Zukunft mit Sicht auf die Herkunft

Grundlagen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Eltern von Jugendlichen in der Heimerziehung


Seminararbeit, 2008
21 Seiten, Note: 1,5
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen zur Arbeit mit Eltern in der Heimerziehung
2.1. Begriffsbestimmung „Heimerziehung“
2.2. Begriffsbestimmungen „Elternarbeit“
2.3. Begründung der Elternarbeit
2.3.1. Rechtliche Grundlagen der Elternarbeit
2.3.2. Begründung der Elternarbeit aus psychoanalytischer Sicht
2.4. Exkurs zur Situation der Elternarbeit in der Bundesrepublik Deutschland

3. Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit Eltern von Jugendlichen in der Heimerziehung

4. Formen und Methoden der Zusammenarbeit mit Eltern von Jugendlichen
4.1. Elternarbeit in Form von Kontaktpflege
4.2. Elternarbeit als gezielte methodische Arbeit
4.3. Spezifische Problemlagen
4.3.1. Elternarbeit ohne Eltern
4.3.2. Elternarbeit bei sexueller Gewalttätigkeit an jugendlichen Mädchen

5. Schlussbetrachtung

Quellenangaben

1. Einleitung

Zukunft mit Sicht auf die Herkunft - Grundlagen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Eltern von Jugendlichen in der Heimerziehung“ so lautet das Thema dieser Arbeit. Mit der Heimeinweisung eines Jugendlichen wird dieser aus seinem bisherigen sozialen Umfeld herausgenommen und in ein neues Bezugssystem integriert. Auch wenn eine Heimunterbringung ein Neuanfang für den jungen Menschen und für seine Eltern bedeutet – ein Mensch kann seine Herkunft nicht einfach hinter sich lassen, sie begleitet ihn ein Leben lang und wird auch bei einem Neuanfang eine Rolle spielen. Für Jugendliche und die Praxis der Heimerziehung bedeutet dies, dass ein junger Mensch nur in dem Geflecht aus Beziehungen und Interaktionen verstanden werden kann in dem dieser vor der Heimunterbringung gelebt hat. Zukunft ist für viele Jugendliche nur möglich, wenn ihre Herkunft nicht außer Acht gelassen wird. Die Basis hierfür könnte Elternarbeit sein.

Im Rahmen dieses Theorieprojektes soll diese Behauptung untersucht werden. Es stellt sich die Frage, inwieweit die Herkunft eine Rolle für die Zukunft eines Jugendlichen spielt. Ziel im ersten Teil dieser Arbeit ist es, die Bedeutung der Zusammenarbeit mit Eltern von Jugendlichen in der Heimerziehung darzustellen. Es werden Grundlagen und Sichtweisen vorgestellt, welche für die oft zeitaufwendige und kostenintensive Elternarbeit plädieren. Dabei wird der Blickwinkel speziell auf Jugendliche in der Heimerziehung gerichtet, da hier die meisten Zweifel an der Notwendigkeit von Elternarbeit bestehen. Allerdings muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass eine strikte Trennung, aufgrund vieler Parallelen und Gemeinsamkeiten, zwischen der Zusammenarbeit mit Eltern von Jugendlichen und der Zusammenarbeit mit Eltern von Kindern nicht möglich ist. Der zweite Teil des Projektes befasst sich mit konkreten Möglichkeiten der Elternarbeit. Es werden zielgerichtete Methoden der Elternarbeit aufgezeigt, welche den Sichtwinkel für die Möglichkeiten der Kooperation zwischen Eltern und pädagogischen Fachkräften erweitern sollen. Zum Schluss dieser Arbeit werden spezielle Problemlagen definiert, welche ein hohes Maß an Qualifikation und Fingerspitzengefühl vom pädagogischen Fachpersonal an die Elternarbeit in der Heimerziehung voraussetzen.

2. Grundlagen zur Arbeit mit Eltern in der Heimerziehung

Im Folgenden werden Grundlagen zur Zusammenarbeit mit Eltern von Kindern und speziell mit Eltern von Jugendlichen vorgestellt. Hierbei werden sowohl Sichtweisen aus der Pädagogik und Psychologie, als auch aus dem rechtlichen Bereich berücksichtigt. Im Anschluss soll durch konkrete Zahlen und Fakten die Theorie in der Praxis überprüft werden.

