Die frühmittelalterliche Kirche und Gesellschaft von der Taufe Chlodwigs bis zu Karl dem Großen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
29 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Christianisierung im Frankenreich

3. Stärkerer Gott

4. Gesellschaft
4.1 Unfreie Sklaven
4.2 Kolonen / Hörige
4.3 Freie Bauern
4.4 Reiche

5. Kirche
5.1 Bischöfe
5.2 Priester und Diakone
5.3 Eigenkirchenwesen
5.4 Faktoren für die Stiftungen

6. Angelsächsische Missionierung

7. Karl der Große und die Kirchenreform

8. Zusammenfassung

9. Literatur:

1. Einleitung

Obwohl die Zeit des 5. und 6. Jahrhunderts, in der die sog. Völkerwanderung stattfand, gemeinhin als Zeit ungeordneter und willkürlicher Ereignisse charakterisiert wurde – nicht zuletzt aufgrund der sehr unzureichenden Quellenlage -, ist mittlerweile die Einsicht gereift, dass es sich vielmehr um eine Übergangsphase handelte. „Trotz aller Verluste an kulturellen, administrativen, wirtschaftlichen und geistigen Errungenschaften der Antike wird der Kulturzusammenhang zwischen der römischen Zeit und dem frühen Mittelalter gerade im Frankenreich deutlich spürbar.“[1] In diesem formierten sich neue Kräfte, die die römischen Verwaltungsstrukturen längst durchdrungen hatten, ohne ernsthaft integriert worden zu sein und nun die Schwächen Roms und das entstandene Machtvakuum für sich zu nutzen suchten.

Welche Strukturen besaß das Christentum zu jener Zeit? Wie kam es zur engen Verbindung zwischen den geistlichen und den weltlichen Machthabern? Welche Faktoren begünstigten die Ausbreitung des Christentums unter den Germanen?

Der Zugang zur Epoche des Frühmittelalters im Abendland gestaltet sich schwierig. Aus heutiger Sicht sind die gesellschaftlichen Prozesse und der Glaube der Menschen äußerst schwierig zu erahnen. Nachdem sich relativ gut auf die Entwicklung der antiken Gesellschaften, deren Kulten, Riten und staatlichen Strukturen schließen lässt, ist die Zeit ab dem 5. bis zum 9. Jahrhundert vergleichsweise schlecht analysiert. Darunter leidet die Geschichte des Frühmittelalters. Aufgrund der unzureichenden Quellenlage sind die heutigen Kenntnisse entweder gar nicht oder nur sehr fragmentiert überliefert. Fast alle Überlieferungen beschränken sich außerdem auf kirchliche Autoren und sind keinesfalls immer als authentisch anzusehen. Dies ist nicht verwunderlich, da die Gelehrten dieser Zeit ausschließlich Geistliche waren, die als einzige des Lesens und Schreibens mächtig waren. Für den Fortgang der Kirchengeschichte erwies es sich zudem bei einigen Überlieferungen anscheinend dienlicher, gewisse Darstellungen zu variieren oder schlichtweg zu fälschen. Letztlich bleiben aber auch darüber meist nur Spekulationen, denn die exakte Überprüfung scheitert an fehlenden Vergleichsquellen.

Im Rahmen dieser Arbeit soll von einer Diskussion über den Beginn des Mittelalters Abstand genommen werden. Es wird sich hierbei mit dem Niedergang der römischen Macht durch den Einfall der Hunnen als Ausgangspunkt begnügt. Im Folgenden wird es ohnehin aussichtslos erscheinen, anhand gesellschaftlicher und kirchlicher Entwicklungslinien ein exaktes Datum für das Ende der Antike und den Beginn des Mittelalters zu finden. Ebenso muss auf eine ausführliche Schilderung aller Ereignisse zwischen der Taufe Chlodwigs und der Regierungszeit Karls des Großen verzichtet werden. Anhand einiger ausgewählter Aspekte soll ein Einblick in diesen Zeitabschnitt vermittelt werden. Es sollen die Verbindungen der kirchlichen mit der weltlichen Macht und deren Institutionalisierungen herausgestellt werden. Die politische Entwicklung und die Christianisierung der betreffenden Gebiete muss dazu vorangestellt werden, da sie einen erheblichen Beitrag zu den gesellschaftlichen Prozessen liefert.

