Wie die Soziale Arbeit Schulkinder bei der Traumabewältigung unterstützen kann. Welche Kompetenzen und Ressourcen braucht die Pädagogik?


Fachbuch, 2021

70 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Trauma
2.1 Definition und Entstehung
2.2 Traumafolgestörungen

3 Traumatisierung im Kindesalter
3.1 Risikofaktoren für Traumatisierung im Kindesalter
3.2 Symptomatische Folgen und Auswirkungen von Traumatisierung auf Kinder
3.3 Zwischenfazit zu kindlicher Traumatisierung und Einordnung in das aktuelle Verständnis von Traumata

4 Soziale Arbeit und Trauma: Pädagogischer Umgang und Behandlungsmöglichkeiten am Beispiel der stationären Kinder- und Jugendhilfe
4.1 Trauma: Ein Thema der Sozialen Arbeit
4.2 Die Trennung aus der traumatisierenden Umgebung
4.3 Resilienz und Ressourcen bei traumatisierten Kindern
4.4 Lebensweltorientierung in der Arbeit mit traumatisierten Kindern
4.5 Entwicklungsaufgaben der Kinder (nach Havighurst)
4.6 Geschlechtsspezifische Unterschiede und Besonderheiten
4.7 Praktische Arbeit mit traumatisierten Kindern in stationären Einrichtungen

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

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Impressum:

Copyright © Social Plus 2020

Ein Imprint der GRIN Publishing GmbH, München

Druck und Bindung: Books on Demand GmbH, Norderstedt, Germany

Covergestaltung: GRIN Publishing GmbH

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 (erstellt basierend auf Grossmann 2012, S. 15-20)

Abbildung 2 ( Scheithauer o. J.)

Abbildung 3 (Malter/Nabert 2007)

1 Einleitung

„Nichts ist so entsetzlich wie der Zusammenstoß zwischen roher Gewalt und kindlicher Hilflosigkeit.“ (Rita Bockelmann, o. J.)

Die Kindheit wird in der Gesellschaft häufig mit Unbeschwertheit und Sorglosigkeit assoziiert. „Es gibt kein Gut, es gibt kein Böse. Es gibt kein Schwarz, es gibt kein Weiß. Es gibt Zahnlücken; statt zu unterdrücken, gibt’s Erdbeereis auf Lebenszeit“. Herbert Grönemeyer beschreibt in seinem Lied „Kinder an die Macht“ dieses unbekümmerte Wesen, welches in der Öffentlichkeit häufig als charakteristisch für das kindliche Gemüt verstanden wird.

Damit die Kindheit so wie beschrieben stattfinden kann, müssen die großen Sorgen des Lebens von ihnen ferngehalten werden. Kinder haben ihre eigenen Entwicklungsaufgaben zu bestehen und sollten diesen in Sicherheit und Geborgenheit nachgehen können. Dabei sind sie in ihrer Hilf- und Wehrlosigkeit auf die Fürsorge und Unterstützung ihrer Umgebung angewiesen, welche ihnen Schutz sowie die Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse gewährt. Wenn diese Umgebung nicht oder nur in einer einschränkenden oder gar destruktiven Natur vorhanden ist, kann es zu schweren pathologischen Folgen kommen.

Viele Kinder, die unter unzureichenden Bedingungen aufwachsen, können ihren Entwicklungsaufgaben nicht vollständig nachgehen und erleiden möglicherweise eine Traumatisierung. Sie benötigen intensive Betreuung und Unterstützung, um die Möglichkeit zu bekommen, die Erlebnisse aufzuarbeiten und ihre Versäumnisse nachholen zu können. Die Aufgabe der Pädagogik ist es, sie dabei zu unterstützen.

In den letzten Jahren haben die Erforschung und somit auch die Erkenntnisse bezüglich Traumatisierung stark zugenommen (vgl. Weiß 2016, S. 26). Durch die stetig zunehmende Fülle an Informationen wird immer mehr über die Hintergründe und die Symptomatik dieses Störungsbildes bekannt. Obwohl die Trauma-Forschung thematisch eher dem psychologischen bzw. medizinischen Bereich zugeordnet wird, ergeben sich mit den gewonnenen Erkenntnissen aber auch wertvolle Möglichkeiten und Chancen für die Pädagogik, den Betroffenen entsprechend zu begegnen. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie die Unterstützung und Begleitung von traumatisierten Mädchen und Jungen im Alter von sechs bis zwölf Jahren, basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, am besten umgesetzt werden sollte. Es wird untersucht, was Kindern widerfahren kann und welche potenziellen Folgen sich daraus ergeben. Traumatisierte Kinder bringen häufig multiple und komplexe Problemlagen mit sich, welche in der Regel bestimmte Verhaltensweisen nach sich ziehen. Diese Arbeit soll aufzeigen, wie diese Verhaltensweisen am besten aufgefangen werden können und wie mit ihnen umzugehen ist. Hierfür ist es wichtig zu betrachten, was Kinder in diesen Situationen brauchen und was vermieden werden sollte. Darüber hinaus sind die Rahmenbedingungen zu klären, die für die Arbeit mit traumatisierten Kindern gegeben sein sollten. Es wird sich außerdem der Frage gewidmet, welche Eigenschaften und Kompetenzen Pädagog*innen in diesem Arbeitsfeld mit sich bringen sollten, um den Kindern eine bestmögliche Betreuung zu bieten.

2 Trauma

Um die unterschiedlichen Auswirkungen von traumatischen Erlebnissen auf Kinder - sowie den entsprechenden Umgang mit ihnen - angemessen untersuchen zu können, beschäftigt sich diese Arbeit zunächst mit der Thematik „Trauma“ im Allgemeinen. Im Zuge dessen wird der Begriff definiert und die Entstehung sowie die Folgen der Erkrankung genauer betrachtet. Die so gewonnenen Erkenntnisse bezüglich des Störungsbilds werden es ermöglichen, dessen Auswirkungen und Besonderheiten in Bezug auf Kinder der o.g. Altersgruppe verstehen zu können.

