Grade geschlechtsspezifischer Assertivität am Beispiel von politischem Diskurs


Magisterarbeit, 2007

107 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Institutioneller und gesellschaftlicher Hintergrund
II.I Die Institution „CNN“ als Initiator politischer Interviews
II.II Geschlechterrollen im politischen Diskurs

III Theoretischer Hintergrund
III.I Das Genre des politischen Interviews
III.II Das Konzept der Assertivität
III.III Die Relation von Geschlechterrolle und Assertivität

IV Die Untersuchungsgrundlagen
IV.I Der Untersuchungsgegenstand / Interviewauswahl
IV.II Der Analysekatalog
IV.II.I Die Kategorien
IV.II.I.I Vollständige Antworten (VA)
IV.II.I.II Unvollständige Antworten (UVA)
IV.II.I.III Anerkennen der Frage / Nichtbeantwortung (NB)
IV.II.II Der Modalitätsbegriff
IV.III Methodologie

V Hypothesen, Analysen und Diskussion
V.I Hypothese 1
V.II Hypothese 2
V.III Hypothese 3
V.IV Hypothese 4

VI Schluss

VII Appendix
VII.I Untersuchungsergebnisse in Tabellen
VII.II Analysierte Interviews
VII.II.I Interview Richard Lugar, Barbara Boxer 26.01.03
VII.II.II Interview Duncan Hunter, Jane Harman 01.06.03
VII.II.III Interview Christopher Cox, Jane Harman 04.01.04
VII.II.IV Interview Pat Roberts, Barbara Boxer 28.11.04
VII.II.V Interview George Allen, Barbara Boxer 07.08.05
VII.II.VI Interview Richard Lugar, Dianne Feinstein 04.02.07

VIII Bibliographie
VIII.I Primärquellen
VIII.II Sekundärquellen

I Einleitung

Das Feld der Geschlechterrollenforschung ist ein Untersuchungsgegenstand, dem sich bereits mehrere Wissenschaftsdisziplinen zugewandt haben. Neben Ansätzen aus der Psychologie, wie z. B. dem von Hartmut Kasten (1996), der die Ausprägung geschlechtsspezifischer Persönlichkeitseigenschaften über die Lebenspanne eines Menschen hinweg betrachtet, beschäftigen sich auch zahlreiche Linguisten mit diesem hochkomplexen Themengebiet (vgl. Preisler 1986, Poynton 1990, Philips 1994, Tannen 1994, Pilkington 1998, Cameron 2003, Talbot 2003, Weatherall und Gallois 2003). Ein sprachwissenschaftliches Teilgebiet bildet hierbei die Betrachtung des Einflusses der Variable Geschlecht auf den politischen Diskurs. So argumentiert Sylvia Shaw (2000), dass männliche Politiker im Gegensatz zu ihren Kolleginnen eher geneigt sind, das formale Regelwerk politischer Debatten und Diskussionen zu durchbrechen, um sich Vorteile zu verschaffen.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob und auf welche Art sich die sprachlichen Mittel, mit denen die Ausführungen weiblicher und männlicher Politiker in Interviewsituationen umgesetzt werden, unterscheiden. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Bestimmtheit, Zielgerichtetheit und Themenbezogenheit, die von Politikerinnen und Politikern in den Reaktionen auf Interviewfragen im Rahmen politischer Talkshows zum Ausdruck gebracht werden. Diese Phänomene werden durch den Terminus der Assertivität erklärt, mit dem sich das Kapitel III.II näher befasst. Um den Assertivitätsbegriff zu erörtern werden bisherige Ansätze, wie die von Levin und Gross 1984 und 1987, Kern 1982 und Kern, Cavell und Beck 1985, herangezogen. In einem weiteren Schritt wird das Genre des politischen Interviews mithilfe der diesbezüglichen Arbeiten von Blum-Kulka (1983), Heritage (1985), Jucker (1986), Dickerson (2001) und Ekström (2001) erörtert. Auf Grundlage dessen werden anschließend Theorien zu sprachlichen Ausweichstrategien in politischen Interviews, etwa die von Bull und Mayer (1993), mit dem Konzept der Assertivität verknüpft und zu einem Analysekatalog verschmolzen, der ein Kontinuum an verschiedenen Assertivitätsgraden und deren Umsetzung durch sprachliche Mittel definiert.

Auf der Basis der in diesem Katalog enthaltenen Kategorien werden mittels einer Untersuchung ausgewählter Interviewbeispiele aus der politischen Talkshow „Late Edition“ des amerikanischen Nachrichtensenders „CNN“ vier Fragestellungen überprüft:

Sind männliche und weibliche Politiker in unterschiedlichem Maße assertiv?

Bringen Politiker und Politikerinnen Assertivität unter Verwendung unterschiedlicher sprachlicher Mittel zum Ausdruck?

Gibt es in politischen Interviews von Seiten männlicher und weiblicher Interviewter unterschiedliche Präferenzen für verschiedene Modi, mit denen linguistische Signale von Assertivität vorgebracht werden können?

Sind weibliche Politiker in einem höheren Maße als ihre männlichen Kollegen dazu geneigt Fragen ausweichend zu beantworten?

II Institutioneller und gesellschaftlicher Hintergrund

In einer globalisierten Gesellschaft wie der unseren, werden die politischen Vorgänge auf der internationalen und der nationalstaatlichen Ebene immer vielschichtiger. Durch diese Komplexität wird es für den „Normalbürger“ zunehmend schwieriger, die Handlungen der von ihm auf demokratischem Wege bestimmten Entscheidungsträger nachzuvollziehen. Aus diesem Grunde kommt dem Massenmedium des Fernsehens die Aufgabe zu, aus der Mehrdeutigkeit politischer Situationen klare Schlagzeilen herauszuarbeiten und diese dem Zuschauer auf eine Weise zu vermitteln, durch die für ihn das politische Geschehen greifbar wird (vgl. Schmitt-Beck 1994: 159f.). Somit kommt dem Fernsehen eine Vermittlerrolle zu, indem es als selektierender Kanal zwischen den Politiker und die Öffentlichkeit tritt, mit der dieser einseitig kommuniziert.

