Die Besieger Napoleons. Über die zaristische Armee zur Zeit der Koalitionskriege

Charakteristika und Besonderheiten der russischen Truppen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

26 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung in die Thematik

2. Das charakteristische Wesen der Kernbestandteile der zaristischen Streitkräfte
2.1 Die Infanterie
2.1.1 Das Rekrutierungssystem
2.1.2 Disziplinierung und Drill
2.2 Das Offizierskorps
2.2.1 Die Laufbahn
2.2.2 Die Zusammensetzung
2.2.3 Die Problematiken
2.3 Die Artillerie

3. Die außergewöhnlichen Besonderheiten der russischen Truppen
3.1 Das Phänomen der Phantomarmeen
3.2 Die Kosaken
3.3 Die Marscharmee
3.4 Regimentswirtschaft & -leben
3.5 Die Verwurzelung der Zarentreue

4. Schlussbemerkung

5. Literaturverzeichnis

1. Einführung in die Thematik

Das lange 19. Jahrhundert begann mit politischen Wirren, die die jahrhundertelang exis­tierende Institution der Monarchie bis ins Mark erschütterte. Es war gekennzeichnet sowohl von gesellschaftlichen Veränderungen, als auch von technischen Neuerungen, die den ganzen europäischen Kontinent mit ihren Folgen überzogen. Immer schneller erschienen neue Ideen, veränderten sich soziale Strukturen oder neue Entdeckungen in Wissenschaft und Technik wurden gemacht. Auch die Kriegsführung erlebte einen dra- matischten Wandel. Durch Napoleon war ein General in Erscheinung getreten, der das bisherige militärische Denken nachhaltig auf den Kopf stellte. Er führte einen Krieg, in dem die Ressourcen eines Staates auf eine bis dato unvergleichbare Art und Weise mo­bilisiert wurden. Erst eine Koalition aller europäischen Großmächten konnte ihm ein Ende bereiten. Der Anfang wurde jedoch von einer Nation gemacht, Russland. Das Heer Zar Alexanders I. konnte ihn nach der Eroberung Moskaus 1812 zum Rückzug zwingen und den Anstoß zur Befreiung Europas liefern.

Geoffrey Hosking bezeichnet in seinem Werk „Russland. Nation und Imperium 1552 - 1917“ die russische Armee, trotz der in ihr vorherrschenden Misswirtschaft, für längere Perioden in den vergangenen 300 Jahren, als die effizienteste Armee Europas.1 Es ist erstaunlich, hatten die Russen 1807 in der Schlacht von Friedland noch eine schmach­volle Niederlage hinnehmen müssen, so standen sie sieben Jahre später in Paris und erklommen den Rang einer Militärnation. Die vorliegende Arbeit soll die zaristische Armee zu Beginn des 19. Jahrhunderts genauer erforschen und der Fragestellung nach­gehen, welche Charakteristika die wichtigsten Armeeteile aufwiesen, sowie die Beson­derheiten ihrer Institution aufzeigen, umso besser das Wesen der Besieger Napoleons ergründen zu können.

Hierbei kann ich mich auf eine sehr fundierte Sekundärliteratur stützen. Der Vaterländi­sche Krieg und die Befreiungskriege waren einschneidende Erlebnisse für die Menschen der damaligen Zeit, so fanden sie nicht nur in der unmittelbaren Geschichtsschreibung bereits großen Niederschlag, sondern auch in den Aufzeichnungen der Teilnehmer, die ihre Erfahrungen Stolz und voll Detailreichtum niederschrieben. Das 200-jährige Jubi­läum brachte vor Kurzem eine neue Welle an Publikationen mit sich. Bei der Durchsicht der Literatur stellt man fest, dass viele der Werke sich auf die französische Seite der Geschehnisse beschränken. Die Westmächte werden teilweise behandelt. Die russische2 3

