Kants Moral- und Rechtsphilosophie. Gegenüberstellung der Abhängigkeitsthese und Trennungsthese


Hausarbeit, 2019

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zitierweise der Schriften Kants und Sigelliste

I. Einleitung

II. Grundlegende Probleme
Die „offizielle“ Sichtweise
Rechtsprinzip und kategorischer Imperativ

III. Die Abhängigkeitsthese
Recht als Maximierung von Freiheitssphären: Paul Guyer
Die Verbindlichkeit des Rechts: Wolfgang Kersting

IV. Die Trennungsthese
Unterschiedliche Freiheitsbegriffe?
Moralisch indifferente und moralwidrige staatliche Handlungen
Widerstandsverbot, Erlaubnisgesetze und das Problem des exeundum

V. Fazit

Literaturverzeichnis

Zitierweise der Schriften Kants und Sigelliste

Die Werke Kants werden nach der Ausgabe der Preussischen Akademie der Wissenschaft zitiert (Kant, Immanuel: Gesammelte Schriften. Hrsg.: Bd. 1-22 Preussische Akademie der Wissenschaften, Bd. 23 Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin, ab Bd. 24 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Berlin 1900ff.). Alle Zitate folgen der originalen Orthographie. Die Zitation erfolgt unter Angabe einer Sigle sowie der Seitenzahl (Sigle, Seitenzahl). Bei Zitaten aus der Kritik der reinen Vernunft wird, sofern vorhanden, die Seitenzahl sowohl der A- als auch der B-Ausgabe angegeben. Die Siglen sowie die Nummer des Bandes, in welchem sich die jeweilige Schrift befindet (Seitenzahlen in Klammern), sind der nachfolgenden Tabelle zu entnehmen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

I. Einleitung

Immanuel Kant gilt als Philosoph, der wie kaum ein zweiter menschliche Freiheit ins systematische Zentrum seiner praktischen Philosophie stellt. Andererseits erscheint er vielen als Vertreter einer strikten Gehorsamspflicht nicht nur gegenüber dem moralischen Gesetz, sondern auch gegenüber selbst unmoralisch verfahrenden staatlichen Machthabern, denen er zudem weitreichende Zwangsbefugnis­se zugesteht. Beide Positionen scheinen auf den ersten Blick einen glatten Widerspruch darzustellen, und es stellt sich daher die Frage, ob Kant plausibel zwischen beiden vermitteln kann. Diese Frage soll Gegenstand dieser Arbeit sein – präziser formuliert soll es darum gehen, inwiefern sich Kants Rechtsphilosophie aus seiner Moralphilosophie ableiten lässt.

Seit Jahrzehnten wird diese Frage in der Kant-Forschung kontrovers diskutiert: Auf der einen Seite stehen die Vertreter der Abhängigkeitsthese, die die grundlegende Einheit von Kants praktischem Philosophiegebäude behaupten; auf der anderen Seite Verfechter der Trennungs- oder Unabhängigkeitsthese, die genau dies vehemt bestreiten. Im Laufe der Untersuchung sollen die zentralen Streitpunkte dieser Debatte herausgearbeitet werden, wobei dafür argumentiert werden soll, dass die Trennungsthese insgesamt plausibler ist. Die Vorgehensweise ist hierbei die Folgende: Zu Beginn muss erörtert werden, warum die Frage nach dem Verhältnis von Rechts- und Moralphilosophie überhaupt problematisch ist und weshalb in der Kant-Forschung verschiedene Positionen hierzu existieren – der „offiziellen“ Sichtweise zufolge, die sich aus der Stellung der Rechtslehre in Kants System ergibt, ist das Verhältnis nämlich relativ unproblematisch. Kant selbst scheint diese Sichtweise in den Einleitungen und, was noch augenfälliger ist, den Titeln der relevanten Werke zu vertreten. Wie gezeigt werden soll, ist hierbei insbesondere das Verhältnis von Rechtsprinzip und kategorischem Imperativ kontrovers (II). Sodann werden exemplarisch zwei Vertreter der Abhängigkeitsthese vorgestellt, um zu sehen, inwiefern diesem Problem begegnet werden könnte (III): Paul Guyer, der das Recht vor allem als Mittel zur Durchsetzung des in der Moralphilosophie entwickelten kantischen Freiheitsbegriffs begreift, und Wolfgang Kersting, welcher die Auffassung vertritt, Kants Moralphilosophie liefere die geltungstheoretischen Voraussetzungen für die Anerkennung der Verbindlichkeit des Rechts. Anschließend sollen Argumente für die Trennungsthese vorgestellt werden (IV). Diskutiert wird hierbei unter anderem die Frage, ob Kant in seiner Rechtsphilosophie vom Freiheitsbegriff seiner Rechtsphilosophie abweicht. Bejaht wird diese Frage vor allem von Julius Ebbinghaus und Marcus Willaschek, während hingegen Guyer und Kersting dies entschieden bestreiten. Das wohl gewichtigste Argument für die Trennungsthese scheint jedoch zu sein, dass Kant staatliche Zwangshandlungen auch in moralisch indifferenten Fällen für legitim hält. Es soll dafür argumentiert werden, dass Kant sich zu diesem Schritt genötigt sah, da er das Problem des exeundums auf dem alleinigen Boden seiner Moralphilosophie nicht lösen konnte. Wie gezeigt werden soll, spricht hierfür vor allem die zentrale Rolle der sogenannten Erlaubnisgesetze.

