In diesem Essay wird der theoretische Ansatz des "matters of concern" nach Latour skizziert und findet am Beispiel des Falls Lisa, welches 2017 viral ging.
Im Internet verbreiten sich Informationen in einem rasanten Tempo. Wen oder was können wir überhaupt noch glauben? Wer sagt die Wahrheit, wer lügt? Oder ist es wie Latour sagt, "that there is no sure ground anywhere"? Doch wenn es kein Fundament einer Wahrheit gibt, worauf vertrauen wir dann? Wie schützen wir uns vor Lügen und warum ist es so wichtig, die Wahrheit zu erkennen?
Die Beurteilung von wahr und falsch sollte über die kritische Beurteilung der jeweiligen Quellen erfolgen. Damit wird die Kritik zum methodischen Instrument des individuellen Beurteilungsvermögens und der Entscheidung über Wahrheit und Lüge.
In diesem Kontext stellt sich die Frage, ob die Kritik als Instrument zur Wahrheitsfindung taugt. Wenn es doch so einfach ist, warum wird dann offensichtlichen Falschmeldungen derart viel Aufmerksamkeit geschenkt?
Der „Fall Lisa“ demonstriert genau diesen Umstand. Die Lüge um die vermeintliche Vergewaltigung der 13-jährigen Deutschlandrussin aus Berlin-Marzahn, wird im russischen Staatsfernsehen einhergehend mit Staatsvertuschung und -versagen im Hin-blick auf die Flüchtlingskrise thematisiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der „Fall Lisa“ als Beispiel für Fehlinformationen
3. Kritik nach Bruno Latour: Von „matters of fact“ zu „matters of concern“
4. Die Akteur-Netzwerk-Theorie als methodischer Ansatz
5. Analyse des Falls Lisa im Kontext der ANT
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob Kritik ein taugliches Instrument zur Wahrheitsfindung im Kontext der zunehmenden Verbreitung von Fake News darstellt. Dabei wird die Forschungsfrage verfolgt, inwiefern sich ein einzelner Konsument vor Falschmeldungen schützen kann und welche Rolle das Konzept der Akteur-Netzwerk-Theorie von Bruno Latour bei der Analyse von Wahrheitskonstruktionen spielt.
- Wahrheitsfindung in Zeiten digitaler Fehlinformationen
- Der "Fall Lisa" als Fallbeispiel für mediale Propaganda
- Bruno Latours Kritikkonzept: Von "matters of fact" zu "matters of concern"
- Anwendung der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) auf soziale Phänomene
- Die Rolle von Netzwerken bei der Stabilisierung von Realitäten
Auszug aus dem Buch
3. Kritik nach Bruno Latour: Von „matters of fact“ zu „matters of concern“
Laut Bruno Latour offenbart die Kritik, „that there is no sure ground anywhere” (Latour 2003, 22). Demgemäß gibt es keine objektive Wahrhaftigkeit, auf die hinsichtlich einer Wahrheitsbeurteilung Bezug genommen werden könnte. Wie gelangt der französische Soziologe zu dieser Annahme?
Vornehmlich richtet sich die Kritik auf eine spezifische Kritikform, die sich auf unbestreitbare Tatsachen (matters of fact) bezieht. Das Problem, das sich hierbei ergibt, wird in den sozialen Erklärungen verortet. Wenn nämlich „Sozialwissenschaftler das Adjektiv „sozial“ zu einem Phänomen hinzufügen, bezeichnen sie damit einen stabilisierten Sachverhalt, ein Bündel von Bindungen, die später wieder herangezogen werden können, um ein anderes Phänomen zu erklären“ (Latour 2007, 9). Solange diese Erklärungen in Bereich des Sozialen verbleiben, gibt es nichts auszusetzen. Problematisch wird es erst, wenn in den Erklärungen Objekte durch soziale Entitäten ersetzt werden. Die Suche nach Erklärungen führt oftmals dazu, dass das explanandum durch das explanans ersetzt wird. Objekte hingegen entspringen einer Realität, die außerhalb des Sozialen liegt – der Natur. Aus ihr gehen Tatsachen hervor, die so viel härter und beständiger sind als der Bereich des Sozialen (ebd., 173f.).
