Erziehungsnotstand? Veränderte Erziehungsaufgaben und –methoden und der Beitrag sozialer Arbeit


Diplomarbeit, 2005

80 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entwicklung und Funktion der modernen Familie
2.1 Ein historischer Abriss - vom „großen Haus“ zur bürgerlichen Kleinfamilie
2.2 Definition von „Familie“
2.3 Pluralisierung der Lebensformen
2.4 Leistungen und Funktionen der modernen Familie
2.4.1 Familie als soziales System
2.4.2 Die Familie als Sozialisierungsinstanz
2.4.3 Reproduktionsfunktion der Familie
2.4.4 Fazit

3. Familiale Rollen
3.1 Zum Verständnis des Begriffs „soziale Rolle“
3.2 Rollenwandel
3.2.1 Veränderungen in der Rolle der Frau
3.2.2 Veränderungen in der Rolle des Vaters
3.2.3 Veränderte Funktion von Kindern

4. Gesellschaftliche Entwicklungen und die Auswirkungen auf die Erziehung
4.1 Individualisierung und Wertewandel
4.2 Äußere und innere Einflüsse auf das Familiensystem
4.2.1 Ökonomische Situation als äußerer Einflussfaktor auf Familien
4.2.2 Zur Gestaltung der Paarbeziehung innerhalb der Familie
4.3 Erziehungsziele
4.4 Auswirkungen auf das elterliche Erziehungsverhalten

5. Erziehungsstile im Vergleich
5.1 Autoritärer Erziehungsstil
5.2 Permissiver Erziehungsstil
5.3 Vernachlässigender und überbehütender Erziehungsstil
5.4 Autoritativer Erziehungsstil
5.5 Erziehungsstile und kindliche Verhaltensprobleme

6. Beiträge der sozialen Arbeit – zwei ausgewählte Modelle
6.1 „Starke Eltern – Starke Kinder“
6.1.1 Inhalt und Ziel des Elternkurses
6.1.2 Praktische Umsetzung des Elternkurses
6.2. „Elterliche Präsenz“ als systemisches Konzept
6.2.1 Was meint der Ansatz der elterlichen Präsenz?
6.2.2 „Wir sind hier!“, „Wir werden dich nicht aufgeben!“
6.3 Fazit

7. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Erziehung ist notwendig, um Kindern zu helfen, kompetente, bewusst handelnde Menschen zu werden, die ihrerseits einen festen Platz in unserem komplexen Gesellschaftssystem einnehmen können. Erzieherisches Handeln soll Kinder gemäß ihren Fähigkeiten fordern und fördern. Diese Forderung richtet sich vorrangig an alle Eltern -aber auch an Bildungs- und Betreuungsinstitutionen-, für die sich diese Aufgabe gegenwärtig als große Herausforderung darstellt.

Denn momentan wird mehr und mehr ein Notstand deklariert, der Eltern als „Erziehungskatastrophe“1 und unsere Kinder als „kleine Tyrannen“2 darstellt, die sich von niemandem mehr etwas sagen lassen. Der gesellschaftliche Aufschrei scheint immer größer zu werden: Eltern beklagen sich über ihre aggressiven, verhaltensauffälligen Kinder und kommerzielle Fernsehsendungen überfallen uns mit der „Super Nanny“ und den „Supermamas“ und neuerdings auch mit „dem großen Erziehungstest“, der das verbreitete Wissen über die Kindererziehung auf den Prüfstand stellt.

Doch was hat es wirklich auf sich mit dem „Erziehungsnotstand“? Was ist los mit den Kindern von heute? Sind sie wirklich nicht mehr gesellschaftsfähig? Haben sie kein Benehmen und kommen schon aggressiv zur Welt? Oder sind es vielleicht die Eltern, die ihre Kinder nicht mehr lieben und die Schuld tragen am randalierenden Verhalten ihrer Kinder?