2. Christianisierung im Frankenreich

Das Reich der Franken bildete keine homogene Staatstruktur, sondern war ein lockerer Zusammenschluss der Völker, die rechts des Rheins siedelten und lebten. Auch die Ausbreitung des Herrschaftsbereiches verlief keineswegs zielgerichtet. Die benachbarten Volksstämme fügten sich entweder freiwillig oder mit Hilfe von Gewalt ins das Frankenreich. Schon im Jahre 400 gelangte Nordgallien unter fränkische Herrschaft. Eine Zäsur für die abgeschlossene Formierung der inneren Herrschaftsstruktur und für die neue Größe des Frankenreiches bildete die Abwehr der Hunnen 451. Die Machtposition festigte sich noch weiter als es dem fränkischen König Chlodwig gelang, den letzten römischen Statthalter Syagrius 486 zu vertreiben.[2]

Trotz der sich ständig ändernden politischen Verhältnisse blieb die katholische Kirche in ihren Institutionen bis auf wenige Ausnahmen davon nahezu unbetroffen. Sie bildete die einzige Konstante im Leben der Menschen, besonders muss das für das einfache Volk gegolten haben, das sich wenig mit politischen Machterwägungen identifizieren konnte. Der Glaube an Wunder, Heilige und an Gott war fest im Bewusstsein der Menschen verankert und wurde von den weltlichen Herrschern alsbald als ein wichtiger Machtfaktor und als stabilisierendes Element erkannt.[3]

Während der Ausbreitung der fränkischen Herrschaft wandte sich der Bischof Remigius von Reims schon 486 an Chlodwig und wies auf die Bedeutung der Kirchenvertreter hin. Doch Chlodwig schien von dem katholischen Glauben noch nicht eindeutig überzeugt zu sein. Die Stämme der Germanen präferrierten fast ausschließlich den Arianismus. Für eine weitere Ausdehnung des eigenen Machtgebietes wäre es ein großes Risiko gewesen, sich voreilig dieser Option durch eine Hinwendung zur katholischen Kirche zu verschließen. Dennoch schränkte er den katholischen Glauben in seiner eigenen Familie keineswegs ein. So war auch seine Gemahlin Chlothilde- eine burgundische Prinzessin - zum Katholizismus übergetreten.[4] Ihrer Initiative war es zu verdanken, dass die beiden Söhne getauft wurden. Und obwohl der erste Sohn schon kurz nach der Taufe verstarb und Chlodwig schon an der Macht des neuen Gottes zu zweifeln begann, überlebte der zweite Sohn seine Krankheit. Doch die innerfamiliäre Duldung des christlichen Glaubens, versprach noch lange keine Akzeptanz nach außen und damit im Volk. Der Arianismus war noch stark verbreitet und Chlodwig schwankte zwischen den Bekenntnissen, ohne die Notwendigkeit eines von beiden in Frage zu stellen.

