Während des gesamten achten Jahrhunderts gab es im fränkischen Reich Bestrebungen zu einer Reform des Kanonikerwesens, also jener Lebensgemein-schaften von Klerikern, die nicht mönchischen Regeln verpflichtet waren. Dennoch bedurfte es einer klaren Abgrenzung der beiden klerikalen Lebensweisen – Mönchen und Kanonikern.
Am ausführlichsten haben dies Chrodegang von Metz in seiner „Regula canonicorum“ (755) und die Synodalen in Aachen 816 mit der „Institutio canonicorum Aquisgranense“ getan.
Vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Wirken Chrodegangs für die Kanonikerreform. Diese muss allerdings in den Kontext der fränkischen Kirchen-reform unter den karolingischen Herrschern gestellt werden. Der zeitliche Rahmen der Betrachtungen liegt daher zwischen der Reformsynode von Verneuill 755, in deren Verlauf Chrodegang seine Regel für den Metzer Kathedralklerus niederschrieb und der Aachener Synode von 816, die eine auf das gesamte fränkische Reich abzielende Regelung der kanonischen Lebensweise beabsichtigte.
Die Reform des Kanonikerwesens kann nicht losgelöst von der Entwicklung desselben betrachtet werden, weshalb diesem Aspekt ein eigenes Kapitel gewidmet wird.
Die Chrodegang-Regel stellt den ersten Versuch einer Reglementierung kanonischen Gemeinschafts-lebens dar. Eine Untersuchung des Inhalts mit verschiedenen Themenschwerpunkten sowie die Darstellung der Forschungsdebatte zur Chrodegang-Regel und ihrer Nachwirkung sollen im Mittelpunkt der Arbeit stehen.
Die Reglementierung des Kanonikerwesens ist mit der Aachener Regel von 816 über lange Zeit bindend gewesen. Inwieweit Chrodegangs Regel Eingang in die Aachener Regel gefunden hat, soll in einer abschließenden Betrachtung dargestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. VORBEMERKUNGEN
2. KANONIKER IM 6. UND 7. JAHRHUNDERT
2.1 HERKUNFT UND BEGRIFF DES WORTES ‚KANONIKER‘
2.2 LEBENSWEISE UND WIRKEN VON KANONIKERN
3. REFORM DES KANONIKERWESENS SEIT DEM 8. JAHRHUNDERT
3.1 BEWEGGRÜNDE
3.2 CHRODEGANG VON METZ (CA. 712-766)
4. DIE REGEL DES CHRODEGANG (REGULA CANONICORUM)
4.1 ENTSTEHUNG UND QUELLEN
4.2 PROBLEMATISIERUNG AUSGEWÄHLTER INHALTE DER REGULA CANONICORUM
4.2.1 VORBEMERKUNGEN
4.2.3 DIE REFORM DER KIRCHE
4.2.4 DAS PERSÖNLICHE EIGENTUM DER KANONIKER
4.2.5 DIE AUFGABEN DER KANONIKER – LITURGIE UND SEELSORGE
4.3 ZUM BEGRIFF MATRICULARII
4.4 WIRKSAMKEIT UND DAUERHAFTIGKEIT DER REGULA CANONICORUM
5. DAS KONZIL VON AACHEN 816 UND DIE INSTITUTIO CANONICORUM AQUISGRANENSE
5.1 HINTERGRÜNDE DES KONZILS VON AACHEN
5.2 DIE INSTITUTIO CANONICORUM AQUISGRANENSE
6. DER EINFLUSS DER REGULA CANONICORUM AUF DIE INSTITUTIO CANONICORUM AQUISGRANENSE
7. ZUSAMMENFASSUNG
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht den maßgeblichen Beitrag des Metzer Bischofs Chrodegang zur Reform des Kanonikerwesens im 8. Jahrhundert. Im Zentrum steht die Analyse seiner "Regula canonicorum" (755) als Versuch einer rechtlichen Reglementierung des gemeinschaftlichen Lebens nicht-mönchischer Kleriker und deren Einordnung in die umfassenderen kirchenreformerischen Bemühungen der Karolinger bis hin zur Aachener Synode von 816.
- Entwicklung und Abgrenzung des Kanonikerwesens im Frühmittelalter
- Die Rolle Chrodegangs von Metz als Reformer und Verfasser einer kanonischen Regel
- Inhaltliche Analyse der "Regula canonicorum" (u.a. Eigentumsfragen, Liturgie, Seelsorge)
- Der Einfluss der Chrodegang-Regel auf die "Institutio canonicorum Aquisgranense" von 816
- Die Bedeutung der karolingischen Kirchenreform für die kirchliche Disziplin
Auszug aus dem Buch
4.2.4 Das persönliche Eigentum der Kanoniker
Auf den Zusammenhang der Chrodegang-Regel mit den Bestimmungen der Benedikt-Regel ist bereits hingewiesen worden. Gleichwohl Chrodegang in den einzelnen Bestimmungen für das Leben der Kanoniker Anpassungen an dem Vorbild vornimmt, ist in der Frage des Eigentums der Bruch mit den monastischen Traditionen am deutlichsten spürbar.
