Das Irgendwo Moors vs. amerikanischer Traum - zum Roman „Morbus Kitahara“ von Christoph Ransmayr


Seminararbeit, 1997

26 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Moor liegt irgendwo
1.1 Zur Topographie eines möglichen Realbezuges
1.2 Die literarische Realisierung des „Morgenthauplanes
1.2.1 Exkurs: Der Morgenthauplan
1.2.2 „Zurück in die Steinzeit“
1.2.3 Prämoderne und Wildnis

2 Der amerikanische Traum
2.1 Der alte und der neue Kontinent
2.2 Unsere Realität als Traum der Protagonisten

3 Das Überall Moors

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Im Vorwort zu seinem Buch Arbeitslager Zement sagt F. Freund: „Wenn ich heute an Ebensee denke, assoziiere ich diese liebe, friedvolle Gegend, in die das Konzentrationslager eingebettet war. Diesen Platz des Grauens [...] kann ich mir heute gar nicht mehr richtig vorstellen“.[1] Die Zeit verweht, wie es scheint, alle Spuren einer leidvollen Vergangenheit, über die man nur widerwillig oder in oft verfälschender Nostalgie spricht. Was passiert allerdings, wenn man versucht, diese Vergangenheit zu konservieren, so dass man auch sich noch Jahrzehnte nach der Katastrophe unweigerlich damit konfrontiert sieht?

Christoph Ransmayrs Roman Morbus Kitahara realisiert, wenn auch „nur“ fiktional, dieses Szenario, das mich veranlasst hat, über die im Roman bewusst inszenierte Abgeschiedenheit irgendeines Kaffs an irgendeinem Gebirgssee und die Sehnsucht der Protagonisten nach dem „Amerikanischen Traum“ zu reflektieren. Das Irgendwo des Arbeitsthemas wird jedoch nicht nur unter dem Gesichtspunkt eines Romans, der sich als Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung verstehen könnte, reflektiert, sondern auch in Hinsicht auf die Betrachtung der mensch-lichen Existenz vor dem Angesicht der Ewigkeit der Natur bzw. der ewigen Wiederkehr der Geschichte.

1 Moor liegt irgendwo

In der Literaturwissenschaft stellt sich immer wieder die Frage nach der Relevanz realer Vorgaben für die Interpretation des eigentlichen - und vielleicht eigenständigen - Textes. Obwohl auch ich persönlich der textimmanenten Untersuchung die wesentliche Bedeutung zuschreibe, so finde ich es dennoch nicht unwichtig, das Interesse auch auf mögliche Aspekte zu legen, die einen Autor u.a. dazu motivieren könnten, ein bestimmtes Werk zu verfassen.

Gerade bei „ Morbus Kitahara“ sollte uns dieses Vorgehen besonders am Herzen liegen, da der Roman das Thema Vergangenheitsbewältigung nicht im Sinne einer sonst oft so krampfhaft durchgeführten Art und Weise behandelt. Hier wird die jüngere Geschichte nicht anhand einer fiktionalen Welt verarbeitet, die der Realität näher stünde, als man es sich in der Literatur oft wünscht; nein, dieser Roman zeugt im ersten Augenblick von weniger politischer und gesellschaftlicher Aktualität, ist deswegen jedoch nicht minder brisant oder relevant für das reale Umfeld. Hier wird, wie es für Ransmayr typisch zu sein scheint, ein Ansatz gewählt, der viel eher an eine „Parallelwirklichkeit“ erinnert, die bei anderen Vorzeichen der uns bekannten Vergangenheit unter Umständen eintreffen hätte können. Der Autor spielt geschickt mit seiner Phantasie und konstruiert mit detaillierter Sorgfalt, wie man es bereits aus „ Die letzte Welt“ gewohnt ist, eine völlig neue Situation, die uns jedoch bei näherer Betrachtung vielleicht gar nicht so abwegig erscheinen mag.

