Erinnerung in Uwe Timms "Am Beispiel meines Bruders". Medien und Gedächtnisformen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

25 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen: Gedächtniskontexte und erinnerungstheoretische Fragestellungen

3. Gedächtnisformen bei Timm
3.1 Das autobiographische Gedächtnis
3.2 Das kommunikative Gedächtnis
3.3 Das Familiengedächtnis
3.4 Das kulturelle Gedächtnis

4. Medien der Erinnerung
4.1 Fotos
4.2 Briefe
4.3 Tagebuch

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Das Gedächtnis ist in der Lage, die Existenz des Menschen zu einer Gesamtheit zusammenzuschweißen. Besäßen Personen kein Vermögen darüber, sich zu erinnern, käme es zu einem Zusammenbruch des Wissens über den Menschen selbst und über die Welt, sodass dies in einzelne ungeordnete Puzzlestücke fallen würde. Gedächtnis und Erinnerung sind somit unverzichtbar für eine Herstellung von Ordnung und Orientierung von vergangenen und gegenwärtigen Aspekten. Erinnerungen können daher als Verbindungsglied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verstanden werden.1 Aufgrund dessen zählen „das Gedächtnis als basales Organ und die Erinnerung als zentrale Fähigkeit“2 zu einem Kern der menschlichen Aufmerksamkeit.

Dieses Interesse hat sich in den letzten Jahrzehnten vervielfacht und hatte die Entwicklung unterschiedlicher Forschungsansätze und Fragestellungen zur Folge. Die Thematik Gedächtnis und Erinnerung wird sowohl in den Kultur- und Naturwissenschaften behandelt als auch in der Politik und im Alltag.3 Weiterhin findet das besagte Thema in der Literaturwissenschaft Anklang. Es gibt mittlerweile eine hohe Anzahl an Texten, die sich mit dem Thema der Erinnerung auf diverse Arten auseinandersetzen. Dies ist beispielsweise bei dem Schriftsteller Uwe Timm der Fall. In seinem Werk Am Beispiel meines Bruders erzählt der Autor mit Hilfe von Erinnerungssequenzen seine Familiengeschichte. Timm reflektiert dabei die Entstehung und Funktionsweise von Erinnerungen. Er stellt unter anderem in Frage, ob Erinnerungen einer Authentizität unterliegen. Deshalb werden verschiedene Informationen gesammelt, um eine Widerlegung oder Belegung dieser stattfinden zu lassen.4 Die Überprüfung dieser Zweifel des Autors und eine Einschätzung seiner Informationsquellen werden im Folgenden eine zentrale Rolle spielen.

Die vorliegende Arbeit setzt sich folglich mit dem Thema Erinnerung in Uwe Timms Werk Am Beispiel meines Bruders auseinander. Die schriftliche Ausarbeitung lässt sich in drei Bereiche gliedern. Der erste wird durch einen Theorieteil abgedeckt, der Gedächtniskontexte und erinnerungstheoretische Fragestellungen hervorbringen soll. Unterschiedliche kulturwissenschaftliche Gedächtnistheorien, basierend auf den Konzepten von Jan und Aleida Assmann zum kulturellen und kommunikativen Gedächtnis, werden dabei helfen, die wesentlichen Terminologien, die in dieser Arbeit benötigt werden, zu definieren. Im zweiten und dritten Teil gilt die Aufmerksamkeit dem Werk Uwe Timms. Zunächst werden die verschiedenen Gedächtnisformen, welche im vorherigen Abschnitt vorgestellt wurden, nacheinander abgehandelt, wobei sie einer Analyse des Textes in Bezug auf das Gedächtnis dienen. Es soll herausgestellt werden, inwiefern diese im Werk vorhanden sind. Auf Verfälschungen von Erinnerungen wird in diesem Kapitel ebenfalls das Augenmerk gerichtet. Somit wird eine Verbindung zwischen dem Theorieteil und der Literaturwissenschaft hergestellt. Im vorletzten Kapitel werden die Medien der Erinnerung, die Uwe Timm in seinem Werk nutzt, genauer betrachtet. Es soll analysiert werden, warum und mit Hilfe welcher Medien erinnert wird und welchen Wert diese Erinnerungen, vor allem hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit, besitzen. Das letzte Kapitel dient der Zusammenfassung der Ergebnisse dieser Arbeit.