2.1. Begriffsbestimmung „Heimerziehung“

Heimerziehung ist ein Angebot der Hilfen zur Erziehung (HzE), nach den §§ 27 (Vorraussetzung einer erzieherischen Hilfe), 34 (Hilfe zur Erziehung durch Heimerziehung), 36 ( Hilfeplanung) und 41 (Hilfe für junge Volljährige) des SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfegesetz). Heimerziehung will im Rahmen der Jugendhilfe „Kindern und Jugendlichen, die in Folge individueller, sozialer und gesellschaftlicher Problemlagen in ihren Herkunftsfamilien überfordert oder gefährdet erscheinen, vorübergehend einen neuen, pädagogisch gestalteten und professionell strukturierten Lebensort […] bieten“ (Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge 2007, S. 450). Zielsetzung der Heimerziehung ist „… nach dem SGB VIII in erster Linie, die Rückkehr der Kinder und Jugendlichen in die eigene Familie […], die Erziehung in einer anderen Familie vorzubereiten […] oder die Selbständigkeit in einer auf länger angelegten Wohnform zu unterstützen“ (Kreft/Mielenz 2005, S. 413).

2.2. Begriffsbestimmungen „Elternarbeit“

Um sich mit der Thematik der Elternarbeit in der Heimerziehung auseinanderzusetzen, ist es zunächst wichtig, den Begriff der „Elternarbeit“ näher zu definieren.

Sehr differenziert erläutern Thurau und Büttner (in Petermann 1991, S. 424f.) Elternarbeit in der Heimerziehung und unterscheiden in diesem Kontext die mittelbare (informelle) von der unmittelbaren (formellen) Elternarbeit:

1. „ Mittelbar stellt sich der Umgang der Einrichtung mit den Besuchen der Eltern im Heim, den Besuchen und Beurlaubungen der Kinder und Jugendlichen bei den Eltern sowie der allgemeine Kontakt und Informationsaustausch zwischen Kind und Eltern als komplexer Elternarbeitsbestandteil dar. Die Kenntnis, Steuerung und Nutzung dieser Interaktions- und Kommunikationsprozesse zwischen Eltern und den Kindern ist elementarer Bestandteil eines Gesamtkonzeptes von Elternarbeit.“

2. „ Unmittelbar verstehen wir unter Elternarbeit jeden vom Heim geplanten und durchgeführten Kontakt mit der Herkunftsfamilie des Kindes. Dieser Kontakt folgt dabei einer am Einzelfall orientierten Zielsetzung und ist von informellen Kontakten zwischen Heim und Eltern deutlich abzugrenzen. Um ein Mindestmaß an Zielgerichtetheit und Kontinuität zu gewährleisten, sollte von Elternarbeit nur dann gesprochen werden, wenn mindestens vier intensive Gespräch pro Jahr durchgeführt werden.“

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass unter Elternarbeit in erster Linie der geplante Kontakt zwischen den zuständigen Vertretern der Heimeinrichtung und den Eltern[1] der Kinder und Jugendlichen zu verstehen ist. Ziel dabei ist es, mittels wechselseitiger Kommunikation eine Grundlage für eine gemeinsame Zusammenarbeit zu schaffen, welche zu Gunsten der Kinder und Jugendlichen, die Erziehungskompetenz von Eltern und Heimerziehern erhöhen soll.

2.3. Begründung der Elternarbeit

„Grundsätzlich bestreitet keiner die Notwendigkeit der Zusammenarbeit von Eltern und Heimmitarbeitern“ schreibt Marie Luise Conen und belegt dies durch Hinweise auf verschiedene Wissenschaftler (2002, S. 23). „Grundsätzlich“ verdeutlicht dabei, dass Elternarbeit für eine gelungene Heimerziehung als elementarer Bestandteil angesehen wird, es aber auch kritische Standpunkte[2] dazu gibt.

Im Folgenden sollen die Zweifel an der Notwendigkeit von Elterarbeit dezimiert werden. Es wird untersucht, ob Heimerziehung ohne die Einbeziehung der Bezugspersonen von Kindern und Jugendlichen möglich und zweckmäßig ist. In der Literatur finden sich zahlreiche Argumente für die Elternarbeit, deren Aufzählung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Aus diesem Grund werden im Folgenden die Hauptargumente aus zwei verschiedenen Gebieten und Sichtweisen dargelegt: aus dem rechtlichen und dem psychoanalytischen Bereich.

2.3.1. Rechtliche Grundlagen der Elternarbeit

Das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) beinhaltet zwei wichtige Leitnormen und Prinzipien, welche für die Notwendigkeit, Bedeutung und Ausgestaltung der Elternarbeit wegweisend sind: Partizipation und Lebensweltorientierung der Betroffenen.