2.1 Definition und Entstehung

Das Wort „Trauma“ leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet „Verletzung“ oder „Wunde“ (vgl. Hüllemann 2019, S. 11). In der Medizin wird der Begriff „Traumatologie“ schon sehr lange im Zusammenhang mit abrupten körperlichen Verletzungen verwendet und steht dort für die Unfallheilkunde. Als Bezeichnung für besonders einschneidende Erlebnisse und starke psychische Belastungen wurde der Begriff erst deutlich später etabliert. In den 1880er Jahren verwendete der deutschsprachige Arzt Hermann Oppenheim bei seinen Untersuchungen zu den psychischen Folgen von lebensbedrohlichen Unfällen erstmals den Begriff „Trauma“ in Zusammenhang mit der menschlichen Psyche. Daraufhin setzte sich der Trauma-Begriff für die Bezeichnung der Folgen psychischer Bedrohungserlebnisse nach und nach gegen andere Formulierungen und Vorstellungen durch1 (vgl. Maercker 2017, S. 11).

Die Erkenntnisse über psychische Traumata entwickelten sich kontinuierlich weiter und so auch das Verständnis, wie dieses Störungsbild zu definieren sei. Anfang des 20. Jh. beschreibt Sigmund Freud das Trauma als „ein Erlebnis, welches dem Seelenleben innerhalb kurzer Zeit einen so starken Reizzuwachs bringt, dass die Erledigung oder Aufarbeitung derselben in normal-gewohnter Weise missglückt, woraus dauernde Störungen im Energiebetrieb resultieren müssen“ (Freud 1917, zit. n. Weiß 2016, S.25). Ein Trauma wurde dort also als das Ergebnis eines kurzzeitigen belastenden Ereignisses verstanden, das die gewohnten Verarbeitungsmechanismen des menschlichen Körpers überfordert.

Um die Hintergründe der Entstehung von Traumata genauer erfassen zu können, ist dementsprechend eine Betrachtung der Systeme notwendig, mit welchen sich der Mensch in sehr stressigen, bedrohlichen oder belastenden Situationen zu helfen versucht. Hierzu folgt ein kurzer aufgrund des Schwerpunkts dieser Arbeit einfach gehaltener Blick auf die neurobiologischen Abläufe in entsprechenden Umständen.

In einer für den Menschen bedrohlich wirkenden Situation wird zunächst das Kampf-Flucht-System (eng. flight or fight) aktiviert, das den Körper unmittelbar in Handlungsbereitschaft versetzt. Hier sind hauptsächlich der Hirnstamm, der die lebensnotwendigen Systeme des menschlichen Körpers steuert, sowie das limbische System, welches u. a. für die Bewertung von Situationen und Einschätzungen von Gefahren zuständig ist, beteiligt. In einer als gefährlich eingestuften Situation werden die Überlebensinstinkte des Menschen aktiviert und es kommt zu automatischen Reaktionen, in die das Bewusstsein nur bedingt eingreifen kann. Ein bewusstes Nachdenken über die entsprechende Handlung würde die Reaktionszeit deutlich verlangsamen und so eine potenziell lebensrettende Tat unter Umständen nicht rechtzeitig geschehen lassen. Das Kampf-Flucht-System macht den Menschen aufmerksam und versetzt ihn in die Lage, blitzschnell zu reagieren, um ggf. zu kämpfen oder zu fliehen.

Ist weder Kampf noch Flucht möglich oder kann die entsprechende Situation durch keine der beiden Optionen bewältigt werden, setzt das Bindungssystem ein. Die eigene Ohnmacht und Hilflosigkeit werden erkannt und gegenüber dem Umfeld deutlich gemacht. Durch eine demütige Haltung, z. B. Flehen oder Zittern, sollen bei Feinden Mitgefühl und Hemmungen und bei Freunden Hilfsbereitschaft ausgelöst werden. Aktiviert wird das Bindungssystem durch die Ausschüttung des Hormons Oxytocin, welches die Aktivität der Amygdala und somit das Kampf-Flucht-Verhalten mindert.

Wird dem Menschen keine Hilfe zuteil und können auch die Gegner durch das Einsetzen des Bindungssystems nicht abgeschreckt werden, setzt im dritten Schritt die Erstarrung (Todesreflex) ein. Es handelt sich hierbei um eine sehr alte unbewusste Schutzreaktion und konnte früher z. B. vor Raubtierangriffen schützen, da ein als tot geglaubter Gegner nicht weiter angegriffen wurde. Des Weiteren wird nicht nur der Körper, sondern auch der Verstand und die Psyche des Menschen geschützt. Häufig setzt hier Dissoziation2 ein und die äußeren Reize und Wahrnehmungen werden überwiegend abgeschirmt. Da der Mensch im Kampf-Flucht-System nicht die Möglichkeit hatte, körperlich zu fliehen, erfolgt hier eine alternative geistige Flucht in das Innere. Hier spielt das limbische System eine entscheidende Rolle, indem es das vegetative Nervensystem herunterfährt und die psychobiologischen Aktivitäten stark einschränkt. Zusätzlich werden körpereigene Opiate ausgeschüttet, welche schmerzlindernd und betäubend wirken.

Nach dem vorstehend Beschriebenen handelt es sich um ein traumatisches Erlebnis, wenn in einer Situation das Erstarrungssystem ausgelöst wurde (vgl. Baierl 2015a, S. 27-29).

Diese neurobiologischen Abläufe lassen sich sehr gut mit der Definition von Freud in Verbindung bringen und zeigen, wie bedrohliche einmalige Situationen das Verarbeitungssystem des Menschen überfordern und zu einer ernstzunehmenden Störung führen können. Allerdings hat sich durch die stetige Forschung der letzten Jahrzehnte das Verständnis von Traumata deutlich weiterentwickelt, sodass in den neueren Veröffentlichungen Definitionen formuliert werden, welche über das o. g. Verständnis hinausgehen. Brigitte Hüllemann definiert Trauma als Folge einer Situation oder einer Serie schrecklicher Ereignisse, welche für Betroffene bedrohlich und überwältigend wirken (vgl. Hüllemann 2019, S. 11). Andreas Maercker nennt die Unterscheidung zwischen zwei Typen von Traumata: Das Typ-I Trauma wird als Ergebnis eines eingegrenzten einmaligen Erlebnisses der Todesbedrohung oder sexuellen Gewalterfahrung definiert. Das Typ-II Trauma beschreibt das Trauma als Folge eines Ereignisses über einen längeren Zeitraum oder mehrerer wiederkehrender Erlebnisse (vgl. Maercker 2017, S. 12). Bei Martin Baierl wird zusätzlich zu der klassischen Trauma-Definition auch die neuere Definition eines Bindungstraumas, welches sich aus längeren, wiederholten, erfolglosen Bindungsversuchen ergeben kann, beschrieben (vgl. Baierl 2015a, S. 28). All diese Ausführungen haben gemein, dass sie zusätzlich zu einer einmaligen belastenden Situation auch ein wiederkehrendes Ereignis oder einen länger anhaltenden Prozess als mögliche Trauma-Ursache mit einbeziehen. Diese Erkenntnis ist für die Betrachtung kindlicher Traumata elementar, da Erfahrungen über einen längeren Zeitraum, wie z. B. körperlicher Missbrauch, häusliche Gewalt oder Vernachlässigung, zu den häufigsten Ursachen im Kindesalter zählen3.