Objekte als Tatsachen werden durch das Ersetzen von sozialen Stoffen zu Symbolen oder Fetischen, die kausale Erklärungen für soziale Phänomene bereitstellen (vgl. ebd., 176). Am Beispiel des Falls Lisa wird deutlich, dass die Rekonstruktion der Handydaten als unbestreitbare Tatsache zum Beweis wird, welcher die Lügen des 13-jährigen Mädchens entlarvt. Die selbe Tatsache erhält im Kontext der russischen Medien allerdings eine andere Bedeutung. Sie wird verwendet als Symbol der Vertuschung, um politische Unruhen zu vermeiden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik von Fake News im digitalen Zeitalter und die damit verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen der Quellenprüfung.
2. Der „Fall Lisa“ als Beispiel für Fehlinformationen: Detaillierte Darstellung des Fallbeispiels „Lisa“, bei dem ein vermeintliches Verbrechen medial instrumentalisiert wurde.
3. Kritik nach Bruno Latour: Von „matters of fact“ zu „matters of concern“: Theoretische Auseinandersetzung mit Latours Kritikbegriff und der Problematik des Ersetzens von Objekten durch soziale Entitäten.
4. Die Akteur-Netzwerk-Theorie als methodischer Ansatz: Einführung in die Grundlagen der ANT, das verallgemeinerte Symmetrieprinzip und den Netzwerkbegriff zur Analyse heterogener Entitäten.
5. Analyse des Falls Lisa im Kontext der ANT: Anwendung der theoretischen Erkenntnisse der ANT auf den Fall Lisa, um die Konstruktion von Wahrheiten in Netzwerken zu verdeutlichen.
6. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage mit dem Ergebnis, dass ein Schutz vor Fake News aufgrund komplexer Netzwerkdynamiken kaum möglich ist.
Schlüsselwörter
Fake News, Wahrheit, Kritik, Bruno Latour, Akteur-Netzwerk-Theorie, Fall Lisa, matters of fact, matters of concern, soziale Entitäten, Medienbildung, Propaganda, Netzwerkbegriff, Konstruktivismus, Informationsverbreitung, Symmetrieprinzip
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem aktuellen Verhältnis von Wissen und Wahrheit im digitalen Zeitalter und der Frage, wie kritische Medienkompetenz angesichts von Fake News funktionieren kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind die Medientheorie, die Konstruktion von sozialen Wirklichkeiten sowie die Übertragbarkeit wissenschaftlicher Kritikkonzepte auf den Alltagskonsum von Informationen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, kritisch zu hinterfragen, ob Kritik ein hinreichendes Werkzeug zur Wahrheitsfindung ist, wenn Fakten innerhalb von Netzwerken unterschiedlich interpretiert und instrumentalisiert werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) von Bruno Latour als theoretischen Rahmen, um komplexe gesellschaftliche Prozesse der Wahrheitskonstruktion zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert den „Fall Lisa“, in dem eine erfundene Entführung durch russische Medien politisch instrumentalisiert wurde, und setzt diesen in den theoretischen Kontext der ANT.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Fake News, matters of concern, Akteur-Netzwerk-Theorie und die soziale Konstruktion von Realität.
Warum hält die Autorin den Schutz vor Fake News für kaum möglich?
Da Falschmeldungen oft Teil eines stabilisierten Netzwerks aus legitimitätsstiftenden Gruppen sind, ist es für den einzelnen Konsumenten extrem schwierig, sich von diesen Strukturen zu distanzieren und eine objektive Distanz einzunehmen.
Welche Rolle spielt die „Natur“ im Vergleich zum „Sozialen“ in Latours Theorie?
Latour betont, dass Tatsachen aus der Natur härter sind als soziale Erklärungen, die jedoch oft durch soziale Entitäten ersetzt werden, um bestimmte politische Agenden zu stützen.
- Quote paper
- Alev Erem (Author), 2017, Der "Fall Lisa" und die Verbreitung von Fake News. 'Matters of concern' nach Bruno Latour, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/919607