Faktor X - Die Rolle der Religion in der Sozialen Arbeit mit Jugendlichen christlicher und muslimischer Prägung in Deutschland

Religionswissenschaftliche und soziokulturelle Grundlagen - sozialwissenschaftliche Studien - interreligiöse Jugendprojekte


Diplomarbeit, 2008

140 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Grundlagen des Islam und des Christentums
2.1 Ein kurzer Überblick über den Islam
2.1.1 Die 5 Säulen des Islam
2.1.2 Konfessionen und Strömungen innerhalb des Islam
2.1.2.1 Sunniten
2.1.2.2 Schiiten
2.1.2.3 Aleviten
2.2 Ein kurzer Überblick über das Christentum
2.2.1 Einführung
2.2.2 Entwicklung
2.2.3 Aktuelles
2.3 Der Umgang beider Religionen miteinander
2.3.1 Der exklusive Religionstyp
2.3.2 Das inklusive Religionsmodell
2.3.3 Das plurale Religionsmodell
2.4 Die wichtigsten Berührungspunkte und Unterschiede des Islam und des Christentums
2.4.1 Koran versus Bibel
2.4.2 Jesus versus Muhammad
2.4.3 Dreifaltigkeit
2.4.4 Religion versus Staat

3 Der interreligiöse Dialog
3.1 Die Geschichte des interreligiösen Dialogs
3.2 Die Position der Kirchen
3.3 Bestandteile des interreligiösen Dialogs
3.3.1 Forderungen an den interreligiösen Dialog
3.3.2 Die verschiedenen Ebenen des interreligiösen Dialogs
3.3.3 Notwendige Bedingungen für den interreligiösen Dialog

4 Die aktuelle Situation muslimisch geprägter Jugendlicher in Deutschland
4.1 Einwanderungsgeschichte
4.2 Aktuelle Situation junger Migranten
4.2.1 Bildungsbereich
4.2.2 Sprachkenntnisse
4.3.3 Kulturelle Identität muslimisch geprägter Jugendlicher

5 Die Bedeutung der eigenen Religion für christlich und muslimisch geprägte Jugendliche
5.1 Die 13. Shell Jugendstudie: Jugend
5.1.1 Untersuchungsrahmen
5.1.2 Ergebnisse
5.2 Die 15. Shell Jugendstudie: Jugend
5.2.1 Untersuchungsrahmen
5.2.2 Ergebnisse
5.3 null zoff & voll busy
5.3.1 Untersuchungsrahmen
5.3.2 Ergebnisse
5.4 Stiftung Zentrum für Türkeistudien (ZfT)
5.4.1 Untersuchungsrahmen
5.4.2 Ergebnisse
5.4.2.1 Ausleben der religiösen Praxis
5.4.2.2 Moscheebesuch
5.4.2.3 Verhältnis zu religiösen Organisationen
5.4.2.4 Persönliche Einstellungen
5.5 Projekt Zuwanderung und Integration der Konrad-Adenauer- Stiftung e.V
5.5.1 Untersuchungsrahmen
5.5.2 Ergebnisse
5.6 Verlockender Fundamentalismus
5.6.1 Untersuchungsrahmen
5.6.2 Ergebnisse
5.7 Fazit

6 Interreligiöse Jugendarbeit als Bestandteil der Sozialen Arbeit - praktisch umgesetzt
6.1 Interreligiöse Jugendarbeit - grundlegende Aspekte
6.2 Interreligiöses Jugendcamp „Find your world“
6.2.1 Von der Idee zur Umsetzung
6.2.2 Finanzierung
6.2.3 Die Begleitpersonen
6.2.4 Die teilnehmenden Jugendlichen
6.2.5 Programm und Verlauf
6.2.6 Fazit
6.3 Deutsch-Türkische Begegnungsreise
6.3.1 Anlass und Zielsetzung
6.3.2 Teilnehmer
6.3.3 Finanzierung
6.3.4 Programm und Inhalte
6.3.5 Fazit
6.4 Weißt du wer ich bin? (WDWIB)
6.4.1 Die Trägerorganisationen
6.4.2 Projektziele
6.4.3 Finanzierung
6.4.4 Das trialogische Prinzip
6.4.5 Aktivitäten innerhalb der Initiativen
6.4.6 Fazit
6.5 Interreligiöse Shuttle-Tour in Würzburg
6.5.1 Veranstalter
6.5.2 Durchführung
6.5.3 Teilnehmer
6.5.4 Fazit
6.6 Gesprächskreis für muslimische und christliche Jugendliche im Kölner Jugendzentrum Klingelpütz
6.6.1 Das Team
6.6.2 Die Teilnehmer
6.6.3 Themen
6.6.4 Durchführung
6.6.5 Fazit
6.7 Schulung für Mitarbeiter von Projekten mit muslimischen Kindern und Jugendlichen
6.7.1 Ziele
6.7.2 Aufbau und Inhalte der Schulung
6.7.3 Gruppenzusammensetzung
6.7.4 Fazit
6.8 Interreligiöse Jugendarbeit - Die Zusammenfassung
6.8.1 Das Team
6.8.2 Die Teilnehmer
6.8.3 Die Ziele
6.8.4 Finanzierung
6.8.5 Rahmenbedingungen

7 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang:
Anhang 1: Zeitungsartikel über die Deutsch-Türkische Begegnungsreise
Anhang 2: Kölner Friedensverpflichtung
Anhang 3: Zeitungsartikel über die interreligiöse Shuttle-Tour im Juli 2007 in Würzburg
Anhang 4: Zeitungsartikel über die interreligiöse Shuttle-Tour im Dezember 2007 in Würzburg

1 Einleitung

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ (Martin Buber)

Die Soziale Arbeit mit Jugendlichen in Deutschland befindet sich derzeit in einer Phase der Neufindung. Durch die hohe Zuwanderung von Ausländern seit den 1960er Jahren bildeten sich in Deutschland zahlreiche Kulturkreise. Eines der Besonderheiten einer jeden Kultur ist der unterschiedliche Stellen- wert der Religion, wobei sich auch hier die Kulturen oftmals innerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft stark unterscheiden. Damit existiert in Deutschland derzeit ein großer Pool an verschiedenartigen religiösen Aus- prägungen, die ihre jeweils eigenen Anforderungen an die deutsche Gesell- schaft stellen. Vor allem der muslimische Kulturkreis ist stark vertreten. Mit einer überdurchschnittlichen Geburtenrate und einem daraus resultierend hohen Anteil an muslimisch geprägten Jugendlichen sieht sich die deutsche Soziale Arbeit speziellen Herausforderungen gegenübergestellt. Diesbezüg- lich ist eines der priorisierten Ziele der Sozialen Arbeit - neben einer multikul- turellen Gesellschaft, in der die verschiedenen Kulturen parallel existieren - auch eine interkulturelle Gesellschaft durch ihr Engagement zu fördern. In dieser sollen die verschiedenen Kulturen miteinander in Interaktion treten, damit sich so die Möglichkeit einer Begegnung und Auseinandersetzung hin zu einem besseren Miteinander ergeben kann (vgl. Vött 2002, S. 53). Hier setzt die interreligiöse Soziale Arbeit an.

Wichtiger Anknüpfungspunkt hierfür ist gerade die Frühsensibilisierung von Kindern und Jugendlichen. Da diese im jungen Alter noch relativ offen und vorurteilsfrei anderen (Kulturen) begegnen, ist es sinnvoll, sie von klein auf mit dem interkulturellen Gedanken vertraut zu machen und Neugier auf Un- bekanntes zu wecken. Es ist wichtig zu wissen, welche Werte und Überzeu- gungen die unterschiedlichen, religiösen Jugendgruppen vertreten, um indi- viduell auf die jeweiligen Bedürfnisse eingehen zu können. Gerade bei mus- limisch geprägten Jugendlichen scheint es - so die gängige Meinung - eini- ge Unterschiede zu christlich geprägten Jugendlichen zu geben. Lange Zeit war dieser Kontext weitestgehend unerforscht. Doch mittlerweile ist sich die deutsche Forschung einig, dass tiefgehende und detailierte Untersuchungen nötig und überfällig sind. Der Diskurs wurde in den späten 1990er Jahren angestoßen. Seitdem nimmt die Thematik an Popularität - in der Forschung wie auch den Medien - zu.

Einige der umfangreichsten Studien zur Religiosität jugendlicher Muslime und Christen in Deutschland werden im fünften Kapitel dieser Arbeit näher erläutert. Zuvor werden grundlegende Bestandteile des Islam und des Chris- tentums skizziert sowie anschließend wichtige Unterschiede und Gemein- samkeiten der beiden abrahamitischen Religionen durchleuchtet. Darauf auf- bauend wird die Zusammenarbeit im Bereich des seit Jahren verstärkt durchgeführten und immer mehr in den Vordergrund tretenden interreligiösen Dialogs beschrieben. Nachwievor existieren große strukturelle Unterschiede im Bereich der Bildung und des sozialen Status zwischen christlichen und muslimischen Jugendlichen in Deutschland. Diese Differenzen werden im vierten Kapitel näher erläutert, da sie wichtige Erkenntnisse zur aktuellen Lage muslimisch geprägter Jugendlicher liefern. Im sechsten Kapitel werden einige bereits durchgeführte interreligiöse Jugendprojekte und Initiativen vor- gestellt, die den Versuch wagen, ein interreligiöses Miteinander in die Reali- tät umzusetzen. In diesem Kontext werden einige Grundvoraussetzungen zum Gelingen interreligiöser Maßnahmen deutlich, die zusammenfassend betrachtet und in eine abschließende Betrachtung überführt werden.

Aus Gründen der Lesefreundlichkeit wird in den Ausführungen die männliche Form benutzt. Selbstverständlich sind aber immer beide Geschlechter ge- meint.

Da die große Mehrheit von rund 78% der Muslime in Deutschland aus der Türkei stammt und der Islam in Deutschland sehr türkeigeprägt ist (vgl. Şen 2007, S. 17), beziehen sich viele Ergebnisse und Forschungen ausschließ- lich auf die türkische Ausrichtung des Islam, was sich auch in dieser Arbeit widerspiegelt. Es soll jedoch eingehend explizit betont werden, dass der Is- lam - ebenso wie das Christentum - viele verschiedene Ausprägungen be- sitzt und in jeder muslimischen Kultur unterschiedlich praktiziert wird.

