Was ist, wenn die fünfjährige Tochter immer schreit, wenn sie etwas nicht bekommt oder darf oder der 16-jährige Sohn nächtelang nicht zu Hause ist, sich den Eltern verweigert und Drogen konsumiert; was, wenn die Eltern sich trennen und das Kind zwischen beiden hin und her gerissen ist oder wenn sich Geschwister augenscheinlich immer wieder wegen Nichtigkeiten streiten?
Hier bietet die Erziehungsberatung die Möglichkeit, Schwierigkeiten in der Erziehung zu verringern oder womöglich ganz zu beseitigen. Wissenschaftlich ausgebildete Fachkräfte versuchen objektiv die Situation einzuschätzen und mit den betroffenen Personen an unerwünschten Verhaltensweisen und Handlungseffekten, Krisen und Konflikten zu arbeiten. Ziel ist die seelische Gesundheit der gesamten Familie, „indem sie dazu beiträgt, daß sich junge Menschen ihren Fähigkeiten entsprechend entfalten und aktiv mit den Anforderungen der Umwelt auseinandersetzen können.“ (Abel 1998, S. 47)
Diese Hausarbeit soll einen Einblick in die Geschichte, die Bedingungen und Arbeitsweise der Erziehungsberatung und den Erziehungsberatungsstellen geben.
Dazu werde ich zunächst die Begriffe Erziehung und Beratung definieren, um daraus eine Begriffsbestimmung von Erziehungsberatung zu entwickeln. Danach gebe ich einen ausführ-lichen Überblick über die Geschichte der Erziehungsberatung von den Anfängen über den Zeitraum des Nationalsozialismus bis in die heutige Zeit. Es folgt eine Beschreibung der rechtlichen Grundlagen und Rahmenbedingungen von Erziehungsberatung, auf der diese heute basiert. Darauf fußt die gesamte Arbeit der Erziehungsberatung und soll daher nicht unerwähnt bleiben. Als nächstes widme ich mich den Beratungsanlässen, also den, wie oben beschriebenen Gründen, eine Beratungsstelle aufzusuchen. Diese seien hier jedoch nur stichpunktartig angeführt. Die nachfolgenden Grundprinzipien in einer Beratungsstelle sind wichtige Bestandteile der Erziehungsberatungsarbeit. Sie steigern die Qualität einer Erziehungsberatungsstelle und machen ein Arbeiten ohne Störungen wahrscheinlicher. Abschließend gibt eine ausführliche Beschreibung des Ablaufs eines Beratungsprozesses, um die praktische Sei-te der Erziehungsberatung darzustellen.
Weiterhin sei erwähnt, dass ich der Einfachheit halber in dieser Ausführung nur von Kindern und in der männlichen Form sprechen werde. Jugendliche sowie weibliche Personen sollen hierbei gedanklich mit eingefügt werden. Falls eine spezielle Altersgruppe oder eine geschlechtsspezifische Darstellung in der Ausarbeitung gemeint ist, werde ich dies ersichtlich machen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definitionen relevanter Begrifflichkeiten
2.1. Definition Erziehung
2.2. Definition Beratung
2.3. Definition Erziehungsberatung
3. Geschichte der Erziehungsberatung
3.1. Die Anfänge der Erziehungsberatung
3.2. Erziehungsberatung im Nationalsozialismus
3.3. Erziehungsberatung von der Nachkriegszeit bis in die 90er Jahre
3.4. Erziehungsberatung heute
4. Rechtliche Grundlagen und Rahmenbedingungen der Erziehungsberatung
5. Beratungsanlässe in einem groben Überblick
6. Grundprinzipien der Arbeit in Erziehungsberatungsstellen
6.1. Die Schweigepflicht
6.2. Kostenaufwand für den Ratsuchenden
6.3. Niederschwelligkeit
6.4. Freiwilligkeit
6.5. Multidisziplinarität
7. Ablauf einer Beratungssequenz
7.1. Eröffnungsphase
7.2. Problemanalyse
7.3. Diagnostische Urteilsbildung und Problemanalyse mit dem Kind
7.4. Gemeinsame Problemdefinition
7.5. Gemeinsame Zieldefinition
7.6. Gemeinsame Suche nach Änderungswegen
7.7. Therapeutische Zwischenphase
7.8. Erprobungs- und Rückkopplungsphase
7.9. Abschlussphase
8. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Hausarbeit gibt einen fundierten Einblick in die theoretischen Grundlagen, die geschichtliche Entwicklung sowie die praktischen Arbeitsweisen und Rahmenbedingungen der Erziehungsberatung. Ziel ist es, den Lesern das komplexe Feld der Erziehungsberatung näherzubringen und den Prozess von der Problemanalyse bis zur Abschlussphase in einer Beratungsstelle zu verdeutlichen.
