systematische Verbreitung politischer, weltanschaulicher o.ä. Ideen und Meinungen mit dem Ziel, das allgemeine Bewusstsein in bestimmter Weise zu beeinflussen.“2

Der Begriff Propaganda geht bis in die Antike zurück und hat seinen Ursprung im Jahre 1622, als Gregor XV. die päpstliche „Congregatio de propaganda fide“, die Vereinigung zur Verbreitung des Glaubens, etablierte. Jedoch hatte der Begriff damals eine negative Konnotation, da von den Anhängern der Reformation machtpolitische Intentionen vermutet wurden. Im Jahre 1789, zur Zeit der Französischen Revolution, wurde dem Begriff für die Umsetzung grundlegender Werte und Ideen der Aufklärung wieder eine positivere Bedeutung zugeschrieben.3

Propaganda galt für die Nationalsozialisten als „Werkzeug“ des modernen Staatsmannes, mit dem man bestimmte Themenbereiche des politischen Geschehens so an die Öffentlichkeit bringen konnte, dass die nationalsozialistischen Interessen geschickt dargestellt wurden. Dieses Hilfsmittel galt als äußerst wichtig für die Machtergreifung und den Machterhalt der Nationalsozialisten.4 Für das NS-Regime war Propaganda eine Art „Wunderwaffe“. Seiner Ansicht nach konnte man mittels Propaganda Kriege gewinnen, Staaten erobern, Kriminelle zu anständigen Bürgern machen oder auch anständige Bürger zu Kriminellen degradieren.5 Eine wichtige Rolle im Bereich der Propagandamaschinerie im NS-Regime spielte Joseph Goebbels, der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda. Der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland Anfang des Jahres 1933 folgte die Gründung des sogenannten Propagandaministeriums, dessen Leitung Joseph Goebbels von Beginn an innehatte. Das Propagandaministerium verfügte über die Kontrolle über weite Teile des öffentlichen Lebens und nahm somit großen Einfluss auf Kunst, Kultur, Presse, Rundfunk und die Filmindustrie, mit dem Ziel die Bevölkerung maßgeblich zu Gunsten des Regimes zu beeinflussen.6

In den 1930er-Jahren kam es in Österreich immer wieder zu Regierungskrisen, die des Öfteren von propagandistischen Auseinandersetzungen der Parteien und politischen Gewalttaten geprägt waren. Bereits vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, 1938, war Österreich kein demokratischer Staat. Unter Bundeskanzler Dollfuß kam es 1933 zu einer „Selbstausschaltung“ des Parlaments. Von 1934 bis zum „Anschluss“ 1938 wurde die Staatsbezeichnung „Republik Österreich“ durch „Bundestaat Österreich“ ersetzt und heute als Epoche des Austrofaschismus in der österreichischen Geschichte bezeichnet. Nachdem Engelbert Dollfuß 1933 die „Vaterländische Front“ gegründet hatte, wurden alle verfügbaren Mittel mobilisiert, um für diese politische Partei zu werben. Dollfuß verfügte im öffentlichen Bereich über viele Möglichkeiten, sein autoritäres System zu propagandieren, wie zum Beispiel über die Kontrolle der Veröffentlichung von Plakaten und Zeitungen sowie über den staatlichen Rundfunk und Institutionen der staatlichen Verwaltung.7

Die Lage spitzte sich im Sommer 1933 zu, und der Druck von Seiten der Nationalsozialisten, der in zahlreichen Terrorakten gipfelte, wurde von innen und außen immer stärker. Die NSDAP wurde am 19. Juni 1933 in Österreich verboten, jedoch bedeutete das keineswegs ein Ende der nationalsozialistischen Propagandamöglichkeiten. Der Propagandaapparat der Nationalsozialisten war vor dem Verbot der Partei ebenso aktiv wie danach. Großzügige finanzielle sowie technische Unterstützung der deutschen NSDAP ermöglichten den nun als „illegal“ geltenden österreichischen Nationalsozialisten ihren Propagandafeldzug weiterzuführen.8

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Bilderrätsel auf Streuzettel der NSDAP 1933.9