Seite findet vor allem in spezifischeren Veröffentlichungen, die sich ausschließlich mit ihr befassen, ihren Niederschlag. In meiner Arbeit stützte ich mir vor allem auf die Werke „Russia's Military Way West“ von Christopher Duffy, „The Art of Warfare in the Age of Napoleon“ von Gunther E. Rothenberg, aber auch einige andere. Der lange Verschluss vieler Akten in den sowjetischen und russischen Archiven machte ihre Aus­wertung erst sehr spät möglich. Grundsätzlich sind die Quellen der größeren Themen­gebieten bereits erschlossen und in westlicher Sprache verfügbar. Der Stand der Quel­lenforschung für meine Thematik ist jedoch nicht ausreichend fortgeschritten. Bei der Quellensuche fand ich heraus, dass sich die Quellen, die ich ursprünglich bearbeiten wollte, bzw. die sich gut in die Arbeit gefügt hätten, nur auf Russisch zugänglich sind. Daher blieb mir der Zugang zu ihnen verwehrt und ich muss mich bei meiner Quellen­arbeit auf die Quellenanhänge und Quellenzitate der Sekundärliteratur stützen.

Meine Arbeit beginne ich mit einem untersuchenden Querschnitt durch die kampfent- scheidensten Armeeteile im Hinblick auf ihre Funktionsweisen und Charakteristika, aber auch gegebene Problematiken werde ich beleuchten. Hierbei klammere ich die re­gulären Kavallerieeinheiten aus den Untersuchungen aus, da sie sich wenig von ihren Pendants unterschieden. Zusätzlich unterschlage ich die Flotte, da sie keinen bedeutsa­men Einsatz während der Koalitionskriege führte. Der zweite Teil ist eine Aufstellung der Besonderheiten des russischen Heeres, die einen Alleinstellungscharakter gegenüber den westeuropäischen Armeen aufwiesen. In diesem Teil der Arbeit werde ich diese individuellen Eigenschaften wertend nach ihren Auswirkungen hin untersuchen.

2. Das charakteristische Wesen der Kernbestandteile der zaristischen Streitkräfte

2.1 Die Infanterie

Das Herzstück einer jeden frühneuzeitlichen europäischen Armee bildete die Linienin­fanterie. Die Linientaktik war dabei die in Europa universell angewandte Gefechtsweise der Frühen Neuzeit, bis Metallhülsenpatronen und Hinterlader das Schlachtgeschehen veränderten. Das Schlachtgeschehen erforderte gut trainierte und disziplinierte Einhei- 2 ten eines stehenden Heeres. Die zaristische Infanterie unterschied sich von allen regulä­ren Armeeteilen in ihrem Wesen am markantesten von ihren westeuropäischen Pen­dants. Erst mit der Levee en masse in Frankreich begann die allmähliche Umformung der Söldnerheere zu bürgerlichen Konskriptionsarmeen. Die russische Infanterie rekru­tierte sich bereits seit Mitte des 17. Jahrhunderts aus der eigenen leibeigenen bäuerli­chen Bevölkerung. Der Militärdienst dauerte 25 Jahre, dies verbannte sie de facto ihr restliches Leben in das Regiment. Zu Beginn war es gängige Praxis sowohl freie, als auch hörige Bauern zu werben. Die Beschneidung der bäuerlichen Freiheiten im 18. Jahrhundert verdrängte die aktive Werbung. Zwangsverpflichtete Leibeigene formten von nun an den Grundstock der Linieneinheiten. Der weitflächigen dünnen Besiedlung des Reiches geschuldet, betraf die Hauptlast der Rekrutierungen das dichter besiedelte Kernland.3 4 5