In § 34 Abs. 1 KJHG wird als ein Ziel der Heimerziehung die Rückführung des Kindes bzw. Jugendlichen in seine Herkunftsfamilie genannt. Noch differenzierter verdeutlicht § 37 Abs. 1 KJHG den Stellenwert der Elternarbeit in der Jugendhilfe und die damit verbundene Partizipation der Betroffenen:

„Bei Hilfen nach §§ 32 bis 34 soll darauf hingewirkt werden, dass die Pflegeperson oder die in der Einrichtung für die Erziehung verantwortlichen Personen und die Eltern zum Wohl des Kindes oder des Jugendlichen zusammenarbeiten. Durch Beratung und Unterstützung sollen die Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie innerhalb eines im Hinblick auf die Entwicklung des Kindes oder Jugendlichen vertretbaren Zeitraums so weit verbessert werden, dass sie das Kind oder den Jugendlichen wieder selbst erziehen können. Während dieser Zeit soll durch begleitende Beratung und Unterstützung der Familien darauf hingewirkt werden, dass die Beziehung des Kindes oder Jugendlichen zur Herkunftsfamilie gefördert wird. Ist eine nachhaltige Verbesserung der Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie innerhalb dieses Zeitraums nicht erreichbar, so soll mit den beteiligten Personen eine andere, dem Wohl des Kindes oder des Jugendlichen förderliche und auf Dauer angelegte Lebensperspektive erarbeitet werden“ (Stascheit 2006, S. 1062f).

Auch im Rahmen der Hilfeplanung (gemäß § 36 KJHG) steht den Personensorgeberechtigten Partizipation zu: „Ihre Wünsche und Vorstellungen und Vorschläge sind sowohl vor der Entscheidungsfindung einer stationären Erziehungshilfe, aber ebenso bei den mindestens zweimal pro Jahr stattfindenden Hilfeplangesprächen, an denen die Eltern teilnehmen, zu berücksichtigen“ (Günder 2007a, S. 221). Ziel dieser frühzeitigen Berücksichtigung der Eltern ist, dass diese „sich als ernst genommene und ernst zu nehmende Partner im Entscheidungsprozeß wahrnehmen können“ (Münder 1991, S.186). Hierdurch wird die Vorraussetzung geschaffen, dass ein Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Institution hergestellt wird, welches die Basis für eine fruchtbare weitere Zusammenarbeit darstellen kann.

Aber nicht nur die Partizipation unterstreicht die Notwendigkeit einer permanenten und qualitätsorientierten Elternarbeit innerhalb der Jugendhilfe, sondern auch die vom KGHG als Leitnorm vorgegebene Lebensweltorientierung. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2002, S. 63) schreibt hierzu folgendes:

„Lebensweltorientierung bedeutet konsequente Hinwendung zu und Orientierung an den Lebenslagen und Lebensverhältnissen sowie den Deutungsmustern der Adressantinnen und Adressaten. Sie sind Ausgangspunkt und Angelpunkt der Angebote und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Damit werden entgegen einem expertenhaft-distanzierten Handeln, verstärkt die Ressourcen der Beteiligten einbezogen und ihre Eigenverantwortung und ihre Teilhabemöglichkeiten gestärkt.“

Abschließend lässt sich festhalten, dass durch das Kinder- und Jugendhilfegesetz die Arbeit mit Familien von Heimkindern verbindlich vorgeschrieben wird und somit nicht von Vorlieben oder anderen Zufälligkeiten der einzelnen Heime abhängig sein sollte (vgl. Günder 2007a, S. 210).

2.3.2. Begründung der Elternarbeit aus psychoanalytischer Sicht

Neben den rechtlichen Argumenten, die für die Elternarbeit in der Heimerziehung sprechen, sind es vor allem Ansätze aus der Pädagogik und Psychologie, welche den Stellenwert der Zusammenarbeit zwischen Eltern und Heimmitarbeitern hervorheben. Nach Richard Günders Auffassung gibt es drei wesentliche Begründungsansätze: den pragmatischen Ansatz, den systemischen und familientherapeutischen Ansatz und den psychoanalytischen Ansatz (vgl. Günder 1989, S. 96ff). Wobei der letztgenannte psychoanalytische Ansatz, „… sowohl die Grundlagen des pragmatischen als auch des systemischen und familientherapeutischen Ansatzes [umfasst]“ und weiterhin explizit die Bedeutung der Zusammenarbeit mit Eltern von Jugendlichen hervorhebt (Günder 1989, S.98). Aus diesem Grund liefert er argumentationsstarke Folgerungen für die Elternarbeit in der Heimerziehung und wird daher im Folgenden näher erläutert.

[...]


[1] Wenn im Rahmen dieser Arbeit von „Eltern“ oder Herkunftseltern“ gesprochen wird, so sind damit in erster Linie die leiblichen/physiologischen Eltern eines Kindes bzw. Jugendlichen gemeint.

[2] Ausführlicheres hierzu unter anderem in dem Buch „Elternarbeit in der Heimerziehung“ (2002) von Marie-Luise Conen (S. 147ff.).

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Details

Titel
Zukunft mit Sicht auf die Herkunft
Untertitel
Grundlagen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Eltern von Jugendlichen in der Heimerziehung
Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main
Note
1,5
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V91890
ISBN (eBook)
9783638059800
ISBN (Buch)
9783638951753
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zukunft, Sicht, Herkunft
Arbeit zitieren
Anonym, 2008, Zukunft mit Sicht auf die Herkunft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91890

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