2. Theoretische Grundlagen: Gedächtniskontexte und erinnerungstheoretische Fragestellungen

Um eine Grundlage für die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung zu schaffen, müssen zunächst unterschiedliche wissenschaftliche Fachgebiete miteinander verknüpft werden.

Gedächtnis und Erinnerung sind klar zu differenzieren: Nur durch das Gedächtnis kann eine Erinnerung ermöglicht werden. Neben dem autobiographischen Gedächtnis, welches der Neurowissenschaft zugrunde liegt, existieren die kulturwissenschaftlich zu fassenden Gedächtnisformen des kollektiven, des kulturellen und des kommunikativen Gedächtnisses.5

Das autobiographische Gedächtnis findet sich in Forschungen der Neuro- und Kulturwissenschaft wieder. Harald Welzer und Hans J. Markowitsch setzten sich als Vorreiter mit der Thematik auseinander.6 Diese stellen vor allem die identitätsstiftende Funktion heraus: „Es ist das autobiographische Gedächtnis, was den Menschen zum Menschen macht, also das Vermögen, „Ich“ sagen zu können und damit eine einzigartige Person zu meinen, die eine besondere Lebensgeschichte, eine bewußte Gegenwart und eine erwartbare Zukunft hat.“7 Das autobiographische Gedächtnis gibt somit eine Resonanz über die eigene Person. Es kann Ereignissen aus der Vergangenheit eine Struktur verleihen, sodass diese mit dem jetzigen Ich stimmig ist.8 Auf die inhaltliche Ebene bezogen lässt sich sagen, dass alle Erfahrungen, die das Individuum selbst erlebt hat, zum autobiographischen Gedächtnis zählen. Emotionen und eine bildhafte Vorstellung gehören zu den wichtigsten Merkmalen solcher Erinnerungen.9 Jedoch ist beim autobiographischen Gedächtnis Vorsicht geboten, denn „unsere lebensgeschichtlichen Erinnerungen, also das, was wir für die ureigendsten Kernbestandteile unserer Autobiographie halten, [müssen] gar nicht zwingend auf eigene Erlebnisse zurückgehen, sondern [werden] oft aus ganz anderen Quellen aus Büchern, Filmen und Erzählungen etwa, in die eigene Lebensgeschichte importiert.“10 Autobiographische Erinnerungen sind allgemein empfänglich für eine Verwechslung von Geschehnissen und Ursprüngen von Ereignissen.11 Warum wir falsch erinnern, hat mehrere Gründe. Zum Beispiel das Verblassen von Erinnerungen, Blockaden beim Ablauf von Erinnerungen, Fehlerinnerungen durch Quellenverwechslungen, Suggestibilität und Verzerrungen von Erinnerungen.12 Solche manipulierten Erinnerungen13 können so real sein, wie es bei einer richtigen Erinnerung der Fall wäre.14 Elisabeth Loftus ist die Person, die sehr häufig mit dieser Thematik in Verbindung gebracht wird.

Halbwachs prägte den Begriff des kollektiven Gedächtnisses, welcher von Jan und Aleida Assmann übernommen wurde. Diese unterteilten den Terminus wiederrum in das kulturelle und das kommunikative Gedächtnis. Letzteres wurde von Harald Welzer als das „Kurzzeitgedächtnis der Gesellschaft“15 betitelt. Es meint die mündliche Weitergabe von Erfahrungen, wobei es „durch ein hohes Maß an Unspezialisiertheit, Rollenreziprozität, thematische Unfestgelegtheit und Unorganisiertheit“16 gekennzeichnet ist. Es ist weiterhin auf lebendige Träger angewiesen, weshalb es einen Zeitrahmen von 80 Jahren, also etwa drei bis vier Generationen, abdeckt. Deshalb ist es einem ständigen Wandel ausgesetzt. Das kommunikative Gedächtnis ist daraus resultierend durch Alltagsnähe charakterisiert, denn es handelt sich um Erinnerungen, die sich auf die gegenwärtige Vergangenheit beziehen.17