2.1.1 Das Rekrutierungssystem

Die systematische Aushebung wurde jedes Jahr nach Bedarf per Sonderdekret unmittel­bar durch den Staat in Gang gesetzt und finanziert. In Kriegszeiten auch mehrmals in einem Jahr. Hierfür wurden die Quoten, die die Anzahl der Gestellungspflichtigen fest­legten, auf lokale Ebene übermittelt. Die Beamten der lokalen Sammelstellen hatten kein großes Interesse an der Selektion und Eintreibung der Zwangsrekrutierten, daher überließen sie es den Gutsbesitzern, bzw. der Wahl der Dorfgemeinschaft. Diese wur­den wiederum von ausgewählten Offizieren überwacht, die die Aufgabe hatten die Diensttauglichkeit der Rekruten zu gewährleisten. Galt es eine Reihe an Vorgaben ein­zuhalten. Sie mussten zwischen 17 und 25 Jahre alt sein, mindestens 1,55m Körpergrö­ße haben und neben einer guten körperlichen Verfassung, auch ein gesundes Gebiss, welches Gesundheit symbolisierte. Der Nachladeprozess der Musketen verlangte zu­sätzlich das Aufbeißen der mit Schießpulver und Kugel gefühlten Papierpatronen. Die hohe Verfügbarkeit an potentiell wehrfähigen Männern ermöglichte die strenge Selekti­on nach körperlichen Kriterien. Bevorzugt wurden Männer Großrusslands, wegen ihres kräftigeren und robusten Körperbaus.6

Die Art und Weise der Einberufung stellte einen tiefen Einschnitt in das bisherige Le­ben der Betroffenen dar. Der Dienst in den Reihen brachte zuzüglich zur Dauer, auch die Stationierung an weit entfernten Orten mit sich. Heimaturlaub kannte man nicht, generell waren nur äußerst starke Invalidität oder der Tod Gründe für ein Ausscheiden. Die Verweigerung der Folgeleistung der Einberufung wurde nach dem Ende der Frei­willigkeit des Antritts mit Verbannung oder Tod bestraft. Der gemeine Soldat, der Fä­higkeit Briefe zu schreiben beraubt, konnte keinen Kontakt zu seiner Familie oder sei­nem bisherigem Leben aufrechterhalten, dies bedeutete die völlige Loslösung von allem Bekannten.7 Nicht verwunderlich ist die Ansicht der Bauern über die Einberufung als Strafe. Gutsbesitzer und Dörfer entledigten sich zuerst problemhafter Bauern, bevor sie 7 wertvolle Gemeindemitglieder in den sicheren Tod schickten. 8 Die Gutsbesitzerin P. M. Tschernikowa versah ihren Gutsverweser mit folgenden Anweisungen für eine 1817 anstehende Einberufung: „Du aber, Waska, trage Sorge, dass sie die Dreckigsten unzuverläs­sigsten, dem Suff Verfallensten, die Entlaufenen [...] aussuchen und dass darunter kein guter Mann gerät, der sich nüchtern hält.“9 Auch Gerichte verurteilten unliebsame Teile der Gesellschaft dazu, dem Zaren im Heer zu dienen. Sicherheit vor der Auswahl bot die Ausübung eines für die Ökonomie oder Gesellschaft wichtigen Berufs wie zum Beispiel der des Händlers, des Fabrikanten oder der des Priesters waren befreit. Reiche konnten sich mit einem Ersatz oder einer beträchtlichen Summe vom Dienst freikaufen. Diese Praktik schmälerte die Effektivität der Einberufungen um etwa 10%.10 Die Verabschiedungszeremonie spiegelte die Brutalität des Entreißens aus dem ge­wohnten sozialen Umfeld wieder. Verlor eine Familie Angehörige an die „Seelenfän­ger“, hatte ihr Verhalten viel mit dem auf einer Beerdigung gemein. Für sie war er buchstäblich gestorben. Die Verbliebenen stimmten unter Tränen und Klagen Trauerlie­der an, die den Verlust und das nie mehr wiedersehen thematisierten. Keiner traute sich gegen die Wahl zu stellen. Nur sehr wenige kehrten nach getanem Dienst je in ihr Hei­matdorf zurück, da dort dann weder Bekannte lebten, noch Besitzrechte vorherrschten. Oft taten die Entlassenen weiterhin Dienst bei ihren ehemaligen Kommandeuren als Knecht. Eine weitere Möglichkeit war der Zug in eine Stadt und die Ausübung einer handwerklichen Tätigkeit.11