2 Die Grundlagen des Islam und des Christentums

„Die Wahrheit der einen Religion bedeutet nicht die Unwahrheit der anderen.“ (Raimundo Panikkar 1999, S. 25)

Obwohl Muslime mittlerweile fester Bestandteil des deutschen Alltags ge- worden sind, muss man feststellen, dass nur die wenigsten Deutschen etwas über die Religion „Islam“ wissen. Vieles beschränkt sich auf recht oberflächli- ches „Medienwissen“, welches größtenteils undifferenziert und leider auch oftmals tendenziell negativ behaftet ist. Ebenso ist aber auch von Seiten der Muslime oft ein sehr einseitiges und eher kritisches Bild über das Christen- tum zu beobachten. Doch gelten beide Glaubensrichtungen, das Christentum und der Islam, zu den sogenannten „abrahamitischen Religionen“. Eine Tat- sache, die mehr Gemeinsamkeiten mit sich bringt, als sich viele bewusst sind. Beide Religionen, wie auch das Judentum, gehen auf den gleichen Ursprung zurück und bekennen sich zu dem Gott, der sich in der Überliefe- rung des Alten Testaments zum ersten Mal Abraham offenbarte. Sie erken- nen (in abweichender Bewertung) die Bücher der hebräischen Bibel als heili- ge Schrift an und ehren Jesus von Nazareth als Propheten (Judentum und Islam) bzw. menschgewordenes Wort Gottes (Christentum) (vgl. Heidenhain 2005, S. 11).

Dieses Kapitel soll - soweit es innerhalb dieses Rahmens möglich ist - ein differenzierteres Bild beider Religionen zeichnen und die Grundmuster des Islam und des Christentums aufzeigen. Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass die generalisierende Form „der Islam“, ebenso wie die genera- lisierende Form „das Christentum“, z.T. recht problematisch ist. Der Islam, wie auch das Christentum, verfügen über sehr breite und unterschiedliche Erscheinungsformen, theologische Ansätze und historische Traditionen. Demzufolge sind die folgenden Informationen als allgemein jedoch nicht pauschalisierend zu verstehen. Inhaltliche Bestandteile der Religionen sind der zur Verfügung stehenden Literatur entnommen. Es wurden ausschließ- lich Untersuchungen und Informationsmaterialien verwendet, die auf gängige Empfehlungen offiziell anerkannter Träger basieren.

Damit soll eine einseitige und grundsätzlich zweifelhafte Darstellung beider Religionen vermieden werden. Auch wenn einige der Definitionen und Auslegungen diskussionswürdige Angriffsflächen bieten, so belegt diese Tatsache doch das breite Spektrum der Religionsauffassungen.

2.1 Ein kurzer Überblick über den Islam

Als jüngste Weltreligion hat der Islam seinen Ursprung im 7. Jahrhundert auf der Arabischen Halbinsel. Verkünder des Islam war “Muhammad“ (ca. 570 bis 632 n.Chr.). Er gilt für die Muslime als „das Siegel der Propheten“, was meint, dass er der letzte der mit Abraham beginnenden und Jesus einschlie- ßenden Reihe von Propheten ist. Der muslimische Glaube besagt, dass Mu- hammad die von allen Propheten vermittelte Botschaft Gottes - die dem muslimischen Verständnis zufolge immer wieder von den Menschen ver- fälscht worden ist - endgültig im echten Sinne Gottes übermittelt hat (vgl. Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales 1997, S. 13). Die Bedeutung des Worts Islam lautet „freiwillige Hingabe an Gott“ (Heidenhain 2005, S. 16). Ein Muslim ist somit jemand, „der sich in Gott ergibt oder zum Islam bekennt“ (Bundeszentrale für politische Bildung 2005, S. 10). Durch diese Hingabe wird der innere Frieden im Herzen der Gläubigen bewirkt. Im Wort Islam steckt die gleiche Wortwurzel wie in Salam (Friede). Ein Muslim ist deshalb auch jemand, der sich für den Frieden einsetzt, indem er sich dem Willen Gottes unterwirft.

Der allseits bekannte Begriff „Allah“ stammt aus dem arabischen Artikel „al-“ und dem Wort für Gott „ilah“. Der Begriff bedeutet „der Gott“ und wird auch für den Gott der christlichen Bibel und der jüdischen Thora verwendet. Als die unmittelbare Offenbarung Gottes gilt für einen gläubigen Muslim in jedem Wort der Koran (qur’an / kuran = Lesung, Rezitation). Als Autor des Korans gilt nicht Muhammad. Er hat lediglich eine durch Allah vermittelte Botschaft wortwörtlich der Bevölkerung weitergegeben. Damit gilt der Koran als absolut vollkommen, wie auch Allah vollkommen ist. Nichts kann aus Sicht der Mus- lime die Botschaft des Korans überbieten. Vergleicht man zahlreiche Aussa- gen des Korans mit dem Neuen Testament oder der hebräischen Bibel, wird deutlich, dass viele Aussagen des Korans aus dem Alten bzw. Neuen Tes- tament übernommen sind. Der Koran ist ein Buch, in dem Themen und Stoffe seiner „Vorläuferbücher“ (Bundeszentrale für politische Bildung 2005, S. 20) aufgenommen und weitergeführt werden, so wie der Islam auch als Religion in seinen religiösen Grundaussagen auf die religiöse Botschaft des Christentums und des Judentums aufbaut.

Allerdings ist aus der Sicht gläubiger Muslime der Koran den anderen Bü- chern als unüberbietbare und vollkommene Botschaft Gottes überlegen. Sie sind zwar nicht der Meinung, dass die „Vorläuferbücher“ falsch sind, dennoch gilt ihre Form als teilweise verfälscht und unvollkommen. Anders gesagt: Dort, wo der Koran einer Aussage des Alten bzw. Neuen Testaments nicht entspricht, bietet für gläubige Muslime nur der Koran die richtige und voll- kommene Aussage (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2005, S. 20).

Des Weiteren wird der Koran auch in nichtarabischen Ländern ausschließlich in Arabisch rezitiert, da der Text nur in dieser Fassung als “unerschaffenes Wort Gottes“ gilt, dessen Original als “Urschrift“ im Himmel aufbewahrt wer- de. Der Islam erkennt die vor ihm entstandenen abrahamitischen Buchreli- gionen und deren Propheten zwar an, versteht sich aber letztendlich als die letzte der Weltreligionen (vgl. Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Sozia- les 1997, S. 14f.).

2.1.1 Die 5 Säulen des Islam

Der islamische Glaube unterscheidet zwischen den Pflichten, die der Mensch Gott schuldet, und den Pflichten der Menschen gegenüber seinen Mitmenschen und der Gemeinschaft.

Die fünf sogenannten Säulen des Islam kombinieren beide Pflichtbereiche:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die fünf Säulen des Islam

(Aus: Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales 1997, S. 21)

Angehörige des Islam müssen alle fünf Pflichten erfüllen. Es existieren aller- dings Ausnahmeregelungen für all diejenigen, die aus körperlichen, geistigen oder finanziellen Gründen nicht in der Lage sind, ihre Pflichten als Muslime zu erfüllen. So existiert beispielsweise eine Befreiung von der Fastenpflicht für Kinder oder Schwangere. Lassen es die Finanzen zu, kann auch statt des Fastens ein Tier- oder Geldopfer erbracht werden. Die Wallfahrt nach Mekka, die für Muslime aller Welt einen ihrer religiösen Höhepunkte darstellt, soll nur von denjenigen begangen werden, die ihre gesellschaftlichen Verpflichtun- gen erfüllt haben, schuldenfrei sind und ihre Familien durch die Fahrt finanzi- ell nicht belasten. Des Weiteren gibt es verschiedene Verhaltensregeln, die weltweit von den Muslimen unterschiedlich befolgt werden. Als Beispiele sind das Tragen des Kopftuches oder eine Ganzkörperverhüllung, die männliche Beschneidung, der Verzicht auf Alkohol, Geld- und Wertzinsen oder Schwei- nefleisch zu nennen (vgl. Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales 1997, S. 37).

2.1.2 Konfessionen und Strömungen innerhalb des Islam

Es existieren viele verschiedene Konfessionen und Rechtsschulen innerhalb des Islam. Meist ist dies auf die unterschiedlichen Herkunftsstaaten zurückzuführen, da diese durch ihre jeweils eigenen historischen Entwicklungen geprägt sind und dadurch eigene kulturelle Ausprägungen von Religiosität entwickelt haben. Doch auch bei Muslimen innerhalb eines Landes herrscht eine, nicht unbedingt immer unbrisante, religiöse Vielfalt.

Die größte Gruppe unter den Muslimen bilden die Sunniten. Daneben folgen weltweit zahlenmäßig die Schiiten, wobei beispielsweise in der Türkei die Aleviten stärker vertreten sind. Auch wenn es etwas sehr vereinfacht ist, ha- ben die Sunniten und Schiiten so viel „gemeinsames und trennendes wie etwa Katholiken und Protestanten“ (Spuler-Stegemann 2002, S. 31). Des Weiteren gibt es noch weitere Gruppierungen, die dem nicht-orthodoxen Is- lam in Form mystischer Orden folgen. Alle Glaubensrichtungen des Islam haben in Deutschland mittlerweile ein dichtes Netz an Verbänden und Verei- nen, die die jeweilige Arbeit unterstützt. Die Arbeit bezieht sich nicht nur auf religiöse Themen und Inhalte, sondern auch auf die der Sozialen Arbeit. Es besteht ein großes Angebot an sozialen Hilfen in den unterschiedlichsten Bereichen. Ob Schuldner- oder Eheberatung, Sprach- oder Integrationskurse - vieles davon wird mittlerweile innerhalb der eigenen Glaubensrichtung an- geboten. Dabei spielt gerade die Jugendarbeit eine sehr wichtige Rolle. Ob bei der Alevitischen Jugend in Deutschland oder den zahlreichen DITIB- Einrichtungen: Es gibt diverse Angebote wie Fußball, Nachhilfeunterricht, gemeinsame Freizeiten oder Korankurse, die meistens rege in Anspruch ge- nommen werden.

Die Angehörigkeit der Jugendlichen zu den verschiedenen Glaubensrichtun- gen des Islam ist für den Alltag der Sozialen Arbeit nicht unerheblich, da es je nach Zugehörigkeit große Unterschiede in der Praxis der Religionsausü- bung geben kann. Die Kenntnis dieser Gruppen sollte zu den Grundkompe- tenzen interreligiös arbeitender Sozialarbeiter gehören, um optimal auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und potenziellen Konfliktfelder zwischen den einzelnen Gruppen eingehen zu können.

Diese Abbildung zeigt die existierenden Glaubensrichtungen des Islam auf eine übersichtliche Art und Weise:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Glaubensrichtungen des Islam

(Aus: Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales 1997, S. 27)

2.1.2.1 Sunniten

Die Sunniten stellen die größte Gruppierung innerhalb des Islam dar. Ihr An- teil unter den Muslimen wird weltweit je nach Quelle auf etwa 85% bis 90% beziffert. Auch in Deutschland gehören die meisten Muslime dem sunniti- schen Islam an. Deren Prozentzahl liegt aufgrund einer überdurchschnittlich hohen Zahl alevitischer Muslime aus der Türkei allerdings unter dem weltwei- ten Schnitt. Die Bezeichnung “Sunniten“ lässt sich aus dem arabischen Wort “sunna“ herleiten, welches wörtlich “Herkommen“ bzw. “Brauch“ bedeutet. Die Sunna beschreibt die prophetische Tradition, d.h. Aussprüche und Hand- lungen Muhammads, wie sie in den sogenannten “hadithen“ (arab. Erzählun- gen, Gespräche) überliefert sind. Für sunnitische Muslime gelten die Glau- bensvorschriften des Korans und damit die Einhaltung bestimmter Gebote und Verbote als verbindlich. Zwischen Sunniten und Schiiten gibt es im Rahmen der Glaubenslehre und -praxis keine wesentlichen Unterschiede.