Bilderrätsel gedruckt auf Streuzettel, waren zur Zeit des Parteiverbots in Österreich als Propaganda Material ein beliebtes Mittel, um politische Propaganda an die breite Masse zu bringen. Darauf zu sehen waren Tiersymbole, die eine gewisse Botschaft verdeutlichen sollten. Auf Abbildung 1 ist eines dieser sogenannten Bilderrätsel zu sehen. Es zeigt einen Esel, der auf dem Rücken das Zeichen der drei Pfeile trägt, die als sozialdemokratisches Symbol für den Kampf gegen den Faschismus, Klerikalismus und Kapitalismus stehen, und soll wie folgt gelesen werden: „Ich, sozialdemokratischer Esel, glaube an die Wiener Wandzeitung!“10 Die Wiener Wandzeitung war eine Zeitung der links ausgerichteten Opposition und die Herausgeber des Blattes wurden somit als Gegner der Nationalsozialisten gesehen. Der illegalen Propaganda der Nationalsozialisten in Österreich konnten in den Jahren 1933 bis 1938 einige Erfolge zugerechnet werden, und der Propagandaapparat der illegalen Nationalsozialisten konnte als gut funktionierendes System bezeichnet werden. Die einzige Ausnahme bildete die Zeit nach dem fehlgeschlagenen Juliputsch durch den die Propagandamaschinerie der österreichischen Nationalsozialisten geschwächt wurde.11 Der österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß kam bei dem Juliputsch am 25. Juli 1934 durch den Schuss eines nationalsozialistischen Putschisten ums Leben und starb anschließend an seinen Verletzungen.12

Als 1933 die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht kamen, wurde in Österreich bereits das sogenannte gemeinsame „Großdeutsche Reich“ propagiert. Diese Propaganda traf bei vielen Österreicherinnen und Österreichern auf fruchtbaren Boden, denn nicht wenige waren der Ansicht, dass Österreich nach dem Zerfall der Habsburger Monarchie nicht überlebensfähig sei.13 Der Friedensvertrag von Versailles 1919 legte jedoch fest, dass Deutschland die Unabhängigkeit Österreichs anerkennen muss und ein Anschlussverbot besteht.14

Hitler deutete sein Streben nach einer Vereinigung Österreichs mit Deutschland im ersten Kapitel des Buches „Mein Kampf“ bereits an:

„Deutschösterreich muß wieder zurück zum großen deutschen Mutterlande, und zwar nicht aus Gründen irgendwelcher wirtschaftlichen Erwägungen heraus. Nein, nein: Auch wenn diese Vereinigung, wirtschaftlich gedacht, gleichgültig, ja selbst wenn sie schädlich wäre, sie müßte dennoch stattfinden. Gleiches Blut gehört in ein gemeinsames Reich.“15

Die österreichische Regierung geriet 1936 verstärkt unter Druck durch das nationalsozialistische Deutschland. Ein Vertrag im Juli 1936, in dem Österreich als selbstständiger Staat anerkannt wurde, sollte die Verhältnisse zwischen Österreich und dem Hitlerregime normalisieren. Verhaftete NationalsozialistInnen wurden frei-, NS-Propagandazeitungen wieder zu gelassen.16

Der Einfluss der deutschen Nationalsozialisten stieg in den darauffolgenden Jahren beachtlich an,17 bis es anschließend im Februar 1938 zum „Berchtesgadener Abkommen“ kam. Österreichische Staatsposten wurden im Anschluss an dieses Treffen an Nationalsozialisten verteilt, darunter auch das bedeutende Innen- und Sicherheitsresort, das an den späteren Bundeskanzler (mit einer Zeitspanne von nur zwei Tagen, war er der zweitkürzeste Bundeskanzler in der österreichischen Geschichte) Arthur Seyss-Inquart übergeben wurde. Durch diese personellen Änderungen im österreichischen Staatsapparat wurde es immer schwieriger, Widerstand gegen die Nationalsozialisten zu leisten,18 und es bestand von nun an in Österreich eine Art Doppelherrschaft. Die österreichischen NSDAP-Anhänger traten verstärkt öffentlich auf, v.a. in Graz, und die Aktivitäten des Propagandaapparats der NSDAP nahmen zu.19

