Paarkonstellationen im Nibelungenlied

Siegfried - Kriemhild und Gunther - Brünhild im Vergleich


Bachelorarbeit, 2020

55 Seiten, Note: 1.2


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Ziele der Arbeit
1.2 Forschungsstand
1.3 Struktur der Arbeit
1.4 Einführung in das Nibelungenlied
1.5 Gendertheoretische Ansätze

2. Konzepte der mittelalterlichen Kultur
2.1 Minne- und Rollenkonzeptionen in der mittelalterlichen Literatur
2.1.1 Der Begriff der Minne in der höfischen Literatur
2.1.2 Brautwerbungsschema
2.1.3 Rollenkonzept in der mittelalterlichen Literatur – Das höfische Gesellschaftsideal
2.2 Minne- und Rollenkonzeptionen im Mittelalter
2.2.1 Feudale Ehepraxis im Mittelalter
2.2.2 Rollenkonzept im Mittelalter – Konstruktion der historischen Wirklichkeit

3. Paarkonstellationen im Nibelungenlied
3.1 Paarkonstellation Siegfried-Kriemhild
3.1.1 Siegfrieds und Kriemhilds Minne-Verhältnis
3.1.1.1 Siegfrieds Entstehung der Minne
3.1.1.2 Siegfrieds Werbung um Kriemhild
3.1.1.3 Kriemhilds Entstehung der Minne
3.1.1.4 Siegfrieds und Kriemhilds Minne
3.1.1.4.1 Kriemhild als Witwe – ihre unendliche triuwe
3.1.2 Siegfrieds und Kriemhilds Rollenkonzept
3.1.2.1 Siegfried als höfischer Ritter
3.1.2.2 Siegfrieds unhöfische Taten – Abweichungen vom höfischen Ritterideal
3.1.2.3 Kriemhild – die höfische Dame
3.1.2.4 Kriemhilds Wandel - Abweichungen vom höfischen Idealbild
3.1.2.4.1 Der Königinnenstreit
3.1.2.4.2 Kriemhilds weibliche Gewalt – Die Rache
3.1.2.5 Siegfrieds und Kriemhilds Rollenverhältnis in der Ehe
3.2 Paarkonstellation Gunther – Brünhild
3.2.2 Gunthers und Brünhilds Minne-Verhältnis
3.2.2.1 Die Entstehung der Minne Gunthers
3.2.2.2 Brünhilds Einstellung zur Minne
3.2.2.3 Gunthers Brautwerbung
3.2.2.4 Gunthers und Brünhilds Ehe
3.2.3 Gunther und Brünhilds Rollenkonzept
3.2.3.1 Brünhild als Frauengewalt
3.2.3.2 Gunther als ambivalentes Wesen
3.2.3.3 Gunther und Brünhilds Rollenverhältnis

4. Zusammenfassung - Paarkonstellationen im Vergleich

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit ausgewählten Paarkonstellationen des Nibelungenlieds 1 und analysiert im Zuge dessen das ‚nibelungische Gesellschaftsmodell‘2. Die Gesellschaftsthematik dieses mittelalterlichen Heldenepos hat eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die Gegenwart. Das Nibelungenlied genießt noch heute – im Gegensatz zu anderen mittelalterlichen Texten – hohes Ansehen.3 Dies wird vor allem anhand der großen Menge an Forschungsliteratur zum Nibelungenlied deutlich. Außerdem ist das an den zahlreichen gegenwärtigen Darstellungen ersichtlich, wo das Buchepos in Filmen, Theatern, Museen und zeitgenössischer Nibelungenliteratur neu interpretiert wird. Dies lässt sich auf die kontinuierlich gesellschaftsrelevanten Themen zurückführen. Vor diesem Hintergrund wurde das Nibelungenlied zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum deutschen Nationalepos erklärt und weist in der Gegenwart immer noch Eigenschaften eines solchen auf. Seine Relevanz auf internationaler Ebene zeigt die Ernennung zum Weltdokumenterbe von Seiten der UNESCO im Jahr 2009.4 Das Nibelungenlied gehört zu den bedeutendsten mittelhochdeutschen Dichtungen und ist von großer Bedeutung für die deutsche Literaturgeschichte.

1.1 Ziele der Arbeit

Die folgende Arbeit widmet sich der Analyse der Paarkonstellationen im Nibelungenlied. Dabei stehen die Paare Siegfried-Kriemhild und Gunther-Brünhild im Fokus der Arbeit. Um zu ausführlichen Ergebnissen zu kommen, wird die Untersuchung der Paare auf zwei Ebenen erfolgen: Die erste Ebene befasst sich mit der Minnebeziehung der Paare und erörtert, inwieweit sie dem höfischen Minnebegriff der poetischen Konstruktion oder dem der historischen Realität des Mittelalters entsprechen. Auf der zweiten Ebene werden unter Berücksichtigung der Rollenverhältnisse des höfischen Gesellschaftsideals in der Literatur und der historischen Wirklichkeit im Mittelalter die bestehenden Geschlechterverhältnisse im Nibelungenlied untersucht. Unter diesem Aspekt werden zum einen die Protagonisten als einzelne Figuren analysiert. Dabei wird diskutiert, inwiefern sie dem höfischen Ideal entsprechen oder von diesem abweichen. Zudem wird untersucht, ob sie sich an die ihnen zugedachten Geschlechterrollen halten. Zum anderen wird beleuchtet, inwieweit sich die Geschlechterrollen der einzelnen Figuren auf die Ehe-Minnen auswirken und welches Geschlechterverhältnis in den jeweiligen Paarkonstellationen herrscht. Insgesamt besteht die Zielsetzung der vorliegenden Arbeit darin, die beiden Paarkonstellationen vor dem Hintergrund der mittelalterlichen und literarischen Minne- und Rollenkonzepte unter Berücksichtigung der erarbeiteten nibelungischen Konzepte miteinander zu vergleichen.