- Historische Entwicklung und Einordnung der Erziehungsberatung
- Rechtliche Grundlagen (SGB VIII / KJHG) und Rahmenbedingungen
- Grundprinzipien der Beratungsarbeit (u.a. Schweigepflicht, Freiwilligkeit)
- Strukturierter Ablauf einer Beratungssequenz
- Typische Beratungsanlässe und Herausforderungen
Auszug aus dem Buch
3.1. Die Anfänge der Erziehungsberatung
Der Arbeitsbereich der Erziehungsberatung entwickelte sich in Folge der sozialen Veränderungen während der industriellen Revolution mit der einhergehenden Urbanisierung und Industrialisierung im 19. Jahrhundert. In dieser Zeit zerfiel die bis dahin funktionierende Sozialordnung; es entstand die lohnabhängige Arbeiterklasse, was bedeutete, dass Familien ohne geregeltes Einkommen ihr Überleben nicht sichern konnten, es herrschte Wohnungsnot und die Betreuung der Kinder konnte zumeist nicht mehr gewährleistet werden, da auch die Mütter arbeiten gehen mussten, damit ein Überleben möglich war. Besonders die Ärzte aus den psychiatrischen Kliniken wurden mit den Folgen der Missstände zu jener Zeit konfrontiert.
Die Nachfrage nach wissenschaftlichem Rat in Fragen der Erziehung stieg und so gründeten sich die ersten Beratungsstellen für Erziehung meist in privater, freier Trägerschaft. Die Wurzeln der Erziehungsarbeit liegen hierbei in der Jugendfürsorge, Sonder- und Heilpädagogik, Entwicklungsmedizin, Kinder- und Jugendpsychologie und der Psychoanalyse von Freud. Schon 1883 beriet Max Taube, der Leiter der Leipziger Ziehanstalt, Pflegemütter unehelicher Kinder in Fragen der Erziehung. 1896 wurde die erste Psychologische Klinik, die „Psychological Clinic Lightner Witmer“, an der Universität in Pennsylvania eröffnet und J. Sully, Professor für Psychologie an der Universität London, begann mit Untersuchungen von Problemkindern im psychologischen Labor.
Allerdings: „Als historisches Gründungsdatum der EB gilt die Einrichtung einer heilpädagogischen Beratungsstelle durch den Krimimalpsychiater W. Cimbal im Jahre 1903 oder die Eröffnung der ‚Medico-pädagogischen Poliklinik für Kinderforschung, Erziehungsberatung und ärztlich erziehliche Behandlung’ 1906 in Berlin unter der Leitung des Psychiaters Fürstenheim.“ (Abel 1998, S. 23) Von den heutigen Erziehungsberatungsstellen unterschieden diese Einrichtungen sich jedoch dadurch, dass eine stark medizinisch orientierte Konzeption verfolgt wurde und dort größtenteils neben- und ehrenamtlich gearbeitet wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verdeutlicht die Relevanz der Erziehungsberatung bei familiären Krisen und umreißt den inhaltlichen Aufbau der Arbeit.
2. Definitionen relevanter Begrifflichkeiten: Hier werden die Kernbegriffe Erziehung, Beratung und Erziehungsberatung definiert und in Bezug zueinander gesetzt.
