Was bedeutet die Digitalisierung für Unternehmen, die Gesellschaft, die Umwelt und das Leben des einzelnen Menschen?

Eine Rezension von Richard David Prechts Buch „Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“


Rezension / Literaturbericht, 2018

22 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Inhalt
2.1 Die Revolution
2.2 Die Utopie

3 Kritische Reflexion

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Anteil dessen, was wir Digitalisierung nennen, wird in unserem täglichen Leben zu­nehmend größer. Er verändert unseren Konsum, Arbeit, Interaktion und Kommunika­tion. Diese Veränderungen geschehen dabei in einem atemberaubenden Tempo. Damit einher geht die Gefahr, diese rasanten Entwicklungen nicht mehr zu hinterfragen und zu gestalten. Die Zukunft ist keineswegs vorherbestimmt und sollte so auch nicht wahrge­nommen werden. Es ist unsere Aufgabe die Weichen für sie zu stellen, damit sie lebens­wert wird und nicht in einer digitalen Katastrophe endet. Sowohl die Treiber als auch die Gestalter der digitalen Welt zeigen zu wenig Sorge dafür, was der Einsatz neuer Technologien für Auswirkungen auf unser gesellschaftliches Zusammenleben hat. Was bedeutet die Digitalisierung für Unternehmen, die Gesellschaft, die Umwelt und das Le­ben des einzelnen Menschen? Welche Probleme kommen in Zukunft auf uns zu und wie lassen sie sich vermeiden? Für diese Fragen versucht Richard David Precht in seinem Buch mit dem Titel „Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“ Antworten zu finden und Lösungsansätze zu formulieren. Ausgehend von einer Be­schreibung des derzeitigen Istzustandes kurz vor Beginn der digitalen Revolution ent­wirft er eine Art Plan für eine humane Zukunft.

2 Inhalt

Precht gliedert sein Buch in zwei große Abschnitte: die Revolution und die Utopie. Im ersten Abschnitt thematisiert er die großen Veränderungen durch die digitale Revolution. Durch sie wird das Ende der Arbeits- und Leistungsgesellschaft eingeläutet, wie wir sie heute kennen. Anhand zahlreicher Beispiele wird dargelegt, dass Innovationen nicht nur erhaltender („sustaining“) Natur sein können. Oftmals wirken sie zerstörend („disrup- tiv“). Darüber hinaus beschreibt er eine gelähmte Politik, die angesichts der kommenden Umbrüche überfordert scheint. Precht entwirft eine Dystopie, die zeigt, worin die digitale Revolution enden könnte, wenn der sogenannte „Palo-Alto-Kapitalismus“ das Weltge­schehen bestimmt. Daran anknüpfend wendet er sich der Retropie zu, der in die Vergan­genheit gewandten Utopie. Hierbei versucht Precht die Reaktionen der Menschen zu er­klären, welche durch die neue Lebensunsicherheit hervorgerufen werden. Im zweiten Ab­schnitt des Buches teilt Precht seine Gedanken für eine wünschens- und lebenswerte Zu­kunft. Zentrale Rolle spielt darin erneut die Abschaffung der Arbeits- und Leistungsge­sellschaft, die nun aus einem anderen Blickwinkel betrachtet wird. Ein bedingungslosen Grundeinkommens zur Stabilität der Gesellschaft, die „richtige“ Bildung und die Ent­wicklung von Urteilsvermögen sind zentrale Elemente, die den Menschen zukunftsfähig machen sollen.