Matthew R. Kerbel (1993: 207) gibt zu bedenken, dass in diesem Zusammenhang das Medium selbst zum politischen Akteur wird. Einerseits ist das Fernsehen als Institution zu verstehen, da es einer Reihe von routinierten Regeln und Rollen folgt und seine Handlungsabläufe, die sich seit Beginn seiner Existenz entwickelt haben, dem Zweck dienen, das gesellschaftliche Bedürfnis nach Information und Kommunikation zu stillen. Andererseits nimmt es somit einen wichtigen Platz in jenen nationalen und internationalen Netzwerken ein, in denen politische Entscheidungen getroffen werden. Um zur Öffentlichkeit durchzudringen, ist es für Politiker unumgänglich den Kommunikationskanal des Fernsehens zu nutzen. Dabei kommt laut Kerbel (1993: 213) der politischen Talkshow eine essentielle Rolle zu. Sie stellt ein Forum dar, dass es den Politikern ermöglicht, innerhalb des Regelwerks der Interviewsituation, das in Kapitel III.I näher beleuchtet wird, auf direkte Weise mit dem Moderator zu debattieren und gleichsam indirekt ihre politischen Statements der bürgerlichen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der Kommunikationskanal zum Fernsehpublikum ist allerdings einseitig und indirekt, da dem Interviewten, der den Regelwerken der Institutionen der Fernsehanstalten zu folgen hat, die Aufgabe zukommt, anstelle der Zuschauer mit den Politikern zu kommunizieren. Da die befragten Politiker über eine Reihe von Techniken verfügen, das Gespräch und damit auch die daraus hervorgehenden Botschaften an das Publikum in ihrem Sinne zu beeinflussen, spricht Gerda Lauerbach dem Fernsehen die Rolle des Verfechters der Demokratie zu:

The function that the media are seen to play […] is to act as watchdog for democracy and as advocate of the people. The role of interviewers is to call politicians to account and to get them to explain and justify their policies.

(Lauerbach 2001: 198)

Die grundlegende Annahme der vorliegenden Untersuchung ist, dass Politiker und Politikerinnen in TV-Interviews ihre politischen Intentionen und Handlungen auf sprachlich unterschiedliche Art erklären und rechtfertigen.

Um den situativen Kontext, in dem dies stattfindet, näher zu beleuchten, wird im folgenden Kapitel die Rundfunkanstalt „CNN“ kurz in ihrer Organisationsstruktur und Programmgestaltung vorgestellt. Des Weiteren wird ihre Rolle als Plattform für politische Interviews erörtert.

II.I Die Institution „CNN“ als Initiator politischer Interviews

Die US-amerikanische Anstalt „Cable News Network“ hat sich, seit sie am 1. Juni 1980 auf Sendung ging, sukzessive zu einer international etablierten Institution der medialen Nachrichtenübermittlung entwickelt. Heute gliedert sich der Nachrichtensender in das reguläre Hauptprogramm „CNN“, „CNN Headline News“, das in einem halbstündlichen Rhythmus die wichtigsten Schlagzeilen zusammenfasst, „CNN Radio“, „CNN international“, das via Kabel und Satellit weltweit empfangbar ist, sowie regionale und spezielle Programme wie „Telemundo CNN“, „N-TV Deutschland“ und „Airport Channel“. (vgl. Hammann 1994: 35f.)

Das Programm von „CNN“ gliedert sich formal in Nachrichtensendungen, Live-Berichterstattungen, Dokumentationen und sowohl nicht-politische als auch politische Talkshows und Diskussionsrunden (Hammann 1994: 86). Der letzteren Kategorie ist die Sendung „Late Edition“ zuzuordnen, die wöchentlich sonntags von 16.30 Uhr bis 18.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit vom Sender „CNN international“ ausgestrahlt wird und Zuschauer in 180 Ländern weltweit erreicht. Seit 1993 präsentiert der Moderator Wolf Blitzer im Rahmen dieser zweistündigen politischen Talkshow Expertenanalysen, Gespräche mit Reportern und Live-Interviews mit Politkern zu aktuellen Themen internationalen Interesses, wie Wahlen, Bürgerkriege, Friedensverträge oder Naturkatastrophen. (CNN Late Edition Homepage 2007) Die zur vorliegenden Analyse herangezogenen Interviews wurden live im Studio geführt und erstreckten sich jeweils über eine Zeitspanne von zehn bis 15 Minuten.

Mit dem Ziel, eine theoretische Grundlage für die Analyse der Grade sprachlich umgesetzter Assertivität im geschlechtsspezifischen Vergleich in Interviews, die im Rahmen der Sendung „Late Edition“ abgehalten wurden, zu schaffen, werden im Folgenden einige Betrachtungen zur Rolle der Variablen des Geschlechts im Umfeld des politischen Diskurses vorgestellt. Diese werden in Vorbereitung der Analyse als Grundlage der zu überprüfenden Hypothesen herangezogen.

