Freuds Traumtheorie im Lichte der Neurowissenschaft


Seminararbeit, 2007

20 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Kurzer Abriss der Traumtheorie Freuds Zusammenfassung

II. Widerstände gegen Freuds Traumtheorie durch die Neurowissenschaft

III. Bestärkung von Freuds Traumtheorie durch die moderne Neuropsychologie

IV. Abschließend

V. Quellen

VI. Abbildungsverzeichnis

„Ich habe als junger Mensch keine andere Sehnsucht gekannt als die nach philosophischer Erkenntnis, und ich bin jetzt im Begriffe sie zu erfüllen, indem ich von der Medizin zur Psychologie hinüberlenke“ (Freud in einem Brief an Wilhelm Fließ)

Einleitung

„Es ist die Absicht, eine naturwissenschaftliche Psychologie zu liefern“, hat Sigmund Freud 1895, zu Beginn seiner Forschungen im „Entwurf einer Psychologie[1] “, geschrieben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Freud ist zu diesem Zeitpunkt von der Hoffnung erfüllt, das seelische Erleben in der Sprache der Naturwissenschaft formulieren zu können[2]. Er vermutet, dass die Geheimnisse der Psyche in der Verschaltung des Gehirns verschlüsselt sind. Mit seinen Ideen ist er seiner Zeit weit voraus. Gerade erst sind mit Hilfe von Skalpell und Mikroskop die Nervenzellen (Neuronen; siehe die Abbildung links unten) als zelluläre Einheiten identifiziert worden, ein halbes Jahrhundert wird es noch dauern, bis deren Verbindungsstellen (Synapsen) und die wichtigsten neuronalen Botenstoffe (Neurotransmitter) entdeckt werden. Am Ende des 19. Jahrhunderts muss der angestrebte Brückenschlag zwischen Psychologie und Neurobiologie aufgrund fehlender technischer Möglichkeiten jedoch scheitern. Freud beendet enttäuscht die Arbeit am „Entwurf einer Psychologie“ und wendet sich von der Hirnforschung ab. Er hofft auf spätere Zeiten, in der „ein tieferes Eindringen die Fortsetzung des Weges bis zur organischen Begründung des Seelischen“ möglich mache.

Heute könnte Freud seine Arbeit wahrscheinlich nahtlos an dem Punkt fortsetzen, an dem er sie damals unterbrechen musste. Die Grobstruktur des menschlichen Gehirns ist aufgeklärt und die grundlegenden biochemischen Prozesse sind weitgehend entschlüsselt. Zusätzlich haben es die bildgebenden Verfahren wie beispielsweise die Positronen-Emissions-Tomographie in den vergangenen 20 Jahren ermöglicht, auch „weiche“ Themen wie bspw. Emotionen und Affekte genauer zu untersuchen. Der große Graben, der die Psychoanalyse viele Jahre von der empirisch orientierten Naturwissenschaft trennte, scheint kleiner geworden. Renommierte Neuropsychologen und Hirnforscher wie beispielsweise Mark Solms und der Exilwiener und Medizinnobelpreisträger Eric Kandel (siehe das Foto links) bauen an Brücken über diesen Graben im Rahmen einer neu entwickelten „Neuro-Psychoanalyse“, in der Freuds Modelle eine neue Würdigung erfahren. Am Beispiel von Freuds zentralen Thesen aus seinem Hauptwerk „Die Traumdeutung“, will ich im Rahmen dieser Arbeit einige dieser neuen Erkenntnisse vorstellen.

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„Niemand hat eine Ahnung davon, dass der Traum kein Unsinn ist, sondern eine Wunscherfüllung“ (Freud 1897 in einem Brief[3] an Wilhelm Fließ)

I. Kurzer Abriss der Traumtheorie Freuds

Obwohl die erste Auflage von Freuds wichtigstem Buch „Die Traumdeutung“ kaum besondere Beachtung fand, war sich Freud offensichtlich der Bedeutung seines Buches bewusst. Es erschien im Oktober 1899, aber Freud datierte es voraus auf 1900 und setzte unter den Titel prominent das antike Zitat „Flectere si nequeo superos, Acheronta moveba“ („Und können wir uns die Götter nicht geneigt machen, so lasst uns die Unterweltlichen bewegen") – siehe die folgende Abbildung.

