Interkulturelles Lernen im Fremdsprachenunterricht?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zum Begriff ‘Interkulturelles Lernen’

3 Über die Verwandtschaft des interkulturellen Lernens mit der Landeskunde

4 Zur Umsetzung interkulturellen Lernens im Unterricht
4.1 Interkulturelles Lernen im Fremdsprachenunterricht?
4.2 Anleitung zum interkulturellen Lernen
4.3 Didaktische Methoden zur Umsetzung interkulturellen Lernens

5 Über den Sinn interkulturellen Lernens im Fremdsprachenunterricht

6 Kritik an der interkulturellen Kompetenz als Lehr- und Lernziel

7 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Es gibt einige Gründe, warum die Kommunikation zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen misslingen kann. Neben fehlenden Sprachkenntnissen kann ein ebenso gewichtiger Grund fehlendes Wissen über die jeweilige andere Kultur sein. Alltägliche wichtige Sprechhandlungen wie Begrüßungen, Entschuldigungen, Grüße usw. können kulturell differieren. Ein Fremdsprachenlerner muss lernen, dass der Erwerb einer Fremdsprache, ihrer Wörter und Sätze nicht bedeutet, dass man sämtliche Sprechakte einfach eins zu eins in die Fremdsprache übersetzen kann. Doch so verfuhr bisher der traditionelle Fremdsprachenunterricht, indem er die Lernenden mit dem entsprechenden Vokabular und der Grammatik ausstattete, ihm aber wenig Wissen über Sitten, Traditionen, Gewohnheiten und Einstellungen der jeweiligen Sprecher der Fremdsprache mitgab. Eine Sprache muss immer vor ihrem kulturellen Hintergrund gesehen werden, vor ihren Traditionen, Gewohnheiten der Menschen, Geboten der Höflichkeit usw., die kulturell differieren können. Diesem Manko des traditionellen Fremdspracheunterrichts nahm sich der interkulturelle Ansatz an, der sich List (1994,133) zufolge als Gegenbegriff zum traditionellen Fremdsprachenunterricht entwickelt hat. Im traditionellen Fremdsprachenunterricht wird den Lernenden die Fremdsprache wie eine Art ‘Übertragungscode’ beigebracht. So lernt man zwar, sich zu verständigen, betrachtet aber die Umwelt, das Geschehen, immer aus der Perspektive der eigenen Kultur, der eigenen Gewohnheiten und Traditionen. Interkulturelles Lernen[1] soll eben dieses ‘Defizit’ des traditionellen Fremdsprachenunterrichts, den Mangel an Vermittlung kultureller Einsichten, kulturellen Verständnisses beheben, es soll fähig machen, die Perspektive wechseln zu können und nicht alles lediglich vor dem eigenen kulturellen Hintergrund zu verstehen und zu interpretieren, sondern eben auch vor dem fremden. Durch Konfrontation und Auseinandersetzung mit dem Fremden und dem Eigenen sollen die Schüler lernen, „dass das andere […] nicht die Übersetzung der eigenen gewohnten Gegenstände, Gewohnheiten und Kategorien“ (Piepho, zitiert nach List 1994,133) bedeutet. Erst der Wechsel der Perspektive, das Loslassen bzw. Zurückstellen der eigenen Perspektive macht es möglich, die fremdkulturelle Perspektive anzunehmen. Erkennen und Verstehen der Regeln des sprachlichen und nicht-sprachlichen Umgangs miteinander sowie des zugrundeliegenden Wertesystems und der daraus resultierenden Meinungen und Einstellungen der Angehörigen einer Kultur (vgl. Solmecke 1994,166) machen die Bedeutung des interkulturellen Lernens aus.

Daraus folgt, dass interkulturelles Lernen für einen erfolgreichen Fremdsprachenerwerb relevant ist.

In der vorliegenden Arbeit sollen nun die Fragen beantwortet werden, was interkulturelles Lernen bedeutet, inwiefern es für einen erfolgreichen Fremdsprachenerwerb relevant ist und wie es umgesetzt werden kann.