Im Gegensatz zum kommunikativen Gedächtnis definiert Assmann das kulturelle Gedächtnis als „Sammelbegriff für alles Wissen, das im spezifischen Interaktionsrahmen einer Gesellschaft Handeln und Erleben steuert und von Generation zu Generation zur wiederholten Einübung und Einweisung ansteht.“18 Außerdem weist es eine Alltagsferne auf. Weiterhin zeichnet es sich durch Identitätskonkretheit, Rekonstruktivität, Geformtheit, Organisiertheit und Verbindlichkeit aus.19 Welzer trifft es mit seiner kurzen Definition zusammenfassend auf den Punkt, denn das kulturelle Gedächtnis „stützt sich auf Fixpunkte, die gerade nicht mit der Gegenwart mitwandern, sondern als schicksalhaft und bedeutsam markiert werden und durch kulturelle Formung […] wachgehalten werden.“20 Beispiele hierfür wären Riten, Denkmäler, Feste, Kleidung, Mythen, Museen und viele mehr. Das kulturelle Gedächtnis zählt aber auch zu dem Wissen, das in Büchern oder Filmen verewigt ist.21 Es überlebt den Erinnerungsträger, da es an die nach außen verlagerten Erinnerungen gebunden wurde.22 Das kulturelle Gedächtnis kann, gegensätzlich zum kommunikativen Gedächtnis, als ein Langzeitgedächtnis beschrieben werden, da sich hier das kommunikative Gedächtnis festschreibt.23 Nicklas betont die Veränderbar- und Interpretierbarkeit, welche aufgrund des Ablebens des Trägers entsteht, weshalb eine neue Bedeutung entstehen kann.24

Das kollektive Gedächtnis25 kann als Summe des kulturellen und kommunikativen Gedächtnisses verstanden werden. Eine allgemeine Definition des kollektiven Gedächtnisses gibt es jedoch nicht.26 Assmann ist der Meinung, es handle sich um ein bimodal funktionierendes Gedächtnis. Dieses funktioniere „im Modus der fundierenden Erinnerung, die sich auf Ursprünge bezieht und im Modus der biographischen Erinnerung, die sich auf eigene Erfahrungen und deren Rahmenbedingungen […] bezieht.“27 Aufgrund der Tatsache, dass es auf materielle Träger übergeben wird, erhält das kollektive Gedächtnis eine Stabilität, die über einen langen Zeitraum anhält.28 Diese Dauerhaftigkeit grenzt das kollektive Gedächtnis unter anderem vom Familiengedächtnis ab.

Maurice Halbwachs versteht die „Selbstthematisierung der Familie als Familie“29 als Familiengedächtnis. Bei der Kommunikation von Familienerinnerungen werden die Meinungen der einzelnen Mitglieder hervorgebracht, wodurch die Vergangenheit immer und immer wieder hervorgerufen wird. Dabei können viele Erlebnisse im Gedächtnis der anderen Angehörigen verändert werden. Jedes Familienmitglied kann seinen Teil dazu beitragen, um eine Familiengeschichte zu entwickeln.

Nach der theoretischen Einführung ergeben sich verschiedene Fragestellungen, die sich an Timms Text stellen lassen. So zum Beispiel, wie in dem Werk erinnert wird. Es interessiert außerdem, welche Gedächtnisformen der Text widerspiegelt. Da Erinnerungen leicht zu manipulieren sind, stellt sich zudem die Frage, wie zuverlässig die geschilderten Erinnerungen sind. Diese Fragestellungen sollen in den nachfolgenden Kapiteln geklärt werden.

3. Gedächtnisformen bei Timm

3.1 Das autobiographische Gedächtnis

In den folgenden Kapiteln sollen die verschiedenen Gedächtnisformen exemplarisch an Am Beispiel meines Bruders analysiert werden. Um den Umfang dieser Arbeit nicht ins Unermessliche zu treiben, können jedesmalig nur einige Passagen beispielhaft aus dem Werk herausgegriffen werden, die die jeweilige Thematik am besten widerspiegeln.