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Abbildung 1: Die Erstausgabe und die sechste Auflage von Freuds

„Die Traumdeutung“.

„Die Traumdeutung“ ist jenes Buch, dem Freud am meisten Sorgfalt angedeihen ließ[4] und das er selbst in acht jeweils veränderten und dem neuesten Entwicklungsstand angepassten Auflagen erscheinen ließ. Freud bezeichnete es immer als eines seiner wichtigsten Werke[5], denn mit ihm hat er die Bedeutung des Unbewussten[6] entdeckt, und das sollte die Grundlage für seine weitere Arbeit bleiben.

In diesem Grundlagenwerk greift Freud auf seine langjährige, 1897 begonnene Selbstanalyse und die analytische Deutung von über zweihundert Träumen zurück. Träume, Phantasien und freie Assoziationen wurden hier zum ersten Mal zum Ausgangspunkt für eine systematische und völlig neuartige Erfassung neurotischer Phänomene und unbewusster psychischer Vorgänge.

Durch das systematische Studium seiner eigenen Träume versucht er Erklärungen für seine Psychologie und Entwicklung zu finden. So schreibt Freud, vertieft in seine Traumanalysen, am 3.10.1897 an Fließ: „Bei mir geht äußerlich noch sehr wenig vor, innerlich etwas sehr Interessantes. Seit vier Tagen hat sich meine Selbstanalyse, die ich für unentbehrlich halte zur Aufklärung des ganzen Problems, in Träumen fortgesetzt und mir wertvollste Aufschlüsse und Anhaltspunkte ergeben ... Von der intellektuellen Schönheit der Arbeit kann ich Dir eine Vorstellung nicht verschaffen.“

Freud zeigt in „Die Traumdeutung“, dass angeblich alle Träume einen sexuellen Hintergrund haben, der zumeist aus der frühesten Kindheit stammt. Die „Traumdeutung“ ist somit der Wegbereiter der späteren Freud´schen Trieb- und Sexualtheorie. Freud hat in diesem Werk die tradierte Kunst der Traumdeutung von ihrem mythischen Ballast befreit und sie systematisch eingesetzt, um im Rahmen seiner neuartigen Psychoanalyse zum Unbewussten vorzustoßen und seelische Leiden behandeln zu können.

Freud beschreibt den Traum als einen Prozess, der nach strengen Regeln aufgebaut ist und der deshalb, sobald man die Regeln kennt, mehr oder weniger eindeutig „lesbar“ ist. Im Folgenden will ich versuchen einige der wichtigsten Thesen der Traumtheorie darzustellen.

Dem Traum kommt eine wichtige physiologische Bedeutung zu: Er ist „der Hüter des Schlafs“. So ermöglicht der Traum, beliebige Umwelt- oder organischen Reize umzudeuten und in den Schlaf einzubauen. Uns allen wohl so oder ähnlich bekannt ist die Erfahrung, dass der Wecker frühmorgens klingelt und man von einem Presslufthammer oder Ähnlichem träumt – und ruhig weiterschläft.

Freud selbst beschreibt einen Traum in dem er – in Realität durstig zu Bett gegangen - ein frisches Glas Wasser trinkt. Dieser Traum ersparte es ihm, aufzuwachen und sich tatsächlich ein Glas Wasser zu holen. Er konnte ja im Traum seinen Durst stillen und so blieb sein Schlaf ungestört.

Bemerkenswerterweise veröffentlicht Freud auch eine Bildergeschichte zur Illustration seiner These (siehe die folgende Abbildung).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die junge Mutter bemüht sich, nicht zu erwachen, und der Traum erweist sich als „Hüter des Schlafs“.