Die in Deutschland lebenden Muslime gehören zu rund 80% dem sunnitischen Islam an. Der gleiche Prozentwert gilt in etwa auch für die in Deutschland lebenden türkischen Muslime (vgl. Şen / Aydin 2002, S. 17f.).

2.1.2.2 Schiiten

Die Schiiten gelten als eine der Hauptströme im Islam, bilden aber in Deutschland mit ca. 4% nur eine sehr kleine Gruppe unter den Muslimen. In der schiitischen Tradition werden Imame als Führer der Glaubensgemeinde besonders hoch angesehen. Der größte Teil der Schiiten beruft sich auf zwölf vergangene Imame (“Zwölferschia“) die innerhalb der Gruppe z.T. heftig umstritten waren. Dies führte dazu, dass es auch innerhalb der schiitischen Bewegung zu Abspaltungen kam (siehe Abbildung 2). Ein großer Unter- schied zum sunnitischen Islam sind beispielsweise eigene Gedenktage wie das “Aschura-Fest“. Des Weiteren fügen schiitische Muslime dem islami- schen Glaubensbekenntnis “Es gibt keinen Gott außer Gott, und Muhammad ist sein Prophet“ den Abschnitt “und Ali ist sein Freund“ hinzu. Dies hat sei- nen Ursprung darin, dass Ali (der Cousin und Schwiegersohn Muhammads) für Schiiten als der erste legitime Nachfolger des Propheten gilt und deswe- gen besonders verehrt und gehuldigt wird (vgl. Şen / Aydin 2001, S. 19). Schiitische Muslime nahmen in der Geschichte - vom Iran abgesehen - im- mer eine Minderheitenposition ein und standen meistens in Opposition zum dominierenden sunnitischen Islam.

Die meisten schiitischen Muslime in Deutschland sind unter iranischen Zu- wanderern zu finden. In der türkischen Bevölkerung in Deutschland spielen sie nur eine kleine Rolle. Die schiitischen Muslime haben es im Laufe der Jahre geschafft, sich in Form von eigenen Moscheevereinen und Institutio- nen eine eigene religiöse Infrastruktur in Deutschland aufzubauen (vgl. Şen / Aydin 2001, S. 19).

2.1.2.3 Aleviten

Historisch betrachtet bilden Aleviten eine Untergruppe der Schiiten (siehe Abbildung 2). Im Alevitentum existieren zwei Ausrichtungen, die große Unterschiede zwischen Glaubensvorstellungen und -praxis der türkischen bzw. kurdischen und der arabischen Aleviten mit sich bringen. Die einzige Gemeinsamkeit beider Ausrichtungen besteht darin, dass nur Ali als rechtmäßiger Nachfolger des Propheten anerkannt wird.

Eine große Rolle spielt außerdem die Mystik als Bestandteil der alevitischen Glaubenslehre und -praxis, die sich stark vom religiösen Alltag der Sunniten und Schiiten unterscheidet. Religiöse Pflichten der Sunniten und Schiiten wie die Wallfahrt nach Mekka, das rituelle Gebet oder das Fasten während des Ramadans spielen bei den Aleviten keine Rolle. Sie haben eigene Rituale und Regeln. Ihr zentrales Gebot ist es, „seine Hand, seine Zunge und seine Lende zu beherrschen“ (Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Sozia- les1997, S. 42). Ein Alevit hat sich vor Diebstahl, Gewalt, Lügen, übler Nach- rede, ungezügeltem Geschlechtsverkehr und Ehebruch sowie Offenlegung des Bekenntnisses gegenüber Nicht-Aleviten zu hüten. „Als Alevit wird man geboren“ und eine Hochzeit zwischen Aleviten und Schiiten bzw. Sunniten bringt bei praktizierenden Muslimen viele Probleme mit sich (vgl. Spuler- Stegemann 2002, S. 40).

Die strenge Trennung von Frauen und Männern bei Zusammenkünften findet bei den Aleviten nicht statt. Aleviten haben regelmäßige rituelle Zusammen- künfte unter gemeinsamer Beteiligung von Männern, Kindern und Frauen - zumindest unter den türkischen und kurdischen Aleviten. Mitunter wegen dieser von der Orthodoxie abweichenden Glaubenspraxis wurden die Alevi- ten in der Vergangenheit in der Türkei verfolgt. Bis zum heutigen Tag spielen die Aleviten eine Sonderrolle und werden - in nicht unerheblichem Maße - nach wie vor von vielen Gläubigen nicht akzeptiert. Aus diesem Grund hiel- ten sich viele Aleviten in ihrer Vergangenheit mit ihrer Religionszugehörigkeit bedeckt und verfolgten eine Geheimhaltungspraxis. Seit Ende der 1980er Jahre lässt sich aber ein Prozess der Wiederfindung feststellen. Dazu gehört z.B. das offene Bekenntnis zur eigenen Glaubensrichtung. Die starken Pro- teste gegen eine Tatort-Folge im Dezember 2007, in der aus Ansicht der Aleviten gängige Vorurteile verstärkt wurden, machen deutlich, dass sich Aleviten mittlerweile nicht mehr verstecken und offen ihre Rechte einfordern. Festzuhalten bleibt dennoch, dass Aleviten nachwievor oft von anderen Mus- limen diskriminiert und nicht als “richtige“ Muslime akzeptiert werden.

Die meisten Aleviten sind in der Türkei vertreten - dort beträgt ihr Anteil an der muslimischen Bevölkerung 15% bis 20%, manche sprechen sogar von bis zu 40% (vgl. Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales 1997, S. 41). In Deutschland beträgt ihr Anteil ca. 15%, wobei sich auch hier die Quellen oft unterscheiden und manchmal auch von einem 20%igen Anteil gesprochen wird (vgl. Spuler-Stegemann 2002, S. 36). Auch die Aleviten sind mittlerweile in Deutschland gut organisiert und verfügen über eigene Einrichtungen und Zentren (vgl. Şen / Aydin 2001, S. 20f.).

2.2 Ein kurzer Überblick über das Christentum

Zunächst muss gesagt werden, dass im Rahmen der Recherchen große Probleme darin bestanden, zusammenfassende Beschreibungen über das Christentum zu finden. Während es zahlreiche Quellen scheinbar problemlos schaffen, den Islam in Kürze vorzustellen, sieht es bei Beschreibungen des Christentums anders aus. Nicht einmal die meisten interreligiös ambitionier- ten bzw. den Dialog fördernden Broschüren oder Handreichungen sehen es als wichtig an, das Christentum vorzustellen - obwohl diese eigentlich auch als Informationsmaterial für muslimische Gläubige dienen. Auch Anfragen bei muslimischen Institutionen und Internetforen nach Informationsmaterialien zum Christentum blieben ohne Erfolg. Vereinzelt sind zwar bei Institutionen wie Cibedo (Christlich-Islamische Begegnungs- und Dokumentationsstelle der Deutschen Bischofskonferenz) oder dem Referat für interreligiösen Dia- log des Erzbistums Köln Broschüren wie „Einladung. Ein Kirchenführer für Muslime“ (leider nur auf Deutsch) erhältlich, diese jedoch zumeist gegen eine Gebühr und nur schwer auffindbar.

Ein weiteres Beispiel ist der mittlerweile jährlich stattfindende interreligiöse Fachtag der KFH NW, Abteilung Köln in Kooperation mit der DITIB. 2006 fand dieser bei DITIB statt. In der Informationsmappe, die jeder Teilnehmer erhielt, waren Informationsflyer über den Islam enthalten. Im Folgejahr je- doch, in den Räumen der KFH NW durchgeführt, war keine einzige Broschü- re über das Christentum in den Mappen zu finden. Was es gab: ein Flyer über den Dialog mit den Gläubigen des Islam, in dem - wieder - nur die Kennzeichen des Islam und die Unterschiede der beiden Religionen näher erläutert werden.

Somit könnte man darauf schließen, dass bis heute kaum wirklicher Informa- tionsbedarf von Seiten der Muslime über das Christentum besteht und falls doch, dieser bislang entweder nur sehr unzureichend geäußert oder ignoriert wurde.

2.2.1 Einführung

Der Begriff „Christentum“ (aus dem griech. Wort „christianismós“) steht für die Gesamtheit der Anhänger, des auf Jesus Christus basierenden „christlichen“ Glaubens sowie für den Glauben selbst.

Die Grundpfeiler des Christentums sind der Monotheismus (es gibt nur einen gültigen Gott), das Bekenntnis zu Jesus Christus, die Nachfolge Jesu Christi und eine aus ihr folgende Gemeinschaft in Form einer Kirche bzw. Gemein- de. Weitere feste Bestandteile sind beispielsweise die Buße, die Abend- mahlsfeier oder die Taufe. Eines der am höchsten bewerteten Verhaltens- grundmuster ist das der Nächstenliebe (vgl. Oschwald / Lange 2001, S. 77). Die Bibel ist die „Heilige Schrift“ des Christentums. Sie setzt sich aus zwei Teilen zusammen: dem ursprünglich in hebräischer Sprache verfassten Alten Testament und dem in griechischer Sprache vorliegenden Neuen Testament. Die Unterschiede in den Aussagen und Lebensweisen vieler gläubiger Chris- ten vermittelt eventuell den Eindruck, es stünden sich verschiedene Wahrhei- ten im Christentum gegenüber. Bei einer näheren Betrachtung zeigt sich aber, dass „letztlich alle um ein Zentrum kreisen und von dorther zu verste- hen sind“ (König / Waldenfels 1992, S. 112).

Im Folgenden werden die drei wesentlichen Glaubensaussagen aller christlichen Konfessionen aufgezeigt:

Zum einen ist dies der monotheistische Glaube an den einen Gott, den Schöpfer und Retter der Menschen. Dieser Glaube verbindet das Christen- tum mit dem Judentum und Islam. Laut Aussage der Bibel hat sich Gott in Israels Geschichte als derjenige gezeigt, „der in dieser Welt ständig als Schöpfer am Werk ist, am Leben des Menschen Anteil nimmt und seinen in Sünde und Tod verstrickten Geschöpfen zu Hilfe kommt“ (König / Waldenfels 1992, S. 112).

Eine zweite wichtige Grundaussage ist der Glaube an Jesus Christus, den wahren Sohn Gottes und Erlöser aller Menschen. Diese Aussage hingegen unterscheidet das Christentum wesentlich von Judentum und Islam. Für Christen ist Jesus - abgesehen von seiner Herkunft - seinem Vater (Gott) „in allem wesensgleich“ (König / Waldenfels 1992, S. 112). Dies zeigt, dass sich Gott den Menschen nicht von oben herab erbarmt, sondern ihnen in der Person Jesu persönlich zu Hilfe kommt:

„Indem der Sohn Gottes selbst diesen Tod und die Gottesferne auf sich nahm (,hinabgestiegen in das Reich des Todes‘), eröffnete er allen Men- schen den Weg zu einer Errettung aus dieser Verlorenheit, für die irdisches Elend und biologischer Tod nur schwache Symbole sind“ (König / Waldenfels 1992, S. 112).