II.II Geschlechterrollen im politischen Diskurs

Ausgehend von der Fragestellung, ob Männer und Frauen „unterschiedliche Sprachen“ sprechen, beziehen West, Lazar und Kramarae (1997: 119) die auch im Kanon der feministisch geprägten Studien zum Thema der Beziehung zwischen Geschlechterrolle und Diskurs (Kelly 1998, Kathlene 1998 und King 1998) vertretene Position, dass typisch männliches und typisch weibliches Verhalten, insoweit diese determinierbar sind, weniger durch die Biologie als durch gesellschaftliche Rollenmuster konstruiert werden. Als wichtigste Determinanten werden diesbezüglich die institutionalisierten Machtstrukturen gesehen, innerhalb derer zwischenmenschliche Kommunikation stattfindet. In Bezug auf das Genre des politischen Diskurses bedeutet dies, dass das Quantum an auffindbaren Unterschieden im Bereich des sprachlichen Ausdrucks, wie etwa Signalen von Assertivität, von der Stärke der Prägung des politischen Umfeldes durch männliche oder weibliche Verhaltenskodizes bestimmt ist. Somit lässt der Fakt, dass unter den 100 Senatoren des einhundertzehnten Kongresses der Vereinigten Staaten von Amerika lediglich 16 Frauen zu finden sind (U.S. Senate Homepage 2007) auf einen relativ „männlichen“ Stil der dort initiierten Debatten schließen. Damit ist auch Kings (1998: 69) Hypothese bestätigt, der Staat eine sei männliche Domäne, da dessen Führung, Politik und Administrative die kulturelle Präferenz für das Maskuline über das Feminine widerspiegelte. Allerdings bleiben die Arbeiten sowohl von West, Lazar und Kramarae (1997) als auch von King (1998) bar jeglicher Definition derartigen geschlechtstypischen Verhaltens.

Dem gegenüber stellt Lyn Kathlene (1998: 174f.) mittels einer geschlechtsrollenvergleichenden Untersuchung vonGesetzverabschiedungsdebatten des Colorado State House fest, dass das Geschlecht der analysierten Sprecher neben allen anderen Indikatoren für das zu erwartende Kommunikationsverhalten der signifikanteste ist. So traten männliche Mitglieder weitaus früher in Diskussionen ein als weibliche. Frauen ließen hingegen durchschnittlich mehr als zwei Drittel der Anhörungszeit verstreichen bevor sie vorgetragene Reden unterbrachen, während Männer bereits nach der Hälfte der Zeit die Initiative ergriffen. Des Weiteren äußerten männliche Politiker eine höhere Anzahl an Wörtern pro Turn[1] und wiesen insgesamt eine höhere Anzahl an Turns auf als ihre weiblichen Gegenbilder.

Hierfür affirmativ ist ferner Sylvia Shaws (2000) Analyse britischer Unterhausdebatten. Sie attestiert männlichen Sprechen eine weitaus höhere Beanspruchung von Redezeit und eine sehr viel größere Anzahl an Zwischenrufen als ihren Gegenspielerinnen, die eher dazu geneigt sind, den männlichen Politikern „das Feld“ zu überlassen. Dieses Phänomen begründet sie damit, dass Männer bestrebt sind, die Kontrolle über den Diskurs an sich zu reißen. Diesbezüglich geht Kathlene (1998: 189) noch einen Schritt weiter, indem sie das männliche Kontrollbestreben von politischen Debatten als „verbal aggressiveness“ bezeichnet.

Im Gegenzug beschreibt Robin Lakoff (1975) die „typisch weibliche Sprache“ als eine, die direkte und kraftvolle Aussagen vermeidet und eine Form besitzt, die von Zurückhaltung, Zögerlichkeit und Unsicherheit geprägt ist. Derartiges Sprachverhalten wird von Preisler (1986) mit dem Terminus tentativeness erfasst, der dem der assertiveness gegenübergestellt wird. Hinsichtlich der geschlechtsspezifischen Unterschiede im sprachlichen Verhalten stellt Preisler fest:

[...] when women speak more tentatively than men, it is not generally because they are cowed by male chauvinists who force them into a defensive position. It is rather that men and women have developed sex-specific speech patterns […].

Preisler (1986: 288)

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es zu ergründen, auf welche Art sich diese geschlechtsspezifischen Redemuster im politischen Diskurs niederschlagen.

III Theoretischer Hintergrund

In den folgenden Unterkapiteln wird, basierend auf den Theorien Eksröms (2001), Dickersons (2001), Juckers (1986) und Heriatges (1985) das Genre des politischen Interviews dargelegt. Des Weiteren wird der Terminus der Assertivität aus dem sozialpsychologischen Blickwinkel heraus beleuchtet und für die Anwendung in der vorliegenden Studie definiert.

III.I Das Genre des politischen Interviews

Das politische Interview ist eine spezielle Form des mündlichen Diskurses, die sich in essentiellen Punkten, wie der Rollenverteilung zwischen den Interaktanten, Organisation, Struktur und Zeitrahmen, von herkömmlicher zwischenmenschlicher Konversation unterscheidet. In den meisten Fällen findet das Gespräch von Angesicht zu Angesicht an einem dafür vorgesehenen Ort, z. B. in einem Studio oder auf einer Pressekonferenz statt und wird durch die Medien des Radios, Fernsehens oder Internets in Echtzeit oder zeitversetzt übertragen. (vgl. Jucker 1986: 3) Daneben liegt eine gewisse Zahl von Interviews auch in schriftlicher Form, als Artikel in den Printmedien oder im Internet, vor. Allerdings gehen diesen Transkripten stets mündliche Interviews voraus.

So begreift Ekström (2001: 564ff.) das politische Interview als eine institutionelle Form sozialer Interaktion. Für den Interviewer und den Interviewten gelten bestimmte Rollenmuster, die sich sowohl aus dem institutionellen Kontext als auch aus der Gesprächssituation heraus ergeben. Von diesen Konventionen wird angenommen, dass beide Parteien sie einerseits kennen und sich andererseits in Übereinstimmung mit ihnen verhalten. Unter der Grundannahme, dass das politische Fernsehinterview eine Diskursform ist, die die öffentliche Wahrnehmung von Politikern maßgeblich beeinflusst, werden vier Kriterien definiert, die für das Genre als solches charakteristisch sind:

Das Interview wird vom Moderator begonnen und beendet.

Der Interviewer ergreift die Initiative, indem er den Interviewten auffordert zu sprechen.

Der Befragende führt das Gespräch und entscheidet somit über welchen Sachverhalt in welchem Umfang gesprochen wird.