2.1.2 Disziplinierung und Drill

Das Leid, das die russischen Bauern ertragen mussten, fing allerdings erst an. Die Sorge um Flucht war durch die Schwere des Schicksalsschlages gegeben. Schon die Angst vor einer möglichen Erwählung veranlasste Dorfbewohner zur Flucht. Um diesem zu ent­gegnen, kamen die „Einsammler“ ohne Vorankündigung. Ergriffen die Rekruten plötz­lich, setzten sie fest und stellten sie in Ketten unter scharfe Bewachung. Den Erkorenen wurden alsdann zur Kennzeichnung das vordere Kopfhaar und der Bart geschoren. Es sollte sie von der Flucht abhalten, da man jeden Ortes leicht, als von Dienst Desertierter zu erkennen war. Nach dem Abschied erfolgte eine schnellstmögliche Zuteilung zu ei­ner Kompanie. Dort übernahm der führende Offizier die Ausbildung der Rekruten.12

Der Weg in die Verbannung führte die Neuen zuerst über die Rekrutierungsbehörden, dann begann der Gewaltmarsch zu den zugewiesenen Truppenteilen. Die Trennung, Anstrengungen und Torturen der Reise von ihrer Heimat bis zur Einquartierung erreich­ten die physische Erschöpfung und psychische Brechung eines Rekruten, damit begann das Phänomen der Metamorphose und der „bürgerliche Tod“. Die ersten Monate kon­zentrierte sich die Behandlung der Neulinge auf die Ausmerzung aller bäuerlichen Ele­mente in deren Verhalten, sowie dem Beibringen eines ordentlichen Äußeren. Diese kollektive Tortur kann nur mit dem transatlantischen Sklavenhandel verglichen werden.

Oftmals brachten die durchlitten Qualen die Rekruten dazu, im ersten Gefecht an völli­ger Übermüdung zusammenzubrechen. Erst nach der Initiation, die Feuertaufe, konnte man mit mehr Verständnis und Menschlichkeit vonseiten der Kameraden rechnen. So­bald sie ihr Regiment erreicht hatten, begann die Zuteilung zu den Waffengattungen und 12 der Drill. Ihre Situation änderte sich erst, als 1808 sogenannte Reserverekrutenlager eingerichtet wurden. In diesen hatten sie eine neunmonatige Grundausbildung zu absol­vieren, die sie grundlegender auf das Leben im Regiment vorbereiten und die psychi- 13 schen Belastungen abmildern sollte. Militärische Notwendigkeiten erforderten eine strenge körperliche Abrichtung. Mit der Hochhaltung des Drills in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert war das Ziel der Ausbil­der die Schaffung von „Reflexmaschinen“, die eine Mischung aus Vieh und Mensch bilden sollten.13 14 15 Vergleichsweise wenig Zeit wurde mit wirklichem Kampftraining ver­bracht. Auf den Manövern folgten alle Abläufe den starren Feldregeln, dies hatte mit den in Realität unvorhersehbaren Gefechtsverläufen wenig gemein. Schussübungen, von den Vorgesetzten als unnötiges Übel angesehen, kam ebenfalls geringe Aufmerksamkeit zu. Viele Soldaten verschossen nicht einmal die drei Kugeln, die pro Jahr für Übungs­zwecke vorgeschrieben waren. Die meiste Zeit verbrachten die Soldaten mit Wach­diensten, ewigen Paraden und endlosen Drills. Deshalb waren viele nicht ausreichend auf einen Einsatz im Krieg vorbereitet.16 Die Disziplin der Truppe wurde traditionell durch eine lange Liste an leichten bis hin zu schweren Bestrafungen aufrechterhalten. Die Härten der Strafen waren vom Prinzip her nicht unmenschlicher, als im Westen. Sie hatten ihren Ursprung lediglich in einer anderen Natur. Die mündigen Freiwilligen des Westens bedingten einer größeren Behutsamkeit, als die hörigen Soldaten des Zaren. Zudem waren sie für eine längere Verwendung vorgesehen. Die Disziplinierung der Russen war überaus launisch. Schläge oder Knüppelstöße standen an der Tagesordnung, nicht als Strafe, sondern als Korrektur des Verhaltens. Strafen waren hierbei Auspeit­schen, Spießrutenlauf, Arbeitslager in Sibirien, usw. Bei dem unermüdlichen Drill ver­gasen die Vorgesetzten eines nie, nämlich die genaue Installation der russischen Lini­eninfanteristendoktrin: „Unterordnung, Gehorsam, Disziplin, Training, Formation, Rangfolge, Sauberkeit, Ordentlichkeit, Gesundheit, Ehre, Mut, Begeisterung, Sieg und Ehre!“17 18