II. Grundlegende Probleme

Die „offizielle“ Sichtweise

Bereits die Titel der relevanten Werke scheinen ein Ableitungsverhältnis zwischen Kants Moral- und Rechtsphilosophie nahezulegen: Eine Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, die neben der Kritik der praktischen Vernunft das wohl wichtigste Werk in Kants Moralphilosophie darstellt, soll offensichtlich auf eine Metaphysik der Sitten vorbereiten, welche Kants Rechtsphilosophie beinhaltet.1 Diese „offizielle“ Version, wie sie Kant selbst insbesondere in den Einleitungen der betreffenden Schriften zu vertreten scheint, ließe sich sodann in etwa folgendermaßen rekonstruieren.

Das zentrale Konzept in Kants praktischer Philosophie ist bekanntlich der kategorische Imperativ, dessen verschiedene Formeln in der GMS entwickelt und in der zweiten Kritik eingehender begründet wurden. Er bildet das Kriterium, welches konkrete Handlungen eindeutig als moralisch notwendig, möglich oder unmöglich ausweist, stellt also ein Gesetz dar, welches entweder gebietet, erlaubt oder verbietet. Dieses Gesetz kann nun aber im Einzelnen auf unterschiedliche Art und Weise gegeben werden: Wird die Triebfeder der Handlung mitberücksichtigt - wird also gefragt, ob (in der Terminologie der GMS gesprochen) aus Pflicht und nicht bloß pflichtgemäß gehandelt wird - ist die Gesetzgebung ethisch (innerlich) und gehört zum Bereich der Moralität.2 Wird die Handlungsmo­tivation hingegen außen vor gelassen, und bloß gefragt, ob die Handlung äußerlich der Pflicht entspricht (pflichtgemäß ist), ist die Gesetzgebung juridisch (äußerlich) und gehört zum Bereich der Legalität (RL, 219). Ich handle also beispielsweise aus juridischer - nicht aber aus ethischer - Perspektive vollkommen richtig, wenn ich als Verkäufer meine Kunden nur deshalb nicht betrüge, weil ich sie an mich binden will und mir dadurch zukünftige Einnahmen erhoffe.

Kant hätte demnach erst in der Grundlegung das fundamentale Moralprinzip entwickelt, um dann aus diesem in der Metaphysik der Sitten ein „System der Pflichten“ (vgl. Wood 2002) mit den zwei Teilen Rechts- und Tugendlehre abzuleiten. Dieser Sichtweise nach ist also die Rechtslehre ein Teil oder, genauer, eine Anwendung der Moralphilosophie. Zwar verlangt das Recht nicht, dass das Sittengesetz die Motivation einer Handlung darstellt – etwa dass ich deshalb nicht betrüge, weil ich eingesehen habe, dass das moralisch falsch wäre. Dennoch lässt sich die Frage, was recht und unrecht ist, eindeutig anhand des kategorischen Imperativs beantworten; trotz unterschiedlicher Gesetz gebung handelt es sich bei Legalität und Moralität um ein und dasselbe Gesetz. 3 Genau diese These ist es, die sich im weiteren Verlauf dieser Arbeit als problematisch erweisen wird.