Aus diesem Grund reflektiere ich über das „Irgendwo Moors“, des Hauptschauplatzes im Roman, auf zweierlei Art: ich betrachte mögliche, und von Ransmayr weitgehend auch selbst bestätigte, Realbezüge, und ich untersuche die Situation des Ortes im Roman. Denn: Moor liegt irgendwo, Moor liegt aber auch irgendwo.

1.1 Zur Topographie eines möglichen Realbezuges

Wie bereits eingangs erwähnt lässt sich der Roman ohne besondere Schwierigkeiten „von außen“, also von den realen Gegebenheiten, betrachten. Das bezieht sich jedoch nicht nur auf das Handlungsgeschehen an sich, sondern in starkem Maße auch auf die Schauplätze desselben, die überaus große Ähnlichkeiten mit ihren realen Pendants aufweisen. So ist unter den InterpretInnen, RezensentInnen und KritikernInnen der Konsens entstanden, dass die Orte des Hauptgeschehens auf die Heimat des Autors, also auf das Salzkammergut hinweisen. Genauer gesagt handle es sich bei Moor um Gmunden oder Ransmayrs Heimatort Roitham selbst - die Meinungen sind dahingehend ein wenig divergent.[2] Allgemeine Übereinstimmung herrscht über den Steinbruch, der mit dem Lager Ebensee, einem Außenlager des KZ Maut-hausen „identifiziert“ wird. Ransmayr selbst bestätigt diese Meinungen in einem Interview mit S. Löffler, wenn er sagt: „Ich habe mit all dem gelebt - mit dem Steinbruch, mit allem, was dort geschehen ist“ oder: „Ich dachte, ein einziges Mal und vielleicht nie wieder nehme ich das Material eines Romans aus den Kulissen meines eigenen Lebens“.[3]

Meinungen von InterpretInnen sind eben Meinungen - man kann sie akzeptieren oder auch nicht - doch aus den Aussagen des Autors erkennt man, wie wichtig ihm gewisse Umstände für die Realisation und Behandlung seines Textes sind. Dies mag nun für eine Interpretation eine untergeordnete Rolle spielen, doch trägt es sicherlich dazu bei, ein größeres Verständnis im Umgang mit dem Roman zu entwickeln.

1.2 Die literarische Realisierung des „Morgenthauplanes“

„Seit den Tagen, in denen Major Elliots Pioniere die Bahnlinie ins Tiefland zerschlagen hatten und Moor aus den Fahrplänen verschwunden war, hatten die Bewohner der Besatzungszonen in einem langen Prozeß der Demontage und Verwüstung allmählich begriffen, [...] daß Lyndon Porter Stellamour nicht bloß irgendein neuer Name aus dem Heer und Regime der Sieger war, sondern der einzige und wahre Name der Vergeltung.“[4]

Es ist eine Idee des amerikanischen Richters Stellamour, die im Roman die fiktionale Gegenwart in eine, der realen Gegenwart konträre, Richtung laufen lässt, die Idee der Demontage der Industrie und des Verfalls eines einstigen Zentrums des Tourismus und der Erholung. „Stellamour“ lautet der Name im Roman, doch die Verwirklichung der Idee dieses Mannes beinhaltet ungefähr das, was heute unter dem Namen „Morgenthauplan“ bekannt ist, nämlich die Rückführung der besiegten deutschen Gebiete in einfache Agrarstaatstrukturen nach dem Zweiten Weltkrieg. Das klingt nun recht simpel und vom Inhalt dieser Idee her einleuchtend, doch dürfen diese Bestrebungen Morgenthaus nicht derart naiv und unreflektiert hingenommen werden. Gerade weil man im deutschsprachigen Raum, im Raum der „Besiegten“, vor allem aufgrund nationalistischen Stolzes diese Angelegenheit eher emotional und undifferenziert beleuchtet hat, ist es zu dem gekommen, was B. Greiner - gleichsam als Titel für sein Buch - als „Die Morgenthaulegende“ bezeichnet und im folgenden Exkurs näher beleuchtet werden soll.[5]