Kurt Schuschnigg musste sich weiteren Forderungen Adolf Hitlers beugen. So wurden die ‚Propaganda-Beamten‘ des autoritären „Ständestaats“ vom Staatsapparat ausgeschlossen, um im Pressekrieg einen „Waffenstillstand“ zugunsten der Nationalsozialisten zu erreichen. Durch diese Zugeständnisse des Bundekanzlers war die Unabhängigkeit Österreichs dem Untergang geweiht.20

Die Tage vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten waren von Dynamik und Emotionalität geprägt. Kurt Schuschnigg versuchte mit der Ankündigung einer „Volksbefragung“ am 13. März 1938 Zeit zu gewinnen, um die Situation zugunsten eines unabhängigen Österreichs zu entscheiden. Doch Adolf Hitler wollte Schuschniggs Politik auf keinem Fall die Möglichkeit bieten, diese „Volksbefragung“ gegen ihn und seine Partei zu nutzen. Hitler handelte schnell, erzwang einen Rücktritt Schuschniggs und die Absage der geplanten „Volksbefragung“. Der Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in der Nacht auf den 12. März 1938 beendete die Eigenständigkeit Österreichs als souveränen Staat.21

4 Propagandavorbereitung zur Volksabstimmung

Der Einmarsch der deutschen Hitler-Truppen eröffnete den Beginn einer bislang unbekannten Propagandawelle, die über Österreich schwappte. Im öffentlichen Raum und in Medien, wie den Zeitungen und dem Rundfunk, konnte man sich dieser Propaganda, die alles überstimmte, nur schwer entziehen. In der Nacht vom 11. auf 12. März 1938 zeigte sich Arthur Seyss-Inquart mit seinem Kabinett auf dem Balkon des Bundeskanzleramts, was die Machtübernahme von „oben“ signalisierte. Auf mehreren LKWs verteilt fuhren Anhänger des NSDAP, in SS-Uniformen gekleidet, in der Nacht des 11. März durch Wien, winkten den Menschen rechts und links von den Straßen eifrig zu und begrüßten diese mit dem „Hitler-Gruß“. Dies stellte die Machtübernahme von „unten“ dar.22 Noch in dieser Nacht bekam Österreich eine nationalsozialistische Regierung. SS-Reichsführer Heinrich Himmler kam nach Wien. Auf den Straßen waren Hakenkreuzfahnen, Fackelzüge und „Heil Hitler“-Rufe zu sehen und zu hören. Erste Verhaftungen wurden durchgeführt, und innerhalb weniger Wochen wurden bis zu 75.000 Österreicher von den Nationalsozialisten verhaftet.23

Gleich zu Beginn des 12. März 1938 wurde eine Propagandakampagne eingeleitet, um jenen Teil der Wiener Beamtenschaft, der zuvor noch bereit gewesen wäre, gegen einen Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland und für ein unabhängiges Österreich zu stimmen, für das nationalsozialistische Regime zu gewinnen. Die Beamten fürchteten um ihre Stellen und konnten ohne viel Widerstand zu Kundgebungen und Betriebsappellen überredet werden oder kaschierten schlichtweg ihre eher positive Einstellung zur „Vaterländischen Front“.24

Am 12. März 1938 flogen zwei Flugzeuge, die anschließend Gestapo-Personal, Bürokraten sowie Fahnen und Uniformen aus Deutschland nach Wien brachten, über die Stadt Wien und warfen tausende Flugblätter ab,25 auf denen folgende Nachricht an die österreichische Bevölkerung übermittelt wurde: „Das nationalsozialistische Deutschland grüßt sein nationalsozialistisches Österreich und die neue nationalsozialistische Regierung in treuer unlösbarer Verbundenheit! Heil Hitler!“26

Bevor Adolf Hitler in der Hauptstadt eintraf, begab er sich am 12. März 1938 nach Linz und wurde dort, wie das „Linzer Volksblatt“ am 14. März titelte, „stürmisch umjubelt“. In dieser Ausgabe des „Linzer Volksblattes“ wird mit Stolz berichtet: „Der Führer spricht von Linz aus zu Österreich“ und dem Jubel sowie der Freude über seine Ankunft waren keine Grenzen gesetzt. Dabei wird deutlich, wie Zeitungen propagandistisch versuchten, Hitler als Retter für Österreich darzustellen.27