1.2 Forschungsstand

In der mediävistischen Forschung ist das Nibelungenlied von besonderem Interesse. Auch sind die Paarkonstellationen dieses Buchepos in der Vergangenheit häufig Gegenstand der Forschung gewesen. Die umfangreiche Sekundärliteratur bietet einen Einblick in die zahlreichen Analysen der Paarbeziehungen. So leistet unter anderem Achauer, mit seiner Arbeit über die „Minne im Nibelungenlied“5, einen bedeutenden Beitrag zur Forschung und untersucht auf mehreren Ebenen das Minneverständnis im Nibelungenlied. Des Weiteren hat Rollnik-Manke mit ihrer Untersuchung zu den „Personenkonstellationen in mittelhochdeutschen Heldenepen“6 einen Einblick in die einzelnen Personenbeziehungen des Nibelungenlieds samt ihrer Veränderungen gewährt. Grenzler legt in seinem Beitrag „Erotisierte Politik-politisierte Erotik“7 vor allem den Schwerpunkt auf die Motivation hinter den jeweiligen Eheschließungen im Nibelungenlied. Zudem hat Freche einen bedeutsamen Beitrag (Von zweier vrouwen bâgen wart / vil manic helt verlorn. Untersuchungen zur Geschlechterkonstruktion in der mittelalterlichen Nibelungendichtung)8 zu den Geschlechterkonstruktionen des Nibelungenliedes geleistet. In ihrer Arbeit hat sie sich vor dem Hintergrund des mittelalterlichen Gesellschaftsmodells auf die Analyse der Minne und der bestehenden Geschlechterrollen im Nibelungenlied konzentriert. Darüber hinaus hat Schulze mit ihrem Werk „Das Nibelungenlied“9 einen Beitrag zur Forschung geleistet, indem sie neben einem Gesamtüberblick sowohl die höfische als auch die heroische Sphäre des Nibelungenliedes aufgegriffen und herausgearbeitet hat.

Die folgende Arbeit stützt sich unter anderem auf eine Analyse der oben erwähnten Forschungsliteraturen und knüpft an diese und andere Arbeiten, die einen bedeutenden Beitrag für die Nibelungenliedforschung geleistet haben, an.

1.3 Struktur der Arbeit

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in vier Kapitel. Der erste Teil umfasst die Einleitung. Nach dem einleitenden Teil wird eine kurze Einführung in das Nibelungenlied gegeben, um einen Einblick in die allgemeinen Grundlagen dieses Heldenepos zu gewähren. Neben einer Charakterisierung desselben wird seine Entstehungsgeschichte, Überlieferung und Handschriftenlage dargestellt. Des Weiteren gewährt die Einleitung einen Einblick in die Aktualität genderbezogener und gendertheoretischer Fragestellungen.

Im Fokus des zweiten Teils steht die Veranschaulichung der Konzepte der mittelalterlichen Kultur. Darunter werden auf der einen Seite die Minne- und Rollenkonzeptionen der mittelalterlichen Literatur und auf der anderen Seite die Minne- und Rollenkonzeptionen der historischen Wirklichkeit des Mittelalters untersucht. Dies dient der nachfolgenden Analyse der Paarkonstellationen, die vor diesem Hintergrund untersucht werden. Zunächst wird sowohl der Begriff der Minne in der höfischen Literatur als auch das literarische Brautwerbungsschema präsentiert. Dem wird ein Einblick in die feudale Ehepraxis des Mittelalters entgegengestellt, um einen direkten Vergleich ermöglichen zu können. Des Weiteren wird das Rollenkonzept der mittelalterlichen Literatur und der historischen Wirklichkeit erläutert, um die Rollenkonzepte des Nibelungenlieds vor diesem Hintergrund zu erörtern.

Darauf aufbauend steht die Analyse der beiden Paarkonstellationen im Mittelpunkt des dritten Teils. In einem ersten Schritt wird die Paarkonstellation Siegfried-Kriemhild einer näheren Analyse unterzogen. Zunächst widmet sich dieses Kapitel ihrem Minneverhältnis und untersucht sowohl das Zustandekommen der Minne als auch ihren Erhalt. Anschließend wird Siegfrieds und Kriemhilds Rollenkonzept näher beleuchtet, indem analysiert wird, ob die beiden Protagonisten den mittelalterlichen Geschlechternormen entsprechen und welches Geschlechterverhältnis in deren Ehe herrscht.

In einem zweiten Schritt konzentriert sich die Arbeit auf die Paarkonstellation Gunther-Brünhild. Auch hier wird zunächst das Minneverhältnis anhand der Entstehung der Minne und der Bewährung dieser Liebe in der Ehe analysiert. Darauf folgt die Untersuchung des bestehenden Rollenkonzepts dieses Paares, bei der zuerst auf die einzelnen Personen eingegangen wird, bevor das Geschlechterverhältnis in Frage gestellt wird.

Im Anschluss folgt der Vergleich beider Paarkonstellationen, bei dem alle Ergebnisse zusammengefasst dargestellt werden, bevor sich die Arbeit einem abschließenden Fazit widmet.