Die Betrachtung der Entwicklung des Trauma-Verständnisses der letzten Jahrzehnte zeigt, welche enormen Fortschritte hier gemacht wurden, sodass die beeinträchtigenden Auswirkungen psychischer Traumata heute nicht mehr in Frage gestellt werden (vgl. Weiß 2016, S. 25).

2.2 Traumafolgestörungen

Traumatische Erlebnisse bringen für die Betroffenen Folgen mit sich. Wie diese Folgen aussehen und wie sehr sie das zukünftige Leben der Menschen bestimmen können, hängt von vielen verschiedenen individuellen Faktoren ab, welche im Verlauf dieser Arbeit noch ausführlich dargestellt werden. Im Folgenden wird ein Modell eines natürlichen Trauma-Verlaufs sowie die Störungsbilder der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)4 und der komplexen Posttraumatischen Belastungsstörungen erläutert. Dies ist hilfreich, um die Grundsätze der traumatischen Folgeschäden zu verstehen und darauf basierend die Besonderheiten und Unterschiede der kindlichen Traumatisierung sowie die daraus resultierenden speziellen Merkmale im Umgang mit ihnen nachvollziehen zu können. Allerdings zieht ein traumatisches Ereignis nicht immer eine PTBS oder komplexe PTBS nach sich und es ist nur eine Minderheit von Menschen nach einer Traumatisierung von ihnen betroffen (vgl. Maercker 2017, S. 20; Hüllemann 2019, S. 11). Bei diesen Phänomenen handelt es sich aber um die häufigsten Folgeschädigungen von Traumata, welche dementsprechend auch in der Literatur am präsentesten sind. Auf die Betrachtung anderer möglicher Traumafolgeschäden wird aufgrund des verhältnismäßig selteneren Vorkommens sowie der geringeren Relevanz für den Schwerpunkt der Arbeit verzichtet.

2.2.1 Verlauf einer traumatischen Reaktion (nach Fischer u. Riedesser 2009)

Gottfried Fischer und Peter Riedesser (2009) sprechen von einem Trauma-Verlauf in drei Phasen, welchen die Ärztin und Traumatherapeutin Brigitte Hüllemann als Modell eines „natürlichen Trauma-Verlaufes“ aufgreift:

Schockphase (Dauer: eine Stunde bis zu einer Woche)

Die Betroffenen können das Geschehene oft noch nicht realisieren und verleugnen häufig die Ereignisse sowie die negativen Gefühle der Bedrohung oder der Angst. Charakteristisch für diese Phase sind ein Gefühl von Unbeweglichkeit und Veränderungen des Zeiterlebens. Betroffene erleben Geschehnisse in Zeitlupe oder im Zeitraffer und blenden möglicherweise viele Aspekte in ihrer Wahrnehmung aus, sodass ein Tunnelblick entsteht. Menschen in dieser Phase sind oft verwirrt, haben ein getrübtes Erinnerungsvermögen und eventuell Orientierungsschwierigkeiten. Kennzeichen des Schockzustandes sind in der Regel eine bleiche Hautfarbe, schneller Atem oder ein benommener Blick.

Einwirkungsphase (Dauer: bis zu zwei Wochen)

In dieser Phase treten oft Ärger und Selbstzweifel auf, häufig auch Depressionen sowie Gefühle von Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht. Eigene Fehler werden angeklagt, und die Gedanken sind geprägt von Negativität. Mögliche Symptome in dieser Zeit sind Einschlafstörungen, Übererregbarkeit, Überwachheit, erhöhte Schreckhaftigkeit, Gedächtnisstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Albträume und Flashbacks5. Diese Symptome, welche dem Erscheinungsbild einer PTBS ähneln, sind in einem „natürlichen Trauma-Verlauf“ allerdings normal und vorübergehend.

Erholungsphase (Dauer: zwei bis vier Wochen):

In der Erholungsphase kehren Betroffene aus den beschriebenen Mustern zurück. Die Symptome klingen ab und das Interesse an dem gewohnten Leben vor dem Ereignis kehrt zurück. Die Gedanken und Zukunftspläne der Menschen werden wieder positiver und Energien werden frei. In dieser Phase ist Unterstützung für die Betroffenen wichtig. Ruhe, Entspannung und die Entfernung aus der traumatischen Umgebung sind bedeutsame Faktoren, um eine Konfrontation mit Stressoren und dem traumatischen Erlebnis zu vermeiden. Gespräche mit außenstehenden, vertrauenswürdigen Personen sowie anderen Betroffenen können dabei helfen, den Weg zurück in den gewohnten Alltag zu vereinfachen (vgl. Fischer/Riedesser 2009 S. 170; Hüllemann 2019, S.12-13).

2.2.2 Posttraumatische Belastungsstörung

Wie im vorherigen Unterkapitel beschrieben, sind die Symptome einer PTBS ähnlich derer, die in der Einwirkungsphase auftreten können. Sollte in der Zeit nach der Einwirkungsphase keine Erholung in Form von Rückgewinnung positiver Lebenseinstellung und dem Wunsch nach dem gewohnten Alltag folgen, nimmt die Reaktion auf das traumatisierende Ereignis nicht den beschriebenen natürlichen Verlauf. Sollten die Symptome über längere Zeit bestehen bleiben und die Betroffenen in einem Zustand panischer Erregung verharren, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eine PTBS vorliegt (vgl. Hüllemann 2019, S. 13).