In westlichen Berichten über das exotische Reich im Osten wird vielmals von der russi­schen Barbarei gesprochen. Zurückführen lässt sie sich eher auf die Furcht vor dem ab­sonderlichen militärischem Kastensystem, die Unwissenheit über das Wesen der zaristi­schen Fußsoldaten und ihrer Institutionen. Die Mentalität scheint nicht nachvollziehbar 17 für westliche Gedankengänge. Christopher Duffy versucht in seinem Werk „Russias's Military Way West“ ihr Wesen mit einem Zitat aus einer Ausgabe der Russkaja Starina von 1895 einzufangen: „He is the finest soldier in the world [...]. He is as abstemious as the Span­iard, as enduring as a Bohemian, as full of national pride as an Englishman, and as susceptible to im­pulse and inspiration as French, Walloons or Hungarians. He combines all the qualities which go to make a good soldier and a hero.” 19 Der russische Soldat stand nach der Übernahme seines Lebens durch das Militär zwischen zwei Welten. Seine bäuerliche Herkunft fesselte ihn mit einem Bein an die traditionelle Lebensweisen, seine Disziplinierung und Erlebnisse auf den Feldzügen verankerten ihn ebenso in der westlichen Moderne.20 Die völlige Entwurzelung und Stationierung neuer Soldaten entfernt der Heimat unter Unbekannten half bei der Umpolung der Bauern zu einer „Maschine ohne Gedanken“. Ein Novum mit der Etablierung stehender Heere war die Schaffung von „Heloten der Sozialordnung“. Diese zum Kriegsdienst Gezwungenen wendeten ihre Waffen nicht gegen die Unterdrü- cker.21 Nach Vollzug der Metamorphose blieb der Infanterist dem bäuerlichen Milieu dauerhaft entfremdet und von der Zivilgesellschaft isoliert. Ehemaligen Standesgleich- gestellten begegnet er nach Bedarf als Feind, z.B. bei Niederschlagung von Aufständen oder Eintreibung von Steuern. Er fungiert als reiner Exekutor staatlicher Macht ohne Solidaritätsgefühl, daher war an eine Rückkehr in ein Bauerndorf nach dem Dienst nicht zu denken. Er wurde als Agent der zaristischen Obrigkeit angesehen und von der Dorf- gemeinschaft, als lästig empfunden, bald vertrieben.22

2.2 Das Offizierskorps

Im Gegensatz zu der homogenen Mass der Fußsoldaten, bildeten ihr Offiziere keine geschlossene Einheit, weder in ihrer Zusammensetzung noch in ihrem Streben und Denken. Die Probleme waren durch die Natur der Dinge in Russland bedingt. Die Offi­ziersklasse war das traditionelle Habitat des russischen Adels, ähnlich zum Westen war es für junge Adelige, vor allem aus dem Provinzadel, üblich eine Laufbahn in den Offi­ziersrängen zu verfolgen. Das Militär diente zur Erlangung von Wohlstand und Aus­zeichnungen, ohne dabei große Anstrengungen vollbringen zu müssen.