2 Zum Begriff ‘Interkulturelles Lernen’

Der Begriff des interkulturellen Lernens umfasst unterschiedliche Inhalte und Ziele. Es gibt zwei unterschiedliche Ausprägungen, die sich jedoch mittlerweile vermischt haben, einerseits die landeskundliche Ausprägung[2] und andererseits die migrationspädagogische. Die migrationspädagogische Ausprägung ist Müller (1994,155) zufolge die ältere. Demnach diente der Begriff des interkulturellen Lernens in den 70er Jahren zur Analyse und Diskussion der Probleme multikultureller Klassen. Innerhalb dieser damals noch sogenannten Ausländerpädagogik war man von der Defizithypothese ausgegangen. Diese sah „Fremdheit vor allem als Defizite gegenüber unserer eigenen Sprache und Kultur, die es im Unterricht zu überwinden galt“ (Krumm 1994,116f.). In den 80er Jahren löste schließlich der interkulturelle Ansatz die Ausländerpädagogik ab, die oben beschriebene Defizithypothese wurde durch die Differenzhypothese ersetzt. Diese betont das Nebeneinander und die Gleichwertigkeit verschiedener Kulturen; Fremdheit wird hierbei nicht mehr als Defizit aufgefasst.

Im Gegensatz zur migrationspädagogischen Ausprägung ist die landeskundliche Prägung des interkulturellen Lernens die neuere, die sich im Zusammenhang mit dem Gedanken der Reformierung des Fremdsprachenunterrichts entwickelt hat.

Seit den 80er Jahren taucht der Begriff des interkulturellen Lernens also auch in den Diskussionen um den Fremdsprachenunterricht auf. Innerhalb dieser Diskussionen geht es darum, dass Fremdsprachenunterricht nicht nur dem bloßen Ziel der Vermittlung von fremdsprachlichen Kompetenzen genügen muss, sondern vielmehr auch interkulturelle Aspekte und Kompetenzen zum Inhalt haben muss. So habe jeder Fremdsprachenunterricht zum Ziel „die zu lernende Sprache im ‘kulturellen Gefüge der Zielsprache’ zu verwenden“ (Lado, zitiert nach Krumm, 2003, 138). Fremdsprachenlernen ist nicht nur Lernen von linguistischen Gesetzmäßigkeiten und Regeln sowie Vokabelerwerb. Da eine Sprache immer auch Ausdruck ihrer Kultur, bedeutet Fremdsprachenerwerb auch „Sozialisation in die andere Kultur hinein“ (Bleyhl 1994,11).

In der gegenwärtigen Diskussion um interkulturelles Lernen zeigt sich, dass der Begriff vielfach mit sehr unterschiedlichen Inhalten besetzt wird bzw. dass keine Einigkeit besteht, wie interkulturelles Lernen im Unterricht umgesetzt werden kann.

Christ (1994, 31) zufolge ist interkulturelles Lernen weniger Lernen von Inhalten wie es bei der Landeskunde oder Kulturkunde der Fall ist, sondern vielmehr ein Lernprozess, in dem der eigene Standpunkt verändert werden soll.

„[Interkulturelles Lernen] beschäftigt sich mit dem als fremd Empfundenen, Erfahrenen, Erkannten und hat zum Ziel, mit diesem Fremden vertraut zu werden bzw. vertraut zu machen. Das Vertrautwerden ist ein Prozess, der vielfach oder gar im allgemeinen nicht abgeschlossen werden kann; er hat nicht etwa das Ziel, das Fremde als solches aufzuheben […], sondern, es soll in ein anderes Verhältnis zum Bekannten und bereits Gewussten gebracht werden: also sowohl vertraut werden wie anders bleiben […]“ (Christ 1994,33).