Rechtsprinzip und kategorischer Imperativ

Bereits auf dieser Ebene unserer Untersuchung stellen sich einige interpretatorische Fragen systematischer Natur. Kant definiert das allgemeine Rechtsprinzip in der Einleitung zur Rechtslehre folgendermaßen: "Eine jede Handlung ist Recht, die oder nach deren Maxime die Freiheit der Willkür eines jeden mit jedermanns Freiheit nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann" (RL, 230). Wie nun sowohl Willaschek (2005, 198f.) als auch Kersting (1993, 103f.) feststellen, kann das Rechtsprinzip, wie Kant es versteht, aber selbst kein kategorischer - und im Übrigen auch kein hypothetischer - Imperativ sein. Während das Recht, wie wir sahen, auch außermoralische Zwecke als Handlungsmotive zulässt, schließen kategorische Imperative „eben dadurch, daß sie als kategorisch vorgestellt“ werden, „von ihrem gebietenden Ansehen alle Beimischung irgend eines Interesse[s] als Triebfeder aus“ (GMS, 431).

Nun ließe sich einwenden, das Rechtsprinzip selbst müsse auch gar nicht die Form eines kategorischen Imperativs haben, schließlich sei es nur eine besondere Form der Gesetzgebung, nicht des Gesetzes selbst, und diese könnte durchaus aus dem Sittengesetz abgeleitet werden. Doch dann stellt sich die Frage, warum Kant kurz nach Aufstellung des Rechtsprinzips von einem Rechts gesetz spricht, welches in seiner Formulierung zudem stark an den kategorischen Imperativ erinnert:

Also ist das allgemeine Rechtsgesetz: handle äußerlich so, daß der freie Gebrauch deiner Willkür mit der Freiheit von jedermann nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen könne zwar ein Gesetz, welches mir eine Verbindlichkeit auferlegt, aber ganz und gar nicht erwartet, noch weniger fordert, daß ich ganz um dieser Verbindlichkeit willen meine Freiheit auf jene Bedingungen selbst einschränken solle […] (RL, 231).

Die Rechtslehre hat allem Anschein nach also nicht bloß eine eigene Form der Gesetz gebung, sondern auch ein eigenes Gesetz.4 Und Kant scheint selbst nicht der Überzeugung zu sein, dass dieses unmittelbar aus dem Sittengesetz ableitbar sei. Neben der Tatsache, dass es nicht auf dieselbe Art und Weise handlungsmotivierend ist, was an dieser Stelle besonders deutlich wird, spricht hierfür vor allem die Tatsache, dass Kant es als „Postulat, welches gar keines Beweises weiter fähig ist“ (ebd.) betitelt.5 Und tatsächlich findet sich keine einzige Stelle, in der Kant das Recht dezidiert aus dem kategorischen Imperativ ableiten würde. Am ehesten wird ein Ableitungsverhältnis noch durch die folgende Stelle suggeriert:

Wir kennen unsere eigene Freiheit (von der alle moralische Gesetze, mithin auch alle Rechte sowohl als Pflichten ausgehen) nur durch den moralischen Imperativ, welcher ein pflichtgebietender Satz ist, aus welchem nachher das Vermögen, andere zu verpflichten, d. i. der Begriff des Rechts, entwickelt werden kann (RL, 239).