Ich glaube keine dieser Fragen ließe sich in der Form so einfach beantworten, da eine Interpretation im Sinne von Ursache und Wirkung in unserer komplexen Welt

nicht ausreichend ist. Ich glaube auch, dass eine Schuldfrage an dieser Stelle unangebracht ist, sondern dass zur Beantwortung dieser Fragen der Fokus auf die Veränderungen im Gesellschaftssystem und die Beziehungen zwischen den Menschen gelegt werden muss. Die Menschen sind abhängig von den Überzeugungen unserer Kultur und unterliegen dem ständigen Druck mithalten zu müssen. Dieser Druck kann einen Teufelskreis bewirken, der sich auf alle Lebensbereiche und das gesamte Beziehungsgefüge auswirkt. Doch jeder Mensch ist in der Lage einen solchen negativen Kreislauf zu durchbrechen und seine Beziehungen wieder positiv zu gestalten.3

Das ist der Grund, warum ich mich in dieser Form mit dem Thema der Arbeit auseinandersetzen möchte. Ich möchte einen Beitrag zur Klärung der aktuellen Diskussionen zum Thema „Kindererziehung“ leisten und mich dabei vorrangig mit gesellschaftlichen Veränderungen, insbesondere mit veränderten Erziehungs-zielen und -methoden beschäftigen. Im Hinblick auf die scheinbar wachsende Problematik in der Erziehung, werde ich zusätzlich Handlungsmöglichkeiten seitens der Sozialen Arbeit vorstellen.

Zu Beginn werde ich im nachfolgenden Kapitel einen historischen Rückblick zum Wandel der Familie darstellen und die unterschiedlichen Gründe für die Vielfalt der Lebensformen behandeln, die unsere heutige Kultur prägen. Bezüglich dessen, was das System Familie für das Gesamtsystem Gesellschaft leistet und umgekehrt, werden hier des Weiteren die zentralen Leistungen und Funktionen der modernen Familie vorgestellt.

Daran anknüpfend befasse ich mich im dritten Kapitel mit den Aufgaben und Erwartungen innerhalb des Familiensystems. Die Rollenfunktionen einzelner Familienmitglieder haben in den letzten Jahrzehnten Veränderungen erfahren, die

sich besonders in der Gestaltung der Beziehungen untereinander und dem erzieherischen Verhalten der Eltern widerspiegeln.

Das zweite und dritte Kapitel der Arbeit bilden somit die Grundlage für die weitere Auseinandersetzung mit der Entstehung von Erziehungsschwierigkeiten.

Die weitreichenden gesellschaftlichen Entwicklungen, insbesondere Individualisierungsprozesse und der damit einhergehende Wertewandel, die seit einigen Jahren zu verzeichnen sind, werden im vierten Kapitel thematisiert. Dabei stelle ich einzelne Belastungen und Risiken dar, denen Familien ausgesetzt sind, speziell im Zusammenhang mit elterlichem Erziehungshandeln.

Im fünften Kapitel werden verschiedene Erziehungsstile dargestellt, die sich jeweils unterschiedlich auf die kindliche Entwicklung auswirken. Es wird erläutert, welcher Weg für die Kindererziehung besonders förderlich ist.

Dementsprechend zielt Kapitel sechs darauf ab, welche Möglichkeiten die Soziale Arbeit hat, um die Eltern wirkungsvoll in ihrem Erziehungshandeln zu unterstützen und einer wachsenden Problematik entgegenzuwirken.

Ich möchte mich abschließend in dieser Einleitung noch bei all denjenigen bedanken, die mich in der Zeit meiner Diplomarbeit vielfach unterstützt haben. Besonderer Dank gilt meinem Freund und meiner Familie, die mir mit viel Geduld, konstruktiver Kritik und dem Korrektur lesen des Skriptes tatkräftig zur Seite standen. Bedanken möchte ich mich auch bei Professor Dr. Andreas Reiners für die professionelle Begleitung und die zahlreichen Ratschläge, sowie bei Professor Dr. Lothar Krapohl, der sich als Zweitprüfer bereit erklärt hat.