Vom Interviewten wird Zusammenarbeit in der Form erwartet, als dass er versucht, die Fragen des Journalisten zu beantworten. Neben der vollständigen Beantwortung einer Frage, wird auch eine Teilantwort, eine ausweichende Reaktion, das Kritisieren der Frage oder sogar deren Ablehnung als eine mögliche Antwort angesehen.

Wie am Beispiel der von „CNN“ im Rahmen der Sendung „Late Edition“ initiierten politischen Interviews deutlich wird, ist die Weise, auf die sich diese vier Charakteristika manifestieren, sowohl durch die Konventionen der Sendeanstalt, als auch die ritualisierten Verhaltensweisen des Interviewers Wolf Blitzer bestimmt. Dies wird im Folgenden durch einen Blick auf eine Überleitung des Moderators zu einem Interview zweier Kongressabgeordneter veranschaulicht:

BLITZER: Welcome back to "LATE EDITION."

We're joined now by two of Congressman Shays's colleagues: California Republican Congressman Christopher Cox. He's chairman of the House Homeland Security Committee. And California Congresswoman Jane Harman. She's a Democrat. She's the top Democrat on the House Intelligence Committee. She also serves on the Homeland Security Committee as well.

(Interview Christopher Cox und Jane Harmann vom 04.01.2004)

Die Phrase „Welcome back to ‚Late Edition.’“ dient drei Zwecken: Zum einen bildet er den Wiedereinstieg in die Sendung nach der vorangegangenen Werbepause, zum anderen wird hiermit sowohl das Fernsehpublikum als auch die beiden Interviewpartner, Jane Harmann und Christopher Cox, begrüßt. Des Weiteren leitet der Moderator das Interview ein, wodurch Ekströms (2001) erstes Charakteristikum politischer Interviews erfüllt ist. Die darauf folgende Vorstellung des heimatlichen Bundesstaates, der Funktion und der Parteizugehörigkeit der Politiker stellt einen weiteren ritualisierten Ablauf eines jeden “Late Edition“-Interviews dar.

BLITZER: […] And, Congressman Cox, let me begin with you[2] and get your quick reaction to what your colleague Chris Shays said. As you know, he got himself into a whole lot of trouble with folks in New York City.

(Interview Christopher Cox und Jane Harmann vom 04.01.2004)

Das obige Beispiel demonstriert die von Ekström (2001) erörterte Rollenverteilung in der Interviewsituation: Durch die persönliche Ansprache, verbunden zum einen mit dem medial deiktischen Verweis auf den Interviewpartner, zum anderen mit der Aufforderung ein Statement abzugeben, etabliert sich der Moderator als Gesprächsleiter. Einzig ihm obliegt es, Fragen zu stellen, die Interviewten zum Reden aufzufordern oder deren Ausführungen zu unterbrechen und somit gegeben Falls zu beenden (vgl. Dickerson 2001: 204).

In Verbindung damit soll am folgenden Beispiel das dritte Ekström’sche (2001) Charakteristikum politischer Fernsehinterviews verdeutlicht werden:

HARMAN: That's true, but there are some big gaps in our homeland security program. And let me say, I was one of the original sponsors of the homeland security law and the Homeland Security Department, even before the president was, and I strongly supported the legislation. However...

BLITZER: What are the big gaps you're talking about?

HARMAN: Two years later, we don't have one national integrated threat and vulnerability assessment. The president has finally called...

BLITZER: What does that mean? What does that mean?

HARMAN: That means a systemic study of where we are most vulnerable and an allocation of our resources against our biggest vulnerabilities. […]

(Interview Christopher Cox und Jane Harman vom 04.01.2004)

Durch die Frage nach den von Jane Harman erwähnten Sicherheitslücken unterbricht der Moderator ihren mit „however“ begonnenen Satz, von dem vermutet werden darf, dass er ein Ausweichmanöver, z. B. die Abgabe eines politischen Satements, einleitet. Der Interviewer nutzt seine Frage, um die Richtung des Gesprächs zurück auf das durch ihn bestimmte Thema zu lenken. Weiterhin legt Blitzer derart auch den Umfang der Ausführungen der Befragten fest, womit das Interview strukturiert wird. Die Tatsache, dass sich Harman, als sie durch den Verweis auf Präsident Bush erneut versucht, der Frage auszuweichen, ein zweites Mal durch eine Nachfrage von Seiten des Moderators unterbrochen wird, macht deutlich, dass dieser als einziger Gesprächsteilnehmer das Recht hat, Fragen zu stellen und den Interviewten zu unterbrechen (vgl. Blum-Kulka 1983: 133).

Ebenso kristallisiert sich in diesem Interviewbeispiel heraus, was Ekström (2001) als viertes Merkmal des politischen Interviews charakterisiert: In dem betreffenden Interviewausschnitt erwartet Wolf Blitzer von der Politikerin insoweit Zusammenarbeit, als dass sie versucht, die ihr gestellten Fragen auf eine angemessene Weise zu beantworten. Weil diese Bedingung jedoch durch den zweimaligen Versuch Harmans, der Frage auszuweichen, nicht hinreichend erfüllt wird, sieht sich der Moderator dazu verpflichtet, diese Ausweichmanöver zu torpedieren.

Ferner verdeutlicht der besagte Interviewausschnitt die von Blum-Kulka (1983: 133) dargelegte asymmetrische Distribution der Redeanteile von Interviewer und Interviewtem: Im Gegensatz zur Alltagskommunikation, die sich durch die relative Gleichverteilung des Redeumfangs der Interagierenden auszeichnet, weisen politische Interviews im Regelfall kurze Redeabschnitte des Interviewers auf, die sehr viel längeren Ausführungen des Interviewten entgegenstehen.