Das Zitat kann freilich unterschiedlich interpretiert werden. Während etwa Kersting der Auffassung ist, das „nachher“ sei von „logischer, nicht zeitlicher“ Natur und somit ein „Hinweis auf ein geltungstheoretisches Abhängigkeitsverhältnis“ (Kersting 1993, 114f.)., zeigt die Stelle Christoph Horn zufolge, dass das Recht lediglich an den kategorischen Imperativ „angelehnt“ sei und höchstens „nachträglich und indirekt“ (Horn 2014, 27) aus ihm gewonnen werden könne. Kant erhalte demnach die „Einheit aller Verbindlichkeiten im Kategorischen Imperativ nur dem Buchstaben nach“ aufrecht, gebe sie „aber dem Geist nach preis“ (ebd. 112).6

Welche Lesart plausibler ist, wird im Folgenden noch zu erörtern sein. In jedem Falle sollte klar geworden sein, dass das Verhältnis zwischen kategorischem Imperativ und Rechtsprinzip zumindest kein unmittelbares Ableitungsverhältnis sein kann. Es drängt sich also die Frage auf, inwiefern Vertreter der Abhängigkeitsthese plausibel argumentieren können, dass dennoch ein Zusammenhang zwischen Moral und Recht besteht. Wie die oben zitierte Passage bereits andeutet, könnte dieser Zusammenhang insbesondere im Begriff der Freiheit zu finden sein. Ein Autor, der diesen Punkt besonders hervorhebt, ist der amerikanische Kant-Experte Paul Guyer, dem wir uns nun zuwenden wollen.

III. Die Abhängigkeitsthese

Recht als Maximierung von Freiheitssphären: Paul Guyer

Menschliche Freiheit scheint eine fundamentale Voraussetzung sowohl für Moral als auch für Recht zu sein: Die Frage, was man tun soll, ist überflüssig, wenn man davon ausgeht, dass man gar nicht dementsprechend handeln kann. Ebenso scheinen etwa Strafmaßnah­men nur dann sinnvoll zu sein, wenn man annimmt, dass sich ein Täter zu einem gewissen Maße frei für seine Tat entschieden hat: Jemanden für etwas zu bestrafen, was er unmöglich hätte anders tun können, würde unserem Verständnis von Bestrafung zutiefst zuwiderlaufen.

Kant scheint dieser zentralen Rolle der Freiheit durch sein Konzept der Autonomie wie kaum ein zweiter Philosoph Rechnung getragen zu haben. Wie er im dritten Abschnitt der Grundlegung ausführt, ist Sittlichkeit sogar begrifflich gleichzusetzen mit positiver Freiheit.7 Im Begriff der Autonomie liegt für Kant deshalb auch der Grund der unbedingten Würde jedes Menschen: Ein Wille, der sich durch heteronome Zwecke bestimmen lässt, hat nur in Bezug auf diesen Zweck einen Wert, ist also bloß bedingt wertvoll. Auch ansonsten löbliche Tugenden wie Stärke oder Geschicklichkeit etwa können, für die falschen Zwecke missbraucht, sogar sehr schlecht sein. Nur ein freier und selbstbestimmter, d.h. autonomer Wille, kann demnach Kant zufolge ein Zweck für sich selbst sein und somit einen unbedingten Wert, also Würde haben:

Denn es hat nichts einen Werth als den, welchen ihm das Gesetz bestimmt. Die Gesetzgebung selbst aber, die allen Werth bestimmt, muß eben darum eine Würde, d. i. unbedingten, unvergleichbaren Werth, haben, für welchen das Wort Achtung allein den geziemenden Ausdruck der Schätzung abgiebt, die ein vernünftiges Wesen über sie anzustellen hat. Autonomie ist also der Grund der Würde der menschlichen und jeder vernünftigen Natur (GMS, 436)

Wenn hierin tatsächlich die fundamentale Bedingung von Kants praktischer Philosophie liegt, so folgert nun Guyer, muss es Aufgabe des Rechts sein, diesen Wert zu schützen und zu befördern. Das Rechtsprinzip könne zwar nicht direkt aus dem kategorischen Imperativ abgeleitet werden, doch beides, Rechtsprinzip wie kategorischer Imperativ, gründeten gleichermaßen im unbedingten Wert der menschlichen Freiheit (Guyer 2002, 26). Die Eigentümlichkeit des kantischen Rechtsbegriffs, wonach die innere Motivation einer Handlung außen vor gelassen werden muss und nur die äußerliche Dimension einer Handlung relevant ist, dürfe nicht so missverstanden werden, dass Kant sich in seiner Rechtsphilosophie vom Freiheits­begriff seiner Moralphilosophie verabschiede – eine These, die, wie wir später sehen werden, insbesondere Ebbinghaus und Willaschek vertreten. Guyer hingegen ist der Auffassung, dass auch äußere Handlungen letztlich als Ausdruck von Autonomie zu verstehen seien:

This emphasis on freedom of action or the external use of freedom of choice does not itself separate the principle of right from the fundamental principle of morality, as if that fundamental principle concerned only the freedom of choice and not external freedom of action. Throughout his moral philosophy, Kant assumes that the freedom that is fostered by the principle of morality is the freedom to choose to adopt maxims of action and to act in accordance with those autonomously chosen maxims. Although the moral worth of a particular action may be assessed in accordance with the maxim or intention its agent acts upon rather than the actual outcome of the action (see G, 4:394), the maxim or intention is by its very nature a maxim or intention to act in a certain way in order to bring about a certain outcome in the external world. Thus,to be free or autonomous is to be able to choose one's own maxims of action freely and to act freely in accord with those maxims. […] Kant's view is thus that the external use of freedom, or freedom of action, must be protected by a condition of right because human autonomy is the ultimate value, and freedom of action is the natural expression and concomitant of freedom of choice (Guyer 2000a, 241f.)

Die Frage, wie eng der Zusammenhang von moralphilosophischem und rechtlichem Freiheitsbegriff tatsächlich ist, wird uns später noch einmal beschäftigen. Sie kann aber für den Augenblick beiseitegeschoben werden, um auf einen interessante Implikation von Guyers Lesart aufmerksam zu machen, die ihn besonders von anderen Autoren wie etwa Kersting unterscheidet und die sich auf Kants Eigentumsver­ständ­nis bezieht: Wenn menschliche Freiheit tatsächlich den einzigen intrinsischen, unbedingten Wert der Welt darstellt, dann ist sie Guyer zufolge nicht nur eine notwendige Voraussetzung von Moral und Recht, sondern auch für sich selbst ein Gut, das es zu maximieren gilt (Guyer 2000b).8 Eigentumsverhältnisse seien dann vor allem daran zu beurteilen, inwiefern sie diesem Ziel gerecht werden. Insbesondere betont Guyer in diesem Zusammenhang, dass nach Kant Eigentum nur dann gerechtfertigt ist, wenn alle Beteiligten ihm apriori frei und reziprok zustimmen könnten (Guyer 2000a, 236; 247ff.). Diese Zustimmung sei offensichtlich nur dann gegeben, wenn dadurch gewissen Vorteile für alle entstehen (ebd., 238). Dass Eigentum erst dann volle peremtorische rechtliche Gültigkeit erhält, wenn „gemäß der Idee eines möglichen vereinigten Willens“ (RL, 258) ein staatlicher Zustand „distributiver Gerechtigkeit“ (ebd., 302) herrscht, sei folglich durchaus so zu verstehen, dass dem Staat eine gewisse Regulierungskompetenz zukomme (Guyer 2002, 60ff.). Guyer sieht in Kant somit einen Vordenker des amerikanischen Liberalismus, welcher Umverteilung zu Wohlfahrts­zwecken als legitim ansieht, wenn diese notwendig sind, um die Freiheitsspielräume schlechter gestellter Individuen erhöhen.

Die Frage, ob diese Rekonstruktion plausibel ist, hängt letzten Endes davon ab, ob seine Interpretation des kantischen Eigentumsbegriffs gelingt.9 Doch selbst wenn sie sich mit der Textlage der Rechtslehre in Einklang bringen ließe, wäre damit noch nicht die Abhängigkeit der Rechts- von der Moralphilosophie gezeigt - es soll im Späteren gezeigt werden, dass hiergegen insbesondere die Rolle des für die Eigentumslehre konstitutiven Erlaubnisgesetzes spricht. Klar ist bis hierhin jedenfalls, dass Guyers Lesart bei weitem nicht unbestritten geblieben ist – insbesondere deshalb, weil er aus Kants formalem Freiheitsbegriff erstaunlich materiale Implikationen ableitet.10 Wenden wir uns also nun einem Kritiker dieser Sichtweise zu, um zu sehen, inwiefern auch ohne solche eher gütertheoretisch erscheinenden Überlegungen ein Zusammenhang von Moral und Recht konstruiert werden kann.