1.4 Einführung in das Nibelungenlied

Bei dem Nibelungenlied handelt es sich um ein Heldenepos, das um 1200 entstanden und im donauländischen Bereich angesiedelt ist. Mehrere Indizien deuten darauf hin, dass das Werk in Passau entstanden ist, wie zum Beispiel die Erwähnung der Stadt Passau und ihres Bischofs Pilgrim.10 Der Verfasser dieses germanischen Epos ist unbekannt, was ein gattungstypisches Merkmal darstellt. Die Ursprünge des Nibelungenliedes lassen sich bis in die germanische Völkerwanderungszeit zurückverfolgen.11

Erwähnenswert ist, dass die Frage nach der Gattungszugehörigkeit die Forschungsliteratur zum Nibelungenlied in mehrfacher Hinsicht beschäftigt. Somit lehnt unter anderem Miedema eine explizite Gattungszuordnung ab, da das Nibelungenlied sowohl Merkmale aufweist, die der Heldenepik zuzuordnen sind (Form, Strophen, teilweise auch der Inhalt), als auch solche, die der höfischen Erzähltradition entsprechen.12 Schulze unterstützt diese These, indem sie von „Mehrdeutigkeiten und Überschneidungen“13, was die Gattungszuordnung betrifft, spricht. Tatsächlich lässt sich feststellen, dass das Heldenepos neben einer ganzen Reihe heldenepischer Elemente auch eine Vielzahl an höfischen Merkmalen beinhaltet, wie zum Beispiel die Darstellung der Schönheit der Figuren. Aus diesem Grund erweist sich eine explizite Zuweisung zu einer Gattung als schwierig, was zur Folge hat, dass sich immer wieder Untersuchungen mit dem Problem der Zuordnung beschäftigen.

Das Nibelungenlied entstand durch eine lange Tradition mündlicher Überlieferung, bevor es Anfang des 13. Jahrhunderts schriftlich fixiert worden ist. Es wurde in ungefähr 36 Handschriften aus dem 13. bis 16. Jahrhundert überliefert. Diese umfassen 11 vollständige und 25 fragmentarische Texte. Die drei ältesten und wichtigsten Textzeugen wurden mit Siglen versehen: Handschrift A (Hohenems-Münchener Handschrift), Handschrift B (St. Gallener Handschrift) und Handschrift C (Hohenems-Donaueschinger Handschrift). Der vorliegenden Arbeit liegt die Handschrift B zugrunde. Der Mehrheit der überlieferten Handschriften ist die Nibelungenklage angehängt, die rückblickend auf die Handlung des Nibelungenliedes das Geschehen noch einmal interpretiert und teilweise fortsetzt. Der Nibelunge Nôt ist in 39 Kapitel (Âventiuren) gegliedert und umfasst 2376 (Handschrift B) vierzeilige sangbare Strophen, bestehend aus Reimpaaren und Langzeilen mit Zäsur in der Mitte. In der Forschung wird von einer Zweiteilung der Handlung gesprochen. Der erste Teil beinhaltet die Âventiuren 1-19 (NL 1-1139), die Siegfried-Kriemhild-Handlung, Gunthers Brautwerbung und die Ermordung Siegfrieds. Der zweite Teil umfasst die Âventiuren 20-39 (NL 1140-2376) und stellt Kriemhilds Rache und den dadurch ausgelösten Burgundenuntergang in den Fokus.

Das Nibelungenlied handelt von dem höfischen Leben der Burgunden, das von Treue, Ehre, Verrat und Rache bestimmt wird. Im Zentrum des Epos steht unter anderem Siegfried, der um die schöne Kriemhild, die bedeutendste Frauenfigur der Handlung, wirbt. Des Weiteren sind Brünhild und ihr Werber Gunther ein wichtiger Bestandteil der Handlung. Der Dichter stellt der höfischen Gesellschaft des Nibelungenlieds archaische Elemente entgegen und konzipiert somit Figuren, die Konflikte verursachen und am Ende den Burgundenuntergang herbeiführen.

1.5 Gendertheoretische Ansätze

Da Genderstudies in der Gegenwart ein sehr präsentes Thema darstellen, gewähren die folgenden Absätze zunächst einen kurzen Einblick in die Aktualität genderbezogener und gendertheoretischer Fragestellungen.

Der aktuelle Forschungsstand begreift das Geschlecht sowohl als das biologische Geschlecht, welches an der Körperlichkeit festgelegt werden kann, als auch als soziale Geschlechtsidentität. Diese Binarität definiert sich über die Begriffe Gender und Sexus, wobei Gender das soziale Geschlecht meint und Sexus das biologische Geschlecht in Form von männlich und weiblich.14 Die medizingeschichtlichen Untersuchungen Laqueurs behaupten, dass die bestehende Binarität zwischen Mann und Frau ein Konstrukt der Neuzeit gewesen sei.15 Jedoch konnte eine binäre Geschlechterstruktur, die die soziale Rolle der Frau und des Mannes prägte, bereits im Mittelalter beobachtet werden, was von zahlreichen literaturhistorischen Texten belegt wird. Dies hat zu einer kulturell bedingten Normierung geführt, die nicht nur in der Gegenwart besteht, sondern bereits zu der mittelalterlichen Zeit vorzufinden war.

Im Mittelalter wurde das Geschlechterverhältnis über die Macht, die Religion und das Recht definiert. Wegen den körperlichen Attributen des Mannes galt dieser als der Stärkere und bevormundete die Frau. Der Mann war der alleinige Versorger der Familie und galt demzufolge als Oberhaupt derselben. Eine Gleichberechtigung der Geschlechter gab es nicht. Diese Rollenverteilung war Gegenstand zahlreicher literarischer Texte und wurde demzufolge auch im Nibelungenlied aufgegriffen. Was die gegenwärtige Lage betrifft, haben feministische Bewegungen und der Kampf um Gleichberechtigung zu einem Umbruch der traditionellen Rollenbilder geführt. Die Geschlechterrollen befinden sich in einem stetigen Wandel, was zu einer Auflösung der traditionellen Aufgabenfelder geführt hat. Die Idee, dass der Mann der alleinige Ernährer der Familie ist und demzufolge das Sagen hat, hat keinen Platz in der modernen Gesellschaft, denn in der Gegenwart versorgen beide die Familie.