Ein Schlüsselerlebnis für den Entschluss, sich selbst taufen zu lassen, verband sich dann mit dem Kampf gegen die Alemannen. Für einen siegreichen Ausgang der Schlacht bat Chlodwig den neuen Gott um Hilfe, da die alten Götter ihm nicht mehr wohlgesonnen schienen. Nichts desto trotz scheint Chlodwig nunmehr für diesen Entschluss auch die Rahmenbedingungen als günstiger erachtet zu haben. Ein katholisches Bekenntnis in den wichtigen Führungsschichten seiner persönlichen Umgebung konnte da einen großen Anteil innehaben. Wie sonst hätte er ohne das Vertrauen seiner Gefolgsleute verlieren zu können den neuen Gott anrufen können? Wäre er wirklich bereit gewesen bei einem ungewissen Schlachtausgang zusätzlich die geistliche Einheit zu riskieren? Ohne weltlichen Machtgewinn wäre letztlich auch die sakrale Sphäre in ihrer Durchdringungsfähigkeit eingeschränkt. Der katholische Glaube erwies sich für Chlodwig keinesfalls als einfach, denn bei der Ausdehnung seines Machbereichs versuchte ihm der Westgotenkönig Theoderich – sein Schwager - fortan entgegenzuwirken. Der Übertritt Chlodwigs erscheint aus dieser Sicht doch auf stärkere persönliche Gründe als auf politische zurückzuführen zu sein.[5]

Zur Festigung der Macht benötigte Chlodwig die Unterstützung und den Zugriff auf die politische Machtposition der Bischöfe der ehemals römisch-gallischen Bevölkerung. Spätestens seitdem sich Remigius an ihn wandte, musste er in seine Entscheidungen diesen Punkt einbeziehen. Die Kirche und der Glaube erlaubten schließlich einen direkten Zugang zu den Untertanen und garantierten über alle Unterschiede hinweg, die sich aus der Vielzahl der Volksstämme ergaben, eine Einheit. 498 wurde Chlodwig schließlich in Reims durch den Bischof Remigius getauft. Mit ihm empfingen 3000 weitere Adlige die Taufe. Als Chlodwig sich damit zum Christentum bekannte, forderte ihn der Bischof Avitus in Burgund auf, seine Macht zu nutzen und nun auch den Glauben weiterzuverbreiten.[6] In Fortsetzung der Zweischwerterlehre, die schon Ambrosius und im 5. Jahrhundert von Augustin vertreten wurde, beanspruchte Chlodwig bereits den Titel des „rex et sacerdos“. Der weltliche Herrscher war nunmehr in der Kirche verankert und sollte ihr zumindest theoretisch nicht übergeordnet sein. Nur innerhalb der sittlichen Verfasstheit des Christentums war es schließlich möglich göttliche Gerechtigkeit zu erlangen, die jegliche Habgier und Gewalt in der Welt richtete. „Der germanische König ist, anders als viele Caesaren der Antike von sich behaupten, nicht selbst ein Gott, aber ein Stück göttlichen Seins ist in ihm.“[7] Selbst der Kaiser in Ostrom Anastasius, erkannte jetzt die neue Bedeutung der Franken an, als er 508 Chlodwig zum Ehrenkonsul ernannte.[8] Getragen von dem Ziel der Missionierung gelang es den Franken die Thüringer (531), die Burgunder (534), die Baiern (539)[9], die Westgoten, die Jüten und mit erhöhtem Aufwand im 8. Jahrhundert auch die Sachsen zu unterwerfen.[10] Die Ausdehnung der fränkischen Macht reichte bis in die Donauländer. Ein bischöflicher Brief an den Kaiser Mauritius in Byzanz im Jahr 591 beklagte die Einsetzung fränkischer Priester in drei Kirchen.[11] Sofort nachdem der Sieg über diese Völker errungen war, gingen die neuen Herren dazu über, die Volksstämme zum Christentum zu bekehren.