In der Forschung ist diese Frage in zweierlei Hinsicht besonders untersucht worden: zum einen unter Bezug auf die Suche nach historischen Voraussetzungen bzw. Hintergründen der Eigentumsregelungen, zum anderen hinsichtlich der Motivation, den Kanonikern persönliches Eigentum zu gestatten.
Zunächst zu den Bestimmungen der Kanonikerregel. In Kapitel 31 werden eindeutige Angaben zu den Eigentumsverhältnissen der Kanoniker gemacht. Jeder, der Aufnahme in die Gemeinschaft der Kanoniker wünscht, soll seinen Besitz der Kirche als Dotation übergeben. Wenn der Aufnahmewillige es wünscht, kann er das Einkommen seines Besitzes persönlich nutzen. Im Falle seines Todes jedoch gehen alle Besitztümer in den Besitz der Kirche über. Ist jemand dazu nicht in der Lage, kann er seinen Besitz behalten, muss sich aber weitgehend selbst versorgen. Eine dritte Möglichkeit ist es, den gesamten Besitz ohne Ansprüche der Kirche zu übertragen, in diesem Fall muss die Kirche für sein Auskommen sorgen. Auch in diesem Fall bleibt dem Kanoniker jedoch das Recht an seinem beweglichen Gut. Soweit in gekürzter Form die Bestimmungen des Chrodegang.
Zusammenfassung der Kapitel
1. VORBEMERKUNGEN: Einleitung in das Thema der Kanonikerreform im 8. Jahrhundert und Abgrenzung der Fragestellung zur karolingischen Kirchenreform.
2. KANONIKER IM 6. UND 7. JAHRHUNDERT: Untersuchung der historischen Ursprünge des Kanonikerbegriffs und der Lebensweise von Klerikern vor der Einführung fester Regelwerke.
3. REFORM DES KANONIKERWESENS SEIT DEM 8. JAHRHUNDERT: Analyse der Beweggründe für die karolingische Kirchengesetzgebung und Vorstellung von Bischof Chrodegang als Schlüsselfigur.
4. DIE REGEL DES CHRODEGANG (REGULA CANONICORUM): Detaillierte inhaltliche Problematisierung der Regel, insbesondere hinsichtlich der Kirchenreform, des Privateigentums und der pastoralen Aufgaben.
5. DAS KONZIL VON AACHEN 816 UND DIE INSTITUTIO CANONICORUM AQUISGRANENSE: Darstellung der Hintergründe des Aachener Konzils und des Inhalts der neuen reichsweiten Regelung.
6. DER EINFLUSS DER REGULA CANONICORUM AUF DIE INSTITUTIO CANONICORUM AQUISGRANENSE: Diskussion des in der Forschung kontrovers debattierten Einflusses von Chrodegangs Werk auf die Aachener Regel.
7. ZUSAMMENFASSUNG: Abschließende Betrachtung der Bedeutung Chrodegangs für die Entwicklung einer eigenständigen kanonischen Lebensform bis hin zum Aachener Konzil.
Schlüsselwörter
Chrodegang, Kanoniker, Kirchenreform, Frankenreich, Regula canonicorum, Aachener Synode, Institutio canonicorum, Weltklerus, Liturgiereform, Privateigentum, Vita communis, Karolingische Epoche, Seelsorge, Bonifatius, 8. Jahrhundert.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Entwicklung und Reform des Kanonikerwesens im Fränkischen Reich unter dem Einfluss von Bischof Chrodegang von Metz.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Mittelpunkt stehen die kirchenreformerischen Bestrebungen der Karolinger, die Definition des kanonischen Lebens durch Chrodegang und dessen Ausstrahlung auf spätere Regelwerke.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den Stellenwert der Chrodegang-Regel innerhalb der fränkischen Kirchenreform zu bewerten und ihre Verbindung zur späteren Aachener Regel von 816 zu klären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Analyse historischer Quellen (Regelwerke, Synodalbeschlüsse) und setzt diese in den Kontext der aktuellen wissenschaftlichen Forschungsdebatte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Chrodegang-Regel, die Problematisierung ihrer Inhalte (wie Eigentum und Aufgaben) sowie den Vergleich mit der späteren Aachener Regel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Chrodegang, Kanoniker, Regula canonicorum, Kirchenreform und Aachener Synode.
Welche Rolle spielten die "matricularii" im Konzept Chrodegangs?
Die matricularii waren Bedürftige oder niedere Kirchendiener, für deren geistliches Wohl und disziplinarische Anbindung Chrodegang erstmals explizite Regelungen traf.
Warum ist das Eigentum der Kanoniker ein zentraler Streitpunkt?
Da Kanoniker im Gegensatz zu Mönchen meist keinen absoluten Armutsverzicht leisteten, musste ein Kompromiss zwischen persönlichem Eigentum und der Forderung nach einer gemeinschaftlichen Lebensweise gefunden werden.
Inwiefern hat die Chrodegang-Regel die Aachener Regel beeinflusst?
Obwohl die Aachener Regel ihre Quellen teilweise verschleierte, gilt die Chrodegang-Regel als wichtige Grundlage, auch wenn ihr direkter Einfluss in der Forschung unterschiedlich stark bewertet wird.
- Arbeit zitieren
- Norman Grüneberg (Autor:in), 2008, Chrodegang und die Kanonikerreform im Licht der neueren Forschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91931