In diesem Sinne verändert also interkulturelles Lernen den eigenen, persönlichen Standpunkt gegenüber dem Fremden. Das Fremde soll nicht angepasst werden, sondern man selbst verändert den Blickwinkel so, dass das Fremde vertraut wird. Als „Perspektivenwechsel“ bezeichnet Christ (1994,34) diesen Veränderungsprozess. Demnach soll durch interkulturelles Lernen die Fähigkeit ausgebildet werden, die eigene sowie die fremde Perspektive zu erkennen und sie zueinander in Beziehung zu setzen.

Knapp und Knapp-Potthoff (zitiert nach Doyé 1994,44) beschreiben die Fähigkeiten, die zur erfolgreichen interkulturellen Kommunikation benötigt werden und also Ziel des interkulturellen Lernens sind, folgendermaßen:

„Kenntnisse über andere Kulturen und die Beziehung der eigenen Kultur zu ihnen; Einstellungen zu den Angehörigen anderer Kulturen und den Manifestationen dieser Kulturen; praktische Fertigkeiten im Umgang mit Angehörigen anderer Kulturen, was im Falle der Anderssprachigkeit der Partner […] das Erlernen fremder Sprachen bedeutet.“

Freudenstein (1994,57) versteht unter interkulturellem Lernen die Reflektion der eigenen Kultur und den Vergleich dieser mit der fremden. In jegliche Lernprozesse bringt ein Schüler immer auch die eigene kulturelle Identität mit ein. Ein Vergleich dieser ihm eigenen kulturellen Identität mit der fremden macht nach Freudenstein das interkulturelle Lernen aus.

Schneider-Wohlfahrt (in Gnutzmann 1994,64) zufolge bezeichnet interkulturelles Lernen den „Prozess, der Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts befähigt, in einer Gesellschaft möglichst friedlich und ohne gegenseitige Diskriminierung zusammenzuleben.“

Man muss bei allen Überlegungen bezüglich einer Definition interkulturellen Lernens immer berücksichtigen, dass Interkulturalität und interkulturelles Lernen je nach Kontext unterschiedlich erfahren werden bzw. sehr unterschiedlichen Bedingungen unterliegen. Einerseits existiert „Fremdheit“ in multikulturellen Schulklassen und wird dort direkt erfahren, andererseits kommen Schüler im Fremdsprachenunterricht zwar mit einer fremden Kultur in Berührung, dies aber nicht direkt und erfahrbar, sondern eher künstlich bzw. nicht authentisch (vgl. Gnutzmann 1994,64). Interkulturelles Lernen beinhaltet also je nach Kontext und Situation unterschiedliche Inhalte und Zielvorgaben.

Wie oben kurz dargestellt, ist der Begriff des interkulturellen Lernens bisher nicht eindeutig definiert. Gnutzmann (1994,65) führt dies auf die sehr variierenden Vermittlungskontexte und die sich daraus ergebenden unterschiedlichen Ziele des Lernens zurück, die zu einem eher schwammigen Begriff führen. In Bezug auf den Fremdsprachenunterricht, soll interkulturelles Lernen nach Gnutzmann zu einem besseren Verständnis der Ziel- sowie der Ausgangssprachenkultur führen.

Knapp/Knapp-Potthoff (zitiert nach Königs 1994,101) sehen in interkultureller Kommunikation jene sprachlichen „Begegnungssituationen, in denen Sprecher unterschiedlicher Sprachen und Vertreter unterschiedlicher Kulturen in einer konkreten Situation miteinander ‘verhandeln’, d.h. versuchen, ein für beide Seiten relevantes inhaltliches Problem den eigenen Intentionen entsprechend zu lösen.“

Königs (1994,102) selbst bezeichnet interkulturelles Lernen als die „Aneignung und den Gebrauch von fremdsprachlichem Material und fremdkulturellen Konzepten, wobei dies jeweils in Situationen geschieht, in denen Vertreter unterschiedlicher Sprach- und Kulturgemeinschaften mit dem Ziel des Lernens interagieren.“

Interkulturelles Lernen bedeutet nicht eine bloße Auseinandersetzung mit dem Fremden, sondern vor allem auch „die Entwicklung von Wahrnehmungsfähigkeit, die auch die Auseinandersetzung mit uns selbst einschließt“ (Krumm 1994,117). In Bezug auf interkulturelles Lernen speziell im Fremdsprachenunterricht bedeutet das, dass es nicht mehr darum geht, eine fremde Sprache zu erlernen und Wissen über eine fremde Kultur zu erlangen, sondern „Fremdsprache […] wird immer vor dem Hintergrund eigener Sprache gelernt, Fremdkultur immer von der Position des Besitzes eigener Kultur aus kennengelernt“ (Krusche in Krumm 1994,121.)