2. Entwicklung und Funktion der modernen Familie

In dieser Arbeit geht es u. a. darum den Erziehungsnotstand, insofern man denn von einem solchen sprechen kann, auf dem Hintergrund von sich veränderten Erziehungsaufgaben und –methoden zu betrachten. Aufgrund dessen halte ich es zunächst für sinnvoll aus gesellschaftlicher Perspektive auf die Verhältnisse in unserer Geschichte zu blicken, die im Wesentlichen einen sozialen Wandel erklären und somit auch ausschlaggebend sind für unsere heutige Erziehung. Dazu zählen etwa der familiale Wandel, die Pluralisierung der Lebensformen, sowie die Veränderungen in den einzelnen Rollenfunktionen.

2.1 Ein historischer Abriss - vom „großen Haus“ zur bürgerlichen Kleinfamilie

Die moderne Familie entstand im Laufe gesellschaftlicher Veränderungsprozesse im kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Bereich. Der familiale Wandel vollzog sich dabei von dem vorindustriellen Familientypus des „ganzen Hauses“ über das bürgerliche Familienideal, das in der Mitte des 20. Jahrhunderts am stärksten verbreitet war, bis hin zur heutigen modernen Familienstruktur. Im Folgenden soll der Verlauf dieser Entwicklung kurz erläutert werden.

In der vorindustriellen Zeit war die Familie durch ihr multifunktionales Zusammenleben gekennzeichnet. Zum Haushalt gehörten sowohl Familienmitglieder als auch alle familienfremde Personen, wie Mägde und Knechte, die zusammen in einem Haus wohnten und dem Familienoberhaupt, dem autoritären „Hausvater“ unterlagen. Innerhalb des Hauses gab es keine räumlichen Trennungen, so dass es für den Einzelnen keine Rückzugsmöglichkeiten gab.4

Im Vordergrund standen die Produktion und der Haushalt, d.h. Familie hatte hauptsächlich eine wirtschaftliche Funktion und die Beziehungen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern gestalteten sich eher emotionsarm und schlicht. Sowohl die Ehepartner, als auch die Kinder wurden primär aus ökonomischen Gründen gewählt bzw. gezeugt, damit sie durch ihre Arbeitskraft zur Produktion des Haushaltes beitragen konnten.5

Erst im Zuge der Industrialisierung erfolgte allmählich eine Trennung von Arbeits- und Wohnstätte, sowie eine räumliche Ausgliederung der Dienstboten. Diese Differenzierung zog die Verbreitung des Ideals nach sich, dass der Mann für die Arbeit außer Haus zuständig ist und die Frau für Haushalt und Kinder. Während sich die Entstehung der Familienform der „bürgerlichen Kleinfamilie“ immer mehr durchsetzte, veränderten sich gleichzeitig auch die Einstellungen gegenüber Kindern, denen nunmehr eine „eigenständige Entwicklungsphase“6 zugesprochen wird, sowie die Beziehungen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern. Emotionen rückten mehr und mehr in den Vordergrund und die Liebe wurde zum zentralen Element für eine Partnerschaft. Die Familie erhielt nun insgesamt einen privaten Charakter und zielte auf die Bedürfnisbefriedigung in allen Bereichen ab.7

In den 50er Jahren war die bürgerliche Kleinfamilie auf ihrem historischen Höhepunkt und wurde auch nach dem zweiten Weltkrieg als vorherrschendes Familienideal von den meisten Menschen gelebt. Familiale Veränderungen bezüglich der Übernahme und Struktur der bürgerlichen „Normalfamilie“ lassen sich zunehmend seit den 70er Jahren feststellen. Demnach wurde der noch bis vor einigen Jahren bevorzugte Familientypus von seiner vorherrschenden Position in der Gesellschaft verdrängt. Wie sich diese Abnahme erklären lässt, soll im Folgenden erläutert werden.