Als dritter allgemein geltender Punkt ist der Glaube an den Heiligen Geist anzusehen. Für den christlichen Glauben stellt der Heilige Geist „im Grunde Gottes Lebensodem, Gottes Liebe, die Vater und Sohn miteinander verbin- det“ (König / Waldenfels 1992, S. 112) dar. Der Heilige Geist verhilft dem Gläubigen zum Wissen um das ewige Leben und die Wiedergeburt im Reich Gottes. Demzufolge ist es für Christen von Bedeutung, ob andere diese „Er- leuchtung“ ebenfalls erfahren haben oder nicht. Deswegen spielte und spielt die Mission bis zum heutigen Tag für viele Christen eine wichtige Rolle.

Leider zeigt die Geschichte jedoch, dass damit auch viel Unheil „im Namen Gottes“ einherging. Festzuhalten bleibt, „dass jede Intoleranz gegen andere Religionsgemeinschaften oder Religionen unchristlich“ (König / Waldenfels 1992, S. 112) ist, da sie „verkennt, dass Gott nicht alle Menschen gleichzeitig beruft und vielen Zeit lässt, um schließlich zu der ihnen bestimmten Stunde seiner Einladung zu folgen“ (König / Waldenfels 1992, S. 112).

Die hier genannten drei Wesenselemente sind zwar nur in ihren Grundzügen skizziert, zeigen dennoch eindrücklich, welches die wesentlichen Glaubensinhalte gläubiger Christen sind.

2.2.2 Entwicklung

Entstanden ist das Christentum aus dem Frühjudentum. Es sieht die Frage nach dem Lebenssinn in Leben, Lehre und Gestalt des jüdischen Wander- predigers Jesus von Nazareth beantwortet. Damit ist eines der spezifischen Merkmale des Christentums die strenge Jesus-Orientierung als “Heilsermitt- ler“. Man kann heute sicher sagen, dass Jesus von Nazareth nie eine univer- sale Kirche gründen wollte. Er sah sich vielmehr als Reformer Israels, auf dessen zwölf Stämme er sinnbildlich mit der Berufung von zwölf Aposteln Anspruch erhob (vgl. König / Waldenfels 1992, S. 106). Er vermochte es, durch sein Wirken seine Jünger lebenslang zu beeinflussen und sie für seine Arbeit nachhaltig zu gewinnen. Selbst nach Jesu Tod und Rückkehr zu sei- nem Vater,

„wagten es die einfachen Männer aus Galiläa, den gekreuzigten Jesus von Nazareth bald öffentlich - eindrucksvoll wohl beim ersten Pfingstfest - als den ,Kyrios und Christus‘ (Apostelgeschichte 2, 36) zu verkünden sowie zum rettenden Glauben an ihn und zur Taufe auf seinen Namen aufzurufen“ (König / Waldenfels 1992, S. 107).

Vom jüdischen Glauben endgültig ausgeschlossen wurden die Jünger Jesu ca. 70 n. Chr., da sie sich durch ihre ständige Berufung auf Jesu Wirken, sei- nen Tod und die Ostererfahrungen als „das neue Volk Gottes, das wahre Israel und die Kirche Gottes aus Juden und Heiden“ (König / Waldenfels 1992, S. 107) verstanden. So betrieben die Jünger Jesu eine rege und erfolgreiche Missionsarbeit. Daraufhin wurden in Israel, Italien, Griechenland, im Vorderen Orient und Nordafrika christliche Kirchen und Gemeinden ge- gründet. Das Christentum entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte zu einer immer größer werdenden und bedeutenden Religion - so wurde sie erstmals durch das Toleranzedikt des Kaisers Konstantin 311 n. Chr. zu einer „erlaubten Religion“ („religio licita“) benannt. Durch dieses Edikt wurde die christliche Religion erstmals zur Staatsreligion im römischen Reich erklärt. Damit konnte sich die Kirche problemlos entfalten und vergrößern (vgl. Hugoth 2003, S. 99).

Zu einer wesentlichen Wende und Spaltung der Kirche kam es durch Martin Luther. Er setzte sich ursprünglich für eine Reform des damaligen Kirchenall- tags ein. Zu seiner Zeit nutzten viele kirchliche Fürsten das Christentum da- für aus, Schrecken und Angst unter der Bevölkerung zu verbreiten. Drohun- gen wie die Höllenstrafe wurden dazu benutzt, die Bürger einzuschüchtern und sie zu Ablässen zu zwingen. Dies kritisierte Luther öffentlich und stieß damit - vorbereitet durch Reformversuche von John Wyclif und Jan Hus - auf offene Ohren. Durch den Mangel an echtem Verständnis in Rom und po- litisches Machtstreben von Landesfürsten verstärkt, führte die von Martin Lu- ther angestrebte Reformation zur zweiten großen Kirchenspaltung, die unter Ulrich Zwingli (gest. 1531) und Johannes Calvin (gest. 1564) auch die Ab- trennung der Reformierten und wenig später die Absonderung der anglikani- schen Kirche nach sich zog (vgl. König / Waldenfels 1992, S. 110).

Seit diesem Zeitpunkt existieren im Christentum die beiden großen Gruppen der Katholiken und Protestanten. Auf Seite der Protestanten gibt es in Deutschland verschiedene Untergruppen wie beispielsweise die Evangeli- sche Kirche in Deutschland (EKD), den Bund evangelisch-reformierter Kir- chen und diverse Freikirchen (Baptisten, Methodisten etc.). In der katholi- schen Kirche gibt es ebenfalls verschiedene Strömungen wie beispielsweise die römisch-katholische Kirche oder die alt-katholische Kirche. Die vielfälti- gen Unterschiede dieser Untergruppierungen im Detail zu erklären, wäre zwar sicher sehr interessant, würde sich aber im Rahmen dieser Diplomar- beit als zu umfangreich gestalten.

2.2.3 Aktuelles

Leider muss festgestellt werden, dass sowohl die Katholische als auch die Evangelische Kirche in den letzten Jahrzehnten nicht immer angemessen auf das Zeitgeschehen reagierte. So wurde beispielsweise die für die Bevölkerung sehr wichtige „Soziale Frage“ von den Kirchen nur unzureichend beantwortet. Zahlreiche Faktoren führten dazu, dass es zu einer starken Entfremdung großer Volksschichten gekommen ist und damit aktuell erstmals in der Geschichte „weltweit theoretischer und praktischer Atheismus in Ost und West vertreten“ (König / Waldenfels 1992, S. 112) ist.

Nachwievor ist das Verhalten der Kirchen während des 2. Weltkriegs speziell in Deutschland ein brisantes Thema. Die Kirchen haben erkannt, dass sie teilweise Mitschuld „eines seit alters von Christen genährten Antisemitismus“ (König / Waldenfels 1992, S. 111) tragen. Doch dies stärkte die Bereitschaft zur Eigenkritik gegenüber bestehenden Frömmigkeitsformen und der Kir- chenverwaltung. Sowohl Protestanten als auch Katholiken sind seitdem be- müht, ihre Grundregeln und Überzeugungen zu wahren, dennoch aber auf die Bedürfnisse des Volkes einzugehen. Dieser Spagat stellte sich aber lei- der bisher oft als sehr schwierig und kontrovers heraus (vgl. König / Walden- fels 1992, S. 108ff.).

Ein großes Problem vieler Kirchen ist die anhaltende Säkularisierung („Entkirchlichung“ weiter Teile der Gesellschaft und der immer geringer werdende Einfluss der Kirchen im öffentlichen Bewusstsein) und ihre Folgen. Auch die stetig wachsende Anzahl an kritischen Kirchenmitgliedern und die damit einhergehenden Kirchenaustritte stellen ein ernst zu nehmendes Problem dar. Eine der wichtigsten Aufgaben der christlichen Kirchen muss es sein, dafür passende Antworten zu finden, ohne ihren religiösen Ursprung in Frage zu stellen und ihren Auftrag zu vernachlässigen.

2.3 Der Umgang beider Religionen miteinander

Im Folgenden werden drei verschiedene Religionstypen vorgestellt: das exklusive, inklusive und plurale Religionsmodell. Sie sind in allen Weltreligionen vertreten und spielen im Umgang mit anderen Auffassungen eine wichtige Rolle. Anschließend werden einige Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der christlichen und muslimischen Religion aufgezeigt.

2.3.1 Der exklusive Religionstyp

Anhänger des exklusiven Religionstyps sehen die Wahrheit einzig und allein in ihrer eigenen Religion. Sie glauben zwar daran, dass Gottes Liebe für alle gilt - aber „Heil und Erlösung findet man nur in der eigenen Religionsgemeinschaft“ (Freise 2005, S. 46). Diese Argumentation fußt mitunter auf ein vermeintlich logisches Argument, auf das sich auch der Nobelpreisträger Bertrand Russell bezieht. Er behauptet: „Aus logischen Gründen ist klar, dass höchstens eine der großen Religionen der Welt wahr sein kann, weil sie zueinander in Widerspruch stehen“ (Russell 1968, S. 13).

Exklusivisten sind überwiegend in vereinzelten evangelikalen Kirchen, cha- rismatischen Pfingstgemeinden und in fundamentalistischen Sekten anzutref- fen. Kommt es zu einem Dialog mit Angehörigen anderer Glaubensgruppen, dient dieser überwiegend dem Bekehrungszweck. Die „Missionierung“ wird als ein wichtiges Ziel angesehen. Bis zum zweiten vatikanischen Konzil (1962-1965) war der Exklusivismus noch überwiegender Bestandteil der Überzeugungen der Katholischen Kirche. Dies wurde durch den damals gültigen Satz „außerhalb der Kirche kein Heil“ unterstrichen.

Wichtig ist es, beim exklusiven Religionstyp zwischen zwei Ausprägungen zu unterscheiden: „Die Anhänger können sich friedlich verhalten und sich ledig- lich gegenüber der Außenwelt abgrenzen (...). Sie kann aber auch in ihrer zweiten Ausprägung aggressiv versuchen, ihre einzige Wahrheit der Welt durch Kriege und aggressive Missionstätigkeit zu oktroyieren“ (Freise 2005, S. 45) und wäre daraus folgend dann als fundamentalistisch einzustufen.

Für den interreligiösen Dialog ist diese exklusive Ansichtsweise grundsätzlich ungeeignet, da sie die Menschen anderen Glaubens nicht als Glaubende, sondern als Irrglaubende ansieht (vgl. Vött 2002, S. 36).