2.1 Die Revolution

Jeder Bereich des Wirtschaftsgeschehens wird gegenwärtig digitalisiert. Dazu zählen un­ter anderem die Beschaffung von Rohstoffen, die Produktion, das Marketing, der Ver­trieb, die Logistik und der Service. Es entstehen neue Wirtschaftszweige. Online-Dienste wie eBay, Uber und Airbnb sorgen dafür, dass Kunden ihre Geschäfte eigenständig ab­wickeln können. Dabei wirken diese disruptiv. Das bedeutet, dass alte Technologien und altbewährte Serviceleistungen nicht verbessert, sondern komplett ersetzt werden. Bei­spielsweise ersetzt Uber den Taxiverkehr und Airbnb das herkömmliche Hotelgewerbe.1Gedanken um Effizienz, Effektivität und Optimierung stehen in unserer heutigen Ökono­mie an erster Stelle. Zeit wird als kostbare Ressource gesehen, die nicht verschwendet werden darf. Produktionen unterliegen einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess. Selbst der Mensch gilt nach Auffassung des Silicon Valley als optimierungsfähig.2Bisher beschränken sich öffentliche Diskussionen rund um Digitalisierung auf die Ar­beitswelt. Dabei stehen sich zwei Parteien gegenüber. Die eine Seite sieht eine Zukunft in Vollbeschäftigung voraus, die andere eine Zeit der Massenarbeitslosigkeit. In einer Studie von Michael Osborne und Carl Frey über die Zukunft der Arbeit kamen genannte zu dem Ergebnis, dass in den am weitesten entwickelten Ländern der Welt in den kom­menden fünfundzwanzig Jahren 47 % der Arbeitsplätze wegfallen werden.3Obwohl diese Prognose keineswegs zutreffend sein muss, so ist dennoch klar, dass Millionen von LKW­, Bus- und Taxifahrer, Bankangestellte, Steuerberater, Finanzanalysten, Juristen, Verwal­tungsfachleute und Buchhalter zukünftig einer anderen Tätigkeit nachgehen müssen. Auch andere Berufsgruppen sind davon betroffen. Frey und Osborne zählen mehr als sie­benhundert Tätigkeiten in ihrer Studie auf, die ganz oder zumindest teilweise durch Com­puter und Algorithmen ersetzt werden können.4

Selbstverständlich werden auch neue Berufsfelder entstehen. Die Frage ist nur, ob die Anzahl der hinzukommenden Arbeitsplätze die wegfallenden übersteigen wird. Zu den Zukunftsberufen von heute zählen beispielsweise Projektmanager und Logistiker. Auch das Handwerk zählt zu den zukünftigen Gewinnern, denn durch immer billigere Produk­tion wird ein handgefertigter Tisch oder ein handverlegter Marmorfußboden um ein Viel­faches wertvoller als ein billiger 3D-Druck aus der Maschine. Es gibt aber auch Bereiche, in denen Menschen zwar nicht notwendigerweise arbeiten müssten, aber es wünschens­wert und sinnvoll ist. Diese Bereiche wird es auch in Zukunft noch geben. Dazu zählen z. B. Kindergärten, Arztpraxen, Therapiezentren und Schulen, also Orte, an denen zwi­schenmenschliche Kommunikation und Empathie einen höheren Stellenwert einnehmen als Effizienz und Effektivität.5Die Digitalisierung ist der größte Wandel der Wirtschaft seit zweihundertfünfzig Jahren. „Die Digitalisierung ändert alles, aber wer ändert die Di- gitalisierung?“6Die Digitalisierung ist menschgemacht. Warum sollte der Mensch diese also nicht nach seinen Wünschen gestalten? Es ist die Aufgabe der Politik dies zu tun. Sie hat die Verpflichtung, die Privatsphäre jedes einzelnen Bürgers zu schützen. Niemand sollte in sozialen Netzwerken manipuliert werden. Die deutsche Wirtschaft muss vor den übermächtigen Unternehmen des Silicon Valley geschützt werden und unsittlicher Da­tenhandel sollte schlichtweg verboten werden. Tatsache ist jedoch, dass die Politiker von der Realität überfordert scheinen nachdem sie sich ihr gegenüber lange verschlossen ha­ben. Die Politik ist noch immer damit beschäftigt, von den Menschen gemocht zu werden. Sie hat seit Jahrzehnten versucht, größere Änderungen zu meiden und denkt nicht mehr über den nächsten Tag hinweg. Eine klare Strategie ist nicht erkennbar. Auch die Umge­staltung der Ökonomie zugunsten der Ökologie scheint nicht Aufgabe der Politik zu sein. Obwohl sie die Auswirkungen des Klimawandels begreift ist sie scheinbar ohnmächtig, danach zu handeln. Ein Grund für diese Ohnmacht ist die Veränderung der Orientierung zum Messen und Quantifizieren aller Dinge.7Heutzutage ist nahezu alles messbar. Es ist einfacher nach Quantität zu handeln als nach Qualität, weil damit die mühselige Urteils­bildung entfällt. Genau dieser Gedanke entspricht dem politischen Vorgehen. Es wird nur noch nach Zahlen und Statistiken gehandelt. Das Vorrausschauen in die Zukunft be­schränkt sich auf quantitativ Messbares. Dabei bleibt das Unmessbare völlig unbeachtet, wozu auch die Lebensweise und das Werteempfinden des Menschen gehören. Ein weite­rer Effekt dieser Fehlorientierung ist die fehlende innere Überzeugung eines Politikers zum Gesagten, die traditionell vom Bürger gesucht und geschätzt wird. Politiker verspie­len damit die Chance, Wähler für sich zu gewinnen.8Die Zukunft droht von digitalen Supermächten wie Apple, Facebook und Amazon vorgegeben zu werden. Eine politische Gegenwehr scheint unmerklich.