Die PTBS ist in der einschlägigen Literatur überaus präsent und wird als offizielles Störungsbild international anerkannt. Im ICD-106 wird sie u. a. folgendermaßen definiert: „[Eine] Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde.“ (WHO 2019a: ICD-10, F43.1).

Die hier aufgeführten Symptome der PTBS decken sich mit denjenigen der bereits erwähnten Einwirkungsphase. Zusätzlich wird hier noch eine hohe Suizidalität als wichtiges Merkmal aufgeführt (vgl. WHO 2019a: ICD-10, F43.1).

Menschen mit einer PTBS schaffen es nicht, ihre traumatische Erfahrung hinter sich zu lassen. Sie werden durch Flashbacks in Form von Bildern, Geräuschen oder anderen Eindrücken- sowohl im schlafenden als auch im wachen Zustand - immer wieder an die Ereignisse erinnert. Die Menschen sind in diesen Momenten nicht in der Lage, diese Eindrücke als Vergangenes zu erkennen und haben das Gefühl, das traumatische Erlebnis immer wieder zu durchleben. Diese Flashbacks werden häufig durch sogenannte Trigger ausgelöst. Hierbei handelt es sich um gewisse Reize z. B. in Form von Geräuschen, Gerüchen oder optischen Bildern wie Farben oder Uniformen. Diese Reize können bewusst oder unbewusst wahrgenommen werden und so ein entsprechendes Flashback auslösen (vgl. Maercker 2017, S. 21-22). Damit können die Betroffenen keinen für die Erholung wichtigen Abstand zu dem Ereignis gewinnen und ihren symptomatischen Verhaltensmustern nicht entfliehen.

2.2.3 Komplexe posttraumatische Belastungsstörung

Bei der komplexen PTBS handelt es sich um eine neuere Klassifizierung mit dem Versuch, eine Diagnosekategorie zu definieren, welche die Symptome einschließt, die über die „reine“ PTBS hinausgehen. Aktuell wird die komplexe PTBS weder im ICD-10 noch im DSM-57 als eigenständiges Störungsbild aufgeführt (vgl. Reddeman/Wöller 2017, S. 5-6). In der neuen elften Auflage des ICD, welche im Mai dieses Jahres verabschiedet wurde und am 1. Januar 2022 in Kraft treten soll, wird das Störungsbild eigenständig aufgeführt und folgendermaßen definiert (vgl. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information o. J.):

„Complex post-traumatic stress disorder (Complex PTSD) is a disorder that may develop following exposure to an event or series of events of an extremely threatening or horrific nature, most commonly prolonged or repetitive events from which escape is difficult or impossible (e.g., torture, slavery, genocide campaigns, prolonged domestic violence, repeated childhood sexual or physical abuse). All diagnostic requirements for PTSD are met. In addition, Complex PTSD is characterized by severe and persistent 1) problems in affect regulation; 2) beliefs about oneself as diminished, defeated or worthless, accompanied by feelings of shame, guilt or failure related to the traumatic event; and 3) difficulties in sustaining relationships and in feeling close to others. These symptoms cause significant impairment in personal, family, social, educational, occupational or other important areas of functioning.“ (WHO 2019b: ICD-11, 6B41).

Diese Definition sagt also, dass alle bisher erkannten Symptome der PTBS zutreffen und zusätzlich zu ihnen noch weitere Anzeichen hinzukommen, welche über die der PTBS im herkömmlichen Sinn hinausgehen. Als zusätzliche Symptome der komplexen PTBS werden ein negatives Selbstbild, die Schwierigkeit, seine Erregungen zu regulieren sowie Probleme, eine Beziehung aufrecht zu erhalten und sich anderen Menschen nahe zu fühlen, genannt. Zusätzlich werden Betroffene einer komplexen PTBS von Gefühlen des Schams, der Schuld oder des Versagens begleitet. Ein herausstechendes Charakteristikum dieses Störungsbilds wäre demnach, dass sich Betroffene selbst die Schuld für das geben, was ihnen widerfahren ist und sich dafür verantwortlich fühlen. Die in dieser Definition aufgeführten Symptome decken sich mit den Ausführungen von Luise Reddemann und Wolfgang Wöller, nach welchen es sich dann um eine komplexe PTBS handelt, wenn zusätzlich zu den herkömmlichen PTBS- Anzeichen mindestens jeweils ein Symptom aus den Bereichen (a) Affekt, (b) negatives Selbstbild und (c) interpersonelle Probleme auftritt (vgl. Reddeman/Wöller 2017, S. 8). Die genannten Symptome führen laut aufgeführter ICD-11 Definition zu erheblichen Beeinträchtigungen in wichtigen Funktionsbereichen des Lebens wie z. B. dem sozialen und familiären Umfeld, der Persönlichkeitsentwicklung oder der Bildung.

Aus der ICD-11 Definition lässt sich eine weitere für diese Arbeit hochrelevante Besonderheit ablesen. Im Gegensatz zu dem Verlauf einer traumatischen Reaktion im Drei-Phasen-Modell nach Fischer und Riedesser und der PTBS liegt hier der Fokus nicht auf den psychischen Reaktionsmustern von Betroffenen auf eine einmalige belastende Situation. Bei der komplexen Traumatisierung werden besonders die Kumulation und Dauerhaftigkeit der belastenden Situationen als häufigste Ursache genannt. Diese Unterscheidung lässt sich nicht nur aus der ICD ablesen, sondern u. a. auch bei Andreas Maercker (2017, S. 27) oder Luise Reddemann und Wolfgang Wöller (2017, S. 5) wiederfinden.

3 Traumatisierung im Kindesalter

Dieser Arbeit wurde die Frage vorangestellt, wie mit den durch eine Traumatisierung verursachten Verhaltensweisen von Kindern am geeignetsten umzugehen ist. Um dies beantworten zu können, ist es wichtig zu betrachten, was den Kindern widerfahren ist, damit sich diese Verhaltensweisen ergeben. Hierzu werden im Folgenden die häufigsten spezifischen Ursachen kindlicher Traumatisierung aufgeführt, um im Anschluss kindesspezifische Symptome zu formulieren und diese mit den bereits beschriebenen erforschten Störungsbildern in Verbindung zu setzen. Orientiert wird sich hierbei an den Ausführungen der Sozialpädagogin Wilma Weiß (2016).