2.3.2 Das inklusive Religionsmodell

Das inklusive Religionsmodell besagt ebenfalls, dass Wahrheit nur in der eigenen Religion zu finden ist. Allerdings wird eingestanden, dass auch in anderen Religionen die Gegenwart Gottes präsent ist. Mittlerweile kann man z.B. die Katholische Kirche in dieses Religionsmodell eingebunden sehen: „In der römisch-katholischen Kirche repräsentiert der Inklusivismus seit dem zweiten Vatikanischen Konzil die offizielle Haltung des Lehramtes“ (Schmidt- Leukel 1999, S. 191). Für den für Katholiken sehr bedeutenden Theologen Karl Rahner „bleibt Jesus Christus die letzte Norm“ (Freise 2005, S. 46). Allerdings können seiner Meinung nach Menschen auch ohne Jesus Christus zu kennen, „nach den von Christus verkündetet und gelebten Maximen han- deln“ (Freise 2005, S. 46) und damit dem Anspruch des Evangeliums gerecht werden. Anhänger des inklusiven Religionsmodells gehen davon aus, „dass jede Religion den Anspruch auf universelle und normative Wahrheiten stellt und dass die Wahrheiten anderer Religionen nur bedingt akzeptiert werden können, nämlich auf dem Hintergrund des eigenen Glaubensverständnisses“ (Freise 2005, S. 46). Auf den ersten Blick erscheint das inklusive Religions- modell um einiges geeigneter für den interreligiösen Dialog, trotzdem ist das Verhältnis auch in diesem Religionsmodell nicht wirklich ausgeglichen. Während Jesus im Christentum die unüberbietbare Selbstoffenbarung Gottes darstellt, leuchtet in anderen Religionen lediglich „ein Strahl dieser Wahrheit“ auf. Der anderer Religion wird mit Würde begegnet, aber nicht um ihrer selbst willen, sondern nur in soweit, wie „die Autointerpretation des Anderen mit der christlichen Heterointerpretation übereinstimmt“ (Schmidt-Leukel 1997, S. 191). Positiv bewertet wird das Christliche am anderen, aber nicht die interreligiöse Vielfalt.

Damit bleiben die Gesprächspartner innerhalb dieses Religionsmodells in Partner der ersten und zweiten Klasse, oder wie Karl Rahner es formuliert hat in „der richtige und der anonyme Christ“ (vgl. Vött 2002, S. 37f.), unter- teilt.

2.3.3 Das plurale Religionsmodell

Eine der Hauptunterschiede zwischen dem exklusiven und dem inklusiven Religionsmodell liegt darin, dass das inklusive Modell den Gläubigen aller Religionen gleiche Rechte im Dialog zuspricht. Das plurale Religionsmodell geht noch einen Schritt weiter. Neben dieser formalen Toleranz wird hier auch eine inhaltliche Toleranz geübt. Das Modell besagt, dass auch andere Religionen ihre Anhänger gleichwertig wirksam und erfolgreich zur Wahrheit und zum Heil führen können wie die eigene Religion (vgl. Knitter 1998, S. 68). Das plurale Religionsmodell existiert in dieser Art und Weise seit etwa 20 Jahren. Mit diesem Modell besonders eng verbunden sind Namen wie John Hick, Leonard Swidler, Raimondo Panikkar oder Paul Knitter (vgl. Vött 2002, S. 40). Laut Knitter geht es nicht um „Gleichmacherei“ (Freise 2005, S. 47) der Religionen, sondern um die Sichtweise, dass es viele wahrhaftige Religionen gibt, die zur gleichen Zeit existieren können und sollen. Für Knit- ter ist Jesus zwar Gottes Sohn und der wahre Erlöser, er widerspricht aber der Meinung, dass er der einzige Wegweiser zu Gott sein kann. Der mit sei- nem „Projekt Weltethos“ (ein Projekt für interkulturelle und interreligiöse For- schung, Bildung und Begegnung, siehe auch Abschnitt 6.2) bekannt gewor- dene Theologe und Priester Hans Küng hingegen widerspricht dieser Sicht- weise. Für ihn ist die Normativität und Finalität Jesu Christi eine feste Tatsa- che, ohne damit aber einen arroganten Überlegenheitsanspruch über andere Religionen verbinden zu wollen. Küng vertritt die Meinung, dass demzufolge Anhänger anderer Religionen den Wahrheitsanspruch des Christentums nur bedingt annehmen können, wie auch die Christen den Wahrheitsanspruch anderer Religionen nur bedingt annehmen können.

Genau in diesen beiden wichtigen kontroversen Sichtweisen geht es um die Frage, „wie Religionen im vollen Sinne dialogfähig und offen sein können, ohne ihre absolute Wahrheit aufzugeben“ (Freise 2005, S. 48).

Doch wie denken die christlichen Kirchen über den Islam? Was hält der Islam vom Christentum? Können beide Religionen Gemeinsamkeiten erkennen, erfolgreich miteinander arbeiten und voneinander profitieren? Oder sind die Unterschiede zu gravierend? Im Folgenden sollen die wichtigsten Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede deutlich gemacht werden.

2.4 Die wichtigsten Berührungspunkte und Unterschiede des Islam und des Christentums

Auf den ersten Blick würde man meinen, Christentum und Islam seien zwei grundlegend verschiedene Religionen, die kaum Gemeinsamkeiten besitzen. Beschäftigt man sich aber eingehender mit den Grundwerten und Überzeugungen der beiden Religionen, entdeckt man mehr Gemeinsamkeiten als eventuell vermutet. Allerdings gibt es auch einige bedeutende Unterschiede, die den Umgang miteinander offensichtlich erschweren.

2.4.1 Koran versus Bibel

Liest ein Christ den Koran, so stößt er auf einige Abschnitte, die ihm auch aus dem Alten und Neuen Testament der Bibel bekannt vorkommen würden. So findet man in beiden Büchern die Schöpfungsgeschichte, den Sündenfall und die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies. Damit ist sowohl für Christen als auch für Muslime Gott der Schöpfer dieser Erde (vgl. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz 2003, S. 110). Bekannte Personen und Propheten wie Noah, Moses, Abraham oder Jesus tauchen sowohl im Koran als auch in der Bibel auf.

Ein großer Konfliktpunkt ist die Tatsache, dass Muslime den Koran als „die endgültige Offenbarung Gottes ansehen“ (Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales `MfAGuS´ 1997, S. 191). Sie gehen davon aus, dass die älteren Offenbarungstexte der Christen und Juden verfälscht sind und erst durch den Koran wieder berichtigt worden seien. Muslimischer Auffassung nach muss die Bibel ausgehend von den koranischen Aussagen daraufhin geprüft werden, ob sie der ursprünglichen Offenbarung entspricht. Während Christen die Bibel als das wahre Wort Gottes verteidigen, gilt bei Muslimen nur der Koran mit all seinen Unterschieden zur Bibel als Gottes Wort. Des Weiteren ist im Koran eine dem Christentum nicht bekannte Weissagung enthalten, die besagt, dass nach Jesus noch ein weiterer Prophet erscheinen werde. Sein Name wird „Ahmad“ sein. Da „Muhammad“ zum gleichen Wort- stamm wie „Ahmad“ gehört, wird diese Weissagung als ein Hinweis auf das spätere Erscheinen Muhammads verstanden (vgl. MfAGuS 1997, S. 190ff.).

2.4.2 Jesus versus Muhammad

Im Islam wird Jesus als einer der großen Gesandten und einer „der heraus- ragenden Propheten Gottes“ (Bundeszentrale für politische Bildung 2005, S. 30) angesehen. Sein Lebensstil und die strikte Einhaltung Gottes Gebote werden gelobt und respektiert. Für Muslime gilt er aber letztendlich „nur“ als einer von vielen menschlichen Propheten, die vor Muhammads Geburt Got- tes Botschaft verkündeten. Damit wird Jesus nicht, wie im Christentum, als der mit dem Vater wesensgleiche Sohn Gottes anerkannt. Deutlich wird das auch daran, dass sich im Koran keine Erwähnung von Jesu Auferstehung findet - im islamischen Glauben wurde Jesus nicht gekreuzigt, sondern von Gott vor seinem Tod zu sich genommen. Damit findet sich keine Angabe zum Todeszeitpunkt Jesu im Koran. Der christliche Glaubensgrundsatz, Jesus Christus sei für unsere Sünden gestorben, wird deutlich kritisiert, da damit die Verantwortlichkeit jedes einzelnen Menschen für sein eigenes Le- ben in Frage gestellt werde (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2005, S. 30). Diese Sicht auf Jesus ist für Christen natürlich ein großer Unter- schied, da sämtliche christliche Religionsgruppen Jesus Christus als Sohn Gottes und damit als etwas ganz Besonderes betrachten und ihrer Überzeu- gung nach erst durch seinen Tod und Auferstehung „gerettet“ werden kön- nen.

Auch Muhammad gilt im islamischen Glauben als Mensch aus Fleisch und Blut, „der zwar Verkünder göttlicher Offenbarung ist, jedoch weder die Offenbarung Gottes noch den Vermittler des göttlichen Heils in einer Person darstellt“ (MfAGuS 1997, S. 191).

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die grundlegend verschiedene Auffassung über den Erwerb des ewigen Lebens. Im Gegensatz zum Christentum wird im Islam nämlich davon ausgegangen, dass sich der Mensch durch Befol- gung der göttlichen Vorschriften selbst von seinen Sünden befreien und das ewige Leben erwerben kann und nicht erst durch Gottes Güte (vgl. MfAGuS 1997, S. 190f.).

2.4.3 Dreifaltigkeit

Gemeinsam ist allen drei abrahamitischen Religionen der Glaube an einen Gott. Die christliche Lehre von der Dreieinigkeit Gottes stößt bei muslimi- schen Gelehrten hingegen auf scharfe Kritik. Sie sehen darin eine Missach- tung des Bekenntnisses der Einheit Gottes. Sie vergleichen die Dreifaltig- keitslehre mit einer zu verurteilenden Dreigötterlehre. Diese würde nämlich besagen, dass Christen nicht nur an einen, sondern an drei Götter gleichzei- tig glaubten (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2005, S. 31). Der Islam sieht sich als eine streng monotheistische Religion, welche die radikale Einzigkeit Gottes betont. Diese unterschiedliche Betrachtung ist oft eines der emotionsgeladensten Streit- und Diskussionspunkte zwischen Christen und Muslimen (vgl. MfAGuS 1997, S. 191).

2.4.4 Religion versus Staat

Muhammad war religiöser als auch politischer Führer der islamischen Ge- meinschaft, während sich Jesus ausdrücklich nicht als Befreier oder weltli- cher Herrscher Palästinas ansah. Während seiner Zeit in Mekka trat Muhammad als Prophet auf. Dies änderte sich nach seiner Emigration nach Medina. Dort übernahm Muhammad die Vermittlung zwischen den loka- len verfeindeten Stämmen und die Leitung der stetig größer werdenden islamischen Gemeinde. Des Weiteren führte er die Kriegszüge gegen die Mekkaner an. Während dieser Zeit erhielt er Offenbarungen, die das gesell- schaftliche Leben der Muslime regeln sollten. Vor diesem Hintergrund wer- den die Suren (Kapitel) des Korans in medinensische (überwiegend gesell- schaftlich-gesetzgeberischen Inhalts) und mekkanische (vorwiegend streng religiösen Inhalts) unterschieden. Diese Aufteilung von unterschiedlichen In- haltsschwerpunkten gibt es im Christentum nicht (vgl. MfAGuS 1997, S. 191).