1.2.1 Exkurs: Der Morgenthauplan

„Es ist skurril, welche Namen sich in das kollektive Gedächtnis einprägen und welche nicht.“[6], schreibt B. Greiner in der Einleitung zu seinem Buch. In weiterer Folge führt er näher aus, wie sehr der Name einer eigentlich vagen und nicht wirklich näher bekannten Idee zu einem Feindbild deutschen Nationalsstolzes werden konnte. „Das industrialisierte Deutschland soll buchstäblich in einen riesigen Kartoffelacker verwandelt werden.“, wird etwa der Reichspropagandaminister des Deutschen Reiches, Josef Goebbels, über Henry Morgenthau jr. schimpfend zitiert.[7] Was die Nationalsozialisten damit bezweckten, war klar: Der Widerstandswille des Volkes sollte durch Angstmacherei gestärkt werden, zumal es sich bei H. Morgenthau noch dazu um einen „jüdischen [!] Racheengel“[8] handelte. B. Greiner schildert ausführlich, wie sich dieses Feindbild entwickeln konnte und noch heute in den Ohren der „Besiegten“ einen höchst unangenehmen Nachklang erzeugt.

In Opposition zum amerikanischen Außenminister George Marshall, dessen Wirtschaftshilfeprogramm heute noch mit ehrfürchtigem Gedenken gefeiert wird, steht der Finanzminister Morgenthau als ein Vernichter der deutschen Kultur, ja sogar der Kultur des gesamten Abendlandes in den Gedanken weiter Teile der Bevölkerung festgeschrieben. Auch wenn man sich der Person selbst nicht bewusst ist, weder seine Tätigkeit als Finanzminister noch seine besondere Rolle in der US-Politik gegenüber Nazi - Deutschland, vor allem in weiterer Folge in Hinsicht auf die Rettung der Juden, kennt, so ruft der Begriff „Morgenthauplan“ doch weite Empörung hervor. Ob es nun Carl Schmitt ist, der in polemischer Weise die Täterrolle Deutschlands in die Opferrolle umzudrehen versucht, oder der nicht entnazifizierte und damit „ewiggestrige“ Geschichtsprofessor Herbert Graber aus Würzburg - allen ist eines eigen: sie beschuldigen Morgenthau des Verbrechens am deutschen Volk und entziehen sich der eigenen Verantwortung an den Geschehnissen des Zweiten Weltkrieges.[9]

Dabei muss, wenn man den Untersuchungen B. Greiners glaubt, die Angelegenheit ein wenig relativiert, nicht verharmlost, aber sorgfältiger betrachtet werden. Durch genaueste Nachforschungen, u.a. in den „National Archives“ in Washington, D. C., ist es ihm gelungen, die größeren Zusammenhänge in den Ideen des amerikanischen Finanzministers zu erkennen und damit das Schreckgespenst der Demontage Deutschlands (und Österreichs) in einem anderen, klareren Licht zu sehen. Demnach erkannte Morgenthau ganz richtig, dass der Lösung der „deutschen Frage“ „mit dem Sturz Hitlers und einem Verbot der NSDAP“[10] nicht genüge getan worden wäre. Da von ihm auf die Bedeutung der verschiedensten Industriebranchen für den Krieg der Nazis hingewiesen wurde, wollte Morgenthau eine Diskussion darüber entfachen, wie man diese Branchen der autonomen Kontrolle Deutschlands entziehen konnte.[11] Im Übrigen wollte er diese Diskussion nicht nur auf Deutschland alleine beziehen, sondern umfassende Strategien zur Bekämpfung von Regierungskriminalität jeglicher Art entwickeln.