Die Erzählung steigt mit einer Erinnerung des Erzählers an ein Ereignis aus seinen frühen Kindheitstagen ein. Hierbei handelt es sich um „die einzige Erinnerung an den 16 Jahre älteren Bruder.“30 Das Erzähler-Ich behauptet sogar, dass es dabei um seine erste Erinnerung überhaupt geht, mit der „das Wissen von [ihm] selbst“31 beginnt:

Dort, das hat sich als Bild mir genau eingeprägt, über dem Schrank, sind Haare zu sehen, blonde Haare. Dahinter hat sich jemand versteckt – und dann kommt er hervor, der Bruder, und hebt mich hoch. An sein Gesicht kann ich mich nicht erinnern, auch nicht an das, was er trug, wahrscheinlich Uniform, aber ganz deutlich ist diese Situation: Wie mich alle ansehen, wie ich das blonde Haar hinter dem Schrank entdecke, und dann dieses Gefühl, ich werde hochgehoben – ich schwebe.32

Diese Begegnung ist für den Erzähler positiv konnotiert, denn bei der Erinnerung daran steigen „Lachen, Jubel [und] eine unbändige Freude“33 in ihm auf. Es ist ein Ereignis, das mit Emotionen behaftet ist. Solche Erlebnisse finden häufiger den Weg in die Erinnerung, was zu einer dauerhaften Verfestigung führen kann: „Je emotional gefärbter eine Erinnerung, desto besser und wahrscheinlicher wird sie hervorgerufen.“34 Genauer betrachtet erinnert sich der Erzähler mehr an seine Gefühle, als an die eigentliche Begebenheit. Das Aussehen des Bruders – bis auf die blonden Haare – hat sich nicht in die Erinnerung eingebrannt. Die Tatsache, dass es sich bei dem weißen Schrank um einen Besenschrank handelte, weiß er nur aus nachträglichen Erzählungen. Zu Beginn wird somit bereits der problematische Charakter autobiographischer Erinnerung deutlich.

Eine weitere Erinnerung, die mit Emotionen belastet ist, findet sich einige Kapitel später. Hierbei geht es um ein negatives Gefühl. Der Erzähler berichtet von einem Sonntagsspaziergang, den er mit seinem Vater und seiner Mutter tätigt. Er beschreibt die Kleidung, die die jeweiligen Personen trugen: „Der Vater mit Hut und im leichten Sommermantel, in der Hand die Lederhandschuhe, die Mutter im Kostüm, einem hellen Staubmantel, Garnhandschuhe, das Kind in hellen Hosen, weißen Kniestrümpfen, so gingen wir am Seeufer spazieren.“35 Das Gefühl, das er bei dieser Erinnerung empfindet, umschreibt er als „Lähmung, eine Lähmung beim Atmen, eine Lähmung beim Denken, eine Lähmung der Erinnerung.“36 Ob dieses Ereignis so stattgefunden hat, ist fraglich. Erinnerungen an etwas Unangenehmes werden in der Regel eher gemieden oder sogar falsch erinnert.37 Es kann also nicht sicher gesagt werden, ob diese Schilderung der Wahrheit entspricht, denn sogar der Erzähler ist sich der Lähmung seiner Erinnerung bewusst.

Das Erzähler-Ich berichtet häufig von sogenannten Bildern, wie sie im theoretischen Kapitel vorgestellt wurden, die sich in seiner Erinnerung wiederfinden. Eins bezieht sich auf die zweite Kindheitserinnerung des Erzählers, welche auf den Hamburger Feuersturm 1943 Bezug nimmt. Fackeln, die die Straße säumen und brennende Bäume, wobei in der Luft kleine Flämmchen schweben, zählen hierzu.38 Der Erzähler war zu diesem Zeitpunkt drei Jahre alt, was das Vorhandensein von lediglich ein paar Erinnerungsfetzen erklärt. Er sagt, dass es erst heute Sinn macht, „denn nur von heute aus gesehen sind es Kausalketten, die alles einordnen und faßlich machen.“39 Die Gefahr, „glättend zu erzählen“40, ist ihm durchaus bewusst. Er fordert die Erinnerung zum Sprechen auf.41 Es lässt sich erkennen, dass das erinnernde Ich mit seinen Erinnerungen und deren Authentizität hadert, da er sich darüber bewusst ist, dass die Erzählungen anderer Einklang in seinem Gedächtnis finden: „Sie hatten die Dinge ergriffen, wie sie gerade standen oder lagen, schon stürzten Balken und Mauerteile herab. Sie trugen sie auf die Straße, wo all die anderen Bewohner standen, darunter die Mutter, das Kind, mich, auf dem Arm […]. Das andere sind Erzählungen.“42