Wie sich die traditionellen Rollenbilder auf die Geschlechterverhältnisse im Mittelalter und somit auch auf die mittelalterliche Literatur ausgewirkt haben, wird im Folgenden näher analysiert, bevor sich die Arbeit mit den Geschlechterverhältnissen im Nibelungenlied auseinandersetzt.

2. Konzepte der mittelalterlichen Kultur

2.1 Minne- und Rollenkonzeptionen in der mittelalterlichen Literatur

2.1.1 Der Begriff der Minne in der höfischen Literatur

Die Minne war in der mittelalterlichen Literatur von großer Bedeutung und stellte einen Bestandteil des höfischen Lebens dar. Auch im Nibelungenlied ist die höfische Minne ein bedeutendes Element der Handlung, denn sie setzt diese in Bewegung und führt zu den Höhepunkten. „Ohne die minnegeleiteten Beziehungen der weiblichen und männlichen Protagonisten (Siegfried und Kriemhild, Gunther und Brünhild) [bliebe das Nibelungenlied] ohne Handlungsmotivation.“16 Aus diesem Grund befasst sich die vorliegende Arbeit zunächst mit dem Begriff der Minne, um einen allgemeinen Einblick in die Konzepte der höfischen Literatur zu gewähren.

In der Semantik weist der Begriff der Minne mehrere Bedeutungsvariationen auf, wie zum Beispiel die Minne als Ausdruck der Versöhnung, Tugend oder Schönheit. Darüber hinaus kann ebenfalls die Gottesliebe oder die Liebe innerhalb familiärerer oder freundschaftlicher Beziehungen gemeint sein.17 Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird der Minnebegriff ausschließlich unter dem Aspekt der höfischen Liebe zwischen Mann und Frau untersucht.

Bei dem Versuch den Begriff der Minne zu definieren, fällt auf, dass die höfische Liebe in der mittelalterlichen Literatur von Gattung zu Gattung unterschiedlich dargestellt wird. Eine Gemeinsamkeit ist der hohe gesellschaftliche Wert der Minne. Da es sich beim Nibelungenlied um ein Heldenepos handelt, beschränken sich die folgenden Ausführungen auf einen Einblick in das Minneverständnis epischer Dichtungen. In der Minnekonzeption höfischer Epen gibt es in der Regel zwei Arten der Entstehung von Minne. Die eine Art erfordert die physische Präsenz von Mann und Frau und geht weitgehend von einem Blick der Frau aus, den der Mann empfängt. Angesichts seiner Begeisterung für die schönen Dame zieht der höfische Mann den Entschluss, die Minne zu erfahren und um sie zu werben.18 Die zweite Art der Entstehung der Minne ist die Fernliebe. Bei dieser Art hört der Mann etwas von der schönen Dame, ist davon begeistert und beschließt daraufhin, um sie zu werben. Im Nibelungenlied überwiegt die Fernliebe. Diese findet man sowohl bei Siegfried und Kriemhild als auch bei Gunther und Brünhild.

Es lässt sich festhalten, dass die äußerliche Attraktivität des Partners in der Regel der Auslöser der Minne ist. 19 Das neu erschaffene Bild der schönen und vollkommenen Frau hat die Funktion, die Kraft der hôhen minne im Mann zu wecken und ihn zum Werben zu animieren. Obwohl der Mann die Werbung initiiert, geht die Minne immer von der Frau aus, da sie ihn durch ihr äußeres Erscheinungsbild dazu reizt. Achauer führt aus, dass neben der Schönheit und Tugend der Frau auch die Rittertüchtigkeit des Mannes und die Ebenbürtigkeit beider Seiten wichtig für das Entstehen der Minne ist.20 Demzufolge stellt die ständische Angemessenheit beider Paare eine Voraussetzung für die Ehe-Minne dar.

Der Minnedienst des Mannes ist in höfischen Epen ebenfalls ein wichtiges Kriterium für das Entstehen der Minne. Während die Minnesänger in der Lyrik Lieder verfassen, beweisen Ritter in der Epik den Frauen ihren Dienst durch ritterliche Kampfspiele. In diesen können sie sich und ihre Kampftüchtigkeit unter Beweis stellen und die Frau für sich gewinnen. Der erfolgreiche Minnedienst eines Ritters führt in epischen Dichtungen zur körperlichen Vereinigung und Eheschließung von Mann und Frau.21 Anders als in der historischen Wirklichkeit besteht in der höfischen Literatur die Idee von einer auf Liebe und Zuneigung basierenden Eheschließung.

Demzufolge ist die „[h]öfische Liebe ein gesellschaftlicher Wert, der sich in der Praktizierung höfischer Tugenden und in der Beachtung höfischer Umgangsformen verwirklicht[…].“22 Laut Bumke war die höfische Liebe zur mittelalterlichen Zeit eine Gesellschaftsutopie23, die für ein Gesellschaftsideal stand, welches es so nie geben konnte.24 Welche Auffassung von Minne in der historischen Wirklichkeit des Mittelalters vertreten wurde und ob es Parallelen zu dem höfischen Minnekonzept der erzählenden Dichtung gibt, wird in einem späteren Abschnitt behandelt.

2.1.2 Brautwerbungsschema

Die Brautwerbung spielt in den mittelalterlichen Dichtungen eine besondere Rolle, da sie meistens den Auslöser für spätere Konflikte darstellt. Auch im Nibelungenlied hat die Werbung die Funktion, den späteren Frauenstreit und das darauffolgende große Leid der Nibelungen, den Untergang der Burgunden, vorzubereiten. Aus diesem Grund stellt die Brautwerbung einen wichtigen Bestandteil des Nibelungenlieds dar. Von daher ist es sinnvoll, einen Einblick in das konventionelle Brautwerbungsschema der mittelalterlichen Epik zu gewähren, um im späteren Verlauf der Arbeit zu analysieren, ob die Werbungen im Nibelungenlied dem überlieferten Werbungsschema der mittelalterlichen Literatur entsprechen.