2.2 Definition von „Familie“

Zunächst ist es sinnvoll eine soziologische Definition von Familie aufzuzeigen, da es vom alltäglichen Verständnis des Begriffes abhängig ist, wie die Verbreitung bzw. Anerkennung von weiteren Lebensformen zu verstehen ist. Denn verschiedene Sozialformen des Zusammenlebens hat es auch zu früheren Zeiten gegeben, sie fanden damals nur keine gesellschaftliche Anerkennung.

Familie wird auch heute noch von vielen Menschen mit der ursprünglichen Konstellation, der klassischen Vater-Mutter-Kind-Beziehung assoziiert, die gemeinsam in einem Haushalt leben und in der die Ehepartner für sich klar definierte Aufgaben übernehmen. Mit dieser alten und sehr engen Auslegung von Familie wird aber lediglich die traditionelle Kernfamilie umfasst. Sie schließt von vorneherein aus, dass sich überhaupt „neue“ Lebensformen in der Gesellschaft verbreitet haben könnten und kann deswegen in dieser Form nicht mehr ihre Anwendung finden. Ein-Eltern-Familien oder nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kind, wie sie in unserer Gesellschaft heute durchaus vertreten sind, finden unter diesem Verständnis von Familie überhaupt keine Berücksichtigung, was zur Folge hätte, dass sich ein familialer Wandel nicht erklären ließe.8

Angemessener wäre es Familie in einem sehr viel weiteren Sinne zu definieren, wie es z.B. der Autor HURRELMANN fordert:

Familie solle „als eine soziale Lebensform definiert werden, die durch das dauerhafte Zusammenleben von mindestens einem Elternteil und einem Kind charakterisiert ist, in der die Beziehungen durch Solidarität, persönliche Verbundenheit und Betreuung geprägt sind.“9

Familie verweist demzufolge immer auf das Vorhandensein von Kindern und mindestens zwei Generationen. Außerdem ist durch diese wesentlich weitere Fassung der Sozialform Familie nicht mehr vorgegeben, dass Familie gleichbedeutend ist mit einer Ehe und/oder der Annahme beide Elternteile müssten zusammen in einem Haushalt leben.

2.3 Pluralisierung der Lebensformen

In den letzten dreieinhalb Jahrzehnten zeigen sich in unserer Gesellschaft die Entwicklungen einer rücklaufenden Zahl von Eheschließungen, einem gestiegenen Heiratsalter bei Männern und Frauen, die Abnahme der Geburtenrate, sowie gestiegene Zahlen der Ehescheidungen.10

Abb.1: Nichteheliche Lebensgemeinschaften in Deutschland;

Angaben in Tausend

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Nave-Herz, 2004, S. 60 (gekürzt)

Gleichzeitig ist eine stetig wachsende Zahl der verschiedenen Lebensformen, insbesondere der nichtehelichen Lebensgemeinschaft (siehe Abb. 1), aber auch der Ein-Eltern Familien und der Stiefelternschaften zu verzeichnen. Diese Entwicklungen ziehen nach sich, dass oftmals von einer Krise der Familie, im Sinne der traditionellen Kleinfamilie, gesprochen wird.

Hier stellt sich die Frage: Wie ist diese Entwicklung zu erklären?