Weiterhin setzt Ekström (2001: 565) voraus, dass der Interviewer eine formale und neutrale Position einnimmt. Dies erreicht er durch das Vermeiden der „Ich-Form“ und indem zu der nächsten Frage oder zu einem anderen Thema übergegangen wird, ohne die Antwort auf die vorhergehenden Fragen offenkundig zu bewerten oder zu kommentieren. Somit ist der Interviewer die leitende Instanz des Gesprächs, der den Rahmen definiert, in dem sich der Interviewte bewegen kann. Die gestellten Fragen können auch implizite Grundannahmen und Meinungen enthalten, die dem Interviewten verschiedene Handlungsalternativen eröffnen und bestimmte Kontexte festlegen. Dadurch kann der Journalist auf die Rolle und den Charakter des interviewten Politikers Einfluss nehmen. Im Gegenzug stehen dem Befragten auch gewisse Strategien zur Verfügung, seine Ziele zu erreichen. So kann er z. B. anstatt eine gestellte Frage zu beantworten über einen ganz anderen Sachverhalt reden oder die Relevanz und den Wahrheitsgehalt der Annahme, die der Frage zugrunde liegen, anzweifeln oder, wie am Beispiel Jane Harmans verdeutlicht, ohne auf die Frage einzugehen, die Gelegenheit nutzen, um ein politisches Statement abzugeben oder die Opposition zu attackieren.

In Übereinstimmung mit Ekström (2001) stellt John Heritage (1985: 112) fest: „The [...] interview is a functionally specialized form of social interaction for an overhearing audience and restricted by institutionalised conventions.” Neben dem Verweis auf die bereits erörterten Charakteristika, deutet Heritages Definition auf die dreidimensionale Konstellation der Beteiligten hin, die eine weitere Besonderheit der Interviewsituation bildet: An durch das Medium des Fernsehens übertragenen politischen Interviews ist neben den zwei aktiven Parteien des Moderators und des oder der Interviewten noch eine dritte, namentlich das Fernsehpublikum, beteiligt. Aufgrund der Tatsache, dass diese Partei passiv ist, wird sie als „overhearing audience“ bezeichnet. In einigen Fällen bekommen Teile dieses Publikums die Möglichkeit, in einem eng begrenzten Rahmen aktiv zu werden und per Telefon, Fax oder E-Mail Zuschauerfragen zu stellen. Jucker (1986: 7) spricht in diesem Zusammenhang von einer „two dyadic situation“, wobei Interviewer und Interviewte die erste und die Beteiligten des Interviews und das Publikum die zweite Dyade bilden. Da im Falle der in der vorliegenden Studie betrachteten Beispiele stets zwei Personen, eine Politikerin und ein Politiker, von einem Moderator interviewt werden, die beiden Interviewten aber auch miteinander kommunizieren, kann hier im Sinne Juckers (1986) sogar von einer „drei-daydischen” Konstellation gesprochen werden.

Im Hinblick auf das Gleichgewicht von Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung zwischen den Gesprächsparteien erläutert Dickerson (2001: 204), in welcher Form der Interviewende die Stimuli, wie z. B. Fragen, für den interviewten Politiker präsentieren kann, um den Anschein von Neutralität zu wahren. So führt er an, dass der Moderator eine dritte Person zitieren oder sich, wie im folgenden Beispiel, auf eine unparteiische Instanz beziehen kann, um die Verantwortung für das Gesagte von sich zu weisen:

WOLF BLITZER [Moderator]: [...] Senator Allen, I'll start with you.

A poll in Newsweek magazine just out this weekend: How is President Bush handling the situation in Iraq? Sixty-one percent disapprove of the way he'shandling it; 34 percent approve.

The president's got a lot of work to do convincing the American public, based on this poll and many others, that he's on top of the situation.

(Interview George Allan und Barbara Boxer vom 07.08.2005)

Durch den Bezug auf eine Meinungsumfrage vermeidet der Interviewer Wolf Blitzer, dass die in der Aussage, dass die amerikanische Öffentlichkeit mit der Art, in der Präsident Bush die Situation im Irak handhabt unzufrieden ist, steckende negative Bewertung als seine eigene gedeutet werden könnte. Somit versucht er, seine formale Position der Nicht-Involviertheit zu erhalten.

Einen weiteren Weg zur Erhaltung der Neutralität des Interviewers sieht Dickerson (2001: 204) darin, herausfordernde Aussagen als Fragen zu formulieren anstatt kontroverse Behauptungen aufzustellen. Auf diese Weise kann der Moderator den interviewten Politiker kritisieren und gleichzeitig eine scheinbar neutrale Stellung beziehen:

SENATOR BARBARA BOXER: […] The issue is how do we get this man to disarm? And the fact is the inspectors there is very important. Let them do their work, and they will find those weapons, they will destroy those weapons, and we can avoid war. And that's the key thing.

BLITZER [Moderator]: You really believe, Senator Boxer, that if the inspectors are there even for many, many more months in a state the size of your home state of California, they'll be able to find the weapons inside Iraq?

BOXER: I think if you look back at history, you will find, as Secretary Albright testified before our Foreign Relations Committee, that the inspectors actually destroyed more weapons of mass destruction than all of our bombs. So they're very good at this work and we should give them a chance.

(Interview Richard Lugar und Barbara Boxer vom 26.01.2003)

Wolf Blitzer versteckt hier seine offenkundig negative Kritik an den Ausführungen der interviewten Politikerin Barbara Boxer in einer Frage.

In diesem Zusammenhang konstatieren Heritage (1985: 115) und Dickerson (2001: 219), dass die diskursive Struktur des politischen Interviews zum Dissens tendiert. Dies wird mit der Erwartungshaltung des passiven Publikums begründet, das darauf sinnt, aufschlussreichen Diskussionen beizuwohnen, in denen die interviewten Politikerinnen und Politiker ihre Meinungen und Standpunkte preisgeben, um sich auf diese Weise von ihrer Opposition abzuheben. Dies wird dadurch erleichtert, dass der Interviewer die Interviewten auf kontroverse Art zu derartigen Reaktionen stimuliert. Dabei ist es jedoch für den Moderator von essentieller Wichtigkeit, wie oben veranschaulicht, oberflächliche Neutralität zu bewahren, um die Interviewsituation nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen. Abschließend vermerkt Dickerson (2001: 219), dass es zwar keine absolute Präferenz der Nichtübereinstimmung gibt, diese jedoch durchaus der normativen Natur des politischen Fernsehinterviews entspricht.