Die Beispiele machen deutlich, dass einige sehr unterschiedliche Ansätze vorherrschen, die eine gegenseitige Anerkennung erschweren. Nichtsdestotrotz gibt es in Deutschland schon seit längerem immer wieder Bemühungen der Annäherung beider Religionen - der interreligiöse Dialog.

3 Der interreligiöse Dialog

„Zum Dialog befähigt ist nur jemand, der Respekt vor der Überzeugung des anderen hat und der ganz und gar überzeugt ist, auch von seiner Religion, sonst würde es sicher einen Monolog geben statt eines Dialogs.“

(Erzbischof Joachim Kardinal Meisner, am 5.11.2001)

Ein Blick auf die deutsche Gesellschaftsstruktur zeigt, dass dieses Land als multireligiös und multikulturell bezeichnet werden kann. Bereits 1975 stellte die Würzburger Synode (Nr. 2.1./20) fest, dass Deutschland zu einem „Ein- wanderungsland“ neuen Typs geworden ist; nicht im rechtlichen aber im ge- sellschaftlichen und kulturellen Sinn. In den letzten Jahrzehnten kamen fort- während mehr fremde Kulturen und damit auch Religionen in das ehemals mehr oder wenig rein christliche Deutschland. Die Griechen brachten das orthodoxe Christentum. Die Türken, die arabischen und afrikanischen Musli- me den Islam und die Inder den Hinduismus. Um für einen freundlichen, res- pektvollen Umgang zwischen den Religionen zu sorgen, ist viel Finger- spitzengefühl und Toleranz gefragt. Deutschland gilt mittlerweile als „melting pot“ der Religionen. Die ehemalige Dominanz der katholischen bzw. protes- tantischen Kirchen ist nicht mehr allgegenwärtig. Die beiden Kirchen gelten fast nur noch „als ein Angebot unter vielen auf dem Markt der religiösen Mög- lichkeiten“ (Vött 2002, S. 30). Die abnehmende kulturelle Bedeutung der christlichen Religion in Deutschland führt zu einem Verlust einer bewusst christlichen Identität innerhalb der Bevölkerung. Dennoch findet die soge- nannte Säkularisierung nur an der Oberfläche statt. Denn selbst Menschen, die schon seit langem aus den Kirchen ausgetreten sind, wurden christlich geprägt und sozialisiert. Damit verfügen auch aus der Kirche ausgetretene Deutsche über christliche Denk- und Wertemuster und rechtfertigen bzw. halten diese nach wie vor hoch. Aktuelle Studien wie der Religionsmonitor 2008 der Bertelsmann Stiftung, nach der sich rund 70% der Deutschen Be- völkerung als religiös einstufen, bestätigen dies. Der bereits vollzogene Wechsel hin zu einer multireligiösen und multikulturellen Gesellschaft bringt bedeutende Aufgaben und Herausforderungen für Kirche und Christentum mit sich.

In diesem Kapitel wird zunächst auf die Geschichte des interreligiösen Dia- logs eingegangen. Es folgen verschiedene Standpunkte der christlichen und muslimischen Perspektive. Abschließend werden einige Bestandteile und Voraussetzungen für einen erfolgreichen und fruchtbaren interreligiösen Dia- log zusammengefasst.

3.1 Die Geschichte des interreligiösen Dialogs

Vor allem nach den Geschehnissen des 11. Septembers wurden Rufe laut, dass die Kommunikation zwischen den Religionen verbessert werden müsste. Man hat das Gefühl, dass erst durch die dramatischen Terroran- schläge Bemühungen um einen interreligiösen Dialog vorangetrieben wur- den. Dokumentationen wie beispielsweise von Cibedo aus dem Jahr 1981 mit dem Titel „Islamische Stimmen zum Dialog“ zeigen allerdings ganz klar, dass Bemühungen bereits einige Jahre zuvor einsetzten. In dieser von Muhammad S. Abdullah herausgegebenen Dokumentation sind verschiede- ne Artikel enthalten, die besonders den muslimischen Blickwinkel auf den interreligiösen Dialog verdeutlichen. Damit zeigt sich, dass der interreligiöse Dialog keine moderne Zeiterscheinung ist, sondern ein schon seit langem währender Prozess.

Das Christentum blickt auf eine mehr als 1400-jährige Begegnung mit dem Islam zurück. Es gab lange Zeiten gegenseitiger Polemik und des Krieges, aber auch Zeiten gegenseitiger Wertschätzung. Die erste tiefgreifende theo- logische Auseinandersetzung zwischen Islam und Christentum fand zur Zeit des rapiden Wachstums des arabisch-islamischen Reiches statt, das sich nach dem Tod Mohammeds im Jahr 632 n. Chr. über große, bis dahin christ- lich geprägte Gebiete (z.B. Syrien und Ägypten) ausdehnte (vgl. Bundeszent- rale für politische Bildung, S. 36). Christen erlebten „am Anfang Zeiten der Toleranz, später jedoch eher der Unterdrückung“ (Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz 01/2003, S. 12). Berechtigt kritisch zu betrachten sind des Weiteren die christlichen Kreuzzüge im Mittelalter sowie der europäische Ko- lonialismus im 19. Jahrhundert.

Im Spätmittelalter und der Renaissance entwickelte sich die theologische Auseinandersetzung in die Richtung einer sprach- und religionswissenschaft- lichen Auseinandersetzung. So waren beispielsweise christliche Gelehrte wie Nikolaus von Kues (1401-1464) darum bemüht, auf der Grundlage des Ko- rantextstudiums für eine weniger polemische Darstellung des Islam zu sor- gen. Durch eine langsam fortschreitende Loslösung der Islamstudien von der christlichen Theologie im Zeitalter der Aufklärung entwickelte sich im 19. Jahrhundert die moderne Islamwissenschaft. Eine große Wende im Umgang der Christen bzw. vielmehr der Katholiken mit den Muslimen stellte das II. Vatikanische Konzil (1962-1965) dar, welches die Katholische Kirche dahin öffnete, ihre b is dato exklusive Religionsauffassung in eine inklusive zu än- dern.

Ein Vorläufer der heute aktiven christlich-islamischen Gesellschaften wurde unter den Bedingungen Nazi-Deutschlands bereits 1935 als „Islamistisch- Christliche Gesellschaft von Berlin“ gegründet. Hierbei handelte es sich um eine deutsche Zweigvereinigung der gleichnamigen Gesellschaft in Damas- kus. Die bis heute einzig bestätigte Veranstaltung dieser Gruppe fand 1936 im Gemeindehaus der Wilmersdorfer Moschee unter Beteiligung von sechzig katholischen und evangelischen Theologen statt (vgl. Abdullah 1992, S. 199). Der nächste wichtige Schritt zum Dialog fand im Jahr 1962 statt. In diesem Jahr wurde im saarländischen evangelischen Wochenblatt „Sonntagsgruß“ eine regelmäßige Rubrik zu Informationen über den Islam eingerichtet. Verantwortlich für diese Kolumne war der deutsche Muslim Muhammad S. Abdullah (vgl. Kirste 1983, S. 54f.).

Nach diesen vereinzelten Aktivitäten setzte in den 1980er Jahren schließlich eine verstärkte Zusammenarbeit im Bereich des interreligiösen Dialogs ein. 1982 wurde in Iserlohn die Christlich-Islamische Gesellschaft NRW (CIG) gegründet. Seit 1990 ist die CIG nicht mehr auf NRW beschränkt, sondern überregional und grenzübergreifend arbeitend. Die CIG hat über 100 Mitglie- der im In- und Ausland. Die meisten von ihnen sind auch in lokalen Dialog- Kreisen aktiv. Die CIG sieht sich als einen „freien Zusammenschluss von Christen und Muslimen verschiedener Konfessionen und Glaubensrichtun- gen, die der eigenen Religion treu bleiben und für das jeweils andere aufge- schlossen sind“ (Şen / Aydin 2002, S. 115). Eine im interreligiösen Dialog ebenfalls sehr aktive Arbeitsgemeinschaft ist die 1984 gegründete Christlich- Islamische Arbeitsgemeinschaft Marl. Ihr Aufgabenfeld sieht sie in der Be- gegnung zwischen religiösen Gemeinden und ihren Mitgliedern, die Förde- rung des interkulturellen Lernens und Zusammenlebens in den Schulen, Ju- gendheimen, Kindergärten und Verbundprojekten sowie in der Durchführung öffentlichkeitswirksamer Veranstaltungen. Des Weiteren engagiert sie sich in kommunal-politischen Themen, die eine religiöse bzw. interreligiöse Thema- tik beinhalten: der Bau von Moscheen, die islamische Bestattung oder die Einrichtung von Gebetsräumen in Krankenhäusern. Die beiden Vereinigun- gen sind nur exemplarische Beispiele für eine mittlerweile recht umfangrei- che Zahl an Arbeitskreisen und Initiativen, die sich, oft auch eher regional, für einen erfolgreichen interreligiösen Dialog einsetzen.

Neben den Arbeitskreisen gibt es vielerorts Begegnungsangebote von Ver- tretern der Religionsgemeinschaften. Veranstaltungen der DITIB („Islam- Wochen“, „Dialog der Religionen“) und anderer Institutionen beinhalten , zumeist Vortrage, Diskussionsrunden und gemeinsame Besuche der jeweili-gen Kirchen und Moscheen. Ein fester Termin fur Moscheen ist mittlerweile der 3. Oktober. An diesem Tag findet jahrlich seit 1997 der „Tag der offenen Moschee" statt - ein Tag, an dem Besucher ganz besonders willkommen sind, sich die ortlichen Moscheen anzuschauen und ungeklarte Fragen zu stellen (vgl. §en / Aydin 2002, S. 115 ff.).

Diese Initiativen zeigen, dass es mittlerweile einen nicht unerheblichen Aus- tausch zwischen den Anhängern des Christentums und des Islam gibt. Man zeigt Interesse und ist sich darüber bewusst, dass eine Annäherung in der heutigen multireligiösen Gesellschaft ein wichtiger Bestandteil des respekt- vollen und gesunden Miteinanders ist. Es wird deutlich, dass es ein langwie- riger Prozess war, bis die Ebenen für eine interreligiös gestaltete Soziale Ar- beit geebnet wurden. Dies gilt es heute im Praxisalltag der Sozialen Arbeit immer wieder zu verinnerlichen, wenn gewünschte Projekte und Initiativen manchmal länger und aufwendiger in der Vorbereitung sind als andere.

Doch wie stehen die Kirchen zum interreligiösen Dialog? Gibt es von ihrer Seite Empfehlungen, Beschlüsse oder Handreichungen, an denen sich Vertreter der interreligiösen Sozialarbeit orientieren können? Darüber gibt das folgende Kapitel Aufschluss.

3.2 Die Position der Kirchen

Die Katholische Kirche, die sich lange Zeit dem exklusiven Religionsmodell zugehörig fühlte und damit offiziell jede Partizipationsform eines Dialogs ausschloss, relativierte durch das II. Vatikanische Konzil Ihre Position und öffnete sich gegenüber dem Islam.