Dennoch stockte die Christianisierung, blieb nur oberflächlich und der neue Glaube verbreitete sich auch bei den Franken nur schleppend.[12] Zu Beginn waren die iro-schottischen Wandermönche ein Garant für die Ausbreitung des Glaubens auf dem Festland. Ihre Missionierungspraxis blieb jedoch nicht unproblematisch, so gerieten sie immer mehr in Konfrontation zu den ansässigen Ortsbischöfen. Einhergehend mit dem Zerfall der merowingischen Macht und dem Verlust der bischöflichen Autorität über die adligen Eigenkirchen standen am Ende des 7. Jahrhunderts der Stabilisierung und weiteren Ausbreitung der christlichen Lehre erhebliche Probleme entgegen[13]. Die Kontakte sowohl der Bischöfe wie der Herrscher zum Papst nahmen bis zum Anfang des 7. Jh. stetig ab und die fränkisch-gallische Kirche etablierte sich als eine eigenständige Landeskirche. Die innere Zerstrittenheit zwischen Franken und Merowingern, der Kampf zwischen Adel und König und zwischen Adel und Bischöfen band alle Kräfte. Erst Pippin dem Mittleren gelang es die eigene Machtbasis soweit zu festigen, dass der Kampf gegen den König und den Adel Aussicht auf Erfolg bot. Sein Sohn Karl Martell - der Hausmeier[14] der Merowinger – lehnte noch ein Hilfegesuch Papst Gregors III. 740 gegen die Langobarden ab. „Denn die Übernahme der Schutzherrschaft über Rom hätte die kriegerische Begegnung mit den Langobarden bedeutet.“[15] Dieser Umstand bleibt aufgrund der inneren Spannungsverhältnisse im Frankenreich kaum verwunderlich, denn Karl Martell versuchte in seiner Regierungszeit (714-741) zunächst einmal die unterworfenen Stämme unwiderruflich dem fränkischen Machtanspruch zu unterwerfen. In den Jahren zuvor konnte dies keinesfalls erfolgreich sichergestellt werden.[16] Außerdem gelang es ihm, gegen die vorrückenden Araber im Jahr 732 erfolgreich zu Felde zu ziehen und damit den Islam vom fränkischen Reich abzuwenden.[17] Erst danach verstärkte sich die Bindung zu Rom und wandelte sich zu einem Bündnis der Franken mit dem Papst.[18]

Die Söhne Pippin der Jüngere und Karlmann nutzen dagegen die Gelegenheit mit der Unterstützung des Papstes aus dem „institutionellen“ Schatten der Merowinger herauszutreten und eine eigene Königsdynastie zu errichten. Nur auf diese Weise gelang es die fehlende Königswürde mit der Hilfe der Gnade Gottes auszugleichen. Nachdem Karlmann 747 freiwillig ins Kloster ging, wurde Pippin 751 von Bonifatius zum König gewählt. Im Jahr 754 wiederholte Papst Stephan diesen heiligen Akt. In denfränkischen reichsannalen heißt es dazu: „Nachdem Papst Stephan von König Pippin die Versicherung des Schutzes der römischen Kirche erlangt hatte, erteilte er ihm durch heilige Salbung die königliche Weihe und mit ihm zugleich auch seinen Söhnen Karl und Karlmann; und er blieb den Winter über im Frankenlande.“[19] „Erst in der Mitte des 8. Jahrhunderts, nicht schon am Anfang des 6. Jahrhunderts, kann man von einer Konsolidierung nicht nur des fränkischen Reiches, sondern auch der fränkischen Kirche sprechen“.[20] Pippin festigte die Beziehungen zum Papst, indem er ihm die ehemaligen Gebiete der Langobarden 756 als Gegenleistung für seine Taufe zwei Jahre vorher schenkte und damit die Vorstufe für den späteren Kirchenstaat beschritt. Als Pippinische Schenkung bezeichnet, wurde die Urkunde am Grab des heiligen Petrus in Rom hinterlegt.[21] Gleichwohl gereichte diese Konstellation dem Papst zum Vorteil, da er seinerseits die Schutzmacht für das römische Volk nicht mehr im oströmischen Kaiser sah, sondern in den Franken.