TYRELL spricht in diesem Zusammenhang von einer Deinstitutionalisierung von Ehe und Familie und meint damit die „ Abnahme der normativen Verbindlichkeit des bürgerlichen Familienmusters.“11 Deutlich wird dieser Prozess anhand verschiedener wichtiger Ereignisse:

Zum einen ist durch die Legitimität der Berufsarbeit der Frau, diese in ihrer Rolle weitgehend unabhängig geworden. Frauen sind nicht mehr darauf angewiesen, sich durch eine Heirat sozial abzusichern. Sie haben heute selbst die Möglichkeit einen Beruf zu ergreifen und „Karriere zu machen“. Dies war bis vor einigen Jahren keine Selbstverständlichkeit. Noch bis ins Jahr 1977 gab es im BGB die gesetzliche Verankerung, dass Frauen zwar einer Berufstätigkeit nachgehen können, doch nur unter der Voraussetzung, ihren Haushalt und die Familie dadurch nicht zu vernachlässigen.12

Des Weiteren lässt sich sagen, dass das unverheiratete Zusammenleben in unserer Gesellschaft heute deutlich mehr akzeptiert wird, als noch vor 40 Jahren, was insbesondere mit der veränderten Sexualmoral zusammen hängt.

D.h. das Eingehen einer Partnerschaft muss, um emotionale Grundbedürfnisse zu befriedigen, heute keine Ehe mehr zur Folge haben und wenn geheiratet wird, dann nicht unbedingt mit der Absicht, Kinder zu bekommen. Auch hat im Laufe des gesellschaftlichen Wandels die Diskriminierung nicht verheirateter Mütter stark nachgelassen, so dass es nicht mehr zwingend notwendig ist bei der Geburt eines Kindes oder der Trennung vom Partner (wieder) zu heiraten.13

Zwei weitere Gründe für die Pluralisierung der Lebensformen bilden die gestiegene Erwerbbeteiligung der Frauen und der heute häufig längere Bildungs- und Berufsweg. Auf die Schulzeit folgt eine Ausbildung oder ein Studium und im Anschluss daran setzt man sich mit den schwierigen Bedingungen des Arbeitsmarktes auseinander. Diese Entwicklungen lassen sich mit einem Kinderwunsch und der Entsprechung in dieser Rolle als Mutter oder Vater nicht immer vereinbaren, da unser Gesellschaftssystem die Forderung an jedes Individuum heran trägt, möglichst flexibel, unabhängig und „allzeit bereit“ zu sein. Eine Ehe oder Familie würde hinsichtlich dieser Forderung nur behindern.14

Diese unterschiedlichen Ereignisse begründen, wie eingangs gefragt, den Rückgang der Eheschließungszahlen, das gestiegene Heiratsalter bei Männern und Frauen und auch die gesunkene Geburtenrate. Generell lässt sich sagen, dass die Pluralität der Lebensformen in unserer Gesellschaft „aus dem gestiegenen Traditionsverlust, aus der ökonomischen Wohlstandssteigerung, aus dem sozialstaatlichen Absicherungssystem, dem Wandel des Erwerbssystems sowie vor allem auch aus der höheren Bildungsbeteiligung von Frauen“15, resultiert.

Trotzdem ist es wichtig zu betonen, dass Ehe und Familie im traditionellen Sinn, keineswegs an Bedeutung verloren haben. Aktuelle Studien belegen immer wieder, dass der Wunsch nach eigenen Kindern und einer späteren Heirat durchaus bejaht wird und mit einer Familie Glück und Zufriedenheit verbunden wird.16

Die Tatsache, dass Familie an immer stärkerer subjektiver Bedeutung gewinnt hängt auch mit wachsender Orientierungslosigkeit der Menschen und dem Zerfall normativer Verbindlichkeiten zusammen. Unser Gesellschaftssystem wird zunehmend undurchsichtig, die Menschen stehen unter Druck und sehnen sich nach einem verlässlichen Platz, den sie in einem stabilen Familiensystem suchen.