In höfischen Epen gilt es, zwei Arten der Entschlussfassung zur Werbung zu unterscheiden. In den meisten Fällen wird dem Werber in einer Ratsszene eine adäquate Frau, die nach objektiven Kriterien ausgesucht wird, von Seiten seiner Verwandtschaft vorgeschlagen. Selten wählt der König eine Frau nach subjektiven Kriterien aus. Aus diesem Grund spricht Grenzler von einer „kollektive[n] Motivierung des ‚Minneaffekts‘“25. Bei der zweiten Art jedoch wird der Werbungsentschluss von Seiten eines tugendhaften Königs oder Herrschers gefasst. Dieser beschließt aufgrund von Fernminne, um eine wunderschöne Königstocher, die ihm ebenbürtig ist, zu werben. Bei dieser Frau handelt es sich oft um eine unerreichbare Dame. Aus diesem Grund erfolgt die Beratung mit einem Verwandten, der dem König von der Brautwerbung abrät, da er um die Situation der Frau weiß und die zu erfüllenden Bedingungen kennt.26 Allerdings lässt sich der Werber trotz aller vergeblicher Warnungen nicht davon abbringen, die Frau zu umwerben. Oftmals hat der Werber einen Helfer, der die Werbungsbotschaft überbringt und ihm bei seinem Vorhaben zur Seite steht. Ab diesem Punkt beginnt die eigentliche Werbung um die Frau, die von Dichtung zu Dichtung anders verläuft.

An dieser Stelle gilt es, die gefährliche Brautwerbung von der einfachen zu unterscheiden. Im Gegensatz zur gefährlichen Werbung, die oft auf gegenseitiger Minne basiert, visiert die einfache Werbung nur die staatspolitischen Vorteile an. Die Handlungsstruktur beider Werbungen verläuft ähnlich, mit dem Unterschied, dass die einfache Brautwerbung konfliktfrei vonstattengeht, während die gefährliche Werbung von bedrohlichen Hindernissen und List geprägt ist. Bei der gefährlichen Werbung spielt der Helfer oftmals eine wichtige Rolle, da er manchmal selbst zum Werbenden für den König wird.

Um welche Art von Werbung es sich bei den Brautwerbungen im Nibelungenlied handelt, wird in einem späteren Abschnitt der Arbeit genauer thematisiert.

2.1.3 Rollenkonzept in der mittelalterlichen Literatur – Das höfische Gesellschaftsideal

Während sich die historische Realität der mittelalterlichen Gesellschaft an christlichen Vorgaben orientiert, richtet sich die höfische Literatur des Mittelalters größtenteils nach weltlichen Verordnungen. Daraus resultiert ein von den Dichtern neu erschaffenes Bild der Frau. Die Dichter haben sich von der konventionellen Sichtweise der minderwertigen Frau abgewandt, um ein positives Bild der höfischen Frau zu erschaffen. In der höfischen Literatur wird die Frau daher als ein Bild der Schönheit und moralischen Vollkommenheit angepriesen. Das bewundernswerte Erscheinungsbild und vor allem die Tugendhaftigkeit einer höfischen Dame werden hervorgehoben und in Texten sehr ausführlich beschrieben. „Die Harmonie von Schönheit und moralischer Vollkommenheit war ein wesentlicher Aspekt des höfischen Frauenbilds.“27 Neben der Schönheit der Frau gehört auch kostbare Kleidung zu dem höfischen Idealbild. Zu den weiblichen Tugenden gehören zum einen „Sittsamkeit und züchtiges Verhalten [und zum anderen die] Treue und Fügsamkeit gegenüber den Eltern oder dem Ehemann“28. Diese neue Auffassung des Frauenbilds hat einen Einfluss auf die Darstellung der Geschlechterverhältnisse der höfischen Literatur. Demnach erfüllt die höfische Dame eine wichtige Funktion in der höfischen Gesellschaft, denn sie vermittelt ihre Werte an den Mann.29 Der Mann verdankt seiner Frau seine ritterlichen Fähigkeiten und sein Ansehen.

Beim höfischen Ritter wird vor allem auf seine höfische Vorbildlichkeit gezielt. Seine Machtstellung, körperliche Schönheit und seine Tugendhaftigkeit charakterisieren das Idealbild eines Ritters in der mittelalterlichen Literatur. So wie bei der vrouwe ist auch die Kleidung des Ritters ein höfisches Symbol, da sie die Macht und den Reichtum ihres Trägers repräsentiert.

Nichtsdestotrotz führt Bumke an, dass die Frauenverehrung und Frauenverachtung in der höfischen Dichtung eng beieinander liegen.30 Der Grund dafür ist, dass neben dem neuen frauenverherrlichenden Bild dennoch eine gültige Geschlechterordnung in der Literatur vorherrscht und demzufolge ein geschlechtsspezifisches Benehmen sowohl der Dame als auch des Mannes erwartet wird. Dies drückt sich darin aus, dass sich die vrouwe ihrem Ehemann unterordnen und ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen muss. Ähnlich wie in der historischen Wirklichkeit dominiert auch in der Literatur der Mann die höfische Welt. In der Regel nimmt die Frau in der mittelalterlichen Literatur eine passive Rolle ein und muss „ihre Äußerungen, Wahrnehmungen und Bewegungen auf ein Minimum“31 reduzieren.