Die Verbindlichkeit des Rechts: Wolfgang Kersting

Dem Versuch, wie Guyer aus Kant Prinzipien der Sozialstaatlichkeit abzuleiten, wurde vielerorts widersprochen - besonders vehement tut dies etwa Wolfgang Kersting.11 Ihm zufolge ist Kant „indifferent gegenüber inhaltlichen Problemen der Verteilungsgerechtig­keit“ (Kersting 1993, 265); eine Rechtsgemeinschaft im Sinne Kants sei „keine Solidargemeinschaft der Bedürftigen, sondern eine Selbstschutzgemeinschaft der Handlungsmächtigen“ (ebd., 98). Andersgeartete Interpretationen nähmen nicht ernst genug, dass Kant weder Konsequenzialist noch Eudämonist sein will und konkrete Konzeptionen von Glückseligkeit entschieden ablehnt (ebd., 380). Und tatsächlich scheint Kant sich deutlich gegen jede materiale Ausbuchstabierung seines Freiheitsbegriffs zu wehren. So liest man bei Feyerabend: „Was geht mich seine Selbsterhaltung an? Ich darf nur seiner Freiheit nicht widerstehen“ (Feyerabend, 1334). Zwar kennt Kant bekanntlich sehr wohl eine Pflicht zur Selbsterhaltung, woraus sich allerdings noch lange nicht das Vermögen ableiten lässt, andere zur Beihilfe zu dieser (rechtlich) zu verpflichten.12 Indirekte Herleitungen einer solchen Verpflichtung (etwa bei Guyer 2000a, 253) legen Kersting zufolge etwas in Kant hinein, was bei ihm schlichtweg nicht zu finden sei. Und auch die Herabstufung des Rechts zu einem bloßen Mittel, welches der Autonomie unter konkreten, äußeren Umständen zu ihrer Durchsetzung verhelfen soll, lehnt Kersting kategorisch ab. Eine solche Lesart – von ihm als moralteleologisch betitelt - verkenne den spezifisch deontologischen Charakter von Kants Vernunftsrecht (vgl. Kersting 1993, 142ff.).

Doch auch wenn Kersting Guyers Auffassung widerspricht, das Recht diene der Maximierung von - durchaus auch material zu verstehenden - Freiheitsspähren, sieht auch er im Begriff der Freiheit das Verbindungsstück zwischen Moral und Recht. Denn nur durch den in der Moralphilosophie entwickelten „transzendentalen“ Begriff von Freiheit könne, so Kersting, das Recht und die damit verbundene Zwangsbefugnis eine geltungstheoretische Verbindlichkeit haben (ebd., 124). Sein Argument hierfür ist im Wesentlichen das Folgende (vgl. ebd., 91; 127ff.): Kant sah sich mit dem klassischen Problem konfrontiert, wie Zwang im Allgemeinen zu rechtfertigen ist,13 und bediente sich zur Lösung des Problems bei den Mitteln seiner Moralphilosophie. Wie wir oben sahen, stellt diese Handlungen entweder als verboten, erlaubt oder geboten vor. Die Frage nach der Rechtfertigung von Zwang löst sich demnach auf in die Frage, wie Zwangshandlungen erlaubt bzw. moralisch möglich sein können. Nun können sie das offenbar nur, wenn der Zwang entweder einer eindeutig verbotenen bzw. moralisch unmöglichen Handlung entgegensteht oder sie eine moralisch notwendige Handlung ermöglicht.

Die Probleme dieser Lesart werden uns im Folgenden noch beschäftigen. Zuerst soll allerdings ein Vorzug von Kerstings Rekonstruktion hervorgehoben werden: Möglicherweise kann sie nämlich eine Antwort auf die Frage liefern, warum sich die Freiheitsbegriffe von Moral und Recht so grundlegend zu unterscheiden scheinen. Diesem Problem wollen wir uns nun zuwenden.

[...]


1 Tatsächlich hat sich Kants Verständnis von dem, was eine Metaphysik der Sitten – ein Werk, welches er bereits 30 Jahre vor seiner Erscheinung in einem Brief an Herder ankündigte (X, 74) - beinhalten soll, im Laufe der Zeit erheblich verändert (hierzu Wood 2002, 2ff.)