Nach zweitägiger Verzögerung, einerseits verursacht durch die nicht funktionierenden Truppenbewegungen und andererseits, weil Hitler abwarten wollte, wie die Machtübernahme bei anderen Staaten aufgenommen wurde, traf Adolf Hitler am 14. März 1938 in Wien ein. Ein weiterer Grund für die Verspätung könnte gewesen sein, dass sich der 14. März als Montag besser für die Ankunft Hitlers eignete: man meinte, dass durch die propagandistische Vorbereitung ein Werktag, wie dieser Montag, mehr Menschen anhalten würde, auf die Straße zugehen, um Hitlers Ankunft in Wien mitzuerleben. Die Führung der NSDAP wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie die Bevölkerung die Vorkommnisse der vergangenen Tage aufnehmen würde und ob die Menschen beim Einmarsch der deutschen Nationalsozialisten genügend Begeisterung zeigen würden.28

Adolf Hitler wurde am 14. März in Wien mit Ungeduld erwartet, und seine Fahrt durch die Stadt Wien löste eine regelrechte Massenhysterie aus. Die Truppen wurden mit offenen Armen, lautstarkem Gebrüll und gehissten Hakenkreuzfahnen von den österreichischen Nationalsozialisten und einem Großteil Bevölkerung empfangen. Hunderttausende Menschen besetzten Dächer, Balkone und Fassaden von Häusern, um einen Blick auf Hitler zu ergattern und immer wieder ertönten Parolen wie: „Wir wollen unseren Führer sehen!“29

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: „Der Führer“ in der Pose des heilenden „wundertätigen Königs“.30

Bildliche Quellen von diesem Tag zeigen, wie sich Hitler als religiöser Heilsführer in Szene setzte und wie er zugleich von tausenden Nationalsozialisten, Mitläufern und Schaulustigen umjubelt wurde.31 Auf Abbildung 2 rechts kann man erkennen wie Adolf Hitler sich aus dem Auto zur Menge hinunter beugte und sozusagen den „heilenden, wundertätigen König“32 darstellte, indem er seine Hand schützend auf den Kopf eines Mannes legte. Bilder solcher Art wurden immer wieder für propagandistische Zwecke genutzt, um Hitler als Heilsbringer zu präsentieren.33

Am 15. März 1938 fand am Heldenplatz in Wien die von den Nationalsozialisten als „Befreiungskundgebung“ betitelte Veranstaltung statt, bei der möglichst vielen Österreicherinnen und Österreichern eine Teilnahme ermöglicht werden sollte. Im Rundfunk wurde vermehrt darauf hingewiesen, dass Beamte, Industriearbeiter und Büroangestellte ab zehn Uhr vormittags vom Dienst freigestellt seien, um bei der großaufgezogenen Massenkundgebung vor Ort sein zu können. Schulen wurden geschlossen,34 damit Schülerinnen und Schüler für Aufmärsche der Hitler-Jugend zur Stelle waren. Als Anreiz wurde der arbeitenden Bevölkerung versprochen, dass die fehlende Arbeitszeit voll bezahlt werden würde, was wiederum als propagandistische Handlung von Seiten des NS-Regimes gesehen werden kann.35 Nicht nur Menschen, die politische Begeisterung verspürten, sondern auch Teile der Bevölkerung, die sonst eher weniger Interesse am politischen Geschehen hatten, kamen zu dieser Massenkundgebung, um einen Blick auf Adolf Hitler zu erhaschen.36 Die Massenveranstaltung riss alle Anwesenden durch die geschickte und propagandistische Inszenierung in ihren Bann, ganz nach dem Motto „Viel Licht macht blind. Laute Musik macht taub“.37

[...]


1 Vgl. Judith Lewonig, Die illegale nationalsozialistische Publizistik in der Steiermark, in: Oliver Rathkolb/Wolfgang Duchkowitsch/Fritz Hausjell (Hg.), Die veruntreute Wahrheit. Hitlers Propagandisten in Österreichs Medien, Salzburg 1988, 407-422, 409.

2 Propaganda, Duden online, https://www.duden.de/rechtschreibung/Propaganda (30.06.2020).

3 Vgl. Günter Drosdowski, Etymologie, in: Duden-Etymologie Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache, 7. Aufl., Mannheim/Wien/Zürich 1989, 553.