In der „Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen - Nostra Aetate“ schreibt das Konzil:

„Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und all- mächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft. Jesus, den sie aller- dings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten, und sie ehren seine jungfräuliche Mutter Maria, die sie bisweilen auch in Frömmig- keit anrufen. Überdies erwarten sie den Tag des Gerichtes, an dem Gott alle Menschen auferweckt und ihnen vergilt. Deshalb legen sie Wert auf sittliche Lebenshaltung und verehren Gott besonders durch Gebet, Almosen und Fasten. Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslim kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegen- seitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.“ (Aus: http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vati i_decl_19651028_no stra-aetate_ge.html, 17.10.2007)

Damit öffnete sich die Katholische Kirche dem Dialog mit den nichtchristli- chen Religionen und erklärte, dass deren Glaubensvorstellungen, auch wenn sie von der christlichen Überzeugung abweichen, „nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet“ und manches in ihnen „wahr und heilig“ sei. Wenn Menschen aller Religionen aus ehrli- chem Herzen Gott suchten, könnten sie „das ewige Heil erlangen“. Damit sieht sie ihre Aufgabe darin, „sich aus aller Feindseligkeit zu lösen, die Be- gegnung zu suchen und sich mit den Muslimen für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit einzusetzen“ (vgl. Sekretariat der Deutschen Bischofs- konferenz 01/2003, S. 15f.).

1967 folgte der Ökumenische Weltrat der Kirchen (ÖKR) mit Dialogrichtlinien, die einen Schritt weiter gingen und nicht nur die Forderung des gegenseiti- gen Verständnisses einforderten, sondern auch den Willen zur Veränderung:

„Dialog meint die positive Anstrengung, ein tieferes Verstehen der Wahrheit durch gegenseitiges Bewusstsein der jeweiligen Überzeugung und des je- weiligen Zeugnisses zu erreichen (...). Dialog enthält die Bereitschaft, verän- dert zu werden, wie auch andere zu beeinflussen“ (Kirste 1983, S. 55f.).

Seit dem II. Vatikanischen Konzil sind viele Grußbotschaften und Anspra- chen der Päpste Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. an die Musli- me gerichtet worden - leider manchmal auch mit leicht missverständlichen Untertönen. Besonders positiv herauszuheben ist eine am 25.04.1997 erfolg- te Generalaudienz des Papst Johannes Paul II. mit einigen Repräsentanten des Islam in Deutschland wie dem Islamratsvorsitzenden Hasan Öezdogan.

Der päpstliche Händedruck, der Muhammad S. Abdullah (Leiter des Zentral- Instituts Islam-Archiv-Deutschland) gewährt wurde, war eine sehr hohe Aus- zeichnung und öffentliche Bekundung gegenseitigen Respekts innerhalb ei- nes streng geregelten Papst-Begrüßungs-Zeremoniells (vgl. Spuler- Stegemann 2002, S. 326). Des Weiteren zeigte auch der von Seiten des Papstes Benedikt XVI. initiierte Empfang von zehn Vertretern der islamischen Gemeinden in Deutschland während des Weltjugendtages in Köln eine deut- liche Bereitschaft zum Dialog. Auch wenn es nach wie vor große Unterschie- de in den Betrachtungsweisen gibt, versucht die katholische Kirche - mal mehr, mal weniger erfolgreich - auf die muslimischen Gemeinden zuzugehen und voneinander zu lernen.

Wie in vielen Bereichen muss natürlich auch hier zwischen Aussagen von Kirchenoberhäuptern und der gelebten Praxis der Kirchenmitglieder unterschieden werden. Ein Beispiel hierfür ist z.B. die Initiative des Kölner Pfarrers Franz Meurer, der in seiner katholischen Gemeinde Spenden für den Kölner Moscheebau sammelte - eine Initiative, über die kontrovers diskutiert wurde. Während Zugeständnisse „oberen Gremien“ oftmals schwerfallen, sieht es im gelebten Alltag oft ganz anders aus.

Wesentlich entspannter scheint der Umgang der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit den muslimischen Gemeinden zu sein. Sie veröffent- lichte im September 2000 ihre Handreichung „Zusammenleben mit den Mus- limen in Deutschland. Gestaltung der christlichen Begegnung mit Muslimen.“, welche im November 2006 mit der zum Teil sehr umstrittenen und stark kriti- sierten Handreichung „Klarheit und gute Nachbarschaft. Christen und Musli- me in Deutschland.“ ergänzt wurde. In Ihrer aktuellen Handreichung be- schreibt die EKD „das Evangelium von Jesus Christus (und) die frohe Bot- schaft von der Zuwendung Gottes zu allen Menschen“ (EKD 2006, S. 15) als Fundament der evangelischen Kirche. Weiter heißt es:

„Christen leben in der Gewissheit, dass Gott seine Gnade, die von Sünde und Schuld befreit, jedem Menschen ohne Bedingungen schenkt. Er bejaht alle Menschen als seine geliebten Geschöpfe. Die Kirche Jesu Christi ist ge- sandt, diese Botschaft zu bezeugen. Es ist ihre Mission, die Botschaft von Gottes Rechtfertigung aller Welt auszurichten“ (EKD 2006, S. 15)

Diese Botschaft prägt damit „das Verhältnis der Evangelischen Kirche zu Angehörigen anderer Religionen und die Art und Weise der Begegnung mit ihnen“ (EKD 2006, S. 15).

„Nicht die ängstliche Abgrenzung gegen diese Menschen, ihr Gottesver- ständnis, ihren Kultus oder ihr Ethos ist gefragt. Weil es um von Gott geliebte Menschen geht, begegnet ihnen die Kirche mit Achtung und Respekt. Chris- ten gehen auf Angehörige anderer Religionen zu und lassen sich von dieser Begegnung auch nicht durch das abhalten, was ihnen zunächst fremd und unverständlich erscheint.

Aufgrund ihres Auftrages, auch Muslimen zu bezeugen, dass sie Gottes ge- liebte Geschöpfe sind, werden sie sich für die Respektierung der muslimi- schen Gemeinschaft einsetzen. Bereits darin kommen Achtung und Würde zum Ausdruck, mit der Gott jedem Menschen begegnet“ (EKD 2006, S. 15).

In der Handreichung sind einige Passagen enthalten, die recht scharf und evangelikal klingen - das Wort „Mission“ taucht immer wieder auf. Aus die- sem Grund wurde sie stark kritisiert und als „arrogant“ tituliert. Auch hier zeigt sich: Es herrscht oft eine große Kluft zwischen offiziellen Dialogbekundungen und gelebtem Alltag. Viele evangelische Gemeinden (sofern sie nicht den evangelikalen Protestanten angehören) zeigen sich Muslimen gegenüber sehr offen und am Dialog interessiert. Es werden aber auch Vorwürfe laut, die der Evangelischen Kirche einen zu naiven „Schmusekurs“ und einen zu unkritischen Umgang mit Organisationen wie den vom Verfassungsschutz beobachteten Milli Görüs (vgl. Spuler-Stegemann 2002, S. 327) vorwerfen.

Als etwas schwieriger gestaltet es sich, offizielle Schreiben, Handreichungen, Beschlüsse etc. über den interreligiösen Dialog von Seiten der muslimischen Gemeinden zu finden. Da es - im Gegensatz zu den christlichen Kirchen - keine institutionelle „Sprecher der Muslime“ gibt, kann man nur verbandliche Äußerungen bzw. Äußerungen einzelner Personen oder Personengruppen mit hoher Bedeutungsmacht heranziehen - niedergeschriebene Positionen sind kaum auffindbar. Anrufe bei der DITIB, dem Zentralrat der Muslime in Deutschland oder der IGMG waren erfolglos: keine dieser Verbände konnte etwas Schriftliches handreichen. Immerhin liefern die Homepages der islamischen Vereine Informationen über den Umgang mit anderen Religio- nen. Auf der Homepage des Verbands der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) ist unter der Überschrift „Öffentlichkeitsarbeit und Beziehungen zu anderen Organisationen“ folgende Positionierung zu finden:

„Der Islam versteht sich als eine Religion des Friedens für alle Menschen ohne Unterschied des Glaubens. In diesem Sinne arbeitet der Verband mit islamischen, christlichen und anderen Institutionen in verschiedenen Berei- chen zusammen. Daher stehen unsere Gemeinden jedem offen, der sich für den Islam und den Verband interessiert; unabhängig seiner Nationalität und Religionszugehörigkeit. Aufgrund dieser Offenheit haben wir in der Praxis in unseren Gemeinden in Deutschland ein Dialogforum geschaffen, das von jährlich mehreren Tausenden Nichtmuslimen in Anspruch genommen wird. Die Fortführung des interreligiösen Dialogs ist eine der wichtigen Aufgaben des Verbandes. Zu dieser Öffentlichkeitsarbeit gehört die Betreuung von Be- suchergruppen aus Schulen, Kirchen, Behörden, Bürgerinitiativen und ande- ren Interessensgemeinschaften. Jeder, der sich für den Islam im allgemei- nen, oder speziell für den Verband interessiert, kann dies ohne weiteres durch einen persönlichen Besuch in einer der Gemeinden tun. In diesem Fall bitten wir die Interessenten vorher mit der entsprechenden Gemeinde Kon- takt aufzunehmen“ (Aus: http://www.vikz.de/index1.html, 18.10. 2007).

Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) verlautet auf ihrer Homepa- ge:

„Die IGMG legt besonderen Wert darauf, dass unterschiedliche Religions- gemeinschaften zusammenkommen und ihre Gläubigen sich gegenseitig kennen lernen. Alles andere würde unserer Religion mit Sendungsbewuss- tsein und Verkündungsauftrag widersprechen. Allen Muslimen obliegt es, über ihren Glauben zu informieren, ihn zu verkünden und zu ihm einzuladen. Da im Zentrum allen Handelns der Mensch steht, ist der Dialog mit allen Menschen, insbesondere mit den Angehörigen der Buchreligionen ein wich- tiger Aspekt des gesellschaftlichen Friedens. Damit dieser etabliert werden kann, muss der Dialog zwischen den Religiösen verstärkt werden. Die Wege dorthin müssen gemeinsam geebnet werden. Bedingung für einen aufrichti- gen Dialog ist der aufrichtige Wille zum Gespräch. Die IGMG setzt auf einen, auf gegenseitiges Verständnis aufbauenden Dialog, der den Dialogpartner nicht richtet oder ausgrenzt. Das Kennenlernen darf dabei nicht auf Desin- formationen basieren, sondern sollte sich an der Eigenwahrnehmung des Gegenübers orientieren. Diese offene Haltung erwartet die IGMG auch von ihren Gesprächspartnern“ (Aus: http://www.igmg.de/verband/standpunkte/ interreligioeserdialog,18.10.2007).