2 Moralität ist also nicht gleichzusetzen mit Moral. Letztere ist die Sittenlehre im Allgemeinen (RL, 239) und umfasst sowohl Legalität als auch Moralität. Die Terminologie in diesem Sinne verwendet Kant allerdings erst endgültig seit der zweiten Kritik (KpV, 71f.) . So bezeichnet er den kategorischen Imperativ in der Grundlegung noch inkonsequenterweise als „oberste[s] Princip[] der Moralität“ (GMS, 392; 463). Darüber hinaus taucht in diesem Zusammenhang noch eine weitere begriffliche Schwierigkeit auf: Während Kant in seinen moralphilosophischen Schriften „Sittengesetz“ und „kategorischen Imperativ“ synonym verwendet, unterscheidet er in der Rechtslehre zwischen Imperativ und Gesetz (RL, 222). Beide begrifflichen Entwicklungen könnten bereits darauf hinweisen, dass sich Kants Sichtweise auf das Verhältnis von Moral und Recht im Laufe der Zeit verändert hat.

3 Die Unterscheidung von Gesetz und Gesetzgebung ist zentral für Willascheks Rekonstruktion, nach welcher Kant sowohl eine „offizielle“ als auch eine „alternative“ Sichtweise des Verhältnisses von Moral- und Rechtsphilosophie in seinen Werken vertritt (siehe Willaschek 1997).

4 Wie Willaschek betont, sind beide Unterscheidungen nicht koextensional (Willaschek 1997, 210).

5 Allerdings können Postulate durchaus einer Deduktion bedürfen, wenn auch keines Beweises. Wohlbemerkt sind die Begriffe nicht synonym (vgl. etwa TL, 395): Eine Deduktion im Sinne Kants ist eine „Rechtfertigung des Anspruchs“ (KU, 280); er übernimmt hierin den Sprachgebrauch des damaligen Rechtswesens. Guyer (2002) macht diesen Punkt stark und meint, Kants Deduktion der Rechtsprinzipien verweise durchaus auf einen Zusammenhang zu seiner Moralphilosophie.

6 Horn wird hier als Autor der Trennungsthese dargestellt, da er stark gegen Abhängigkeitsthese argumentiert. Er kann nicht wirklich plausibel aufzeigen, inwiefern seine Lesart einen „dritten Standpunkt“ (Horn 2014, 9) jenseits von Trennungs- und Abhängigkeitsthese darstellt. Dass etwa die spezifische Normativität des Rechts ihren Ursprung in der praktischen Vernunft hat (ebd., 308), würden weder Vertreter der Abhängigkeits- noch der Trennungsthese (siehe Willaschek 2009, 66) bestreiten.

7 Diese These wird in der Kant-Forschung als Analytizitätsthese bezeichnet (vgl. Horn et al. 2007, 271).

8 Eine ähnliche Lesart vertritt Christine Korsgaard, wenn sie behauptet, Kant erkläre “all of our duties in terms of freedom: a world in which everyone's rights are respected is a world in which complete external freedom is achieved” (Korsgaard 1996, 21). Horn et al . (2007, 233) rechnen daher beide Autoren zur sogenannten „rational-agency“-Interpretation. Eine Stelle, die nahelegt, dass Kant die Idee der Maximierung von Freiheitsspielräumen nicht nur im Bereich der Moral, sondern auch im Recht verortet sieht, findet sich etwa in der ersten Kritik: „Eine Verfassung von der größten menschlichen Freiheit nach Gesetzen, welche machen, daß jedes Freiheit mit der andern ihrer zusammen bestehen kann, (nicht von der größten Glückseligkeit, denn diese wird schon von selbst folgen) ist doch wenigstens eine nothwendige Idee, die man nicht bloß imersten Entwurfe einer Staatsverfassung, sondern auch bei allen Gesetzen zum Grunde legen muß“ (KrV A201/B247; Herv. d. Verf.). Auch liest man bei Feyerabend: „Zwang ist rechtmäßig wenn er die allgemeine Freiheit fördert “ (Feyerabend, 1328; Herv. d. Verf.). Dennoch scheinen derartige Textstellen zu unklar und zu sporadisch, um die Maximierung von Freiheitssphären als Kants zentralen Maßstab für Rechtmäßigkeit zu erklären. Kant sind, wie etwa Horn überzeugend ausführt, jegliche Bilanzierungsüberle­gungen der Form ‚ein System ist umso besser, desto mehr Freiheiten seine Mitglieder haben‘, fremd – insbesondere deshalb, weil hierfür ein Katalog moralischer Grundgüter formuliert werden müsste, was Kant dezidiert ablehnt (vgl. Horn 2014, 32ff. sowie Kapitel 6.3.).

