Von shishiwuai zu lishiwuai - Guifeng Zongmi, Chan und der ontologische Paradigmenwechsel in der Huayan-Schule


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

31 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Situation des Buddhismus zur Tang-Zeit
2.1 Die Huayan-Schule
2.2 Entwicklung des Chan vor dem Hintergrund des Buddhismus zur Tang-Zeit
2.2.1 Das panjiao -System
2.2.2 Entstehung des Chan
2.2.3 Radikale Tendenzen im Chan
2.2.4 Konflikt zwischen Chan und scholastischen Sutren-Schulen

3 Guifeng Zongmi
3.1 Biographie
3.2 Zongmi zwischen scholastischer Tradition und Chan

4 Das Huayan- panjiao: Fazang, Chengguan, Zongmi
4.1 Die unmittelbare Lehre des Mahayana (大乘頓教, dasheng-dunjiao)
4.1.1 Fazang
4.1.2 Chengguans unmittelbare Lehre und Chan
4.1.3 Zongmis Verwerfung der unmittelbaren Lehre
4.2 Die vollkommene Lehre des Mahayana (大乘圓教, dasheng-yuanjiao)

5 Die Verwerfung von shishiwuai
5.1 Die Hongzhou-Schule
5.2 Parallele zu shishiwuai

6 Schluss

7 Literatur- und Quellenangaben
7.1 Internetquellen

1 Einleitung

In dieser Untersuchung soll aufgezeigt werden, inwiefern die in der Tang-Zeit aufblühende Chan-Bewegung des chinesischen Buddhismus das metaphysische System der Huayan-Schule beeinflusste. Dabei steht der buddhistische Mönchsgelehrte Guifeng Zongmi (圭峰宗密, 780-841) im Fokus, welcher als Chan- und zugleich Huayan-Meister eine besondere Stellung in der Entwicklung des chinesischen Buddhismus einnimmt. Sein profundes Wissen in fast allen Bereichen des Buddhismus, gepaart mit seinen ex-tensiven Kenntnissen in den indigenen chinesischen Philosophien, wie Konfuzianismus und Daoismus, machen ihn für den Sinisierungsprozess des Buddhismus zu einer Schlüsselfigur. Dieser spezielle Umstand, zwei unterschiedliche (und oft auch inkompatible) innerbuddhistische Traditionslinien des chinesischen Buddhismus auf seiner Person vereinend, ermöglichte Zongmi eine objektivere Beschreibung und Bewertung der Probleme seiner Zeit. In seinen philosophischen Arbeiten fallen tief greifende Neuerungen auf, die sich von der orthodoxen Huayan-Systematik des 3. Patriarchen Fazang (法藏, 643-712) deutlich abheben und vor allem auf dem Gebiet der Metaphysik/Ontologie erhebliche Unterschiede aufweisen.

Wie im Folgenden versucht wird darzustellen, sind die Veränderung an Fazangs Systematik und die damit verbundene Neuformulierung der Huayan-Doktrin durch Zongmi vor dem Hintergrund zweier Konfliktsituationen innerhalb des Tang-Buddhismus zu verstehen: zum einen die Auseinandersetzungen mit zunehmend antinomistischen Tendenzen innerhalb der Chan-Bewegung; und zum anderen schwerwiegende doktrinalen Disparitäten zwischen scholastischen Schulen und Chan. Um die Problematik des Buddhismus zur Ende der Tang-Zeit, mit welcher Zongmi konfrontiert war, besser nachzuvollziehen, wird zuerst die allgemeine Entwicklung des Buddhismus in China und die Entstehung des Chan grob umrissen. Danach werden relevante Bereiche des Huayan-Klassifikationssystems (判教, panjiao) seit Fazang komparativ untersucht, um dadurch Veränderungen seitens Zongmis deutlich zu machen. Im letzten Teil sollen dann die Parallelen zwischen Zongmis Neuformulierung und der Hongzhou-Schule, die von Zongmi wegen ihren antinomistischen Implikationen kritisiert wurde, dargestellt werden. Diese Gemeinsamkeiten könnten aufzeigen, dass Zongmi in der orthodoxen Huayan-Metaphysik des Fazang die gleiche ontologische Problematik erkennt, wie er sie bei der Hongzhou-Schule wahrnimmt.