Dieses Geschlechterbild und -verhältnis der höfischen Dichtung steht in enormem Gegensatz zu den realen Gegebenheiten. Dennoch hatte diese poetische Konstruktion die Funktion des Appells an die adlige Oberschicht. Das Bild der höfischen Dame und des höfischen Ritters fungiert als ein Leitbild und soll auf die gesellschaftliche Praxis einwirken. Ob die Protagonisten des Nibelungenlieds gemäß der mittelalterlichen Geschlechtertypisierung agieren oder eine Rollendurchbrechung stattfindet, wird die Arbeit zu einem späteren Zeitpunkt anhand einer Untersuchung der einzelnen Figuren näher beleuchten. Im weiteren Verlauf widmet sich die Arbeit jedoch zunächst der feudalen Ehepraxis der historischen Realität des Mittelalters.

2.2 Minne- und Rollenkonzeptionen im Mittelalter

2.2.1 Feudale Ehepraxis im Mittelalter

Die feudale Eheschließung wurde im Mittelalter selten aus Liebe herbeigeführt. Vielmehr steckten politische Interessen oder Eigennutz hinter einem ehelichen Bündnis. Demzufolge kann von einer Heiratspolitik die Rede sein.

Einer der bedeutendsten Zwecke der Ehe war die Familiengründung. Diese diente der Sicherung der Erbfolge. Man kann von einer auf Nachwuchs angelegten Eheschließung sprechen. Demnach war die Fruchtbarkeit einer Frau von großer Bedeutung. War diese nicht vorhanden, galt dies als ein Scheidungsgrund. Diese dynastische Politik verlangte außerdem, dass eine Frau nur von ihrem Mann schwanger werden durfte. Eine Missachtung dieser Regel wurde als Verbrechen angesehen. Wenn der Mann jedoch einen Ehebruch beging, so galt dies nicht als ein Verbrechen.

Die Bündnisbildung zielte darüber hinaus auf das Zustandekommen einer Verwandtschaft zwischen zwei Familien ab. Diese Verwandtschaft wurde im Interesse der „Absicherung oder Erweiterung des eigenen Herrschaftsbereichs“32 angestrebt. Die Wahl der Ehepartner fiel nicht willkürlich aus, sondern wurde abhängig vom Rang getroffen. Besonders begehrt waren Töchter aus dem höheren Adel, die dem Mann den sozialen Aufstieg garantierten.

Angesichts dieser Heiratspolitik spielten echte Liebe oder Äußerlichkeiten keine große Rolle. Vielmehr wurde nur im Interesse der dynastischen Tradition gehandelt. Dies bedeutete für die Eheschließenden den Verzicht auf persönliche Entscheidungen. Die Eheschließung wurde oft von den Eltern oder dem Bräutigam und dem Vater der Braut ausgehandelt. „Erst die Konstruktion der höfischen Liebe in der Literatur eröffnete im Denken der Zeitgenossen den Horizont für eine auf Zuneigung und Achtung basierende Eheverbindung“33. Im späteren Verlauf der Arbeit wird analysiert, ob sich im Nibelungenlied bei den jeweiligen Paarkonstellationen Motive feudaler Ehe wiederfinden lassen.

2.2.2 Rollenkonzept im Mittelalter – Konstruktion der historischen Wirklichkeit

Nachdem die Geschlechterverhältnisse der mittelalterlichen Literatur (Punkt 2.1.3) dargestellt wurden, geht die Arbeit im Folgenden auf die Geschlechterkonstruktionen der historischen Wirklichkeit ein. Die höfische Rollenkonfiguration entspricht nämlich nicht der mittelalterlichen Geschlechterordnung. Es besteht ein ausgesprochener Widerspruch, was die Darstellung des Ideals und die tatsächliche Realität betrifft.

Die mittelalterliche Geschlechterordnung ist an den christlichen Glauben angelehnt und demnach stark von diesem geprägt. Dieser Auffassung nach ist es sowohl die Rolle der Frau als auch die des Mannes, sich der christlichen Ordnung unterzuordnen. Die Frau wurde in den Texten der christlichen Religion oft als ein „Mängelwesen, minder befähigt an Kraft des Körpers und des Geistes, oft auch sündig, unrein oder wollüstig“34 abgebildet. Aus diesem Grund wurde die Frau im Mittelalter der sündhaften Begierde beschuldigt.

Dieses christlich geprägte Bild des weiblichen Geschlechts formte das mediävale Menschenbild. Den biblischen Schriften zufolge muss sich die Frau dem Mann unterordnen: „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn (Christus); denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist“ (Eph 5, 22-24).35 Daraus entstand das asymmetrische Geschlechterverhältnis des Mittelalters. Die im Mittelalter bestehende Dienstfunktion der Frau lässt sich ebenfalls aus der christlichen Ordnung ableiten, da diese die Frau zur Hilfe des Mannes verpflichtet: „Dann sprach Gott, der Herr: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht“ (Gen 2, 18-23). Was jenseits der biblischen Verordnung für die marginale Rolle der Frau sorgte, war sowohl ihre körperliche als auch ihre vermeintliche mentale und moralische Unterlegenheit dem Mann gegenüber. Er galt als Oberhaupt der Familie und musste die Funktion des Vormunds der Frau übernehmen. Demnach besaß er die alleinige Entscheidungs- und Herrschaftsgewalt über seine Frau.

All diese Aspekte führten dazu, dass die Frauen vom öffentlichen Leben ausgeschlossen wurden und ihr Leben sich auf die Lebenswelt des Hofes beschränkte. Ihnen war weder das Bekleiden von Ämtern noch das Erlernen eines Berufes erlaubt. In herrschaftliche oder wirtschaftliche Angelegenheiten wurden sie ebenfalls nicht eingebunden. Diese Tätigkeitsbereiche waren ausschließlich mit Männern besetzt. Die einzige Wertschätzung der Frau bestand in ihrer biologischen Funktion Kinder zu gebären, um die Erbfolge zu sichern.