Im Ganzen betrachtet besteht für den Einzelnen durch die Pluralisierung der Lebensformen einfach eine größere Wahlmöglichkeit bezüglich seiner bevorzugten Lebensform. BECK führt diese Entwicklungen auf Individualisierungs-prozesse zurück und betont, „dass wir Augenzeugen eines Gesellschaftswandels innerhalb der Moderne sind, in dessen Verlauf die Menschen aus den Sozialformen der industriellen Gesellschaft – Klasse, Schicht, Familie, Geschlechtslagen von Männern und Frauen- freigesetzt werden […].“17

Ich habe in meinem Leben also die Möglichkeit, mehrere Formen des Zusammenlebens zu durchlaufen, mit jeweils kürzerer oder längerer Verweildauer, bevor ich mich zu einem späteren Zeitpunkt eventuell für Ehe und /oder Familie entscheide. In welchem Zusammenhang Individualisierungsprozesse und Erziehung stehen, soll in einem späteren Kapitel dargelegt werden.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass, obwohl zunehmend von einer Krise der Familie gesprochen wird und auch deutliche normative und familiale Veränderungen seit den 70er Jahren dieses Jahrhunderts zu erkennen sind, die Sozialform Familie, im Sinne von Ehepaar mit Kind(ern), immer noch die am stärksten vertretene familiale Lebensform ist.18 Es gibt heute lediglich mehr anerkannte Alternativen zur klassischen Familie und Ehe.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2: Haushaltsaufteilung in Deutschland

Quelle: Nave-Herz, 2004, S. 70

Bezogen auf alle Haushalte in Deutschland (siehe Abb.2) verändert sich dieses Bild in der Hinsicht, dass die Familienhaushalte, im ursprünglichen Sinn, deutlich

von den 1- Personenhaushalten und den Ehepaaren ohne Kinder in den „Hintergrund“ gedrängt wurden. Von allen Haushaltsformen werden lediglich noch 1/3 Drittel von Ehepaaren mit Kindern vertreten.

2.4 Leistungen und Funktionen der modernen Familie

Zu den verschiedenen Funktionen einer Familie zählen u.a. die Reproduktions-, Spannungsausgleichs-, Platzierungs-, und Sozialisationsfunktion. Im Laufe des gesellschaftlichen Wandels haben einige dieser Funktionen Veränderungen erfahren, andere sind wiederum ganz neu hinzu gekommen, wie etwa die Funktion der Freizeitgestaltung19, der früher allein aus strukturellen Gründen (hohe Arbeitszeiten, fehlende gesetzliche Verankerungen) keinerlei Bedeutung beigemessen werden konnte. Aufgrund des zugrunde liegenden Themas möchte ich im Folgenden nur auf die zentralen Leistungen der heutigen Familie eingehen, d.h. auf die Sozialisations- und Reproduktionsfunktion. Im Hinblick darauf möchte ich zunächst den Systembegriff einführen, um zu verdeutlichen in welchem Zusammenhang das System Familie und die Gesellschaft stehen.

2.4.1 Familie als soziales System

Betrachtet man Familie aus systemtheoretischer Sicht kann man sie auch als soziales System beschreiben. Soziale Systeme sind Kommunikationssysteme, die ausschließlich über Kommunikation ihre Beziehungen untereinander aufrechterhalten.20 So finden auch Vorgänge und Entscheidungen im System Familie nur über den Austausch von Informationen statt, wodurch sie Grenzen zu anderen Systemen ziehen können.

Familie als soziales System wird insofern auf zwei Ebenen behandelbar:

1. In welchem Verhältnis steht das System Familie zur Umwelt? und
2. Wie verhalten sich die familiären Subsysteme (z.B. Elternsubsystem) untereinander?

LUHMANN beschreibt, in Anlehnung an die Biologen MATURANA und VARELA , soziale Systeme als autopoietische21 Systeme22, die in der Lage sind sich durch ihre systemeigenen Faktoren selbst zu regulieren, wodurch sie in der Gestaltung ihrer Binnenverhältnisse relativ autonom werden. Die Familie als soziales System ist demnach ein autopoietisches System, mit der Fähigkeit seine Elemente selbst zu produzieren und zu steuern. Es kann als geschlossenes System angesehen werden, dass sich gegenüber anderen Systemen abgrenzen kann.23