Wie im Hauptteil nachvollzogen werden soll, könnte diese Verbindung als Ursache für Zongmis Veränderungen des Huayan-Lehrgebäudes angenommen werden. Mit dieser Umstrukturierung hat Zongmi wahrscheinlich den Versuch unternommen, der allgemeinen Tendenz innerhalb des Chan, nämlich der Verwerfung buddhistischer Praxis und ethischer Restriktionen, entgegenzuwirken, indem er der buddhistischen Praxis, mit dem theoretischen Rahmen des Huayan, eine ontologische Grundlage zur Verifikation buddhistischer Praxis bietet.

2 Situation des Buddhismus zur Tang-Zeit

2.1 Die Huayan-Schule

Die Huayan-Schule des chinesischen Buddhismus ist ein amorphes Gebilde.[1] Die Schule hatte erst spät nach der Tang-Zeit, als sie schon als lebendige Tradition in China nicht mehr existierte, posthum eine Genealogie mit eigenem Patriachart zugewiesen bekommen. Der Gründer und erste Patriarch[2], der Meditationsmeister Dushun (杜順, auch unter 法順Fashun bekannt, 558-640), der seine Meditationserlebnisse mit den metaphysischen Beschreibungen einer All-Einheit des Kosmos, wie sie im Huayan Sutra dargestellt werden, in bester Übereinstimmung fand und sie in seiner Meditationsanleitung Meditationen über die dharmadhatu (Fajieguan) niederlegte, bildet den Ausgangspunkt einer nicht sehr langandauernden, aber für die Entwicklung des chinesischen Buddhismus sehr bedeutsamen Tradition. Dushuns Schüler Zhiyan (智儼, 602-668) versuchte die Gedanken seines Lehrers fortzuführen und in eine systematischere Form zu bringen. Und mehr noch: Hatte er nicht nur die abhängige Verbundenheit aller Phänomene miteinander und die Beziehung des einzelnen Phänomens zum Universum zu erläutern versucht, so sieht er auch das Prinzip der Totalität auf die Gesamtheit der buddhistische Lehren übertragen. Folglich betrachtet er jede einzelne buddhistische Lehrmeinung als „einen“ legitimen Teil im Gesamtkontext der Lehre Buddhas. Diese synkretistische Ansicht wurde von Fazang (法藏, 643-712) weitergeführt und hinsichtlich ihrer systematischen Darstellung zur Perfektion gebracht. Beeinflusst durch die im apokryphen Mahayana-Text Dasheng qixin lun (Abhandlung von der Erweckung des Vertrauens in die Mahayana-Lehren)[3] enthaltenen Konzepte des allumfassenden Geistes (一心, yixin) und des „einen Fahrzeugs“ (一乘, yisheng; Skt.: ekayana,), stellen seine schriftlichen Ausführungen den Höhepunkt in der Entwicklung der Huayan-Philosophie dar.

Seine Schriften, vor allem das Wujiaozhang (Abhandlung über die fünf Lehren), zeigen ein kohärentes Klassifikationssystem (panjiao) auf, welches nicht nur eine Harmonisierung der verschiedenen Lehrmeinungen schafft, sondern auch den apologetischen Rahmen bildet, indem sich die Philosophie des Huayan Sutra progressiv aus den niederen Lehren entwickelt, so dass sie die höchste Position in der philosophischen Hierarchie einnehmen kann. Damit gibt Fazang der Huayan-Lehre eine kanonische Autorität, auf welcher Basis sich erst ein Bewusstsein einer eigenständigen Schule entwickeln konnte.[4] Seine Schriften wurden von den nachfolgenden Generationen als Orthodoxie der Huayan-Lehre angesehen. Veränderungen und Ausfeilungen an Fazangs System durch nachfolgende Huayan-Patriarchen wurden als relativ unwichtig empfunden.[5] Nach Ansicht mancher moderner Buddhologen bildet die Huayan-Lehre mit Fazang, also dem dritten Patriarchen, die Kulmination der Auseinandersetzung mit dem Buddhismus in China.[6] Meiner Meinung nach ist eine solche Aussage aber mit Vorsicht zu genießen: vom Standpunkt des theoretischen Philosophierens aus erscheint sie korrekt, da sich kaum mehr ein umfassenderes und integrativeres metaphysisches Seinsmodell entwickeln lässt, sie aber dennoch leicht die Entfremdung vom gesamtbuddhistischen Kontext bewirken kann. Denn das Ziel jeder buddhistischen Praxis und Philosophie besteht darin, den Menschen letztendlich aus den Leiden des samsara (Skt.: Kreislauf von Geburt und Tod; chin.: 轮回, lunhui) zu befreien. Dies kann nicht mit theoretischem Wissen allein, sondern nur in Verbindung mit persönlicher Erfahrung stattfinden. Die Annahme, dass ein komplexes philosophisches System für den Weg zur Befreiung nicht förderlich sei, wenn dessen Sinn für die meisten Praktizierenden nicht durchdringbar bzw. realisierbar ist, stellt auch den Hauptangriffspunkt der rivalisierenden Tiantai-Schule dar. Sie wirft dem Huayan Sutra vor, eine nur von bereits erleuchteten Wesen erschließbaren Inhalt zu repräsentieren und damit keine passende Methode zur Befreiung zu bieten.[7] Der Hang zur Theorie, welche sich in den scholastischen Traditionen des Buddhismus in China, insbesondere im Huayan, bemerkbar macht, stellt auch die Hauptursache für den Erfolg der in der Tang-Zeit stark an Einfluss gewinnenden Chan-Bewegung dar, welche die persönliche Erfahrung der Erleuchtung betont und so weit wie möglich philosophische Spekulationen vermeidet. Von der raschen Ausbreitung des Chan und den sich damit ändernden Umständen des chinesischen Buddhismus blieb auch die Huayan-Schule nicht unbeeinflusst, und sie kam nicht umhin, sich mit den neuen Ansprüchen der aufkommenden Chan-Bewegung auseinanderzusetzen.