3.1 Risikofaktoren für Traumatisierung im Kindesalter

Während sich die herkömmlichen definierten Ursachen der Traumatisierung sowie der PTBS hauptsächlich aus einer einmaligen belastenden Situation ergeben, die sich überwiegend bei Erwachsenen finden lässt, unterscheiden sich die Ursachen kindlicher Traumatisierung oft deutlich. Wie beschrieben wird eine Traumatisierung bei Kindern insbesondere durch kontinuierlich anhaltende, kumulative Ereignisse ausgelöst. Wilma Weiß nennt eine Reihe an Risikofaktoren, welche zwar nicht zwangsläufig eine Traumatisierung hervorrufen, allerdings stark zu ihr beitragen können (vgl. Weiß 2016, S.28).

3.1.1 Die Vernachlässigung

Bei der Vernachlässigung handelt es sich um die häufigste Form der Kindesmisshandlung. Von Vernachlässigung wird gesprochen, wenn „…über längere Zeit bestimmte Versorgungsleistungen materieller, emotionaler und kognitiver Art ausbleiben…“ (Schone u. a. 1997, zit. n. Weiß 2016, S. 28). Laut einer Studie deutscher Jugendämter aus dem Jahr 2017 wiesen 60,8% aller akut oder latent gefährdeter Kinder Anzeichen einer Vernachlässigung auf (vgl. Statistisches Bundesamt 2018a).

Der amerikanische Psychologe Abraham Maslow (1978) stellt in seiner Bedürfnispyramide die wichtigsten Bedürfnisse dar, welche für die kindliche Entwicklung elementar sind. Dies umfasst sowohl die zum Überleben wichtigen physiologischen Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken, Körperkontakt und Zärtlichkeit, als auch emotionale Bedürfnisse wie Anerkennung, Wertschätzung, Zugehörigkeit und Bindung (vgl. Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung o. J.).

Vernachlässigte Kinder erhalten z. B. unzureichende Pflege und Kleidung, wenig Nahrung sowie mangelnde gesundheitliche Fürsorge in Form von ärztlicher Versorgung und Schutz vor Risiken und Gefahren. Demzufolge werden die von Maslow genannten grundlegenden kindlichen Bedürfnisse unzureichend erfüllt. Außerdem werden die Kinder nicht wahrgenommen und sie erhalten kaum Anregungen, Aufmerksamkeit und emotionale Zuwendung sowie ein unzureichendes oder ständig wechselndes Beziehungsangebot. Ihre motorischen, geistigen, emotionalen und sozialen Fähigkeiten werden nicht ausreichend gefördert. Die Signale der Kinder mit ihren Wünschen nach körperlicher und emotionaler Zuwendung bleiben unerwidert oder werden auf eine destruktive Weise, z. B. mit Schimpfen oder Bestrafung, beantwortet. Infolgedessen sind vernachlässigte Kinder in ihrer körperlichen, kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklung häufig stark beeinträchtigt (vgl. Weiß 2016, S. 28- 30).

3.1.2 Die seelische Misshandlung

Die seelische bzw. psychische Misshandlung war laut statistischem Bundesamt die zweithäufigste Form der Kindesmisshandlung im Jahr 2017. Demnach wurden bei 29,6% aller Fälle von akuter und latenter Kindeswohlgefährdung Anzeichen von psychischer Misshandlung gefunden (vgl. Statistisches Bundesamt 2018a). Sie kommt häufig als Komponente anderer Misshandlungsformen vor (wie z. B. der eben beschriebenen Vernachlässigung), kann aber auch einzeln auftreten. Unter seelische Kindesmisshandlung fallen z. B. Erniedrigung, Entwürdigung, Zurückweisung, emotionale Unerreichbarkeit, Terrorisierung oder der Gebrauch des Kindes für die Bedürfnisse eines Erwachsenen. Hierbei ist die Schwelle zu einer erheblichen Schädigung bzw. Traumatisierung dann erreicht, wenn das Gleichgewicht zwischen guter und inakzeptabler Interaktion so verschoben ist, dass die misshandelnden Aspekte charakteristisch für die Gesamtbeziehung werden (vgl. Glaser/Prior 1998, zit. n. Weiß 2016, S. 31). Glaser und Prior verweisen darauf, dass die Folgen von seelischer Misshandlung ebenso schwerwiegend für die Zukunft des Kindes sein können wie andere Formen von Misshandlung und Vernachlässigung. Auch an dieser Stelle lässt sich erneut auf die Bedürfnispyramide von Maslow verweisen, da Bedürfnisse wie die Anerkennung als wertvoller Mensch, Zärtlichkeit und Bindung bei seelischer Misshandlung nur bedingt bzw. gar nicht erfüllt werden (vgl. Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung o.J.). Hieraus lässt sich schlussfolgern, wie schwerwiegend die Folgen der seelischen Misshandlung für die Entwicklung des Kindes sein können (vgl. Weiß 2016, S. 30-31).

3.1.3 Die körperliche Misshandlung

Die körperliche Misshandlung kommt etwas seltener vor als die seelische Misshandlung. Das statistische Bundesamt legt offen, dass bei 26% aller Fälle von akuter oder latenter Kindeswohlgefährdung in Deutschland im Jahr 2017 Anzeichen für eine körperliche Misshandlung gefunden wurden (vgl. Statistisches Bundesamt 2018a). Während die Vernachlässigung - und teilweise auch die seelische Misshandlung - mit der Ignorierung kindlicher Bedürfnisse oder Willensäußerungen sowie einem Mangel an Zuwendung und Aufmerksamkeit einhergehen, ist bei der körperlichen Misshandlung das Gegenteil der Fall. Hier erhalten die Kinder Reaktionen auf ihr Verhalten; dies allerdings auf eine vollkommen unangebrachte, überstimulierende und verletzende Weise. Die Misshandlung erfolgt zudem häufig auf Äußerungen wichtiger körperlicher und seelischer Bedürfnisse der Kinder. Sie werden z. B. geschlagen, weil sie neugierig sind, etwas fragen, sich über Dinge äußern oder sich über etwas beschweren (vgl. Weiß 2016, S. 32-33).

