Die Entwicklung der Polis Athen unter der Tyrannis des Peisistratos und der Peisistratiden


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Entwicklung der Polis Athen unter der Tyrannis der Peisistratiden
1. Auswirkungen der Tyrannis der Peisistratiden auf die Polis
1.1 Gesellschaftliche Entwicklungen
1.2 Politische Ämter und Einrichtungen
1.2.1 Archontat
1.2.2 Areopag
1.2.3 Demenrichter
1.3 Gesetze
1.3.1 Nomos argias
1.3.2 Grabluxusgesetz
1.3.3 Kriegswitwengesetz
1.4 Landwirtschaft
1.4.1 Darlehen
1.4.2 Bodenertragssteuer
1.5 Handel
1.6 Auswärtige Beziehungen
1.7 Kult und Bauten
1.7.1 Panathenaen
1.7.2 Verehrung anderer Götter
1.7.3 Bauten
2. Die Tyrannis der Peisistratiden -Wegbereiter für demokratische Strukturen in Athen?

III. Zusammenfassung der Ergebnisse

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Im 7. und 6. Jh. v. Chr. ist im archaischen Griechenland ein hoch interessantes Phänomen zu beobachten: In verschiedenen Poleis ergreifen einzelne Adlige die Macht und erheben sich zum Alleinherrscher. Die Frage nach den Voraussetzungen und den Auswirkungen dieser Periode der archaischen Tyrannis erweckte schon das Interesse antiker Geschichtsschreiber, aber auch immer wieder das von neuzeitlichen Historikern. Die Polis als „Bühne“ für diese Ereignisse tritt dabei oft in den Vordergrund und öffnet sich unterschiedlichsten Fragestellungen die bei einer Beschäftigung mit der archaischen Tyrannis auftauchen.

Auch im Hinblick auf die Entwicklung der Polis in archaischer Zeit nimmt die Tyrannis als Periode eine wichtige Stellung ein. Die Bedeutung der archaischen Tyrannis für die Genese der Polis des griechischen Altertums wird in der Forschung sehr ambivalent betrachtet. Die Deutungsmuster reichen von einer eher negativen Betrachtungsweise bis hin zu einer sehr positiven.[1] Es wird einerseits eine Art Zwischenzeitcharakter der Tyrannis konstatiert, der nichts oder nicht viel zur Entwicklung der Polis als solche beigetragen hat, andererseits ist ebenso von einer Phase der Wegbereitung für die in kleisthenischer Zeit erfolgende Einführung demokratischer Strukturen die Rede.

Vorliegender Arbeit soll die Fragestellung zu Grunde liegen, inwiefern die Tyrannis zur Entwicklung der Polis beigetragen hat. Da für Athen in diese Periode eine relativ gute Quellenlage besteht[2] und andererseits die Beschränkung auf eine Polis in Anbetracht des Umfanges der Arbeit als sinnvoll erscheint, soll im Folgenden die Tyrannis des Peisistratos und seiner Söhne, also die Tyrannis der Peisistratiden in Athen, in den Blick genommen werden. Inwiefern eine Entwicklung vorliegt, soll in politischer, gesellschaftlicher, normativer, sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht analysiert werden. Ebenso soll in einem zweiten Schritt der Frage nachgegangen werden, ob diese Phase der Alleinherrschaft die spätere Herausbildung demokratischer Strukturen begünstigt hat, also ob auch in dieser Hinsicht eine Entwicklung stattgefunden hat.

Durch die Beschränkung auf eine Polis können die Aussagen, wenn überhaupt, nur bedingt auf andere Poleis übertragen werden, somit konzentrieren sich die Ausführungen allein auf Athen. Eine allzu nuancierte Betrachtung der einzelnen Aspekte der Entwicklung der Polis Athen würde ohnehin den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

II. Die Entwicklung der Polis Athen unter der Tyrannis der Peisistratiden

1. Auswirkungen der Tyrannis der Peisistratiden auf die Polis

Um die Entwicklung der Polis unter der Herrschaft der Peisistratiden zu untersuchen, ist es sinnvoll, dies unter verschiedenen Gesichtspunkten zu machen. Im Folgenden soll das Verhältnis der Tyrannen zur politischen Ordnung behandelt werden, also inwiefern politische Ämter und Einrichtungen verändert oder modifiziert wurden. Anschließend wird auf den normativen Aspekt eingegangen. Zur politischen Sphäre gehört auch der Bereich der auswärtigen Beziehungen, der ebenfalls einer Betrachtung unterzogen wird. In einem vierten Schritt wird die Entwicklung landwirtschaftlicher Belange und des Handels unter die Lupe genommen. Abschließend sollen die Veränderungen im Bereich des Kultes und der Bautätigkeit untersucht werden.