III.II Das Konzept der Assertivität

Das sozialpsychologische Konzept der Assertivität dient in der vorliegenden Analyse als Gradmesser für einen Vergleich angewandter sprachlicher Mittel weiblicher und männlicher Politiker in Interviewsituationen. Um im Folgenden Indikatoren definieren zu können, anhand derer eine solche Untersuchung durchführbar ist, ist es notwendig, in einem ersten Schritt den Terminus der Assertivität zu erläutern, um diesen anschießend auf das Gebiet des politischen Diskurses anzuwenden.

In Übereinstimmung mit Collier’s Dictionary (1988) und dem New Standrad Dictionary of the English Language (1963) definiert das Oxford English Dictionary (708: 1989) die Vokabel assertion als “The action of declaring or positively stating“. Beschrieben wird hiermit der Akt, auf eine positive, den Gesprächspartner nicht missbilligende Art, eine Behauptung zu äußern oder ein Statement abzugeben.

Sozialpsychologische Studien (Levin und Gross 1984 und 1987, Kern 1982 und Kern, Cavell und Beck 1985) befassen sich vornehmlich mit den Reaktionen von Gesprächspartnern und Mitmenschen auf „assertives“ Verhalten. Dabei bleibt jedoch weitgehend ungeklärt, wie sich solch ein Verhalten speziell im sprachlichen Bereich niederschlägt. Kern (1982: 490) entwickelt eine Liste von 23 Attributen[3], nach denen auf einer bipolaren siebenstufigen Skala der Grad an Assertivität eines Menschen in bestimmten Kommunikationssituationen gemessen werden kann. Aus einem durch die derartig beschriebene „assertiveness“ geprägtem Stil interpersonalen Agierens resultiert laut Kern (1982: 486) ein positiver Zustand des Verhaltens, der sich durch das Erreichen instrumenteller Ziele, gesteigerte Selbstachtung der Interaktanten und demzufolge verbesserten zwischenmenschlichen Beziehungen auszeichnet. Dabei wird zwischen drei Subkategorien, dem assertiven, dem empathisch-assertiven sowie dem nicht-assertiven Verhalten unterschieden.

Im theoretischen Grundstock zu ihrer Untersuchung hinsichtlich der Wahrnehmung assertiven Betragens grenzen Levin und Gross (1987: 230) negative und positive Assertivität gegeneinander ab. Dabei dient jeweils der positive oder auch negative kommunikative Stimulus des Gesprächspartners als Entscheidungskriterium dafür, welche Reaktion evoziert wird. Demnach entsteht positive Assertivität in Situationen gegenseitigen freundschaftlichen Verständnisses und Anerkennung und ist verbunden mit der Fähigkeit eines Individuums, positive Emotionen auszudrücken, wenn diese angebracht sind. Hingegen wird negative Assertivität, die sich durch den Ausdruck von Opposition manifestiert, als geeignete Antwort verstanden, wenn der Gesprächspartner versucht, das zielgerichtete Verhalten eines Individuums zu durchkreuzen. Unter Berücksichtigung dieser Klassifizierung ist assertives Verhalten auf dem Feld des politischen Diskurses, speziell in politischen Interviews, der negativen Kategorie zuzuordnen, da, wie in Kapitel III.I erörtert, die Gesprächsparteien geneigt sind, gegensätzliche Standpunkte zu vertreten.

Seit den späten 1980er Jahren taucht der Begriff der Assertivität vermehrt in Verbindung mit psychologisch fundierten Verhaltenstherapien, sogenannten „Assertiveness-Trainings-Programmen“ auf. Auf dieser Basis definieren Ullrich de Muynck und Ullrich (1989: 28) Assertivität als die Fähigkeit, „die Wünsche, Erwartungen und die Forderungen anderer Menschen richtig zu erkennen, deren Berechtigung abzuwägen und sie zur angemessenen Zeit zu berücksichtigen“. In Abgrenzung zur Aggressivität wird assertives Verhalten als selbstsicheres Agieren verstanden, das, ohne die Interessen anderer zu beeinträchtigen, souverän auf ein bestimmtes Ziel gerichtet ist. Somit manifestiert sich Assertivität sprachlich vor allem durch Direktheit, positive Rückkoppelung und die Verwendung der Ich-Form (Ullrich de Muynck und Ullrich 1990: 26).

Im Einklang mit den bisher erwähnten Betrachtungen kommt das Dictionary of Psychology der American Psychological Association (2007: 76) zu dem Schluss, Assertivität sei „a style of communication in which individuals express their feelings and needs directly, while maintaining respect for others“. Da sich die vorliegende Arbeit dem Genre des politischen Interviews widmet, bedeutet dies, dass diese Definition der Diskursform angepasst werden muss, weil, wie Ullrich de Muynck und Ullrich (1989: 28) zu bedenken geben, ein der Situation angepasstes assertives Verhalten stets dem „Spielraum, [den] Sachzwängen sozialer Strukturen, Einrichtungen und der Rolle deren Vertreter“ entsprechen sollte. Somit darf in Bezug auf den politischen Diskurs nicht, wie in allen bisherigen Erläuterungen zur Asserivität, vom Ausdruck von Emotionen oder Gefühlen ausgegangen werden. Vielmehr handelt es sich hier um das Kommunizieren sowohl von persönlichen Einstellungen als auch gruppen- oder parteispezifischer Überzeugungen und Ideologien. Auf Grund dessen klassifiziert Samuel Gyasi Obeng (1997: 49) das Verhalten von Politikern und Politikerinnen als zielorientiert und instrumentell. Im gleichen Tenor bemerkt Simon-Vandenbergen (1996: 390), dass eine wichtige Strategie von interviewten Politikern jene ist, ein Bild absoluter Selbstsicherheit zu vermitteln. Um ein derartiges Image kommunizieren zu können, muss der Politiker die Eigenschaften der Expertise auf seinem Sachgebiet, der Ehrlichkeit, der Vertrauenswürdigkeit, der Verantwortlichkeit, der Zielstrebigkeit und der Menschlichkeit verkörpern (vgl. Simon-Vandenbergen 1996: 390).