2.2 Entwicklung des Chan vor dem Hintergrund des Buddhismus zur Tang-Zeit

Nach seiner Einführung in China um das 1. Jh. n. Chr. bis hin zum Ende der Tang-Dynastie hatte sich der Buddhismus als ausländische Religion mit der chinesischen Kultur erfolgreich assimiliert und in ihr etabliert. Als eine der Hauptursachen für den Erfolg dieser Assimilation des ursprünglich ausländischen geistigen Imports ist der hohe Grad an Sinisierung zu nennen, welcher sich der Buddhismus im Laufe seiner Entwicklungsgeschichte im Kulturgebiet China unterziehen musste. Um den soziokulturellen Anforderungen Chinas gerecht zu werden, musste seine indische Ursprungsform strukturelle Veränderungen hinnehmen und oft auch inhaltlich neue Schwerpunkte setzen.

Diese Verpflanzung auf chinesischen Boden geschah allerdings nicht schlagartig, wie beispielsweise diverse Legenden versuchen darzustellen[8], sondern sickerte über einen ausgedehnten Zeitraum allmählich aus zentralasiatischen Ländern über die Seidenstrasse ins chinesische Hoheitsgebiet ein. Das dadurch stetig steigende Interesse an dem fremden Denksystem wurde durch immer umfangreichere und stilistisch verfeinerte Übersetzungen des buddhistischen Kanons weiter genährt. Die Menge aus dem Sanskrit ins Chinesische übersetzten Sutren und den dazugehörigen Kommentaren durch Translationsprojekte unter Leitung bedeutender buddhistischer Meister, wie z.B. Kumārajīva, Paramarthā und Xuanzang (596-664), nahmen unüberschaubare Ausmaße an. Durch diese Situation erkannte man zunehmend, dass in der Fülle der Sutren und Shastren eine erhebliche Anzahl an untereinander differierenden und nicht selten miteinander inkompatiblen Lehrmeinungen und Methoden zu finden waren. Denn die verschiedenen philosophischen Konzepte der einzelnen indisch-buddhistischen Schulen und Bewegungen wurden in relativ großen Zeitabständen nacheinander eingeführt, so dass mit der immer stärker hervortretenden Varietät der Lehre eine Situation entstand, welche den Auslöser für eine einzigartige Entwicklung des Buddhismus in China[9] im Allgemeinen und auf dem Gebiet der buddhistischen Hermeneutik im Besonderen darstellt.

Um im Folgenden die komparativen Ausführungen verschiedener buddhistischer Lehrmeinungen verständlich darstellen zu können, soll hier näher auf das typisch chinesische panjiao eingegangen werden.

2.2.1 Das panjiao -System

Auch im Ursprungsland Indien wurde die Varietät an buddhistischen Lehrmeinungen und die mit ihr verbundene Divergenz als Problem erkannt. Jedoch hatte man nicht ernsthaft nach einem Lösungsansatz gesucht. In China hingegen, wo man dieser Problematik einen höheren Stellenwert einräumte und ihr dadurch größere Aufmerksamkeit widmete, wurde auch alsbald eine Lösung gefunden: Diese schien das panjiao -System zu bieten: Ein System zur Klassifizierung buddhistischer Lehrmeinungen.