Daraus lässt sich schließen, dass ein abwertendes Bild der Frau im Mittelalter herrschte und sie von ihrem Mann unterdrückt wurde. Von Gleichberechtigung kann ebenfalls nicht die Rede sein. Demzufolge handelt es sich bei der Geschlechterrolle, wie sie in höfischen Dichtungen dargestellt wurde, um ein realitätsfremdes Ideal. Diese Tatsache offenbart, dass die Frauenverehrung nur ein literarisches Konstrukt ist.

3. Paarkonstellationen im Nibelungenlied

Im weiteren Verlauf der Arbeit werden die Paarkonstellationen Siegfried-Kriemhild und Gunther-Brünhild einer näheren Analyse unterzogen. Im Fokus der Untersuchung stehen zum einen die bestehenden Minne-Verhältnisse im Nibelungenlied, bei welchen analysiert wird, ob sie den Minnekonzepten der historischen Wirklichkeit oder dem der höfischen Literatur entsprechen. Zudem wird vor dem Hintergrund der mittelalterlichen und der höfischen Geschlechterkonzepte die Rollenkonfiguration in dem Buchepos thematisiert. Dabei stellt vor allem der ‚Minneaffekt‘ Siegfrieds und Kriemhilds ein wichtiges Ereignis für die Handlung des Nibelungenlieds dar. Es kann behauptet werden, dass die ganze Handlung des mittelalterlichen Epos durch die Minne Siegfrieds zu Kriemhild ausgelöst wurde. Jedoch ist auch die Paarkonstellation Gunther-Brünhild von großem Interesse, sowohl für die Handlung als auch für die gegenwärtige Forschung, da vor allem diese Partnerschaft einen Gegenentwurf zur typischen Geschlechterordnung und Minnevorstellung bietet.

3.1 Paarkonstellation Siegfried-Kriemhild

3.1.1 Siegfrieds und Kriemhilds Minne-Verhältnis

3.1.1.1 Siegfrieds Entstehung der Minne

Siegfrieds Minne wird durch die Fernliebe entfacht, die in der höfischen Dichtung ein typisches Element darstellt. Seinen Werbungsentschluss fasst er, als er von der „unmâzen schoene“(43,1) Kriemhilds, ihrer Tugendhaftigkeit und ihrer „hôchgemüete“(43,2) erfährt. Diese Qualitäten Kriemhilds euphorisieren Siegfried solchermaßen, dass er nur noch sie im Kopf hat. Als ihm berichtet wird, dass alle bisherigen Werbungen um die Königstochter erfolglos waren, spornt ihn das in seinem Vorhaben nur noch mehr an. Er ist der Meinung, er sei wegen seiner Herrschertauglichkeit sehr wohl in der Lage, Kriemhild für sich zu gewinnen. Kriemhilds Tugenden erwecken Gedanken an die hôhe minne 36 in ihm (NL 45,1). Einzig Kriemhilds Schönheit und Tugend ist für Siegfrieds Herrschertauglichkeit die angemessene Ergänzung.37 Obwohl er nicht mal die Gelegenheit hatte, Kriemhild zu sehen, auch nicht, als er ein Jahr lang am Wormser Hof war, bleibt seine Minne zu ihr bestehen. Er verrichtet Dienste für die Burgunden, indem er zum Beispiel im Sachsenkrieg kämpft oder Gunther bei seiner Werbung hilft. Sowohl sein Aufenthalt am Wormser Hof als auch seine Minnedienste bekräftigen seine subjektive Minne für Kriemhild.

Dennoch besteht Uneinigkeit in der Forschung über den Grund für die Entstehung der Minne Siegfrieds. Laut Grenzler beruht diese nicht auf einer subjektiven, sondern auf einer objektiven Entscheidung, da die Minne durch ständische Angemessenheit begründet ist.38 Dagegen legt sich Achauer auf eine subjektiv motivierte Bindung fest.39 Dies begründet er vor allem mit dem Gespräch Siegmunds und Siegfrieds, als Siegfried seinem Vater vermittelt, „â edeler frouwen minne wold [er] immer sîn, / [er] enwurbe, dar [sein] herze vil grôze liebe hât“(NL 50, 2-3). Bevor er sie überhaupt gesehen hat, ist er davon überzeugt, dass sie die Richtige und Einzige für ihn ist (NL 52). Dass er darauf drängt, eine Minnebeziehung zu Kriemhild einzugehen, zeugt ebenfalls von seinen ehrlichen Intentionen bezüglich der Eheschließung. Daraus ergibt sich, dass Siegfried Kriemhild als individuelle Person wahrnimmt und deshalb nach ihr strebt.

Somit ist schlusszufolgern, dass zwar die Kenntnis über Kriemhilds Herrinnentauglichkeit, die ihm von anderen vermittelt wurde, den ‚Minneaffekt‘ Siegfrieds ausgelöst hat, Siegfrieds Minne aber vor allem auf einer subjektiv motivierten Bindung basiert. Seine Minnedienste und die Tatsache, dass keine andere als Kriemhild für ihn in Frage kommt, bestätigen, dass Siegfried sie nicht nur als Objekt seiner sinnlichen Begierde betrachtet. Er liebt sie vor allem wegen dem subjektiven Wert, den sie für ihn hat. Obwohl Siegfried König ist, sucht er, anders als Gunther, nicht nach einer Vollendung als Herrscher, sondern nach einer Vollendung als Mensch.40 An dieser Stelle kann bereits von einer höfischen Minne die Rede sein, denn die Entstehung seiner Liebe und die Motivation dahinter entsprechen dem höfischen Minneideal.

[...]


1 Das Nibelungenlied. Mhd./Nhd. Nach der Handschrift B. Hrsg. von Ursula Schulze. Ins Nhd. übers. und komm. von Siegfried Große. Stuttgart 2010. (Reclam Bibliothek.)