Das heißt nicht, dass Familien vollkommen unabhängig von ihrer Umwelt sind, denn um zu bestehen, sind Familiensysteme auf den Austausch mit anderen Systemen angewiesen, bei dem sie allerdings selbst entscheiden, in welcher Intensität sie Kontakt zur Umwelt aufnehmen. Es bleibt den Familien überlassen, ob sie sich beispielsweise mit ihrem Kleinkind einer Krabbelgruppe anschließen, zusätzlich einen Schwimmkurs besuchen, darüber hinaus noch Ausflüge unternehmen oder sich in ihrer Freizeit lediglich auf Besuche der eigenen Verwandtschaft beschränken. In allen Fällen halten sie - in dem einen Fall intensiver als in dem anderen - offenen Kontakt zu ihrer Umwelt. Allerdings zeigt sich hier deutlich, dass Familie, ein in die Gesellschaft eingebettetes System ist, das auf diese Angebote angewiesen ist, um überhaupt Wahlmöglichkeit zu haben.24

Das Familiensystem kann also gleichzeitig als geschlossenes und umweltoffenes System beschrieben werden, das in einem Bedingungsverhältnis zu seiner Umwelt steht, das aber auf gleiche externe Einflüsse, nicht immer auf die selbe Weise reagiert. Denn soziale Systeme sind durch einen inneren Zustand gekennzeichnet, der nicht konstant bleibt, so dass der gleiche Input zu bestimmten Zeiten zu unterschiedlichen Reaktionen im System führen kann.25

Bezogen auf die innerfamiliären Subsysteme lässt sich sagen, dass Familien gekennzeichnet sind, durch wechselseitige Interaktionsprozesse zwischen ihren Mitgliedern. Es ist ein Netz aus mehreren Personen, die durch Kommunikation untereinander Beziehungen führen. Verhaltensweisen einzelner Individuen werden in diesem Netz nicht gesondert oder linear betrachtet, sondern immer in einem zirkulären Kontext, d.h. in wechselseitiger Beeinflussung mit den anderen Familienmitgliedern.

Auftretende Probleme werden nicht auf eine einzelne Person zurückgeführt (z.B. aggressives Verhalten eines Kindes), sondern der Fokus wird hierbei auf die Beziehungen zwischen den Menschen gelegt. Ein Familienmitglied allein kann zwar Symptomträger eines Problems sein, dieses liegt aus systemischer Sicht aber in einem „gestörten“ Beziehungsgefüge innerhalb der Familie begründet.26

2.4.2 Die Familie als Sozialisierungsinstanz

Sozialisation meint: „den Prozess, in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehene menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit bildet, die sich über den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den Lebens-bedingungen weiterentwickelt.“27

Mit anderen Worten, der Mensch bildet seine eigene Persönlichkeitsstruktur, seinen Charakter, seine Identität durch Umwelteinflüsse jeglicher Art, d.h. sowohl durch seine Familie und Freunde, als auch durch Schule und Beruf. Dabei ist der Sozialisationsprozess zu verstehen, als ein Vorgang, an dem das Individuum aktiv beteiligt ist und der ein ganzes Leben lang stattfindet.

Die Familie ist die erste Instanz in die Kinder hineingeboren werden. Sie sind fortan erziehungsbedürftig und die Familie ist dafür verantwortlich, dass sie ihre Kinder für den gesellschaftlichen „Überlebensweg“ ausstattet. Durch Zuwendung, Unterstützung und Förderung können Kinder zu sozial verantwortungsvollen Persönlichkeiten werden, weswegen die Sozialisationsfunktion auch heute noch als die zentrale Aufgabe von Familie gilt. Diese Tatsache findet auch ihre gesetzliche Verankerung:

[...]