9 Es scheint überflüssig zu betonen, dass Guyers Interpretation von Kants Eigentumsbegründung von den gängigen Rekonstruktionen abweicht, wie sie etwa bei, Saage (1973), Kersting (1993), Zotta 2000) oder Unruh (2005) zu finden sind. Wenngleich sie dabei freilich teilweise zu extrem gegensätzlichen Bewertungen dieses Eigentumsverständnis­ses gelangen, deuten allesamt Kant tendenziell eher als Besitzindividualisten im Sinne C. B. Macphersons, wenn man einmal von den Momenten des Selbsteigentums und der Arbeit als Erwerbsgrund absieht. Doch gibt es inzwischen auch eine Reihe von Lesarten, die wie Guyer eine gewisse Sozialstaatlichkeit aus Kants Eigentumsverständnis ableiten, so etwa Kühl (1984), Westphal (1997) oder in jüngerer Zeit Kühnemund (2008). Entscheidend scheint mir bei dieser Frage zu sein, wie das Verhältnis von Okkupation und dem vereinigtem Willen aller zu deuten ist: Entweder man ist der Auffassung, Kant sehe in jeder einseitigen Okkupation einen Ausdruck des vereinigten Willens (so etwa Kersting 1993, 264f.); dann wäre Kant tatsächlich ein Vertreter des Faustrechts, wie schon Schopenhauer meinte. Oder aber man deutet das Verhältnis gerade anders herum, dass nur diejenige Okkupation berechtigt ist, die dem Kriterium der Idee eines vereinigten Willens genügt (so Guyer 2002, 62); dann wiederum ließen sich auch nachträgliche sozialstaatliche Korrekturen der Eigentumsverhältnisse rechtfertigen.

10 Auch Horn (2014) meint, aus Kant lasse sich kein verkappter Gütertheoretiker machen (vgl. insbesondere ebd., Kapitel 2.3 und 6.3), sieht hierin jedoch im Gegensatz etwa zu Kersting eine gravierende Schwachstelle in Kants Philosophie.

11 Dies ist zumindest der Fall in der Erstauflage von Wohlgeordnete Freiheit von 1984. In der Vorrede zur Neuauflage revidiert er diese Sichtweise teilweise (Kersting 1993, 58ff.).

12 Notleidenden zu helfen ist zwar auch Kant zufolge Pflicht, gehört jedoch als unvollkommene Pflicht ausschließlich zur Tugendlehre (vgl. Feyerabend, 1334).

13 Das Problem des Zwangs ergibt sich somit nicht aus Kants Philosophie, es wird vielmehr „von außen an die Lehre von der gesetzgebenden praktischen Vernunft herangetragen“ (Kersting 1993, 127); „die reine Vernunft“, wie er pointiert sagt, „ist nur vernünftig und nicht auch noch so klug, für den Fall ihrer Wirkungslosigkeit ihren Ersatz zu besorgen" (ebd., 126).

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Details

Titel
Kants Moral- und Rechtsphilosophie. Gegenüberstellung der Abhängigkeitsthese und Trennungsthese
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
23
Katalognummer
V919288
ISBN (eBook)
9783346242730
ISBN (Buch)
9783346242747
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kants, moral-, rechtsphilosophie, gegenüberstellung, abhängigkeitsthese, trennungsthese
Arbeit zitieren
Maximilian Strietholt (Autor), 2019, Kants Moral- und Rechtsphilosophie. Gegenüberstellung der Abhängigkeitsthese und Trennungsthese, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/919288

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