Weder in multikulturellen Klassen noch im Fremdsprachenunterricht geschieht interkulturelles Lernen ‘von selbst’, sondern es muss immer erarbeitet werden. Der bloße Kontakt mit fremdkulturellen Inhalten im Fremdsprachenunterricht oder mit fremden Kulturen in multikulturellen Klassen gewährleistet noch nicht das interkulturelle Lernen. Müller (1994,155) nennt drei Voraussetzungen für effizientes interkulturelles Lernen: eine gemeinsame interkulturelle Situation, ein Interaktionsprozess und ein Erfahrungs- bzw. Lernresultat. Im Rahmen des Interaktionsprozesses zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen werden dann wechselseitig Erfahrungen über Vorannahmen, Erwartungen und Interpretationen gemacht (vgl. Müller 1994,155).

Solmecke versucht sämtliche Definitionsversuche auf einen Nenner zu bringen – bezieht sich dabei jedoch nur auf den Fremdsprachenunterricht – und definiert interkulturelles Lernen als „den Teil der Fremdsprachenvermittlung, der mit der zielsprachigen Kultur zu tun hat und das Ziel verfolgt, die Lernenden zur Kommunikation über kulturelle Barrieren hinweg zu befähigen“ (Solmecke 1994,165), d.h. den Schülern eine Anleitung zum Perspektivwechsel und zum besseren Verständnis der fremden Kultur zu geben, da eine Beschränktheit auf die eigene Position bzw. Perspektive innerhalb einer interkulturellen Kommunikation nicht ausreichend ist.

Die bisher beschriebenen Versuche einer Definition interkulturellen Lernens zeigen deutlich, wie die Voraussetzung unterschiedlicher Kontexte und Bedingungen zu sehr variierenden Auffassungen führen. Während sich die einen eher auf multikulturelle Klassen beziehen, referieren die anderen auf den klassischen Fremdsprachenunterricht, in dem kein direkter Kontakt zweier fremder Kulturen entsteht. Manche erklären interkulturelles Lernen zu Situationen, andere zu Materialien, Reflexionen von Kulturen oder auch zu Lernprozessen.

Gemeinsam ist den unterschiedlichen Definitionen lediglich, dass sie sich durchweg auf einen - wie auch immer gearteten, d.h. direkten oder indirekten - Kontakt fremder Kulturen beziehen.

[...]


[1] Der Begriff ‘Interkulturelles Lernen’ bezeichnet in der vorliegenden Arbeit den Lern- bzw. den damit zusammenhängenden Lehrprozess, während der Begriff ‘Interkulturelle Kommunikation(sfähigkeit)’ das Ziel des interkulturellen Lernens bezeichnet, d.h. jene Fähigkeiten, die durch interkulturelles Lernen erworben werden sollen.

[2] In der vorliegenden Arbeit soll in erster Linie die landeskundliche Ausprägung interkulturellen Lernens behandelt werden, da diese sich auf den Fremdsprachenunterricht bezieht.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Interkulturelles Lernen im Fremdsprachenunterricht?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Sprachlehrforschung)
Veranstaltung
Interkulturelles Lernen
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V91975
ISBN (eBook)
9783638053570
ISBN (Buch)
9783638946919
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interkulturelles, Lernen, Fremdsprachenunterricht
Arbeit zitieren
Bernadette Bideau (Autor), 2007, Interkulturelles Lernen im Fremdsprachenunterricht?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91975

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