2 Ein Gesellschaftsmodell charakterisiert eine Gesellschaft samt seinen Wandlungsprozessen. Die Darlegung einer Analyse der sozialen Verhaltensweisen einer Gemeinschaft und seine Struktur bilden ein Gesellschaftsmodell. Die vorliegende Arbeit bedient sich diesem Begriff im Kontext einer Untersuchung der nibelungischen Paarbeziehungen und der ihnen zugeschriebenen Rollenbilder.

3 Vgl. Miedema, Nine R.: Einführung in das Nibelungenlied. Darmstadt 2011. S. 7.

4 Vgl. Miedema, 2011, S. 8.

5 Achauer, Heinz: Minne im Nibelungenlied. Diss. München 1967.

6 Rollnik-Manke, Tatjana: Personenkonstellationen in mittelhochdeutschen Epen. Untersuchungen zum Nibelungenlied, zur Kudrun und zu den historischen Dietrich-Epen. Frankfurt a.M. 2000.

7 Grenzler, Thomas: Erotisierte Politik - politisierte Erotik? Die politisch-ständische Begründung der Ehe-Minne in Wolframs „Willehalm“, im „Nibelungenlied“ und in der „Kudrun“. Göppingen 1992.

8 Freche, Katharina: „Von zweier vrouwen bâgen wart vil manic helt verlorn“. Untersuchungen zur Geschlechterkonstruktion in der mittelalterlichen Nibelungendichtung. Trier 1999.

9 Schulze, Ursula: Das Nibelungenlied. Stuttgart, 2013.

10 Vgl. Sieburg, Heinz: Literatur des Mittelalters. Berlin 2010, S. 139.

11 Vgl. Freche 1999, S. 5.

12 Vgl. Miedema 2011, S. 21.

13 Schulze 2013 , S. 104.

14 Mittlerweile sind auch andere Geschlechter anerkannt: das dritte Geschlecht (divers) oder auch das vierte Geschlecht (kein Geschlecht).

15 Vgl. Thomas Laqueur: Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud. Frankfurt am Main 1992, zitiert nach Sieburg 2016, S.329.

16 Sieburg 2010, S. 179.

17 Vgl. Achauer 1967, S. 32.

18 Diese Art lässt sich bei der Entstehung der Minne zwischen Giselher und Rüdigers Tochter beobachten. Da diese Paarbeziehung kein Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist, wird dieser Aspekt im weiteren Verlauf der Arbeit nicht weiter diskutiert.

19 Sieburg 2010, S. 180.

20 Vgl. Achauer 1967, S. 39.

21 Vgl. Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 12. Aufl. München 2008, S. 515.

22 Bumke 2008, S. 525.

23 Eine Gesellschaftsutopie meint eine fiktive Gesellschaftsordnung, bei welcher die Gemeinschaft gemäß einer Idealvorstellung agiert und ein Idealzustand angestrebt wird.

24 Vgl. Bumke 2008, S. 528.

25 Grenzler 1992, S. 19.

26 Vgl. Achauer 1967, S. 40.

27 Bumke 2008, S. 452.

28 Sieburg 2010, S. 184.

29 Bumke 2008, S. 453.

30 Bumke 2008, S. 458.

31 Nolte, Cordula: Frauen und Männer in der Gesellschaft des Mittelalters. Darmstadt 2013, S. 51.

32 Bumke 2008, S. 535.

33 Brandt, Marten: Gesellschaftsthematik und ihre Darstellung im Nibelungenlied und seinen hochmittelalterlichen Adaptionen. In: Europäische Hochschulschriften, Reihe I, Deutsche Literatur und Germanistik, Bd./Vol. 1643. Frankfurt a.M. 1997, S.160.

34 Sieburg, Heinz: Zwischen Konsolidierung und Transgression. Aspekte der Geschlechterbeziehung in der mittelhochdeutschen Literatur. In: Thomas Ernst/Georg Mein (Hg.): Literatur als Interdiskurs. Realismus und Normalismus. Interkulturalität und Intermedialität von der Moderne bis zur Gegenwart. Eine Festschrift für Rolf Parr zum 60. Geburtstag. München 2016, S.329S. 333.

35 Bibel, zitiert nach Sieburg 2016, S. 330.

36 In diesem Kontext kommt der hôhen minne die Bedeutung der stoete minne (beständige Liebe) zu und nicht die minnesängliche Bedeutung der entsagenden Liebe.

37 Vgl. Grenzler 1992, 146.

38 Vgl. Grenzler 1992, S.173.

39 Vgl. Achauer 1967, S.95.

40 Vgl. Achauer 1967, S. 118.

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Paarkonstellationen im Nibelungenlied
Untertitel
Siegfried - Kriemhild und Gunther - Brünhild im Vergleich
Hochschule
Université du Luxembourg
Note
1.2
Autor
Jahr
2020
Seiten
55
Katalognummer
V918194
ISBN (eBook)
9783346232144
ISBN (Buch)
9783346232151
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Paare, Paarkonstellation, Personenkonstellation, Beziehungen, Paarbeziehungen, Siegfried, Kriemhild, Gunther, Brünhild, Liebespaare, Ehe, Konstellationen, NIbelungenlied, Paarkonstellationen, Paarkonstellationen im Nibelungenlied, Liebe, Ehe im Nibelungenlied, Personen, Nibelungen, Kriemhild und Brünhild, Siegfried und Gunther, Personenkonstellationen, Gunthers Ambivalenz, Brünhild als Amazone, Paare im Nibelungenlied
Arbeit zitieren
Alma Ajdarpasic (Autor), 2020, Paarkonstellationen im Nibelungenlied, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/918194

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