Wie könnte unser Leben in Zukunft aussehen, wenn es von Google, Apple, Facebook und Co. bestimmt werden würde? Der Mensch würde in einer Welt leben, die in Daten gefasst wurde. Unvorhersehbares und Zufall scheint es in dieser Welt nicht mehr zu geben. Alles wird gemessen und vorhergesagt. Der Gesundheitszustand eines Menschen wird über den Tag hinweg durch eine digitale künstliche Intelligenz überwacht. Das Alter eines Men­schen kann durch Klonen körpereigener Zellen beliebig ausgeweitet werden. Sollte ein­mal ein Organ ausfallen, kann dieses bei Bedarf im 3D-Drucker nachgefertigt werden. Die smarten Städte sind mit Sensoren und Kameras ausgestattet, die jeden Schritt über­wachen. Es gibt keine Kriminalität mehr, da von der Norm abweichendes Verhalten so­fort erkannt wird. Reale Geschäfte sind ein Überbleibsel vergangener Zeit. Alles wird nur noch Online gekauft und per Drohne geliefert. Die Gesellschaft hat sich in zwei Klassen gespalten. Die eine Klasse bestehend aus den schlecht bezahlten Abgehängten, die ein Leben im Konsum führen, größtenteils finanziert durch staatliches Grundeinkommen. Zur anderen Klasse zählen die Gutverdiener, die durch den Datenhandel reich geworden sind. Ihre Kinder gehen im Gegensatz zu denen der abgehängten Klasse auf Privatschu­len. Der Handel mir Daten jeder Art das ganz große Geschäft der Zukunft, weil er mit deutlich weniger Risiko verbunden ist als Spekulationen im Finanzsektor. Gedanken über ethisches oder ökologisches Wirtschaften werden nicht gemacht.9Während China seine Freiheitsbeschränkung in Form des „System für Soziale Vertrauenswürdigkeit“ erfolg­reich seinen Bürgern verkauft hat, unterliegen die Bewohner europäischer Länder noch immer der Illusion von Freiheit. Sätze wie „Wir wissen, wo du bist. Wir wissen, wo du warst. Wir wissen mehr oder weniger, worüber du nachdenkst“10und „Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht ohnehin nicht tun“11von Google-Topmanager Eric Schmidt im Jahr 2011 hätten diese Illusion eigentlich schon damals zerstören sollen.12

Die Philosophie und die Grundwerte der Gesellschaft haben sich geändert. Bequemlich­keit ersetzt Autonomie und damit das eigenständige Denken und die Urteilsbildung. Frei­heit wird durch den Zugewinn an Komfort billigend aufgegeben und Glück wird der Ab­wägung vorgezogen.13Unternehmen wie Google, Facebook und Co. manipulieren das Verhalten und beeinflussen damit Entscheidungen, Vorlieben und Absichten von Nut­zern. Wenn immer mehr Tätigkeiten von Maschinen ausgeführt werden, die vorher der Mensch erledigt hat, dann führt das unweigerlich zu einer Rückentwicklung des Men­schen. Dazu zählen nicht nur handwerkliches Können, sondern auch die Fähigkeit, sich selbstbestimmt ein Urteil zu bestimmten Themen bilden zu können. Der Wert der Bildung leidet darunter, wenn man nur einen Mausklick von geballtem Wissen entfernt ist. Der Mensch wird zunehmend abhängiger von Technik und verschließt sich vermehrt der Na­tur gegenüber. Er droht sich dem Computer und der Maschine, die ihn umsorgt, mehr hingezogen zu fühlen als zu der Natur, in der er lebt.14Dadurch droht der Mensch die Vernunft darüber zu verlieren, sorgsam mit ihr umzugehen. Statt die Welt zu bewahren, schafft sich die Menschheit durch ungebremsten Verbrauch von Energie und Ressourcen selbst ab.