2.2.1 Die Laufbahn

Die laxe Handhabung der militärischen Ränge bis in die Moderne wirkte sich gegenläu­fig auf die Professionalität aus. Die meisten Neulinge waren, wenn sie ihre Karriere im Rang eines Unteroffiziers begannen, kaum militärisch gebildet und konnten weder wirk- 22 lich lesen noch schreiben.23 24 Offiziersanwärter begannen ihre Laufbahn mit einem drei­monatigen Dienst in den Linienregimentern. Anschließend besuchten sie eine der ver­schiedenen Kadetten- oder Junkerschulen und taten folglich ihren ersten Dienst in ei­nem der Garderegimenter, die zwar kultiviert, aber wenig gebildet in Bereichen der ad­ministrativen Aufgaben oder Generalstabsangelegenheiten waren. Im Schnitt diente ein adliger Unteroffizier 2 Monate bis 3 Jahre, um eine Beförderung in den Offiziersrang zu erhalten. Vor Ausstellung eines Offizierspatents mussten die Anwärter nach dem absol- 23 vierten Lehrgang eine militärische Prüfung bestehen. Patronage spielte eine wichtige Rolle bei der Verteilung von Beförderungen. Väter versorgten ihre Söhne mit vorteil­haften Boni für einen raschen Aufstieg. Gute Verbindungen ebneten den Weg in den Generalstab, dort wurde den gebotenen Annehmlichkeiten gefrönt. Kriege boten zahl­reiche Gelegenheiten sich hervorzutun. Ein Streit mit höhergestellten Offizieren ver­langsamte den militärischen Werdegang. Die ungebildeten jungen Adligen, kurze Offi­zierslehrgänge, mangelnde Planungserfahrung und die Praxis der patronierten Beförde­rung ließen den Professionalitätsgrad innerhalb des Offizierskorps bedenklich abfal- len.25

Alexander I. förderte den Ausbau von Militärschulen. Hand in Hand ging die Verein­heitlichung des Lehrinhaltes, welches ein Mindestmaß an fachlicher Kompetenz sichern sollte. Niederen Rängen wurde eine gute Allgemeinbildung und Anstandswissen ge­lehrt. In den Lehrgängen der höheren Ränge vermittelte man vertieft militärisches Wis­sen. Aufgrund der dicht gepackten Bataillone auf engen Schlachtfeldern waren die Ver­lustzahlen der Napoleonischen Kriege höher, als die des 20. Jahrhunderts. Umso wich­tiger war der physische und psychische Zustand der Kommandierenden für den Schlachtausgang. Daneben sollten diese Einrichtungen den Offiziersstock vermehren, da ein gravierender Mangel an gut ausgebildeten jungen Offizieren bestand. In Frie­denszeiten mussten Befehlshaber mit korrektem Verhalten und guter Führung das Ver­trauen der Untergebenen erringen, nur so konnten sie das Regiment erfolgreich lenken, 25 die Disziplin aufrechterhalten und effektiv eingesetzt werden.

2.2.2 Die Zusammensetzung

Die Zusammensetzung oblag zweier Spaltungen. Die Offiziersklasse war eine viel­schichtige Torte. Die Spitze bildeten hohe ältere Offiziere mit geringer militärischer Ausbildung, aber Patronagen bei Hofe. In der mittleren Schicht fanden sich ehemalige Schüler der Kadettenkorps und Mitglieder des Generalstabes. Die Basis bildeten die Absolventen der Junkerschulen, die dem niederen oder landlosen Adel angehörten. Die erste Spaltung wurde dadurch bedingt, dass die altgedienten Offiziere den Fortschritt tadelten und auf Althergebrachtem beharrten. Wohingegen die junge eifrige Offiziers­generation, die sich über das internationale Geschehen informierte, auf Veränderung drängte.26 27

[...]


1 Vgl. Hosking, Geoffrey: Russland. Nation und Imperium 1552-1917

2 Berlin 1997, S.213.

3 Vgl. Duffy, Christopher: Russia's Military Way to the West. Origins and Nature of Russian Military Power 1700-1800, London 1981, S.126; Glover, Michael: Warfare in the Age of Bonaparte, Yorkshire 2003, S.14; Duffy, Christopher: Borodino and the War of 1812, New York 1999, S.19.

4 Vgl. Curtiss, John S.: The Peasant and the Army, in: Vucinich, Wayne S. (Hrsg.): The Peasant in the Nine­teenth-Century Russia, Stanford 1968, S.108-133, hier: S.110; Rothenberg, Gunther E.: The Art of Warfare in the Age of Napoleon, London 1977, S.26.