3. Geschichte der Erziehungsberatung: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung von den Anfängen um die Jahrhundertwende über den Nationalsozialismus bis hin zur modernen Erziehungsberatung nach.
4. Rechtliche Grundlagen und Rahmenbedingungen der Erziehungsberatung: Hier werden die gesetzlichen Verankerungen der Erziehungsberatung im SGB VIII und KJHG dargelegt.
5. Beratungsanlässe in einem groben Überblick: Dieses Kapitel systematisiert die vielfältigen Gründe, die Familien dazu bewegen, eine Erziehungsberatungsstelle aufzusuchen.
6. Grundprinzipien der Arbeit in Erziehungsberatungsstellen: Hier werden fünf zentrale Arbeitsprinzipien erläutert, die die Qualität der Beratung sichern, wie z.B. Schweigepflicht und Niederschwelligkeit.
7. Ablauf einer Beratungssequenz: Detaillierte Beschreibung der Phasen eines Beratungsprozesses, von der Eröffnung bis zur abschließenden Entlassung in die Selbständigkeit.
8. Schlusswort: Das Kapitel reflektiert den Einblickscharakter der Hausarbeit und unterstreicht die Bedeutung des Erziehungsberatungswesens für die Pädagogik.
Schlüsselwörter
Erziehungsberatung, Jugendhilfe, SGB VIII, Beratungsprozess, Familienberatung, Erziehungshilfe, Pädagogik, Beratungsstelle, Kindeswohl, Beratungsanlässe, Geschichte der Erziehungsberatung, Multidisziplinarität, Niederschwelligkeit, Schweigepflicht, Diagnostik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet einen Überblick über die theoretischen, historischen und rechtlichen Aspekte der Erziehungsberatung in Deutschland und beschreibt deren praktische Anwendung in Beratungsstellen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen zählen die Definition von Erziehungsberatung, ihre historische Entwicklung, die gesetzlichen Rahmenbedingungen (SGB VIII), grundlegende Arbeitsprinzipien sowie der Phasenverlauf einer Beratungssequenz.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, dem Leser ein grundlegendes Verständnis für die Arbeitsweise von Erziehungsberatungsstellen zu vermitteln und die Bedeutung dieser Hilfeform für Familien aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, in der aktuelle Definitionen und historische Diskurse (z.B. nach Abel oder Flügge) zur Erziehungsberatung zusammengetragen und reflektiert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung, eine Analyse der rechtlichen Rahmenbedingungen, eine Darstellung der Beratungsanlässe, die Erläuterung der fünf Grundprinzipien sowie eine detaillierte Beschreibung des Beratungsprozesses.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind u.a. Erziehungsberatung, Jugendhilfe, SGB VIII, Beratungsprozess, Familienberatung, Erziehungshilfe und Pädagogik.
Wie unterscheidet sich die heutige Erziehungsberatung von den Anfängen Anfang des 20. Jahrhunderts?
Während frühe Einrichtungen stark medizinisch-diagnostisch und selektiv ausgerichtet waren, legen moderne Erziehungsberatungsstellen einen Fokus auf Multidisziplinarität, Niederschwelligkeit und Freiwilligkeit.
Welche Rolle spielt die Schweigepflicht in der Erziehungsberatung?
Die Schweigepflicht ist ein fundamentales Grundprinzip, das Vertrauen zwischen Klient und Berater ermöglicht, indem sie den Schutz des Privatgeheimnisses garantiert und Weitergabe an Dritte nur mit Zustimmung erlaubt.
Warum ist das Kind bei der Erziehungsberatung als Teilnehmer wichtig?
Das Kind soll an Beratungsgesprächen teilhaben, damit es sich nicht durch die Erwachsenenwelt manipuliert fühlt und um ihm ein Mitspracherecht bei der Bewältigung der eigenen Situation einzuräumen.
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- Anja Neugebauer (Author), 2007, Erziehungsberatung - Ein Einblick in die Thematik , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91817