3.1.4 Die häusliche Gewalt

Während im vorherigen Unterkapitel die Gewalt gegen das Kind als mögliche Ursache für die Entstehung von Traumata dargestellt wurde, wird hier die Gewalt der erwachsenen Bezugspersonen untereinander behandelt. Bereits das bloße Miterleben von Gewalt und Erniedrigung im häuslichen Umfeld kann bei Kindern schwerwiegende Folgen haben und Gefühle wie Ohnmacht, Hilflosigkeit und Schrecken hervorrufen. Es wird also genau das Empfinden ausgelöst, welches in Kap. 2.1 als typisch für eine traumatische Erfahrung beschrieben wird. Versuchen die Kinder, dieser Ohnmacht entgegenzuwirken und in das Geschehen einzugreifen, laufen sie Gefahr, selbst in die Gewalthandlung einbezogen zu werden. Zusätzlich zu der Gefahr für ihre eigene Person sehen sich Kinder in diesen Situationen außerdem großen Todes- und Verlustängsten gegenüber der wichtigen Bezugsperson ausgesetzt (vgl. Goldbeck 2013, S. 668). Obwohl die Kinder den Geschehnissen in der Regel hilflos ausgeliefert sind und keine erfolgversprechende Möglichkeit des Eingreifens besitzen, entsteht bei ihnen häufig das Gefühl, die Tat trotz Anwesenheit nicht verhindert zu haben und so eine Mitschuld an dem Geschehen zu tragen (vgl. Weiß 2016, S. 34).

Wie auch bei anderen Misshandlungsformen lässt sich die häusliche Gewalt auf verschiedene Ursachen zurückführen. Einer der häufigsten Gründe ist der Drogenmissbrauch. In einer Befragung des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration gaben 50-55% der von Gewalt betroffenen Frauen an, dass in der jeweiligen Situation Alkohol eine Rolle gespielt hat (vgl. Morgenroth 2010, S. 10). Es kann also davon ausgegangen werden, dass insbesondere Kinder mit einem suchterkrankten Elternteil häufig von dieser Form der Gewalt betroffen sind.

3.1.5 Die traumatische Sexualisierung

„Sexueller Missbrauch oder sexuelle Gewalt an Kindern ist jede sexuelle Handlung, die an oder vor Mädchen und Jungen gegen deren Willen vorgenommen wird oder der sie aufgrund körperlicher, seelischer, geistiger oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen können. Der Täter oder die Täterin nutzt dabei seine/ihre Macht- und Autoritätsposition aus, um eigene Bedürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen.“ (Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs 2019).

Die sexuelle Gewalt ist laut Statistischem Bundesamt die vierthäufigste Ursache für eine Kindeswohlgefährdung im Jahr 2018 (vgl. Statistisches Bundesamt, 2018b). Obwohl diese Form in Relation zu den anderen Risikofaktoren eher selten vorkommt, sind die Folgen umso schwerwiegender. Zusätzlich zu der massiven körperlichen Grenzüberschreitung gehen mit dieser Form des Missbrauchs häufig auch psychische und mentale Folgen einher. Diese sind besonders pathologisch, wenn die Gewalt von einer engen Vertrauens- oder Bezugsperson ausgeht. Das Kind fühlt sich verraten sowie in seinem Vertrauen und seiner Abhängigkeit ausgenutzt. Häufig erniedrigt und beschimpft die/der Täter*in ihr/sein Opfer und zwingt es zur Geheimhaltung. Des Weiteren wird der Übergriff oft mit starken Gefühlen von Schuld und Scham in Verbindung gebracht, weswegen sich die Betroffenen ebenfalls nicht trauen, darüber zu sprechen (vgl. Fischer/Riedesser 2009, S. 304-305).

Sexuelle Traumatisierung formt die Sexualität des Kindes auf eine dem Alter unangemessene Weise. Es ist außerdem davon auszugehen, dass sexueller Missbrauch zu schwerwiegenden Beeinträchtigungen der emotionalen, kognitiven und sozialen Entwicklung sowie der Entwicklung des Körperschemas und der sozialen Identität führen kann (vgl. Weiß 2016, S. 36,38).

3.1.6 Die traumatische Trennung

John Bowlby, Pionier der Bindungstheorie, legte bereits 1987 dar, wie starke affektive Beziehungen die kindliche Entwicklung beeinflussen können:

„Es ist für Menschen charakteristisch, starke affektive Beziehungen miteinander einzugehen. Einige der stärksten Gefühle hängen damit zusammen, wie diese Beziehungen sich entwickeln. Während stabile Beziehungen eine Quelle der Freude und Sicherheit sind, lösen Trennung, Verlust bzw. drohender Verlust Angst oder Ärger oder Trauer und Depression aus“ (Bowlby 1987, S. 22).

Die Wichtigkeit einer sicheren Bindung für die kindliche Entwicklung macht deutlich, welche gravierenden Folgen eine dauerhafte Trennung von einer engen Bezugs- oder Bindungsperson haben kann. Hierauf wird später in Kap. 3.2.1 noch ausführlicher eingegangen. Der Psychologe Franz Ruppert spricht davon, dass der Verlust einer wesentlichen seelischen Bindung zu einem Verlusttrauma führen kann. Es muss allerdings nicht jeder Verlust zwangsläufig zu einem Trauma führen. Eine seelische Belastung oder ein Verlust wirkt in der Regel dann traumatisch, wenn sie die/den Betroffene*n in eine absolute Ohnmacht versetzt. Das Verlusttrauma kann z. B. durch den plötzlichen Tod eines Geschwister- oder Elternteils oder dem Verlust eines Elternteils durch Trennung oder Scheidung sowie Adoption, Pflege oder Heimeinweisung ausgelöst werden.

Während manche Verluste plötzlich eintreten, kündigen sich andere langsam an. Auf den Tod eines Menschen durch eine unheilbare, länger andauernde Krankheit können sich die Kinder eher vorbereiten als auf einen plötzlichen Sterbefall. Ungeachtet dieser „Vorbereitungszeit“ können diese Situationen jedoch eine Art Dauer-Traumazustand herbeiführen, weil die Kinder in dieser Zeit mit dem drohenden Verlust eines geliebten Menschen konfrontiert werden (vgl. Ruppert 2018, S. 116-117).

Kinder werden bei Trennungen oft von Schuldgefühlen begleitet. Sie können sich die Trennung nicht erklären und kommen häufig zu dem Schluss, dass sie schlecht und wertlos sind und deshalb von ihren Eltern verlassen worden sind. Eine traumatische Trennung kann das Selbstbild des Kindes massiv negativ beeinflussen (vgl. Weiß 2016, S. 40).