Ein weiteres, deutliches Erinnerungsbild ist das der Mutter, „wie sie dasitzt und näht.“43 Auch der Vater, wie er „über die Ausbauerwand hinweg nach draußen [blickte]“44, wird vom Erzähler erinnert. Dabei muss immer darauf geachtet werden, dass nicht alles, was als autobiographische Erinnerung eingestuft wird, in Wahrheit dem tatsächlich Erlebten entspricht. Stattdessen können mediale Einflüsse hervortreten, die die Erinnerungsbilder bestimmen.45

Wenn sich beispielsweise Angehörige an ein Ereignis erinnern, der Einzelne aber nicht, neigt dieser dazu, zu denken, das Ereignis sei tatsächlich passiert und der Einzelne sei auch dabei gewesen.46 Das erzählende Ich vertraut auf die Aussagen der Bekannten und ist, um Erinnerungslücken zu schließen, sogar auf deren Informationen angewiesen: „Ist meine Mutter damals mitgegangen? Ich habe es versäumt – wie so vieles andere auch –, noch einmal nachzufragen.“47

Durch die aufgeführten Textstellen und Belege wurde deutlich, dass es keine Verlässlichkeit in Bezug auf das autobiographische Gedächtnis geben kann.

3.2 Das kommunikative Gedächtnis

Das kommunikative Gedächtnis steht in engem Zusammenhang mit dem Familiengedächtnis, auf welches in einem späteren Kapitel eingegangen wird.

Wie im Eingangskapitel deutlich wurde, lebt das kommunikative Gedächtnis von einer mündlichen Weitergabe von Ereignissen und Erlebnissen. Dieser Aspekt wird in Timms Werk vor allem an der Stelle ersichtlich, als von den Erzählungen von Arthur Kruse berichtet wird: „Seine Geschichten, die großen und kleinen Erlebnisse, habe ich vergessen, bis auf eine, die mir diesen […] Mann für immer unheimlich machte.“48 Kruse erzählte vom Krieg und von seinen Erfahrungen, die er dort machte. Vom Krieg wurden viele Geschichten erzählt, „in den Betrieben, den Kneipen, zu Hause, im Dialekt, im gepflegten Hochdeutsch.“49 Bei Timm geht es unter anderem darum, die Probleme dieser Alltagskommunikation beziehungsweise des kommunikativen Gedächtnisses zu lichten. Der Erzähler sieht es als Schwierigkeit, dass es möglich war, all diese Sachen „ganz frei [zu] erzählen.“50 Es wird zudem deutlich, dass das kommunikative Gedächtnis auf seine Träger angewiesen ist: „Noch Jahre nach dem Krieg, mich durch meine Kindheit begleitend, wurden diese Erlebnisse immer und immer wieder erzählt, was das ursprüngliche Entsetzen langsam abschliff, das Erlebte faßbar und schließlich unterhaltend machte.“51 Nur durch die Träger können solche Erinnerungen wachgehalten und verbreitet werden. Derartige Weitergaben sind somit „wie ein Schlüssel, die in unserem Gedächtnis die Tür zu diesen Erinnerungen eröffnet.“52

[...]


1 Vgl. Gonca Kismir: Kulturelles und kommunikatives Gedächtnis in Uwe Timms »Am Beispiel meines Bruders«. In: Identitätskonstruktionen in der deutschen Gegenwartsliteratur. Hg. v. Monika Wolting, Göttingen 2017 (= Deutschsprachige Gegenwartsliteratur und Medien, 23), S. 251.