Die DITIB vermerkt auf ihrer Homepage Folgendes zum interreligiösen Dialog:

„Die Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. legt gro- ßen Wert auf die Werte, die für den Islam von großer Bedeutung sind und die auch als universelle Werte geschätzt werden. Sie sind Prinzipien wie Respekt vor Menschen mit anderen religiösen und wel- tanschaulichen Ansichten, Dialog und Toleranz. Auf der Grundlage dieser Werte ist der DITIB und ihren Moscheegemeinden vor Ort sehr wichtig, dass die Atmosphäre der Begegnung und des Dialogs zwi- schen den Anhängern der verschiedenen Religionen, vor allem der Christen in Deutschland, die die Mehrheit der Bürger bilden, gepflegt wird.

Konzipierung und Durchführung interkultureller und interreligiöser Projekte: Veranstaltung von ,Tag der Offenen Moschee‘, Gemeinsa- me Friedensgebete, Interreligiöse Seminare und Vorträge, Moschee- führungen, Ausbildung von ehrenamtlichen Dialogbeauftragten in den Gemeinden, Veranstaltung zum gemeinsamen Fastenbrechen (Iftar) im Fastenmonat Ramadan mit Gästen aus verschiedenen Religions- gemeinschaften, Politik, Medien, Unternehmervereinigungen und Ge- sellschaft, Brückenschlag zwischen Angehörigen verschiedener Reli- gionen, Förderung der interreligiösen Begegnung, Beteiligung an in- terreligiösen Arbeitsgruppen und an Kirchentagen, Publikationen über Aktivitäten im interreligiösen Dialog, Publikationen zur sachge- mäßen Darstellung des Islam“ (Aus: http://www.ditib.de/default 1.php?id=6&sid=3&lang=de,18.10.2007).

Im interreligiösen Alltag erweist sich die DITIB als der dominierende Ans- prechpartner. Das liegt zum einen darin, dass die DITIB der größte muslimi- sche Dachverband ist und sich als „offizieller Ansprechpartner der türkischen Muslime in Deutschland“ (Şen / Aydin 2002, S. 52) versteht. Laut Selbstver- ständnis setzt sie sich, unter Wahrung der türkischen und muslimischen Identität, für die Integration der Muslime in Deutschland ein. So ist sie von sich aus schon in der Rolle als beständiger Ansprechpartner um einen Dialog mit christlichen Einrichtungen bemüht. Nicht zu vergessen ist allerdings da- bei, dass die DITIB nur ein Vertreter für die türkischen Muslime sein kann. Deswegen wird ihr Engagement von einigen Muslimen nicht-türkischer Her- kunft nicht selten mit Argwohn betrachtet.

Ein sehr beachtlicher schriftlicher Aufruf zur Zusammenarbeit an alle christli- chen Kirchen und Konfessionen von Seiten verschiedener muslimischer Ge- lehrten erfolgte am 16.10.2007. In diesem von insgesamt 138 namhaften Is- lamgelehrten sunnitischer und schiitischer Orientierung aus weiten Teilen dieser Welt formulierten Brief ist ein deutlicher Appell zum Dialog und zur Zusammenarbeit enthalten. Dieser Appell gründet mitunter auch auf die Feststellung, dass Muslime und Christen zusammen 55% der Weltbevölke- rung bilden und ohne Frieden und Gerechtigkeit zwischen diesen beiden Religionsgemeinschaften kein übergreifender Friede in der Welt möglich ist: „Die Zukunft der Welt hängt vom Frieden zwischen Muslimen und Christen ab“ (Hanel 2007, S. 1).

„Als Muslime sagen wir den Christen, dass wir nicht gegen sie sind und dass der Islam nicht gegen sie ist, solange sie nicht Krieg gegen die Muslime wegen ihrer Religion führen, sie nicht unterdrücken und aus ihren Wohnungen vertreiben (vgl. Koran 60,8)“ (Hanel 2007, S. 18).

Diese Botschaft bedeutet in ihrer Konsequenz, dass sich Muslime und Christen dessen bewusst werden sollten, dass ihre Beziehungen zueinander als der bedeutendste Faktor bei „der Leistung ihres Beitrags zum sinnvollen Frieden überall in der Welt“ (Hanel 2007, S. 18) zu betrachten sind. Die Pflicht der Stunde sei es, den Frieden zu sichern und harmonisch miteinander umzugehen und zusammenzuarbeiten. Weiter heißt es:

„Schließlich bitten wir als Muslime im Gehorsam dem Heiligen Qur’an ge- genüber, die Christen, sich mit uns in diesen gemeinsamen wesentlichen Bestandteilen unser beider Religion zu treffen (...). Mögen diese Gemein- samkeiten die Grundlage für all unseren künftigen interreligiösen Dialog zwi- schen uns sein, als Gemeinsamkeit, an welcher alles Gesetz und alle Pro- pheten hängen.

So lasset unser Verschiedenheiten nicht Hass und Unfrieden zwischen uns verursachen. Lasset uns nur in Rechtschaffenheit und guten Werken wettstreiten. Lasset uns einander respektieren, fair, gerecht und freundlich mit einander umgehen und miteinander in ehrlichem Frieden, Harmonie und gegenseitigem Wohlwollen leben“ (Hanel 2007, S. 19f.).

Es ist anzumerken, dass dieser Brief vom Aufruf her sehr dem des II. Vatikanischen Konzils ähnelt. Es bleibt abzuwarten, inwieweit der Brief auch für die muslimischen Gemeinden in Deutschland eine Signalwirkung besitzt und Anstoß zu einem harmonischen Umgang miteinander geben kann. Das Potenzial ist da, handelt es sich doch bei dem Schreiben um den ersten von einem breiten Teil sunnitischer wie auch schiitischer muslimischer Gelehrter unterschriebenen Auftrag zum Miteinander.

3.3 Bestandteile des interreligiösen Dialogs:

„Bei einem interreligiösen Dialog geht es nicht nur um den Glauben, es geht auch immer um die Lebenswirklichkeit der Teilnehmer.“

(Bauer 2007, S. 371)

Liegt die Bedeutung des interreligiösen Dialogs darin, den Angehörigen der jeweils anderen Religion von seiner eigenen überzeugen zu wollen? Oder handelt es sich dabei „nur“ um eine Diskussion und eine Informationskette über die andere Religion? Wann beginnt ein interreligiöser Dialog - erst beim Treffen von Geistlichen und Gelehrten oder schon beim alltäglichen Mitei- nander?

3.3.1 Forderungen an den interreligiösen Dialog:

„Erst wenn die Religionen beginnen, mit Hilfe ihrer Theologie ihren Wahr- heitsanspruch angesichts des Wahrungsanspruches der anderen zu formu- lieren, so dass sie sich gegenseitig darüber verständigen können, ist eine neue Gemeinschaft unter ihnen möglich“ (Lähnemann 1986, S. 274).

Die von Lähnemann formulierte theologische und religionspädagogische Leitlinie für den Begegnungsprozess beinhaltet zwei wichtige Forderungen an den interreligiösen Dialog:

Zum einen müssen die beteiligten Dialogpartner lernen, in ihrer Theologie ihren eigenen Wahrheitsanspruch so verständlich zu formulieren, dass er auch einer anderen Religion bzw. Kultur gegenüber kommunizierbar ist. Oft auftauchende Worthülsen oder Nominalisierungen sind möglichst zu unterbinden. Des Weiteren sollten die Dialogpartner ausgehend von ihrer Dialogkompetenz in der Lage sein, „die Unterschiedlichkeit ihrer Wahrheitsansprüche auszuhalten, sich interessiert und wertschätzend und damit dialogisch auseinanderzusetzen, ohne entweder in Apologetik oder Harmonisierungstendenzen abzugleiten“ (Vött 2002, S. 48).

Nach Meinung Falaturis erhalten nur diejenigen Gespräche den Dialogcharakter, bei dem zwei Komponenten gewährleistet sind:

„Zum einen hat sich jeder Dialogpartner die ganze Begegnungszeit hindurch zu bemühen, den anderen annähernd so zu verstehen und zu begreifen, wie jener sich selbst versteht und seine eigene Religiosität empfindet. Zum anderen hat jeder Dialogpartner zu versuchen, sich auch insofern in die Lage des anderen zu versetzen, als er sich stets zum Ziel setzt, von dem anderen so verstanden und nachempfunden zu werden, wie er sich in seinem eigenen religiösen Bewusstsein begreift“ (Falaturi 1996, S. 156f.).

3.3.2 Die verschiedenen Ebenen des interreligiösen Dialogs

Es ist wichtig zu unterscheiden, ab wann man sich auf der Ebene eines inter- religiösen Dialogs befindet. Während die meisten vermutlich eher Fachge- spräche zwischen Gelehrten und Experten als den interreligiösen Dialog empfinden und damit als Privatperson kaum darin involviert sind, zeigen ver- schiedene Modelle der Dialogebenen klar auf, dass der interreligiöse Dialog mittlerweile eine weit größere Spanne als nur die üblichen Podiumsdiskus- sionen umfasst. Während beispielsweise der Päpstliche Rat für den interreli- giösen Dialog in seiner 1991 herausgegebenen Verlautbarung des Apostoli- schen Stuhls von vier Arten des Dialogs spricht (vgl. Päpstlicher Rat für den Interreligiösen Dialog 1991, S. 22), soll hier auf einen Entwurf von Hans Christoph Großmann (2000) Bezug genommen werden, der zwischen drei Ebenen unterscheidet:

Die erste Ebene beschreibt er als den „Dialog des Zusammenlebens im All- tag“. Dies beinhaltet das bewusste Leben und Handeln der „ganz normalen Menschen“ im Miteinander des Alltags. Diesen Alltag soll man sich möglichst offen und vorurteilsfrei gestalten und ehrlich daran interessiert sein, seine Mitmenschen kennen zu lernen. In dieser Ebene ist jeder einzelne gefragt - jede Begegnung mit Menschen einer anderen Religion ist damit wichtiger Teil des Komplexes „interreligiöser Dialog“ und nicht nur belangloses, unbedeu- tendes Schmuckwerk. Damit wird deutlich, dass gerade auch Multiplikatoren der Sozialen Arbeit eine wesentliche Verantwortung dafür tragen, ihre Klien- ten für ein offenes Miteinander zu gewinnen, da gerade in den Alltagssitua- tionen viel über das Fremde, sei es Kultur oder Religion, gelernt werden kann.

Die zweite Ebene ist der Dialog des gemeinsamen Gottesdienstes, zu dem sich Angehörige verschiedener Religionen versammeln.

[...]

Ende der Leseprobe aus 140 Seiten

Details

Titel
Faktor X - Die Rolle der Religion in der Sozialen Arbeit mit Jugendlichen christlicher und muslimischer Prägung in Deutschland
Untertitel
Religionswissenschaftliche und soziokulturelle Grundlagen - sozialwissenschaftliche Studien - interreligiöse Jugendprojekte
Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
140
Katalognummer
V91636
ISBN (eBook)
9783638053785
ISBN (Buch)
9783638946049
Dateigröße
3398 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Faktor, Rolle, Religion, Sozialen, Arbeit, Jugendlichen, Prägung, Deutschland
Arbeit zitieren
Alexis Nano (Autor), 2008, Faktor X - Die Rolle der Religion in der Sozialen Arbeit mit Jugendlichen christlicher und muslimischer Prägung in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91636

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