Dieser Bedeutung folgend wird der folgenden Untersuchung ein Terminus zu Grunde gelegt, der jene Art des mündlichen Diskurses als assertiv klassifiziert, die, jenseits des Ausdrucks sozioemotiver Reaktionen wie Freude oder Ärger, einen Sachverhalt erklärt und beschreibt. Demgemäß wird im weiteren Verlauf der Arbeit sprachlichen Mitteln ein hoher Grad an Assertivität zugemessen, die folgende Verhaltensweisen zum Ausdruck bringen:

Zielgerichtetheit: Für das Genre des politischen Interviews bedeutet zielgerichtetes Kommunizieren, dass vor allem die Grundregel der Zusammenarbeit von Interviewtem und Interviewer befolgt wird. Diese ist laut Ekström (2001) gegeben, wenn der interviewte Politiker sich bemüht, die Fragen des Moderators zu beantworten.

Sachlichkeit: Dieses Kriterium ergibt sich einerseits aus dem vorherigen Punkt. Zum anderen impliziert das Kriterium der Sachlichkeit eine klare Form der mündlichen Kommunikation, die weitgehend frei von relativierenden sprachlichen Mitteln ist.

Direktheit: Wie sich aus der in Kapitel III.I getroffenen Erörterung der Interviewsituation ergibt, erfolgt unter Berücksichtigung der genrespezifischen Eigenheiten die Reaktion des Interviewten entsprechend des Stimulus des Befragenden. Schlussfolgernd daraus definieren sich vollständige Antworten ohne strukturelle oder lexikalische Mittel zur Relativierung derselben als besonders assertiv.

Im nächsten Kapitel wird die Beziehung der Variablen des Geschlechts und die damit verbundene sprachliche Manifestierung von Assertivität näher beleuchtet.

III.III Die Relation von Geschlechterrolle und Assertivität

Bezüglich der Beziehung zwischen der Rolle des Geschlechts und assertivem Verhalten gelangen Kern (1982: 487), Levin und Gross (1984: 582) und St. Lawrence (1985: 52) zu der Erkenntnis, dass in der Wahrnehmung männlichen und weiblichen Verhaltens Unterschiede bestehen: Während sich assertiv verhaltende Individuen von ihren Mitmenschen generell als kompetenter, aber weniger sympathisch eingeschätzt werden als nicht-assertive agierende Individuen, wird assertives Verhalten von Frauen weitaus negativer wahrgenommen als das von Männern. Sie halten fest, dass weiblich-assertives Verhalten zu niedrigeren Bewertungen der Liebenswürdigkeit, Intelligenz und Kompetenz der Frauen führt. Vor allem in Bezug auf die Eigenschaften der Intelligenz und Kompetenz lassen diese Befunde vermuten, dass Politikerinnen geneigt sind bei Debatten, Diskussionen und Interviews, denen die Öffentlichkeit direkt oder indirekt beiwohnt, geringere Assertivitätsgrade aufweisen als ihre männlichen Kollegen. Levin und Gross (1984: 582) stellen fest, dass männliches Kommunikationsverhalte mit negativer Assertivität attribuiert wird, während weibliche Charaktereigenschaften mit positiver Assertivität verbunden wird. Hinsichtlich der in Kapitel III.II getroffenen Zuordnung des Genres des politischen Interviews zum Konzept der negativen Assertivität wird die Vermutung, Frauen wiesen hier geringere Grade an Assertivität auf als Männer, noch verstärkt.

IV Die Untersuchungsgrundlagen

Nachdem die Eigenheiten politischer Interviews besprochen und der Begriff der Assertivität erörtert wurde, sollen die folgenden Kapitel der Vorstellung des Untersuchungsgegenstandes und der Ausarbeitung eines Analysekataloges dienen.

IV.I Der Untersuchungsgegenstand / Interviewauswahl

Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel politische Interviews auf sprachliche Indikatoren von Assertivität zu untersuchen, um geschlechtsspezifische Unterschiede hinsichtlich der Häufigkeit deren Gebrauchs zu identifizieren. Wie bereits erwähnt wurden die analysierten Interviews im Rahmen der Sendung „Late Edition“ der TV-Anstalt „CNN“ initiiert. Um die Vergleichbarkeit innerhalb des zu untersuchenden Materials zu gewährleisten wurden vorab Kriterien festgelegt, mithilfe derer die zur Analyse herangezogenen Interviewtranskripte ausgewählt wurden:

Um eine Verfälschung der Ergebnisse durch etwaige Einflüsse variierender Diskussionsgegenstände zu vermeiden, wurden Interviews ausgewählt, die sich thematisch auf den amerikanischen „Kampf gegen den Terrorismus“ als Folge des 11. Septembers 2001 und den damit verbundenen Einmarsch der USA in den Irak beziehen.

Da laut Preisler (1986) geschlechtsspezifische Unterschiede im Kommunikationsverhalten in Gesprächsgruppen, in denen Vertreter beider Geschlechter anwesend sind, stärker zu Tage treten als in eingeschlechtlichen Gruppen, wurden ausschließlich Interviews zur Untersuchung herangezogen, in denen jeweils sowohl eine Politikerin als auch ein Politiker gleichzeitig befragt wurden.

Um personen- und geschlechtsspezifische Einflüsse auf die Interviewten von Seiten des Befragenden auszuschließen, kamen nur TV-Interviews in die Auswahl, die von dem Moderator Wolf Blitzer geführt wurden.