4 Vgl. Leopold Gutterer, Propaganda als Politik, in: Zeitschrift für Politik, 26/1936, 34–38.

5 Vgl. Bernhard Denscher, Politik und Seife. Das Plakat in der nationalsozialistischen Propaganda, in: Oliver Rathkolb/Wolfgang Duchkowitsch/Fritz Hausjell (Hg.), Die veruntreute Wahrheit. Hitlers Propagandisten in Österreichs Medien, Salzburg 1988, 88-96, 88.

6 Vgl. Lutz Hachmeister/Michael Kloft (Hg.), Das Goebbels-Experiment. Propaganda und Politik, München 2005, 29–34.

7 Vgl. Franz Patzer, Bürgerkrieg der Propaganda. Plakate, Flugblätter und Zeitungen 1933 bis 1938, Wien 1984, 4.

8 Vgl. ebd., 6.

9 Georg Tidl, Streuzettel. Illegale Propaganda in Österreich 1933–s1938, Wien 2005, 105.

10 Ebd., 88.

11 Vgl. ebd., 88–89.

12 Vgl. Patzer, Bürgerkrieg, 1984, 12.

13 Vgl. Ursula Floßmann/Herbert Kalb, Geschichte des öffentlichen Rechts, Teil 2, Wien 2003, 474.

14 Vgl. Thomas Olechowski, Das „Anschlußverbot“ im Vertrag von Saint Germain, in: Anita Ziegerhofer (Hg.), Eine Friedensordnung für Europa? Der Vertrag von St.Germain im Kontext der Pariser Vororte-Verträge, Göttingen 2019, 371-386, 379.

15 Adolf Hitler, Mein Kampf, 851.-855. München 1943, 1.

16 Vgl. u.a. Dieter A. Binder, Juliabkommen, https://www.hdgoe.at/juliabkommen (8.7.2020).

17 Vgl. Patzer, Bürgerkrieg, 1984, 15.

18 Vgl. Gerhard Botz, Nationalsozialismus in Wien. Machtübernahme, Herrschaftssicherung, Radikalisierung, 1938/39, Wien 2008, 57–58.

19 Vgl. Gerhard Botz, Die Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich. Planung und Verwirklichung des politisch-administrativen Anschlusses (1938–1940), Salzburg 1988, 28–29.

20 Vgl. Botz, Nationalsozialismus, 2008, 56-57.

21 Vgl. ebd., 58–59.

22 Vgl, ebd., 62–66.

23 Vgl. Manfred Jochum/Manfred Bobrowsky, Der Weg in den Untergang. Journalisten vermitteln den Anschluss, Wien 1988, 129.

24 Vgl. Botz, Nationalsozialismus, 2008, 78–79.

25 Vgl. ebd., 93.

26 Ebd.

27 Linzer Volksblatt, 14.3.1938, 1.

28 Vgl. Botz, Nationalsozialismus, 2008, 94–95.

29 Kurt Bauer, Die dunklen Jahre. Politik und Alltag im nationalsozialistischen Österreich 1938–1945, Frankfurt am Main 2017, 80.

30 Botz, Nationalsozialismus, 2008, 97.

31 Vgl. Gerhard Botz, Der 13. März 38 und die Anschlussbewegung. Selbstaufgabe, Okkupation und Selbstfindung Österreichs 1918–1945, Wien 1978, 19.

32 Botz, Nationalsozialismus, 2008, 97.

33 Vgl. Botz, Nationalsozialismus, 2008, 96.

34 Vgl. Bauer, Jahre, 2017, 81–82.

35 Vgl. Botz, Nationalsozialismus, 2008, 100.

36 Vgl. Bauer, Jahre, 2017, 82.

37 Botz, Nationalsozialismus, 2008, 99.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die nationalsozialistische Propaganda zur Volksabstimmung am 10. April 1938 in Österreich
Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
29
Katalognummer
V916051
ISBN (eBook)
9783346214966
ISBN (Buch)
9783346214973
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nationalsozialismus, Propaganda, Anschluss, Österreich, Propagandavorbereitung, Volksabstimmung
Arbeit zitieren
Lena Wieland (Autor:in), 2020, Die nationalsozialistische Propaganda zur Volksabstimmung am 10. April 1938 in Österreich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/916051

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