Es macht den Anschein, als ob man zu heutiger Zeit immer häufiger die Worte „Früher war alles besser“ zu hören bekommt. Damit äußern Menschen ihr Unbehagen zu derzei­tigen Weltgeschehnissen. Globalisierung verändert unsere Umwelt in rasanter Geschwin­digkeit. Der Kapitalismus als treibende Kraft dessen bemisst alle Dinge mit Geld als ein­zigen rationalen Wert. Dabei ebnet er traditionelle, kulturelle und emotionale Werte ein und führt zu einer Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich.15Durch Globalisierung geht das Gefühl von Heimat zunehmend verloren, wenn Sprache, Mode und Musik nor­miert wird und über Landesgrenzen hinweg mit derselben Währung bezahlt werden kann.16Bürger haben bei Fragen der Globalisierung kein direktes Mitspracherecht. Den­noch müssen Sie mit den Folgen leben, die sich hieraus ergeben. Beispielsweise sorgen ungleiche Lebenschancen und Ressourcen dazu, dass sich Menschenströme auf den Weg in andere Länder machen. Das ruft in der heimischen Bevölkerung Gefühle wie Angst, Überforderung, Aggression und Hass hervor, weil sie ihre eigene Lage schlecht oder überhaupt nicht mehr selbst einschätzen und bestimmen können.17

2.2 Die Utopie

Die Grundlage einer humanen digitalen Utopie bildet der Mensch als freier Gestalter seines Lebens. Damit stellt sich die Frage, wie eine solche wünschenswerte Zukunft aussehen sollte. Einer Delphi-Studie zufolge wird es die heutige Arbeitswelt in Zukunft nicht mehr geben. Alle Tätigkeiten, die mittel- oder langfristig durch Technik ersetzt werden können, werden wegfallen. Lediglich Berufe, die Empathie erfordern, werden erhalten bleiben. „Alle Menschen werden irgendetwas tun. Aber vieles davon geschieht

[...]


1vergl. PRECHT, Richard David: Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft. 5.Aufl. München: Goldmann Verlag, 2018, S. 17-18

2vergl. Ebd., S. 20

3OSBORNE, Michael; FREY, Carl Benedikt: The future of employment: How susceptible are jobs to com­puterisation? URL https://www.oxfordmartin.ox.ac.uk/downloads/academic/The_Future_of_Employ- ment.pdf, S.38

4vergl. PRECHT, Richard David, Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft, a.a.O., S. 23-24

5vergl. Ebd., S. 27-28

6Ebd., S. 43

7vergl. Ebd., S. 48

8vergl. Ebd., S. 52

9vergl. Ebd., S. 59-61

10GELDNER, Andreas: Google: Zurück zu guten alten Zeiten. URL https://www.stuttgarter-zeitung.de/in- halt.google-zurueck-zu-guten-alten-zeiten.ee841f8a-f6ce-45b7-8495-e88773b4dfe0.html

11STÖCKER, Christian: Google will die Weltherrschaft. URL http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpoli- tik/netz-strategie-google-will-die-weltherrschaft-a-665813.html

12vergl. PRECHT, Richard David, Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft, a.a.O., S. 67-68

13vergl. Ebd., S. 69

14vergl. Ebd., S. 72-73

15vergl. Ebd., S. 95-96

16vergl. Ebd., S. 93

17vergl. Ebd., S. 88-89

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Was bedeutet die Digitalisierung für Unternehmen, die Gesellschaft, die Umwelt und das Leben des einzelnen Menschen?
Untertitel
Eine Rezension von Richard David Prechts Buch „Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“
Hochschule
Universität Ulm
Note
1,0
Jahr
2018
Seiten
22
Katalognummer
V916373
ISBN (eBook)
9783346233929
Sprache
Deutsch
Schlagworte
digitalisierung, unternehmen, gesellschaft, umwelt, leben, menschen, eine, rezension, richard, david, prechts, buch, jäger, hirten, kritiker, utopie
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Anonym, 2018, Was bedeutet die Digitalisierung für Unternehmen, die Gesellschaft, die Umwelt und das Leben des einzelnen Menschen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/916373

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