3.1.7 Kinder psychisch kranker Eltern

Die Situation von Kindern psychisch kranker Eltern ist in der einschlägigen Fachöffentlichkeit in den letzten Jahren immer präsenter behandelt worden. Wenn ein Elternteil unter einer psychischen Erkrankung leidet, sind die Auswirkungen auf die Kinder - oft in Form von Verhaltensauffälligkeiten oder emotionalen Störungen - häufig sehr deutlich (vgl. Remschmidt/Mattejat 1994, S. 13).

Psychisch erkrankte Eltern können auf multiple Weise ein Risiko für die Entwicklung der Kinder darstellen. Zum einen kann sich die psychische Erkrankung durch transgenerationale Weitergabe auf das Kind übertragen (vgl. Wiegand-Grefe 2013, S. 701). Helmut Remschmidt und Fritz Mattejat haben die transgenerationale Weitergabe anhand von psychotischen Eltern und ihren Kindern erforscht. Bei einem an Schizophrenie erkrankten Elternteil lag das Risiko, dass die Kinder ebenfalls erkranken, bei 10-15%. Für ein Kind mit zwei schizophrenen Elternteilen lag das Risiko sogar bei 35-50% (vgl. Remschmidt/Mattejat 1994, S. 51). Obwohl in der vorgenannten Studie nur mit an Schizophrenie erkrankten Eltern gearbeitet wurde, liegt es nahe, dass sich die Erkenntnisse auch auf die transgenerationale Weitergabe von anderen psychischen Störungen übertragen lassen.

So kann die Eltern-Kind-Beziehung auch bei depressiven Eltern starke Beeinträchtigungen erfahren, welche häufig negativ oder stark reduziert auf die Aufmerksamkeitssuche ihres Kindes reagieren (vgl. Wiegand-Grefe 2013, S. 705). Der US-amerikanische Entwicklungspsychologe Edward Tronick belegte 1975 mit seinem „Still Face Experiment“, welche Auswirkungen mangelnde Resonanz auf das kindliche Verhalten haben kann. In dem Experiment wurde die Interaktion einer Mutter mit ihrem Kind beobachtet. Zunächst reagierte die Mutter auf die Impulse ihres Kindes und verhielt sich so, wie es das Kind von ihr gewohnt war. Im Anschluss zeigte die Mutter keine Reaktion mehr und betrachtete das Kind lediglich mit einem emotionslosen Gesichtsausdruck. Während das Kind in der ersten Situation lächelnd und mit viel Blickkontakt auf die Mutter reagierte, änderte sich dieses Verhalten im zweiten Teil des Experiments recht schnell. Das Kind wirkte sehr verunsichert und versuchte zunächst noch, die Aufmerksamkeit der Mutter durch sein übliches Verhalten zurückzuerlangen, schien allerdings sehr schnell zu resignieren und begann zu weinen (vgl. Fulwiler 2013).

Des Weiteren kann eine psychische Erkrankung der Eltern eine Ursache für die bereits erwähnte Vernachlässigung der Kinder sein. Viele der betroffenen Familien leben isoliert, um die Erkrankung der Eltern nicht an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen und so einer Stigmatisierung und der Inobhutnahme der Kinder entgegenzuwirken. Diesen Kindern fehlt es häufig an sozialen Kontakten und Unterstützung im familiären Leben. Häufig sind die Eltern nicht mehr in der Lage, sich um die alltäglichen Notwendigkeiten angemessen zu kümmern. Da die Eltern ihre Erkrankung häufig tabuisieren und sich keine externen Hilfen suchen, müssen die Kinder viele der elterlichen Aufgaben übernehmen. Es findet demzufolge eine Parentifizierung der Kinder, also eine Verschiebung der familiären Rollenverteilung, statt (vgl. Wiegand-Grefe 2013, S. 702-704). Dies wirkt dann besonders pathologisch, wenn sich die Kinder gezwungen fühlen, ihre eigenen Bedürfnisse denen der Eltern unterzuordnen.

3.1.8 Kriegs- und Fluchterfahrungen

Obwohl diese Ursache für kindliche Traumatisierungen bei Wilma Weiß nicht zu finden ist, wird sie hier aufgrund der hohen Aktualität und Relevanz für die Arbeit ebenfalls aufgeführt. Die Zahl der Inobhutnahmen von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen ist seit dem Jahr 2016 zwar zurückgegangen, dennoch war die „unbegleitete Einreise aus dem Ausland“ im Jahr 2018 der dritthäufigste Grund für eine vorläufige Schutzmaßnahme der Jugendämter in Deutschland8 (vgl. Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge 2019; Statistisches Bundesamt 2019a).

Bei Menschen, welche von Flucht, Verfolgung und Krieg betroffen sind, lässt sich der Verlauf der traumatischen Erfahrung in verschiedene Sequenzen unterteilen. Die erste Sequenz umfasst den Krieg und die Verfolgung bis zu der Flucht (vgl. Kohler-Spiegel 2017, S. 16-17). Diese Phase kann auch eine traumatische Trennung beinhalten, weil von der Heimat und der bekannten Umgebung abrupt Abschied genommen werden muss (vgl. Ruppert 2018, S. 116-117). Hierzu gehört nicht nur der Verlust des Wohnortes, sondern möglicherweise auch von geliebten Menschen, die bei einer plötzlichen Flucht zurückgelassen werden müssen. Die zweite Sequenz umfasst die Flucht selbst, in welcher Gefühle wie Angst, Lebensgefahr, Hunger und Kälte oft allgegenwärtig sind. Die Geflüchteten wissen häufig nicht, wo sie die nächste Nacht verbringen können und sind existenziell abhängig von anderen Menschen, wie z. B. Schleppern oder Polizeikräften. Auch in dieser Phase kann es zu traumatischen Trennungen kommen, da einige Familien auch noch während der Flucht auseinandergerissen werden. Die letzte Phase beinhaltet das Ankommen im Aufnahmeland, in welchem die Menschen nicht mehr der Bedrohung ihres Lebens ausgesetzt sind. Es herrscht allerdings eine große Unsicherheit, z. B. über ihren Aufenthaltsstatus und der Gefahr einer möglichen Abschiebung. Des Weiteren sehen sie sich mit einer fremden Kultur konfrontiert und können in der Regel die jeweilige Landessprache weder verstehen noch sprechen. In den Aufnahmeländern werden die Menschen zunächst häufig in Lagern untergebracht, in welchen prekäre Lebensverhältnisse herrschen können und kaum Rückzugsorte vorhanden sind. Außerdem haben die Geflüchteten oft mit Vorurteilen und der Ablehnung der Bevölkerung zu kämpfen. Erst wenn sich die Lage einigermaßen beruhigt hat, beginnen die Menschen, ihre Erlebnisse und Verluste zu realisieren, und die Trauer kann verarbeitet werden (vgl. Kohler-Spiegel 2017, S.16-20).