Die Analyse dieser Aspekte soll dann in einer Gesamtschau die Frage beantworten, inwiefern die Tyrannis die Entwicklung der Polis Athen beeinflusst hat.

1.1 Gesellschaftliche Entwicklungen

„[…]und so gewann Peisistratos Athen zum dritten Mal. Er sicherte seine Herrschaft durch die vielen Bundesgenossen […] und ließ sich auch Geiseln stellen, nämlich die Söhne jener Athener, die in dem Kampfe Widerstand geleistet und nicht sofort geflohen waren.“[3]

Nach der Schlacht von Pallene nahm Peisistratos ohne Mühe die Stadt Athen ein. Als direkte Reaktion darauf flohen viele Adlige aus Attika. Er nahm auch die Söhne seiner Feinde als Geisel. Eine Konfiskation des Landes seiner Rivalen oder eine daraus resultierende Landverteilung durch ihn wird in den Quellen nicht erwähnt.[4]

Die folgende Textstelle bei Aristoteles beschreibt dessen Verhältnis zu den verbliebenen Adligen:

„Denn die Mehrheit sowohl der Adeligen als auch des Volkes schätzte ihn; die einen zog er nämlich durch persönlichen Umgang, die anderen durch Hilfeleistungen für ihre eigenen Angelegenheiten auf seine Seite und zu beiden war er liebenswürdig.“[5]

Es erweckt den Anschein, als hätte sich Peisistratos mit den verbliebenen Adligen arrangiert und sie mit „Belohnungen“ an sich gebunden. Diese Kooperation mit der „unbedeutenden“ Aristokratie bzw. dem Durchschnitt des Adels und der Ausschaltung seiner potenten Vertreter, diente auf lange Sicht der Festigung seiner Herrschaft.[6]

Die Söhne des Peisistratos führten diese „Politik“ fort und ermöglichten sogar den ehemals verbannten Adligen die Rückkehr nach Athen, wobei diese natürlich weiterhin von der politischen Mitwirkung ausgeschlossen waren.[7]

Es ist eine Entwicklung zu einer „anti-aristokratischen Politik“ der Tyrannen erkennbar, wobei diese sich paradoxerweise ebenfalls aus Aristokraten rekrutiert. Um die Herrschaft zu sichern, werden die vormals politisch aktiven Adligen nach und nach aus jener Sphäre verdrängt bzw. an die Tyrannen durch „Belohnungen“ gebunden.

1.2 Politische Ämter und Einrichtungen

Das Verhältnis der Tyrannen zur bestehenden politischen Ordnung kann als neutral beschrieben werden. Herodot legt in seinem Exkurs über Peisistratos fest:

„So wurde Peisistratos Herrscher von Athen, aber er schaffte die bestehenden Ämter nicht ab, änderte nicht die Gesetze, sondern regierte die Stadt unter Wahrung ihrer Einrichtungen trefflich und ordentlich“[8]

Diese Schilderung wird durch einen Bericht von Aristoteles bestätigt: „Peisistratos aber übernahm die Herrschaft und verwaltete den Staat mehr verfassungsmäßig als tyrannisch.“[9] Ein dritter Gewährsmann für diese Behauptung ist Plutarch: „Denn er erhielt die meisten der Gesetze Solons aufrecht, richtete sich zuerst selbst nach ihnen und nötigte seine Freunde dazu.“[10]

Es muss allerdings festgehalten werden, dass sich Aristoteles in einer anschließenden Textpassage seines Exkurses über die Tyrannis in Athen selbst widerspricht:

„Nachdem diese Reformen durchgeführt waren [die des Kleisthenes, Anm. d. Verf.], wurde die Verfassung viel demokratischer, als die solonische (gewesen war); denn es kam ja hinzu, dass die Tyrannis die Gesetze Solons beseitigt hatte, da sie diese nicht anwandte und dass Kleisthenes andere neue (Gesetze) erließ […]“[11]

Da diese Aussage schwerlich mit der Herodots in Einklang gebracht werden kann und dieser Selbstwiderspruch den Anschein einer Legitimierung des Kleisthenes erweckt - dadurch dass es keine Gesetzte mehr gab, konnte Kleisthenes neue verfassen[12] -, kann angenommen werden, dass Peisistratos die politische Ordnung weitgehend unangetastet ließ. Sei es, dass es keine Veranlassung gab, die bestehende Ordnung zu ändern[13], oder dass es schlicht nicht möglich war.[14]

Seine Söhne, die nach seinem Tod die Herrschaft übernahmen, regierten, so Aristoteles, auf ähnliche Weise: „ Nach dem Tode des Peisistratos übten seine Söhne die Herrschaft aus, indem sie die Staatsgeschäfte in derselben Weise fortführten.“[15]

Hier fand also keine Entwicklung im direkten Sinne statt, von einigen Modifikationen, die im Folgenden behandelt werden sollen, einmal abgesehen. Im indirekten Sinne kann jedoch dieses Verhalten als begünstigender Faktor für die Entwicklung der Polisordnung angesehen werden, ermöglichte es doch in der langen Zeit des inneren Friedens während der Periode der Tyrannis ein Funktionieren der Ordnung und deren Festigung jenseits von Adelszwistigkeiten.[16]

Im Folgenden soll nun auf die Entwicklung der Ämter eingegangen werden, die die Tyrannen als Element zur Sicherung und Festigung ihrer Herrschaft nutzten.

1.2.1 Archontat

Im Bereich des Amtes des Archonten erfolgte eine für die Herrschaftsabsicherung der Tyrannen sehr wichtige Entwicklung. Das Amt war der Kontrolle des Herrschers unterstellt, d.h. nur dem Tyrannen genehme Aristokraten konnten sich um dieses Amt bewerben. Thukydides schreibt diese Besetzungspolitik den Söhnen des Peisistratos zu. Vor dem Hintergrund der bereits erwähnten Herrschaftskontinuität ist jedoch anzunehmen, dass diese Besetzungspolitik schon von Peisistratos angewandt wurde. „Im Übrigen lebte die Stadt selbst nach den geltenden Gesetzen, nur sorgten sie dafür, daß immer einer von ihnen in den Jahresämtern war.“[17]

[...]


[1] De Libero, L., Die archaische Tyrannis, Stuttgart 1996, S. 134.

[2] De Libero, (1996), S. 44.

[3] Hdt. 1,64.

[4] De Libero, (1996), S. 68-69.

[5] Arist. Ath. Pol. 16,9.

[6] De Libero, (1996), S. 71.

[7] De Libero, (1996), S. 123.

[8] Hdt. 1, 59.

[9] Arist. Ath. Pol. 14,3.

[10] Plut. Solon 31.

[11] Arist. Ath. Pol. 22,1

[12] Aristoteles, Staat der Athener, Flashar, H. (Hrsg.), Chambers, M. (Übers.), Darmstadt 1990, S. 235.

[13] De Libero, (1996), S. 73.

[14] Welwei, K.-W., Athen, Vom neolithischen Siedlungsplatz zur archaischen Großpolis, Darmstadt 1992, S. 230.

[15] Arist. Ath. Pol. 17,4.

[16] De Libero, (1996), S. 73.

[17] Thuk. 6,54,6.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung der Polis Athen unter der Tyrannis des Peisistratos und der Peisistratiden
Hochschule
Universität Mannheim  (Seminar für Alte Geschichte)
Veranstaltung
Die Entstehung der Polis
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V91858
ISBN (eBook)
9783638058919
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung, Polis, Athen, Hinsicht, Tyrannis, Peisistratos, Peisistratiden, Entstehung
Arbeit zitieren
Bakkelaureus Artium Christopher Sommer (Autor), 2006, Die Entwicklung der Polis Athen unter der Tyrannis des Peisistratos und der Peisistratiden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91858

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