1 Gaschke, S.: Die Erziehungskatastrophe. Kinder brauchen starke Eltern, 4. Aufl., Stuttgart, München 2001

2 Lache, A./ Rabsch, T.: Die kleinen Tyrannen In: Stern, Die kleinen Tyrannen, Heft 17, Hamburg 2005

3 siehe Vorwort

4 vgl. Nave-Herz, R.: Ehe- und Familiensoziologie. Eine Einführung in Geschichte, theoretische Ansätze und empirische Befunde, Weinheim, München 2004, S. 43f.

5 vgl. Lakemann, U.: Familien- und Lebensformen im Wandel. Eine Einführung für soziale Berufe, Freiburg im Breisgau 1999, S. 14f.

6 Nave-Herz, 2004, S.50

7 Nave-Herz, 2004, S. 51ff.

8 vgl. Nave Herz, 2004, S. 23 f.

9 Hurrelmann, K.: Einführung in die Sozialisationstheorie, 8. Aufl., Weinheim 2002., S. 130

10 vgl. Nave-Herz, 2004, S.58 ff.

11 Peuckert, R.: Familienformen im sozialen Wandel. 3. Aufl., Opladen, 1999, S. 36

12 vgl. Nave-Herz, 2004, S. 153

13 vgl. Peuckert, 1999, S. 38

14 vgl. Beck, U.: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main 1986, S.191

15 vgl. Nave-Herz, 2004, S. 104

16 Umfrageergebnisse der Zeitschrift NEON in Zusammenarbeit mit dem Forsa Institut: Etwa 68% der Befragten wollen später einmal heiraten und weitere 70% wollen einmal eigene Kinder bekommen. vgl. NEON-Magazin, Die große NEON- Umfrage. So sind wir, 09/05, Hamburg 2005, S.44 und 49; vgl. auch Deutsche Shell (Hrsg.): Jugend 2002. Zwischen pragmatischem Idealismus und robustem Materialismus, 4. Aufl., Frankfurt am Main 2003, S. 18

17 vgl. Beck, 1986, S. 115

18 Zur besseren Verständlichkeit soll gesagt werden, dass zu familialen Lebensformen sowohl Eltern-Familien und nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kind zählen, als auch homo-sexuelle Paare mit Kind und Ein-Eltern-Familien. Haushaltsformen bilden alle familialen Lebensformen, sowie nichteheliche Lebensgemeinschaften, Alleinstehende und Ehepaare ohne Kinder.

19 vgl. Nave-Herz, 2004, S. 95

20 vgl. Luhmann, N.: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main 1984, S. 191f.

21 autopoietisch (griechisch): Autos = selbst und poiein = machen

22 vgl. Luhmann, 1984, S. 60

23 vgl. Luhmann, N.: Soziologische Aufklärung 5. Konstruktivistische Perspektiven, 2. Aufl., Opladen 1993, S. 197f.

24 vgl. Erler, M.: Die Dynamik der modernen Familie. Empirische Untersuchung zum Wandel der Familienformen in Deutschland, Weinheim, München 1996, S.18f.

25 vgl. Nave-Herz, R.: Familie heute. Wandel der Familienstrukturen und Folgen für die Erziehung, 2. Aufl., Darmstadt 2002, S.12

26 vgl. Schneewind, K.A.: Familienpsychologie, 2. Aufl., Stuttgart 1999, S.90 f.

27 Hurrelmann, 2002, S. 15

Ende der Leseprobe aus 80 Seiten

Details

Titel
Erziehungsnotstand? Veränderte Erziehungsaufgaben und –methoden und der Beitrag sozialer Arbeit
Hochschule
Katholische Hochschule NRW; ehem. Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Aachen
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
80
Katalognummer
V91700
ISBN (eBook)
9783638049238
Dateigröße
754 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erziehungsnotstand, Veränderte, Erziehungsaufgaben, Beitrag, Arbeit
Arbeit zitieren
Dipl. Sozialpädagogin Sandra Heiligers (Autor), 2005, Erziehungsnotstand? Veränderte Erziehungsaufgaben und –methoden und der Beitrag sozialer Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91700

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