5 Vgl. Beyrau, Dietrich: Militär und Gesellschaft im vorrevolutionären Russland, Köln 1984, S.129; Duffy, Russia's Military Way, S.125f.

6 Vgl. Rothenberg, Art of Warfare, S.196; Hosking, Nation und Imperium, S.214; Duffy, Russia's Military Way, S.127, 129.

7 Vgl. Ebd., S.129; Rothenberg, Art of Warfare, S.196; Goehrke, Carsten: Russischer Alltag. Eine Geschichte in neun Zeitbildern vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart. Bd. 2: Auf dem Weg in die Moderne, Zürich 2003, S.97.

8 Vgl. Curtiss, Peasant and the Army, S.110.

9 Zitiert nach: Goehrke, Carsten: Russischer Alltag. Eine Geschichte in neun Zeitbildern vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart. Bd. 2: Auf dem Weg in die Moderne, Zürich 2003, S. 146.

10 Vgl. Duffy, Russia's Military Way, S.128, 144; Curtiss, Peasant and the Army, S.110.

11 Vgl. Ebd., S.110; Hosking, Nation und Imperium, S.216 Duffy, Russia's Military Way, S.129.

12 Vgl. Ebd., S.129; Goehrke, Russischer Alltag, S.98f; Beyrau, Militär und Gesellschaft, S.145.

13 Vgl. Ebd., S.146f; Duffy, Russia's Military Way, S.129.

14 Vgl. Lieven, Dominik: Russland gegen Napoleon. Die Schlacht um Europa, München 2011, S.132.

15 Vgl. Duffy, Russia's Military Way, S.144; Beyrau, Militär und Gesellschaft, S.148.

16 Vgl. Curtiss, The Peasant and the Army, S.112.

17 Vgl. Duffy, Russia's Military Way, S.132; Rothenberg, Art of Warfare, S.22, 197.

18 Vgl. Duffy: Russia's Military Way, S.130; Goehrke, Russischer Alltag, S.99.

19 Zitiert nach: Duffy, Christopher: Russia's Military Way to the West. Origins and Nature of Russian Military Power 1700-1800, London 1981, S.125.

20 Vgl. Goehrke, Russischer Alltag, S.97.

21 Vgl. Beyrau, Militär und Gesellschaft, S.129; Curtiss, The Peasant and the Army, S.111f.

22 Vgl. Goehrke, Russischer Alltag, S.97; Duffy, Russia's Military Way, S.149.

23 Vgl. Beyrau, Militär und Gesellschaft, S.53, 157; Hosking, Nation und Imperium, S.225; Rothenberg, Art of Warfare, S.197.

24 Vgl. Ebd., S.197; Mikaberidze, Alexander: The Russian Officer Corps in the Revolutionary and Napoleonic Wars. 1792 - 1815, New York 2005, S.xxf.

25 Vgl. Ebd., S.xx, xxii; Rothenberg, Art of Warfare, S.197; Beyrau, Militär und Gesellschaft, S.53.

26 Vgl. Ebd., S.132; Duffy, Borodino, S.28; Lieven, Russland gegen Napoleon, S.139; Hosking, Nation und Imperium, S.224.

27 Vgl. Ebd., S.225; Gitermann, Valentin: Geschichte Russlands, Hamburg 1949, S.507f.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Besieger Napoleons. Über die zaristische Armee zur Zeit der Koalitionskriege
Untertitel
Charakteristika und Besonderheiten der russischen Truppen
Hochschule
Universität Regensburg  (Südosteuropa)
Veranstaltung
Napoleon in Moskau, Zar Alexander I. in Paris und Wien
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
26
Katalognummer
V918862
ISBN (eBook)
9783346227843
ISBN (Buch)
9783346227850
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Russland, Armee, Napoleon, Koalitionskriege
Arbeit zitieren
Felix Lodermeier (Autor), 2018, Die Besieger Napoleons. Über die zaristische Armee zur Zeit der Koalitionskriege, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/918862

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