Als Karl der Große im Jahr 800 Papst Leo II. wiederholt die fränkische Hilfe zu teil werden ließ in der Auseinandersetzung des Papstes mit dem römischen Adel, wurde Karl während der Weihnachtsmesse von Leo III. die Krone aufs Haupt gesetzt.[22] Auf der zuvor stattgefundenen Synode, die den Papst zum Reinigungseid nötigte, soll Karl bereits die Krone angetragen worden sein.[23] Die Annalen von Lorsch berichten dazu: „Und weil schon damals das Kaisertum bei den Griechen nicht mehr bestand und sie eine weibliche Herrschaft hatten, erschien es dem Apostelnachfolger Leo selbst und allen heiligen Vätern, die an diesem Konzil teilnahmen, und dem übrigen Volk, daß sie Karl […] zum Kaiser erheben müßten.“[24] Inwiefern Karl mit der Kaiserkrönung gerechnet hatte, oder seine Zurückhaltung und Überraschung von diesem Akt vielmehr nur eine Demutsgeste – ähnlich der Bekundung der eigenen Unwürdigkeit bei einer Bischofswahl – war, bleibt spekulativ. „Die Kaiserkrönung Karls des großen im Jahr 800 war das praktische Ergebnis einer Politik, die fünfzig Jahre früher eingeschlagen worden war. Sie war gleichzeitig das Symbol einer politischen Befreiung des Abendlandes und der politischen und daher letztlich auch religiösen Spaltung der Christenheit.“[25] Einzig die Krone aus den Händen des Papstes zu empfangen schien ihn Unbehagen bereitet zu haben, da damit eine Unterordnung symbolisch verankert wurde, die schwer dem Volk der Franken zu vermitteln zu sein schien. Eher hätte Karl die Selbstkrönung unter der Anwesenheit des Papstes vollzogen, bei der er die Krone direkt von Gott empfangen hätte ohne den Papst als Mittler zu bemühen.[26] Es bleibt anzunehmen, dass sowohl die fränkischen Herrscher, als auch der Papst bis dato eine Stufe der Kooperation erreicht hatten, auf der beide entweder verharren konnten und damit anderen Kräften – wie dem oströmischen Kaiser – Einflussmöglichkeiten boten, oder die Krönung vielmehr der letzte unausweichliche Schritt zur Stabilisierung des Bündnisses war. Letzteres scheint nahe liegend, zumal auch das fränkische Reich nur oberflächlich christianisiert war und später rasch auseinanderdriftete. Ohne die Kaiserkrönung und deren „Einheit“ von sakraler und weltlicher Macht, hätten beide Mächte kurzfristig ihren Machtanspruch einschränken müssen und ihre inneren Probleme zuerst lösen müssen. Der Papst vertraute nunmehr bereitwillig auf die Schutzmacht der Franken und musste sich dieser unterordnen. Der oströmische Kaiser konnte diese Schutzfunktion schließlich schon längst nicht mehr gewährleisten. Erst mit dem Investiturstreit trat die Papstkirche aus dem Schatten der weltlichen Machthaber heraus und etablierte sich fortan als führende Institution, die sich mit Hilfe der Kaiserkrönung ihren jeweiligen weltlichen Beschützer selbst wählte und diesen sich bis zum Ausgang des Mittelalters unterordnete.

3. Stärkerer Gott

Im Unterschied zu der einstigen Missionierung im Osten des Römischen Reiches, konnte die Ausbreitung des christlichen Glaubens bei den Germanen nur auf eine wenig kulturell entwickelte Stadtstruktur zurückgreifen. „Die Städte entwickelten sich nach dem Kommen der Germanen größtenteils zurück.“[27] Dennoch stand die römische Kultur nicht mehr im völligen Gegensatz zu den Germanen, wie in den Jahrhunderten zuvor. Große Teile von ihnen waren in das Römische Reich integriert. Sie bewirtschafteten als Kolonen die Felder und kämpften als Hilfstruppen im Römischen Heer.[28]