Auch bei Menschen, welche von Krieg und Flucht betroffen sind, kann es zu der bereits erwähnten transgenerationalen Weitergabe kommen. Eine unverarbeitete Traumatisierung der Eltern sowie ihre Angst und Hilflosigkeit können Einfluss auf die nachfolgenden Generationen haben (vgl. Polat 2016, S. 61).

3.2 Symptomatische Folgen und Auswirkungen von Traumatisierung auf Kinder

Das vorherige Kapitel zeigt, auf welche verschiedenartige Weise Kindern traumatische Erlebnisse widerfahren können. Obwohl die Dynamiken der Traumatisierungsformen und auch die Folgen, welche sich aus ihnen ergeben können, teilweise sehr unterschiedlich sind, gibt es dennoch viele Überschneidungen. Des Weiteren sind auch die genannten Risikofaktoren nicht immer strikt voneinander zu trennen. Es ist möglich, dass mehrere Faktoren miteinander einhergehen und ein Kind von verschiedenen Ursachen einer möglichen Traumatisierung betroffen ist. So lassen sich auch die möglichen Folgen nicht immer zwangsläufig einer spezifischen Ursächlichkeit zuordnen. Die Auswirkungen kindlicher Traumatisierung werden hier dementsprechend separat und mit Verknüpfungen zu möglichen zugrundeliegenden Risikofaktoren aufgeführt.

3.2.1 Gestörtes Bindungsverhalten

Ein gestörtes Bindungsverhalten kann aus vielen der genannten Traumatisierungsformen entstehen und hat eine große Bedeutung für die Arbeit mit den Kindern. Um die Störung des Bindungsverhaltens ausreichend darstellen zu können, werden die folgenden Ausführungen mit Informationen über einige Grundlagen der Bindungsforschung verbunden und in diesem Zusammenhang mögliche negative Folgen aufgezeigt, die ein Wegbrechen dieser Beziehungen verursachen kann.

Der bekannte britische Psychoanalytiker und Bindungsforscher John Bowlby beschreibt das Bedürfnis, Beziehungen aufzubauen, als Charakteristikum des menschlichen Seins, was auf die extreme Wichtigkeit dieser Beziehungen für den Menschen schließen lässt9.

Die elementarste aller Bindungen ist dabei in der Regel die Mutter-Kind-Bindung. Diese Verbindung besteht bereits vor der Geburt und ist für das extrem schutz-, hilfe- und versorgungsbedürftige Neugeborene überlebenswichtig. Ohne die elterliche Pflege wäre es seiner Umwelt hilflos ausgeliefert. Diese notwendige körperliche sowie emotionale Versorgung kann eine Mutter in naheliegender Weise am besten leisten, wenn es ihr selbst gut geht. Je besser es der Mutter geht, desto besser geht es auch ihrem Kind. Ist die Mutter stark gestresst, belastet oder erfährt sie sogar Missachtung und Gewalt, wird sich dies unweigerlich auf ihr Kind übertragen10 (vgl. Ruppert 2018, S. 31).

Damit kommt der Bindungsperson nicht nur auf der körperlichen, sondern auch auf der emotionalen Ebene eine wichtige Bedeutung zu. Die Kinder haben bei einer gesunden Bindung das Gefühl, dass jemand für sie da ist und sich um sie sorgt. Hier spielt die Affektivität der Fürsorglichkeit eine wichtige Rolle: Die Bindungsperson ist nicht nur körperlich anwesend, sondern auch mit ihren Gefühlen und vor allem mit ihrer Liebe. In so einer Beziehung entsteht eine emotionale Verbindung, bei der das eigene Empfinden und auch das Gefühlsleben der anderen Person beeinflusst wird. Es entsteht eine seelische Abhängigkeit (vgl. Ruppert 2018, S. 34).

[...]


1 z. B. der bis dahin häufig als Alternative genutzte Begriff des „Schocks“

2 Genaueres hierzu in Kap. 3.2.4

3 Vgl. Kap. 3.1

4 Eng: Post-Traumatic Stress Dissorder (PTSD) (vgl. Hüllemann 2019, S. 13)

5 Rückblenden zu Ereignissen aus der traumatisierenden Situation

6 International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (dt.: Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) in der aktuellen 10. Ausgabe

7 Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (vgl. American Psychiatric Association 2019)

8 Häufiger waren nur „Überforderung der Eltern/eines Elternteils“ und „sonstige Probleme“.

9 Siehe Ausführungen in Kapitel 3.1.6.

10 Diese Aussage deckt sich mit dem hohen Risiko für Kinder psychisch kranker Eltern, selbst eine psychische Krankheit oder ein Trauma zu erleiden; vgl. Kap 3.2.6

Ende der Leseprobe aus 70 Seiten

Details

Titel
Wie die Soziale Arbeit Schulkinder bei der Traumabewältigung unterstützen kann. Welche Kompetenzen und Ressourcen braucht die Pädagogik?
Autor
Jahr
2021
Seiten
70
Katalognummer
V918548
ISBN (eBook)
9783963551123
ISBN (Buch)
9783963551130
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Trauma, Kinder- und Jugendhilfe, kindliche Traumatisierung, Soziale Arbeit und Traumata, Sozialpädagogik, Bindungsverhalten, Elternarbeit, Netzwerkarbeit, Familienarbeit, Resilienz, Dissoziation, Selbstbild, Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen
Arbeit zitieren
Björn Kleinwächter (Autor), 2021, Wie die Soziale Arbeit Schulkinder bei der Traumabewältigung unterstützen kann. Welche Kompetenzen und Ressourcen braucht die Pädagogik?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/918548

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