Diese neue integrative Herangehensweise einer Systematisierung buddhistischer Lehrmeinungen stellte eine Erneuerung auf dem Gebiet der buddhistischen Hermeneutik dar, welche ein revolutionäres und universal einsetzbares Mittel zur Lösung dieser Problematik bot. In jenem System versuchte man die verschiedenen philosophischen Konzepte innerhalb der buddhistischen Lehre allumfassend und integrativ in eine hierarchische Ordnung zu bringen. So wurden die Lehrmeinungen nach Graden oder Stufen der Wahrheitserkenntnis eingeordnet. Dabei stand die Lehre der eigenen buddhistischen Schule an höchster Position. Diesem Ansatz liegt die mahayanistische Idee von upaya, den „geschickten Mittel“( 方便, fangbian) zugrunde. Durch sie wurde es möglich, die Sutren mit ihren divergierenden Lehren und Methoden als originär von Buddha Shakyamuni gelehrt zu akzeptieren.[10] Dabei geht man von der Annahme aus, Buddha habe bei seiner Erleuchtung die höchste Wahrheit erkannt, ihm jedoch bei dem Versuch diese Erfahrung seinen Schülern mitzuteilen, aufgefallen sei, dass diese unterschiedliche geistige Kapazitäten und Vorbildung besaßen. Somit konnte seine Lehre nicht von allen gleichermaßen verstanden werden. Trotzdem versuchte er aber den Weg zur Befreiung allen Menschen zugänglich zu machen und passte deshalb seine Erklärungen der Intelligenz und Vorbildung des Schülers an.

[...]


[1] Diese Aussage lässt sich auf alle buddhistischen Traditionen ausweiten: alle haben für die moderne

Forschung nicht verifizierbare genealogische Systeme entwickelt, welche nur im Kontext sektiererischer Rivalitäten entstanden sind und somit nicht frei sein können von historischer Manipulation zum eigenen Vorteil. McRae spricht in Anlehnung an David William Cohens: The Combining of History. Chicago and London: University of Chicago Press, 1994, von “production of history”, also von einer individuellen Erfindung, bzw. Auslegung der Geschichte. Dazu siehe McRae, S.48. Ferner spricht McRae im Sinne von Hobsbawm und Ranger auch von „invention of a tradition“, siehe McRae: S. 67 in Bezug auf Hobsbawm, Eric und Ranger, Terence (Hg.): The Invention of Tradition. Cambridge und New York: Cambridge University Press, 1996.

[2] Dieser Titel wurde ihm erst später vom 5. Patriarchen Guifeng Zongmi verliehen.

[3] Siehe Buswell: Chinese Buddhist Apokrypha.

[4] Vgl. Gregory: S.125-126.

[5] Vgl. Oh (1976): S.72-91; Oh (1979): S.86; siehe auch Chang: S.240.

[6] D.T. Suzuki jedoch macht in der Einführung zu B.L. Suzuki XXXIV die Abgrenzung: Chan sei „die praktische Vollendung des buddhistischen Gedankens in China und die Avatamsaka-Philosophie [chin.: huayan, D.K.] ihr theoretischer Höhepunkt“, übersetzt in Dumoulin (1959): S.44 [Hervorhebung durch Unterstreichung von mir hinzugefügt, D.K.].

[7] Vgl. Gregory: S.152.

[8] Vgl. z.B. Franke: S.407. Die Legende vom Traum des Kaisers Ming der östlichen Han (Regierungszeit 58-75 n. Chr.) bei dem er den Buddha erblickt haben soll und daraufhin eine Gesandtschaft nach Indien sandte, die mit buddhistischen Schriften ins Reich zurückkehrte.

[9] Dazu siehe Zürcher: „The Buddhist Conquest of China“.

[10] Vgl. Shih: S.15.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Von shishiwuai zu lishiwuai - Guifeng Zongmi, Chan und der ontologische Paradigmenwechsel in der Huayan-Schule
Hochschule
Universität Trier  (FB II Sinologie )
Veranstaltung
Die Schulen des chineschen Buddhismus
Note
1.0
Autor
Jahr
2008
Seiten
31
Katalognummer
V91607
ISBN (eBook)
9783638051804
ISBN (Buch)
9783638944748
Dateigröße
866 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Guifeng, Zongmi, Chan, Paradigmenwechsel, Huayan-Schule, Schulen, Buddhismus, Tang, 宗密
Arbeit zitieren
Daniel Künstler (Autor), 2008, Von shishiwuai zu lishiwuai - Guifeng Zongmi, Chan und der ontologische Paradigmenwechsel in der Huayan-Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91607

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