Die germanischen Stämme verehrten eine Vielzahl von Göttern (z.B. Donar - Gott des Donners, Wodan - Gott der Wolken) und wechselten diese auch häufig. In den Kriegswirren erwies sich der christliche Gott für sie als stärker, da er ein Garant für den Erfolg einer Schlacht zu sein schien. Das Christentum stand damit zunächst nicht im Widerspruch zu den Germanen, vielmehr fügte sich deren Gott in deren Kulte ein. Im Gegensatz zu den Christen, die in den kulturell griechisch und römisch geprägten Städten den Leidensweg Christus am Kreuz als Aufopferung für die Menschheit verstanden, blieb dieser Aspekt für die germanischen Völker wenig überzeugend und fremd. Dennoch erwies sich für sie die Auferstehung zu Ostern als Sieg über Hölle und Teufel als ein starker Faktor zur Zustimmung zum Christentum. Christus barg dennoch eine so große Allmacht, dass sich die Germanen fürchteten, sich in direkter Art und Weise an ihn zu wenden und so versuchten sie durch die Verehrung des Petrus - dem Apostelfürsten - Christus zumindest zu nähern.[29]

Insgesamt traf der christliche Glaube zu dieser Zeit wohl auch auf eine innere Krise der germanischen Religion. Das Fällen der Donar-Eiche durch Bonifatius demonstrierte die endgültige Schwäche der alten Götter. Dieser muss jedoch schon ein innerer Zerfallsprozess vorangegangen sein. Die germanische Religion „lebte noch von den Kräften der Vorzeit, war aber nicht mehr fähig, neue hervorzubringen.“[30] Bedingt durch die fehlende politische Einheit der Germanenstämme, lässt sich darin ein weiterer wichtiger Faktor erkennen, der die Ausbreitung des Christentums begünstigte. Genau aus diesem Grund heraus versuchte Chlodwig schließlich später, die Verbindung der Volksstämme herzustellen.

Bei der Missionierung der Germanen vermischte sich der neue christliche Glaube mit den heidnischen Riten und Kulten. Der soziale Ordnungscharakter durch die sittlichen Forderungen des Christentums blieb ihnen zunächst völlig fern. Die germanischen, keltischen, volksrömischen und heidnischen Kulte wurden teilweise nur mit dem christlichen Kult überwölbt. Dies war aber kein unausweichlicher Nebeneffekt, sondern er wurde bewusst vom Papst angewiesen. Die Kultstätten der Heiden sollten demnach soweit es möglich war nicht zerstört werden, vielmehr sollten diese durch Ausschmückungen und Reliquien in christliche umgewandelt werden. Mit der Missionierung durch die iro-schottischen Mönche wurden die heidnischen Heiligtümer des Donars in die des St. Petrus umgeweiht.[31] Seit Papst Paul I. wurden verstärkt zahlreiche Reliquien in die neuen Kultstätten des Frankenreiches überführt. Gerade für die äußeren Gebiete des Reiches, die lange Zeit Widerstand leisteten, bedurfte es neuer verehrungswürdiger Elemente, die durch die Biographie und die Taten der Heiligen ihre Überzeugungskraft erhielten.[32] „Die Translationen der Heiligen aus dem Westfrankenreich flankierten die verfassungs- und kirchenrechtlichen Maßnahmen zur Integration Sachsens in das fränkische Großreich.“[33] Eine grobe Gewaltanwendung durch eine rücksichtslose Zerstörung der heidnischen Kultstätten war zunächst weitestgehend inakzeptabel. Diese Ansicht beruhte darauf, dass die Heiden ja keine Häretiker waren. Sie hatten schließlich nur noch nicht den Weg zum rechten Glauben gefunden, wohingegen diejenigen, die vom rechten Glauben abfielen, die Gnade und den Absolutheitsanspruch des Christentums vehement gefährdeten und deshalb eine Gefahr darstellten.[34]

[...]


[1] Schulze, Hans K.: Vom Reich der Franken zum Land der Deutschen. Merowinger und Karolinger. Berlin 1987, S. 40.

[2] Vgl. Hage, Wolfgang: Das Christentum im frühen Mittelalter (476-1054). Göttingen 1993, S.77.