Zum Ausschluss des Einflusses, den die Variable der politischen Machtposition bergen könnte, wurden alleinig Interviews mit Angehörigen des amerikanischen Kongresses und des Senats untersucht.

Unter Berücksichtigung dieser Ausschlusskriterien blieben von 386 transkribierten Sendungen die auf der Internetseite von „Late Edition“ veröffentlicht wurden (Stand 14.02.2007), sechs Transkripte übrig, aus denen Interviews zur Analyse herangezogen wurden. Die ausgewählten Verschriftlichungen haben jeweils einen Umfang von 1.800 bis 3.000 Wörtern und wurden zwischen dem 26. Januar 2003 und dem 04. Februar 2007 ausgestrahlt. Als Startpunkt eines Interviews wurde die durch den Moderator initiierte Hinleitung zum Thema, die in der Regel auch die Vorstellung und Begrüßung der interviewten Politiker enthält, gewählt. Dieser Logik folgend gilt die Überleitung durch den Interviewer zu einem anderen Thema verbunden mit einer eventuellen Verabschiedung der Gäste als Schlusspunkt.

IV.II Der Analysekatalog

In den folgenden Unterkapiteln werden die Kategorien des Analysekatalogs und deren Verknüpfung mit verschiedenen Graden an Assertivität erklärt. Hinsichtlich der Kategorisierung wird in Anlehnung an Bull und Mayer (1993) derart verfahren, dass die Bestandteile eines Turns, abhängig von ihrem Inhalt, mehreren Kategorien des Analysekataloges zugeordnet werden können. Der Terminus Turn definiert sich als gesamter Redeabschnitt beginnend nach einer Frage oder einer Aussage eines anderen Gesprächspartners. Die Beendigung des Redeabschnitts, die entweder durch den Sprecher selbst oder mittels einer Unterbrechung durch andere Interviewteilnehmer erfolgt, bildet gleichsam das Ende des betreffenden Turns.

IV.II.I Die Kategorien

Diagramm 1: Reaktionskategorien

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit dem Ziel einer geschlechtsvergleichenden Betrachtung werden im Zuge der folgenden Untersuchung die Reaktionen der interviewten Politikerinnen und Politiker Kategorien zugeordnet, die mit verschiedenen Graden an Assertivität gewichtet werden. Das Diagramm 1 gibt eine Übersicht der zu diesem Zweck herangezogenen Reaktionskategorien, die in den nächsten Unterkapiteln näher erklärt werden. Die Verbindung durch Pfeile weist darauf hin, dass das betreffende Merkmal jeweils einer der Kategorien zugeordnet werden kann, auf die die Pfeile zeigen. Folglich wird die, vorab als ein Turn definierte Reaktion des Interviewten auf den Stimulus des Interviewers, z. B. in Form einer Frage oder einer provokanten Aussage, entweder als vollständige Antwort, als unvollständige Antwort oder als Anerkennen der Frage / Nichtbeantwortung klassifiziert. Sind die Kategorien hingegen durch Linen verbunden, bedeutet dies, dass sich die betreffende Oberkategorie aus den Merkmalen mit denen sie verbunden ist, zusammensetzt. So besteht bispielsweise eine unvollständige Antwort stets aus einer Teilantwort und einer sogenannten partiellen Nullstelle, die den nicht beantworteten Teil der Frage markiert. Wie in Kapitel IV.II.I.III noch präziser erörtert werden wird, nimmt die Kategorie der Ausweichmanöver eine Sonderstellung ein: In der Oberkategorie des Anerkennens der Frage und der Nichtbeantwortung ist das Ausweichmanöver quasi obligatorisch, da anderenfalls keine adäquate Reaktion auf den Stimulus des Interviewers erfolgen würde. Dies käme einem Verstoß gegen das in Kapitel III.I definierte Charakteristikum politischer Interviews gleich, das besagt, dass der Interviewer vom Interviewten Zusammenarbeit erwartet, indem dieser versucht die ihm gestellten Fragen zu beantworten. Jedoch stellte sich im Laufe der Untersuchung heraus, dass Ausweichmanöver auch in den Kategorien der vollständigen Antwort und der unvollständigen Antwort als zusätzlicher Bestandteil des betreffenden Turns vorkommen können. Da dies aber bei weitem nicht immer der Fall ist, wurden diese zwei Kombinationsmöglichkeiten im Diagramm 1 grau dargestellt. Sowohl die Kategorie der Ausweichmanöver als auch die modale Kategorie besitzen weitere Unterkategorien, die in Diagramm 2 und in Diagramm 3 dargestellt werden.

[...]


[1] In Ermangelung eines deutschen Terminus, der einen vergleichbaren Bedeutungsrahmen umfasst, werden im weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit die einzelnen Redeabschnitte eines Diskurses aus Turns deklariert.

[2] Im weiteren Verlauf erfolgt die Hervorhebung der jeweils zu betrachtenden sprachlichen Mittel in den Interviewbeispielen durch Kursivschrift.

[3] Kern (1982: 490) schreibt assertivem Verhalten die Attribute „appropriate, tactful, inoffensive, truthful, educated, friendly, agreeable, pleasant, considerate, flexible, open-minded, sympathetic, kind, honest, likable, intelligent, thoughtful, attractive, fair, good-natured, socially skilled [und] superior” zu.

Ende der Leseprobe aus 107 Seiten

Details

Titel
Grade geschlechtsspezifischer Assertivität am Beispiel von politischem Diskurs
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Anglistik/Amerikanistik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
107
Katalognummer
V91745
ISBN (eBook)
9783638058414
ISBN (Buch)
9783638948845
Dateigröße
890 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grade, Assertivität, Beispiel, Diskurs
Arbeit zitieren
M.A. BA (Hons) Robert Trillitzsch (Autor), 2007, Grade geschlechtsspezifischer Assertivität am Beispiel von politischem Diskurs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91745

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