Natürlich befasste sich Morgenthau im Besonderen mit dem nationalsozialistischen Regime, doch das ist aufgrund der damaligen Situation nur zu verständlich. Außerdem tat seine jüdische Angehörigkeit, obwohl er sich persönlich in erster Linie als Amerikaner verstand und keine entsprechende religiöse Motivation aufwies, ihr Übriges zu seiner Konzentration auf das Deutsche Reich - vor allem in Anbetracht der Schilderungen von den Verbrechen an den Juden in ganz Europa, die Morgenthau besonders bewegt haben mussten.[12]

Will man also den „Morgenthauplan“ in seiner Gesamtheit erfassen und nicht nur die Verwandlung der Deutschen Gebiete in einen „Kartoffelacker“ damit assoziieren, muss man sich umfassender mit dem Thema - auch mit Morgenthaus Leben - beschäftigen und nicht ständig die stereotypen, weil unreflektierten Aussagen darüber kritiklos hinnehmen.

[...]


[1] Florian Freund: Arbeitslager Zement. Das Konzentrationslager Ebensee und die Raketenrüstung. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik 1989. (= Industrie, Zwangsarbeit und Konzentrationslager in Österreich. 2.) S. 9.

[2] Vgl. dazu u.a. auch: Konrad Paul Liessmann: Der Anfang ist das Ende. Morbus Kitahara und die Vergangen-heit, die nicht vergehen will. In: Uwe Wittstock (Hg.): Die Erfindung der Welt. Zum Werk von Christoph Ransmayr. Frankfurt / Main: Fischer 1997. (= Kultur & Medien.) S. 148 - 157, 150, weiters: André Spoor: Der kosmopolitische Dörfler. Christoph Ransmayrs wüste Welten. In: U. Wittstock: Die Erfindung der Welt, S. 181 - 187, 183, und Thomas Neumann: „Mythenspur des Nationalsozialismus“. Der Morgenthauplan und die deutsche Literaturkritik. In: U. Wittstock: Die Erfindung der Welt, S. 188 - 193, 192.

[3] Christoph Ransmayr in: „...das Thema hat mich bedroht“. Gespräch mit Sigrid Löffler über Morbus Kitahara (Dublin 1995). In: U. Wittstock: Die Erfindung der Welt, S. 213 - 219, 214f.

[4] Christoph Ransmayr: Morbus Kitahara. Ungekürzte Buchgemeinschafts- Lizenzausgabe der Buchgemeinschaft Donauland Kremayr & Scheriau, Wien, der Bertelsmann Club GmbH, Rheda - Wiedenbrück, und der angeschlossenen Buchgemeinschaften. Copyright 1995 by Fischer, Frankfurt / Main, Druck und Bindung: Wiener Verlag, S. 37.

[5] Bernd Greiner: Die Morgenthau - Legende. Zur Geschichte eines umstrittenen Plans. Hamburg: Hamburger Ed. 1995. (= Die Deutsche Bibliothek.)

[6] Ebda., S. 16.

[7] Ebda., S. 14. Goebbels zitiert nach German Propaganda Concerning Allied Plans for Germany: Supplement, S. 2. In: MD. Book 780. October 6-9, 1944.

[8] Ebda., S. 14.

[9] Vgl. ebda., S. 17 - 20.

[10] Thomas Neumann: „Mythenspur des Nationalsozialismus“. Der Morgenthauplan und die deutsche Literaturkritik. In: U. Wittstock (Hg.): Die Erfindung der Welt, S. 188 - 193, 191.

[11] Vgl. ebda.

[12] Vgl. ebda., S. 47 - 61.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Das Irgendwo Moors vs. amerikanischer Traum - zum Roman „Morbus Kitahara“ von Christoph Ransmayr
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz  (Germanistik)
Veranstaltung
Christoph Ransmayr
Note
2
Autor
Jahr
1997
Seiten
26
Katalognummer
V91662
ISBN (eBook)
9783638052191
ISBN (Buch)
9783638945158
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Irgendwo, Moors, Traum, Roman, Kitahara“, Germanistik, Neuere deutsche Literatur, Christoph, Ransmayr, österreichische, Literatur, Literaturwissenschaften
Arbeit zitieren
Mag. Alfons Wrann (Autor), 1997, Das Irgendwo Moors vs. amerikanischer Traum - zum Roman „Morbus Kitahara“ von Christoph Ransmayr, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91662

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