[3] Vgl. Haendler, Gert: Die abendländische Kirche im Zeitalter der Völkerwanderung. 3. Auflage, Berlin 1987, S. 124.

[4] Vgl. Iserloh, Erwin: Die Missionierung Deutschlands im Mittelalter. In: Kötting, Bernhard (Hrsg.): Kleine deutsche Kirchengeschichte. Freiburg, Basel, Wien 1980.

[5] Vgl. Aland, Kurt: Geschichte der Christenheit. Von den Anfängen bis an die Schwelle der Reformation. Bd. 1, 2. Auflage, Gütersloh 1991, S. 225-227.

[6] Vgl. Haendler, Gert: Die abendländische Kirche im Zeitalter der Völkerwanderung. 3. Auflage, Berlin 1987, S. 130.

[7] Flor, Georg: Gottesgnadentum und Herrschergnade. Über menschliche Herrschaft und göttliche Vollmacht. Köln 1991, S.68.

[8] Vgl. Padberg, Lutz E. von: Die Christianisierung Europas im Mittelalter. Stuttgart 1998, S. 56.

[9] Gerade die Bayern versuchten sich unter dem Herzog Tassilos III. aus der Vormacht der Franken zu lösen. Ein Bündnis mit den Awaren schien dafür aussichtsreich. Nachdem der Herzog schon einmal das Heer Pippins verlassen hatte, ohne dafür eine Erlaubnis erhalten zu haben, sollte er endgültig für sein trauloses Verhalten mit dem Tod bestraft werden. Karl ließ ihm dennoch die Wahl einer angemessenen Bestrafung und Tassilos entschied sich ins Kloster zu gehen. So wurde Bayern wieder in das Frankenreich fest eingebunden. Lediglich die Awaren bereiteten noch Probleme. In drei Feldzügen von 791-796 gelang es den Franken aber auch diese weitestgehend zu besiegen. Vgl. Tomek, Ernst: Kirchengeschichte Österreichs. Altertum und Mittelalter. Bd. 1, Innsbruck 1935, S. 77-78.

[10] Vgl. Iserloh, Erwin: Die Missionierung Deutschlands im Mittelalter. In: Kötting, Bernhard (Hrsg.): Kleine deutsche Kirchengeschichte. Freiburg, Basel, Wien 1980, S. 30.

[11] Vgl. Tomek, Ernst: Kirchengeschichte Österreichs. Altertum und Mittelalter. Bd. 1, Innsbruck 1935, S. 62-63.

[12] Vgl. Aland, Kurt: Geschichte der Christenheit. Von den Anfängen bis an die Schwelle der Reformation. Bd. 1, 2. Auflage, Gütersloh 1991, S. 227.

[13] Vgl. Iserloh, Erwin: Die Missionierung Deutschlands im Mittelalter. In: Kötting, Bernhard (Hrsg.): Kleine deutsche Kirchengeschichte. Freiburg, Basel, Wien 1980, S. 32-33.

[14] Die Position der Hausmeier als oberste Hofbeamte, barg die eigentliche Macht und untergrub sukzessive den merowingischen Königsanspruch. Karl Martell war Hausmeier des Teilreiches Austrasien.

[15] Aland, Kurt: Geschichte der Christenheit. Von den Anfängen bis an die Schwelle der Reformation. Bd. 1, 2. Auflage, Gütersloh 1991, S. 244.

[16] Vgl. Aland, Kurt: Geschichte der Christenheit. Von den Anfängen bis an die Schwelle der Reformation. Bd. 1, 2. Auflage, Gütersloh 1991, S. 228-229.

[17] Vgl. Andresen, Carl: Geschichte des Christentums I. Von den Anfängen bis zur Hochscholastik. Stuttgart 1975, S. 122.