Ein weiterer Traum Sigmund Freuds war von entscheidender Bedeutung für seine Traumtheorie: In der Nacht vom 23. auf den 24. Juli 1895[7] träumte er von seiner Patientin Emma Eckstein[8], die er zu dieser Zeit psychologisch behandelte. Ihr ging es sehr schlecht[9], sowohl in Wirklichkeit als auch im Traum. Im Traum war aber nicht Freud für ihren schlechten Zustand verantwortlich, sondern ein anderer Arzt (der mit Freud zur damaligen Zeit in Freundschaft verbundene HNO-Arzt Wilhelm Fließ). Dieser gab ihr im Traum eine verschmutzte Spritze. Als Freud am nächsten Morgen über seinen Traum sinnierte, fiel ihm auf, dass dieser Traum ihm einen Wunsch erfüllte: Nicht schuldig zu sein für den schlechten Gesundheitszustand der Patientin. Er folgerte also, dass der Traum eine Wunscherfüllung sei. Er analysierte noch eine Vielzahl anderer Träume und kam immer wieder auf diese Schlussfolgerung.

In psychologischer Hinsicht ist der Traum ganz allgemein „die (verkleidete) Erfüllung eines (unterdrückten, verdrängten) Wunsches.“ Insofern der Wunsch verdrängt ist, handelt es sich folglich beim Traum um eine Manifestation des Es[10]. Freud geht davon aus, dass im Schlaf das Ich geschwächt ist, d.h. dass die Libido von der Motorik und der Sinneswahrnehmung weitgehend zurückgezogen ist. Das Es dringt mit seinen Inhalten ins Traumbewusstsein und – über die Rückerinnerung an den Traum – ins Bewusstsein ein. Da aber das Ich während des Schlafs lediglich geschwächt, aber nicht völlig außer Funktion ist, stellt es sich gegen eine unverhüllte Offenbarung des Verdrängten aus dem Es und zensiert den unbewussten, verdrängten Wunsch und kleidet ihn in Bilder, die dem Bewusstsein aus der Sicht des verdrängenden Ichs als akzeptabel erscheinen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Goya, „Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer“.

Somit, ist jener Traum, an den wir uns beim Erwachen erinnern, nie genau das, was eigentlich das Es zum Ausdruck bringen wollte, sondern stellt stets einen Kompromiss dar zwischen dem Es-Impuls und der Zensur des Ich.

[...]


[1] Manuskript; gemeinsam mit Josef Breuer.

[2] Die Zeit, 23.2.2006.

[3] Briefe an Wilhelm Fließ 1887 – 1904 S. Fischer Verlag, 2. Auflage (incl. Errata und Addenda) 1999.

[4] Manuskript Dr. Bruehlmeier, 2001.

[5] Neben „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“.

[6] Zwar hatte schon der Romantiker C.G. Carus vor Freud den Begriff des Unbewussten eingeführt, jedoch gilt Freud als

Erforscher der Dynamik des Unbewussten.

[7] Quarks & Co.: Der Traum, 1999.

[8] Der Spiegel 52/1984.

[9] Emma Eckstein (1865-1924) war bei Sigmund Freud wegen Hysterie in Behandlung. Freud vermittelte sie an Wilhelm Fließ zur Entfernung eines bestimmten Nasenknochens weiter. Dieser führte 1894 die Nasenoperation durch, vergaß aber, die Verbandsgaze zu entfernen, wodurch es zu Entzündungen und heftigen Blutungen kam, die Emma Eckstein fast das Leben kosteten und ihre linke Gesichtshälfte einsinken ließ. Trotz dieser negativen Erlebnisse wurde sie eine Freud-Schülerin, die später selbst die Psychoanalyse zu praktizieren begann.

[10] Freud gliederte die Psyche strukturell in das Es (Unbewusstes), das Ich, das mit dem Bewusstsein verbunden ist und als Vermittler zwischen den Forderungen des Es und denen der Außenwelt angesehen werden kann und das Über-Ich. Dieses beinhaltet introjizierte Normen, Verhaltensmuster und Forderungen aus der Umwelt.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Freuds Traumtheorie im Lichte der Neurowissenschaft
Note
1,2
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V91953
ISBN (eBook)
9783638071260
ISBN (Buch)
9783638956161
Dateigröße
986 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freuds, Traumtheorie, Lichte, Neurowissenschaft
Arbeit zitieren
Mag. rer. nat. Hartmut Häfele (Autor), 2007, Freuds Traumtheorie im Lichte der Neurowissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91953

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