2 Gudehus, Christian; Eichenburg, Ariane; Welzer, Harald: Vorwort. In: Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Handbuch. Hg. v. Christian Gudehus u. a. Stuttgart 2010.

3 Vgl. ebd.

4 Vgl. Simone Christina Nicklas: Erinnern führt ins Innere. Erinnerung und Identität bei Uwe Timm. Marburg 2015 (= Studien zu Literatur und Film der Gegenwart, 10), S. 75.

5 Vgl. ebd., S. 10.

6 Vgl. Stephanie Catani: Geschichte im Text. Geschichtsbegriff und Historisierungsverfahren in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Tübingen 2016, S. 310.

7 Hans J. Markowitsch, Harald Welzer: Das autobiographische Gedächtnis. Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung. Stuttgart 2005, S. 11.

8 Vgl. Nicklas: Erinnern führt ins Innere, S. 13.

9 Vgl. Rüdiger Pohl: Das autobiographische Gedächtnis. In: Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Handbuch. Hg. v. Christian Gudehus u. a. Stuttgart 2010, S. 75.

10 Harald Welzer: Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung. München 2005, S. 12.

11 Vgl. Markowitsch, Welzer: Das autobiographische Gedächtnis, S. 26.

12 Vgl. ebd., S. 28f.

13 Oftmals auch unter dem Begriff false memories bekannt.

14 Vgl. ebd., S. 32.

15 Welzer: Das kommunikative Gedächtnis, S. 14.

16 Ebd., S. 13f.

17 Vgl. ebd., S. 50.

18 Ebd., S. 13.

19 Vgl. ebd., S. 14f.

20 Ebd., S. 14.

21 Vgl. Nicklas: Erinnern führt ins Innere, S. 31.

22 Vgl. Daniel Levy: Das kulturelle Gedächtnis. In: Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Handbuch. Hg. v. Christian Gudehus u. a. Stuttgart 2010, S. 93.

23 Vgl. Nicklas: Erinnern führt ins Innere, S. 32.

24 Vgl. ebd., S. 33.

25 Wird nicht explizit anhand des Textes analysiert, da es Überschneidungen mit den übrigen Gedächtnisformen geben würde. Es wird hier dennoch thematisiert, um die Verbindung zum kulturellen und kommunikativen Gedächtnis aufzuzeigen.

26 Vgl. Sabine Moller: Das kollektive Gedächtnis. In: Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Handbuch. Hg. v. Christian Gudehus u. a. Stuttgart 2010, S. 85.

27 Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München 2005, S. 52.

28 Vgl. Nicklas: Erinnern führt ins Innere, S. 30.

29 Ebd., S. 37.

30 Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders. München 2006, S. 7.

31 Ebd.

32 Ebd.

33 Ebd.

34 Nicklas: Erinnern führt ins Innere, S. 22.

35 Timm: Am Beispiel meines Bruders, S. 55.

36 Ebd.

37 Vgl. Pohl: Das autobiographische Gedächtnis, S. 82.

38 Vgl. Timm: Am Beispiel meines Bruders, S. 35.

39 Ebd., S. 36.

40 Ebd.

41 Vgl. ebd.

42 Ebd., S. 35.

43 Ebd., S. 46.

44 Ebd., S. 106.

45 Vgl. Catani: Geschichte im Text, S. 312.

46 Vgl. Pohl: Das autobiographische Gedächtnis, S. 82.

47 Timm: Am Beispiel meines Bruders, S. 130.

48 Ebd., S. 126.

49 Ebd., S. 127.

50 Ebd., S. 128.

51 Ebd., S. 36.

52 Kismir: Kulturelles und kommunikatives Gedächtnis in Uwe Timms »Am Beispiel meines Bruders«, S. 254.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Erinnerung in Uwe Timms "Am Beispiel meines Bruders". Medien und Gedächtnisformen
Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
2,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
25
Katalognummer
V919285
ISBN (eBook)
9783346246240
ISBN (Buch)
9783346246257
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erinnerung, timms, beispiel, bruders, medien, gedächtnisformen
Arbeit zitieren
Nina Hans (Autor), 2020, Erinnerung in Uwe Timms "Am Beispiel meines Bruders". Medien und Gedächtnisformen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/919285

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