[18] Seit 568 litt Papst Gregor I unter der Bedrohung der Langobarden. Trotz zahlreicher Annäherungsversuche wirkten sie stets als Gefahr. Vergeblich hatte der Papst versucht, die Langobarden zu christianisieren und sich aus seiner prekären Lage zu retten. Vor den Langobarden bedrückte Byzanz den Papst und nötigte die weströmische Kirche wiederholt zu Zugeständnissen auf den Konzilien. Vgl. Aland, Kurt: Geschichte der Christenheit. Von den Anfängen bis an die Schwelle der Reformation. Bd. 1, 2. Auflage, Gütersloh 1991, S. 229-231.

[19] Zitiert nach: Hartmann, Wilfried (Hrsg.): Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellung. Frühes und hohes Mittelalter. Bd.1, Stuttgart 2002, S. 36.

[20] Aland, Kurt: Geschichte der Christenheit. Von den Anfängen bis an die Schwelle der Reformation. Bd. 1, 2. Auflage, Gütersloh 1991. S. 229.

[21] Vgl. Zimmermann, Harald: Das Papsttum im Mittelalter. Stuttgart 1981, S. 62.

[22] Vgl. Gutschera, Herbert; Maier, Joachim; Thierfelder, Jörg: Geschichte der Kirchen. Mainz, Stuttgart 1992, S. 91-92.

[23] Vgl. Haendler, Gert: Die lateinische Kirche im Zeitalter der Karolinger. 2. Auflage, Leipzig 1992, S. 74-76.

[24] Zitiert nach: Hartmann, Wilfried (Hrsg.): Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellung. Frühes und hohes Mittelalter. Bd.1, Stuttgart 2002, S. 55.

[25] Southern, Richard W.: Kirche und Gesellschaft im Abendland des Mittelalters. Berlin 1976, S. 47.

[26] Vgl. Flor, Georg: Gottesgnadentum und Herrschergnade. Über menschliche Herrschaft und göttliche Vollmacht. Köln 1991, S. 70.

[27] Kantzenbach, Friedrich Wilhelm: Christentum in der Gesellschaft. Alte Kirche und Mittelalter. Hamburg 1975, S. 165.

[28] Vgl. ebenda S. 151f, 168.

[29] Da der Papst im weiteren Verlauf die Position des Petrus auf Erden beanspruchte, erhielt dieser Aspekt eine besondere Bedeutung für die Annäherung der Germanen an das Papsttum. Vgl. Kantzenbach, Friedrich Wilhelm: Christentum in der Gesellschaft. Alte Kirche und Mittelalter. Hamburg 1975, S. 173.

[30] Aland, Kurt: Geschichte der Christenheit. Von den Anfängen bis an die Schwelle der Reformation. Bd. 1, 2. Auflage, Gütersloh 1991, S. 215.

[31] Vgl. Stadtmüller, Winfried: Christentum im fränkischen Reich. In: Pleticha, Heinrich (Hrsg.): Deutsche Geschichte. Bd. 1, Gütersloh 1981, S. 118.

[32] Vgl. Röckelein, Hedwig: Reliquientranslationen nach Sachsen im 9. Jahrhundert. Über Kommunikation, Mobilität und Öffentlichkeit im Frühmittelalter. Stuttgart 2002, 138.

[33] Röckelein, Hedwig: Reliquientranslationen nach Sachsen im 9. Jahrhundert. Über Kommunikation, Mobilität und Öffentlichkeit im Frühmittelalter. Stuttgart 2002, S. 366.

[34] So lässt sich die Ablehnung gegenüber dem Arianismus erklären.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die frühmittelalterliche Kirche und Gesellschaft von der Taufe Chlodwigs bis zu Karl dem Großen
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Heilige Menschen
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
29
Katalognummer
V91762
ISBN (eBook)
9783638058537
ISBN (Buch)
9783638948777
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kirche, Gesellschaft, Taufe, Chlodwigs, Karl, Großen, Heilige, Menschen
Arbeit zitieren
Magister Artium Jens Weis (Autor), 2004, Die frühmittelalterliche Kirche und Gesellschaft von der Taufe Chlodwigs bis zu Karl dem Großen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91762

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